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Full text of "Internationale Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik 15.1920-21 Princeton"

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I 


INTERNATIONALE 

MONATSSCHRIFT 

FÜR WISSENSCHAFT, KUNST UND TECHNIK 

BEGRÜNDET VON FRIEDRICH ALTHOFF 
HERAUSGEGEBEN VON MAX CORNICELIUS 


BAND XV • 1921 



I 


'VERLAG UND DRUCK B.G.TEUBNER IN LEIPZIG UND BERLIN 


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INHALTSVERZEICHNIS 

I. Mitarbeiter. 


Spalte 

Aronstein, Philipp, Oberlehrer, Prof., 

Dr., Berlin, 

Matthew Arnold.373 

Aster, E. von, ord. Univ.-Prof., Dr., 
Gießen, 

Relativitätstheorie und Philosophie 735 
Behrend, Felix, Studienrat, Dr., Char¬ 
lottenburg, 

Das Ergebnis der Reichsschulkon¬ 
ferenz .51 

Coenders, Albert, ord. Univ.-Prof., 

Dr. jur., Greifswald, 

Jahresbericht des Nordischen In¬ 
stituts der Universität Greifswald. 406 
Cornicelius, Max, Prof., Dr., Berlin 
Eine internationale Ehrung Arturo 

Farinellis.489 

Curtius, Ernst, Robert, ord. Univ.- 
Prof., Dr., Marburg, 

Entstehung und Wandlungen des 
Dekadenzproblems in Frankreich 35.147 
Dierks, Gustav, Dr., Berlin, 

Der Regionalismus in Spanien. . 473 
Frensdorff, F., ord. Univ.-Prof., Dr. 
jur., Göttingen, 

J. D. Michaelis und die Berliner 

Akademie.261 

Haase, Felix, Privatdozent a. d. Uni¬ 
versität, Prof., Dr., Breslau, 

Das Osteuropa-Institut in Breslau 403 
Hashagen, Justus, ord. Univ.-Prof., 

Dr., Köln, 

Das Ausland im Weltkriege . . 75 

Heiss, Hanns, ord. Univ.-Prof., Dr., 
Freiburg i. Br., 

Der Realismus in der franz. Lite¬ 
ratur des 19. Jahrhunderts . . . 347 
—, Zum Gedäditnis Dantes .... 705 
Jaeger, Werner, ord. Univ.-Prof., Dr., 

Kiel, 

Hermann Diels.133 


Spalte- 

Kaphahn, Fritz, Dr., Dresden, 

Altbulgarische Kunst.507 

Kerkhof, Karl, Regierungsrat, Dr., 
Berlin, 

Die internationalen naturwissen¬ 
schaftlichen Organisationen vor und 
nach dem Weltkriege und die 

deutsche Wissenschaft.225 

Klemperer, Victor, Prof. a. d. Techn. 
Hochschule, Dresden, 

Die Entwicklung der Neuphilologie 289 
—, Neuerscheinungen auf dem Gebiete 

der Romantik.563 

Kornemann, Ernst, ord. Univ.-Prof., 

Dr., Breslau, 

Aus den Anfängen der deutschen 

Geschichte.167 

—, Der Kampf um Arabien und In¬ 
dien im Altertum.447 

—, Neues zum Etruskerproblem. . . 681 
Körte, Alfred, ord. Univ.-Prof., Dr., 
Leipzig, 

Der Inhalt der eleusinisdhen My¬ 
sterien .327 

Littmann, Enno, ord. Univ.-Prof., Dr.. 

Die altsinaitischen Inschriften . . 243 
Lommel, H., ord. Univ.-Prof., Dr., 
Frankfurt a. M., 

Die Poesie des Awesta .... 629 
Lorentz, Paul, Gymnasialdirektor,Dr., 
Spandau, 

Die neue Schulgemeinde .... 686 
Ludwig, Albert, Realgymnasialdirek- 
tor, Dr., Berlin, 

Aus engl. Zeitschriften.789 

—, Eine neue Shakespeareübersetzung 395 

-, Wells. 659. 759 

Mulert, H., ord. Univ.-Prof., Kiel, 

B. v. Kern, Die Religion in ihrem 

Wesen und Wirken.319 

—, Ehrengabe deutscher Wissenschaft 413 


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Spalte 

Mulert, H., ord. Univ.-Prof., Kiel, 

Theologie (Zeitschriftenschau) 689. 785 
}Müller-Freienfels, R., Dr., Berlin, 
Ästhetik und allgemeine Kunst¬ 
wissenschaft (Zeitschriften- und 

Bücherschau).501 

—, Zur Philosophie der Gegenwart . 781 
Oppermann, O., ord. Univ.-Prof., Dr., 
Heinrich von Treitschke in seinen 

Briefen.545 

Platzhoff, W., Privatdozent a. d. Uni¬ 
versität, Prof., Dr., Bonn, 

Bücherschau. Zur Geschichte des 

Weltkriegs.213 

—, Hindenburgs Selbstbiographie . . 67 

—. F. Kleinwaechter, Der Untergang 

der österr.-ungar. Monarchie . . 689 
Keichenbach, H., Dr., Stuttgart, 

V. Geilen, Mathematik und Bau¬ 
kunst als Grundlagen abendländi- 
discher Kultur. Wiedergeburt der 
Mathematik aus dem Geiste Kants 607 
Rheindorf, Kurt, Dr., Bonn, 

Graf von der Goltz, Meine Sendung 
in Finnland und im Baltikum . . 797 
Ring, Grete, Dr., Berlin, 

Niederländ. Kunst des 15. und 16. 
Jahrhunderts. Fortschritte der For¬ 
schung 1914—1918.85 

Rolle, H., Oberlehrer, Dr., Bautzen, 

Pädagogik (Zeitschriftenschau). . 301 


Spalte 

Rolle, H., Oberlehrer, Dr., Bautzen, 
Rühlmann, Wege zur Staatsgesin¬ 
nung.605 

Schmidt-Ott, Friedrich, Staatsmini' 
ster, Dr. jur., 

Die Not der deutschen Wissen¬ 
schaft .33 

Spitzer, Leo, Privatdozent an der 
Universität, Dr., Bonn, 

Duhamels „Entretiens dans le tu- 
multe“ (Chronique contemporaine 

1918-1919).414 

Wagner, M.L., Privatdozent a. d. Uni¬ 
versität, Dr„ Berlin 

Die Romantik im latein. Amerika 193 
—, Ramön Menöndez Pidal und die 

spanische Epenforschung .... 565 
Wechssler, Eduard, ord. Univ.-Prof., 

Dr., Berlin, 

Unsere Kriegslit. in franz. Vorstel¬ 
lung und in der deutschen Wirk¬ 
lichkeit.421. 517 

Wildhagen, Eduard, Dr, Berlin, 

Die Not der deutschen Wissen¬ 
schaft . 1 

Wolff, Max J., Prof., Dr. jur., Char¬ 
lottenburg, 

Benedetto Croce: La Poesia di 

Dante.617 

—, Zu Gundolfs „Goethe“.177 


II. Abhandlungen und Mitteilungen. 


Altbulgarische Kunst. Von Fritz Kap- 

hahn. 

.Altsinaitischen Inschriften, Die. Von 

Enno Littmann. 

Amerika, Die.Romantik im lateinischen. 

Von M. L. Wagner. 

Arabien und Indien im Altertum, Der 
Kampf um. Von Emst Kornemann. 
Arnold, Matthew. Von Philipp Aron¬ 
stein . 

Ästhetik und allgemeine Kunstwissen¬ 
schaft. Von R. Müller-Freienfels. . 
Awesta, Die Poesie des. Von H. Lom- 

mel. 

Croce. Benedetto: La Poesia di Dante. 

Von Max J. Wolff. 

dntes. Zum Gedächtnis. Von Hanns 

Heiss. 

Ikrkadenzproblems, Entstehung und 
Wandlungen des, in Frankreich. Von 
E. R. Curtius. 


Deutsche Wissenschaft, Die internatio¬ 
nalen naturwissenschaftlichen Orga¬ 
nisationen vor und nach dem Welt¬ 
kriege und die.225 

Deutschen Geschichte, Aus den An- 
Anfängender. Von Ernst Kornemann 167 
Deutscher Wissenschaft, Ehrengabe. 

Von H. Mulert.413 

Diels, Hermann. Von Werner Jaeger. 133 
Duhamels „Entretiens dans le tumul- 

te“. Von Leo Spitzer.414 

Eleusinischen Mysterien, Der Inhalt 

der. Von Alfred Körte.327 

Englischen Zeitschriften, Aus. Von 

A. Ludwig.788 

Etruskerproblem, Neues zum. Von 

Ernst Kornemann.681 

Farinellis, Eine internationale Ehrung. 

Von Max Cornicelius.489 

Frankreich, Entstehung und Wandlun- 


8360 


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VII 


Inhaltsverzeichnis 


VUIi 


Spalte 

gen des Dekadenzproblems in. Von 

E. R. Curtius.35. 147 

Französischen Literatur, Der Realismus 
in der, des 19. Jahrhunderts. Von 

Hanns Heiss.347 

Geilen, Mathematik und Baukunst als 


Grundlagen abendländischer Kultur. 
Wiedergeburt der Mathematik aus 
dem Geiste Kants. Von H. Reichen¬ 
bach .607 

Goltz, von der, Graf. Meine Sendung 
in Finnland und im Baltikum. Von 

Kurt Rheindorf.797 

.Goethe“, Zu Gundolfs. Von Max J. 

Wolff.177 

Gundolfs .Goethe“, Zu. Von Max J. 

Wolff.177 

Indien, Der Kampf um Arabien und, 
im Altertum. Von Ernst Korne- 

mann.447 

Kern, B. v., Die Religion in ihrem 
Werden und Wesen. Von H. Mulert. 319 


Kleinwaechter, Der Untergang der 
österr.-ungar. Monarchie. Von W. 

Platzhoff.689 

Kriegsliteratur, Unsere, in franz. Vor¬ 
stellung u. in der deutschen Wirklich¬ 
keit. Von Eduard Wechssler. 421. 517 
Kunst, Altbulgarische. Von Fritz Kap- 

hahn ..507 

Kunstwissenschaft, Ästhetik und allge¬ 
meine. Von R. Müller-Freienfels . 501 
Literatur, Der Realismus in der fran¬ 
zösischen, des 19. Jahrhunderts. Von 

Hanns Heiss.347 

Menendez Pidal, Ramön, und die span. 

Epenforschung. Von M. L. Wagner. 565 
Michaelis, J. D., und die Berliner Aka¬ 
demie. Von F. Frensdorff .... 261 
Naturwissenschaftlichen Organisatio¬ 
nen, Die internationalen, vor und 
nach dem Weltkriege und die Deut¬ 
sche Wissenschaft. Von Karl Kerkhof 225 
Neuphilologie, Die Entwicklung 
der. Von Victor Klemperer . . . 289 


Spaltr 

Nordischen Instituts, Jahresbericht des, 
der Universität Greifswald. Von Al¬ 
bert Coenders.406 

Not, Die, der deutschen Wissenschaft. 

Von Eduard Wildhagen, Friedrich 

Schmidt-Ott.1. 33 

Notgemeinschaft der Deutschen 
Wissenschaft. Eine Kundgebung 
97. Satzungen 321. Präsidium und 
Ausschüsse417. Ergebnisse der ersten 
gemeinsamen Sitzung des Haupt¬ 
ausschusses und der Vorsitzenden 
der Fachausschüsse 513. Satzungen 
des Stifterverbandes 609. 
Osteuropainstitut, Das, in Breslau. Von 


Felix Haase.403 

Pädagogik (Zeitschriftenschau). Von 

H. Rolle.301 

Philosophie der Gegenwart, Zur. Von 
Richard Müller-Freienfels .... 781 
Regionalismus, Der, in Spanien. Von 

Gustav Dierks.473 

Reichsschulkonferenz, Ergebnis der 

Von Felix Behrend.51 

Relativitätstheorie und Philosophie. 

Von E. v. Aster.735 

Romanistik, Neuerscheinungen auf dem 
Gebiete der. Von Victor Klemperer 583 
Romantik, Die, im latein. Amerika. 

Von M. L. Wagner.193 

Rühlmann, Wege zur Staatsgesinnung. 

Von H. Rolle.605 

Schulgemeinde, Die neue. Von Paul 

Lorentz.686 

Shakespeareübersetzung, Eine neue. 

Von Albert Ludwig.395 

Spanien, Der Regionalismus in. Von 

Gustav Dierks.473 

Theologie (Zeitschriftenschau). Von 
H. Mulert. 689. 785 


Treitschke, Heinrich von, in seinen 
Briefen. Von 0. Oppermann . . . 545 
Wells. Von Albert Ludwig . . 659. 759 

Weltkriegs. Zur Geschichte des (Bü- 
cherschau). Von W. Platzhoff. . . 213 
Wissenschaft, Ehrengabe deutscher. 

Von H. Mulert.413 



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INTERNATIONALE MONATSSCHRIFT 

FÜR WISSENSCHAFT KUNST UND TECHNIK 

15. JAHRGANG HEFT 1 OKTOBER 1920 


Die Not der deutschen Wissenschaft. 


L 

Von dem allgemeinen Zusammen¬ 
bruche, der dem unglücklichen Kriege 
folgte, schien zunächst ein gewaltiger 
Faktor deutscher Weltgeltung unbe¬ 
rührt geblieben zu sein: die deutsche 
Wissenschaft. In ihr hatten sich auch 
zugleich die Keime eines Wiedererwach- 
sens von Wohlstand und Menschlich¬ 
keit lebensfähig in die Zukunft hinüber¬ 
gerettet. Wenn auch der Krieg man¬ 
ches Opfer aus den Reihen der Wissen¬ 
schaft gefordert hatte, so vermochte 
sich die Wissenschaft doch bis jetzt auf 
ihrer alten Höhe zu behaupten. Sie hat 
sich im Gegenteil im Kriege als starke 
Stütze unserer Kraft und Wirtschaft 
erwiesen und die innerpolitischen Wir¬ 
ren ohne Einbuße an ihrer Leistungs¬ 
fähigkeit überstanden, dank der ent¬ 
sagungsvollen Aufopferung ihrer Trä¬ 
ger, der Gelehrten und Forscher, und 
ist heute vielleicht das einzige, um das 
die Welt Deutschland noch beneidet. 
Trotz der fast vollkommenen Abschlie¬ 
ßung vom gesamten für die Wissen¬ 
schaft bedeutsamen Ausland steht 
Deutschland auch jetzt noch in vielen 
Wissensgebieten an führender Stelle. 
Die Schätzung der deutschen Wissen¬ 
schaft selbst im feindlichen Ausland ist 
allgemein bekannt. Schon unmittelbar 
nach der Waffenruhe versuchten nam¬ 
hafte Forscher aus den Reihen unserer 
Feinde trotz der Verhetzung die 
alten Beziehungen zu unserer Wissen¬ 
schaft wiederherzustellen. Immer zahl¬ 
reicher werden auf allen Gebieten der 


Forschung die Anknüpfungsversuche, 
die vielleicht die stärkste Brücke für 
die politische Wiederannäherung zu 
bauen und den sichersten Grundstock 
für den ersehnten Völkerfrieden zu bil¬ 
den berufen sind. Denn am festesten 
sind wir nicht durch die Wirtschaft, 
sondern durch die gemeinsame Kultur 
mit unserer Umwelt verknüpft, und in 
dem Kreise dieser Kultur waren wir 
bisher nicht weniger die Schenkenden 
als die Nehmenden. 

Jetzt droht in unmittelbarer Nähe die 
Gefahr, daß unserem wirtschaftlichen 
Niedergange mit dem Zusammenbre¬ 
chen unserer Wissenschaft der kultu¬ 
relle folgt. 

Welche Folgen hat das für das Reich ? 
Auf die tausend Kanäle, in denen aus 
der Wissenschaft ein befruchtender 
Strom über alle Wurzeln des wirt¬ 
schaftlichen und geistigen Lebens unse¬ 
res gesamten Volkes dahinrieselt, 
braucht keiner hingewiesen zu werden. 
Jeder kann von seiner Stelle aus sehen, 
wie sich sein Beruf in irgendeinem 
Punkte mit der Wissenschaft berührt, 
auf die Wissenschaft angewiesen ist, 
aus den Fortschritten der Wissenschaft 
die Kraft zu eigener Höherentwicklung 
herleitet. Einer einzigen wissenschaft¬ 
lichen Entdeckung verdanken oft Tau¬ 
sende eine Besserung ihrer Lebenslage. 
Heilung von Krankheit, Steigerung 
ihres Lebensgefühls. Und wenn es auch 
dem Blicke des Oberflächlichen zuwei¬ 
len scheint, als dienten rein theoretische 
Forschungsergebnisse nur dem geisti- 

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Die Not der deutschen Wissenschaft 


gen Interesse weniger Abseitsstehender, 
so erkennt man doch leicht, wie theo¬ 
retische , anscheinend wirklichkeits¬ 
fremde Überlegungen in ihrer Fortent¬ 
wicklung von weittragender praktischer 
Bedeutung für die Volksgesamtheit 
sind. Die Geschichte der Wissenschaft 
und Technik enthält zahllose Beispiele 
dafür. Man braucht sich dabei durch¬ 
aus nicht auf die Wissenschaften zu 
beschränken, bei denen die Verbindung 
mit der Wirtschaft so klar auf der 
Hand liegt wie bei der Chemie und 
Physik. 

Darüber hinaus hat die Wissenschaft 
für uns zur Zeit eine erhöhte Bedeu¬ 
tung. Mehr als je sind wir infolge der 
Einschränkung der Rohstoffzufuhren 
und des Verlustes gewaltiger Boden¬ 
schätze auf Veredelungsarbeit angewie¬ 
sen, um aus der wirtschaftlichen Not 
wieder zu erträglichen Lebensbedingun¬ 
gen zu gelangen. Unter allen Umstän¬ 
den muß das Reich, will es nicht auf 
die Wiedergenesung des deutschen Vol¬ 
kes verzichten, dafür sorgen, daß wir 
unseren alten Vorsprung in dieser Hin¬ 
sicht bewahren, und da, wo wir ihn 
verloren haben, wiedererlangen. An den 
geistigen Kräften dazu fehlt es uns 
nicht. Es darf uns auch nicht an den 
materiellen Mitteln fehlen, zumal da 
hier bereits mit Summen Gewaltiges 
geleistet werden kann, die im Ver¬ 
gleiche zu den sonstigen oft unproduk¬ 
tiven Ausgaben des Reichs ganz ver¬ 
schwindend sind. Das Kapital, das in 
die Wissenschaft gesteckt wird, ist im 
höchsten Grade ertragbringend; es wirft 
unvergleichlich hohe Zinsen ab. Seine' 
Erträgnisse fließen zudem nicht in die 
Taschen einiger weniger, sie kommen 
der Gesamtheit des Volkes, allen Stän¬ 
den und Klassen in gleicher Weise zu¬ 
gute. Um nur ein Problem herauszu¬ 
greifen, das für das Wirtschaftsleben 


des ganzen deutschen Volkes von hoch- 1 
ster Bedeutung ist, sei auf die Frage 1 
der Kohleversorgung hingewiesen, die 
ihrer Lösung erheblich näher gebracht 
wird, wenn es möglich ist, die For¬ 
schungen über Braunkohlevergasung 
und Wärmeerspamis in der Industrie 
abzuschließen; das ist eine Arbeit, zu 
der sich viele Zweige der Naturwissen¬ 
schaft zu vereinigen haben. Ebenso 
wäre unsere Eisenerzversorgung auf 
Generationen sichergestellt, wenn es 
der Wissenschaft gelänge, Verfahren zu 
entdecken, die eine hüttenmännische 
Verarbeitung der in Deutschland la¬ 
gernden, jetzt noch nicht verwendungs¬ 
fähigen Erze ermöglichten. Die Fragen 
der Volksgesundheit sind durch die 
schweren Folgen des Krieges in den 
Vordergrund getreten. Unsere volks¬ 
wirtschaftliche Bedrängnis fordert ein 
Heer von nationalökonomisch geschul¬ 
ten Kräften. Die schwierige Finanzlage 
hat die Wichtigkeit mathematischer 
Vorbildung aller Stände und Schichten 
jedem offenbart. Fast jede Wissen¬ 
schaft hat so ihre besonderen Aufgaben 
im Dienste des Volksganzen und ist 
berufen, in mehr oder minder großem 
Umfange wirtschaftliche Notstände zu 
beseitigen und darüber hinaus allmäh¬ 
lich unsere Konkurrenzfähigkeit im Rin¬ 
gen der Völker wiederherzustellen. 

Es wäre jedoch ein Fehler, wollte 
man gegenüber den greifbare Werte 
schaffenden Naturwissenschaften die 
Kulturaufgaben der Geisteswissenschaf¬ 
ten verkennen. Einmal ist ein hoher 
Stand der Geisteswissenschaften eine 
unabweisbare Voraussetzung für jeden 
andauernden Fortschritt der Natur¬ 
wissenschaften. Wenn auch im einzel¬ 
nen die Fäden, die von den theoreti¬ 
schen Wissenschaften zu den prakti¬ 
schen führen, nicht immer und nicht 
jedem ganz offen liegen, so wird doch 



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Die Not der deutschen Wissenschaft 


6 


gerade auch vom Ausland immer wie¬ 
der betont, daß die Höhe unserer na¬ 
turwissenschaftlichen Forschung aus 
dem hohen Stande der allgemeinen Gei¬ 
stesbildung der deutschen Gelehrten 
herrührt, und dementsprechend regten 
und regen sich überall in der Welt die 
Bestrebungen, Deutschlands Vorbild 
hierin nachzueifem. Ist es doch gerade 
die durch jahrhundertelange Arbeit 
auf allen Gebieten der Hochschule und 
Forschung geübte methodische Zucht, 
die der deutschen Wissenschaft ihr Ge¬ 
präge gibt. Aber auch abgesehen von 
dieser praktischen Bedeutung, ist es in 
den Wirren unserer Tage doppelt wich¬ 
tig, daß die zarte Blüte unserer Geistes¬ 
kultur nicht verkümmere, daß sie in 
dieser Zeit der Not vom Reiche be¬ 
schützt wird, wo ihr selbst die Kräfte 
fehlen. Wir müssen mit innerem Er¬ 
schauern an unserer eigenen Zeit er¬ 
kennen, daß Kulturen untergehen kön¬ 
nen; einige Jahre Stillstand, eine kurze 
Unterbrechung — und Deutschland, das 
vielen als ein klassisches Kulturland 
gilt, scheidet aus der Reihe der Kultur¬ 
völker aus, ohne Hoffnung, in abseh¬ 
barer Zeit wieder zur Bedeutung zu 
gelangen. Ein Stillstand in der Ent¬ 
wicklung der Geisteswissenschaften in 
ihrem ganzen Umfang — und hier 
greift mehr als sonst ein Glied in das 
andere — würde die schwersten Fol¬ 
gen für unser Erziehungs- und Bil¬ 
dungswesen haben; es würde alsbald 
auf die hochentwickelte Tagespresse 
zurückwirken, für deren Bestand das 
Reich sich bereits mit namhaften Mit¬ 
teln eingesetzt hat. Die gesamte litera¬ 
rische und künstlerische Produktion, die 
den geistigen Hochstand des ganzen 
Volkes bedingt, könnte nicht mehr aus 
dieser reinen Quelle der Sittlichkeit und 
geistigen Gesundheit schöpfen. Wir 
würden auch geistig in Abhängigkeit 


vom Ausland geraten, die wir in den 
letzten Jahrhunderten so Großes an 
Menschheitsideen und Kulturgütern ge¬ 
schaffen haben, die wir bis zum Kriege 
auf fast allen Gebieten der Geistes¬ 
wissenschaft Führer stellten und immer 
wieder befruchtend auf den Fortgang 
der Kultur wirken konnten. 

Die deutsche Wissenschaft hat sich 
bisher gescheut, zu betteln. Mit den 
sparsamsten Mitteln hat sie vielmehr 
stets sich beschieden, aber trotzdem mit 
ihren Leistungen den Neid und die Be¬ 
wunderung der ganzen Welt erregt. 
Doch hat die Sparsamkeit ihre Grenze. 
Ein gewisses Maß von materiellen Vor¬ 
aussetzungen ist für jede Wissenschaft 
unerläßlich. Während vor dem Kriege 
in manchen Zweigen der Forschung 
der Mangel an finanzieller Unter¬ 
stützung sich bereits lähmend auf die 
Fortentwicklung legte, während so 
mancher deutsche Forscher es erleben 
mußte, daß im Auslande die Früchte 
seiner Vorarbeit geerntet wurden, weil 
ihm die Mittel zur Ausführung seiner 
Pläne oder zur Durchführung im gro¬ 
ßen Maßstabe fehlten, so daß andere 
den Weg zurücklegen konnten, den er 
gewiesen, fehlt dem deutschen Forscher 
infolge der ungeheuren Steigerung aller 
Kosten zur Zeit jede Möglichkeit, sich 
forschend zu betätigen. Die Etats der 
wissenschaftlichen Anstalten mit ihren 
Laboratorien und Bibliotheken konnten, 
da sie den Einzelstaaten zur Last fal¬ 
len, nur unwesentlich erhöht werden; 
die Ausgaben jedoch allein für die Hei¬ 
zung, Beleuchtung und Reinigung der 
Forschungsstätten überschreiten zur 
Zeit in den meisten Fällen bereits nicht 
unerheblich den gesamten Etat, so daß 
für die wissenschaftliche Zwecke gar 
nichts übrig bleibt. Dabei sind die 
Preise der neuerscheinenden Bücher um 
das 5- bis 10 fache, der ausländischen 

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Die Not der deutschen Wissenschaft 


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sogar bis um das 15- bis 18fache, die 
der Chemikalien um das 12- bis 30- 
fache, der Präzisionsinstrumente noch 
wesentlich mehr gestiegen. Im Kriege 
sind naturgemäß, besonders in solchen 
Instituten, die auch für wirtschaftliche 
und militärische Zwecke in Anspruch 
genommen wurden, die Vorräte ver¬ 
braucht und Idie Apparate beschädigt, 
ohne daß bei den heutigen Preisen die 
Möglichkeit bestände, sie zu ersetzen 
und zu reparieren. Viele wertvolle Ma¬ 
terialien und Instrumente wurden für 
die Kriegswirtschaft abgeliefert (z. B. 
Platin, Meßapparate, Quecksilber usf.), 
in den Neuanschaffungen von Büchern 
und Zeitschriften sind große Lücken 
entstanden; das gilt besonders für die 
ausländischen Druckschriften. 

Eine ganz neue Not hat sich jetzt zu 
diesen gesellt: die Schwierigkeit des 
Druckes wissenschaftlicher Arbeiten. 
Während wir mit unserer wissenschaft¬ 
lichen Produktion vor dem Kriege weit¬ 
aus an der Spitze standen und, abge¬ 
sehen von dem allgemeinen Ansehen, 
durch 'diese wissenschaftliche Produk¬ 
tion viele Millionen aus dem Auslande 
nach Deutschland flössen, müssen jetzt 
wichtige wissenschaftliche Zeitschriften 
von Weltruf auf dem Gebiete der Medi¬ 
zin, Mathematik, Volkswirtschaft u. a., 
auf welche die ganze Welt wartet, und 
die die Träger neuer freundschaftlicher 
Beziehungen zu werden berufen wären, 
ihr Erscheinen einstellen. So hatten wir 
z. B. auf dem Gebiete der naturwissen¬ 
schaftlichen Berichterstattung eine un¬ 
bedingte Hegemonie auf der Erde. Wir 
müssen sie ans Ausland abtreten und 
uns mit einer untergeordneten Rolle 
bescheiden. Wissenschaftliche Monogra¬ 
phien theoretischer Natur, die nicht 
einen unmittelbar praktischen Zweck 
haben, werden fast nicht mehr gedruckt. 
Die großen allgemeindeutschen wissen¬ 


schaftlichen Unternehmungen der Aka¬ 
demien, die ein Stolz des deutschen 
Vaterlandes waren und sind, sind völlig 
ins Stocken geraten. Wenn nun auch 
durch diese Notstände der Forschungs¬ 
eifer an sich nicht beeinträchtigt wurde, 
so ist doch auf allen Gebieten der ge¬ 
regelte Fortgang der Wissenschaft in 
Frage gestellt. Größere Arbeiten, die 
viel Erfolg versprechen, in Angriff zu 
nehmen, ist angesichts des Fehlens aller 
Mittel aussichtslos; das gilt leider nicht 
nur für die experimentellen Wissens¬ 
zweige, die ja an sich schon höherer 
Unterstützung bedürfen. So besteht die 
Gefahr, daß unsere Wissenschaft un¬ 
fruchtbar wird, wie zur Zeit der Scho¬ 
lastik, nicht, weil die produktiven Gei¬ 
steskräfte fehlen — unsere Zeit und 
unser Volk ist durch den Krieg nicht 
arm geworden an Schöpferkraft und 
Schaffenskraft —, sondern, weil die 
Mittel nicht einmal ausreichen, um das 
bisher Errungene zu erhalten, ge¬ 
schweige denn um Neues hervorzubrin¬ 
gen; denn Versuche kosten Geld. 

Noch von andrer Seite droht der 
Wissenschaft ein langsamer Tod: wenn 
es nicht gelingt, durch Bereitstellung 
von wenn auch nur geringen Unter¬ 
stützungen, einen brauchbaren Nach¬ 
wuchs heranzuziehen, so muß die wis¬ 
senschaftliche Tradition abreißen. Wenn 
ein Jahrzehnt oder mehr die konti¬ 
nuierliche Entwicklung der Wissen¬ 
schaft unterbrochen wird, so geht die 
Wissenschaft daran zugrunde: die 
strenge Methode, die sich nur im per¬ 
sönlichen Kontakte von Geschlecht zu 
Geschlecht überträgt, geht verloren, 
und das deutsche Volk muß nach einem 
Menschenalter seine Söhne ins Ausland 
schicken, w^o sie dem Vaterlande ver¬ 
loren gehen. Und es wird ungeheurer 
Opfer bedürfen, um mühsam wieder 
aufzubauen, was man jetzt, obwohl ver- 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


10 


hältnismäßig geringe Mittel unsere Zu¬ 
kunft sichern könnten, verfallen läßt. 
Schon jetzt ist infolge der unerträg¬ 
lich erschwerten Lebenshaltung in vie¬ 
len Gebieten der Wissenschaft ein Ab¬ 
wandern der Befähigtsten, die die beru¬ 
fensten Hüter und künftigen Lehrer der 
Wissenschaft wären, in die Praxis zu 
beobachten. Es muß daher dem Be¬ 
fähigten, der sich der reinen Wissen¬ 
schaft ergeben will, ein Existenzmini¬ 
mum in irgendeiner Form in Aussicht 
stehen, zu dem er durch seine wissen¬ 
schaftlichen Leistungen kommen kann, 
da in vielen Fächern jetzt weniger als 
je die Möglichkeit besteht, durch wis¬ 
senschaftliche Arbeit oder neben ihr 
die Mittel zu erwerben, die über die 
Jahre der Vorbereitung bis zur Beru¬ 
fung auf einen Lehrstuhl oder an ein 
Forschungsinstitut hinweghülfen. 


Im Interesse einer möglichst schnellen 
und anhaltenden Wiedergesundung un¬ 
seres wirtschaftlichen und geistigen Le¬ 
bens ist grundsätzlich eine umfassende, 
auf alle Notstände sich erstreckende, 
allen dringenden Bedürfnissen Rech¬ 
nung tragende finanzielle Unterstützung 
zu fordern. Zu wünschen wäre eine 
Bereitstellung von Mitteln, die der deut¬ 
schen Forschung eine volle Betätigung 
in der Richtung des größten zu erwar¬ 
tenden Erfolges ohne Rücksicht auf die 
Kosten gestattete. Dieses Ziel ist aber 
bei der fast hoffnungslosen Finanzlage 
des Reichs und der Länder vorläufig 
nicht zu erreichen. 

So muß gerettet werden, was zu ret¬ 
ten ist. Die Einzelstaaten werden gewiß 
wie bisher alles tun, um die von ihnen 
mit soviel Sorgfalt gepflegten For¬ 
schungsstätten zu erhalten und den 
innerhalb ihres Gebiets tätigen For¬ 
schem die erfolgreiche Fortführung 
ihrer Arbeit zu erleichtern. Aber dies 


kann dem Bedürfnis nicht annähernd 
genügen. Auch das Reich muß Zu¬ 
schüsse leisten, die über das bisherige 
Maß seiner Einwirkung weit hinaus¬ 
gehen. In welchem Umfang, ist hier 
nicht näher zu erwägen, grundsätzlich 
aber, wo das allgemeine Interesse das 
der einzelnen Länder übersteigt und 
wo gemeinsame Aufgaben zur Zusam¬ 
menfassung nötigen. Es sei schon hier 
bemerkt, daß es sich nicht um schema¬ 
tische Unterstützung nach der Zahl der 
Forschungseinrichtungen handeln kann. 
Es muß eine Möglichkeit geschaffen 
werden, die Mittel da einzusetzen, wo 
sie am dringlichsten gebraucht werden 
und am meisten Nutzen stiften. So 
käme es für das Reich, soweit es sich 
nicht um bisherige eigene Unterneh¬ 
mungen handelt, im wesentlichen dar¬ 
auf hinaus, einen Fonds zu schaffen, 
der an den Punkten größter Gefähr¬ 
dung und höchsten Effekts von Fall 
zu Fall einzusetzen wäre. Dieser Fonds 
müßte jedoch so hoch sein, daß er in 
angemessenem Verhältnis zu der wirk¬ 
lichen Notlage steht, so daß er wirksam 
die drohende Verkümmerung zu ver¬ 
hüten gestattete. 

Die Akademien sind neuerdings mit 
den Universitäten und Technischen 
Hochschulen wie mit der Kaiser-Wil- 
helm-Gesellschaft in Verbindung getre¬ 
ten, um durch einen gemeinsamen, 
unter erfahrener Leitung zu begründen¬ 
den Ausschuß der Not entgegenzuwir¬ 
ken. Sie würden es begrüßen, wenn das 
Reich sich dieser Notgemeinschaft bei 
der Verfügung über den Notfonds be¬ 
dienen wollte. 

Im nachfolgenden soll zunächst die 
Notlage der deutschen Wissenschaft 
näher geprüft werden, wie sie sich nach 
Äußerung einzelner hervorragender 
Fachgelehrten über die Notstände ihres 
Wissenschaftsgebiets ergibt. Die wirt- 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


12 


schaftlichen Kosten der Institute für 
Heizung, Gas, Wasser, Elektrizität wie 
die Personalkosten sind überall ausge¬ 
schieden, weil sie den bisherigen Trä¬ 
gem zur Last fallen müssen. Dem wis¬ 
senschaftlichen Bedürfnis sind überall 
die niedrigsten Anforderungen zugrunde 
gelegt. 

Als Hauptgesichtspunkt ergibt sich, 
daß den Gelehrten die Möglichkeit ge¬ 
sichert werden muß, ihre Forschungs¬ 
arbeiten in den Forschungsstätten fort¬ 
zusetzen und weiteren Nachwuchs her¬ 
anzubilden, dem über die Jahre der 
Vorbereitung hinweggeholfen werden 
muß. Nicht minder muß die Veröffent¬ 
lichung der Forschungsergebnisse 
(Druckwesen) und die Beschaffung des 
gesamten Forschungsmaterials (Biblio¬ 
thekwesen, Instrumente und Versuchs¬ 
material) ins Auge gefaßt werden. Die 
letzten beiden Faktoren seien, da die 
Nöte hier am greifbarsten zutage tre¬ 
ten, vorangestellt. 

Druckwesen. 

Vor dem Kriege stand Deutschland 
seiner geistigen Schaffenskraft ent¬ 
sprechend in seiner Produktion wissen¬ 
schaftlicher Literatur an der Spitze der 
Völker. Etwa 40 v. H. der gesamten 
jährlichen wissenschaftlichen Bücher¬ 
erzeugung wurde von Deutschland be¬ 
stritten. Das bedeutete, ganz abgesehen 
von den unwägbaren Kulturwerten, 
jährlich einen nicht unbeträchtlichen 
Zuwachs an Nationalvermögen, da die 
Nachfrage nach deutschen wissenschaft¬ 
lichen Büchern in der ganzen Welt 
ständig stieg, wie auch jetzt bereits 
wieder ein lebhaftes Bedürfnis sich 
äußert. Jetzt sind wir aber infolge der 
hohen Papier- und Druckkosten auf vie¬ 
len Gebieten gänzlich außerstande, auch 
nur die wertvollsten Werke unserer 
Gelehrten in allerbescheidenstem Um¬ 


fang zu drucken. Wichtige wissen¬ 
schaftliche Zeitschriften, aus denen sich 
ein unerschöpflicher Strom geformten 
Geistes in alle Schichten des Volkes 
ergoß, sind ganz eingegangen, andere 
erscheinen so selten und dürftig, daß 
die wissenschaftliche Mitteilung fast 
ganz unterbrochen ist und die Zeit¬ 
schrift somit in ihrer wesentlichsten 
Aufgabe völlig versagt. Darin liegt eine 
ungeheure Gefahr für den Fortgang der 
Wissenschaft in mannigfacher Bezie¬ 
hung. Die weitgehend organisierte Ar¬ 
beitsteilung, gerade auch in den Natur¬ 
wissenschaften und in der Technologie, 
die nur durch die schnellste Veröffent¬ 
lichung der Forschungsergebnisse in 
Zeitschriften aufrechterhalten werden 
kann, droht auf immer unterzugehen. 
Schon jetzt ist es nichts Seltenes, daß 
die gleiche Arbeit an verschiedenen 
Stellen in Angriff genommen wird, da 
der eine vom anderen nichts weiß. Die 
gegenseitige Förderung und Anregung, 
und damit die Beschleunigung des Fort¬ 
schritts auf allen Gebieten und ihre 
gerade jetzt so nötige Umsetzung in die 
wirtschaftliche Auswirkung, ist zurZeit 
fast unmöglich und für die Zukunft 
aufs schwerste gefährdet. 

(Aus der großen Zahl hochbedeuten¬ 
der Zeitschriften, die ihr Erscheinen 
ganz eingestellt haben oder mit den 
größten Schwierigkeiten kämpfen, seien 
nur folgende herausgegriffen: 


nur sehr 
selten er¬ 
scheinend. 


Crelles Journal (Mathematik), 

Die Mathematischen Annalen, 
ZeitschriftfQr romanische Phi¬ 
lologie, 

Zeitschrift für französische 
Literatur und Sprache 
Kritischer Jahresbericht über Fortschritte 
der romanischen Philologie, seit 1914 
nicht erschienen. 

Die Göttinger und Leipziger Studien zur 
englischen Philologie, 

Die Zeitschrift „Hermes“, 

Rheinisches Museum, 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


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Die Zeitschrift für deutsches Altertum, 
Das Archiv für slawische Philologie, 

Die hygienische Zeitschrift von Koch und 
Flügge, 

Archiv für Hygiene, Hygienische Rund¬ 
schau, 

Archiv für Elektrotechnik, 

Virchows Archiv; Zieglers Beitrüge (Pa¬ 
thologie), 

Die Zeitschrift für soziale Medizin und 
Hygiene, 

Zeitschrift für die gesamte Staatswissen¬ 
schaft, 

Geologische Zeitschrift der Deutschen 
geologischen Gesellschaft, 

Zeitschrift für Psychologie und Physio¬ 
logie der Sinnesorgane, 

Archiv für die gesamte Psychologie, 
Berichte der Deutschen botanischen Ge¬ 
sellschaft, 

Zeitschrift für induktive Abstammungs¬ 
und Vererbungslehre, 

Pringsheims Jahrbuch; Zeitschrift für all¬ 
gemeine Botanik; Flora, 

Der Zoologische Anzeiger, 

Das Jahrbuch für die Biologie, 

Die Zeitschrift für Entwicklungsmechanik, 
für Zellforschung, für Protistenkunde. 
Ebenso muß das gesamte Unter¬ 
richtswesen von der Hoch- bis zur 
Volksschule durch das Versiegen des 
Quelles periodischer wissenschaftlicher 
Veröffentlichungen von seiner Höhe 
langsam, aber nachhaltig herabsinken, 
da es ohne wissenschaftliche Zeitschrif¬ 
ten Lehrendem wie Lernendem unmög¬ 
lich ist, mit dem Fortgang der Wissen¬ 
schaft des In- und Auslandes Schritt 
zu halten. 

Für den Nachwuchs an Forschem ist 
die Gefährdung der wissenschaftlichen 
Publikation besonders verhängnisvoll; 
es ist ganz unmöglich, den richtigen 
Mann an die richtige Stelle zu berufen, 
wenn man nicht mehr wie früher aus 
den gedruckten Arbeiten die Art und 
Fähigkeit des einzelnen Gelehrten er¬ 
kennen kann. Die Fortentwicklung der 
Forschung, die bisher weitaus zum 
größten Teil auf einer auf klare Ur¬ 
teile gegründeten sorgsamen Auslese 


der Bewährten beruhte, bleibt mehr 
oder weniger dem Zufall anheimgege¬ 
ben, wenn niemand mehr die Möglich¬ 
keit hat, seine Talente zu zeigen. 

Wenn es nun auch gewiß kein be¬ 
klagenswerter Nachteil ist, daß Zeit¬ 
schriften von geringer wissenschaft¬ 
licher Bedeutung eingehen und eine 
große Masse minder wertvoller Arbei¬ 
ten künftig ungedruckt bleibt, so haben 
doch die bisherigen Erhebungen erga¬ 
ben, daß gerade die wissenschaftlich 
höchststehenden Arbeiten nicht mehr 
veröffentlicht werden können, da die 
außerordentlichen Kosten dem Verleger 
verbieten, Werke erscheinen zu lassen, 
für die nicht ein großer Absatz ge¬ 
sichert ist. Das ist aber für die Wissen¬ 
schaft um so schwerer wiegend, da 
sich der wissenschaftliche Fortschritt 
nicht in allgemein interessanten Bü¬ 
chern abzuspielen pflegt, sondern in 
der strengen, spröden Einzelarbeit, die 
sich zunächst lediglich an Sachkundige 
wendet. 

Für einen Band mathematischen 
Druckes z. B. verlangt heute ein Ver¬ 
leger 100000 M. Zuschuß, so daß der 
Forscher außer seiner Arbeit, deren 
Früchte ihm und seinen Angehörigen 
zugute kommen sollten, noch gewaltige 
Kosten aufzubringen hätte, wenn er die 
Ergebnisse seiner Forschung allgemein 
zugänglich machen wollte. Zeitschriften 
mathematischer Art bedürfen einer 
jährlichen Unterstützung etwa in der¬ 
selben Höhe. Die Zeitschrift für Elek¬ 
trotechnik z. B., die früher mit gutem 
Gewinn arbeitete, bedurfte schon für 
1919 eines Zuschusses von 40000 M. In 
anderen Wissenschaften sind die erfor¬ 
derlichen Druckzuschüsse zwar nicht 
ganz so hoch, steigen aber auch ins 
Unerschwingliche, besonders wenn etwa 
Zeichnungen und Abbildungen oder 
fremdsprachliche Typen den Gang der 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


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Untersuchungen erläutern müssen. Die 
Reichsdruckerei hat die Preise für die 
Akademiedruckschriften jetzt wieder 
von 380 v. H. auf 770 v. H. gegenüber 
dem Friedenspreise gesteigert. Selbst¬ 
verständlich müssen angesichts dieser 
Verhältnisse in Zukunft Zeitschriften 
ähnlicher Richtung miteinander ver¬ 
einigt werden, alle wissenschaftlichen 
Darstellungen müssen sich großer Kürze 
befleißigen, damit wenigstens die wert¬ 
vollsten auf jedem Wissensgebiete mit 
einem Zuschuß für die Jahre der Not 
über Wasser gehalten werden können. 
Hierbei sorgfältige Entscheidungen mit 
Rücksicht auf das Ganze zu treffen und 
sorgfältig auszuwählen, was einer 
Druckunterstützung im Interesse der 
Wissenschaft dringend bedarf, würde 
eine der Aufgaben der Notgemeinschaft 
sein. Trotz größter Einschränkungen 
wird es jedoch nicht möglich sein, die 
Zahl der weiterbestehenden Zeitschrif¬ 
ten über ein Mindestmaß des Erforder¬ 
lichen herabzudrücken, da sonst allzu- 
vicle Arbeiten auch heterogener Natur 
in dieselbe Zeitschrift gedrängt werden 
müßten. Für die Gesamtheit aller Wis¬ 
senschaften hätte man so noch mit min¬ 
destens etwa 150 bis 200 grundlegenden 
Zeitschriften zu rechnen, so daß für 
diese, bei einem durchschnittlichen Zu¬ 
schuß von 20 000 M. für jede, der jedoch 
bei weitem gegenüber dem Bedürfnis 
nicht ausreicht, eine Summe von etwa 
ß bis 4000000 M. erforderlich wäre. Eise 
ebenso hohe Summe wäre nötig zur 
Förderung wissenschaftlicher Mono¬ 
graphien, wobei aber vorausgesetzt ist, 
daß ein großer Teil der jetzt als Einzel¬ 
werke erscheinenden Arbeiten den Zeit¬ 
schriften überwiesen würde. Man könnte 
damit das Erscheinen einer Zahl von 
etwa 600 bis 800 wissenschaftlichen 
Werken ermöglichen — verschwindend 
wenig im Verhältnis zu der Produk¬ 


tion, an die wir vor dem Kriege ge¬ 
wöhnt waren. 

In diesem Zusammenhänge dürfen 
vor allem auch die großen allgemein- 
deutschen wissenschaftlichen Unterneh¬ 
mungen der Akademien und fach¬ 
wissenschaftlichen Vereinigungen nicht 
übergangen werden, da bei ihnen die 
nötigen Aufwendungen auch zu einem 
erheblichen Teile auf das Druckkonto 
gehen. Das Reich hat bislang bereits 
eine Anzahl dieser groß«! Werke, uüe 
z. B. die Monumenta Germaniae histo- 
rica, das Grimmsche Deutsche Wörter¬ 
buch, das Wörterbuch der ägyptischen 
Sprache, wie die Veröffentlichungen 
einer Anzahl wissenschaftlicher Insti¬ 
tute, die Veröffentlichung der Ergeb¬ 
nisse der Tiefseeexpedition, der Südpo- 
larexpedition, das Septuagintauntemeh- 
men mit Beiträgen gestützt oder gänz¬ 
lich unterhalten. Der durch einzelstaat¬ 
liche Hilfe zustande gekommenen Unter¬ 
nehmungen ganz zu schweigen! 

In die Reihe dieser allgemein deut¬ 
schen Werke (z. T. auch von inter¬ 
nationaler Bedeutung) sind viele andere 
getreten, die jetzt einer über die einzel¬ 
staatlichen Zuschüsse hinausgehenden 
Beihilfe dringend bedürfen. An Unter¬ 
nehmungen der Akademien seien nur 
erwähnt: der Thesaurus linguae latinae, 
der Thesaurus japonicus, die für unsere 
Volkskunde so hochbedeutsamen Dia¬ 
lektwörterbücher, die Herausgabe der 
Leibnizwerke, die Acta Borussica, das 
Tierreich, das Pflanzenreich, die Ar¬ 
beiten der Deutschen Kommission, die 
Geschichte des Fixstemhimmels, die 
Herausgabe der Gaußschen Werke, das 
Wörterbuch der deutschen Rechts¬ 
sprache, die Ausgabe der Kirchenväter, 
die Herausgabe der Papsturkunden, der 
byzantinischen Urkunden, die Arbeiten 
der Münchener historischen Kommis¬ 
sion, Von anderen unterstützungsbe- 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


dürftigen Arbeiten mögen nur genannt 
sein: die mathematische Enzyklopädie, 
die Realenzyklopädie von Pauly-Wis- 
sowa-Kroll; das Künsterlexikon von 
Thieme u. Becker; die naturwissen¬ 
schaftliche Berichterstattung, die bei 
unserem Abschluß vom Ausland jetzt 
besonders wichtig ist; die Verarbeitung 
der Forschungsergebnisse der Augusta- 
Fluß-Expedition und vor allem auch 
die Denkmäler deutscher Kunst und 
Tonkunst. Beispiele, deren Zahl belie¬ 
big vermehrt werden könnte. 

Wenn die zur Fortführung solcher 
wissenschaftlichen Unternehmungen nö¬ 
tigen Zuschüsse auf mindestens 4 Mil¬ 
lionen Mark veranschlagt werden, so 
ist dabei schon vorausgesetzt, daß auch 
von privater Seite (wie z. B. für einige 
Dialektwörterbücher in Aussicht gestellt 
wurde) Mittel in erheblichem Umfang 
weiterhin aufgebracht werden. 

Bibliotheken. 

Ebenso wie die Bücherproduktion ist 
auch das wissenschaftliche Bibliotheks¬ 
wesen durch den Krieg und seine Fol¬ 
gen aufs schwerste betroffen worden. 

Die Preise aller Bücher sind auf min¬ 
destens das Dreifache gestiegen und 
steigen fortwährend; wenn nun auch 
die Zahl der Neuerscheinungen in 
Deutschland abgenommen hat, so wird 
für die unentbehrlichen Neuanschaffun¬ 
gen doch etwa wenigstens das Dop¬ 
pelte des Früheren erfordert. Die Ver¬ 
mehrungsfonds der 47 größeren deut¬ 
schen Bibliotheken — es handelt sich 
hier nur um solche Büchereien, die 
für Forschungszwecke unbedingt wich¬ 
tig sind, — sind jedoch nur von 
1887675 M. auf 2351828 M. herauf¬ 
gesetzt worden. 

Eine für die Leistungsfähigkeit der 
Bibliotheken noch gefährlichere Steige¬ 
rung der Kosten ist für die Einbände 


eingetreten. Kostete früher ein guter 
dauerhafter Bibliothekseinband höch¬ 
stens etwa 2 M., so ist augenblicklich 
— und die Preise steigen noch — der 
Preis eines zweckentsprechenden Halb¬ 
leineneinbandes auf 20 M. gewachsen 
—. Zu erheblich höheren Zahlen für 
das ausleihfähige Buch gelangt man 
Tür die ausländische Literatur. Die An¬ 
schaffungskosten für ausländische Bü¬ 
cher sind bei ganz vorsichtiger Ein¬ 
schätzung und unter Rücksicht auf die 
Einsdhränkung allein auf das sechs- bis 
zehnfache gegenüber 1913/14 zu ver¬ 
anschlagen. 

Auf dem Gebiete des Zeitschriften¬ 
wesens ist hier die Not so groß, daß 
die Berliner Staatsbiblithek statt 2300 
ausländischer Zeitschriften nur noch 
etwa 150 halten kann. Für sämtliche 
deutschen Bibliotheken ist die Zahl der 
gehaltenen ausländischen Zeitschriften 
von 3000 vor dem Kriege auf 250 herab¬ 
gesunken. Was das für den Fortschritt 
unserer Forschung bedeutet, läßt sich 
gar nicht ermessen. 

Sollen die Bibliotheken also ihre alte 
Leistungsfähigkeit für die Forschung 
und für die Zwecke der Allgemeinheit 
auch nur annähernd wiedererlangen, so 
müssen unter Zugrundelegung der Zah¬ 
len für 1913 bis 1914 

für Kauf deutscher Literatur 1050000 M. 
Kauf ausländ. Literatur. 525000 „ 
Einband. 315000 „ 

1890000 M. 

jetzt jährlich 

für Kauf deutscher Literatur 2100000 M. 
Kauf ausländ. Literatur. 3150000 „ 

Einband. 3150000 „ 

8400000 M. 

aufgewendet werden, so daß ein Defizit 
von rund 6000000 M. jährlich zu decken 
bleibt für Zwecke, an denen das 
deutsche Volk ein unmittelbares hohes 
Interesse hat. Wollte man daneben eine 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


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einmalige Ergänzung der durch den 
Krieg entstandenen Lücken auf breite¬ 
ster Basis nach dem bisherigen biblio¬ 
thekarischen Grundsatz möglichster 
Vollständigkeit anstreben, so wäre für 
die deutschen Bibliotheken ein Betrag 
von 24000000 M. erforderlich. Aber 
selbst, wenn die Buchpreise nicht noch 
weiter steigen, kann nicht mehr jede 
Bibliothek alles leisten. Die Aufgaben 
müssen geteilt werden. Dann ist viel¬ 
licht durch einheitliche Organisation zu 
erzielen, daß die fehlende Auslands¬ 
literatur wenigstens einmal vollständig 
in Deutschland vertreten ist, besonders 
wenn es gelingen sollte, hierfür die 
private Hilfe in größerem Umfang zu 
gewinnen. 

Diese Einschränkung der Leistungs¬ 
fähigkeit der einzelnen Bibliothek sowie 
die Erschwerung der privaten Anschaf¬ 
fung von Büchern gibt dem zwischen 
den deutschen Bibliotheken organisier¬ 
ten Leihverkehr erhöhte Bedeutung für 
die wissenschaftliche Tätigkeit. 

Aber auch hier legt sich die Steige¬ 
rung der Kosten lähmend auf das wis¬ 
senschaftliche Getriebe. Während man 
früher jedes Buch für 10 Pf. nach 
jedem Orte Deutschlands aus allen dem 
Leihverkehr angeschlossenen Bibliothe¬ 
ken entleihen konnte, entstehen heute 
für einen mittelstarken Band bis zu 6M. 
Kosten an Porto und Verpackung. Daß 
unter diesen Bedingungen ein uneinge¬ 
schränktes, nur an wissenschaftlichen 
Gesichtspunkten orientiertes Arbeiten 
unmöglich ist, liegt klar zutage. Trotz 
aller Einschränkung und Sparsamkeit 
im Leihverkehr bleibt doch bei einem 
selbst nach unvollständiger Statistik auf 
über 200000 Bände pro Jahr anzu¬ 
setzenden Leihversand eine Unter¬ 
stützung von etwa 250000 M. jährlich 
Tür diesen Zweck unerläßlich, will man 
dem wissenschaftlichen Arbeiter nicht 


allzu hohe Kosten aufbürden und damit 
den Fortgang der Forschung unmöglich 
machen. 

Neben dieser Organisation des Leih¬ 
verkehrs sind die Katalogunternehmun¬ 
gen der großen Bibliotheken von höch¬ 
ster Bedeutung. Sie sind bei der Ar¬ 
beitsteilung, die zwischen den großen 
Bibliotheken vom deutschen Bibliothe¬ 
kartage (Weimar 1920) geplant ist, für 
die Zukunft noch wichtiger als jetzt 
schon. Zur Unterstützung dieser z. T. 
erst aufblühenden Veranstaltungen — 
erwähnt sei das Auskunftsbureau deut¬ 
scher Bibliotheken, das so wichtige Ge¬ 
samtzeitschriftenverzeichnis, die Titel¬ 
drucke der Berliner Staatsbibliotheken, 
das Verzeichnis der deutschen Karten¬ 
produktion durch die Deutsche Büche¬ 
rei Leipzig, die alle dem gesamten deut¬ 
schen Bibliothekswesen zugute kom¬ 
men, — wäre ein einmaliger Beitrag 
von 500000 M. sowie ein jährlicher Teil¬ 
betrag nötig, wobei mit etwa 10 größe¬ 
ren derartigen Unternehmungen zu je 
50 Bogen zu rechnen wäre. 

Beschaffung von Instrumenten 
und Versuchsmaterial. 

Einer umfangreichen Hilfe bedarf die 
experimentelle Naturwissenschaft. Den 
Grad der für sie erforderlichen Summe 
zu bestimmen, ist jedoch besonders 
schwierig. Bei ihrer ungeheuren Aus¬ 
dehnung, bei den zahlreichen Proble¬ 
men, die für die wissenschaftliche For¬ 
schung reif sind, bei den tausendfälti¬ 
gen Anforderungen, die von der ge¬ 
samten Technik und Industrie an un¬ 
sere Naturwissenschaft in unserer Zeit 
wirtschaftlicher Not mehr denn je 
herantreten, bei der Lebensnotwendig¬ 
keit für unser gesamtes auf Verede¬ 
lungsverfahren hingedrängtes Wirt¬ 
schaftssystem kann' hier nach dem Ur¬ 
teil aller Berufenen jede Summe zu er- 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


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tragreichster Forschung angelegt wer¬ 
den. Anderseits darf jedoch nicht zum 
ungeheuren Schaden des gesamten Vol¬ 
kes die Unterstützung unter ein Mini¬ 
mum herabsinken, soll hier nicht die 
Wissenschaft und mit ihr das Volk 
untergehen. Gerade hier drängt sich in 
Anbetracht der aufs äußerste be¬ 
schränkten Mittel der Gedanke der Not¬ 
gemeinschaft mit besonderer Kraft in 
den Vordergrund, um durch eine straffe 
Organisation der Forschungsmittel und 
-geiegenheiten möglichst schnell die un¬ 
bedingt nötigen Forschungen zu ermög¬ 
lichen und anzuregen, sie in neue Bah¬ 
nen zu leiten, das Notwendige vor dem 
Wünschenswerten zu unterstützen, 
immer unter Rücksicht auf das Ganze. 
Gerade hier wäre eine schematische 
Verteilung auf sämtliche Institute un¬ 
ausbleiblich ohne den erhofften und 
zu fordernden Erfolg für das Reich. 

Bei äußerst zurückhaltender Schätzung, 
die von berufenen Vertretern der ein¬ 
zelnen Fächer auf Grund von Verallge¬ 
meinerung der persönlichen Erfahrun¬ 
gen und Ausblicke angestellt ist, sind 
in den nächsten fünf bis zehn Jahren 
bei sparsamstem Arbeiten etwa 
100 000000 M. für die physikalisch¬ 
technischen und chemischen Wissen¬ 
schaften erforderlich, um ein gedeih¬ 
liches Arbeiten zu ermöglichen. Von 
dieser Summe wäre zunächst gleich 
ein größerer Teilbetrag nötig, da fast 
alle Forschungsinstitute in ihrem In¬ 
ventar empfindlich durch den Krieg 
geschädigt sind, so daß allein zu ihrer 
auf das Notwendigste zu beschränken¬ 
den Instandsetzung bei der Steigerung 
der Preise große Mittel ausgeworfen 
werden müssen. Viele dieser Institute 
haben sich während des Krieges bei 
ihren Arbeiten im Interesse der Auf¬ 
rechterhaltung der Wirtschaft völlig 
verausgabt. Bei den Untersuchungen 


zur Erschließung von Nahrungsmitteln 
und Veredelung von Rohprodukten sind 
die Instrumente schadhaft geworden. 
Reparaturen sind nicht möglich wegen 
der hohen Löhne. Wertvolle Edel¬ 
metalle wie Platin, Sparmetalle wie 
Zinn, Kupfer und Quecksilber wurden 
abgeliefert, ohne daß nun Ersatz ge¬ 
schafft werden kann. Platin, das vor 
dem Kriege das U/sfache des Goldes 
kostete, ist jetzt für das Vielfache des 
Goldpreises nicht mehr zu erstehen. 
Und doch ist es für viele chemische 
und physikalische Forschungen unent¬ 
behrlich. Für das Ausziehen eines 
Gramms Platin zu Draht werden jetzt 
30 M. gefordert. Schwefelsäure, ein Ma¬ 
terial, das in der Chemie im großen 
verbraucht wird, kostete früher 3 bis 
5 Pf. pro kg, jetzt 3 M.; die Preise für 
Alkohol, der auch in großen Mengen er¬ 
forderlich ist, sind bekannt (8 bis 10 M. 
pro Liter; im Schleichhandel, auf den 
viele Institute angewiesen sind, das 
50fache des früheren!). Die Neuan¬ 
schaffung von Typen-Instrumenten ver¬ 
schlingt Unsummen; der Bau neuer 
Formen, die durch den Fortgang der 
Forschung bedingt werden, ist mit den 
jetzigen Institutsetats, die von den 
Staaten gegen früher nur auf etwa das 
Doppelte erhöht werden konnten oder 
gar, wie bei den Kaiser-Wilhelm-Insti- 
tuten, erschöpft sind, auf absehbare 
Zeit ganz unmöglich geworden. Die 
Mittel der Laboratorien werden durch 
Heizung, Gas, Wasser, Elektrizität und 
Löhne des Bedienungspersonals ver¬ 
schlungen. Die Folge ist, daß große 
Arbeiten nicht mehr angefangen werden 
können, daß die eigentliche Forschung 
völlig stockt. Und gerade hier ist jeder 
Zeitverlust für unsere gesamte Wirt¬ 
schaft verhängnisvoll. Das Ausland 
überflügelt uns; die Möglichkeit, durch 
Absatz hochwertiger Arbeitsprodukte 


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23 


Die Not der deutschen Wissenschaft 


unsere Ausfuhr zu steigern, sinkt immer 
schneller; es wächst die Gefahr, daß 
wir unfähig werden, selbst in der Ver¬ 
arbeitung der wenigen uns nach dem 
Friedensschlüsse verbleibenden Roh¬ 
stoffe unsere Volkswirtschaft auf sich 
selbst zu steifen, je weniger es gelingt, 
den bisherigen raschen Gang wissen¬ 
schaftlicher Fortentwicklung einzuhal¬ 
ten. Die Industrie hat diese Gefahr be¬ 
reits erkannt und regt sich. 

Erforderlich wären im ersten Jahr 
etwa 20000000 M. für die Zwecke der 
reinen Forschung. Das ist eine Summe, 
die angesichts der großen Zahl der in 
Betracht kommenden Institute und La¬ 
boratorien verschwindend klein ist bei 
den heutigen Preisen und Arbeitslöh¬ 
nen. Es wären zu berücksichtigen 23 
Universitäts- und 11 technische Hoch¬ 
schulinstitute für Chemie, ebenso viele 
für Physik, 10 Institute für physika¬ 
lische Chemie, die Kaiser-WLlhelm-In- 
stitute für Chemie und Physik, die geo¬ 
logischen, mineralogischen, geophysika¬ 
lischen, meteorologischen und astrono¬ 
mischen Hochschulinstitute, so daß die 
Gesamtzahl 100 weit übersteigt. 

Nur eine Organisation, die sich nicht 
scheut, auf Grund eingehender Über¬ 
legungen Unterschiede zu machen und 
nur das Lebenswichtigste unterstützt, 
könnte eine Verzettelung der ange¬ 
sichts der Größe der Aufgabe geringen 
Mittel verhüten. Daneben wäre der Be¬ 
zug der Instrumente und Materialien 
durch Einkauf im großen zu verbilli¬ 
gen; Leihanstalten für seltene Instru¬ 
mente und Stoffe wären einzurichten, 
wie auch jetzt schon in mancher Be¬ 
ziehung ein Leihverkehr zwischen den 
Forschungsinstituten besteht. 

Für die besonderen Forschungsauf¬ 
gaben der Technischen Hochschulen 
wäre außerdem ein Fonds von etwa 
3000000 M. dringend nötig, da eine 


24 

große Anzahl von Aufgaben auf dem 
Gebiete der Elektrotechnik, des Ma¬ 
schinen- und Motorenbaues, der Kohle- 
und Erzforschung und Wärmeersparnis, 
der Verbilligung der Bauweise der Lö¬ 
sung harren, während die Einrichtung 
der Institute für die Durchführung die¬ 
ser Versuche im großen unzulänglich 
ist und der Arbeitsetat bei weitem nicht 
ausreicht. Es ist zwar zu hoffen, daß 
gerade hier auch die Industrie helfend 
eingreifen wird; doch müßte vom Reiche 
der Anfang gemacht werden, vor allem 
auch, um die schwer bedrohte Unab¬ 
hängigkeit der Forschung zu sichern. 

Sonstiges Versuchsmaterial. 

Wenn auch zu fordern ist, daß die 
Krankenhäuser, in denen ein großer 
Teil des wissenschaftlichen Fortschrit¬ 
tes sich abspielt, von den Einzelstaaten 
und Gemeinden voll unterhalten wer¬ 
den müssen und somit hier eine un¬ 
mittelbare Gefahr für die Wissenschaft, 
die ein Eingreifen des Reichs erheischte, 
weniger vorhanden ist, so sind doch die 
Aussichten der theoretischen Diszipli¬ 
nen der Medizin, nämlich der Anatomie, 
Physiologie, Pharmakologie, Patholo¬ 
gie und Hygiene, äußerst trübe. Insti¬ 
tute von fundamentaler Wichtigkeit, 
wie z. B. die Institute für experimen¬ 
telle Therapie in Berlin und Frankfurt 
a. M. und die Institute für Krebsfor¬ 
schung in Berlin, Frankfurt a. M. und 
Heidelberg, können ihre Arbeiten auf 
dem Gebiete der Immunitätslehre sowie 
der Krebsentstehung und -heilung nur 
schleppend und gänzlich unzureichend 
fortsetzen; andere Institute haben sich 
der chemischen Industrie verschrieben, 
um Apparate zu bekommen. Wichtige 
Abteilungen, wie z.B. die Bakteriolo¬ 
gische des Berliner Pharmakologischen 
Instituts, mußten aus Mangel an Mit¬ 
teln eingehen. Die hygienische Wissen- 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


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schaft konnte ihre Untersuchungen zur 
Tuberkulose- und Seuchenbekämpfung, 
zur Frage der zweckmäßigsten Bauart 
nicht fortsetzen. Der Physiologie fehlt 
jede Möglichkeit, u. a. die gerade jetzt 
so bedeutungsvollen Forschungen auf 
dem Gebiete der Ernährung in dem un¬ 
bedingt erforderlichen Umfange fortzu¬ 
setzen und zum Abschluß zu bringen. 
Die deutsche Pathologie sinkt von ihrer 
auch dem Ausland gegenüber über¬ 
ragenden Stellung allmählich herab, da 
jegliche Mittel zum Experimentieren 
fehlen. Auch der Hirnforschung ist hier 
zu gedenken, die durch die Kriegskopf¬ 
verletzungen emeut größte Bedeutung 
gewonnen hat. Zu allen Schwierigkei¬ 
ten, von denen diese Forschungszweige 
in gleicher Weise wie die Naturwissen¬ 
schaften betroffen sind, kommt hier eine 
neue: die Unmöglichkeit, gesunde Ver¬ 
suchstiere zu auch nur einigermaßen 
erträglichen Preisen in hinlänglicher 
Menge zu beschaffen und zu unterhal¬ 
ten. Ohne Versuchstiere ist jedoch ein 
Arbeiten unmöglich. Dabei kostet heute 
z. B. eine Maus 4 M. gegen wenige 
Pfennige vor dem Kriege, ein Kanin¬ 
chen 60 bis 80 M. gegen 3 M. vor dem 
Kriege, ein Hund statt 6 bis 8 M. 100 M. 
und darüber; seine Unterhaltung erfor¬ 
dert etwa so viel, wie bis jetzt das Ge¬ 
halt eines wissenschaftlichen Assisten¬ 
ten ausmachte. In unserer Zeit der 
geschwächten Volkskraft wären jedoch 
alle Forschungen, die den Weg zur Ge¬ 
sundung zeigen können, mit größtem 
Eifer und größter Beschleunigung 
durchzuführen. Trotzdem müssen sich 
die größten deutschen Forschungsinsti¬ 
tute zur Zeit auf wenige kleine Arbeiten 
mit Fröschen und Hefe und auf Sam¬ 
meln statistischen Materials beschrän¬ 
ken. Soll die medizinische Forschung 
auch nur in beschränktem Umfange 
wieder in Gang kommen, so sind für sie 


mindestens 9000000 M. nach vorsich¬ 
tiger Schätzung von Fachleuten nötig. 
Da es sich um Hunderte von Instituten 
handelt, wäre auch hier bei gleichmäßi¬ 
ger Verteilung eine Durchschnittszuwei¬ 
sung von etwa 50000 M., aus der außer¬ 
dem die Instandsetzungsarbeiten zu lei¬ 
sten wären, viel zu gering, wenn man 
z. B. bedenkt, daß ein für medizinische 
Zwecke brauchbares Mikroskop statt 
300 bis 600 M. jetzt 15000 bis 20000 M. 
kostet. Der Etat für besondere, fast 
ausschließlich der Forschung dienende 
Betriebsunkosten des Berliner Physio¬ 
logischen Instituts ist von 19853 M. 
jährlich vor dem Kriege nunmehr auf 
285000 M. jährlich +200000 M. Er¬ 
neuerungskostengestiegen. Mit den wirt¬ 
schaftlichen Kosten beansprucht das In¬ 
stitut heute 840000 M. jährlich. Ein 
Kaiser-Wilhelm-Institut, das vor dem 
Kriege jährlich 70 000 M. kostete, ist 
jetzt auf 1000000 M. p. a. gestiegen. 

Angesichts dieser Verhältnisse hätte 
hier die Notgemeinschaft die Aufgabe, 
im Blick auf das Ganze hauszuhalten 
und vorsichtig zu disponieren. 

Die Tierbeschaffungsfrage, an der 
schon vor dem Kriege manche Unter¬ 
suchung scheiterte, müßte auf breiterer 
Grundlage gelöst werden. Vor dem 
Kriege zurückgestellte Pläne zur Errich¬ 
tung einer großen Tierzuchtanlage in 
zentraler ländlicher Gegend, etwa in 
Niederbayern, zur Versorgung der me¬ 
dizinischen und biologischen For¬ 
schungsinstitute mit brauchbaren Ver¬ 
suchstieren sind nachgerade unabweis¬ 
bar geworden. Mit einer einmaligen 
Summe von 3 Millionen und einem Zu¬ 
schuß von etwa 800000 M. jährlich 
könnte für das ganze deutsche Volk 
unermeßlicher Segen gestiftet werden. 

Im engsten Zusammenhänge mit der 
medizinischen Wissenschaft steht der 
große Kreis der biologischen Wissen- 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 



Allgemeine Nöte der Institute. 


schäften. Es braucht nur an die For¬ 
schungen über kleinste Lebewesen (Bak¬ 
terien) und ihre Lebensbedingungen, 
über Fortpflanzung, Vererbung und 
Entwicklung erinnert zu werden, damit 
die hervorragend praktische Bedeutung 
dieser an sich theoretischen Wissen¬ 
schaften für die Gesellschaft heraus¬ 
springe. Sie liefern die Grundlagen für 
Eugenik und Bevölkerungshygiene so¬ 
wie für die Erkenntnis des Wesens der 
Infektionskrankheiten, für die tierische 
und pflanzliche Rassenzucht. Daher 
wird dieser ursprünglich auf deutschem 
Boden erwachsenen Wissenschaft neuer- 
'dings gerade in Amerika, dem Lande 
der nüchternen Rechnung, unter Auf¬ 
wendung großer Mittel sorgsamste 
Pflege zuteil. Bei vorsichtigster 
Schätzung bedarf die zoologische und 
botanische Forschung einer Mindest¬ 
summe von 3000000 M. zu ihrem Fort¬ 
bestände. Sonst müssen mit großen 
Kosten und vielen Hoffnungen ins Le¬ 
ben gerufene Schöpfungen von größter 
nationaler Bedeutung, wie etwa die 
Kaiser-Wilhelm-Institute für Biologie, 
die großen botanischen und zoologi¬ 
schen Museen mit ihren Forschungs¬ 
plätzen absterben, da sie jetzt schon 
nicht mehr ihre Gärtner und Wärter be¬ 
zahlen können. Von dieser Summe wür¬ 
den auf die Kaiser-Wilhelm-Institute 
etwa 1 Million, auf die großen Museen 
etwa 250000 M. entfallen und auf die 
einzelnen Institute im Durchschnitt 
15—20000 M. Ein Teil dieser Unter¬ 
stützungen wäre jährlich zu erneuern. 

Wenn auch damit noch nicht der 
Kreis der naturwissenschaftlichen For¬ 
schungsgebiete ganz durchlaufen ist, so 
genügen diese Angaben doch bereits, 
um ein Bild von der annähernden Höhe 
der Lebensbedürfnisse und von der be¬ 
sonderen Verwendungsart der angefor¬ 
derten Mittel zu entrollen. 


Während für die experimentellen Wis¬ 
senschaften die Materialbeschaffung 
große Summen verschlingt, können sich 
die Geisteswissenschaften und die Theo¬ 
logie mit erheblich geringeren Mitteln 
für ihre Existenz begnügen, wenn dem 
Bibliotheks- und Druckschriften wesen 
die unerläßliche Hilfe zuteil wird. 

Die Erfordernisse der Geisteswissen¬ 
schaften liegen auf anderen Gebieten 
der Institutsunterhaltung, abgesehen 
etwa von der Geographie und experi¬ 
mentellen Psychologie. Der Förderung 
des wissenschaftlichen Nachwuchses, 
die hier wegen des Mangels an Assi¬ 
stentenstellen mehr als bei den expe¬ 
rimentellen Wissenschaften in den Vor¬ 
dergrund tritt, wird unten gedacht. 

Wenn auch die großen Bibliotheken 
noch mehr als bisher die Arbeitsstätte 
der Geisteswissenschaftler zu werden 
bestimmt sind, ist es doch unerläßlich, 
die Handbibliotheken der Seminare und 
Institute auf angemessener Höhe zu er¬ 
halten. Man kann nicht ohne über¬ 
mäßigen Zeitverlust für jedes Nach¬ 
schlagen die oft weit entfernte große 
Bibliothek in Anspruch nehmen, beson¬ 
ders, da di§ Aussicht, daß das Werk, 
dessen man gerade bedarf, verliehen ist, 
mit der Zeit noch beträchtlich steigen 
wird. Andrerseits sind die Etats für 
Handbibliothekergänzung insbesondere 
auch für die kunstwissenschaftlichen, 
geographischen und mathematischen 
Apparate zur Zeit noch viel weniger 
ausreichend als früher, besonders da 
in den Beständen ausländischer Werke 
große Lücken entstanden sind. Im Inter¬ 
esse des gesamten Wissenschaftsbetrie¬ 
bes — das gilt auch für die Natur¬ 
wissenschaften — ist daher ein Zu¬ 
schuß zu diesen Institutsbibliotheken 
und -apparaten, die zudem gerade 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


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durch den Krieg lückenhaft und rück¬ 
ständig geworden sind, in Höhe von 
mindestens 3 Millionen Mark zu fordern. 
Wenn die Summe in diesem Falle auch 
nicht ausschließlich der reinen For¬ 
schung zugute kommt, so ist doch ab¬ 
gesehen von der geringen Höhe dieses 
Postens zu bedenken, daß eine gute 
Ausstattung der Bildungsstätten im In¬ 
teresse des gesamten Volkes liegt. Das 
gilt besonders für die Rechts- und 
Staatswissenschaften; es wäre mit Rück¬ 
sicht auf die erhöhte Notwendigkeit 
staats-, besonders finanzwissenschaft¬ 
licher Forschung und Ausbildung für 
unsere Zeit durch Unterstützung von 
Instituten und Neueinrichtung in der 
Art des Institutes für Seeverkehr und 
Weltwirtschaft in Kiel und des Ost¬ 
europainstituts in Breslau für beson¬ 
dere volkswirtschaftliche Forschungs¬ 
zwecke ein Fonds von vorerst etwa 
1500000 M. zu bilden, ein Kapital, das 
sicherlich auch im Interesse des Reichs 
gut angelegt wäre. Auch Reisestipen¬ 
dien für Volkswirtschaftler zu Studien¬ 
zwecken wären dringend erwünscht 
(vgl. unten). Für geographische For¬ 
schungen, nicht nur zur Auffüllung der 
lückenhaften Institute, sondern auch be¬ 
sonders zur Ermöglichung von For- 
schungs- und Studienreisen ist ein Zu¬ 
schuß von 500000 M., um etwa 15 bis 
20 Reisen zu ermöglichen, besonders 
auch in Hinsicht auf den aus ihnen 
entspringenden volkswirtschaftlichen 
Nutzen als Minimum zu fordern. Schon 
vor dem Kriege gab z. B. Frankreich 
für seine Expeditionen wie für seine 
missions scientifiques jährlich große 
Summen aus; ein Verfahren, das seine 
Berechtigung im Kriege erwiesen hat. 

Persönliche Ausgaben. 

Ein letzter Posten gilt der Not nicht 
unmittelbar der Forschung, sondern des 


Forschers. Zuschüsse an Universitäten 
und Hochschulen für persönliche Zwecke 
müssen hier wohl zunächst ganz aus- 
scheiden. Und doch berührt das ein 
äußerst trübes Kapitel im Forschungs¬ 
betriebe. Bei der Teuerung ist es dem 
Forscher unmöglich, die für seine Ar¬ 
beiten notwendigen Reisen zu machen, 
insbesondere kommt hier auch die 
Sammlung des Arbeitsmaterials in aus¬ 
wärtigen Bibliotheken in Frage, die bei 
der Beschränkung der Neuanschaffun¬ 
gen mehr als je erforderlich sein wird. 
Für eine Reihe von Forschungsgebieten 
— außer der Geographie und Wirt¬ 
schaftswissenschaft namentlich der 
Kunstwissenschaft, der Altertumskunde 
und der modernen Philologie — sind 
größere Studienreisen auch ins Ausland 
geradezu unerläßlich. Weiter ergibt 
sich für den Forscher die Unmöglich¬ 
keit, wissenschaftliche Kongresse zu be¬ 
suchen, seine eigenen Arbeitsmittel, ins¬ 
besondere seine private Bibliothek, dem 
Fortschritt der Wissenschaft anzupas¬ 
sen, kurz, sich mit der Gründlichkeit 
weiterzubilden, die die Grundbedin¬ 
gung aller weiteren Leistung ist. Was 
das für fast alle Wissensgebiete bedeu¬ 
tet, ist früher, als der Gelehrte die Aus¬ 
gaben hierfür stillschweigend aus eige¬ 
ner Tasche bestritt, nicht so offen in die 
Erscheinung getreten; je mehr aber 
diese Beschränkung andauert, um so 
schädlicher wird ihr Einfluß auf die 
Wissenschaft sein. 

Wenn anzunehmen ist, daß für die 
reine Lebenshaltung der in festen Amts¬ 
stellen befindlichen Forscher durch zu¬ 
reichende Gehälter gesorgt werden wird, 
so bleibt doch die Erhaltung des Nach¬ 
wuchses eine Frage von allgemeiner 
und wichtigster Bedeutung, die hier in 
keinem Falle übergangen werden darf. 
Wie schon in den Naturwissenschaften, 
die doch größtenteils über wenn auch 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


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nur mäßig besoldete Assistentenstellen 
verfügen, ein Abwandern von der Wis¬ 
senschaft in die Praxis zu befürchten 
ist — damit gehen viele hochbegabte 
Männer der Allgemeinheit verloren —, 
so ist noch viel mehr für die Geistes¬ 
wissenschaften ein gewaltiger Mangel 
an Nachwuchs zu befürchten. Hier 
müssen Staat und Reich eingreifen, wol¬ 
len sie nicht ihre Wissenschaft, die 
Spenderin allen Fortschritts, aller Ge¬ 
sundheit, die Trägerin der Kultur, lang¬ 
sam dahinsiechen sehen. Durch Stipen¬ 
dien, die den Jünger der Wissenschaft 
bis zur eigenen gewinnbringenden Lei¬ 
stung, bis zur Berufung auf einen Lehr¬ 
stuhl oder bis zur Anstellung am For¬ 
schungsinstitut über Wasser halten, ihm 
die nötigsten Lebensbedürfnisse sichern, 
muß unbedingt für die Heranziehung 
neuer Forscher gesorgt werden. Wird 
dafür ein Betrag von 3000000 M. für 
alle Hochschulen und alle Wissenschaf¬ 
ten jährlich eingesetzt, so würde das 
bedeuten, daß etwa 400 angehende Do¬ 
zenten usw. in bescheidenen Verhält¬ 
nissen leben könnten und der Wissen¬ 
schaft erhalten blieben. Das würde im 
Durchschnitt für jede Universität und 
Hochschule etwa 12 Stipendien darstel¬ 
len. Hierbei muß Sorge getragen wer¬ 
den, daß nur die Tüchtigsten ausge¬ 
wählt werden und daß die Verleihung 
der Stipendien an Bestimmungen ge¬ 
knüpft wird, die das Wohl des Ganzen 
sichern und verhindern, daß ein Droh¬ 
nentum von Mäßigbegabten an den 
Stätten der Forschung sich breitmacht. 

Überblickt man die vorstehenden Zah¬ 
lenangaben, so erhellt, daß mit einem 
einmaligen Zuschuß an sich zureichende 
Hilfe nicht erlangt werden kann. Auch 
mit allen im vorstehenden bereits ge¬ 
machten Abzügen — Forderungsbeträ¬ 
gen, die einstweilen zurücktreten müs¬ 
sen, oder bei denen auf private Hilfe zu 


hoffen ist — ergibt sich ein Bedarf 
von mehr als 80 Millionen, wovon min¬ 
destens 25 Millionen als dauernd er¬ 
forderlich angesehen werden müssen. 
Dabei sind für eine Reihe von Forde¬ 
rungen Ansätze überhaupt nicht ge¬ 
macht, weil sie sich einer auch an¬ 
nähernden Schätzung zur Zeit ent¬ 
ziehen. 

Die Aufbringung solcher Summen 
darf heute nicht von Staat und Reich 
allein gehofft werden. Das ganze 
deutsche Volk muß dazu beitragen. 
Wenn gleichzeitig die Notgemeinschaft 
der deutschen Wissenschaft ins Leben 
tritt und durch ihre Mitwirkung dafür 
Sorge getragen wird, daß die Verwen¬ 
dung dieser Mittel unter den Gesichts¬ 
punkten des allgemeinen wissenschaft¬ 
lichen Interesses und des größten 
Nutzens erfolgt, so wäre zu hoffen, 
daß der drohenden Gefahr noch recht¬ 
zeitig begegnet werden könnte. 

Das augenblickliche Gesamtbedürfnis 
muß auf weit über 100 Millionen be¬ 
messen werden. Es darf dabei nochmals 
hervorgehoben werden, daß bei den 
vorstehenden Darlegungen alles außer 
Ansatz geblieben ist, was sich auf den 
eigentlichen Hochschul- und Unter¬ 
richtsbetrieb, insbesondere die rein wirt¬ 
schaftlichen Kosten der Institute be¬ 
zieht. Es handelt sich vielmehr ledig¬ 
lich um das, was ausschließlich den 
Forschungszwecken zugute kommt, und 
zwar nach dem Ausmaß der gestellten 
Forderungen keineswegs in dem Um¬ 
fang dessen, was erforderlich wäre, um 
die deutsche Wissenschaft in die füh¬ 
rende Stellung zurückzubringen, die sie 
vor dem Kriege innehatte. Wir müssen 
uns mit dem Existenzminimum begnü¬ 
gen, das lediglich das Fortbestehen wis¬ 
senschaftlicher Arbeit überhaupt er¬ 
möglichen kann. 

Eduard Wildhagen. 


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Die Not der deutschen Wissenschaft 


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II. 1 ) 

Daß sämtliche deutschen Akademien, 
Universitäten, Technischen Hochschu¬ 
len, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 
und sonstige freie Institute sowie die 
großen technfsch-wissenschaftlichenVer- 
eine sich zu einheitlichem Vorgehen zu¬ 
sammengeschlossen haben, ist ohne Vor¬ 
gang und an sich völlig überraschend. 
Zu verstehen ist diese neu geschaffene 
Notgemeinschaft der sonst in bewußter 
Freiheit auseinanderstrebenden Organi¬ 
sationen lediglich aus der Überzeugung 
einer alle gleichermaßen treffenden Not¬ 
lage, aus dem Bewußtsein, daß die 
Tage der deutschen Wissenschaft ge¬ 
zählt sind, wenn ihr nicht rasche und 
durchgreifende Hilfe wird. 

Nicht die schwierige Lage des ge¬ 
samten Mittelstandes, dem die Gelehr¬ 
ten zumeist angehören, allein ist dafür 
maßgebend. Wer unter uns kann heute 
bei unerschwinglichen Preisen noch die 
für seine Studien unentbehrliche Privat¬ 
bibliothek sammeln, wer das gesamte 
Arbeitswerkzeug, Instrumente, Roh¬ 
stoffe und Versuchsmaterialien aus 
eigener Tasche bezahlen? Die Mittel 
der öffentlichen Forschungsinstitute wer¬ 
den durch wirtschaftliche Unkosten und 
Löhne verschlungen. Und wie wenige 
vermögen angesichts dessen heute noch 
die Wissenschaft als Lebensberuf zu er¬ 
greifen, wo schon die Kosten des Stu¬ 
diums ins Ungemessene gewachsen sind 
und beispielsweise für den Studieren¬ 
den der Chemie auf jährlich 10000 M. 
berechnet werden. Von den Kosten 
eigener wissenschaftlicher Veröffent¬ 
lichungen der einzelnen wie der Kor¬ 
porationen, von der Beschaffung der 

1) Mit gütiger Erlaubnis ihres Herrn Ver¬ 
fassers folgen hier die Worte, die „Der 
Heimatdienst“ in Nr. 4 des 1. Jahrgangs, 
12. September 1920, gebracht hat. 

Die Red. 

Internationale Monatsschrift 


erforderlichen Auslandsliteratur aus 
den Ländern hoher Valuta ganz zu 
schweigen. So ist die Forschung zur 
Untätigkeit verurteilt, und die edelste 
Blüte am Baum unseres Volkes, die 
deutsche Wissenschaft, die seit alters 
unser Ruhm vor den Völkern war und 
noch im Kriege dem Vaterlande das 
Höchste geleistet hat, geht unrettbar 
dem Untergange entgegen. Ein tragi¬ 
sches Verhängnis, das unser höheres 
Geistesleben vernichtet, die moralische 
und physische Gesundheit unseres Vol¬ 
kes, die überall von der Wissenschaft 
bedingt sind, gefährdet und unser Wirt¬ 
schaftsleben eben in dem Zeitpunkt 
aufs tiefste schädigt, in dem die For¬ 
schung allein, wie die Fachkenner auf 
allen Gebieten empfinden, neue Wege 
weisen, neue Werte schaffen und unser 
zusammengebrochenes Wirtschaftsleben 
erneuern kann. 

Man denke nicht, daß mit der Be¬ 
reitstellung von Mitteln für einzelne der 
Industrie nahestehende Wissenschafts¬ 
zweige zu helfen ist. Der in jahrhun¬ 
dertelanger Arbeit erwachsene Wunder¬ 
bau der deutschen Wissenschaft beruht 
gerade auf der Erkenntnis des Zusam¬ 
menhanges und der unzähligen Wech¬ 
selwirkungen zwischen Geistesleben, 
Natur und Technik, und so auf der kei¬ 
nem andern Volke in gleichem Maße 
eigenen, den Kern und die Gesamtheit 
der Wissenschaften mit gleicher Kraft 
und Liebe umfassenden Pflege und me¬ 
thodischen Durchdringung. Daß man 
dieser Entwicklung in der Gründung 
der Universität Berlin Raum schuf, hat 
uns vor hundert Jahren in der Zeit des 
vaterländischen Zusammenbruchs den 
geistigen Niedergang erspart, der die 
Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege 
kennzeichnet. 

Auch heute fehlt es Deutschland nicht 
an Meistern und Schülern, die den dor- 

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35 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 3 g 


nenvollen Acker der Forschung auf 
allen Gebieten zum Segen des Vater¬ 
landes weiterzubearbeiten gewillt sind. 
Woran (es mangelt, ist lediglich der öde, 
schnöde Mammon, der uns über die 
äußern Lebensbedürfnisse hinweghilft. 
Freilich eine hohe Summe. Auch über 
das Maß hinaus, was die deutschen 
Länder, deren Fürsorge die wissen¬ 
schaftliche Arbeit bisher in der Haupt¬ 
sache anheimgegeben war, zur Abhilfe 
der Not zu tun bemüht sind, werden 
gewaltige Mittel erforderlich sein, um 
uns den schwersten Nöten der näch¬ 
sten Jahre zu entreißen. 

Dennoch mag ich an der Aufbrin¬ 
gung nicht verzweifeln. Daß das Reich 
wenigstens zu einem Teile helfen wird, 
wo die Kräfte der Länder versagen, 
darf erhofft werden. Aber wenn im 
deutschen Volke die Überzeugung sich 
Bahn bricht, daß Sein oder Nichtsein 
unserer Kultur auf dem Spiele steht, 
daß es sonst unwiederbringlich auf das 


Niveau halbgebildeter Völker herabzu¬ 
sinken droht, so muß und wird es auch 
die Kraft finden, die ganze erforder¬ 
liche Summe aus öffentlichen und pri¬ 
vaten Mitteln herbeizuschaffen. Indu¬ 
strie und Handel, Landwirtschaft und 
alle anderen Erwerbstände, vor allem 
aber die großen Betriebe und Unterneh¬ 
mungen sollten erkennen, daß es sich 
um ihre eigene Sache, um werbende 
Ausgaben und um Beträge handelt, die 
hinter den ihnen durch die Arbeiterver¬ 
hältnisse oftmals auferlegten erheblich 
zurückstehen. 

Die Notgemeinschaft in ihrer ganz 
Deutschland umfassenden unabhängi¬ 
gen und über jedes Einzelinteresse 
hinausgehenden Gestaltung wird eine 
treue Verwalterin der Mittel sein; und 
das Ziel ist jeden Opfers wert. So 
möge sich unser ganzes Volk in dem 
festen Willen zusammenschließen, das 
drohende Unheil abzuwenden. 

Dr. F. Schmidt-Ott, Staatsminister. 


Entstehung und Wandlungen des Dekadenzproblems 

in Frankreich. 

Von Ernst Robert Curtius. 


Das Wort und der Begriff Dekadenz 
stammen wie alle Grundbegriffe un¬ 
serer Kultur aus dem Erbe der Antike. 
Dekadenz bedeutet das Herabfallen von 
einer Höhe. Diese Vorstellung, die das 
deutsche Wort Verfall nicht ganz ent¬ 
sprechend wiedergibt, hängt mit der 
antiken Anschauung zusammen, wo¬ 
nach die ganze Menschengeschichte ein 
Absinken von dem mythischen Urzu¬ 
stände des goldenen Zeitalters darstellt. 
Wir leben alle im eisernen Weltalter. 
Aus der Antike also stammt der Deka¬ 
denzbegriff, und zwar nicht nur seiner 
Wortsubstanz nach, sondern auch nach 
seinem Anschauungsgehalt. Denn das 


letzte Geschenk der Antike an die 
Folgezeiten war das Schauspiel, das 
grandiose und erschütternde Schau¬ 
spiel ihres eigenen Untergangs. Der welt¬ 
geschichtliche Vorgang, der das Mo¬ 
dell aller neueren Begriffsbildungen 
über Dekadenz abgegeben hat, ist der 
Verfall des römischen Imperiums. Der 
Untergang Roms ist eins der eindrucks¬ 
vollsten und am tiefsten nachwirken¬ 
den Erlebnisse dereuropäischen Mensch¬ 
heit gewesen. 

Das Bild Roms und des Römertums 
gewann neuen, jungen Glanz durch den 
Humanismus und die Renaissance. Nir¬ 
gends hat dies Bild so mächtig gewirkt 


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37 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen des Dekadenzproblems in Frankreich 38 


wie im Frankreich des 17. Jahrh. Der 
französische Klassizismus hat vom grie¬ 
chischen Altertum nur sehr wenig emp¬ 
fangen. Was Frankreich von der An¬ 
tike aufnahm — in geheimer Wahl- 
und Blutsverwandtschaft —, das war 
Rom, und vor allem das Ideal männ¬ 
licher römischer Tugend, republikani¬ 
scher und stoischer Seelengröße. Rö¬ 
misches Heldentum gibt den sittlichen 
Gehalt von Corneilles tragischer Dich¬ 
tung. In kaum übersehbarer Mannig¬ 
faltigkeit hat römisches Leben, römi¬ 
scher Staatsgedanke, römische Litera¬ 
tur richtunggebend auf das Frankreich 
Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. ein¬ 
gewirkt. 

Die Aufklärung hat sich dann eman¬ 
zipiert von der Bevormundung durch 
die ästhetischen und menschlichen 
Maßstäbe der Antike. Ein moderner 
selbständiger Geist ist erwacht, der 
nicht mehr berühmte Muster nach¬ 
ahmen will und der sich seine Nähr¬ 
stoffe aus der Gegenwart, vor allem 
aus England, holt. Die antike Litera¬ 
tur ist nicht mehr das unantastbare 
Vorbild. 1 2 ) Rom wird jetzt zum ersten¬ 
mal als etwas geschichtlich Geworde¬ 
nes und Bedingtes gesehen, als ein hi¬ 
storisches Individuum, das seine Größe 
mit seinem Untergang bezahlen mußte. 
1734 schreibt Montesquieu seine 
..Schicksalsdichtung“ *) Considörations 
sur la grandeur des Romai/is et leur 
dicadence. 

Hier tritt uns das Wort döcadence 
entgegen in seiner ursprünglichen An¬ 
wendung, wonach es den politischen 
Verfall einer Nation bezeichnet. Der 
Untergang Roms ist hier das große 


1) Die neue antikisierende Bewegung am 
Ausgang des 18. Jahrh. bleibe hier außer 
Betracht. 

2) Klemperer, Montesquieu, 1916. 


historische Versuchsobjekt, an dem die 
Gesetze von Völkeraufstieg und VöJker- 
verfall studiert werden sollten. Damit 
ist eine Tradition begründet, die bis auf 
die Gegenwart immer wieder aufge¬ 
griffen worden ist. Immer wieder ha¬ 
ben die Philosophen, Historiker, Sozio¬ 
logen auf das Problem des römischen 
Verfalls zurückgegriffen, wenn sie war¬ 
nend, strafend, heilend die Schäden 
ihrer Zeit beleuchten wollten. 

Und nun ist eine merkwürdige Be¬ 
griffsverschlingung zu beachten, die 
der Dekadenzbegriff aus dieser seiner 
ersten Verwendung mitbekommen hat. 
Der Untergang Roms ist zunächst ein 
Phänomen der politischen Geschichte. 
Aber parallel mit dem Verfall des rö¬ 
mischen Staates geht eine Entwicklung 
der römischen Literatur, die der Re¬ 
naissance-Humanismus und Klassizis¬ 
mus dann ebenfalls als Verfall aufge¬ 
faßt hat. Er mußte sie so auffassen. 
Es war dies das notwendige Ergebnis 
des literaturtheoretischen Standpunktes 
des 16. und 17. Jahrh. Man hatte sich 
festgelegt auf ästhetische Normen, die 
von antiken Musterschriftstellern abge¬ 
zogen waren. Cicero war das Muster 
der Prosa, Vergil das des Epos, Horaz 
das der Lehrdichtung, Seneca das der 
Tragödie. Es sind das die Schriftsteller 
der sog. goldenen Latinität, des augu¬ 
steischen Alters. Schon in Livius, erst 
recht in Tacitus, fand man eine Ver¬ 
schlechterung des Stils. Aber mochte 
man auch die silberne Latinität noch 
halbwegs gelten lassen, so wurde doch 
alles römische Schrifttum seit dem Ende 
der antoninischen Dynastie (193) — 
manche setzten schon einen früheren 
Zeitpunkt an — als littörature de la 
dicadence verurteilt. Eine solche An¬ 
schauung mußte zu der Vorstellung 
führen, daß politischer und literarischer 
Verfall sich gegenseitig bedingten. 

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39 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 40 


Der Dekadenzbegriff erhielt also eine 
zweite Bedeutung, die ästhetische. 

Dekadent hieß nun eine Literatur oder 
Kunst, die nicht mehr klassisch war. 
Und so kann man beobachten, daß 
jedesmal, wenn in Frankreich eine neue 
literarische oder künstlerische Richtung 
auftauchte, die die Gesetzestafeln des 
offiziellen Geschmacks zerbrach, die 
Neuerer als Döcadents verlästert wur¬ 
den. Als in den 30er Jahren die Ro¬ 
mantik ihre siegreichen Schlachten 
schlug, trat ihr der angesehene klassi¬ 
zistische Kritiker Dfcsirö Nisard mit sei¬ 
nen Etudes de mcsurs et de critique 
sur les poötes latins de la döoadence 
entgegen (1834). Die Romantik selbst, 
die vom Mittelalter träumte und in der 
Architektur nur die Gotik gelten lassen 
wollte, verstieg sich damals in Victor 
Hugo zu der These, die Renaissance 
bedeute eine Verfallserscheinung — 
eine These, die dann Ruskin übernom¬ 
men und popularisiert hat. Ein halbes 
Jahrhundert später war die Romantik 
selbst klassisch geworden, und es wie¬ 
derholte sich dasselbe Schauspiel. Die 
Literaturrevolutionäre von 1885, die 
Symbolisten, mußten sich den Schimpf¬ 
namen Döcadents gefallen lassen, aus 
dem sie dann einen Ehrennamen mach¬ 
ten. 3 ) Diese Beispiele zeigen, daß es 
ganz auf den persönlichen Standpunkt 
des Beurteilers ankommt, was er deka¬ 
dent nennen will. Es sind nie rein theo¬ 
retische, es sind immer praktische Mo¬ 
tive, die das Urteil über Dekadenz be¬ 
stimmen. 

Aus der Betrachtung des römischen 
Imperiums wurde dann noch ein drit¬ 
ter Inhalt des Dekadenzbegriffs ge¬ 
wonnen, der des sittlichen Nieder¬ 
gangs. Nach den Berichten über das 
Privatleben der römischen Kaiser und 

3) Gustave Kahn, Symbolistes et D6- 
cadents (1902), S. 33 ff. 


aus den Satiren der Martial und Juve- 
nal bildete man sich eine — zweifellos 
übertriebene — Vorstellung über die 
sittliche Verwilderung des zu Ende gehen¬ 
den Römertums. 

So erwuchs die Vorstellung einer ge¬ 
setzmäßigen Verknüpftheit von politi¬ 
schem, künstlerischem und sittlichem 
Verfall im Völkerleben. Diese Vorstel¬ 
lung ist ein bequemes Denkschema und 
hat sich so fest eingewurzelt, daß fast 
immer übersehen wird, wie willkürlich 
und irrig ihre Voraussetzungen sind. 
Und doch ist einleuchtend, daß künst¬ 
lerische Blütezeiten in Perioden na¬ 
tionalen Tiefstands fallen können, wie 
das Deutschland von 1730 bis 1830 be¬ 
weist. Und es ist ebenso einleuchtend, 
daß politischer Verfall nichts mit dem 
Höhenniveau der individuellen Sittlich¬ 
keit zu tun hat. Auch unter den römi¬ 
schen Kaisern hat es sittlich hoch¬ 
stehende Menschen gegeben, wie Tra- 
jan, Antoninus Pius, Septimius Seve¬ 
rus. Und auch die Bürger des Im¬ 
periums waren sicher nicht unter dem 
moralischen Durchschnitt, sonst hätten 
sie nicht der Kirche Apologeten, Mär¬ 
tyrer und Heilige schenken können. 4 ) 

Wir müssen also sagen, daß politi¬ 
scher Niedergang nicht notwendig mit 
künstlerischem und sittlichem Verfall 
einhergehen muß. Es folgt daraus, daß 
es unberechtigt ist, die Sittlichkeit oder 
die Kunst eines Volkes als minderwer¬ 
tig zu verdächtigen, wenn man seine 
politische Potenz sinken sieht. Wer das 
doch tut, handelt nach dem französi¬ 
schen Sprichwort: Qui veut tuer son 
chien, l’accuse de la rage. 

Diese allgemeinen Bemerkungen über 
den Dekadenzbegriff erleichtern es uns, 
das Problem der französischen Deka- 


4) So Gobineau in seinem Essai sur 
l'inögalittf des races humaines. 


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iJ 









41 E.R.C urtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 42 


denz, zu dem wir uns jetzt wenden, zu 
verstehen. 

Wie ist dieses Problem entstanden? 
Und wo ist es entstanden? Darauf ist 
zu sagen: die Franzosen selbst haben 
es zuerst formuliert, und zwar im zwei¬ 
ten Kaiserreich. Wenn ganz Europa in 
den letzten Jahrzehnten von der fran¬ 
zösischen Dekadenz sprach, so war es 
dazu veranlaßt und berechtigt, weil die 
Franzosen selbst zuerst davon gespro¬ 
chen hatten und weil sie am lautesten 
davon sprachen. Und sie mußten es 
doch am besten wissen. In den zwei 
Jahrzehnten also zwischen 1850 und 
1870 taucht zum erstenmal in Frankreich 
der Gedanke auf, die Nation sei im 
Niedergang begriffen. Man spricht noch 
nicht von Dekadenz, wenigstens ist die¬ 
ser Ausdruck noch nicht geläufig, aber 
man spricht von einer absteigenden 
Entwicklung, von einer Erkrankung. 
Eine Reihe von Schriftstellern hat 
diese Krankheit zu diagnostizieren ver¬ 
sucht 

Oberflächlich angesehen hat es etwas 
Überraschendes, daß eine solche Krank¬ 
heitsdiagnose gerade in einer Zeit aus¬ 
gesprochen wird, die für Frankreich 
einen glanzvollen Zuwachs an politi¬ 
schem Prestige und alle wirtschaft¬ 
lichen Folgen einer finanziellen Hoch¬ 
konjunktur brachte. Aber bei näherer 
Betrachtung wird der Vorgang doch 
verständlich. 

Napoleons III. Herrschaft war, wie 
Treitschke sagt, eine persönliche Ty¬ 
rannis, bei der das Interesse das einzige 
Band zwischen Regierenden und Re¬ 
gierten bildete. Bestenfalls war es der 
Opportunismus der herrschenden Klas¬ 
sen, auf den sich der Kaiser stützen 
konnte. Wohl drängten sich Schmeich¬ 
ler und Streber um seinen Thron, aber 
die Besten der Nation litten unter einem 
Machtverhältnis, das sich auf keinerlei 


sittliche Kräfte gründen konnte. Sie 
trugen tiefe Enttäuschung im Herzen. 
Zum zweitenmal war das freiheitliche 
Ideal der Revolution am Cäsarismus ge¬ 
scheitert. Frankreich schien ein Sisy- 
phusschicksal beschieden: immer wie¬ 
der suchte es den Felsen emporzuwäl¬ 
zen, und immer wieder rollte er zurück 
und zermalmte die edelsten Söhne der 
Nation. 5 ) So kam es, daß eine tiefe 
moralische Ermüdung sich der fran¬ 
zösischen Elite bemächtigte. Die Gei¬ 
stigen wandten sich ab von der Politik 
und der Öffentlichkeit, sie zogen sich 
in esoterische Kreise zurück, und die 
ästhetische Abschließung im L’art pour 
l’art vermochte nicht den tiefen Pessi¬ 
mismus zu überwinden, mit dem sie 
ihrer Zeit und den menschlichen Din¬ 
gen überhaupt gegenüberstanden. Flau- 
bert, Baudelaire, LecontedeLisle, Taine 
— alle haben diese negative Einstel¬ 
lung. 

Baudelaire (f 1867) hat mit dem sehe¬ 
rischen Blick des großen Dichters da¬ 
mals die tiefste Begründung für diese 
pessimistische Zeitkritik gegeben. In 
seinem Tagebuch finden wir die Sätze: 
„Le monde va finir. La seule raison 
pour laquelle il pourrait durer, c’est 
qu’il existe... Nous p&rirons par oä 
nous auons cru uiure. La möcanique 
nous aura tellement amöricanis&s, le 
progr&s aura si bien atrophiä en nous 
toute la partie spirituelle, que rien, 
parmi [es reueries sanguinaires, sacri- 
löges ou anti-naturelles des utopistes 
ne pourra etre com pari ä ces rösultats 
positifs.“ Materialismus, Mechanisie¬ 
rung, Meliorismus (Fortschrittsgläubig¬ 
keit) — in diesen „Errungenschaften“ 
des 19. Jahrh. sah Baudelaire die deut¬ 
lichsten Symptome des Niedergangs 
einer Zeit, die den Geist für das Gold 

5) Diesen Vergleich gebraucht Pr£vost- 
Paradol. 


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43 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 44 


und die ewigen Forderungen erhöhten 
Menschentums für den Triumph des 
Bourgeois verraten hatte. 

Die Öffentlichkeit des Second Empire, 
aus der die Dichter und die Philo¬ 
sophen sich zurückgezogen haben, ist 
beherrscht von wildem Mammonismus 
und fieberhafter Genußgier. Der Luxus 
der neuen industriellen Entwicklung 
dient dazu, die Prostitution zu ver¬ 
golden. Die großen Kokotten beherr¬ 
schen die Bühne und die Presse und 
drängen sich in die Gesellschaft. 

Bei alledem fing der politische Er¬ 
folg an, der kaiserlichen Politik untreu 
zu werden. Das mexikanische Aben¬ 
teuer, in das die Regierung sich ein¬ 
gelassen hatte, endete mit Fehlschlag 
und Demütigung, und kostete Frank¬ 
reich ein großes Stück seines Ansehens. 
Und dieses Ansehen wurde noch mehr 
dadurch vermindert, daß Frankreich ge¬ 
zwungen war, mit gekreuzten Armen 
dem Aufstieg Preußens zuzusehen. We¬ 
der 1864 noch 1866 war es in der Lage 
gewesen, einzugreifen. Der Sieg von 
Königgrätz war eine Niederlage der 
kaiserlichen Politik. So sahen es die 
französischen Patrioten an. 

Rechnet man diese verschiedenen 
Faktoren zusammen, so wird begreif¬ 
lich, daß seit der Mitte der 60er Jahre 
Unheilpropheten ihre Stimme erhoben, 
die von nationalem Niedergang spra¬ 
chen. Sie rekrutieren sich aus den Geg¬ 
nern der kaiserlichen Regierung. Und 
so kann man sagen: die Behauptung 
von der französischen Dekadenz ist zu¬ 
erst von der Opposition des zweiten 
Kaiserreichs aufgestellt worden. Sie hat 
also von Anfang an eine polemische, 
wo nicht agitatorische Färbung. Und 
das ist auch in der Folgezeit so ge¬ 
blieben. Dieser Zusatz von politischem 
Affekt muß also immer in Betracht ge¬ 
zogen werden, wenn auch damit nichts 


gegen die bona fides der Dekadenz¬ 
diagnostiker gesagt sein soll. 

Die Opposition gegen das Kaiserreich 
ging von den Sozialisten, den Ultra¬ 
montanen und den Demokraten aus. 
Von sozialistischer Seite hat Proudhon 
schon 1858 die Niedergangsprognose 
gestellt. Er konstatiert: La France a 
perdu ses mceurs. Die ethische Skep¬ 
sis greife immer weiter um sich und 
führe zur Abneigung gegen Familien¬ 
gründung, gegen Arbeit und Bürger¬ 
pflichten. Die Auflösung des sozialen 
Bewußtseins müsse zum Erlöschen der 
Bevölkerung führen (De la justice dans 
la röuolution et dans l'Eglise, Einl.). 

Aber viel wuchtiger sind die Ankla¬ 
gen, die von ultramontaner Seite kom¬ 
men. Louis Veuillot, einer der großen 
Journalisten des Jahrhunderts, zeichnet 
mit ätzender Feder das Bild der po¬ 
litischen, literarischen, vor allem der 
moralischen Korruption. In seinen 
Odeurs de Paris (1866) will er die gifti¬ 
gen Ausdünstungen der Weltstadt einer 
moral-chemischen Analyse unterziehen. 
Er knüpft an Coutures Bild „Les Ro¬ 
mains de la döcadence “ (im Louvre) an. 
Allein die Orgien des untergehenden 
Rom sind der Schamlosigkeit des mo¬ 
dernen Pariser Lebens vergleichbar. 
Und auch diesmal wieder wird eine 
erschlaffte genießerische Jugend das 
Vaterland im Schlamm untergehen 
sehen. Ob er seine Bilder aus der rö¬ 
mischen Geschichte oder aus dem Al¬ 
ten Testament nimmt, indem er an das 
sündige Geschlecht erinnert, das Gott 
durch die Sündflut austilgte — immer 
ist es ein Menetekel, das Veuillot seinen 
Zeitgenossen an die Wand malt, als 
temperamentvoller Streiter für den 
Papst, dessen soeben proklamierten 
Syllabus Veuillot zum Glaubensartikel 
erhoben sehen möchte. 

Aus ganz anderer geistiger Sphäre 


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45 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 46 


herkommend, ganz anderen Idealen zu¬ 
schreitend, mit ganz anderen Gründen 
operierend, kommt PrGvost-Paradol in 
seinem Buch La France Nouvelle (1868) 
doch zu ganz ähnlich düsteren Befürch¬ 
tungen über Frankreichs Zukunft. Als 
Politiker, als Vorkämpfer des demo¬ 
kratischen Ideals, stellt er in diesem 
Buch Betrachtungen über die Zeichen 
nationalen Verfalls und Mutmaßungen 
über die Zukunft an. Mit der tiefen 
Trauer eines edlen Patrioten stellt er 
fest, daß das große Herz Frankreichs, 
dessen Pulsschläge man früher bis zu 
den Enden der Welt verspürte, nur 
noch schwach und langsam schlägt. 
Der Völkerverfall hat nach PrGvost- 
Paradol immer Gründe rein geistiger 
Art. Groß ist eine Nation nur, solange 
der einzelne immer bereit ist, sein Pri¬ 
vatinteresse dem Gemeinwohl zu op¬ 
fern. Nur drei Mächte können diese 
Opfergesinnung erzeugen: die Religion, 
die Pflicht, das Ehrgefühl. Am stärksten 
wirkt die Religion. Aber sie ist, so 
meint Prövost-Paradol, unaufhaltsam 
zurückgedrängt durch die aufklärende 
Wirkung der Naturwissenschaft. Und 
ein religionsfreier Moralismus wird im¬ 
mer nur einzelnen hochstehenden In¬ 
dividuen möglich sein. So bleibt für 
Frankreich die einzige Rettung das Ehr¬ 
gefühl, dieser letzte Sdhutzwall altge¬ 
wordener Nationen. Aber auch dieses 
Ehrgefühl ist in Frankreich nicht mehr 
intakt. Weitere bedrohliche Symptome 
sah Pr6vost-Paradol in der politischen 
Apathie des reichgewordenen Bürger¬ 
tums, in der nur auf materielle Ziele 
eingestellten Agitation der arbeitenden 
Klassen, endlich in dem Aufstieg Preu¬ 
ßens. Er sieht den Krieg kommen und 
erörtert die Möglichkeit einer französi¬ 
schen Niederlage. Als der Krieg aus¬ 
brach, nahm sich Prövost-Paradol das 
Leben. So düster schaute er in die Zukunft. 


Die Niederlagen von 1870, der Sturz 
der Dynastie, der Ausbruch blutigsten 
Bürgerkrieges schienen den trübsten 
Prognosen der Unheilpropheten Recht 
zu geben. Freilich entwickelte auch das 
geschlagene Frankreich noch Kraftre¬ 
serven, die bewiesen, daß von einer 
endgültigen Erschöpfung der nationa¬ 
len Lebenskraft nicht die Rede sein 
konnte. Gambetta hatte in staunenswert 
kurzer Zeit neue Armeen organisieren 
können, zusammengesetzt aus Mann¬ 
schaften, von denen eine große Zahl 
nicht mehr dienstpflichtig war. Sie ver¬ 
mochten zwar das militärische Schick¬ 
sal nicht mehr zu wenden, aber sie 
zeugten doch — ebenso wie die 
schnelle Zahlung der Kriegsentschädi¬ 
gung — für die ungebrochene Lebens¬ 
energie des besiegten Landes. Dennoch 
war die Katastrophe so groß, daß alle 
pessimistischen Stimmungen und Ur¬ 
teile, die sich während des Kaiserreichs 
gebildet hatten, eine unberechenbare 
Verstärkung und eine unwiderlegliche 
Bestätigung erhielten. 

Erst unter der dritten Republik und 
unter dem Eindruck der Niederlage 
konnte die Überzeugung von einer De¬ 
kadenz Frankreichs sich so allgemein 
verbreiten, wie wir es erlebt haben. Die 
allgemeine Stimmungsgrundlage, aus 
der alle Dekadenzdiagnosen der letzten 
Jahrzehnte hervorgewachsen sind, war 
durch den Eindruck der politisch-mili¬ 
tärischen Katastrophe gegeben. 

Man darf sich nun aber nicht vor¬ 
stellen, daß die Dekadenzstimmung 
gleich nach dem Frankfurter Frieden 
in voller Stärke eingesetzt habe. Unter 
dem frischen Eindruck der Niederlage 
und der deutschen Okkupation stieg 
eine neue Welle von Nationalgefühl 
und kriegerischem Selbstvertrauen auf. 
Die Revancheidee erwachte. Man schwur 
sich zu, einen neuen Krieg anzufangen. 


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47 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 48 


Man tröstete sich über die Niederlage, 
indem man das numerische Überge¬ 
wicht der Deutschen oder das Schicksal 
oder die Schlechtigkeit der politischen 
und militärischen Führung verantwort¬ 
lich machte. Man konnte sich noch nicht 
daran gewöhnen, in der geschichtlichen 
Entscheidung etwas Definitives zu 
sehen. Auch innerpolitisch lebte man 
ja noch in einem Provisorium. Bis 1873 
schien die Restauration des Königtums 
sehr wahrscheinlich. Erst 1875 wurde 
die Verfassung der Republik abge¬ 
schlossen. Erst 1877 zeigte sich, daß 
der klerikal-konservativen Partei die 
Zügel entglitten. Erst 1879 kam mit der 
Präsidentschaft die politische Macht in 
die Hände der Republikaner. 

Die Republik ist jetzt konsolidiert. 
Die Revanchelust ist eingeschlafen. Man 
denkt nicht mehr daran, einen neuen 
Krieg anzufangen. Ganz im Gegenteil: 
man fürchtet, die Deutschen würden 
noch einmal anfangen. Man raunt sich 
in Paris drohende Worte zu, die Moltke 
oder Bismarck ausgestoßen haben sol¬ 
len. Die Angst vor der Invasion be¬ 
ginnt sich festzusetzen, und man stellt 
besorgte Erwägungen darüber an, was 
im Fall eines neuen Angriffs aus Frank¬ 
reich werden würde. Man beginnt sich 
wieder stärker zu beunruhigen über 
den Kräftezustand der Nation. Seit 1880 
steht das Dekadenzproblem wieder auf 
der Tagesordnung. 

Und nun zeigt sich wieder, daß das 
Urteil über die Dekadenz in stärkstem 
Maße abhängig ist von der Parteistel¬ 
lung des Beurteilers. Das Frankreich 
der dritten Republik ist gespalten in 
zwei große Heerlager. Inhaber der po¬ 
litischen Macht sind seit 1879 die Repu¬ 
blikaner. Sie fühlen sich als die Erben 
und Vollstrecker der großen Revolu¬ 
tion. Von dem Moment ab, wo sie zur 
Herrschaft gekommen sind, stürzen sie 


sich in einen hartnäckigen und langwie¬ 
rigen Kulturkampf. Sie wollen die Na¬ 
tion, und in erster Linie die Schule, 
von der Kirche emanzipieren. Sie glau¬ 
ben an den Fortschritt, sie glauben an 
eine neue Moral, die von Religion und 
Metaphysik unabhängig sein wird, sie 
verkünden das idial laique und den 
Laizismus. Sie hegen die Zuversicht 
daß ihre Staatslenkung diese Ziele er- | 
reichen und auf diese Weise Frank¬ 
reich groß machen wird. Sie sind das 
rote Frankreich. 

Und ihnen gegenüber steht das 
schwarze Frankreich: der klerikal-kon- 
servative Block. Sein Programm ist: 
Gegenrevolution. Die Interessen der 
Kirche scheinen in Frankreich während 
des ganzen 19. Jahrh. unauflöslich mit 
denen der politischen Reaktion verbun¬ 
den. Der Versuch, Demokratie und 
Kirche zu versöhnen, ist jedesmal ge¬ 
scheitert, auch als Leo XIII. in den 
neunziger Jahren ihn begünstigte. Die 
Republik sieht in der Kirche ihre Tod¬ 
feindin und sucht sie zu schwächen, in¬ 
dem sie alle Streitkräfte gegen sie mo¬ 
bilisiert. Sie verbündet sich mit den 
Freimaurern, den Protestanten, dem jü¬ 
dischen Kapital. 

So geht ein tiefer Riß durch die ganze 
Nation. Das schwarze und das rote 
Frankreich sind durch eine Kluft ge¬ 
trennt, mit der keine andere Spaltung 
innerhalb einer modernen Nation ver¬ 
glichen werden kann. 6 ) Die dritte Repu¬ 
blik bietet das Schauspiel eines dauern¬ 
den, latenten oder offenen Bürger¬ 
kriegs. Er ist zugleich ein Religions¬ 
krieg, und er wird verschärft durch 
jenen Fanatismus, der nur den Reli¬ 
gionskriegen eigentümlich ist. DieDrey- 
fuskrise mit ihren erbitterten und ver- 


6) Vgl. Paul Seippel, Les deux Fron- 
ces. 1905. 


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1 




49 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 50 


gifteten Kämpfen ist nur ein Ausbruch 
dieses dauernden Kriegszustandes. 

In diese inneren Zwistigkeiten wird 
die Diskussion über das Dekadenz- 
problem hineingezogen. Wie unter dem 
Kaiserreich ist es auch diesmal die 
Opposition, und d. h. die klerikal-kon¬ 
servative Richtung, die den schärfsten 
Blick für die Schäden des nationalen 
Lebens zeigt und die dunkelste Pro¬ 
gnose stellt. 

Auch im demokratischen Lager sind 
allerdings einige ernste Köpfe, denen 
der Zustand der Nation Sorge macht. 
Wie man in diesen Kreisen dachte und 
wie das Dekadenzproblem zehn Jahre 
nach dem Kriege angesehen wurde, 
zeigt das 1881 erschienene Buch von 
Raoul Frary (1842 bis 1892) Le P&ril 
national. 

Frary widmet der Frage: Sind wir 
dekadent? ein eigenes Kapitel. Er sagt 
uns, man werde gegenwärtig verfolgt 
von dem Wort Dekadenz. Man finde 
es auf den Lippen der Skeptiker, der 
Egoisten und der Gleichgültigen ebenso 
wie im Munde der pessimistischen 
Philosophen und der mürrischen Greise. 
Die einen Liebäugeln mit der Idee des 
Verfalls. Bei andern ist es ein Ver¬ 
zweiflungsschrei, den die Wahrheits¬ 
liebe ihnen auspreßt. Die einen berau¬ 
schen sich ästhetisch an dem Bilde 
jenes späten Griechenland, wo Philo¬ 
sophen und Hetären dem Untergang 
der Freiheit zuschauten und woPhryne 
die Jugend Athens beherrschte. Sie hul¬ 
digen einem verfeinerten Epikureismus, 
der aus dem düsteren Zukunftsausblick 
einen neuen Reiz zu sublimem Kultur¬ 
genuß gewinnt. Die andern leiden. Auf 
ihrem Bürgersinn und ihrem Vater¬ 
landsgefühl lastet der unerträgliche 
Druck des hoffnungslosen Niedergangs, 
von dem sie Frankreich bedroht glau¬ 
ben. Im Schwinden der religiösen Über¬ 


zeugung, im Materialismus der Lebens¬ 
auffassung, in der Häufigkeit der revo¬ 
lutionären Krisen finden sie beängsti¬ 
gende Symptome einer unheilbaren 
Krankheit. Wie soll es mit einem Lande 
stehen, das zehnmal in einem Jahrhun¬ 
dert seine Regierungsform gewechselt 
hat? Liegt darin nicht eine Erschlaffung 
der politischen Lebensinstinkte? 

Frary gibt wohl den Ernst der Symp¬ 
tome zu, aber die pessimistischen 
Schlußfolgerungen will er nicht aner¬ 
kennen. Er verweist auf den Nieder¬ 
gang Frankreichs im 18. Jahrh., auf die 
unfähigen Nachfolger Ludwigs XIV., 
die Zersetzung des religiösen Glau¬ 
bens, die schmachvolle Niederlage von 
Roßbach, die nationale Würdelosigkeit, 
die sich darin zeigte, daß man für 
Friedrich den Großen schwärmte, wäh¬ 
rend man sich gleichzeitig von ihm 
schlagen ließ. Aber in demselben Jahre 
1769, in dem das erniedrigte Frankreich 
unter die Mätressenlaunen der Dubarry 
geknechtet wurde, werden Napoleon, 
Chateaubriand, Cuvier geboren: drei zu¬ 
künftige Träger französischer Größe. 

Und so braucht Frankreich auch jetzt 
noch nicht zu verzweifeln. Seine Zu¬ 
kunft wird davon abhängen, was es aus 
seiner Niederlage gelernt hat. Es darf 
sich nicht wieder schlagen lassen. Frary 
verwahrt sich dagegen, den Deutschen¬ 
haß zu predigen. Aber er appelliert an 
die verwundete Vaterlandsliebe aller 
guten Franzosen und an die Furcht vor 
einem deutschen Angriffskriege. Eu¬ 
ropa ist zu klein geworden: die Star¬ 
ken werden die Schwachen auffressen. 
Frankreich hat also nur eine oberste 
Pflicht, sich militärisch zu rüsten, und 
sich so zu rüsten, daß es Deutschland 
technisch überflügelt. 

Frary glaubt an Frankreichs Zu¬ 
kunftsmöglichkeiten, weil er an die 
Demokratie glaubt. Obwohl er alle Ein- 


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51 Felix Behrend, Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz 52 


wände gegen das demokratische Sy¬ 
stem kennt und prüft, findet er darin 
doch die menschenwürdigste Regie¬ 
rungsform. Sie setzt das Gesetz an 


Stelle der Autorität, die Vernunft an 
Stelle des Instinkts. Sie bietet Frank¬ 
reich die Möglichkeit neuen Aufstiegs. 

(Schluß folgt.) 


Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz. 

Von Felix Behrend. 


l. 

Wer die Bedeutung der Reichsschul¬ 
konferenz richtig einschätzen will, muß 
sein Hauptaugenmerk darauf richten, 
daß sie ein Merkstein auf dem Wege 
zur Reidhsschulgesetzgebung ist. Wenn 
auch letzten Endes neben den Ländern 
die Reichsregierung und die politi¬ 
schen Parteien das ausschlaggebende 
Wort über die Entwicklung des deut¬ 
schen Schulwesens zu sprechen ha¬ 
ben, so ist doch allein durch die Tat¬ 
sache der Reichschulkonferenz an¬ 
erkannt, daß sie nicht willkürlich schal¬ 
ten und walten können, sondern daß 
die Sachverständigen und die hin¬ 
ter ihnen stehenden Volkskräfte und 
Kulturströmungen ein gewichtiges Ur¬ 
teil mit in die Wagschale zu werfen 
haben. Es ist wohl kein Zweifel, daß 
die öffentliche Meinung es nicht ge¬ 
statten würde, wenn das Reichsministe¬ 
rium des Innern, das es ausdrücklich 
ausgesprochen hat, daß die Reichs- 
schulgesetzgebung jahre-, ja jahrzehnte¬ 
lang auf das gewonnene pädagogische 
Material zurückgreifen würde, sich über 
die Leitsätze der Ausschüsse und über 
die nach der vereinbarten Geschäfts¬ 
ordnung zu diesen abgegebenen Gut¬ 
achten von Gruppen und Einzelpersön¬ 
lichkeiten hinwegsetzen wollte. 

Gewiß, das Ergebnis der Beratungen 
ist kein eindeutiges. Die Arbeit der 
Ausschüsse ist nicht in festen Beschlüs¬ 
sen der Vollversammlung zum Ab¬ 
schluß gekommen. Auch war die Ar¬ 
beit der Ausschüsse naturgemäß stark 


von ihrer Zusammensetzung abhängig, 
die mehr oder minder zufällig war. 

Trotzdem wäre es voreilig, von der 
Ergebnislosigkeit der Konferenz zu 
sprechen, wie es in einem Teil der 
Presse geschehen ist. Denn erstens bie¬ 
tet die Arbeit der Ausschüsse in kurzer, 
übersichtlicher Form ein umfassendes 
Bild aller wertvollen pädagogischen 
Strömungen, dessen ganze Bedeutung 
sich erst nach der in Aussicht gestell¬ 
ten Veröffentlichung übersehen lassen 
wird, ferner läßt sich auch ohne Ab¬ 
stimmung aus den zustimmenden oder 
ablehnenden Erklärungen ersehen, wie 
die Hauptgruppen über die einzelnen 
Leitsätze denken, und dann dürfen ne¬ 
ben Beschlüssen, Paragraphen und Ge¬ 
setzen die geistigen Imponderabilien 
nicht übersehen werden, und eins der 
wichtigsten war der Eindruck, den die 
große Mannigfaltigkeit der Anschau¬ 
ungen der Vertreter der großen leben¬ 
digen Triebkräfte, von den konfessio¬ 
nellen Gruppen bis zu den Kommu¬ 
nisten auf jeden Teilnehmer machen 
mußte, eine Warnung vor der Selbst¬ 
täuschung, durch die Gesetzgebung eine 
schematische Gleichmachung des deut¬ 
schen Schulwesens erzwingen zu können. 

Wie weit die gesamte Zusammen¬ 
setzung der Schulkonferenz den vor¬ 
handenen kulturellen Strömungen des 
deutschen Volkes und denen des deut¬ 
schen Schulwesens entsprochen hat, läßt 
sich sehr schwer beurteilen. Man wird 
zugeben müssen, daß es sehr schwie¬ 
rig war, eine einigermaßen gerechte 


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53 


Felix Behrend, Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz 


54 


Berücksichtigung aller beteiligten Kreise 
möglich zu machen. Immerhin muß 
festgestellt werden, daß „die noch stark 
nach Licht und Anerkennung ringen¬ 
den neuen Triebkräfte, die organisato¬ 
risch noch wenig entwickelt sind", nach 
eigener Angabe von Staatssekretär 
Heinrich Schulz, in dessen Händen 
die Vorbereitungen lagen, stärker be¬ 
rücksichtigt sind. Das gilt besonders 
von den radikalen Schulreformern, die 
eine weit über ihre zahlenmäßige Be¬ 
deutung hinausgehende Rolle gespielt 
haben. 

Ein ungefähres Bild der Kräftever¬ 
teilung gibt folgende Übersicht, die 
durch Auszählung des amtlichen Teil¬ 
nehmerverzeichnisses gewonnen ist. Von 
rund 640 Teilnehmern waren 91 Ver¬ 
treter der Regierungen, 126 Seminar- 
und Volksschullehrer, 19 Schulauf¬ 
sichtsbeamte, 12 katholische und evan¬ 
gelische Geistliche, 37 Vertreter der po¬ 
litischen Parteien, 21 der Jugendver¬ 
bände, 42 Lehrerinnen und Oberlehre¬ 
rinnen, 53 Vertreter der Universitäten 
und Hochschulen, 53 Philologen, 26 Ver¬ 
treter der Städte und Landgemeinden 
und 160 Vertreter freier Berufe, Fach¬ 
schulen und Einzel Persönlichkeiten (Ver¬ 
treter freier Unterrichtsanstalten, Buch¬ 
händler, Gewerkschaften und Angestell¬ 
tenverbände, Deutscher Beamtenbund 
usw.). Bei Beurteilung dieser Zusam¬ 
menstellung ist zu berücksichtigen, daß 
der größte Teil der Volksschullehrer 
und der Philologen usw. nicht als 
Standesvertreter, sondern für eine Reihe 
von Vereinen, eventuell auch als Ein¬ 
zelpersonen usw. geladen waren, also 
auch zu den Vertretern der freien Be¬ 
rufe usw. gerechnet werden könnten, 
was aus dem amtlichen Verzeichnis 
nicht ersichtlich ist. 

Eine größere Klarheit hätte sich er¬ 
geben, wenn bei Beginn der Tagung 


der Versuch gemacht worden wäre, 
schulpolitische Gruppen zu bilden und 
die Ausschüsse dementsprechend zu¬ 
sammenzusetzen. Eine dahingehende An¬ 
regung wurde aber zunächst von der 
Versammlungsleitung abgelehnt, und so 
fanden sich von vornherein nur kleinere 
Gruppen, wie die katholischen Schul¬ 
politiker u. a., zusammen. Erst als nach 
Beendigung der Ausschußarbeit die 
Frage der Abstimmung in der Vollver¬ 
sammlung akut wurde, bildete man 
5 solcher Gruppen. 

1. Gruppe der konfessionellen Or¬ 
ganisationen. 2. Gruppe der Philologen 
und Hochschullehrer. 3. der Fortbil- 
dungs- und Fachschulen. 4. Gruppe der 
Volksschullehrer und 5. der radikalen 
Schulreformer, wobei sich die beiden 
ersten und die beiden letzten Gruppen 
etwa die Wage hielten. Freilich waren 
die Ausschußarbeiten ja bereits zu Ende 
und damit die Möglichkeit einer prak¬ 
tischen Verständigung nicht mehr ge¬ 
geben. 

2 . 

Die Tagesordnung der Schulkonfe¬ 
renz hatte drei Gegenstände als die 
wichtigsten dadurch hervorgehoben, 
daß sie in den Vollsitzungen bespro¬ 
chen wurden. Doch begann auch über 
sie der Versuch des Ausgleichs erst 
in den Ausschüssen. Es waren dies: 
„Schularten, Schulziele und organisa¬ 
torische Zusammenfassung zur Ein¬ 
heitsschule“, „Lehrerbildung" und „Ar¬ 
beitsschule". 

Die dringlichste Aufgabe war die 
erste; ihr Ergebnis interessiert auch die 
Öffentlichkeit am meisten, und gerade 
in dieser Frage der Einheitsschule ist 
es gelungen, im Ausschuß für „Schul¬ 
aufbau“ ein befriedigendes Ergebnis zu 
erzielen. Die Mehrheit einigte sich auf 
folgender Grundlage. Die Grundschule 
bleibt vierjährig. Um jedoch den ver- 


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Felix Behrend, Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz 


schiedenen Begabungen gerecht zu wer¬ 
den, ist sie als differenzierte Schule 
nach Art des Mannheimer Systems auf¬ 
zubauen (einstimmig angenommen); 
ferner soll sie Einrichtungen erhalten, 
die es besonders Begabten ermöglichen, 
schon in drei Jahren zum Ziele zu ge¬ 
langen. 

Von der Grundschule führen drei 
Hauptzüge weiter, der Zug für die nor¬ 
mal Begabten, der Zug für die praktisch 
und künstlerisch Begabten, der je nach 
den Verhältnissen mit der Volksschule 
vereinigt bleiben oder als selbständige 
Schule (preußische Mittelschule) auf¬ 
gebaut werden kann, und der Zug für 
die erkenntnismäßig Begabten (höhere 
Schule). 

Die höhere Schule ist neunjährig. 
Ihre dreijährige Mittelstufe, die in der 
Regel nach dem Reformsystem mit 
einer lebenden Fremdsprache aufge¬ 
baut werden soll, kann auch mit der 
Volksschule vereinigt werden, wenn 
keine Vollanstalt am betreffenden Orte 
lebensfähig ist. Daneben bleibt esLän-, 
dern und Gemeinden unbenommen, die 
höheren Schulen alten Stils, die sich 
bewährt haben, bestehen zu lassen. 

Dieser ganze Aufbau kennzeichnet 
sich durch die Namen der Antragstel¬ 
ler Tews, Deutschbein, Sickinger, Rein, 
Hofstätter, Behrend, Steinhäuser, Rutz 
als Kompromiß zwischen Volksschul¬ 
lehrern, Mittelschullehrern, Philologen 
und einem Teil der Hochschullehrer. 

Allen weitergehenden Wünschen der 
Minderheiten soll durch ausreichende, 
aber begrenzte Versuche Rechnung ge¬ 
tragen werden. So sollen in jeder Pro¬ 
vinz bzw. jedem Staat eine sechs- bis 
achtjährige Grundschule mit anschlie¬ 
ßenden weiterführenden Bildungsanstal¬ 
ten zugelassen werden, aber nur an 
Orten, wo die bestehenden Schularten 
nicht gefährdet werden. Es wurde be¬ 


56 


sonders dabei ausgesprochen, daß diese 
Einrichtung in erster Reihe dem platten 
Lande zugute kommen soll, durch des¬ 
sen Vernachlässigung die Notwendig¬ 
keit solcher Schulen begründet wird. 
Die Fürsorge für Landschüler kam übri¬ 
gens noch in einem besonderen An¬ 
trag zum Ausdruck. Ferner sollen sechs¬ 
jährige Aufbauschulen auf die Volks¬ 
schulen und neunjährige deutsche Ober¬ 
schulen versuchsweise eingerichtet wer¬ 
den. Letztere werden wesentlich auf 
Deutschkunde gestellt, lehren eine le¬ 
bende Fremdsprache und haben in den 
letzten Schuljahren wahlfreien Latein¬ 
unterricht. 

Es wurde dann noch gegen die an¬ 
wesenden Mädchenschuldirektoren der 
Antrag angenommen, daß das Mäd¬ 
chenschulwesen nach denselben Grund¬ 
sätzen zu regeln ist wie das Knaben¬ 
schulwesen. Es erscheint fraglich, ob 
bei der Abstimmung Klarheit darüber 
herrschte, daß damit das Lyzeum als 
Schulform abgeschafft würde. 

3. 

Im Plenum wurde die Abstimmung 
über die Leitsätze für „Schulaufbau" 
und „Lehrerbildung" mit 256 gegen 203 
Stimmen abgelehnt, nachdem die Mög¬ 
lichkeit über die Beschlüsse der an¬ 
deren Ausschüsse abzustimmen be¬ 
reits allseitig fallen gelassen war. Die 
Mehrheit begründete ihr Votum mit der 
technischen Undurchführbarkeit; dieser 
Meinung hat sich nachträglich auch 
Staatssekretär Schulz in einer Unter¬ 
redung im Berliner Tageblatt vom Don¬ 
nerstag, den 1. Juli angeschlossen. Es 
entspricht auch der Anschauung der 
Mitglieder des preußischen Ministeriums 
für Wissenschaft, Kunst und Volksbil¬ 
dung, die die Arbeit in den Ausschüs¬ 
sen mitgemacht haben. Bei der großen 
Zahl von Anträgen mit Zusätzen und 


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Felix Behrend, Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz 


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Gegenanträgen, sich kreuzenden Anträ¬ 
gen usw. wäre die Durchführung der 
Abstimmung zweifellos unmöglich ge¬ 
wesen, zumal sie namentlich sein sollte. 
Die Minderheitsführer sahen dagegen in 
der Ablehnung das Kennzeichen rück¬ 
schrittlicher Gesinnung in Schulfragen. 
Dies stimmt sicher nicht, da z. B. auch 
Gewerkschaften und freireligiöse Ver¬ 
treter zur Mehrheit gehörten. 

Es ist aber trotzdem möglich, ein 
Bild davon zu gewinnen, wie sich ein 
großer Teil der Konferenz zu den Be¬ 
schlüssen dieses wichtigen Ausschusses 
gestellt hätte. Die Philologen versuch¬ 
ten nämlich die fehlende Abstimmung 
durch folgende Erklärung zu ersetzen, 
die von den großen für die Schulauf¬ 
baufrage wichtigen Verbänden gemein¬ 
sam abgegeben werden sollte: 

„Wir halten die im Ausschuß 2 
(Schulaufbau) gefaßten Mehrheitsbe¬ 
schlüsse für eine ausreichende und aus¬ 
sichtsvolle Grundlage für die Weiter¬ 
arbeit am Aufbau des deutschen Schul¬ 
wesens. 

Ohne daß eine der Hauptgruppen 
von ihren Grundsätzen etwas aufgibt, 
ist eine Verständigung darüber erfolgt, 
daß in voller Freiheit Versuche stetiger 
Fortbildung oder mehr oder minder 
durchgreifender Änderung unserer Schu¬ 
len gemacht werden sollen, während 
das bestehende Schulwesen in seinem 
Gesamtumfang nicht beunruhigt oder 
erschüttert werden soll. 

Wir halten es für selbstverständlich, 
daß alle beteiligten Kreise in eine vor¬ 
urteilslose Prüfung des durch diese Ver¬ 
suche erziehen Erfolges eintreten wer¬ 
den und ihre weitere Stellungnahme 
vom Ergebnis derselben abhängig ma¬ 
chen werden.“ 

Dieser Erklärung hatten sich dieGruppe 
der Philologen und Hochschullehrer und 
der Hauptteil der konfessionellen Gruppe 


und auch die Führer der Volksschulleh- 
rerschaft Tews und Pretzel angeschlos¬ 
sen. Die Volksschullehrer verweigerten 
ihnen aber die Gefolgschaft, so daß die 
Aktion ins Wasser fiel. Auch das preußi¬ 
sche Kultusministerium hat sich einem 
Pressevertreter gegenüber im obigen 
Sinne ausgesprochen, und dabei einen 
Gedanken von Goldbeck mit aufgenom¬ 
men, der merkwürdigerweise keine 
Mehrheit im Ausschuß fand, obgleich 
er eigentlich den radikalen Anschau¬ 
ungen stark entgegenkam. Es handelte 
sich um eine Art geistiger Planwirt¬ 
schaft, indem durch sorgfältig zusam¬ 
mengesetzte Kommissionen unter ge¬ 
nauer Berücksichtigung der lokalen In¬ 
teressen die Struktur des Schulwesens 
der einzelnen geographischen Gebiete 
festgelegt werden sollte. 

Die an den Bericht über die Ver¬ 
handlungen des Ausschusses anschlie¬ 
ßenden Erklärungen in der Vollver¬ 
sammlung halten sich im wesentlichen 
auch an die durch Kompromiß erziel¬ 
ten Mehrheitsbeschlüsse. Sie wünschen 
auf der einen Seite Erweiterung, auf 
der andern Einschränkung der Ver¬ 
suchsmöglichkeiten. Tews verlangt, daß 
für Versuche nur das Bildungsbedürf¬ 
nis maßgebend sein dürfe und daß die 
Mittelstufe für erkenntnismäßig Be¬ 
gabte stets mit der Grundschule ver¬ 
bunden sein solle. Beachtenswerte Stim¬ 
men von Universitätslehrern (klassische 
Philologen und Germanisten) wenden 
sich gegen die deutsche Oberschule und 
die Aufbauschule, die keine hinrei¬ 
chende Vorbereitung auf eine Reihe von 
Studienfächern gewähren können, Ker- 
schensteiner gegen die letztere, weil 
sie die Schüler überlasten werde, die 
Humanisten, auch Kerschensteiner und 
Harnack verlangen ferner, daß auch bei 
Neugründungen Mittelstufen mit La¬ 
teinunterricht möglich sein müßten, und 


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Felix Behrend, Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz 


i 


zum Schluß warnt Kerschensteiner 
nochmals vor zu weitgehender Zentra¬ 
lisation. „Das Reichsschulamt möge in 
Gestalt einer Taube wie der Heilige 
Geist, nicht aber wie das selige preu¬ 
ßische Generalkommando über dem 
Schulwesen schweben.“ 

Den Beruf- und Fachschulen ist eine 
ihrer Bedeutung entsprechende Behand¬ 
lung in der Vollversammlung nicht zu¬ 
teil geworden. Auch ihre Eingliede¬ 
rung in den Bau der Einheitsschule und 
die damit verknüpften Berechtigungs¬ 
fragen sind im Ausschuß für Schul¬ 
bau nicht besprochen, wohl deswegen, 
weil sie Gegenstand der Beratungen 
einer besonderen Kommission waren. 
Diese hat eine sehr glückliche Vor¬ 
arbeit mit ganz bestimmten Vorschlä¬ 
gen gemacht. Hervorzuheben ist der 
„Entwurf eines Reichsschulgesetzes über 
Berufsschulpflicht“ bis zum Beginn des 
18. Lebensjahres mit durchschnittlich 
320 Jahresstunden, die in den Stunden 
von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends 
stattfinden müssen (mit Ausnahme des 
Turnens), und der durchgeführte Plan 
von Wirtschaftsschulen für Schüler mit 
abgeschlossener Volksschulbildung mit 
dem Zweck, durch wirtschaftliche, 
rechtliche und soziale Ausbildung für 
gehobene Stellen im öffentlichen und 
privaten Dienst vorzubereiten. 

Auch Volkshochschulen und freies 
Volksbildungswesen traten zurück. Über 
dies Thema war auch kaum Neues zu 
erwarten. Dasselbe gilt auch von den 
Kindergärten. 

4. 

Weit größer waren die Gegensätze, 
die im Ausschuß für Lehrerbildung 
zum Austrag kommen sollten, da sie 
(nicht nur gradueller, sondern prinzipiel¬ 
ler Natur waren. Es ist daher eigentlich 
höchstens wunderbar, daß man über¬ 


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H ___.___ 


haupt zu Leitsätzen gekommen ist Und 
es ist auch ein großer Teil der Schwie¬ 
rigkeiten in diesen einfach umgangen. 
Einig war man sich nur darin, daß 
künftig die Volksschullehrer eine neun¬ 
jährige höhere Schule besuchen sollen. 
Die Frage, ob ein „einheitlicher Lehrer¬ 
stand" entstehen soll, ist so verschleiert 
daß jede Partei heraussehen kann, was 
sie will. Eine klare Entscheidung über 
die weitere Ausbildung der Volksschul¬ 
lehrer wird vermieden. Sowohl die Be¬ 
gründung pädagogischer Fakultäten 
wie die ausschließliche Übernahme der 
Berufsbildung durch neu zu begrün¬ 
dende pädagogische Akademien wurde 
abgelehnt. 

Statt dessen wurde der Weg des Ver¬ 
suchs vorgeschlagen. Es kommen zur 
Ausbildung in Frage: pädagogische In¬ 
stitute im Anschluß an Universitäten 
unter Heranziehung von Universitäts¬ 
lehrern aller Fakultäten, Übernahme der 
Ausbildung durch die philosophischen 
Fakultäten oder die allgemeinwissen¬ 
schaftlichen Abteilungen der techni¬ 
schen Hochschulen oder besondere päd¬ 
agogische Berufshochschulen. 

Über die Fachausbildung wird wenig 
gesagt; es wird nur abschließendes Stu¬ 
dium mindestens eines besonderen Fach¬ 
gebiets wissenschaftlicher, künstleri¬ 
scher oder technischer Art verlangt. 

Ein klares Bild über die Gesamt¬ 
ausbildung der Volksschullehrer ist aus 
diesen Angaben nicht zu gewinnen, da 
weder die Dauer des Studiums noch 
der Umfang der fachwissenschaftlichen 
Studien noch Art und Dauer der Ein¬ 
führung in die pädagogische Praxis 
ausreichend gekennzeichnet sind. Un¬ 
umgänglich wäre die Angabe gewesen, 
wie die enzyklopädischen Kenntnisse 
in Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Na¬ 
turkunde, Staatsbürgerkunde usw. und 
die Fertigkeiten im Zeichnen, Singen, 


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Felix Behrend, Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz 


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Turnen usw. erworben werden sollen 
und ob unter vollem Studium eines 
Faches, z. B. Englisch und Pädagogik 
und Philosophie, ein drei- bis vierjäh¬ 
riges Studium verstanden werden soll. 

Es ist daher begreiflich, daß in der 
Vollversammlung nur wenige geneigt 
waren, auf den Boden der Ausschu߬ 
leitsätze zu treten. Für die alten Semi¬ 
nare, an denen so bittere Kritik geübt 
wurde, traten nur Gaudig und Kultus¬ 
minister Seyffert ein, psychologisch in¬ 
teressant, da beide in dem in Volks¬ 
schullehrerfragen stets vor Preußen 
vorausgehenden Sachsen ihre Erfahrun¬ 
gen gesammelt haben. Die Hochschul¬ 
lehrer waren geteilter Meinung. Die 
Hauptgruppe unter Führung vonSpran- 
ger, Tröltsch und Harnack lehnte das 
Studium der Volksschullehrer ab und 
hielt daran fest, daß die Differenzie¬ 
rung zwischen wissenschaftlichem Leh¬ 
rerstand und „Volksschullehrerstand“ 
notwendig sei. Die Philologen äußer¬ 
ten sich nicht, doch ist kein Zweifel, 
daß sie nach wie vor in der pädagogi¬ 
schen Akademie, wie sie in ganz be¬ 
stimmten Formen in den Arbeiten des 
Zentralinstituts für Erziehung und Un¬ 
terricht nach Vorschlägen von Spran- 
ger und Frischeisen-Köhler vorliegt, die 
geeignete Anstalt für die Berufsbildung 
der Volksschullehrer sehen. Sie ließen 
aber durch einen ihrer Redner beson¬ 
ders betonen, daß ihr Standesinteresse 
eine starke Hebung des Volksschulleh¬ 
rerstandes erwünscht erscheinen läßt, 
um die Gleichberechtigung mit den Ver¬ 
waltungsbeamten zu erkämpfen. Ein 
weiteres schweres Hemmnis für die 


neuen Vorschläge bildet die Tatsache, 
daß die katholischen Lehrerverbände 
konfessionelle Lehrervorbereitungsan¬ 


stalten verlangen. Interessant ist noch, 
daß für die Fachschullehrer eine be¬ 
sondere pädagogische Vorbereitung nicht 


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für nötig erachtet wird. Nach dem Ge¬ 
samtausfall dieser Besprechungen er¬ 
scheint eine sorgfältige Ausarbeitung 
von durchgeführten Lehrplänen für die 
verschiedenen vorgeschlagenen Wege 
unerläßlich, ehe an eine Gesetzgebung 
gedacht werden kann. Namentlich ist 
eine grundsätzliche Festlegung ohne 
diese Vorarbeiten wertlos. 

5. 

Das dritte Hauptthema war der Ar¬ 
beitsunterricht. Die Ansichten über die¬ 
sen Gegenstand gehen deshalb so weit 
auseinander, weil bei der Vieldeutigkeit 
des Wortes Arbeit sehr Verschiedenes 
darunter verstanden wird. An anderer 
Stelle 1 ) habe ich ausführlich dargelegt, 
daß zum mindesten die folgenden Be¬ 
deutungen zu unterscheiden sind: Ar¬ 
beit als natürliches physisches und psy¬ 
chisches Phänomen, als technisches Ver¬ 
fahren, als soziale Erscheinung, als Prin¬ 
zip der Produktivität gegenüber der 
Rezeptivität. 

Die Berichterstatter und die Leitsätze 
über den Arbeitsunterricht trennen nun 
auch scharf zwischen Arbeit in der 
Form schaffenden Lernens als Lehr¬ 
grundsatz (Prinzip der Produktivität) 
und „Werkunterricht“ (technische Ar¬ 
beit), und es kann keinem Zweifel un¬ 
terliegen, daß alle Teilnehmer sich dar¬ 
über einig sind, daß der Prozeß die 
Schularbeit im Sinne des ersten Grund¬ 
satzes einzustellen, der in allen Schul¬ 
gattungen nach ergänzenden Ausfüh¬ 
rungen einer Reihe von Lehrern bereits 
einen erheblichen Umfang angenommen 
hat, zu unterstützen und zu beschleu¬ 
nigen ist, während die manuelle An¬ 
wendung sich in ihrem Umfange nach 
der Schulart richten muß. 

Nicht zur Klarheit gekommen ist es 

1) Das Schuhjrogramm der Sozialdemo¬ 
kratie von Dr. F. Behrend. Preußische Jahr¬ 
bücher, Bd. 179, Februar 1920. 


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Felix Behrend, Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz 


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über die soziale Seite des Arbeitsbe¬ 
griffs, die unnötigerweise mit den bei¬ 
den genannten Forderungen verknüpft 
wird. Die Schule soll so umgebildet 
werden, daß sie nicht bloß eine Unter¬ 
richtsveranstaltung, sondern eine plan¬ 
mäßig aufgebaute erziehliche Arbeits¬ 
gemeinschaft sei. Nun ist letzteres of¬ 
fenbar jede Schule, und es handelt sich 
nur um eine besondere Form derselben, 
„die Solidarität der Schülerarbeit und 
Lehrerarbeit“. So sicher in dieser Auf¬ 
fassung ein gesunder Kern steckt, so 
sicher ist, daß sie noch nicht hinrei¬ 
chend den wirklichen Menschen und 
den wirklichen Verhältnissen angepaßt 
ist. Man darf sagen, daß die gegen¬ 
sätzlichen Anschauungen über diesen 
Punkt, die tief in der Weltanschauung 
verankert sind, die ganze Dauer der 
Verhandlung hindurch, immer wieder 
zum Ausdruck kamen. Sehr treffend 
charakterisierte sie Goldbeck, wohl in 
Anlehnung an das bekannte Buch von 
Cassirer, als den Kampf von Freiheit 
und Form. Die radikalen Schulrefor¬ 
mer möchten am liebsten die Schulen 
als Arbeitsgemeinschaft von Gleichge¬ 
sinnten, wenn möglich unter Wahl des 
Führers durch die Schüler und mög¬ 
lichst freier Wahl der Unterrichtsgegen¬ 
stände zur Weckung freier Gestaltungs¬ 
und Schaffensfreude nach eigener An¬ 
lage und Neigung; demgegenüber be¬ 
tonten Goldbeck, Harnack und der Ver¬ 
fasser dieser Zeilen, daß die Arbeit sich 
in den großen, zusammenhängenden Kul¬ 
turprozeß einordnen müsse und daß 
dazu Autorität und Pflichtarbeit un¬ 
erläßlich seien. Diese Ansichten fan¬ 
den natürlich auch die Unterstützung 
der konfessionellen Gruppen. 

6 . 

Im engen Zusammenhang mit der Ar¬ 
beitsschulfrage stehen die Leitsätze einer 


Reihe anderer Ausschüsse, nämlich über 
körperliche Erziehung, über Schulhy¬ 
giene, über Staatsbürgerkunde, über 
Kunsterziehung und über Schule und 
Heimat. Bei allen Forderungen der¬ 
selben handelt es sich nur um die be¬ 
sondere Durchführung der allgemeinen 
Grundsätze des Arbeitsunterrichts. Es 
ist kaum ein Zweifel, daß fast alle 
Teilnehmer der Schulkonferenz diesen 
Forderungen sympathisch gegenüber¬ 
standen, aber es traf den Nagel auf den 
Kopf, was die Universitätslehrer der 
Pädagogik und eine stattliche Zahl der 
Philologen und anderer Gruppen in 
einer Erklärung zum Ausdruck brach¬ 
ten, daß die Einführung aller dieser 
Gegenstände als neuer Lehrfächer aus¬ 
geschlossen sei. Es ist klar, daß jeder 
dieser Ausschüsse gerade seinen Gegen¬ 
stand für besonders wichtig hielt und 
den Gesamtlehrplan der Schule vergaß. 
Es hätte auch noch hinzugefügt werden 
sollen, daß die Anforderungen die an 
die Lehrer, und zwar an alle Lehrer ge¬ 
stellt werden sollen: Einführung in den 
Gesamtunterricht (Berthold, Otto) und 
Werkunterricht, Einführung in die Hei¬ 
materkundung und Heimatforschung, 
Studium des Auslanddeutschtums, Prü¬ 
fung in staatsbürgerlicher Allgemein¬ 
bildung, Prüfung in Anatomie, Physio¬ 
logie und Hygiene, Lehrgang für Lei¬ 
besübungen usw. sich in ihrer Gesamt¬ 
heit selbst ad absurdum führen. Übri¬ 
gens fällt hiervon rückwärts wieder 
ein Schlaglicht auf die enzyklopädi¬ 
schen Anforderungen an den Lehrer 
und ihren Gegensatz zum wissenschaft¬ 
lichen Fachstudium. 

An den Arbeitsunterricht knüpfen 
auch die Beratungen über Schüleraus¬ 
lese an. Die von Rektor Götze ver¬ 
tretene Richtung glaubt, daß durch d:e 
neue Form der Schule, beim Gestalten, 
Schaffen und Handeln des Schülers eine 


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Felix Behrend, Das Ergebnis der Reichsschulkonferenz 


Art Selbstauslese eintritt, die nur durch 
den jugendkundlich geschulten Lehrer 
unterstützt zu werden braucht, um die 
richtige Wahl des Bildungsganges und 
Berufes herbeizuführen. Gegenüber die¬ 
ser einseitigen Auffassung wiesen die 
Universitätslehrer der Pädagogik auf 
die Bedeutung der Psychologie und Be¬ 
gabungsforschung, die katholischen Leh¬ 
rer auf die Bedeutung der Eltern für 
die Berufswahl hin. Zweifellos ist es 
aber richtig, daß eine wohlentwickelte 
Einheitsschule wenigstens eine Art ne¬ 
gativer Auslese gewährleistet. 

Gemäß dieser idealen erzieherischen 
Arbeitsgemeinschaft denken sich die Re¬ 
former auch das innere Leben der 
Schule. In den reichlich einseitig zu¬ 
sammengesetzten Ausschüssen über 
: ,Schüler", über „Schulleitung und 
Schulverwaltung“ und über „Eltembei- 
räte“ konnten sie fast restlos ihre An¬ 
sichten durchsetzen. Die Folge war ein 
Sturm von Protesterklärungen. Auf die¬ 
sen Gebieten kann man daher auch 
nicht einmal von einer Annäherung der 
Meinungen sprechen. Es dreht sich nicht 
mehr um Schulgemeinde und Schüler¬ 
ausschüsse, die selbstverständlich er¬ 
scheinen, obgleich es noch Jahre dauern 
wird, bis sie etwas Innerliches bedeu¬ 
ten. Vielmehr wird zur Sicherheit der 
Entwicklungsfreiheit der Jugendlichen 
gefordert: volle Vereins- und Versamm¬ 
lungsfreiheit (auch außerhalb der Schule), 
volle Freiheit der religiösen Entschei¬ 
dung, Mitbestimmungsrecht bei Kon¬ 
ferenzen in Schülerfragen, freier Ver¬ 
kehr zwischen Lehrern und Schülern, 
Freiheit für Schulen mit Koedukation. 

So radikal die Freiheit für die Schü¬ 
ler sein soll, ebenso radikal auch für 
die Lehrer, ohne irgendeinen Unter¬ 
schied zwischen den Schularten zu ma¬ 
chen. Die kollegiale Schulleitung ist 
voll und ganz durchzuführen. Der 

Internationale Monatsschrift 


66 

Schulleiter, der für innere Schulange¬ 
legenheiten dem Kollegium, für äußere 
den zuständigen Behörden verantwort¬ 
lich ist, wird auf Grund eines Wahl¬ 
vorschlages des Lehrkörpers, der drei 
Namen enthält, von den schulunter¬ 
haltungspflichtigen Behörden auf sechs 
Jahre gewählt. Dem Schulleiter wird 
auch die Aufgabe der Ausbildung jun¬ 
ger Lehrer genommen. Diese wählen 
sich einen Führer allerdings mit Zu¬ 
stimmung der Aufsichtsbehörde. 

Besonders scharf wurden diese gan¬ 
zen Anschauungen von den Lehrern 
an den höheren Schulen, übrigens un¬ 
ter Unterstützung von Kerschensteiner 
zurückgewiesen. 

In Sachen der Elternbeiräte war die 
Hauptdifferenz die Frage, ob reine El¬ 
ternbeiräte oder Schulpflegschaften, die 
aus den Eltern, Lehrern und Vertretern 
der Religionsgemeinschaften und von 
Gemeinde und Staat bestehen. Außer¬ 
dem wird verlangt: weitgehendes Ho¬ 
spitierrecht der Eltern, Mitwirkung der 
Elternbeiräte bei Verwaltung der Schu¬ 
len, Mitarbeit bei Erlaß wichtiger Ge¬ 
setzesvorlagen und Verordnungen, Zu¬ 
sammenarbeit mit den Lehrerräten. 

7. 

Hat man schon bei diesen Auseinan¬ 
dersetzungen stark das Gefühl der Zu¬ 
kunftsmusik, so sieht man die ganze 
Schwere der Aufgaben, die für die Ver¬ 
einheitlichung des Schulwesens noch zu 
leisten ist, wenn man die Leitsätze der 
Ausschüsse über Verwaltung des öf¬ 
fentlichen Schulwesens im Reich, über 
Privatschulen und über technische Ver¬ 
einheitlichung des Schulwesens liest. 
Zweifellos hat das meiste allgemeinen 
Anklang gefunden, aber wie dornen¬ 
voll wird der Weg der Durchführung 
sein, man denke an den Ausgleich in 
der Schulunterhaltung zwischen Reich, 

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W. Platzhoff, Hindenburgs Selbstbiographie 


70 


Stellung meistert. Gewiß auch er 
schreibt wie Ludendorff, Falkenhayn 
und all die anderen den einfach kla¬ 
ren Stil des preußischen Generalstabs¬ 
offiziers, aber die lebendige Anschau¬ 
lichkeit, der Bilderreichtum und zumal 
die innere Wärme, die das ganze Werk 
durchzieht, fließen doch aus seinem 
eigensten Wesen heraus. Man braucht 
nur die Erinnerungen Ludendorffs da¬ 
neben zu halten, um sofort den Unter¬ 
schied zwischen den beiden Persön¬ 
lichkeiten zu erkennen — dort die rast¬ 
lose, leidenschaftliche, schroffe Kämp¬ 
fernatur, hier den abgeklärten, ruhig 
abwägenden, im Grunde seines Her¬ 
zens milden Mann. Man sieht es förm¬ 
lich, wie gut sie sich ergänzten. 

Ihr Verhältnis wird die Forschung noch 
viel beschäftigen. Den oft gebrauchten 
Vergleich mit Blücher und Gneisenau 
lehnt Hindenburg ab. Er nennt ihr ge¬ 
genseitiges Verhältnis das einer glück¬ 
lichen Ehe. in der der Außenstehende das 
Verdienst des einzelnen nicht scharf ab¬ 
grenzen kann. „Man trifft sich im Denken 
wie im Handeln, und die Worte deseinen 
sind oftmals nur der Ausdruck der Ge¬ 
danken und Empfindungen des anderen. 
Eine meiner vornehmsten Aufgaben.... 
sah ich darin, den geistvollen Gedan¬ 
kengängen, der nahezu übermensch¬ 
lichen Arbeitskraft und dem nie er¬ 
mattenden Arbeitswillen meines Chefs 
soviel als möglich freie Bahn zu las¬ 
sen und sie ihm, wenn nötig, zu schaf¬ 
fen. ... Auf die Harmonie unserer krie¬ 
gerischen und politischen Überzeugun¬ 
gen gründete sich die Einheitlichkeit 
unserer Anschauungen in dem Gebrauch 
unserer Streitmittel. Verschiedenheiten 
der Auffassungen fanden ihren natür¬ 
lichen Ausgleich und Abgleich, ohne 
daß das Gefühl gemachter Nachgiebig¬ 
keiten auf einer oder der anderen Seite 
jemals störend dazwischentrat.“ Nach 


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der Entlassung Ludendorffs „war mir 
zumute, wie wenn ich von der Be¬ 
erdigung eines mir besonders teueren 
Toten in die verödete Wohnung zurück¬ 
kehrte“. Einen schöneren Nachruf wird 
niemand dem General Ludendorff schrei¬ 
ben können. Aus ihm spricht die reine, 
tiefinnerliche Menschlichkeit des Feld¬ 
marschalls, die seinem ganzen Buche 
das Gepräge gibt. 

Über dem ersten, bis 1914 reichen¬ 
den Teil liegt ein besonders intimer 
Reiz. Hier erzählt Hindenburg von sei¬ 
nem Vaterhaus und den Kadettenjah¬ 
ren in Wahlstatt und Berlin, von seinem 
Eintritt in das Heer und seinen Kriegs¬ 
erlebnissen 1866 und 1870,71, von der 
langen militärischen Friedensarbeit, die 
ihn 1903 an die Spitze des IV. Armee¬ 
korps brachte, und schließlich von sei¬ 
nem selbstgewählten Abschied (1911) 
und seinem ersten Ruhestand. Hier 
plaudert er von seinem eigenen Fami¬ 
lienleben und seinen persönlichen Er¬ 
innerungen an Kaiser Wilhelm I. und 
seine Paladine, von seinen Interessen 
und Liebhabereien. Der Rückblick klingt 
aus in einem von innerster Überzeu¬ 
gung getragenen Lobpreis auf das alte 
deutsche Heer und die deutsche Hee¬ 
reserziehung, „die große Schule für Or¬ 
ganisation und Tatkraft“. 

Der zweite Abschnitt beginnt mitx 
einer kurzen Betrachtung über die deut¬ 
sche Politik vor dem Weltkrieg. Mit 
ihr hat er sich erst seit seinem Aus¬ 
scheiden aus dem aktiven Dienst be¬ 
faßt, aber lediglich „in dem Rahmen 
eines stillen Beobachters". Er sei st 
bezeichnet sich als eine unpolitische 
Natur, der eine Betätigung innerha’b 
der Gegenwartspolitik widersprach; 
„vielleicht war hierfür mein Hang z r 
politischen Kritik zu schwach, vielleicht 
auch mein soldatisches Gefühl zu stark 
entwickelt“. Wir wissen heute, daß er 

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72 


W. Platzhoff, Hindenburgs Selbstbiographie 


deshalb in weiser Selbsterkenntnis je¬ 
den Gedanken an das Reichskanzleramt 
von sich gewiesen hat. Auch als Chef 
des Generalstabes des Feldheeres hat 
er sich nicht mehr als unbedingt not¬ 
wendig mit den politischen Fragen be¬ 
schäftigt. Diese Notwendigkeit ergab 
sich ihm vor seinem Gewissen dann, 
wenn „die Bestrebungen anderer uns 
nach meiner Überzeugung auf eine be¬ 
denkliche Bahn führten, wenn ich nicht 
da zur Tat getrieben hätte, wo ich Ta¬ 
tenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemer¬ 
ken glaubte, wenn ich endlich meine 
Ansichten für Gegenwart und Zukunft 
nicht dann mit aller Schärfe vertreten 
hätte, wenn die Kriegführung und die 
zukünftige militärische Sicherheit mei¬ 
nes Vaterlandes durch politische Ma߬ 
nahmen berührt oder gar gefährdet 
wurden“. 

Wann diese Fälle eintraten, deutet 
er — ganz anders als Ludendorff — 
nur kurz an. Die Konflikte mit der 
Reichsleitung und die Kanzlerkrisen 
von 1917 werden bloß gestreift. Von 
Kaiser Wilhelm II. spricht er stets als 
„meinem Allerhöchsten Kriegsherrn“, 
er fühlt sich ganz als preußischer Of¬ 
fizier und enthält sich jeder Kritik. Aus 
seiner Abneigung gegen die parlamen¬ 
tarische Entwicklung und die Herr¬ 
schaft der Parteien macht er keinen 
Hehl. Die Friedensresolution des Reichs¬ 
tages schreibt er dem Mangel an po¬ 
litischer Selbstzucht und dem Fehlen 
einer von kosmopolitischen Schwärme¬ 
reien völlig freien Vaterlandsliebe zu. 
Sein Kriegsziel war ein Friede, der 
Deutschlands Stellung in der Welt ge¬ 
gen politische Vergewaltigungen si¬ 
cherte und es zu einer starken Stütze 
für seine Bundesgenossen machte. „Auf 
welchen politischen und geographischen 
Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, 
war für mich als Soldat eine Frage 


zweiter Linie; die Hauptsache war, daß 
es erreicht wurde.“ Damit war seine 
Stellung zu allen großen Fragen, die 
der Krieg aufwarf, gegeben, zu der 
amerikanischen Vermittlung und dem 
Unterseebootkrieg sowohl wie zu der 
Friedensresolution und der polnischen 
Frage. Sie deckt sich völlig mit der 
Haltung Ludendorffs, nur daß sie wie¬ 
derum nicht so schroff zum Ausdruck 
kommt. Im einzelnen stützte er sich 
natürlich auf das Votum der zustän¬ 
digen Stellen — so hat er bei dem un¬ 
glücklichen Plan einer polnischen Armee 
seine eigenen nur allzu berechtigten 
Bedenken vor dem Optimismus Beselers 
unterdrückt —, aber in allem ließ er 
auch den gesunden Menschenverstand 
mitsprechen, den er in besonders hohem 
Maße sein eigen nennen kann. 

Aus ihm heraus stand er schon vor 
dem Kriege der vielberufenen „Nibe¬ 
lungentreue“ skeptisch gegenüber. Der 
Satz „Unsere Bündnispolitik richtete sich 
mehr nach einem Ehrenkodex als nach 
den Bedürfnissen unseres Volkes und 
unserer Weltlage" charakterisiert tref¬ 
fend die deutsche Bündnispolitik nach 
1890. Er selbst hat ihre Folgen als 
Führer eines Koalitionskrieges vor al¬ 
lem spüren und auskosten müssen. 
Nowacks Schrift „Der Weg zur Kata¬ 
strophe“ und die Erinnerungen des Ge¬ 
nerals. v. Cramon haben die tiefen Ge¬ 
gensätze zwischen Berlin und Wien und 
zwischen der deutschen O.H.L. und 
dem österreichischen Armeeoberkom¬ 
mando inzwischen vor aller Welt ent¬ 
hüllt, bei Hindenburg kann man höch¬ 
stens zwischen den Zeilen davon lesen. 
Allerdings betont er das Mißverhält¬ 
nis zwischen den politischen Ansprü¬ 
chen der Doppelmonarchie und ihren 
innerpolitischen sowie militärischenKräf- 
ten, und verschweigt auch die Schwä¬ 
chen ihres Heerwesens und den Mangel 


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74 


W. Platzhoff, Hindenburgs Selbstbiographie 


an Hilfsbereitschaft gegenüber dem 
deutschen Verbündeten nicht, aber immer 
wieder hebt er zur Entschuldigung die 
unendlichen inneren Schwierigkeiten des 
Habsburgerreiches hervor. Zu scharfen 
Ausfällen und Anklagen, von denen 
Nowacks Buch geradezu strotzt, läßt er 
sich in seiner vornehmen Ritterlichkeit 
nirgends hinreißen, und die Beurtei¬ 
lung Czemins und zumal Kaiser Karls 
ist zweifellos zu schonend. Volles Lob 
zollt er den militärischen Leistungen 
der Türken und wirft mit Recht die 
Frage auf, wie sich diese mit dem 
offenkundigen Verfall des türkischen 
Staates und seinen inneren Gegensätzen 
in Einklang bringen lassen. Ein recht 
günstiges Bild zeichnet er von Enver 
Pascha, er wird ihm gerechter als jetzt 
Liman v. Sanders dadurch, daß er in 
ihm den Orientalen nicht vergißt. An 
den Bulgaren tadelt er vor allem das 
Hineintragen des innerpolitischen Par¬ 
teizwistes in die Armee, woran auch 
Radoslawow nicht unschuldig war; bei 
dem Zusammenbruch des Königreiches 
läßt er sogar Verrat vermuten. 

Im Mittelpunkt des Werkes stehen 
natürlich die militärischen Ereignisse 
der vier Kriegsjahre. Sie werden nur 
in großen Zügen geschildert, aber mit 
solcher Volkstümlichkeit und Anschau¬ 
lichkeit, daß auch der Nichtfachmann 
die verwickeltsten strategischen wie 
taktischen Maßnahmen und Operatio¬ 
nen begreifen kann. Mißerfolge und 
Niederlagen werden nicht verschwiegen 
oder bemäntelt. Den Gegnern und ihren 
Leistungen wird die Anerkennung nicht 
versagt. Mit besonderer Vorliebe legt 
Hindenburg die Gründe und Erwägun¬ 
gen dar, die ihn und seine Berater zu 
ihren Entwürfen, Plänen und Entschei¬ 
dungen bestimmten, und eröffnet uns 
so einen Einblick in die kolossale 
Schwere der Verantwortung, die auf 


ihnen lastete, und der Entschlußkraft, 
die von ihnen gefordert ward. Dabei 
hält er sich indes von jeder Selbst¬ 
gefälligkeit und Selbstverherrlichung 
frei. Die eigene Person rückt er be¬ 
scheiden in den Hintergrund, nicht nur 
vor seinen Mitarbeitern, sondern vor 
allem vor dem deutschen Heer, dessen 
unvergleichlicher Heldenhaftigkeit er 
alle Siege zuschreibt. Auf das Ver¬ 
trauen zu seinen Truppen und ihren 
inneren Werten, auf die feste Überzeu¬ 
gung, „daß sie das Schwerste ertragen 
und das Unmöglichscheinende möglich 
machen werden“, hat er alle seine Ent¬ 
schlüsse gebaut. Und wenn er Tau¬ 
sende in den Tod schicken mußte, so 
hat er, wie er offen bekennt, die rein 
menschlichen Gefühle am schwersten 
bannen können. 

Immer wieder drängt sich dem Leser 
der Schmerz darüber auf, daß dieser 
Mann und seine Genossen erst dann in 
die O. H.L. berufen wurden, als es zu 
spät war. Er selbst redet darüber nicht, 
aber seine Kritik an dem mit Öster¬ 
reich-Ungarn vereinbarten Kriegsplan, 
an dem Vormarsch und der Marne¬ 
schlacht, an Verdun und der Offensive 
in Rußland von 1915 sagt dem Kun¬ 
digen viel. Jedoch auch hier findet sich 
nirgends ein absprechendes Urteil über 
die damals verantwortlichen Stellen 
und Persönlichkeiten. Ausführlich be¬ 
gründet er seinen Entschluß zu der 
Offensive von 1918. „Wir standen im¬ 
mer in der Wahl zwischen Kampf bis 
zum Siege oder Unterwerfung bis zur 
Selbstentsagung.... Wir hatten nach 
meiner Überzeugung die nötige Stärke 
und den nötigen kriegerischen Geist 
zum Entscheidung suchenden letzten 
Waffengang.“ Die Gegner konnten den 
Krieg noch jahrelang hinziehen, wir 
nicht. „Auch wenn ich das jetzige Un¬ 
glück meines Vaterlandes vor Augen 


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Justus Hashagen, Das Ausland im Weltkriege 


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habe, trage ich die felsenfeste Über¬ 
zeugung, daß ihm das Bewußtsein, die 
letzte Kraft an sein Dasein und seine 
Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem 
inneren Aufbau nützen wird, als wenn 
der Krieg in einem allmählichen Er¬ 
matten bis zur Kraftlosigkeit geendet 
hätte.“ Die Ursachen der Katastrophe 
erblickt er in dem von der feindlichen 
Propaganda beförderten Versagen der 
Bundesgenossen und der deutschen Hei¬ 
mat, die dem Heer nicht mehr die er¬ 
forderlichen körperlichen und sittlichen 
Kräfte zur Verfügung stellte. „Wie 
Siegfried unter dem hinterlistigen Speer¬ 
wurf des grimmen Hagen, so stürzte 
unsere ermattete Front; vergebens hatte 
sie versucht, aus dem versiegenden Quell 
der heimatlichen Kraft neues Leben zu 
trinken.“ Geradezu ergreifend ist die 
Schilderung der letzten Wochen vom 28. 
September, an dem er sich zu dem Ent¬ 
schluß durchrang, dem Kaiser den Vor¬ 
schlag zum Friedensschritt zu unterbrei¬ 
ten, bis zum 9. November. In jedem, der 
damals beim Feldheer war, wird hier die 
Erinnerung wach an die schweren Stun¬ 
den, in denen bei dem allgemeinen 
Zusammenbruch dieser Mann uns Halt 
und Vorbild war. Und auch darin gibt 
er uns ein leuchtendes Beispiel, daß 


er trotz all des Furchtbaren, was wir 
seit dem November 1918 erlebt haben, 
und was auf ihm noch schwerer lasten 
muß als auf der jüngeren Generation, 
das Vertrauen auf die Zukunft und auf 
eine Genesung Deutschlands nicht auf¬ 
gibt. „Ich habe das Heldenringen mei¬ 
nes Vaterlandes gesehen und glaube nie 
und nimmermehr, daß es sein Todes¬ 
ringen gewesen ist.“ Mit einem Appell 
an die deutsche Jugend legt er die Fe¬ 
der aus der Hand. 

Den Feldherrn Hindenburg hat die 
ganze Welt vier Jahre lang bewundert, 
das deutsche Volk hat schon immer in 
ihm den echten deutschen Mann verehrt 
und geliebt. So steht er auch in seiner 
Selbstbiographie vor uns: in seiner 
schlichten Seelengröße und seinem See¬ 
lenadel, mit seinem Pflichtbewußtsein, 
seiner Charakterfestigkeit und Tatkraft, 
mit seinem Verantwortungsgefühl und 
seiner Verantwortungsfreudigkeit. Wenn 
ihn und alle Zeitgenossen des Krieges 
schon längst der Rasen deckt, wird 
sein Buch kommenden Geschlechtern 
stets aufs neue künden von dem Hel¬ 
dentum des deutschen Heeres und von 
dem Heldentum eines altpreußiscfien 
Offiziers. 


Das Ausland im Weltkriege. 

Von Justus Hashagen. 


Auslandstudien an der Universität Halle-Wittenberg. 2. Reihe: Zehn öffentliche Vorträge 
über das Ausland im Weltkriege. (Auch als einheitlicher Band unter dem Titel: 
Das Ausland im Weltkriege. Seine innere Entwicklung seit 1914. 1919. VI, 444 S. 
Preis 16 M.) 1. R. Fester, Die Internationale 1914—1919. 2. H. Waentig, Belgien. 
3. E. Daenell, Dänemark. 4. G. Au bin, Deutsch-Österreich. 5. F. Salomon, Eng-, 
land. 6. A. Günther, Frankreich. 7. P. J. Blök, Holland. 8. P. Herre, Italien. 
9. A. Frhr. v. Freytagh-Loringhoven, Rußland. 10. F. Arnheim, Schweden. 


Mit der Veröffentlichung von zehn 
Vorträgen über das Ausland im Welt¬ 
kriege aus dem Sommer 1919 hat sich 
die Universität Halle um die Ausland¬ 
studien ein neues Verdienst erworben. 


Der Gegenstand umfaßt freilich so viel, 
daß eine engere Umgrenzung unver¬ 
meidlich war. Auch von europäischen 
Staaten mußten beispielsweise die 
Schweiz und Spanien vorerst außer Be- 


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Justus Hashagen, Das Ausland im Weltkriege 


tracht bleiben. Auch sachlich war die 
Marschroute zu binden. So stellte man 
durchweg die Parteigeschichte in den 
Vordergrund, berücksichtigte aber auch 
den breiten inner-, ja äußerpolitischen 
Rahmen, der sie umgibt. Zeitlich wäre 
sogar eine noch energischere Beschrän¬ 
kung auf das Thema, d. h. den Welt¬ 
krieg selbst, mit Einschluß des Krieges 
nach dem Kriege, geboten gewesen. 
Wenn allzu weit reichende geschicht¬ 
liche Rückblicke und sonstige entbehr¬ 
liche geschichtliche Betrachtungen un¬ 
terblieben wären, die in Kürze doch 
nicht befriedigen, so wäre Raum für 
eine breitere Ausgestaltung der Gegen¬ 
wartsskizze gewonnen worden, so in 
4, 6 und 9. Auch sonst ist die Raumver¬ 
teilung ungleichmäßig. Einzelne der be¬ 
handelten Mächte, besonders 5, aber 
auch 9, sind etwas zu kurz gekommen. 
Die Literaturangaben sind dankenswert, 
hätten aber überall mit den unentbehr¬ 
lichen Jahreszahlen versehen werden 
sollen. Manche Ergänzung dazu hätte 
sich ohne Weitschweifigkeiten aufneh¬ 
men lassen. Nur 6, 8 und 9 geben inner¬ 
halb des Textes Überschriften. Bei dem 
sehr verschiedenartigen Inhalte der ein¬ 
zelnen Vorträge hätten diese Erleich¬ 
terungen der Übersichtlichkeit überall 
angebracht und außerdem noch in 
einem ausführlichen Inhaltsverzeichnisse 
zusammengefaßt werden sollen. Auch 
damit wird kein Raum verschwendet. 

Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß 
unter den deutschen Rednern, denen 
man diese Sammlung verdankt, auch 
ein Neutraler erscheint: der bekannte 
Leydener Geschichtsprofessor P. J. 
Blök, und daß sein Beitrag ein war¬ 
mes Gefühl für das geschlagene deut¬ 
sche Brudervolk erkennen läßt. Den 
Versailler „Frieden“ verwirft dieser 
wahrheits- und ehrliebende Niederlän¬ 
der durchaus, und den Völkerbund 


nennt er kurz und bündig einen „im¬ 
perialistischen Ententebund“. Auch die 
neusten „schändlichen belgischen Be¬ 
drohungen“ der Integrität der Nieder¬ 
lande werden mitsamt dem belgischen 
Bündnis scharf abgelehnt. Dagegen ist 
der umsichtige Verfasser, dem man es 
anmerkt, daß er in der Geschichte sei¬ 
nes Landes zu Hause ist und zugleich 
den Krieg mit offenen Augen erlebt 
hat, erfolgreich um eine Erklärung und 
Verteidigung der Kriegsneutralität der 
Niederlande bemüht, die nicht nur im 
Interesse der Niederlande, sondern auch 
im Interesse der beiden kriegführen¬ 
den Parteien gelegen habe. Außerdem 
werden die inneren, materiellen und 
moralischen, Kriegsnöte Hollands mit 
lebhaften Farben geschildert. 

Zwei andere neutrale Mächte, Däne¬ 
mark und Schweden, werden von be¬ 
rufenen deutschen Kennern behandelt. 
Bei beiden Mächten wird von der inne¬ 
ren und äußeren Politik eine klare und 
eindringliche Charakteristik geboten, der 
man tieferes Verständnis für skandi¬ 
navisches Germanentum nachrühmen 
darf. Dänemarks äußere Politik steht 
ganz im Banne der nordschleswigschen 
Frage und des wiederaufgelebten und 
modern umgebildeten Eiderdänentums. 
Am Anfänge und am Schlüsse seiner 
Darstellung würdigt Daenell sie 
knapp, aber durchaus sachlich und 
überzeugend. Auch die westindische 
Frage findet schon wegen ihrer inner¬ 
politischen Bedeutung die nötige Be¬ 
achtung. Das Schwergewicht liegt je¬ 
doch in diesem wie in den meisten 
anderen Vorträgen auf der besonders 
lehrreichen Untersuchung der immer 
stärker demokratisierten inneren Ver¬ 
hältnisse. Der Sozialismus, der in Däne¬ 
mark verhältnismäßig maßvoll auftritt, 
wird hier wie sonst eingehend berück¬ 
sichtigt. Bei Arnheim steht der Kampf 


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Justus Hashagen, Das Ausland im Weltkriege 


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zwischen Hammarskjöld und Branting 
um Schwedens Neutralität und Schwe¬ 
dens Seele im Mittelpunkte der tem¬ 
peramentvollen Darlegungen. Der end¬ 
lich erfochtene Sieg Brantings bedeutet 
zugleich die Niederlage Deutschlands. 
Noch nirgends ist die überaus verhäng¬ 
nisvolle Arbeit dieses erbitterten Deut¬ 
schenfeindes sowie der ententistischen 
Transitogesellsschaft und des Außen¬ 
ministers Knut Wallenberg in Deutsch¬ 
land bei aller Kürze so anschaulich ge¬ 
schildert worden wie hier. Durch sei¬ 
nen Sozialismus ist Branting von ein¬ 
seitigster ententistischer Stellungnahme 
jedenfalls nicht zurückgehalten worden. 
Schon Eduard VII. hatte übrigens, wie 
Arnheim mit Recht betont, mit der Auf¬ 
lösung der schwedisch-norwegischen 
Union gerade auf skandinavischem Bo¬ 
den einen großen Erfolg über Deutsch¬ 
land errungen. Der Verfasser verbreitet 
sich ferner über Schwedens Verhält¬ 
nis zu Rußland und zu Rußlands skan¬ 
dinavischen Ausdehnungsplänen. Fer¬ 
ner nehmen die finnische und die 
Alandsfrage einen breiten Raum ein. 
Auch die Entwicklung der schwedisch¬ 
deutschen Beziehungen während des 
Krieges wird vorsichtig skizziert. Rech¬ 
net man noch den reichen innerpoliti- 
schen Inhalt hinzu, so wird man das 
Schwedenheft als eine Zierde der 
Sammlung bezeichnen. 

Der schmerzlichen Aufgabe, jetzt über 
Deutsch-Österreich zu schreiben, ent¬ 
ledigt sich der Deutschböhme G. Au- 
bin mit bemerkenswertem Geschicke. 
Besonders die zweite Hälfte seiner le¬ 
senswerten, den Zeiten des Krieges und 
des Umsturzes gewidmeten Ausführun¬ 
gen verdient aufmerksame Beachtung. 
Der tragische Übergang von den gro¬ 
ßen Hoffnungen und Entwürfen, die 
sich in Kriegsschlagworten wie dem 
vom österreichischen Wunder, von 


Österreichs Erneuerung, aber auch von 
Mitteleuropa verkörpern, zum verhäng¬ 
nisvoll von außen und innen beschleu¬ 
nigten Zersetzungs- und Auflösungs¬ 
prozesse kommt dem Leser hier noch 
einmal zum Bewußtsein. An der 
Schwelle der Gegenwart wird jedoch 
die schwarzgelbe Illusionspolitik durch 
eine noch schlimmere demokratisch-so¬ 
zialistische abgelöst, die den Verband 
mit der Preisgabe des deutschen Bünd¬ 
nisses und des alten Deutschlands zu 
gewinnen hofft. An der in den Ab¬ 
grund führenden Ministerreihe Stürgkh 
—Seidler—Hussarek kann man das in- 
nerpolitisChe Verhängnis, das freilich 
durCh die alten Erbübel einer verfehl¬ 
ten Nationalitätenpolitik bedingt wird, 
genau verfolgen. Besonders warmes 
Interesse bekundet der Verfasser, der 
auf Grund eigener Anschauung urteilt, 
für das traurige Schicksal seiner 
deutsch-österreichischen Stammesgenos¬ 
sen in den Alpen- und Sudeten ländern, 
von denen fast vier Millionen unter 
fremdländische Herrschaft gebeugt wer¬ 
den. Ein Bekenntnis zu großdeutscher 
Kulturpolitik schließt den Vortrag. Sei¬ 
nen Ausgang nimmt er u. a. von einer 
Übersicht über die Hauptprobleme des 
alten Staates. Zu ihnen gehört auch der 
in gleicher Weise gegen Zentralismus 
und Föderalismus gewandte Sozialis¬ 
mus. Neben Renner, der schon vor dem 
Kriege für die Praxis die Hoffnungen 
aller derer enttäuscht habe, die ihn nur 
aus seinen Schriften gekannt hätten, 
wären auch Otto Bauer und der ganze 
Austromarxismus einer näheren Be¬ 
trachtung wert gewesen. 

Unter den Vorträgen, die sich mit der 
feindlichen Seite beschäftigen, ragt der 
Herr es hervor. Hier wird zum ersten 
Male eine für die Hauptwendungen 
einigermaßen vollständige Übersicht 
über die italienische Kriegspolitik und 


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Justus Hashagen, Das Ausland im Weltkriege 


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über das italienische Kriegsschicksal ge¬ 
geben. Das vom Verfasser gezeichnete 
Bild ist sehr dunkel, vielleicht hier und 
da etwas zu dunkel gehalten. Der 
Selbstüberschätzung des Dritten Ita¬ 
liens wird mit dem besonders wirt- 
schafts- und sozialpolitisch begründe¬ 
ten Satze entgegengetreten: „Italien ist 
nicht, was es sein will.“ Herre spricht 
ferner von der „Rache der Geschichte 
für die von verwerflicher Großmanns¬ 
sucht beherrschte Treulosigkeit gegen¬ 
über den Verbündeten“. Andererseits 
gestalte sich der Ausblick in die Zu¬ 
kunft Italiens sehr trübe. Und doch 
enthalten Herres auf langjähriger eif¬ 
riger Beschäftigung mit den italieni¬ 
schen Problemen beruhenden Ausfüh¬ 
rungen unleugbare, wenn auch bittere 
Wahrheiten, und die Sympathie für den 
„Schicksalsgenossen des eigenen gede- 
mütigten Vaterlandes“ waltet im Hin¬ 
tergründe; denn auch Italien hat seine 
großen Kriegserfahrungen gehabt wie 
die vom Verfasser nicht verschleierte 
einigende Wirkung des Durchbruchs 
von Karfreit. Herres Arbeit hat somit 
nicht nur eine orientierende, sondern 
auch eine politische Bedeutung: sie 
könnte eine neue Note in die gegen¬ 
wärtige deutsche Stimmung gegenüber 
Italien, ja in Deutschlands zukünftige 
Italienpolitik bringen, indem sie den 
unleugbaren Verrat durch Italiens 
schweres Kriegsschicksal gewisserma¬ 
ßen gesühnt sein läßt. In der Tat un¬ 
terscheidet sich Italiens Verhalten nach 
dem Siege vorteilhaft von dem seiner 
Verbündeten. Schon die Linie Salandra 
—Orlando—Nitti gibt zu denken. Eine 
dem Referenten vernehmbare, früher 
beinahe alldeutsche Stimme aus Meran 
rühmt die italienischen Kavaliere. Nicht 
nur die italienischen Sozialisten sind 
gegen die anglofränkische Knechtschaft. 

Audi über dem siegreichen Frank¬ 


reich lagern tiefe Schatten. Das hätte 
bei Günther vielleicht noch stärkere 
Hervorhebung verdient. Während der 
Historiker Herre mehr ein allseitiges, 
wenn auch skizzenhaftes Bild erstrebt, 
steht bei dem Nationalökonomen Gün¬ 
ther mehr nur das Innere zur Dis¬ 
kussion. Die Parteigeschichte wird auch 
hier bevorzugt, stellenweise aber doch 
gar zu eingehend behandelt. Gut ge¬ 
lungen ist u. a. die Begründung der 
Union Sacröe, auch der Bericht über die 
allmähliche Verstärkung des sozialisti¬ 
schen Widerstandes gegen die Kriegs¬ 
politik der Regierung. Neben den Sozia¬ 
listen erscheinen auch Monarchisten 
und Klerikale (20000 Priester haben 
mit der Waffe gedient) in scharf um- 
rissenen Bildern. Die zu weit ausho¬ 
lende, sogar die Ziffern der Napoleoni- 
schen Plebiszite aufzählende Einleitung 
hätte durch nähere Beschäftigung mit 
der neu französischen Geistesgeschichte, 
besonders mit dem Esprit Nouveau er¬ 
setzt werden sollen. Verdienstlich sind 
andere statistische und wirtschaftsge¬ 
schichtliche Mitteilungen, bei denen der 
Verfasser teilweise seine aufschlußrei¬ 
chen Arbeiten über das besetzte fran¬ 
zösische Gebiet verwerten kann. 

Wenn A. Frhr. v. Freytagh-Lo- 
ringhoven Rußland ebenfalls mit be¬ 
sonders starker Berücksichtigung der 
Parteigeschichte behandelt, so bedarf 
das am wenigsten der Rechtfertigung. 
Die kurze, aber bewegte Geschichte des 
Bolschewismus wird in kräftigen Stri¬ 
chen vorgeführt. Auch seine Umwand¬ 
lung zur bolschewistischen Bureaukratie 
und zur Bourgeoisie der Revolutions¬ 
gewinnler wird noch verfolgt. Immer¬ 
hin hätte sowohl für seine ideenge¬ 
schichtliche wie für seine wirtschaftsi- 
und sozialgeschichtliche Ableitung und 
Erklärung noch mehr geschehen kön¬ 
nen. Auch wäre man für eine genauere 


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Justus Hashagen, Das Ausland im Weltkriege 


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Darstellung der letzten Revolution und 
für eine persönliche Charakteristik der 
Revolutions- und Parteigrößen dank¬ 
bar gewesen. Auch dieser Vortrag hätte 
am Anfang durch Beseitigung allzu lan¬ 
ger „vorgeschichtlicher“ Abschnitte ent¬ 
lastet werden können. 

Trotz des knappen, durch allzu reich¬ 
liche Zitate aus englischen Quellen noch 
mehr beengten Raumes hat es Salo- 
mon verstanden, die Grundzüge der 
neusten englischen Partei ge schichte von 
Joe Chamberlain bis zu dem scharf kri¬ 
tisierten Lloyd George lebendig zu ma¬ 
chen. Auch in die Beweggründe und 
den Verlauf der ganzen englischen 
Kriegspolitik, die es erreicht hat, den 
Krieg zugleich als Volkskrieg und als 
Reichskrieg führen zu lassen, gewinnt 
der Leser einen zuverlässigen und nach¬ 
haltigen Einblick. Zur Schuldfrage im 
weiteren und im engeren Sinne bemerkt 
der Verfasser: „Nicht nur in der Ein¬ 
kreisungspolitik liegt Englands Mit¬ 
schuld am Kriege; sie liegt unmittel¬ 
bar darin, daß Grey in der entschei¬ 
denden Stunde unsere Regierung irre¬ 
geführt hat, weil er nicht rechtzeitig 
zu bekennen wagte, daß ihm das russi¬ 
sche Bündnis einen Krieg wert sei.“ 
Diese Feststellungen sind jedoch nach 
zwei entscheidenden Seiten noch er¬ 
gänzungsbedürftig. Für die Zeit vor 
dem Attentate von Sarajevo ist nicht 
zu vergessen, daß England nicht nur 
bei seinen Bundesgenossen und Freun¬ 
den die Verfolgung äußerpolitischer 
Ziele duldete und begünstigte, die nur 
mit Krieg zu erreichen waren, sondern 
daß es auch selbst außerhalb Europas 
solchen „Kriegszielen“ nachjagte. Was 
aber Greys Diplomatie während der 
letzten dreizehn verhängnisvollen Ver¬ 
handlungstage betrifft, so ist sie weit¬ 
hin und allgemein durch einen großen 
Mangel an Unparteilichkeit charakterisiert 


Aus Waentigs Belgienvortrage sei 
hier besonders die Darstellung der in 
Belgien selbst gegen den deutschen 
Okkupanten mit so großem und schlie߬ 
lich durchschlagendem Erfolge ins Werk 
gesetzten Widerstands- und Sabotage¬ 
politik hervorgehoben, die zwei vor¬ 
treffliche Organe, ein altes, die katho¬ 
lische Kirche, und ein neues, das viel¬ 
berufene ComitG National, findet. Wenn 
der Verfasser im übrigen die Gelegen¬ 
heit benutzt, seine gewiß sonst gut 
unterrichtenden, aber nicht immer rein 
sachlich gehaltenen Auslassungen mit 
einer überscharfen Kritik der deutschen 
Belgienpolitik zu würzen, so dürfte 
diese vielleicht auf üblen persönlichen 
Erfahrungen oder Beobachtungen fu¬ 
ßende Kritik aus dem Rahmen der 
Serie schon deshalb herausfallen, weil 
ein Vortragspublikum zu ihrer Würdi¬ 
gung schwerlich zuständig ist. Auch 
steht Waentigs Verfahren zu dem Gün¬ 
thers durchaus in Gegensatz. 

Zu Deutschlands Feinden gehört auch 
die Internationale. Man kann nur be¬ 
dauern, daß Festers viel Neues und 
Wertvolles enthaltende, treffliche Stu¬ 
die nicht schon während des Krieges 
erscheinen konnte. Sie hätte vielleicht 
manchem die Augen geöffnet. Freilich 
war während des Krieges entscheiden¬ 
des Quellen material noch unzugäng¬ 
lich: „Die Arbeit der Kientaler ist aus 
dem Dunkeln erst ins Helle gerückt 
worden, als die selbstmörderische Po¬ 
litik der deutschen Regierung Lenin und 
Genossen im April 1917 die Rückkehr 
nach Rußland erlaubt hatte.“ Es ist un¬ 
möglich, den reichen Inhalt der Schrift 
hier wiederzugeben. In der Hauptsache 
untersucht sie die Schuld der Inter¬ 
nationale an den Revolutionen und am 
Weltkriege. Die Schuld an den Revo¬ 
lutionen wird vom Angeklagten selbst 
zugegeben. Es ist aber immer lehr- 


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Nachrichten und Mitteilungen 


reich, alle einzelnen Etappen verfolgen 
zu können. Nur so gewinnt man eine 
Vorstellung von dem geradezu weltge¬ 
schichtlichen Kampfe zwischen derzwei- 
ten und der dritten Internationale, der 
heute noch nicht ausgetragen ist. Auf 
Grund eines fleißig gesammelten, noch 
heute teilweise schwer zugänglichen 
Materials, werden besonders die ver¬ 
schiedenen Kongresse der Internatio¬ 
nale ins rechte Licht gestellt. Die Ge¬ 
heimdiplomatie ist von ihr keineswegs 
verschmäht worden. Aber auch die Mit¬ 
schuld der Internationale am Welt¬ 
kriege wird als ziemlich groß bemessen. 
Fester gelangt zu folgenden allgemein 
interessanten Ergebnissen: Die Inter¬ 
nationale hat keine wirksamen Mittel 
zur Kriegsverhinderung besessen; mit 
der Forderung der Anwendung des Na¬ 


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tionalitäten prinzips auf die Völker 
Österreich-Ungarns hat sie ein Verlan¬ 
gen gestellt, dessen Konsequenz ein 
Weltkrieg war; den Anteil des fran¬ 
zösischen Sozialismus an der Entente 
franco-russe hat sie nicht wesentlich 
verringert; die friedliche Überwindung 
der Faschoda- und der Marokkokrise 
ist nicht ihr Werk; und endlich: erst 
einen ganzen Monat nach dem Atten¬ 
tate von Sarajevo hat sie am 29. Juli 
1914 in Brüssel Lärm geschlagen. Hier 
endet vorerst die zweite Internationale. 
Erst später beginnt sie in Zimmerwald 
und Kiental wieder, um sich dann teils 
über Stockholm, Bern nach Amsterdam 
zur neuen zweiten Internationale, teils 
über Moskau zur dritten kommunisti¬ 
schen Internationale zu entwickeln. 


Nachrichten und Mitteilungen. 


Niederländische Kunst des 15. und 16. Jahr¬ 
hunderts. 

Fortschritte der Forschung 1914—1918. 

1 . 

Die Wertschätzung der niederländischen 
Primitiven ist nicht allzu alten Datums; noch 
neuartiger erscheint die objektive Beurtei¬ 
lung der Niederländer des 16. Jahrh., der 
.Manieristen“ und „Romanisten“, so daß 
das Material bisher unzulänglich bekannt 
und gesichtet blieb. Zusammenfassende Dar¬ 
stellungen einer Geschichte der altnieder¬ 
ländischen Kunst sind denn auch für die 
letzten Jahre nicht zu verzeichnen. Karl 
V o 11 in seiner „Altniederländischen Malerei“ 
(1906) hatte sidh über die Schwierigkeit fort¬ 
geholfen, indem er in überkritischer Sonde¬ 
rung den Kreis der in Betracht kommenden 
Monumente willkürlich noch enger zog und 
mit dem wenigen Übriggebliebenen ver¬ 
gleichsweise leichtes Spiel hatte. Ernst 
Heid rieh (Diederichs 1910) wollte von 
vornherein nichts anderes geben als die 
Einordnung des niederländischen Kunst¬ 
schaffens in den Zusammenhang der großen 
europäischen kulturellen Entwicklung — 
eine Aufgabe, der er mit dem vorliegenden 


Denkmalsbestand glücklich gerecht werden 
konnte. 

In seinem Buch „Von Eyck bis Bruegel“ 
(Berlin, Bard 1916) leistet Max J. Fried 1 an¬ 
der bewußt Verzicht auf systematische Zu¬ 
sammenfassung: er gibt eine Folge von 
Künstlercharakteristiken, die in lose gereih¬ 
ten aphoristischen Bemerkungen das We¬ 
sentliche im Schaffen des Künstlers bezeich¬ 
nen, seine Sonderart gegen die derGenossen 
abgrenzen. Es entspricht Friedländers Auf¬ 
fassung, daß er nicht von den Kunstwerken 
als verselbständigten Wesenheiten ausgeht: 
für ihn bleibt jedes Kunstwerk die Schöp¬ 
fung eines Menschen, dessen Organisation 
niemals wiederkehrt, und deshalb bemüht 
er sich, individuelle Merkmale darin aufzu¬ 
zeigen. Das Material wird von Friedländer 
in bisher nicht geahnter Fülle ausgebreitet 
— vor allem in den dem Text angefügten 
Bilderverzeichnissen — und er weiß damit 
in einer Art zu jonglieren, die den Unein¬ 
geweihten schwindeln macht. Besonders er¬ 
gebnisreich ist das Buch auch im Negativen: 
durch ein oder das andere beiläufige Wort 
beseitigt Friedländer eine Fülle jener „Di- 
stinktiönchen von transzendenter Subtilität, 
in denen gerade die Kunstforscher exzel- 


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Nachrichten und Mitteilungen 


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lieren, die keinen Zaunpfahl von einem 
Kirchturm unterscheiden können* (Scheib- 
ler). So erhält das von Voll arg beschnit¬ 
tene Werk Jan van Eycks seine Fülle und 
Rundung wieder (vgl. auch Friedländers 
Aufsatz über Jan im Th.-B. 1 2 ), ebenso das 
des Rogier van der Weyden und Dirk Bouts. 
Die wichtigste Errungenschaft auf dem Ge¬ 
biet der Eyckforschung in den letzten Jahr¬ 
zehnten, das Auffinden von Miniaturen eycki- 
schen Charakters in einem Gebetbuch, dessen 
Teile nach Turin (1902, publiziert von Dur- 
rieu) und Mailand (1910, Hulin de Loo) ver¬ 
sprengt wurden, wird von Friedländer im 
Gegensatz zu der allgemeinen ablehnenden 
Haltung der Zunft positiv aufgenommen: 
er möchte als Autor der Blätter nur lieber 
Jan ansehen als den von Hulin vorgeschla¬ 
genen Hubert, 

Beträchtlichen Zuwachs an gänzlich un¬ 
bekannten Stücken erfährt das Werk der 
Memling, Goes, David, Joos van Cleve d. Ä„ 
Jan Provost, Quentin Massys. Die Liste der 
Gossaertbilder weist —der sorgsamen Mono¬ 
graphie von E. Weiß v. J. 1913 gegenüber 
— sogar einen Zuwachs von 11 Nummern 
auf, unter denen ein Hauptwerk, die Kreuz¬ 
abnahme in Petersburg, Hervorhebung ver¬ 
dient. Ganz neu ist die Aufstellung des 
Meisters Jan Joest, bisher nur bekannt als 
Schöpfer der Altarflügel der Nikolaikirche 
zu Calcar. Friedländer gibt ihm u. a. die 
interessanten Darstellungen der Kathedrale 
von Palenzia, die lange unwidersprochen 
unter Massys’ Namen gingen, und weiß 
danach ein scharfes Porträt des Künstlers 
zu umreißen. Ober Jan Mostaert und Lucas 
van Leyden kommt die Darstellung zum 
End- und Höhepunkt, dem großen alten 
Pieter Bruegel. 

Von den Versuchen, ein Sondergebiet 
der altniederländischen Kunst zusammen¬ 
hängend zu beleuchten, sei L. van Baldaß’ 
„Niederländische Landschaftsmalerei von 
Patinir bis Bruegel“ erwähnt (Wiener Jhb. 
XXXIV 1918, S. 111)*): Baldaß beschäftigt 


1) Th.-B. = Thieme-Beckers Künstler- 
lexikon. 

2) Die Zeitschriften werden fn folgender 
Weise abgekürzt: 

Pr. Jhb. = Jahrbuch der königl. preußischen 
Kunstsammlungen. 

Amtl. Ber. = Amtliche Berichte aus den 
königl. preuß. Kunstsammlungen. 


sich eingehend mit der Kunst des Patinir, 
läßt die in Patinirs Banne stehende Land¬ 
schaftsgestaltung des Joos van Cleve, des 
Meisters der weiblichen Halbfiguren usw. 
vorüberziehen, zeigt die Weiterentwicklung 
der Patinirschen Weltlandschaft im zweiten 
Viertel des 16. Jahrh., um wieder in Pieter 
Bruegel zu gipfeln. 

2 . 

Vielfältig betätigte sich in den legten Jah¬ 
ren die Einzelforschung. Die Erkundung 
des größten Meisters der alten Niederlande, 
Jan van Eyck, stand freilich unter einem 
Unstern. Nachdem die grundlegenden Stu¬ 
dien Dvofaks (Wiener Jhb. 08) und der 
Fund der Turin-Mailänder Miniaturen eine 
endgültige Lösung des Rätels in erreichbare 
Nähe gerückt hatten, setzte plötzlich das 
Rückwärts ein. Zunächst ging Fürbringer 
dem Problem der Aufteilung des Genfer 
Altars unter die Brüder van Eyck erfolglos 
zu Leibe (Die künstlerischen Voraussetzun¬ 
gen des Genter Altars, Leipzig 1914). Dann 
brachte Fr. Wi nkler einen letzten greifbaren 
Fortschritt (Pr. Jhb. XXXVII 1916, S. 287): 
er erkennt den Reflex des eyckischen Ge¬ 
nius in zwei Kreuztragungen Christi (im 
Budapester Museum und in amerikanischem 
Privatbesitz), deren verschollenes Urbild sich 
dem Kreis der Jugendwerke Jans und der 
Turin-Mailänder Miniaturen zwanglos ein¬ 
fügt. 

Winklers Ausführungen wurden Aus¬ 
gangspunkt einer ebenso lebhaften wie un¬ 
fruchtbaren Polemik. H. Zimmermann er¬ 
öffnet den Reigen (Amtl. Ber. XXXIX 1917, 
Sp. 15), indem er im Schöpfer der Miniaturen 
wie der Kreuztragungskomposition nicht 
einen der Eycks, sondern den Holländer 


Wiener Jhb. = Jahrbuch der Sammlungen 
des Allerhöchsten Kaiserhauses. 

Wiener Zentr. Komm. = Jahrbuch des kunst¬ 
historischen Instituts der K. K. Zentral¬ 
kommission. 

Z. f. b. K. = Zeitschrift für bildende Kunst. 

Kstchr. = Kunstchronik. 

Monatsh. = Monatshefte für die Kunstwis¬ 
senschaft. 

Rep. = Repertorium für Kunstwissenschaft 

Burl. Mag. = Burlington Magazine. 

Gaz. = Gazette des beaux-arts. 

Graph. Mitt. = Mitteilungen der Gesellschaft 
für vervielfältigende Kunst (Graphische 
Künste, Wien). 


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Nachrichten und Mitteilungen 90 


Aelbert Ouwater erkennen will. Die Tat¬ 
sache, daß das einzige gesicherte Ouwater- 
bild, die Auferweckung des Lazarus im 
Kaiser Friedrich-Museum, mit den genann¬ 
ten Arbeiten nichts zu tun hat, darf den 
kühnen Hypothesenbau nicht hemmen. Es 
folgt die eingehende Begründung der Theo¬ 
rie durch Dvorak in einer auch im Pro¬ 
blematischen bewundernswert scharfsinni¬ 
gen Abhandlung des Wiener Jhb. (XXXIV, 
1918, S. 51). Dvorak ist bestrebt, die Zu¬ 
weisung der Miniaturen an die Brüder van 
Eydc zu entkräften, indem erdas Entstehungs¬ 
datum der Blätter um eine Generation her¬ 
aufsetzt und ihren spezifisch „holländischen“ 
Charakter nachweist. So gewinnt er den 
Ausgangspunkt für eine gesonderte früh¬ 
holländische Kunstgattung, zu deren Stamm¬ 
vater er wiederum den Autor der Miniaturen 
ernennt. Die Frage, ob der geniale Unbe¬ 
kannte, in dessen Schaffen die gesamte hol¬ 
ländische Malerei späterer Jahrhunderte im 
Keime enthalten ist, mit Ouwater zu iden¬ 
tifizieren sei, bleibt in der Schwebe. Dvorak 
hakt bei derTuriner Miniatur „Rettung eines 
Fürsten aus Seegefahr“ ein, die Hulin auf 
Grund der Wappen auf Herzog Wilhelm 
von Bayern bezogen und damit vor 1417 
(das Todesjahr des Herzogs) fixiert hatte, 
und kommt dazu, aus der besonderen Kon¬ 
figuration der Wappen, aus scheinbaren Ent¬ 
lehnungen nach dem Genfer Altar sowie vor 
allem aus kostümgeschichtlichen und stili¬ 
stischen Gründen, die Mitte der 30er Jahre 
als Entstehungsdatum der Blätter anzuneh- 
men. Mit den Miniaturen wird folgerichtig 
die Gruppe der Jugendbilder von Jans Werk 
abgespalten und dem Miniator zuerteilt. 
Baldaß (Wiener Jhb. XXXV 1919, S. 1) ver¬ 
leiht dem Gebäude scheinbar einen neuen 
festen Grundstein in einer Kreuzigung aus 
dem Augustinerstift St. Florian, die er als 
Frühwerk des Geertgen tot Sint Jans in die 
Literatur einführt. Geertgen war nach van 
Mander Schüler des Ouwater; da die Kreu¬ 
zigung enge Verwandtschaft mit der Gruppe 
von Bildern zeigt, zu der das Urbild der 
•Kreuzigungen“ und die Turin-Mailänder 
Miniaturen gehören, muß diese Gruppe dem 
Ouwater zugeteilt werden und zwar — da 
sie dem Lazarusbild fern steht — seiner 
bisher unbekannten Jugendperiode. Der 
neukonstruierte „junge Ouwater“ wird zum 
Herrscher über die gesamte holländische 
FrQhkunst gesetzt — ein kunstvolles Ge¬ 
bäude, das nur zusammenfällt, sobald man 


die letzte Karte wieder herauszieht. Die 
Kreuzigung von St. Florian hat in der Tat 
mit Geertgen nichts zu tun, sie steht je¬ 
doch wirklich den Kreuztragungen und den 
Turin-Mailänder Miniaturen nahe, d. h. dem 
Kreis des jungen Jan van Eyck, von dem sie, 
wie ich glaube, eine weitere im Original 
verschollene Komposition bewahrt. 

Eine Widerlegung der Ouwater-Hypo¬ 
these wurde 1917 auf frischer Tat von Wink¬ 
ler unternommen (Amtl. Ber. XXXIX Sp.24). 
Den exakten Gegenbeweis liefert Paul Post 
(Pr. Jhb. XXXX 1919, S. 175), indem er an 
der Hand sorgsamer kostümlicher Studien 
feststellt, daß die Miniatur der „Errettung 
aus Seegefahr“ nicht nach dem 2. Jahrzehnt 
des 15. Jahrh. entstanden sein kann, und in¬ 
dem er Dvoraks Wappenbeweis entkräftet. 
Die Frage, welcher der Brüder van Eyck 
eher als Autor der Miniaturen zu denken 
sei, entscheidet Post zugunsten Huberts. 

Zum Schluß sei eines erfreulichen Einzel¬ 
fundes gedacht: HiIdegardZimmermann 
(Pr. Jhb. XXXVI 1915, S. 215) entdeckte in 
der Bibliothek zu Wolfenbüttel eine Silber¬ 
stiftzeichnung, eine „Verkündigung Mariä“ 
in einem gotischen Kirchenraum, die sich als 
eigenhändige Arbeit Jans erweist. 

3. 

Das Werk des Petrus Cristus erhielt einen 
Zuwachs durch Grete Ring, die ein Ma¬ 
donnenbildchen des Meisters in Berliner 
Privatbesitz publiziert und mit der Brügger 
Brüderschaft „Unsere liebe Frau zum dürren 
Baum“ in Beziehung bringt (B. k. G. *) 
14. Febr. 19 und Z. f. b. K. N. F. XXX 1919, 
S. 75); die Tafel geht vermutlich auf ein 
größeres Altarbild aus dem Eyckkreise zu¬ 
rück. Clifford Smith (Burl. Mag. XXV 
1914, S. 326) erkennt in dem Eligiusbild der 
ehemaligen Sammlung Oppenheim, Köln, 
Bildnisse aus der Familie der Herzöge von 
Geldern. Ein Selbstporträt des Rogier van 
derWeyden findet Hans Kaufmann (Rep. 
XXXIX 1917, S. 15) auf einem der Berner 
Trajansteppiche und nimmt daraus einen 
neuen Beweis für die Zuverlässigkeit der 
Hypothese, daß in den Teppichen Kopien 
nach den zerstörten Brüsseler Rathausbil- 
dem Rogiers erhalten sind. 

Bei Hugo van der Goes sei rückblickend 
auf die 1913 erschienene Monographie von 


3) B. K. G. = Berliner kunstgeschichtliche 
Gesellschaft. 


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Nachrichten und Mitteilungen 


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Destree hingewiesen (Bruxelles, vanOest), 
die, wenn im Stilkritischen nicht immer 
scharf genug, durch ihr reiches Material 
und ihr sorgsames Durcharbeiten der Lite¬ 
ratur jeder weiteren Forschung über Goes 
als Grundlage dienen muß. Die Erwerbung 
des Monfortealtars durch das Berliner Kaiser- 
Friedrich Museum gab glücklichen Anlaß 
zu einer eingehenden Goesstudie Adolf 
Goldschmidts (Z.f.b.K.N. F. XXVI 1915, 
S. 221). Goldschmidt ordnet die Chronologie 
des Goes überzeugend um, indem er den 
Monfortealtar in die früheste Periode rückt. 
Aufschlußreich erscheint weiter der Nach¬ 
weis einer Entlehnung des Geertgen tot 
Sint Jans beim Monfortealtar. Baldaß ver¬ 
mutet Nachbildungen von Gemälden des 
Goes in verschiedenen Gemälden und Zeich¬ 
nungen (Graph. Mitt. 1919, Nr. 1 und Wiener 
Jhb. XXXV 1919, S. 34). 

Bereicherung erfährt das Werk des Justus 
van Gent durch Winklers Einfügung des be¬ 
deutenden, traditionsgemäß „Gerard van der 
Meire“ genannten Kreuzigungstriptychons 
der Bavokirche zu Gent in die voritalieni¬ 
sche Epoche des Meisters (Z f. b. K. N. F. 
XXVII 1916, S. 321). Aus der italienischen 
Epoche bildet Conway (Burl. Mag. XXX 
1917, S. 18) die Darstellung des Herzogs 
Federigo von Urbino mit seinem Sohne ab 
(Windsor Castle). 

Besonderes Interesse gilt in der jüng¬ 
sten Literatur der Kunst des Hieronymus 
Bosch. Friedländer, der in seinem Buch 
dem Meister den gebührenden Platz als be¬ 
deutendster und selbständigster Persönlich¬ 
keit der alten Niederlande zwischen Jan 
van Eyck und Bruegel anweist, handelt 
schon vorher ausführlich von ihm in einem 
Vortrag der B. k. G. (9. Okt. 1914). Eine 
gute Charakteristik kürzester Prägung birgt 
der Th.-B.-Artikel von Cohen. Baldaß 
gibt im Pr. Jhb. (XXXVIII1917, S. 177) eine 
einleuchtende Chronologie des Meisters. 
J. Six erkennt Landschaftsporträts in Boschs 
Johannestafel des Kaiser-Friedrich-Museums 
(Amtl. Ber. XXXIX 1918, Sp. 261). Durch 
Stiftung des Camille Benoit gelangte der 
erste Bosch ins Louvre, eine reizvolle Dar¬ 
stellung aus dem Narrenschiff Sebastian 
Brants (Gaz. 1919 I, S. 1). 

Mit einem unbekannten Quentin Massys 
macht Tancred Borenius im Burl. Mag. 
bekannt (XXXIII 1918, S. 3), Schmidt-De¬ 
gen er mit der Katharinendisputation des 
Jan Provost (Z. f. b. K. N. F. XXX 1918/19, 


S. 68). In einem Vortrag der B. k. G. (10. Dez. 
1915) gibt Friedländer der Schwierigkeit 
Ausdruck, die beiden Maler des Namens 
Joos van Cleve recht zu fassen, und erwägt 
die Frage, ob es möglich sei, das Bildnis 
in Windsor Castle, das durch den Kupfer¬ 
stich als Selbstbildnis eines Joos van Cleve 
festgelegt ist, und das bisher auf den jün¬ 
geren Träger des Namens bezogen wurde, 
dem Werk des älteren, des sog. „Meisters 
des Todes Mariä*, einzugliedern. 

Es folgt eine Reihe gar nicht oder un¬ 
genügend bekannter Persönlichkeiten, deren 
Werk Friedländer neu aufgestellt oder 
erheblich erweitert hat. Der Meister der 
„Mansimagdalena“ (Kaiser - Friedrich-Mu¬ 
seum) ist wichtig als Grenzkontur, mit dem 
die Persönlichkeit des Quentin Massys zu 
umziehen ist (Pr. Jhb. XXXVI 1915, S. 6). 
Gleichfalls aus einer Rippe Quentins geformt 
ist der „Meister des Morrisson-Triptychons“ 
(Z. f. b. K. N. F. XXVI 1915, S. 12). viel¬ 
leicht zu identifizieren mit Ariaen Scilleman, 
der 1499 die Freimeisterschaft von Antwer¬ 
pen erwarb. Der „Meister von Frankfurt“ 
(Pr. Jhb. XXXVIII 1917, S. 135), auch ein 
Südniederländer auf der Stufe des Massys, 
hat als unselbständige Persönlichkeit viel¬ 
fach kopiert, in seiner Kompositionsweise 
ist wie in der des Quentin der Stil der 
Bildweberei nachzuweisen. Der Name des 
Künstlers war bisher nicht festzustellen, 
doch ist sein Äußeres in zwei Selbstpor¬ 
träts von 1493 und 1496 bewahrt. Häufiges 
Anbringen von Personen des habsburgi- 
sehen Hauses lassen in ihm einen Hofmaler 
vermuten. Sicher in den Kreis des Hofes 
der Margarete von Österreich gehört ein 
fremdartiger, von lateinischem Formenge¬ 
schmack berührter Südniederländer, von 
dem das Kaiser-Friedrich-Museum eine treu¬ 
liche Madonnentafel erwarb. Friedländer 
vermutet in dem Unbekannten den „Maltre 
Michiel“, von dem Margarete nach Aussage 
der Inventare verschiedene Arbeiten besaß 
(Amtl. Ber. XXXVI 1914/15, Nr. 9). Ein 
Antwerpener Meister, der der nord-nieder¬ 
ländischen Kunst nahe steht und oft mit 
Engelbrechtsen verwechselt wurde, tritt 
in dem zwischen 1506 und 1526 tätigen Jan 
Wellens de Cock auf (B. k. G. 8. Febr. 1918 
und Z. f. b. K. N. F. XXIX 1918, S. 67). Die 
Handzeichnungen des sog. „Meisters des 
Leipziger Kabinetts“ werden als Vorlagen 
für Glasscheiben erkannt und der Künstler 
versuchsweise mit dem Antwerpener Glas- 


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Nachrichten und Mitteilungen 


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maler Ardt Ortkens gleichgesetzt (Amtl. 
Ber. 1916/17 XXXVIII, Nr. 9). 

Endlich bemüht sich Friedländer, in 
die vielverästelte Gruppe, die man sich 
unter dem Sammelnamen „Bles“ zusammen¬ 
zufassen gewöhnt hat, Licht und Ordnung 
zu bringen (Pr. Jhb. XXXVI1915, S. 1). Eine 
Aufteilung des Materials unter einzelne 
Meisterpersönlichkeiten konnte nicht rest¬ 
los gelingen: der „Blesstil“ ist als Mode 
zu fassen, die eine Zeitlang mehrere Ant- 
werpener Ateliers beherrschte und die Be¬ 
triebe einander so ähnlich machte, daß die 
Grenzen unscharf werden. Als Maler von 
selbständiger Bedeutung kommt einzig der 
„Meister des Dormagentriptychons“ (Jan de 
Beer?) in Betracht. Das wesentliche Resul¬ 
tat der Untersuchung ist die Feststellung, 
daß dieser bisher als „italianisierender Ma¬ 
nierismus“ abgetane Stil vergleichsweise 
früh auftaucht (um 1500) und sich durch¬ 
aus national und unabhängig vom Süden 
entfaltet. Der erregte, aufrührerische Geist, 
der sich hier offenbart, ist mit der süd¬ 
deutschen Spätgotik, mit Erscheinungen 
wie dem Dürer der Apokalypse, den Künst¬ 
lern der Donaulande, dem jungen Cranach, 
in Parallele zu setzen. 

Beiträge zur Kenntnis der wirklichen 
.Jtalianisten“ Gossaert und Orley gibt an 
verschiedenen Stellen mit wechselndem 
Erfolg L. Bald aß (Pr. Jhb. XXXVI 1915, 
S. 223; Wiener Zentr.-Komm. XI 1917, S. 1 
und Wiener Jhb. XXXV 1919, S. 34). F. Mül¬ 
ler bringt die wichtige Notiz, daß nicht 
Maubeuge, das dem Meister den Beinamen 
„Mabuse“ eingetragen hat, sondern Wyck 
bei Duurstede als sein Geburtsplatz anzu¬ 
sehen sei (Oud Holland XXXIV1910, S. 149). 
Den Orleyschüler Jan van Rillaer behandelt 
zusammenhängend Alfred Kuhn (Z. f. b. K. 
N F. XXVI 1915, S. 81). 

Knapp und klar umreißt W. Cohen im 
Th.-B. die Gestalt des Engelbrechtsen, wäh¬ 
rend Rosy Kahn (Die Graphik des Lucas 
van Leyden, Straßburg, Heitz 1918) vor 
allem prüft, inwieweit Engelbrechtsen mit 
seinem großen Schüler Lucas Gemeinsam¬ 
keiten aufweist. Zur Erkenntnis des Lucas 
selbst trägt R. Kahn mit sorgsamer Formana¬ 
lyse wesentlich bei: sie untersucht die Stiche 
der Frühzeit, blickt vergleichend auf die 
holländischen Vorgänger und das graphische 
Werk Dürers und behandelt darauf in chro¬ 
nologischer Folge die Kupferstiche und Holz¬ 
schnitte aus dem 2. und 3. Jahrzehnt des 


16. Jahrh. Bei der Besprechung der Bilder 
kann sie im besonderen auf die treffliche 
Monographie von N. Beets (Bruxelles, van 
Oest 1914) Bezug nehmen. 

In seinen Notizen über holländische Zeich¬ 
ner des 16. Jahrh. bringt Baldaß wichtiges 
Material zu Jan Swart van Groningen (Graph. 
Mitt. 1918, Heft 1) und Jan van Scorel (ebd. 
1916, Heft 1). Gr. Ring bemüht sich, den 
Entwicklungsgang Scorels neuartig zu fas¬ 
sen (Kstchr. N. F. XXIX 1917/18, S. 329): 
der Künstler kam danach nicht von der tra¬ 
ditionstreuen Meisterschaft des vielgerühm¬ 
ten Obervellacher Jugendwerks durch ita¬ 
lienische Verlockungen auf einen manieri- 
stischen Irrweg; er stieg vielmehr von er¬ 
müdeter, bereits manieristisch durchsetzter 
Primitivität zu dem freien Reichtum seiner 
Spätwerke auf. An anderer Stelle macht 
Gr. Ring mit einer Anzahl solcher Spät¬ 
werke bekannt, von denen eines sich mit 
einer Stelle bei van Mander belegen läßt 
(Kstchr. XXX 1918/19, p. 179). Des Scorel- 
schülers Heemskerck römisches Skizzenbuch 
publiziert Hülsen (Berlin, Bard 1916). 

Pieter Bruegel d. Ä. nimmt mit immer 
größerer Selbstverständlichkeit den Platz in 
der altniederländischen Malerei ein, der ihm 
nach Umfang und Reichtum seiner Gestal¬ 
tungskraft zukommt. Die Paraphrase des 
kürzlich der Münchener Pinakothek gewon¬ 
nenen Bruegelschen Schlaraffenlandes von 
Friedländer sei besonders erwähnt (Z. f. b. K. 
1918/19, N. F. XXX, S. 73). 

4. 

Eine gegen die Übung der früheren 
Kunstgeschichtsschreibung erfreulich erhöhte 
Beachtung fanden die Künstler des aus¬ 
gehenden 16. Jahrh. Lancelot Blondeeis 
Erkenntnis wird freilich durch die Arbeit 
von Witting (Straßburg, Heitz 1917) nur 
erschwert. Dagegen gewinnen die bisher 
fast legendären Gestalten von Pieter Coeke 
van Aelst und Lambert Lombard zum ersten¬ 
mal klaren Umriß und Leben durch die 
Bemühungen von Friedländer (Pr. Jhb. 
XXXVIII 1917, S. 53) und Goldschmidt 
(Pr. Jhb. XXXX 1919, S. 206). Coeke tritt 
auf als Vertreter des Stils, der auf die Mode 
des „Antwerpener Manierismus“ folgt. Er 
verzichtet auf Beiwerk und ornamentale Zier 
und stellt die Wirkung nach dem Vorbild 
der Italiener völlig auf den Menschenleib. 
Wichtig erscheint seine Tätigkeit als Zeich¬ 
ner für Gobelin und Glasfenster. L. Lom- 


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Nachrichten und Mitteilungen 


96 


bards Art wird rekonstruiert nach seinen 
Kupferstichen. Von der Fülle der Gemälde, 
die überlieferungsgemäß unter seiner Marke 
gehen, bleibt nach Goldschmidts Sichtung 
wenig übrig, dagegen finden sich die lange 
verschollenen Teile des Lombardschen Hoch¬ 
altars in St. Denis, zu Lüttich wieder. Ober 
FransFloris orientiert erschöpfend derTh.-B.- 
Artikel von Winkler. O. Hirschmann 
(Quellenschr. zur Kunstgesch. IX, Haag 1916) 
entwickelt sicher die Biographie des Hen¬ 
drik Goltzius und bespricht das malerische 
Werk des in erster Linie als Kupferstecher 
bekannten Künstlers unter besonderer Be¬ 
tonung des Zusammenhanges dieser Kunst 
mit Venedig. Höcker (Haag, Nijhoff 1916) 
veröffentlicht und kommentiert das „Lehr¬ 
gedicht“ des Karel van Mander; besonders 
interessieren seine Ausführungen über van 
Manders Methode der Kunstgeschichtsschrei¬ 
bung. Ein Aufsatz Hirschmanns (Mo- 
natsh. XI 1918, S. 213) gibt Kunde von van 
Manders Harlemer Akademie, der Wiege 
eines aristokratischen internationalen Aka- 
demizismus, der seine letzte Erfüllung in 
Rubens fand. 

5. 

Von niederländischen Plastiken wurde 
wenig gehandelt. Devigne gibt Notizen 
zur Lütticher, L. van Puyvelde zur nord¬ 
niederländischen Bildhauerkunst (OnzeKunst 
1915 I, S. 1 und 1917 II, S. 169). Einen Auf¬ 
satz von seltener Anmut bei aller wissen¬ 
schaftlichen Exaktheit widmet Wilhelm 
Vöge dem Conrad Meyt (Monatsh. VII1914, 
S. 37). Er behandelt vor allem Meyts An¬ 
teilnahme an den Denkmalen von Brou. 
FriedrichBack(MünchenerJhb. 1X1914 15, 
S. 297) veröffentlicht ein Werk des Niclaes 
Gerhart van Leyden: den Kopf des Grafen 
von Hanau, der sich zusammen mit seiner 
Geliebten, der „schönen Bärbel von Otten¬ 
heim“, an der Stadtkanzlei von Straßburg 
dargestellt fand. 


Um das bisher zu wenig erforschte Ge¬ 
biet der niederländischen Miniaturmalerei 
machte sich vor allem Fr. Winkler ver¬ 
dient, der die Kategorien der großen Kunst¬ 
geschichtsschreibungglücklich auf die Minia¬ 
turforschung überträgt, und die Fülle des 
erhaltenen Materials übersichtlich zu grup¬ 
pieren. beginnt. Vier Einzelstudien im Wie¬ 
ner Jhb. (XXXII 1913, S. 279) stellen die 
verschiedenen Künstler eines Gebetbuchs 
Karls des Kühnen fest, umreißen eine flan¬ 
drische Lokalschule um 1420—60, kennzeich¬ 
nen zwei Utrechter Miniaturisten aus der 
Frühzeit der holländischen Malerei und be¬ 
handeln endlich eine Gruppe aus der Zeit 
des Verfalls der niederländischen Miniatur- 
kunst um 1500. Von einzelnen Miniatoren 
Karls des Kühnen sprechen C. Hasse (Z.f. 
b K. N. F. XXVIII 1916'17, S. 154), und 
Henry Martin (Gaz. 1917, S. 155). L. Käm¬ 
merer findet Zusammenhänge zwischen 
nordniederländischer Buchkunst und ost¬ 
deutscher Tafelmalerei (Pr. Jhb. XXXX 1919, 
S. 36). 

Es kann wundernehmen, in der Zusam¬ 
menstellung vergleichsweise wenig von hol¬ 
ländischer und belgischer Lokalforschung 
aufgeführt zu finden. Die altniederländische 
Malerei bedeutet mehr als die deutsche oder 
französische der gleichen Zeit ein internatio¬ 
nales Forschungsgebiet; die weite Zerstreu¬ 
ung der Denkmale nimmt den niederländi¬ 
schen Volksgenossen das Privileg auf „ihre“ 
Kunst, das die französischen und in gewissem 
Sinne auch die deutschen Forscher sich zu 
sichern wußten. Gerade die deutsche Kunst¬ 
wissenschaft hat ihren Ehrgeiz darein ge¬ 
setzt, zur Deutung der stammesverwandten 
Denkmale beizutragen. Daß sie auch in den 
letzten Jahren Fortschritte zu verzeichnen 
hat, mag ohne Überhebung konstatiert 
werden. 

Berlin, Februar 1920. 

Dr. Grete Ring. 


Für die Sdiriltleltung verantwortlich: Professor Dr. Max Cornicelius, Berlin W 30, LuitpoldstraBe 4. 

Drnck von B. Q. Teubner ln Leipzig. 


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INTERNATIONALE MONATSSCHRIFT 

FÜR WISSENSCHAFT KUNST UND TECHNIK 


15. JAHRGANG HEFT 2 


NOV.-DEZ. 1920 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft 
der Deutschen Wissenschaft. 

Von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, von den Aufgaben und Zie¬ 
len, die sie sich setzt, den Aufwendungen, die hierzu für notwendig erachtet werden, 
ist in unserm Oktoberheft eingehend gehandelt. In einem an die deutschen Landwirte, 
Kaufleute, Gewerbetreibenden und Industriellen gerichteten Aufruf haben dann die Spitzen¬ 
verbünde des deutschen Wirtschaftslebens die deutsche Wirtschaft aufgefordert, der 
deutschen Wissenschaft durch Unterstützung ihrer Notgemeinschaft in diesen schweren 
Jahren zu helfen, und am 23. November hat in gleichem Bestreben der Reichsminister 
des Innern Abgeordnete und führende Männer der Wissenschaft und des öffentlichen 
Lebens zu einem Parlamentarischen Abend im Plenarsaal des Reichstags geladen, zu 
dem auch der Reichspräsident, der Reichskanzler, der Reichsfinanzminister, der preußi¬ 
sche Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung und andere hohe Reichs- und 
Staatsbeamte erschienen waren. In seiner einleitenden Ansprache trat der Reichsminister 
des Innern nachdrücklich für die Notgemeinschaft ein. Nach ihm nahmen das Wort 
Adolf von Harnack über das Thema ,,Wissenschaft und Kultur“, Fritz Haber über „Wis¬ 
senschaft und Wirtschaft“, Friedrich von Müller über „Wissenschaft und Volksgesund¬ 
heit“. Zum Schluß sprach Staatsminister Dr. Schmidt-Ott als Vertreter der Notgemein¬ 
schaft. der Reichsregierung für ihre tätige und wirksame Förderung dankend. 

Sämtliche Reden geben wir nachstehend in ihrem vollen Wortlaut wieder. Die Red. 


Reichsminister des Innern Koch: Wir 
werden heute ernst zu Ihnen sprechen, 
mit ungewöhnlichem Ernst und in dem 
Bewußtsein einer schwer lastenden Ver¬ 
antwortung. Wir haben uns in den glück¬ 
lichen Zeiten vor dem Kriege allzusehr 
daran gewöhnt, die Blüte unserer Wirt¬ 
schaft und Volkswohlfahrt, die Blüte un¬ 
serer Kultur und unserer Wissenschaft 
als etwas Unabänderliches, als etwas zu 
betrachten, das sich wohl verbessern, 
aber nicht verschlechtern könnte. Der 
schwere Krieg und die Nachkriegszeit 
haben uns die Augen dafür geöffnet, wie 
eng der Raum ist, auf dem sich die Kul¬ 
tur eines 60-MilIionenvolkes entwickelt 
hatte, wie künstlich und empfindlich der 
Aufbau des menschlichen Zusammen¬ 
lebens ist, unter dem wir in Deutschland 
gelebt haben. Wir sehen heute deut¬ 
licher, als es uns die Geschichte gelehrt 


hat, daß auch eine hochentwickelte Kul¬ 
tur infolge innerer Erschütterungen, in¬ 
folge äußeren Anstoßes immer wieder 
Gefahr läuft, zu verarmen, zu veröden 
und zu versinken. 

Wir werden uns im Wettbewerb mit 
andern Völkern, die über mehr Land, 
über mehr Geld, über mehr Rohstoffe 
und über mehr ungebrochene Volkskraft 
verfügen, nur dann aufrechterhalten kön¬ 
nen, wenn wir Veredelungsarbeit trei¬ 
ben, Veredelungsarbeit, die in jeder Be¬ 
ziehung abhängig ist von der Grundlage 
wissenschaftlicher Erkenntnis. Aber auch 
diese Wissenschaft droht ins Wanken zu 
geraten infolge der Ereignisse des Krie¬ 
ges und der Revolution. Sie leidet un¬ 
ter dem Mangel äußerer Hilfsmittel, die 
ihr in den gegenwärtigen Zeiten auf das 
äußerste verteuert sind. Sie leidet dar¬ 
unter, denn heutzutage gedeiht auch die 

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99 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 100 


stille Arbeit des Forschers und des Er¬ 
finders nicht im Dachkämmerlein, son¬ 
dern nur im wohlgefüllten Laboratorium 
und in der gutbesetzten, sich immer wie¬ 
der erneuernden Bibliothek. 

Die Wissenschaft leidet aber auch des¬ 
wegen, weil es schwer ist, die persön¬ 
lichen Bedürfnisse derer, die sich ihr 
widmen, so zu befriedigen, wie sie es 
verdienen. In einer Zeit, wo alles ringt, 
um gegenüber sinkendem Geldwert die 
Lebenshaltung aufrechtzuerhalten, wer¬ 
den die Träger der Durchschnittsarbeit, 
die viele sind und die leicht zu organi¬ 
sieren sind, schließlich immer noch eher 
die Wertung ihrer Arbeit durchsetzen 
als die einsam und für sich arbeitenden 
Gelehrten, die Qualitätsarbeit leisten. 

Deswegen ist es eine Notwendigkeit, 
daß wir dem schweren Problem, das hier 
aufgetaucht ist, ins Auge sehen. Es sollte 
leicht sein, diese Gefahr zu erkennen. 
Aber immer wieder wird der Blick uns 
abgewendet durch die täglichen Sorgen 
und Bedürfnisse, durch die Schwierig¬ 
keiten, die unserm Volke innen und 
außen erwachsen, wird abgelenkt durch 
Oberschlesien oder die Verhandlungen in 
Spa, wird abgelenkt durch Sozialisierung 
oder Ernährungsschwierigkeiten. 

Demgegenüber ist es notwendig, daß 
wir uns sammeln, um die Gefahr zu er¬ 
kennen, die darin besteht, daß es uns 
vielleicht gelingen wird, unserm Volke 
Brot und Spiele zu geben, — wenn auch 
wenig Brot und wenn auch manchmal 
Schaustellungen, die lieber nicht gegeben 
würden —, daß es aber nicht gelingt, 
die Wissenschaft Deutschlands auf der 
Höhe zu halten; die Gefahr, daß wir 
zwar zehren, aber nicht mehren. 

Der Herr Reichsfinanzminister hat mir 
in meinem Etat unter den einmaligen 
Ausgaben die Summe von 20 Millionen 
Mark für die Not der Wissenschaft zur 
Verfügung gestellt, und ich habe sehr 


begründete Aussicht zu der Hoffnung 
— mehr darf ich nicht sagen —, daß 
diese einmalige Ausgabe eine dauern¬ 
de werden wird. Aber damit allein 
ist es nicht getan. Was wir darüber 
hinaus brauchen, ist das Verständnis und 
die Mitarbeit aller Teile unseres Volkes. 
Es gilt nicht nur Geldmittel, es gilt auch 
die Erkenntnis, daß unter Umständen zur 
Vereinfachung und Verbesserung unserer 
wissenschaftlichen Arbeit neue Wege be¬ 
schritten werden müssen, daß solche 
Wege beschritten werden müssen, auch 
wo vielleicht Opfer für den einzelnen, 
Opfer für bestimmte Interessen und 
Wünsche damit verbunden sind. 

Diese Erkenntnis zu wecken, das Ver¬ 
ständnis in alle Teile unseres Volkes 
hineinzutragen, die Nation aufzurufen, 
um einer Gefahr zu begegnen, die un¬ 
endlich groß ist, soll dieser heutige Abend 
dienen. An uns ist es, die deutsche Wis¬ 
senschaft wieder in den Sattel zu setzen; 
reiten wird sie dann schon können. Die 
deutsche Wissenschaft, um die uns die 
Welt beneidet — es ist vielleicht fast das 
einzige, um das uns die Welt noch be¬ 
neidet —, die deutsche Wissenschaft zu 
fördern, ist unsere Aufgabe. Helfen wir 
der deutschen Wissenschaft, so helfen 
wir auch unserm Volk und unserm Vater¬ 
lande. 

Wirkl. Geh. Rat Prof. Dr. D. von Har- 
nack: In der Zeit der katastrophalen Nie¬ 
derlage auch unserer Wissenschaft un¬ 
ter zunächst, wie es scheint, unabwend¬ 
baren Verhältnissen soll ich darüber 
sprechen, welche Bedeutung die Wis¬ 
senschaft für die Kultur hat. Es kann 
leicht scheinen, daß die Behandlung die- 
des Themas ebenso trivial wie unnötig 
ist, unnötig, weil sich bereits so viel 
guter Wille, so viel Hochherzigkeit, so 
viel Übereinstimmung in bezug auf die 
Notwendigkeit der Unterstützung der 
Wissenschaft gezeigt hat, daß es schei- 


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101 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 


102 


nen könnte, jedes weitere Wort sei Gott 
sei Dank überhaupt nicht mehr nötig. 
Und trivial könnte es scheinen, von Wis¬ 
senschaft und Kultur zu sprechen, und 
davon, daß die letztere jene nötig hat. 
Scheint es doch, als wäre das gleich¬ 
sam ein einziger Ausdruck: Wissen¬ 
schaft und Kultur. 

Allein, erstlich wird kein besonnener 
Mann der Wissenschaft behaupten, daß 
die Kultur nur auf dem Pfeiler der Wis¬ 
senschaft ruht. Wissenschaft ist noch 
nicht Weisheit, und Wissenschaft ga¬ 
rantiert an und für sich nicht, daß die 
Persönlichkeiten, die nötig sind, um die 
Kultur aufrechtzuerhalten, wirklich le¬ 
bendig und frisch sind. Aber daß die 
Wissenschaft einer der ganz wesent¬ 
lichen und schlechthin notwendigen 
Pfeiler der Kultur ist, das wird wohl in 
diesem Kreise nicht bestritten werden. 

Freilich kann man nicht sagen, daß 
es überall unbestritten ist. Sie wissen — 
wir brauchen nicht einmal bis in den 
Osten Europas zu gehen —, es gibt 
große Kreise, welche meinen: selbstauf 
die Gefahr hin, Wissenschaft und Kul¬ 
tur zerstören zu müssen, gäbe es Ideale, 
die einstweilen jetzt durchgeführt wer¬ 
den müssen. Und es gibt sanfte An¬ 
archisten auch der Wissenschaft und der 
Kultur gegenüber, welche sagen: ja, die 
Wissenschaft ist so matt und träge und 
zu Ende gekommen, und wiederum: die 
Kultur ist auf eine so falsche Bahn ge¬ 
raten, daß selbst, wenn sie jetzt leiden 
müssen, dies kein so großer Verlust ist. 
Es wird sich schon wieder etwas Neues 
anspinnen. Dazu haben wir in letzter 
Zeit gehört, daß, wenn die eine Kul¬ 
tur aufhört, weil sie ausgelaufen ist, eine 
andere wieder einsetzt, man also nicht 
allzu ängstlich zu sein braucht. 

Demgegenüber behaupte ich: die Kul¬ 
tur ist, solange es eine gibt, in dem 
Kulturkreise, den wir kennen und der 


unser ist und der von Babylon bis Ame¬ 
rika geht, immer nur eine gewesen und 
ist bei den verschiedenen Völkern in 
dem eben genannten Kreise immer nur 
die eine. Und wenn Sie diese Kultur 
zerstören, gibt es überhaupt keine für 
diesen Kreis. Und ebenso: man mag 
von der heutigen Wissenschaft in bezug 
auf ihre Dauer und Art halten, was man 
will, aber das ist bestimmt: wir, wie wir 
erzogen sind und wie noch Generationen 
nach uns sehen, denken und urteilen 
werden, haben nur eine Wissenschaft, 
und wenn diese zerstört wird, kommt 
keine andere für uns an die Reihe. Die 
Wissenschaft ist in ihrer Geschichte 
nicht eine Perlenschnur, wo eine Perle 
neben der anderen steht, und ob eine 
ausfällt oder nicht, ist gleichgültig: son¬ 
dern die Wissenschaft ist ein großer 
Bau, an welchem die Verschiedenheiten 
viel geringer sind als die Einheit der 
Struktur. 

Nun aber hat die Kultur, so viel sie 
sonst noch nötig hat, die Wissenschaft aus 
zwei Gründen gewiß nötig, nämlich er¬ 
stens, weil zur Kultur gehört Beherr¬ 
schung der Natur, und zweitens, 
weil zur Kultur gehört Beherrschung 
des Menschen, zunächst jedes einzel¬ 
nen in seinem Kreise und für sich, damit 
seine Kräfte harmonisch ausgebildet 
werden und freie Persönlichkeiten ent¬ 
stehen, die wiederum bis zu jenem fer¬ 
nen Ziele ausblicken, wo es einen Bund 
geben wird, so umfassend wie das 
menschliche Leben und so tief wie die 
menschliche Not. 

Für diese beiden Zwecke, die Natur 
zu beherrschen und die Menschen hu¬ 
man zu bilden, hinaufzubilden, ist die 
Wissenschaft unumgänglich. Ich 
brauche das für den ersten Punkt, daß 
Naturbeherrschung eine selbstverständ¬ 
liche Voraussetzung der Kultur ist, nicht 
des weiteren zu erörtern. Aber auch bei 

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103 Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wisse 


dem zweiten Punkt, wenn die Ausbil¬ 
dung von freien Persönlichkeiten ge¬ 
wiß auch noch anderes bedarf, so be¬ 
darf sie vor allen Dingen genauer Kennt¬ 
nis der Ideale der Menschheit, der Psy¬ 
chologie der Menschheit, der Geschichte 
der Menschheit. Man kann dies nicht 
improvisieren, sondern man kann, wenn 
man die Menschen bilden will, nur mit 
diesem Kapital arbeiten. Dieses Kapi¬ 
tal können auch Dilettanten hin und 
wieder ausgezeichnet bearbeiten und 
weitergeben. Aber wenn der Dilettantis¬ 
mus hier zum Prinzip wird, so ist das 
der Tod der Wissenschaft; denn wahre 
Wissenschaft kann immer nur auf 
eine Weise betrieben werden. 

Also steht das fest: soll unsere Kul¬ 
tur bleiben, so müssen wir fortfahren 
können, die Natur zu beherrschen und 
müssen alle diejenigen geistigen Kapi¬ 
tale in Kraft erhalten, aus welchen wir 
solche Personen erziehen können, wel¬ 
che freie Persönlichkeiten, geschickt sind, 
die Menschheit zu fördern, als einzelne 
und im Bunde. Also sind Geisteswis¬ 
senschaften und Naturwissenschaften in 
gleicher Weise für die Kultur unum¬ 
gänglich. 

Ja aber, sagt man uns, wir Deutsche 
haben so viel gearbeitet und wir haben 
ein solches Kapital; ist es wirklich not¬ 
wendig, daß das, wenn jetzt eine Pause 
eintritt, sich verringern muß? können 
wir nicht von dem Kapitale leben? — 
Nein, das können wir nicht! Das kann 
überhaupt niemals und nirgendwo eine 
ordentliche Wirtschaft. Hier aber steht 
es so, daß, wo in der Wissenschaft Still¬ 
stand ist, sofort Stagnation, Mechanis¬ 
mus ist; die Sache wird faul und ohne 
Wert. Nur das, wonach wir fort und 
fort mit Bewußtsein streben, ist hier 
unser Eigentum. Was wir zu besitzen 
meinen, das ist sofort verloren, das geht 
hinunter in den großen Abgrund, wo 


kein lebendiges Denken, kein lebendi¬ 
ges Fühlen mehr ist, sondern Mecha¬ 
nismus. 

Also der Einwand, wir könnten war¬ 
ten, wir könnten eine Pause machen, 
gilt nicht. Wir können keine Pause ma¬ 
chen. Reißt hier der Faden ab, — ja, 
dann ist er nicht nur an dieser Stelle 
abgerissen, sondern das Ganze zieht sich 
zurück wie ein elastischer Faden, und 
ist nicht mehr aufzufinden. 

Ja, sagt man aber weiter: so viel Mit¬ 
tel werden wir doch noch haben, daß 
wir sparsam Wissenschaft weitertrei¬ 
ben können. Ich will hier ein Geständ¬ 
nis machen: wir konnten früher spar¬ 
samer gewesen sein, das ist richtig. Aber 
Sie wissen, wie es in einem Haushalt 
zugeht, der nicht auf die Groschen zu 
sehen braucht. Wenn wir jetzt aus der 
Not eine Tugend machen müssen, so ist 
das nur heilsam. Ebenso ist alles mög¬ 
liche andere zu verbessern. Ebenso, wie 
es eine Pathologie des Körpers gibt, 
gibt es auch eine Pathologie der Wis¬ 
senschaft. Sie ist nicht von Krankheiten 
frei. Ich denke an den Materialismus 
des Stoffes, der Stoffhäufung. Ich denke 
auch an den Materialismus der Gedan¬ 
kenhäufung, indem dieselbe Kausal¬ 
reihe tausendmal belegt wird. Das sind 
Dinge, wo wir aus der Not lernen kön¬ 
nen und müssen. 

Aber wenn man uns sagt: ihr könnt 
mit wenigem — mit so viel, wie jetzt 
noch da ist — etwa mit dem Friedens¬ 
etat von 1913 auskommen, so ist das 
absolut unmöglich. Wir wissen sehr 
wohl, was der Genius in der Wissen¬ 
schaft bedeutet, was die kleine Dach¬ 
kammer in der Wissenschaft bedeutet. 
Wir wissen aber auch, daß in der Wis¬ 
senschaft etwas von dem Reichtum, der 
Verschwendung der Natur nötig ist. 
Man muß oft hundert Experimente ma¬ 
chen können, um ein Resultat zu bekom- 


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105 


men; man muß sie wiederholen können. 
Weiter: nur aus dem Reichtum eines 
breiten und fruchtbaren Bodens heraus 
entwickeln sich Bäume und Pflanzen, 
weil sie sich nicht an jeder Stelle ent¬ 
wickeln können, sondern nur an eini¬ 
gen; aber der Boden muß da sein. Die 
Wissenschaft braucht eine gewisse Be¬ 
häbigkeit, einfach deswegen, weil nicht 
jeder Stein, den man anschlägt, Funken 
gibt, weil es soundso viele Experimente 
geben muß — es ist in den Geisteswis¬ 
senschaften nicht anders —, die man 
durchmachen muß, damit endlich an 
einem Punkte der wirkliche Fortschritt 
in der Zusammenfassung oder in dem 
Neuen, was man gepackt hat, sich ergibt. 

Man sage auch nicht, daß etwa die 
Wissenschaft des Mittelalters arm ge¬ 
wesen sei. Die Mönche, die damals die 
Wissenschaft ganz wesentlich in. den 
Händen gehabt haben und auf ihren 
Schreibzimmern arbeiteten, hatten Muße 
und hatten Vermögen, um ihre Muße zu 
verbrauchen. Noch niemals ist aus dem 
Miserabilismus der Armut eine Wissen¬ 
schaft entstanden, die Signatur für eine 
ganze Generation wäre. Hin und wieder 
kann ein einzelner auf dem kärglichsten 
Felde emporblühen. Das gilt aber nicht 
von dem, was wir brauchen, nämlich von 
Fülle und Charakter der Wissenschaft 
als Ausprägung der Funktion unseres 
ganzen Volkes. 

Das haben wir nötig. Und weil die 
eben genannten Einwürfe also nicht 
Platz greifen, ist es notwendig, daß die 
Nation diese Aufgabe der Wissenschaft 
um ihrer Kultur willen, d.h. um ihres 
höheren Daseins willen aufgreift und 
den herrlichen Anfang, den sie in der 
Zustimmung zu dieser Sache schon ge¬ 
macht hat, immer weiter und weiter 
fortsetzt und nicht nachläßt. Es kommt 
dazu, daß wir als ein unserm Boden 
gegenüber übervölkertes Land nur be¬ 


106 


stehen können, wenn die Naturwissen¬ 
schaft uns die Möglichkeit gibt, durch 
ihre Erfindungen, hinter denen eben wie¬ 
der die Wissenschaft steht, uns mehr an 
Kapital, d.h. letztlich an Nahrung zu 
verschaffen, als unser Boden gibt. Wir, 
von allen Seiten umgeben, wir, das ge- 
fährdetste Volk, können auch in Geisti¬ 
gem und Sittlichem nur dann bestehen, 
wenn, soweit die Wissenschaft daran 
Anteil hat, die geistige Arbeit, die ide¬ 
alen Bestrebungen bei uns in Klang und 
Schwang sind. 

In diesem Sinne bitte ich Sie, bitte 
die Vertreter unseres Staates, die Ver¬ 
treter auch unserer Kommunen — denn 
auch die Kommunen können helfen in 
Gas und Kohle und was es sei — und 
vor allen Dingen die, die uns heute wie¬ 
der und früher schon ihr Wohlwollen 
bewiesen haben, alle die Vereine, die 
auf diesem Aufruf stehen (der Redner 
verweist auf den Aufruf), diesem Werke, 
diesem großen Unternehmen um der 
deutschen Kultur, um der Menschheits¬ 
kultur willen auch weiter beizustehen. 
Dann wird es uns gelingen. 

Geh. Regierungsrat Prof. Dr. F. Haber: 
Das Verhältnis der Wissenschaft zur 
Wirtschaft erinnert an das Verhältnis 
der Menschen zur Religion. Der eine hat 
den festen Glauben, der andere lebt und 
stirbt als Heide. Zwischen beiden steht 
ein Kreis von Menschen, die lassen in 
freundlichen Tagen den Herrgott einen 
guten Mann sein, wenn aber schwere 
Stunden kommen, dann fangen sie 
sachte an zu beten in der Hoffnung, daß 
ihnen geholfen wird. So gibt es Wirt¬ 
schaftskreise — ich brauche nur an die 
Farbenindustrie zu erinnern —, die ganz 
und gar durchtränkt sind von Wissen¬ 
schaft und die ihren Erfolg in derWelt 
auf den engsten Zusammenhang mit der 
Wissenschaft begründet haben. Es gibt 
andere, die an ein gutes Rezept und 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 


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107 Eine Kundgebung für die Notgenieinschaft der Deutschen Wissenschaft 108 


einen tüchtigen Werkmeister bei der Fa¬ 
brikation glauben, der Wissenschaft aber 
fremd gegenüberstehen. Und dazwi¬ 
schen ist eine große Gruppe, deren Ein¬ 
stellung schwankend ist. In guten Zei¬ 
ten sehen sie in der Wissenschaft einen 
Schmuck, aber kein Bedürfnis, in 
schlechten sind sie geneigt, ein Opfer für 
die Wissenschaft zu bringen, aber unter 
der Bedingung, daß sie ein Wunder tut 
und durch eine Erfindung schleunig über 
die Schwierigkeit weghilft, unter der sie 
gerade leiden. Ich möchte nicht versu¬ 
chen, durch eine Aufzählung glanzvol¬ 
ler wissenschaftlicher Taten und ihrer 
wirtschaftlichen Wirkungen die Vertei¬ 
lung dieser drei Gruppen zu ändern. 
Die Betrachtung verliert sich leicht ins 
einzelne und sie versagt in einem Haupt¬ 
punkte. Das schlagendste Zeugnis für 
den Nutzen, den die Wirtschaft auf 
einem einzelnen Gebiete von der Wis¬ 
senschaft gezogen hat, beweist nicht, 
daß die Pflege der Wissen¬ 
schaft in ihrer Breite eine Lebens¬ 
bedingung unserer wirtschaftlichen Zu¬ 
kunft ist. Auf diese Gewißheit aber 
kommt alles an. Sie ist es, die die Grün¬ 
der der Notgemeinschaft der deutschen 
Wissenschaft hat zusammentreten las¬ 
sen; sie veranlaßt mich, heute hier vor 
Ihnen für diese Notgemeinschaft zu 
werben. So wahr Unternehmungsgeist 
und Arbeitstüchtigkeit der Bevölkerung 
die Kräfte sind, auf die sich der Wie¬ 
deraufbau unserer Wirtschaft in erster 
Linie gründen muß, ebenso wahr ist, 
daß nur die Wissenschaft das tragende 
Fundament unserer wirtschaftlichen Zu¬ 
kunft abgeben kann. 

Um die Dinge im rechten Lichte zu 
sehen, muß man sich klarmachen, was 
unsere Welt von der des alten Goethe, 
von der Welt vor 100 Jahren unterschei¬ 
det. Der ganze Unterschied steckt in der 
Kohle, liegt in dem, was wir aus ihr 


erzeugen, mit ihr vollbringen. Damals 
beruhte die Wirtschaft auf dem, was 
der Mensch mit der Arbeit seiner Mus¬ 
keln und mit der Kraft seiner Haus¬ 
tiere der Erde abgewann; heute ist alles, 
was unsere selbstgeschaffene technische 
Welt ausmacht, vom Automobil bis zum 
Kinderspielzeug, vom Kragenknopf bis 
zur Schuhsohle, von der Mähmaschine 
bis zum Zeitungspapier verwandelte 
Kohle, Kohle, die zu chemischen Pro¬ 
zessen verbraucht oder zu Wärme- und 
Arbeitserzeugung nutzbar gemacht wird, 
um dem Bedürfnisse der Wirtschaft zu 
dienen. Mit der Kohle fließt ein Strom 
von Energie in die Adern unseres wirt¬ 
schaftlichen Lebens, der hundertmal 
stärker ist als die physische Energie 
der Menschen. Dieser Energiestrom ist 
der Lebensfaktor geworden, der unser 
wirtschaftliches und mit ihm unser so¬ 
ziales Leben stärker als irgendein an¬ 
derer bestimmt. Darum ist sein Verhält¬ 
nis zur Wissenschaft der Punkt, auf den 
alles ankommt. 

Dies Verhältnis ist ein doppeltes. Der 
Strom der Kohlenenergie, der aus dem 
Agrarstaat den Industriestaat geschaf¬ 
fen hat, hat der Wissenschaft unend¬ 
lich viel an Hilfsmitteln der Forschung 
gegeben und erweitert täglich die tech¬ 
nischen Bedingungen für ihre Tätigkeit; 
aber je länger es dauert, um so mehr 
fordert er von der Wissenschaft. 

Dieser Strom bleibt nicht gleich von 
Jahr zu Jahr, wächst auch nicht in 
gleichförmigem Schrittmaß, sondern 
nimmt beschleunigt zu in der Art, wie 
ein Kapital zunimmt, das auf Zinses¬ 
zinsen gelegt ist und jedes Jahr um den¬ 
selben Bruchteil seines Augenblicks¬ 
wertes sich vermehrt. Mit diesem lawi¬ 
nenartigen Wachstum zugleich wächst 
der Bedarf an allen Rohstoffen, die mit 
der Kohle durch das Wirtschaftsleben in 
fester Verknüpfung stehen, sei es, daß 


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109 


sie wie die Erze mit Hilfe der Kohle che¬ 
misch in die Gebrauchsmetalle umge¬ 
wandelt werden, sei es, daß sie wie die 
Rohstoffe der mechanischen Industrie, 
durch mechanische Kraft, die der Kohle 
entstammt, ihre Formgebung für die 
Wirtschaft erfahren. So sehen wir den 
Verbrauch aller großen Rohstoffe in 
ähnlich beschleunigtem Tempo in der 
Welt wachsen wie den Verbrauch der 
Kohle selbst. Die Bestände aber, aus de¬ 
nen wir die Rohstoffe entnehmen 
müssen, sind solchem Verbrauch viel¬ 
fach nicht gewachsen. Unsere techni¬ 
schen Prozesse sind auf die wertvollen 
edlen Rohstoffe gestellt und unsere Be¬ 
dürfnisse überwachsen zusehends die Er¬ 
giebigkeit ihrer Lagerstätten auf der 
Erde. Seit die großen Rohmaterialien 
unserer Metallgewinnung wie die Roh¬ 
stoffe der Düngerwirtschaft von diesem 
Strudel mit gleicher Gewalt erfaßt sind, 
wird es für uns eine Lebens- und Ster¬ 
bensfrage, daß wir die Geister bändi¬ 
gen, die wir riefen. Es ist die große Auf¬ 
gabe der naturwissenschaftlichen und 
technischen Forschung, von Punkt zu 
Punkt die Lösungen zu finden, die das 
fortdauernde Bedürfnis mit dem Schwin¬ 
den der Rohstoffvorräte in Einklang 
bringt. Der Krieg hat die Rohstoff¬ 
schwierigkeit jedem nahegerückt, aber 
er hat sie nicht geschaffen, nur offen¬ 
bar gemacht. Sie wurzelt viel tiefer; 
denn ihre Quelle ist der Widerspruch, 
indem sich die Einstellung unserer Wirt¬ 
schaft mit den geochemischen Grund¬ 
tatsachen, nämlich mit dem Anteil der 
einzelnen chemischen Stoffe an der Zu¬ 
sammensetzung der Erdrinde, befin¬ 
det. Zwei Wege gibt es. Wir müssen 
entweder das stoffliche Gleichgewicht 
des Agrarstaates in unserer wirtschaft¬ 
lichen Welt hersteilen und unsere tech¬ 
nischen Prozesse zu Kreisläufen gestal¬ 
ten, so daß das benutzte Material in 


110 


der Hauptsache wieder zur Quelle zu¬ 
rückkehrt, um in neuer Form der Be¬ 
nutzung wieder zugeführt zu werden, 
oder wir müssen unsere technische Kul¬ 
tur auf die Stoffe gründen, die die 
Hauptmasse der Gesteine bilden, wie Si¬ 
licium und Aluminium, und so verbrei¬ 
tet und allgegenwärtig in der Erdrinde 
sind, daß es nichts ausmacht, ob wir 
sie von einem Orte nach dem anderen 
verschleppen und sie verwüsten. Das 
ist die entscheidende Forderung der 
Wirtschaft an die Wissenschaft. Wenn 
unsere Wissenschaft das wirtschaftlich 
ermöglicht, so ist unsere Sorge einge¬ 
schränkt auf die Gefahr des Kohleauf- 
brauchs selbst. Dann aber bleiben un¬ 
serer Heimat wegen der geologischen 
Mächtigkeit der Kohlelager einige Men¬ 
schenalter ruhiger Entwicklung ge¬ 
sichert. 

Vorerst aber sind wir weit entfernt 
von dem stofflichen Gleichgewicht des 
Agrarstaates oder von der Einstellung 
auf die gemeinsten Bestandteile unserer 
Erdrinde. Noch leben wir in dem Reich¬ 
tum neuer Möglichkeiten, den uns die 
Kohle gebracht hat, wie im Rausch und 
gehen mit den Beständen der Welt an 
wertvollstem Rohstoff um wie der 
Zecher, der das volle Glas hinunterstürzt 
und den leeren Becher an der Wand 
in Scherben gehen läßt. 

Soll ich einzelne Beispiele anführen? 
Eines haben wir gerade erlebt und über¬ 
wunden: die Sorge um den Stickstoff 
für die Landwirtschaft, die vor 25 Jah¬ 
ren in der Welt auftrat, weil die Lawine 
des Rohstoffverbrauches in den knappen 
Naturvorrat des chilenischen Salpeters 
mit einem Tempo hineinfraß, das inner¬ 
halb eines Menschenalters einen Not¬ 
stand großen Stils sicher erwarten ließ. 
Wir haben in Deutschland vor dem 
Krieg 3 / 4 Millionen Tonnen Salpeter 
jährlich aus Chile eingeführt und größ- 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 


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111 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 112 


tenteils auf dem Ackerboden verwendet. 
Der Acker zerstört den ihm zugeführten 
Düngestickstoff nicht, er gibt ihn nur an 
die Pflanze weiter, die wieder an Tier 
und Mensch, die von der Pflanze leben. 
Auch Tier und Mensch zerstören ihn 
nicht, sondern geben ihn mit ihren Aus¬ 
scheidungen, schließlich mit ihrem toten 
Körper dem Boden zurück. Warum 
brauchten wir also jährlich diese unge¬ 
heure Menge Salpeter, deren ständiger 
Zuwachs uns so viele Sorge gemacht 
hat? Wir brauchten sie, weil die Hälfte 
der Menschen bei uns in Städten lebt 
und weil der Städter seine Ausscheidun¬ 
gen nicht dem Acker zurückgibt, von 
dem seine Nahrung stammt. Verschleppt 
und als Abfall hinausgetragen ins Meer, 
gingen sie der Wirtschaft verloren. Beim 
Stickstoff hat die Wissenschaft Abhilfe 
geschaffen, sie hat die Prozesse gefun¬ 
den, die uns von der Sorge befreien, ob 
der Salpeter in Chile ausreicht oder 
nicht, sie hat uns gelehrt, den Stickstoff, 
den der Acker braucht, aus der uner¬ 
schöpflichen und allgegenwärtigen 
Quelle zu beziehen, aus der Luft. Aber 
die eine umfahrene Klippe bedeutet 
nur ein kleines Stück freien Fahr¬ 
wassers. Wir wir den Stickstoff ver¬ 
schleppen, so verschleppen wir den 
Phosphor, und wenn wir vor 25 Jahren 
angefangen haben, uns Sorge zu machen, 
was werden soll, wenn der chilenische 
Salpeter in seinen abbauwürdigen La¬ 
gern erschöpft ist, so müssen wir heute 
anfangen, uns darauf vorzubereiten,daß 
die reichen Rohphosphate, die Ausgangs¬ 
stoffe der Superphosphatindustrie, nicht 
auf länger wie wenige Dezennien ge¬ 
sichert sind. Die Fragestellung ist beim 
Phosphor nicht dieselbe wie beim Stick¬ 
stoff. Der Phosphor ist nicht all¬ 
verbreitet und praktisch unerschöpflich 
in der Welt wie der Stickstoff, aber 
doch in Gestalt von armem Rohphosphat 


an manchen Stellen ausreichend vorhan¬ 
den, um dem Bedürfnis auf lange Zeit 
zu entsprechen. Es wird der Auffindung 
veränderter Formen für die technische 
Nutzbarmachung der armen Rohphos¬ 
phate bedürfen, und die Wiedergewin¬ 
nung des Phosphors, die leichter wie die 
des Stickstoffs ist, wird besondere Be¬ 
handlung finden müssen. 

Wie bei den Rohstoffen des landwirt¬ 
schaftlichen Betriebes steht es bei denen 
unserer Metallwirtschaft. Gewöhnt, die 
reichen Vorkommen abzubauen, ver¬ 
gessen wir nur zu leicht, einen wie klei¬ 
nen Bruchteil der Erdrinde sie aus¬ 
machen, bedenken nicht, daß Kupfer nur 
Vioo°/Of Blei und Zink nur wenige Tau¬ 
sendstel Prozent, Zinn einen verschiede¬ 
nen Anteil davon bildet und wieviel klei¬ 
ner ist der Bruchteil, der sich in abbau¬ 
würdigen reichen Lagern zusammenfin¬ 
det? Wahrlich, ein norwegischer Pro¬ 
fessor der Geologie, der im Kriege im 
Aufträge seiner Regierung diese großen 
Fragen der Rohstoffwirtschaft ein¬ 
gehend studiert hat, scheint nicht im 
Unrecht, wenn er dieses Jahrhundert, in 
dem wir leben, das Jahrhundert des 
Überganges „Zwischen zwei Zeitaltern“ 
nennt. Eine späte Zukunft, die unsere 
Kultur nach den Stücken beurteilt, nach 
denen wir die Kulturperioden vergange¬ 
ner Zeiten einteilen, wird in unser Jahr¬ 
hundert den Übergang verlegen zwi¬ 
schen der ausschließlichen Herrschaft 
der Schwermetalle und dem anschließen¬ 
den Zeitalter der Leichtmetalle, unter 
denen das Aluminium schon heute füh¬ 
rend hervortritt. 

Verweilen wir einen Augenblick bei 
dem Aluminium, um all der Arbeit und 
Mühe zu gedenken, die man im Kriege 
darauf verwandt hat, dieses Metall aus 
heimischem Rohstoff zu erzeugen. Eine 
prinzipielle Schwierigkeit besteht nicht. 
Wir haben die Tone und verstehen aus 


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113 


ihnen Tonerde zu machen, und einmal 
im Besitz der Tonerde, brauchen wirnur 
den bereits seit 25 Jahren technisch 
gangbaren Weg zum Aluminium zu ge¬ 
hen. Aber das Stück des Weges, der 
von dem Ton zur Tonerde führt, ist noch 
roh und technisch nicht fahrbar. Selbst 
seine Trace steht nicht an allen Punk¬ 
ten fest, und wir werden noch eine Weile 
zu tun haben, ehe wir die Pflastersteine 
der wissenschaftlichen Arbeit einen ne¬ 
ben den anderen so in den Boden gesetzt 
haben, daß der Lastwagen der Wirt¬ 
schaft auf diesem Wege so gut rollt 
wie auf der Straße, die statt vom Ton, 
von dem herkömmlichen ausländischen, 
vergleichsweise seltenen Rohmaterial, 
dem Beauxit, zum Aluminium führt. Ich 
will die Reihe der Beispiele nicht ver¬ 
längern. So wie in diesem Falle liegt es 
in hundert anderen. Ein einzelnes Roh¬ 
stoffvorkommen wird quantitativ unzu¬ 
länglich oder wirtschaftlich unfruchtbar 
und wir müssen das Verfahren ändern, 
um von einem abweichenden Rohstoff¬ 
vorkommen zum selben Ergebnis zu ge¬ 
langen. Mag diese Arbeit in den For¬ 
schungsstätten der Wissenschaft oder 
in den Laboratorien der Technik gelei¬ 
stet werden: sie wird nur geleistet durch 
die Kräfte, die auf den Wegen der For¬ 
schung geschult sind, und sie muß ge¬ 
leistet werden, wenn die Wirtschaft be¬ 
stehen soll. 

Noch ein anderer Gesichtspunkt 
drängt sich auf. Mit dem Anschwellen 
des Stromes der Kohlenenergie vermin¬ 
dert sich zwangsläufig die Stabilität der 
Betriebsformen. In der alten Zeit des 
Handwerks konnte dieselbe Arbeits¬ 
weise Jahrhunderte in Gebrauch bleiben. 
Heute bedeutet es viel, wenn sie ein 
volles Menschenalter bleibt, ohne durch 
eine andere ersetzt zu werden. Die ein¬ 
zelnen Zweige der Industrie sind so eng 
aneinander gewachsen, daß der Fort¬ 


114 


schritt der Entwicklung in Wissenschaft 
und Wirtschaft auf dem Nachbargebiete 
auf einmal Möglichkeiten fruchtbar 
macht, die vorher nicht bestanden, und 
Umstellung verlangt. Umstellung aber 
gelingt nur dort, wo an leitender tech¬ 
nischer Stelle die wissenschaftliche 
Kraft vorhanden ist, um das Gebiet 
über die Grenze von Herkommen und 
Gewohnheit hinaus zu übersehen. Die 
Routine stirbt am Wechsel der Betriebs¬ 
form. 

Die Pflege der Wissenschaft wird 
heute aus diesen Gründen nicht nur bei 
uns, sondern in vielen Teilen der Welt 
zum Bedürfnis der Wirtschaft. Bei uns 
aber fallen diese Gründe doppelt und 
dreifach ins Gewicht, weil wir als In¬ 
dustrieland nur den einen ganz großen 
natürlichen Reichtum der Kohle haben 
und darauf angewiesen sind, mit ihrer 
Hilfe uns durch Veredlungsarbeit zu er¬ 
nähren. Wir nehmen den Rohstoff vom 
Ausland, um ihn als fertiges Erzeugnis 
ans Ausland zurückzuliefern. Dabei sind 
wir im Nachteil, wenn wir vor dem Roh¬ 
stofflande nicht den Vorsprung des bes¬ 
seren Könnens haben. Dieser Vorsprung 
des technischen Könnens läßt sich nicht 
anders sichern als dadurch, daß wir die 
eigene Leistung immerwährend überho¬ 
len. Von der Veredlungsarbeit leben, 
heißt führend sein durch ständiges Er¬ 
finden. Reichtum der Erfindung aber 
erwächst nur aus dem Reichtum um 
ihrer selbst willen betriebener Wissen¬ 
schaft. Nichts Unverständigeres gibt es 
als den Gedanken, die Leistung dadurch 
zu steigern, daß man die wissenschaft¬ 
liche Forschung auf das beschränkt, was 
unmittelbar praktisches Resultat ver¬ 
spricht. Angesichts solcher Vorschläge, 
die mir nicht selten begegnet sind, habe 
ich 4*i die Geschichte denken müssen, 
die mir vor 20 Jahren drüben in den 
Vereinigten Staaten von einem Führer 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 


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115 


der Technik berichtet wurde. Dersuchte 
einen Kitt mit bestimmten, besonderen 
Eigenschaften, die schwer zu vereinigen 
waren, und glaubte am schnellsten zu 
seinem Ziel zu kommen dadurch, daß 
er drei Chemiker anstellte und ihnen 
auftrug, statt langer Vorarbeiten kurzer¬ 
hand alle Stoffe paarweise zusammen¬ 
zuschütten, die es in der Chemie gab, 
und die er, weil es rasch gehen sollte, 
aus der ganzen Welt für sie kommen 
ließ. Ich weiß nicht, wie lange die drei 
Unglücklichen an diesem Experimente 
gesessen haben. Den gesuchten Kitt ha¬ 
ben sie jedenfalls nicht gefunden. Man 
kann auf dem unwahrscheinlichsten 
Wege einen Treffer machen. Jede 
Sicherheit erfinderischen Erfolges aber 
erwächst nur auf dem Boden mühevoller 
systematischer Arbeit, die allein auf die 
Aufklärung der wissenschaftlichen 
Grundlagen gerichtet ist. 

Und nun zum letzten Punkte. All dies 
scheint nur zu lehren, daß die Physik 
und die Chemie und die technische Wis¬ 
senschaft und was an Naturwissen¬ 
schaft mit ihnen verbunden ist, gepflegt 
und gefördert werden muß. Aber wozu 
man eine Archäologie braucht, und eine 
Kunstwissenschaft, Sprachforschung 
und Geschichte, das scheint vom Stand¬ 
punkt der Wirtschaft darum noch nicht 
einleuchtend. Auf diese Frage möchte 
ich mit der Erfahrung von 17 Jahren ant¬ 
worten, die ich an einer deutschen tech¬ 
nischen Hochschule verbracht habe. In 
all dieser Zeit hat die Hochschule um die 
Ausdehnung ihrer allgemeinen Abtei¬ 
lung gekämpft, in der die Geisteswissen¬ 
schaften vereinigt waren. Woher 
stammte dieser unablässige Wunsch? 
Zum großen Teile aus dem Gefühle, daß 
die technisch-wissenschaftliche Erzie¬ 
hung den geisteswissenschaftlichen Ein¬ 
schlag nicht entbehren kann. Das gei¬ 
stige Leben der jüngeren Generation, 


116 


die für die Forschung in den Fragen 
der Technik heranwächst, verödet und 
verkrüppelt, wenn die Pflege der alten 
geisteswissenschaftlichen Kultur nicht 
fortbesteht. Was dann heranwächst, ist 
ein Spezialistentum, eng in seinen Zie 
len, arm an Idealismus, brauchbar für 
tausend Geschäfte, aber ungeeignet für 
die führende Leistung, die die Zukunft 
von ihm fordert. Der Forscher verzichtet 
auf manchen Anspruch der Lebenshal¬ 
tung, auf den Reichtum der Kultur, in 
dessen Mitte er steht, kann er nicht ver¬ 
zichten, ohne sich aufzugeben. Die Er¬ 
haltung des Nachwuchses erfordert die 
Erhaltung des Wissenschaftsbetriebes in 
seiner Breite. Die Leistung, die die Ge¬ 
genwart dafür auf sich nimmt, ist der 
Versicherungsbeitrag für die Existenz 
unserer Wirtschaft in der Zukunft. 

Geheimer Rat Professor Dr. Friedrich 
von Müller: Wenn wir absehen von der 
Grippe und der Ruhr, so können wir 
wohl behaupten, daß unser Volk und un¬ 
ser Heer während des Krieges von Seu¬ 
chen freigeblieben ist, während früher 
die Kriege fast immer große Seuchen¬ 
züge in ihrem Gefolge gehabt haben, die 
gewöhnlich mehr Menschenleben ge¬ 
kostet haben als die feindlichen Kriegs¬ 
handlungen. Auch in diesem Kriege 
hatten wir mit allen diesen Seuchen zu 
kämpfen und mit manchen neuen, aber 
wir sind mdt ihnen in der Hauptsache 
fertig geworden. 

So war erkannt worden, daß das 
Fleckfieber durch Kleiderläuse, und 
zwar nur durch diese verbreitet wird, 
indem der Erreger im Leib der Kleider¬ 
läuse einen gewissen Entwicklungszu¬ 
stand durchmacht, ganz ähnlich wie der 
Erreger der Malaria in dem Leib der 
Stechfliege. Durch die Entlausungen ist 
es in diesem Kriege gelungen, die Fleck¬ 
fieberepidemien auf ein ganz geringes 
Maß zu reduzieren. Das deutsche Volk 


Eine Kundgebung fQr die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 


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117 Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft H8 


im Inlande ist so weit davon verschont 
geblieben, daß weniger als 150 Leute 
dieser Seuche zum Opfer gefallen sind. 
Allerdings als dann diese von der Wis¬ 
senschaft geschaffenen Maßnahmen 
wahrend der politischen Unruhen nicht 
mehr mit der nötigen Strenge gehand- 
habt wurden, ist im Inlande die Fleck¬ 
fieberepidemie gleich auf tausend und 
mehr in die Höhe gegangen. 

Die Cholera drohte zu wiederholten 
Malen in diesem Kriege. Robert Koch 
hatte ihren Erreger entdeckt und hatte 
d ie. We ge ge wie sen , a u f d enen d Le Seu che 
verhütet werden kann. Durch ein Netz 
von hygienischen Laboratorien an der 
Front wurde jeder verdächtige Fall, je¬ 
des verdächtige Dorf, jeder Gefangenen¬ 
transport auf Choleraerreger untersucht, 
und jeder einzelne Funke, aus dem sich 
hätte ein Brand entwickeln können, 
wurde ausgetreten. 

Ähnlich verhielt es sich mit dem Ty¬ 
phus. Sobald ein Typhusfall in der 
Armee nachgewiesen war, wurde das 
ganze Dorf, das ganze Bataillon auf 
Typhusbazillen durchuntersucht, und 
wer etwa in Valenciennes, in Lille und 
anderen Städten jene hygienischen La¬ 
boratorien besucht hat, wo jeden Tag 
in großen Sälen Hunderte von Stuhl- 
und Blutproben auf Typhus nach den 
Methoden der exakten Bakteriologie 
nachgesehen worden sind, der hat Re¬ 
spekt vor der deutschen Wissenschaft 
bekommen. 

Es ist durch die Untersuchungen von 
Koch bekannt geworden, daß der Ty¬ 
phus vor allem verbreitet wird durch 
solche Individuen, welche, ohne selbst 
typhuskrank zu sein, den Typhuserreger 
noch in ihrem Stuhl haben und aus- 
scheiden. Diese Bazillenträger wurden 
herausgegriffen und isoliert. In Spa wa¬ 
ren sie zu vielen Hunderten zusammen¬ 
gebracht und konnten keinen Schaden, 


keine Epidemien mehr an richten. Ähn¬ 
lich gehen wir jetzt auch vor bei 
der Entseuchung der Städte von 
Typhus, und sobald sich eine 
Gruppe von Typhusfällen zeigt, dann 
muß der Typhusbazillenträger, die 
Quelle, gesucht werden, und ganz ge¬ 
wöhnlich gelingt dies auch. Der Ur¬ 
sprungsherd der Krankheit wird aufge¬ 
deckt und unschädlich gemacht. Da, wo 
der Typhus in den besetzten Gebieten 
von Frankreich so verbreitet war, daß 
eine durchgreifende Sanierung der 
Städte unmöglich erschien, mußte nach 
anderen Schutzmaßnahmen gesucht wer¬ 
den. Es wurde die Typhusschutzimp¬ 
fung eingeführt, d.h. die Truppen wur¬ 
den mit kleinen Mengen abgetöteter 
Kulturen von Typhusbazillen geimpft 
und wurden dadurch immun gemacht. 
So ist es gekommen, daß der Typhus 
bei unseren Soldaten nur in ganz ge¬ 
ringer Zahl und als eine ungefährliche 
Krankheit auftrat mit einer Mortalität 
von 0,1 bis etwa 2 %, während rings 
herum in der französischen Bevölkerung 
die Krankheit in der alten und gefähr¬ 
lichen Weise auftrat und Mortalitäts¬ 
ziffern bis zu 20o/o zeigte. 

Auch der Typhusbazillus ist von einem 
Deutschen entdeckt, und deutsch ist der 
Weg zu seiner Bekämpfung. Deutsche 
Entdeckung ist es auch gewesen, daß 
neben dem eigentlichen Abdominal¬ 
typhus typhusähnliche Erkrankungen, 
der Paratyphus, erkannt worden sind, 
welche durch Bakterien verursacht wer¬ 
den, die den Typhusbazillen nahe ver¬ 
wandt sind und nur durch genaue bak¬ 
teriologische Untersuchung im Labora¬ 
torium davon getrennt werden können. 

Der Erreger der Malaria ist nicht 
von Deutschen gefunden, sondern von 
einem Franzosen entdeckt und dann haupt¬ 
sächlich von Italienern bearbeitet worden. 
Durch die angestrengte Arbeit derMedi- 


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1 IQ 


ziner und vorallem der Zoologen istdie 
Frage so aufgeklärt worden, daß heute 
in Istrien, auch in Italien, am Suezkanal 
die Gefahr dieser Krankheit als über¬ 
wunden gelten kann. 

Der Tetanus, der Wundstarrkrampf, 
hat noch im ersten Kriegsjahr viele Ver¬ 
wundete dahingerafft. Sein Erreger, der 
Tetanusbazillus, war durch Flügge und 
seine Mitarbeiter gefunden worden. Beh¬ 
rings große Entdeckung hatte gezeigt, 
daß man Pferde mit Tetanusbazillen im¬ 
munisieren kann, und daß deren Blut¬ 
serum, beim tetanuskranken Menschen 
eingespritzt, eine recht beträchtliche 
Heilwirkung erzielt. Aber in schweren 
Tetanusfällen war diese Heilwirkung 
doch nur ungenügend. Da ging man, 
gestützt auf die Tierexperimente Beh¬ 
rings, dazu über, jedem Verwundeten eine 
kleine Dose Tetanusserum einzuspritzen, 
und damit ist diese schreckliche Wund- 
infektionskrankheit, die im ersten 
Kriegsjahre Hunderte dahingerafft hattci, 
so gut wie vollständig aus der Armee 
verschwunden. 

Indem wir uns über diese Erfolge 
freuen, wollen wir aber nicht vergessen, 
daß jahrelang fortgesetzte aufopferungs¬ 
volle Forscherarbeit notwendigwar, um 
die Erreger kennen zu lernen und die Me¬ 
thoden zu ihrer Bekämpfung zu erpro¬ 
ben. Hekatomben von Tieren mußten 
geopfert werden, um den Menschen zu 
schützen. Und wie viele Wege, die an¬ 
fänglich verheißungsvoll schienen, mu߬ 
ten später wieder aufgegeben werden, 
weil sie nicht zum Ziele führten! 

Einer der schlimmsten Feinde des 
Menschengeschlechts ist die Tuber¬ 
kulose. Wohl hatten französische Ärzte 
vor 100 Jahren manchesgetan, um dieses 
Leiden am Kranken und auf dem Sek¬ 
tionstisch kennen zu lernen. Die deut¬ 
schen Ärzte haben damals so gut wie 
gar nichts zur Erforschung der Tuber¬ 


120 


kulose beigetragen, ihnen fehlten alle 
Mittel hierzu, den Kliniken sogar die 
Kranken. Die deutschen Ärzte verfielen 
auf philosophische Spekulationen und 
stritten über Schelling und Hegel. 

Im Jahre 1883 trat Robert Koch mit 
der Entdeckung des Tuberkelbazillus 
hervor, und mit einem Gefühl inne¬ 
rer Bewegung denken wir an jenes Früh¬ 
jahr zurück, wo mit dem Erscheinen 
des Kochschen Werkes die Schleier fie¬ 
len, die Krankheit als Infektionskrank¬ 
heit nachgewiesen war, die skrofulösen 
Leiden und der Lupus als tuberkulös 
erkannt wurden und damit der erste 
Hoffnungsschimmer auf eine Bekämp¬ 
fung des Leidens sich einstellte. 

Mit der ihm eigenen männlichen Kon¬ 
sequenz hat Robert Koch die Probleme 
der Tuberkulose weiterverfolgt. Er er¬ 
kannte, daß der Tuberkelbazillus in sei¬ 
nen Kulturen ein Gift von einer bis da¬ 
hin noch nicht geahnten Wirksamkeit 
produzierte. Er lehrte die Verwendung 
des Tuberkulins zur Diagnose und zur 
Bekämpfung der Krankheit. Er erkannte 
die Unterschiede der menschlichen und 
der tierischen Tuberkulose. Er studierte 
mit seinen Schülern die Wege der Über¬ 
tragung und die Mittel zu ihrer Be¬ 
kämpfung. Und wenn wir heute in 
Deutschland ein über das ganze Land 
verbreitetes Netz von Beobachtungs¬ 
und Hilfsstationen gegen die Tuberku¬ 
lose besitzen und wenn die Mortalität 
von 37 auf 17 gesunken war, wenn wir 
imstande sind, die Krankheit schon in 
ihrem ersten Beginn beim Kinde zu er¬ 
kennen, wo wir noch die allergrößte 
Aussicht auf Heilung haben, dann ist 
dies in der Hauptsache Kochs Verdienst. 
Alle diese Fortschritte beruhen aus¬ 
schließlich auf der Laboratoriumsarbeit 
und dem Tierexperiment. 

Robert Koch hätte seine bakteriologi¬ 
schen Entdeckungen nicht machen kön- 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 


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121 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 122 


nen, wenn nicht kurz vorher Abbe in 
Jena auf Grund seiner Berechnungen 
Mikroskope konstruiert hätte, welche an 
Lichtstärke und Vergrößerungsvermö¬ 
gen alle früheren Konstruktionen bei wei¬ 
tem übertrafen. Diese deutschen Mikro¬ 
skope haben die ganze Welt erobert. 
Sie werden in den amerikanischen, eng¬ 
lischen und französischen Laboratorien 
so gut wie ausschließlich verwandt,und 
selbst jetzt können diese Länder unsere 
Mikroskope, die sich eine Monopol¬ 
stellung errungen haben, nicht nach¬ 
machen, weil sie die dazu notwendigen 
Glassorten nicht herstellen können. Auch 
diese sind auf Grund der Abbeschen Be¬ 
rechnungen durch konsequente wissen¬ 
schaftliche Forschung in Jena herge¬ 
stellt worden. 

Heutzutage können unsere wissen¬ 
schaftlichen Institute sich diese von der 
deutschen Wissenschaft und der deut¬ 
schen Technik hergestellten Mikroskope 
nicht mehr kaufen. Sie sind zu teuer 
geworden und wir zu arm. Sollen wir 
bloß die Mikroskope den andern Völkern 
liefern, sollen wir mit unseren Mi¬ 
kroskopen auch die Forscherarbeit dem 
Ausland überlassen? Sollen unsere zahl¬ 
reichen Institute, die zur Seuchenbe¬ 
kämpfung so Großes geleistet haben, 
nun zugrunde gehen, etwa aus Mangel 
an Versuchstieren? Ist es doch zur Zeit 
nicht mehr möglich, das Futter für diese 
Tiere aufzubringen, die wir nötig haben, 
um z. B. am Menschen eine Tuberkulose 
der Harnwege fes'.zustellen. Die Unter¬ 
haltung jedes dieser Laboratorien, die 
wir für die Bekämpfung der Infektions¬ 
krankheiten brauchen, erfordert nicht 
bloß für Apparate und Versuchstiere 
ganz gewaltige Summen, sondern noch 
mehr für die Heizung, Beleuchtung und 
für die Besoldung der Ärzte und Diener. 
Das Dienerpersonal aber mußte wegen 
der Reduktion der Arbeitszeit verdop¬ 


pelt werden. Sollen die bakteriologi¬ 
schen Institute, die wir jetzt in jeder 
großen Stadt haben und die zur recht¬ 
zeitigen Erkennung der Diphtherie oder 
des Typhus unbedingt notwendig sind, 
eingehen? Soll es dem deutschen 
Forschergeist unmöglich werden, seine 
Ideen in die Tat umzusetzen? Denn mit 
Recht gilt nicht derjenige als der Erfin¬ 
der der eine Vermutung als erster auf¬ 
gestellt hat, sondern derjenige, der sie 
zur Tat hat werden lassen. Sonst wäre 
Jules Verne der Erfinder des Untersee¬ 
bootes. 

Zu den fürchterlichsten Volksseuchen 
gehören die Geschlechtskrankheiten. 
Sie wissen, daß sowohl der Erreger des 
Trippers wie auch der Syphilis von 
Deutschen entdeckt worden ist, und so 
wie immer hat die Entdeckung des Er¬ 
regers und seiner Lebenseigenschaften 
die Wege zur Vorbeugung und Heilung 
gewiesen. Nicht durch eine zufällige 
Entdeckung, sondern durch konsequente, 
jahrelang fortgesetzte Tierexperimente 
ist es Paul Ehrlich gelungen, ein wirk¬ 
sames Mittel gegen die Syphilis her¬ 
zustellen, das die Krankheit abor¬ 
tiv zur Heilung bringen kann. 666 che¬ 
mische Präparate mußten nach Ehrlichs 
Angaben vom Chemiker hergestellt und 
von Ehrlich im Tierexperiment ver¬ 
sucht und wieder verworfen werden, 
bis endlich das wirksame Mittel gefun¬ 
den wurde. Die großen Forschungen 
Ehrlichs sind hauptsächlich von begei¬ 
sterten Freunden der Wissenschaft 
durch die notwendigen Mittel unter¬ 
stützt worden. Aber werden wir künf¬ 
tig in dem verarmten Deutschland noch 
Leute finden, welche Millionen zu For¬ 
schungszwecken hergeben, deren Er¬ 
folg ganz unsicher ist? Die Kosten, 
welche ein solches Institut verschlingt, 
sind in abenteuerlicher Weise gestiegen. 
Im Auslande sind solche Institute in be- 


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123 Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 124 


merkenswerter Weise vorhanden. Frank¬ 
reich besitzt in seinem Institut Pasteur, 
England in seinem Lister Institute for 
Preventive Mediane, Amerika vor allem 
in seinem Rockefeller-Institut For¬ 
schungsstätten von höchster Leistungs¬ 
fähigkeit, und namentlich das letztere 
verfügt über riesige Mittel und über 
einen Stab von bedeutenden und begei¬ 
sterten Gelehrten. Sollen wir diesen, die 
allerdings Großes geleistet haben, das 
Feld vollständig überlassen, weil wir 
arme Leute geworden sind? 

Es ist bekannt, daß die Röntgenstrah¬ 
len eine deutsche Entdeckung sind. Ihre 
Anwendung hat die Medizin von Grund 
aus umgestaltet. Die Konstruktion der 
Röntgenapparate für Diagnostik und 
jetzt auch für die Therapie der Krank¬ 
heiten macht jedes Jahr große Fort¬ 
schritte. Mit ihrer Hilfe können wir die 
Tuberkulose sicher nachweisen. Auch 
die Diagnose des Krebses kann durch 
die Röntgenstrahlen in dem Stadium 
gemacht werden, wo die Heilung 
durch den Chirurgen noch denkbar 
ist. Ein vollkommener Röntgenapparat, 
wie er heutzutage in einer Klinik nötig 
ist, kostet 50 bis 100000 M., eine ein¬ 
zige Röntgenröhre, die früher für 50oder 
150 M. zu erhalten war, kostet 2 bis 
3000 M. Wie wenig Institute sind heut¬ 
zutage noch imstande, solche Aufwen¬ 
dungen zu machen! 

Es möchte scheinen, als ob die wissen¬ 
schaftliche Forschung nur zur Be¬ 
kämpfung der Infektionskrankheiten für 
das Volkswohl nützlich gewesen wäre. 
Dem ist aber nicht so. Nehmen wir z.B. 
die Herzkrankheiten, also jene Affektio¬ 
nen, denen ein sehr großer Teil der 
Menschen schließlich erliegt. Hier hat 
uns nicht nur das Röntgenverfahren 
große Fortschritte gebracht, sondern 
vor allem Einthovens Entdeckung 
der Elektrokardiographie. Der Elek- 


trokardiograph wird in größter Voll¬ 
kommenheit in Deutschland herge¬ 
stellt. Die Kosten eines solchen Appa¬ 
rates betragen gegenwärtig 20 000 M. Er 
ist unbedingt notwendig zur wirklichen 
Diagnose einer Reihe von Herzkrank¬ 
heiten, die wir dann sehr viel sicherer 
behandeln können. Unsere Erkenntnis 
von den Herzkrankheiten ist dadurch 
vollständig geändert, aber auch, was 
wir nicht vergessen wollen, durch Tier¬ 
experimente, die auf den Untersuchun¬ 
gen des Berliner Physiologen Engel¬ 
mann beruhen und die die Herzfunk¬ 
tionen und ihre Störungen in ganz 
neuem Licht haben erscheinen lassen 
und die Behandlung auf sichere Basis 
gestellt haben. 

Hand in Hand damit gehen die Arbei¬ 
ten unserer pharmakologischen Insti¬ 
tute und der pharmakologischen La¬ 
boratorien in unseren großen chemi¬ 
schen Fabriken. Es wurden neue Heil¬ 
mittel erfunden und dargestellt, welche 
diejenigen, die früher von den Pflan¬ 
zen gewonnen worden waren, weit an 
Wirksamkeit übertreffen und die sehr 
viel größere Sicherheit darbieten. Einer 
ganzen Gruppe von Leiden stehen wir 
heute nicht mehr so ratlos und hilf¬ 
los gegenüber wie früher. Die Phar¬ 
makologie hat eine große Zahl 
neuer Arzneien, neuer Heilmittel ge¬ 
schaffen und im Tierexperiment ge¬ 
prüft. Ich erinnere an die Anästhesie¬ 
rungsmittel der Cocainreihe oder an so 
populäre Dinge wie das Antipyrin und 
das Aspirin, die in der ganzen Welt 
fehlten, als Deutschland durch dieBlok- 
kade abgesperrt war. Wir müssen auf 
diesem Gebiet unsere Stellung behaup¬ 
ten, nicht nur im Interesse der Kranken, 
sondern auch in demjenigen der Indu¬ 
strie und deren Arbeiter. Dies gelingt 
aber nur, wenn die wissenschaftlichen 
Institute erhalten werden können und 


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125 


dadurch der wissenschaftliche Geist der 
Pharmakologie. Die chemische Arbeit 
in diesen Laboratorien verschlingt heut¬ 
zutage Summen, welche sich staatliche 
Institute nicht mehr leisten können. 

Die Kinderheilkunde, früher eine rein 
empirische Kunst, ist in den letzten bei¬ 
den Jahrzehnten zu einer exakten Wis¬ 
senschaft geworden. Das Ergebnis war, 
daß man nicht mehr planlos zu tasten 
braucht, daß man in den wichtigsten 
Fragen, z. B. in der Ernährungslehre, ge¬ 
nau sagen kann, wo es an der Ernäh¬ 
rung fehlt und wie es gebessert wer¬ 
den muß. Dadurch hat unsere Kinder¬ 
sterblichkeit in einer Weise abgenom¬ 
men, welche die höchste Befriedigung 
erregt. 

Es wäre unrichtig, das Thema Volks¬ 
wohl und Wissenschaft nur von der me¬ 
dizinischen Seite aus zu betrachten,also 
nur etwa im Sinne der Krankheitsbe¬ 
kämpfung und -Verhütung. Richten wir 
unsere Aufmerksamkeit auf die Erhal¬ 
tung der Volkskraft und deren Arbeits¬ 
fähigkeit. Es ist notwendig, daß wir die 
Ermüdungserscheinungen, die Arbeits¬ 
fähigkeit, die Eignung zur Arbeit ge¬ 
nauer prüfen, daß wir nach dem Beispiel, 
welches uns Amerika durch die Unter¬ 
suchungen Taylors gegeben hat, gründ¬ 
lich Weiterarbeiten. In Schweden ist 
man neuerdings dazu übergegangen, 
Nobelinstitute zu gründen zur For¬ 
schung der Rassenhygiene und der Ver¬ 
erbungslehre. Die Ernährungslehre 
ist für unser Volk von maßgebender 
Bedeutung geworden. Als im Jahre 1916 
die Nahrungsschwierigkeiten immer grö¬ 
ßer wurden, da konnte man in manchen 
Zeitungen lesen und selbst von halbge¬ 
bildeten Medizinern hören, die deutsche 
Bevölkerung sei bisher in geradezu 
schädlicher Weise überernährt gewesen 
und eine bedeutende Reduktion derNah- 
rung sei nicht nur möglich, sondern ge¬ 


126 


radezu nützlich. Gegen diese Behaup¬ 
tung ist damals im Reichsgesundheits¬ 
amt Stellung genommen worden, und 
es wurde auf Grund umfangreicher Er¬ 
hebungen auf die schweren Schädigun¬ 
gen hingewiesen, welche eine Herab¬ 
setzung der Ernährung unter das von 
dem natürlichen Instinkt und von der 
Wissenschaft geforderte Maß zur Folge 
hat. Die Ernährungswissenschaft ist 
ein Produkt vorwiegend deutscher For¬ 
scher. von Pettenkofer und Voit bis auf 
Rubner. Frankreich hat auf diesem Ge¬ 
biet neuerdings so gut wie nichts, Eng¬ 
land nur sehr wenig, Amerika in den 
letzten beiden Jahrzehnten allerdings 
recht Bedeutendes geleistet. Aber die 
amerikanischen Forschungen auf die¬ 
sem Gebiet beruhen zur Zeit noch in 
der Hauptsache auf der deutschen Ba¬ 
sis, und ihre Träger sind in deutschen 
physiologischen und chemischen Insti¬ 
tuten ausgebildet. Schon rücken sie uns 
näher und näher dank ihrer großen Hilfs¬ 
mittel, und wir deutschen Arbeiter haben 
das Gefühl etwa wie ein Wettrenner, 
der sich bis dahin mit großem Vorsprung 
mühelos an der Spitze hat halten kön¬ 
nen, der aber seinen gefährlichsten Kon¬ 
kurrenten mehr und mehr aufholen hört. 
Sollen wir das Rennen aufgeben, und 
zwar deswegen, weil diese chemischen 
Untersuchungen so entsetzlich teuer ge¬ 
worden sind, daß wir sie mit den Mit¬ 
teln unserer Institute nicht mehr durch¬ 
führen können? Der Leipziger Physio¬ 
loge Ludwig hat vor Jahren einmal zu 
einem Amerikaner gesagt: Wenn wir 
Deutsche ein Tierexperiment machen 
wollen, dann nehmen wir eine Maus oder 
ein Meerschweinchen, aber Sie in Ame¬ 
rika nehmen gleich einen Elefanten. 
Meine Herren, lassen Sie uns wenigstens 
die Maus und das Meerschweinchen! 

Man wird einwenden können, daß 
die ganze Wissenschaft von der Er- 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 


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127 Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 128 


nährung nicht eine Kartoffel mehr her¬ 
vorgebracht hat und daß es sich hier 
nicht um ein Problem der Wissenschaft, 
sondern der Landwirtschaft handelt. 
Das ist gewiß zum Teil richtig. Aber 
der chemischen Wissenschaft ist es ge¬ 
lungen, nunmehr mit Hilfe der Wasser¬ 
kraft den Alkohol darzustellen. Wenn 
es möglich wäre, den Alkohol in erheb¬ 
licher Menge durch den Wasserfall dar¬ 
zustellen, denken Sie einmal, wieviel 
tausend Tonnen Kartoffeln würden wir 
dann für die Ernährung des Menschen 
und auch für die Aufzucht der Tiere 
freibekommen, die der Mensch wieder 
zu seiner Nahrung verwendet! Die wis¬ 
senschaftliche Forschung hat auch der 
Landwirtschaft seit Liebigs Zeiten die 
allergrößten Dienste geleistet. Sie hat 
gezeigt, wie die Düngung rationell ge¬ 
staltet werden muß. Sie erforscht die 
Schädlinge, welche das Gedeihen der 
Kulturpflanzen und der Zuchttiere ge¬ 
fährden. Sie lehrt ihre Bekämpfung. Wer 
hätte etwa vor dem Botaniker de Bary 
daran gedacht, daß Berberitzensträucher 
in der Nähe eines Kornfeldes eine Ge¬ 
fahr für die Bildung des Getreiderostes 
darstellen? Wieviel haben wir bei der 
Zucht und der Ernährung der Tiere den 
tierärztlichen Hochschulen, den land¬ 
wirtschaftlichen Schulen zu danken! 
Wieviel ist noch zu tun zur Bekämpfung 
der Tierseuchen! Hier ist erst der An¬ 
fang gemacht. Erhalten Sie diesen wis¬ 
senschaftlichen Instituten die Möglich¬ 
keit, weiterzuarbeiten! 

Alle diese Wissenschaften, welche 
mehr oder weniger praktische Ziele ver¬ 
folgen, haben andere Fächer zur Grund¬ 
lage und Voraussetzung, so die Ernäh¬ 
rungslehre und die Landwirtschaft die 
Chemie, die Zoologie oder die Botanik, 
Von diesen theoretischen Fächern aus 
dringen die neuen Ideen und Methoden 
in die Praxis ein. Gehen die rein wissen¬ 


schaftlichen Institute der Botanik und 
Zoologie zugrunde, so verdorrt auch die 
Medizin und die Landwirtschaft. Die 
Physik hat die Apparate entdeckt, mit 
denen wir Mediziner heutzutage arbei¬ 
ten. Die Chemie bringt uns in jeder Rich¬ 
tung Fortschritte auf dem Gebiet des 
Volkswohls. 

So wie sich alle Wissenschaften ge¬ 
genseitig befruchten und aufeinander 
angewiesen sind, so muß jeder einzelne 
Forscher die Möglichkeit haben, die Er¬ 
gebnisse seines Faches zu studieren, und 
zwar durch die Literatur. Er muß die 
Arbeiten seiner Vorgänger und seiner 
Konkurrenten kennen lernen. Ohne ein 
eingehendes Literaturstudium kann 
keine wissenschaftliche Forschung be¬ 
stehen, keine Bearbeitung eines Lehr¬ 
buchs, und zwar darf sich das Litera¬ 
turstudium niemals auf die literarischen 
Erzeugnisse des eigenen Sprachgebiets 
beschränken, es hat unbedingt auch die¬ 
jenigen der anderen Kulturländer mit 
einzubegreifen. Sie können sich denken, 
mit welcher Spannung wir jetzt auf das 
Wiedererscheinen der wissenschaft¬ 
lichen Zeitschriften aus dem Auslande, 
besonders aus Amerika warten: sind sie 
uns zuvorgekommen auf dem Gebiete, 
das wir gerade selber bearbeiten, ha¬ 
ben sie neue Ideen, haben sie neue Me¬ 
thoden zu bringen? 

Für die Notwendigkeit des Literatur¬ 
studiums nur ein Beispiel. Sie wissen, 
welches Aufsehen die Vorschläge von 
Steinach gemacht haben, eine Verjün¬ 
gung herbeizuführen. Seine Vorschläge 
beruhen auf einer Reihe von Hypothe¬ 
sen und auf eigenen interessanten Tier¬ 
experimenten. Die Durchsicht der Lite¬ 
ratur ergibt, daß auf diesem Gebiet 
schon eine gewaltige Anzahl von For¬ 
schungen vorliegt, und nur derjenige, 
welcher diese Literatur einigermaßen 
kennt, wird ein kritisches Urteil fällen 


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PRINCETON UNIVERSITr**“ 





129 


und einen Fortschritt erzielen können. 
Die letzte Zusammenstellung, die auf 
diesem Gebiete erschienen ist, zeigt, 
daß allein die Titel dieser Arbeiten 
schon 20 Seiten füllen. 

Unsere wissenschaftlichen Institute 
sind längst nicht mehr imstande, auch 
nur die notwendigsten Zeitschriften zu 
halten, die wir für unsem täglichen Be¬ 
darf brauchen. Unsere großen Bibliothe¬ 
ken, z.B. die Universitätsbibliotheken, ha¬ 
ben einen Etat, der vielleicht noch zum 
Binden der Bücher hinreicht, aber nicht 
mehr fürs Anschaffen. Schlimmer noch 
ist, daß unsere Arbeiten nicht mehr ge¬ 
druckt werden können. Die sündhaft ho¬ 
hen Papierpreise, die fortwährend sich 
steigernden Tarife der Setzer und Druk- 
ker bringen eine Zeitschrift nach der 
anderen um, während sich die Ma¬ 
nuskripte bei den Herausgebern anhäu¬ 
fen und nicht mehr zum Druck befördert 
werdeh können. Nur durch eine energi¬ 
sche Unterstützung lassen sich auch bei 
der größten Kürzung der Manuskripte 
die wichtigsten unserer wissenschaft¬ 
lichen Zeitschriften am Leben erhal¬ 
ten. Sie aber sind der Lebensnerv 
der wissenschaftlichen Produktion, und 
unsere Literatur muß dem Ausland zei¬ 
gen, was wir leisten. 

Helfen Sie uns in dieser Not! Hel¬ 
fen Sie, daß die deutsche wissenschaft¬ 
liche Produktion und ihre Literatur nicht 
zugrunde geht! Wir bitten Sie nicht in 
persönlichem Interesse, sondern wirklich 
in demjenigen des Volkes, des Ansehens 
des deutschen Namens und seinerWelt- 
geltung. Wir wollen es Ihnen danken 
mit Aufbietung aller unserer Kräfte. 
Wenn der deutsche Forscher nicht mehr 
imstande ist, Experimente zu machen 
und seine Ideen zu prüfen, dann muß 
er wieder wie vor hundert Jahren an¬ 
fangen, zu philosophieren. Es ist bei 
allem Respekt vor der Philosophie aber 

Internationale Monatsschrift 


130 


doch für das Volkswohl nützlicher, daß 
wir bei den realen Dingen bleiben und 
reale Fortschritte auf Grund von Experi¬ 
menten machen. 

Neben den Akademien und den we¬ 
nigen Instituten, welche der reinen Wis¬ 
senschaft dienen, wie z.B. denjenigen 
von Dahlem und Frankfurt, sind vor 
allem unsere Universitäten und Hoch¬ 
schulen die Zentren der wissenschaft¬ 
lichen Produktion. Erhalten Sie ihnen 
diesen Charakter als Forschungsinsti¬ 
tute, sonst sinken sie auf die Stufe 
reiner Fachschulen herab wie in andern 
Ländern. Und seien Sie dessen sicher: 
wenn Sie die deutsche wissenschaftliche 
Forschung vor dem Untergang bewah¬ 
ren und dem deutschen Geistesarbeiter 
die Möglichkeit geben, seine Fähigkeiten 
und seine Arbeitskraft auszunützen, so 
dienen Sie dem Wohle des ganzen Vol¬ 
kes und nicht nur dem des eigenen 
Volkes. 

Staatsminister Dr. F. Schmldt-Ott: Aus 
beredtem Munde erster Forscher haben 
Sie gehört, welch grundlegende Bedeu¬ 
tung die Wissenschaft für unser Volks¬ 
leben besitzt. Ich darf wohl auch in 
Ihrem Namen den Herren, die das hier 
so lichtvoll vor uns ausgebreitet haben, 
unsem Dank sagen. 

Aus der ungeheuren Bedeutung der 
Wissenschaft ergibt sich die Größe der 
Gefahr, die uns bedroht. Die Wissen¬ 
schaft und mit ihr die Kultur droht un¬ 
terzugehen. Die Kultur kann untergehen 
und sie ist oftmals untergegangen. Das 
hat uns längst vor dem Kriege Wilamo- 
witz zugerufen, und wir haben es nicht 
geglaubt, daß wir es so bald am eigenen 
Leibe erfahren würden. Aber mit der 
Wissenschaft verlieren wir nicht minder 
die wesentlichste Voraussetzung für un¬ 
sere Volkswirtschaft, die mehr als je auf 
die Veredlung und den Ersatz der Roh¬ 
stoffe angewiesen ist. Daß uns mit ihr 

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Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 


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PRINCETON UNIVERSITY 



131 


Eine Kundgebung für die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 132 


auch die Volksgesundheit verloren geht, 
haben Sie eben in eindringlichsten Wor¬ 
ten gehört. / 

So ist die Not, vor der wir stehen, un¬ 
beschreiblich, sie greift an das Lebens¬ 
mark unseres Volkes nicht minder als 
unsere mangelnde Ernährung, sie tötet 
nicht nur unseren Körper, sondern sogar 
unser Geistesleben. Unsere Lage kann 
nur mit der nach dem 30 jährigen Kriege 
verglichen werden. 

Damals waren unsere Fluren verwü¬ 
stet und die gesamte Initiative des Vol¬ 
kes gelähmt. In der Wissenschaft stehen 
wir heute vor einem ganz ähnlichen 
Schicksal. Der Forscher kann nicht mehr 
seiner Wissenschaft leben. Er kann das 
notwendige Material für seine Arbeiten 
nicht mehr bekommen. Unsere großen 
Institute können ihre Publikationen 
nicht mehr herausgeben. Sie haben das 
Bücher-, Instrumenten- und Tiermaterial 
nicht mehr, dessen Kosten ungeheuer ge¬ 
steigert sind. Überall müssen die For¬ 
scher die Hände sinken lassen, und wer 
kann unter diesen Umständen noch hof¬ 
fen, daß wir einen Nachwuchs bekom¬ 
men, wie wir ihn brauchen? 

Ist der Faden der Entwicklung aber 
einmal abgerissen, dann ist es vorbei 
mit der deutschen Wissenschaft auf 
Jahrhunderte. Denn ihr wunderbarer 
Bau, der in methodischer Forschung auf 
allen Gebieten in die Höhe gewachsen 
ist und uns größtes Ansehen im Aus¬ 
lande gewonnen hat, kann nicht wieder¬ 
hergestellt werden ohne jahrhunderte¬ 
lange Arbeit. 

Wenn die Sachen so stehen, so fragt 
es sich: was können wir tun, um zu hel¬ 
fen? Und da darf ich zunächst feststel¬ 
len, daß die wissenschaftlichen Institu¬ 
tionen Deutschlands, Akademien, Hoch¬ 
schulen, Großverbände, sich in unerhörter 
Einigkeit zusammengeschlossen haben. 
Die Notgemeinschaft der deutschen Wis¬ 


senschaft, am 30. Oktober d.Js. als ein¬ 
getragener Verein gegründet, soll einen 
Selbstverwaltungskörper darstellen, der 
auf allen Gebieten der Wissenschaft den 
Zusammenbruch abzuwenden bemüht 
ist. Ich will Sie mit der Organisation 
im einzelnen nicht ermüden. Ihre Haupt¬ 
stützen sind aber die 20 Fachausschüsse, 
die auf den einzelnen Wissenschaftsge¬ 
bieten die Richtlinien und den Vertei¬ 
lungsplan auf stellen sollen. Ein Haupt¬ 
ausschuß soll ausgleichen und prüfen, 
was durchgeführt werden kann. Über¬ 
all wollen wir darauf sehen, zu sparen 
und zu vereinfachen. Wir wollen nicht 
mehr haben, als absolut notwendig 
ist. Aber wir brauchen auch große 
Mittel, und wir hoffen, daß sie uns nicht 
versagt werden. 

Mit größter Dankbarkeit darf ich 
heute schon feststellen, daß sich 
helfende Hände auftun, um zu ret¬ 
ten. In erster Linie schätzt ich 
mit Dankbarkeit, daß die Reidisver- 
waltung, deren Chef, der Herr Minister 
des Innern, vorhin in sachkundiger und 
zartfühlender Weise die Schäden be¬ 
leuchtet hat, vorangeht mit einer Summe 
von 20 Millionen, die im Extraordina- 
rium des Reichshaushalts stehen. Die 
Aussicht, die der Herr Reichsminister 
unter Hinblick auf den Herrn Reichs¬ 
finanzminister eröffnet hat, daß diese 
Summe in das Ordinarium übergehe, 
darf ich hier mit allergrößter Freude be¬ 
grüßen. 

Wie die Reichs Verwaltung, so sorgen 
in anderer Weise auch die Länder. Wäh¬ 
rend die Mittel des Reiches der For¬ 
schung dienen wollen, tun die Länder 
alles, um unsere Lehranstalten, nament¬ 
lich die Hochschulen, auf der Höhe zu 
halten. 

Auch im Auslande regt sich schon das 
Interesse für die Erhaltung der deut¬ 
schen Wissenschaft. Wir haben bis jetzt 


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PRINCETON UNIVERSi 






133 


Werner Jaeger, Hermann Diels 


134 


durchaus vermieden, bittende Hände in 
das uns vielfach noch feindlich gesinnte 
Ausland auszustrecken. Aber gerade, 
daß man von selbst dort die Notwen¬ 
digkeit eingesehen hat, das dürfen wir 
dankbar hervorheben. So wird gegen¬ 
wärtig in Nordamerika gesammelt; so 
haben wir auch schon aus Südamerika 
Spenden zugesagt bekommen, und so 
ist in den meisten neutralen Ländern 
der Wunsch hervorgetreten, uns wenig¬ 
stens durch Bereitstellung der ausländi¬ 
schen Literatur zu helfen. 

Schließlich aber glauben wir, daß un¬ 
ser Volk sich selber helfen muß, und da 
darf ich mit Befriedigung auf den Auf¬ 
ruf blicken, der heute abend Ihnen vor- 
gelegt ist. Wir sind stolz darauf, daß die 
großen erwerbenden Berufsstände sich 
zusammengefunden haben in einem 
Gesamtaufruf, der der deutschen Wis¬ 
senschaft die erforderlichen Mittel zu¬ 
führen will. Wir hoffen, daß alle, reich 
und arm, dazu beitragen werden, und 


daß gerade aus der Anerkennung, die 
in dieser einmütigen Kundgebung für 
die deutsche Wissenschaft liegt, sich 
ein gegenseitiges Verhältnis von Ge¬ 
ben und Nehmen entwickeln werde, das 
für unsere Wissenschaft und unser Volk 
von segensreichsten Folgen ist. 

Wie die zu erwartenden Spenden im 
einzelnen verwaltet werden sollen, läßt 
sich heute noch nicht sagen. Gedacht 
ist, einen Stifterverband der Notgemein¬ 
schaft zu gründen, in dem der Verwal¬ 
tungsrat des Stifterverbandes gemein¬ 
sam mit dem Hauptausschuß der Not¬ 
gemeinschaft über die vorhandenen Mit¬ 
tel verfügt. 

So blicken wir bei aller Sorge nicht 
aussichtslos in die Zukunft. Wohl müs¬ 
sen wir rufen: Herr, die Not ist groß, 
aber die deutsche Wissenschaft steht 
mutig an dem Steuer und vertraut schei¬ 
ternd oder landend ihren Göttern. Hel¬ 
fen Sie uns, so wird die deutsche Wis¬ 
senschaft es Ihnen lohnen. 


Hermann Diels. 

(Zum goldenen Doktorjubiläum am 22. Dezember 1920) 

Von Werner Jaeger. 


Ursprünglich eignen Sinn 
Laß dir nicht rauben. 

Woran die Menge glaubt, 

Ist leicht zu glauben. 
Natürlich mit Verstand 
Sei du beflissen; 

Was der Gescheite weiß, 

Ist schwer zu wissen. 

Der Mann, den wir hier feiern, ist frei¬ 
lich mehr als ein „Gescheiter“, könnte 
man ihn doch mit größerem Recht dem 
Stil eines griechischen Weisen verglei¬ 
chen — aber trügt nicht alles, so liegt 
in der stolzen Anspruchslosigkeit der 
Goetheschen Mahnung etwas Entschei¬ 
dendes vom Wesen des großen Forschers 


angedeutet, was niemand einfacher und 
überzeugender auszusprechen vermöchte. 
So schlicht, würdig, aufgeschlossen, als 
sagte er’s bei Tisch zu Gästen, die ihn 
kennen, könnte wohl auch einmal Her¬ 
mann Diels das Geheimnis seines Wan¬ 
deins unter den Menschen in Worte fas¬ 
sen, Worte, die mit feinem Lächeln we¬ 
nig andeuten und doch alles sagen: so 
wissend, ohne alles Pathos des Wissens, 
wirkend ohne den Trieb zur bewußten 
Wirkung, gebend aus der Güte eines 
reichen Herzens und dem Oberfluß seines 
inneren Schatzes von Erfahrung und Ge¬ 
rechtigkeit, und doch immer von einem 

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Werner Jaeger, Hermann Diels 


merklich über uns erhöhten Sitze herab, 
wie ihn die natürliche Scheu der Mit¬ 
menschen stets nur der selbsterrungenen 
inneren Freiheit einräumen wird. Wohl¬ 
tuend ist es fürwahr, der vielen überlau¬ 
ten Weltverbesserer unserer Tage für 
Augenblicke vergessen zu dürfen und 
den Blick auf die ehrwürdige Gestalt die¬ 
ses reinen Weltverstehers hinzulenken. 

Wer das Bild einer Persönlichkeit als 
Ganzes vor sich sieht, möchte ihre innere 
Lebenseinheit, die ihm das Wesentliche 
daran geworden ist, auch anderen so 
zeigen, wie sie vor dem eignen Auge 
Gestalt angenommen hat, und den un¬ 
wiederholbaren Zusammenklang der Wir¬ 
kungen und Kräfte mit allen kleinsten 
Zügen, die ihm oft die wichtigsten sein 
werden, unverwischt in die Seelen derer 
hinüberleiten, die nur hören, aber nicht 
sehen. Das scheint fast unmöglich beim 
Gelehrten, der zeitlebens so wie dieser 
große Altertumsforscher zurückgetreten 
ist hinter seinem Werk. Zweifellos würde 
man ihn in seinen Büchern vergeblich 
suchen, und dies mag der Grund dafür 
sein, wenn Fernerstehende auch der eig¬ 
nen Wissenschaft nur von seiner gewal¬ 
tigen Leistung, nicht auch von seiner 
Persönlichkeit eine Vorstellung haben, 
oder höchstens ahnen, daß diese die not¬ 
wendige Voraussetzung für jene ist. 
Eine solche Erscheinung war nur möglich 
im Schoße eines Zeitalters, dem, wie dem 
mit dem Kriege abgelaufenen, die Arbeit 
an den objektiven Kulturgütern bedin¬ 
gungslos und ohne Besinnen als höch¬ 
ster Wert feststand. Das quälende Rin¬ 
gen der neuen Generation um den Sinn 
und die Richtung aller Arbeit, das die 
natürliche Folge der Erschütterung der 
durch sie geschaffenen Kultur war, läßt 
uns zu dieser stillschweigenden Lei¬ 
stungsgröße mit einer Art von schmerz¬ 
licher Bewunderung aufschauen. Wir 
wissen alle, daß wir ihr niemals nach¬ 


kommen können, doch ebendarum wollen 
wir uns ihr starkes Bild einprägen, wie 
es aus der Geschichte ihres Werdens uns 
entgegentritt. 

Hermann Diels wurde 1848 im rheini¬ 
schen Biebrich bei Wiesbaden geboren. 
Schon in dem Fünfzehnjährigen begann 
sich eigener Forschungstrieb zu re¬ 
gen. Die fast sprichwörtlich gewordenen 
verunglückten Chemieexperimente auf 
dem Gymnasium riefen, anstatt ihn wie 
die meisten anderen abzuschrecken, den 
Drang in ihm wach, selbst sein Glück da¬ 
mit zu erproben und es besser zu machen. 
Als Wegweiser diente ein größeres wis¬ 
senschaftliches Chemiebuch. Eine Anzahl 
Präparate, die der Vater zu stiften sich 
überreden ließ, bildete den Grundstock 
eines kleinen Privatlaboratoriums, das 
in einer Kammer auf dem Boden des 
elterlichen Hauses eingerichtet wurde. 
Hier wurden nun alle in dem Buche vor¬ 
geschriebenen Versuche mit zäher Aus¬ 
dauer der Reihe nach durchprobiert. Und 
er wurde fertig damit. Nicht minder ganze 
Arbeit verrichtete der inzwischen Primaner 
gewordene junge Diels später auf einem 
Gebiet, das damals zum ersten Mal in sei¬ 
ner ganzen Größe in seinen Gesichtskreis 
trat und ihn von Anfang an mächtig an¬ 
zog. Aus dem Bücherschatz eines Oheims 
kam eine größere Anzahl antiker Auto¬ 
ren in seine Hände. Über die fiel er mit 
dem gleichen Wissenshunger und mit 
wachsendem Vergnügen an der seltenen 
Kost her. Es war für ihn die entschei¬ 
dende Wendung. Wer wollte sagen, ob 
aus dem vielseitig begabten Kopf auch 
ein ebenso bedeutender Naturforscher 
hätte werden können? Seiner ersten Liebe 
zur Technik und Naturwissenschaft hat 
er jedenfalls auch als Altertumsforscher 
nie ganz vergessen. Auch in seinen bei¬ 
den als Naturforscher bekannten Söhnen 
lebt seine Anlage fort. (Der dritte ist 
Philologe.) Er selbst hat noch in den 


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PRINCETON (JNIVER 





137 


Werner Jaeger, Hermann Diels 


138 


letzten Jahren rechnend, experimentie¬ 
rend und apparatebauend die Anfänge 
der antiken Chemie und Technik aufge¬ 
deckt, und in dem Kampf um die beste 
Bildung für die deutsche Jugend verficht 
er auch theoretisch den Bund zwischen 
Geisteswissenschaft und Technik. 

In jedem Falle war es nicht eine von 
Anfang an alle anderen Entwicklungs¬ 
möglichkeiten ausschließende seelische 
Wahlverwandtschaft, die ihn zur Welt 
des hellenischen Stils oder zum Ethos 
der griechischen Weisen hinlockte. Nicht 
der dionysische Rausch oder ästhetisches 
Glück, sondern charaktervolle Konse¬ 
quenz und Strenge gegen sich selbst ließ 
ihn, nachdem seine fabelhafte Rezepti- 
vität sich erst einmal auf die vergangene 
Welt gestürzt hatte und diese ihr gran¬ 
dioses Gesetz dem erkenntnishungrigen 
Jüngling zu erschließen begann, bald mit 
wachsender Könnerschaft riesige Stoff- 
massen meistern und verwickelte Ver¬ 
hältnisse wie spielend entwirren. Das 
zeigte sich bald, nachdem er die Univer¬ 
sität bezogen hatte, um dort die klassi¬ 
schen Interessen seiner letzten Schuljahre 
selbständig weiterzuverfolgen. Wie typi¬ 
sche Vorgänge sich oft im Leben wieder¬ 
holen, eine miserable Vorlesung über 
Geschichte der griechischen Philosophie, 
die er in Berlin bei einem der dortigen 
Philosophieprofessoren — übrigens einem 
heute fast verschollenen Namen — hörte, 
trieb ihn, wie einst die mißglückten Schul¬ 
experimente, die Sache selbst in die Hand 
zu nehmen und es besser zu machen. 
So kam er zur griechischen Philosophie. 
In Kürze arbeitete er sich tief in die phi¬ 
losophischen Quellen „von Thaies bis 
Johannes von Damaskus“ hinein, und 
als er bald darauf an die rheinische Hoch¬ 
schule in Bonn übersiedelte, wurde der 
geniale Meister der Altertumswissen¬ 
schaft, Usener, auf seine ungewöhnliche 
Kenntnis der Philosophen aufmerksam. 


Der junge Diels wandte auf dessen Rat 
seinen Scharfsinn der Preisaufgabe zu, 
welche die philosophische Fakultät ge¬ 
stellt hatte, die spätanliken Kompendien 
der Philosophiegeschichte, die jetzt sog. 
Doxographen, auf ihre Quellen zu unter¬ 
suchen, und er erhielt den Preis. Diese 
Aufgabe sollte die Wurzel nicht nur für 
seine Doktorarbeit werden, die über eine 
dem Galen zugeschriebene Philosophie¬ 
geschichte handelte und während des 
Deutsch-Französischen Krieges 1870 ge¬ 
druckt ist, sondern für seine gesamte 
Lebensarbeit. 

In den nächsten Jahren nach Abschluß 
des Studiums setzte Diels, der seit 1872 
im Schuldienst zuerst in Flensburg, dann 
am Johanneum in Hamburg tätig war, 
seine Arbeit an der Überlieferung der 
Philosophiegeschichte unbeirrt fort, er¬ 
muntert durch ein Preisausschreiben der 
preußischen Akademie der Wissenschaf¬ 
ten, die 1874 ebendies Problem zur Be¬ 
arbeitung stellte. 1877 gewann er den 
Preis durch Vorlegung seiner Unter¬ 
suchungen, die 1879 unter dem Titel 
Doxographi Graeci erschienen. Diese 
bahnbrechende Leistung versetzte ihn 
mit einem Schlag unter die Führer sei¬ 
ner Wissenschaft. 1881 öffnete — eine 
in der Geschichte dieser Körperschaft 
ohne Beispiel dastehende Auszeichnung 
— die Berliner Akademie der Wissen¬ 
schaften dem 33jährigen jungen Ober¬ 
lehrer, der inzwischen nach Berlin über¬ 
gesiedelt war, ihre Pforten und ernannte 
ihn zu ihrem ordentlichen Mitgliede. So 
errang er die Ehre, die anderen meist 
erst auf der Höhe oder am Ende der 
Laufbahn zuteil wird, an der Schwelle 
seiner Gelehrtenwirksamkeit. Nach eini¬ 
gen Jahren folgte die Ernennung zum 
außerordentlichen und zum ordentlichen 
Professor an der Berliner Universität. 

Die Doxographi Graeci waren das 
monumentalste und das methodisch stärk- 


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139 


Werner Jaeger, Hermann Diels 


140 


ste Buch, das seit langem aus der Feder 
eines klassischen Philologen erschienen 
war. Das Allumfassende dieser Unter¬ 
suchung, die die antike Literatur über 
die Anschauungen der älteren Denker der 
Griechen vollständig verarbeitet, und der 
Scharfblick, womit die verwickelten Ab¬ 
hängigkeitsverhältnisse der einzelnen Do¬ 
kumente untereinander durchdrungen 
und die gordischen Knoten gelöst sind, 
kann nur würdigen, wer die bis dahin 
gemachten Teilversuche einer Quellen¬ 
analyse mit ihren vielfachen Irrwegen 
und ihrem geringen Überblick kennt. Die 
antiken Berichte, auf die sich der Ge¬ 
schichtschreiber der alten Philosophie 
meistens statt der verlorenen Original¬ 
texte der Philosophen angewiesen sieht, 
waren hier in synoptischer Form zusam¬ 
mengestellt, kritisch verglichen und auf 
ihre Herkunft untersucht. Es war der 
überraschend exakte Beweis geführt, daß 
die verzweigten Kanäle der spätantiken 
Schultradition, aus welchen wir unsere 
Kunde heute schöpfen, aus einem ein¬ 
zigen Bassin gespeist werden, dem ver¬ 
lorenen Originalwerk des Theophrast 
Ovaixäv dö£ui. Die Emanation der spä¬ 
ten Handbücher aus dieser Urquelle wur¬ 
de mit so überwältigender Überzeugungs¬ 
kraft bis in alle Haupt- und Nebenarme 
des Systems vor Augen geführt, daß 
nicht nur die Wertung der Überlieferung 
sich völlig änderte, sondern auch der 
Prozeß der Traditionsbildung als solcher 
zum ersten Male sichtbar wurde, in sei¬ 
ner für das moderne Gefühl fast unfa߬ 
baren Mächtigkeit. Eine einzige Gene¬ 
ration, die des Aristoteles und seiner 
Schule, hat die Grundlagen der wissen¬ 
schaftlichen Philosophiegeschichte gelegt, 
und mochten Spätere diese Arbeit von 
Zeit zu Zeit auch ergänzen, indem sie 
sie bis zur Gegenwart weiterführten, so 
blieb die communis opinio über die wich¬ 
tigsten Zeiträume doch immer jene durch 


Aristoteles und Theophrast festgelegte 
Vulgata. 

Abgesehen von dieser geschichtlichen 
Erkenntnis war aber die Bauart des 
Buches epochemachend. Der Riesenstoff 
war durch vollendete Herrschaft über die 
Methode bis zur Durchsichtigkeit ge¬ 
schliffen und gefeilt. Es war ein Triumph 
philologischer Technik, der an die Kühn¬ 
heit einer Brückenkonstruktion oder an 
die präzise Mechanik eines Uhrwerks er¬ 
innert. War es bisher eine rohe Empirie 
gewesen, die Zeugnisse der Überliefe¬ 
rung zu lesen und zu benutzen, so wur¬ 
de es jetzt zur sicher geregelten Kunst. 
Hätte man z. B. früher über Heraklit oder 
Parmenides eine Nachricht in zwei ver¬ 
schiedenen Brechungen, etwa bei Cicero 
und bei einem christlichen Kirchenschrift¬ 
steller des 4. Jahrh. gehabt, so hätte man 
sich vielleicht mangels innerer Kriterien 
für die Quelle entschieden, die das höhere 
Alter für sich hat. Die Quellenaffiliation 
der Doxographen bei Diels schaltete den 
Zeitfaktor fast ganz aus, da sie vor Au¬ 
gen führte, wie gerade die spätesten Be¬ 
richte oft die geradlinig und mechanisch 
fortgepflanzten Strahlen der ursprüng¬ 
lichen Lichtquelle sind, während sie bei 
früheren, aber individuelleren Vermittlern 
mannigfach gebrochen erscheinen. So er¬ 
hielt jede Einzelheit erst durch ihre Ein¬ 
ordnung in das Ganze des großen Ober¬ 
lieferungsprozesses die richtige Stelle und 
den richtigen Wertakzent. Die Kontrolle 
aller Einzelheiten gewann eine Schärfe, 
wie man sie zur Zeit, als Zeller seine 
Geschichte der griechischen Philosophie 
geschrieben hatte, noch nicht für erreich¬ 
bar gehalten hätte. 

Als Akademiker entfaltete Diels eine 
organisatorische Tätigkeit im Stile Böckhs 
und Mommsens. Die von Torstrik be¬ 
gonnene Sammlung der antiken Kom¬ 
mentare zu den Werken des Aristoteles 
hat er durchgeführt. Seine zweibändige 


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L J 








141 


Werner Jaeger, Hermann Diels 


142 


Ausgabe des Simpliciuskommentars zur 
aristotelischen Physik stellte ein Muster 
für seine Mitarbeiter auf, und an der 
Spitze seines gelehrten Stabes stehend, 
schuf er das jetzt (seit 1909) vollendete 
Werk in 23 Bänden, eine Quellenpubli¬ 
kation, die nicht nur für das Verständ¬ 
nis des Aristoteles, sondern ebenso für 
das spätantike Geistesleben eine unent¬ 
behrliche Fundgrube ist, so unerfreulich 
spröde zum Teil der scholastische Stoff 
ist. Mit diesen Forschungen hängen zu¬ 
sammen die reizvollen Arbeiten über die 
exoterischen Schriften des Aristoteles, 
über die Textgeschichte der Physik und 
die Rhetorik und über die neugefundene 
Medizingeschichte des Aristotelesschülers 
Menon, ein medizinisches Parallelstück 
zu den doxographischen Texten. Als 
Akademiker und Organisator nahm Diels 
ferner tätigen Anteil an dem Monumen¬ 
talwerk des Thesaurus Linguae Latinae. 
Als Vorarbeit zum Thesaurus bezeichnet 
er selbst auf dem Titel seine wort- und 
kulturgeschichtliche Studie Elementum 
(1899). Bei den Bestrebungen zum inter¬ 
nationalen Zusammenschluß der Akade¬ 
mien zur gemeinschaftlichen Förderung 
großer Kollektivaufgaben der Forschung 
wie Inschriftensammlungen, Ausgrabun¬ 
gen, Thesaurus, Expeditionen und Ver¬ 
messungen, Erleichterungen des inter¬ 
nationalen wissenschaftlichen Verkehrs 
wie Handschriftenversand ins Ausland 
u. dgl. m. und in der Pflege persönlicher 
Solidarität der Forscher aller Kulturna¬ 
tionen spielte Diels seit 1895 in der füh¬ 
renden Stellung eines Sekretärs der Aka¬ 
demie der Wissenschaften und als eine 
der im Ausland angesehensten Zierden 
der deutschen Wissenschaft eine große 
Rolle, bis der Weltkrieg das mühsame 
Werk der Verständigung mit einem Schlag 
zunichte machte, späteren Generationen 
seine Wiederaufnahme überlassend. Das 
Umfassendste, was Diels auf organisa¬ 


torischem Gebiete geleistet hat, ist die 
Grundlegung der kritischen Gesamtaus¬ 
gabe der griechischen Ärzte, das Corpus 
Medicorum Graecorum, um das er als 
Herausgeber wie als Leiter dauernd die 
größten Verdienste hat. Schon der Kata¬ 
log der für dies Riesenunternehmen heran¬ 
zuziehenden Handschriften umfaßt ein 
ganzes Buch im großen Akademieformat. 
Die Fortführung dieses Werkes muß ein 
Ehrenpunkt für die preußische Unter¬ 
richtsverwaltung sein. 

Die wachsende Erkenntnis der ihm ge¬ 
stellten Lebensaufgabe ließ in Diels den 
Plan reifen, die Reste der vorsokratischen 
Periode des griechischen Denkens zu 
sammeln. Auch dieses Werk trägt die 
Signatur aller übrigen Arbeiten des Mei¬ 
sters. Auf weite Sicht angelegt, restlos 
und rastlos durchgeführt, ist es ein mit 
ebensoviel Scharfsinn wie praktischem 
Blick für das Erreichbare, mit bewun¬ 
dernswürdiger Überwindung des gewal¬ 
tigen Stoffs der zu diesem Zweck voll¬ 
ständig verarbeiteten Literaturen grie¬ 
chischer und lateinischerZunge einschlie߬ 
lich eines großen Teils der Byzantiner 
aufgerichtetes Monumentalbauwerk, des¬ 
sen Zweckmäßigkeit im kleinsten Teil 
ebenso wirksam ist wie in der Anlage 
des Ganzen. Keine geringe Entschlu߬ 
kraft gehört dazu, dies Bild der Entwick¬ 
lung der griechischen Philosophie ab¬ 
schließend hinzustellen. Ist doch das in 
den einzelnen Teilen erreichbare Maß 
der Sicherheit, was Reihenfolge der Au¬ 
toren und Fragmente, was Echtheit und 
Zuteilung und nicht zuletzt auch das 
wörtliche Verständnis dieser an Rätseln 
reichen Texte betrifft, ein ziemlich ver¬ 
schiedenes. Daß ein solches Werk für 
jeden, der die große Kunst gelernt hat, 
darin zu lesen, eine Geschichte der grie¬ 
chischen Philosophie zwischen den Zei¬ 
len enthält, daß auch die unscheinbar¬ 
sten Züge der Anordnung voll der schwi e 


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143 


Werner Jaeger, Hermann Diels 


144 


rigsten Entscheidungen sind, ist dem 
dankbaren Benutzer des Buches schwer¬ 
lich immer ganz bewußt. Ein Bild des 
zähen Ringens um die Auffassung der 
Grundtatsachen des Entwicklungsganges 
der älteren griechischen Philosophie, 
das dem Abschluß des Werkes voran¬ 
gehen mußte, gibt die ganze Produktion 
von Diels während der Jahre seiner Vor¬ 
bereitung. Eine große Reihe von Auf¬ 
sätzen, die Bücher über Heraklit und 
Parmenides, die Ausgabe der Poetae Phi- 
losophi (in der Wilamowitzschen Samm¬ 
lung griechischer Dichterfragmente) sind 
die Vorstufen zu dem Lebenswerk, den 
1912 in 3. Auflage erschienenen Frag¬ 
menten der Vorsokratiker in drei Bänden. 

Neben dieser Fundamentalarbeit, die 
sich mit mathematischer Sicherheit aus 
der Arbeit an der Doxographie entwickelt, 
steht eine erstaunliche Vielseitigkeit der 
Interessen, durch die Diels auf die ver¬ 
schiedensten Gebiete der Philologie und 
Geschichte des Altertums befruchtend ge¬ 
wirkt hat. Wie in der Philosophie, hat 
er auch in der Chronologie damit be¬ 
gonnen, zuerst einmal die Arbeitsweise 
der antiken Chronologen festzustellen, 
welche unsere Überlieferung gemacht 
haben, und hat so den eigentlichen 
Schlüssel zur Beurteilung des geschicht¬ 
lichen Werts der überlieferten Zeitansätze 
aufgefunden. An Useners Tradition 
knüpft seine religionsgeschichtliche und 
volkskundliche Arbeit an, die nicht nur 
in seiner großen Vorlesung über Reli¬ 
gionsgeschichte und in seinem Buch 
„Sibyllinische Blätter“, sondern vor allem 
auch in den Forschungen seiner Schüler 
Ausdruck findet. Von seinem Demosthe¬ 
neskolleg rührt das Interesse her für den 
wiedergefundenen Kommentar des Di- 
dymos zu den Philippischen Reden, von 
dem er mit Schubart zusammen eine grö¬ 
ßere und eine kleine Ausgabe veranstal¬ 
tete. Seine durch ihren methodischen 


Untersuchungsgang bekannten Einzelauf¬ 
sätze können ihrer großen Zahl wegen 
nicht einzeln erwähnt werden. Eine 
Welt für sich sind die Arbeiten über die 
Medizin, die exakten Wissenschaften 
und die Technik der Alten. FürdieLes- 
barmachung der Schriften der griechi¬ 
schen Mechaniker und Ingenieure hat 
Diels noch in allerletzter Zeit Bedeutendes 
geleistet. Den Laien interessiert mehr 
das gemeinverständlich und anschaulich 
geschriebene kleine Buch Antike Tech¬ 
nik (2. Aufl. 1919). Das Reich des anti¬ 
ken Denkens erscheint hier unendlich er¬ 
weitert und über die schulmäßig enge 
Grenze der „Systeme der philosophi¬ 
schen Denker“ hinaus vorgeschoben. 

Als akademischer Lehrer wirkte Diels 
zuerst neben Vahlen und Kirchhoff, seit 
1897 an der Seite seines ehemaligen 
Bonner Studiengenossen U. v. Wilamo- 
witz. Beide sind im gleichen Jahre ge¬ 
boren und haben im gleichen Jahre pro¬ 
moviert. Dieses Paar ist bei aller Ver¬ 
schiedenheit der Charaktere und der 
Forschungsweise das nun schon klassisch 
gewordene, von der Person der beiden 
Gelehrten unabtrennbare, verehrungs¬ 
würdige Bild der Berliner Philologie, wie 
alle Welt es kennt und wie es der jün¬ 
geren Generation der Schüler unverge߬ 
lich vor Augen steht. Manches Geschlecht 
sahen die vier Jahrzehnte der Dielsschen 
Lehrtätigkeit vorüberziehen. Wir Jungen 
wissen nur von dem Alten zu erzählen. 
Wie ein Patriarch nahte er da stets sei¬ 
nem Kathederhochsitze, und die riesige 
Gestalt wuchs noch, wenn er das Podium 
bestieg. Der Vortrag hatte den Stil sei¬ 
ner Abhandlungen, die ruhige, regel¬ 
mäßige Klarheit methodischer Unter¬ 
suchung. Den Eingebungen des Augen¬ 
blicks pflegte er sich nicht zu überlassen, 
und doch waren Licht und Schatten in 
seinen Urteilen aufs lebhafteste verteilt. 
Wie konnte er Anaxagoras, den nüchtem- 


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145 


Werner Jaeger, Hermann Diels 


146 


strengen Forscher, mit Wärme uns nahe¬ 
bringen, wie konnte er, der Freund Di- 
derots und Voltaires, den Phantasieüber¬ 
schwang des „Scharlatans“ Empedokles 
hassen! Nicht bei Platon, sondern bei 
Aristoteles und bei Leibniz war sein Herz, 
ja wie Feuer der Leidenschaft konnte es 
in seinem Gesicht aufzucken, wenn er, 
in fast feierlich strenger Haltung den An¬ 
fang des Lukrezverses markierte: tantum 
religio potuit suadere malorum. Als ob¬ 
jektive Leistung war die Geschichte der 
griechischen Philosophie wohl seine 
größte Vorlesung, aber der Lukrez war 
die persönlichste. Sein Plan einer kriti¬ 
schen Ausgabe des römischen Aufklä¬ 
rungsdichters mit Übersetzung wird dem¬ 
nächst vollendet sein, und schon heute 
darf man Voraussagen, daß er nie bei 
einer Arbeit mehr mit dem Herzen da¬ 
bei gewesen ist als bei diesem ehrlichen, 
gravitätischen Manne, durch dessen alt¬ 
römisch karge und schwerfällige Vers- 
sprache, die den trocknen Stoff naturphi¬ 
losophischer Deduktionen nur mühsam 
bewältigt, an Stellen freierer Erhebung 
die Feuerseele hindurchflammt. Berühmt 
waren das Seminar und die in früherer 
Zeit oft abgehaltenen Privatissima über 
die Vorsokratiker, wo ein staunenswer¬ 
tes Wissen, allezeit parat, sich entlud. 
Aber trotz der Sorglichkeit, mit der Diels 
seine Kollegs und Übungen pädagogisch 
ausgestaltet, bleibt er doch überwiegend 
Forscher, der reine Typus des ßiog d-eco- 
QtjTixög, wie Aristoteles und Archimedes 
ihn vorgelebt haben. Die öffentliche Mei¬ 
nung kümmert ihn nicht, der Lärm des 
politischen Kampfes hallt nur von der 
Straße zu seinem stillen Fenster herauf. 
Noli turbare circulos meos! Seine Worte 
kleidet das Pathos nicht, sie umspielt 
Humor, eine Art sokratischer Schalkheit. 
Alles, bis zur urbanen Art, mit der er 
sich unterhält, ist Ausdruck innerer Frei¬ 


heit und inneren Maßes. Auch der Stil 
der völligen Objektivität, der in seinen 
Arbeiten herrscht, entspringt dieser inne¬ 
ren Haltung. 

Er ist der Grund dafür, daß sich das 
Lebenswerk dieses Forschers von seiner 
Person, mit der es unsichtbar so fest ver¬ 
kettet ist, doch schon jetzt reinlich los¬ 
lösen läßt. In seiner monumentalen Ein¬ 
heitlichkeit und Festigkeit, dem Verzicht 
auf allen Schmuck und alles Gefällige, 
seiner bewußten Beschränkung auf das 
Grundlegende, Greifbare und Tradierbare 
steht das Schrifttum, das er einst als sein 
Denkmal hinterläßt, wie ein massiger 
Turm da, der den Jahrhunderten trotzt. 
Diels hat die Grundmauern einer neuen 
Disziplin gelegt, der Wissenschaft von 
der Überlieferung der griechischen Philo¬ 
sophie — dies Wort im weitesten Sinne, 
so daß es Technik und Einzeldisziplinen 
mitumfaßt, wie in vorsokratischer Zeit 
— und diese hat sich von der Philoso¬ 
phiegeschichte der Philosophiegeschicht¬ 
schreiber grundsätzlich losgelöst und 
selbständig gemacht. Man mag diesen 
Zustand beklagen; er war so wenig auf¬ 
zuhalten wie die Zerreißung zwischen 
Rechtsphilologie und Rechtssystematik, 
die seit Mommsen notwendig wurde. 
Fortschritt und Spezialisierung sind un¬ 
löslich aneinander gebunden, wenn auch 
festzuhalten ist, daß man die Mittel um 
des Zieles willen bereitstellt. Dieses Ziel 
scheint zunächst durch die ungeheure 
Komplizierung des Weges, der zu ihm 
führen soll, eher noch weiter entfernt als 
vormals. So viel aber steht fest: wenn 
es den stolzen Bau einer Geschichte des 
griechischen Geistes jemals geben wird, 
so wird sie gegründet sein auf die Fun¬ 
damente, die Hermann Diels durch eine 
Lebensarbeit von seltener Konsequenz 
gelegt hat, wie auf den Felsen des Ke- 
krops die Akropolis. 


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I 


147 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 148 


Entstehung und Wandlungen des Dekadenzproblems 

in Frankreich. 

Von Ernst Robert Curtius.*) 


Anders als der Sprecher der Demo¬ 
kratie urteilt die kirchlich-konservative 
Opposition. Sie findet einen leiden¬ 
schaftlichen Kämpen in Edouard Dru- 
mont (1844 bis 1917), einem Schüler und 
Gesinnungsgenossen Veuillots, der die 
von diesem begründete Tradition pu¬ 
blizistischer Polemik in den achtziger 
Jahren wieder aufgriff. 1886 eröffnet 
er mit dem zuerst beschlagnahmten, 
Aufsehen erregenden Buche La France 
Juiue einen antisemitischen Feldzug, 
den er in seiner Tageszeitung La libre 
Parole (begründet 1892) fortsetzte und 
der nicht wenig dazu beigetragen hat, 
den Kampf um Dreyfus zu vergiften. 
Die gottlose dritte Republik hat sich 
den Juden verkauft, und daran geht 
Frankreich zugrunde: das ist die Form, 
die die Dekadenztheorie bei Drumont, 
besonders in seinem Buch La Fin d’un 
Monde (1889) angenommen hat. 

Drumont sieht in dem Frankreich von 
1889 einen Todkranken. Eine Demüti¬ 
gung nach der andern muß es sich ge¬ 
fallen lassen. Deutschland läßt an der 
Grenze auf seine Offiziere schießen, 
Italien versetzt ihm Eselsfußtritte, Eu¬ 
ropa verteilt sich schon das Fell des 
Löwen, die Invasion lauert vor den 
Toren, der Bankerott im Hause. Die 
Fabriken feiern, die Landwirtschaft ist 
ruiniert, die Weltmärkte entgleiten dem 
Handel. Und diesen Moment benützt 
das verblendete, von Fremdrassigen ge¬ 
führte und verführte Land, um sich in 
einer Weltausstellung zu prostituieren. 
Der Eiffelturm, dies Erzeugnis der Gei- 


*) Siehe Heft 1. 


stesschwäche, des Ungeschmacks und 
der Anmaßung, dies Symbol des mo¬ 
dernen industrialisierten Frankreich, er¬ 
drückt das vornehme alte Paris, Notre- 
Dame und den Triumphbogen, die Stät¬ 
ten des Gebets und des Ruhmes. Dies 
Delirium der Eitelkeit ist das sicherste 
Anzeichen der Agonie. 

Und der Grund von all dem? die Ur¬ 
sache des Verfalls? 1789 hat Frank¬ 
reich den ersten Schritt auf dem Wege 
getan, der es jetzt zum Untergang führt. 
Das Symbol des alten Frankreich war 
die mystische Lilie. Solange diese 
Blume in dem gesunden Boden der Tra¬ 
dition und des Glaubens wurzelte, er¬ 
hob sich ihr Schaft majestätisch zum 
Himmel. Heute ist der Boden vertrock¬ 
net, die Blume verwelkt unter dem un¬ 
reinen Anhauch fremder Eindringlinge. 
Bald wird die reine Blüte zertreten am 
Boden liegen, und der vorübergehende 
Fremde wird sprechen: Quelle noble 
fleurl Quel pays magnifiquel Quel 
dommage de finir ainsi! Seigneur! 
tpargnez-nous un tel sort! Pr&servez- 
nous des Sophistes, des Francs-Maoons 
et des Julfs! 

Die Geschichtsphilosophie der kleri¬ 
kal-konservativen Richtung ist während 
der letzten Jahrzehnte immer die gleiche 
geblieben. Alles Übel kommt von der 
Revolution her — das ist der Refrain, 
der immer wieder neu orchestriert wird. 
Die Kirchenpolitik des Ministeriums 
Combes gab solchen Anschauungen 
neue Nahrung. Der enge Parteihorizont 
dieser Richtung gestattete ihr nicht, die 
Entwicklung der dritten Republik an¬ 
ders zu betrachten als unter dem Ge- 


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.L 






)49 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen des Dekadenzproblems in Frankreich 150 


sichtspunkt unaufhaltsamen Nieder¬ 
gangs. Noch 1910, zu einer Zeit also, 
wo in Frankreich die Dekadenzstim¬ 
mung überwunden war, zog ein Hi¬ 
storiker jener Richtung, Louis Hosotte 
(Histoire de la troisiöme r^publique) 
aus umfangreichen Studien einen recht 
pessimistischen Schluß. Die Republik, 
sagt er, hat Frankreich erniedrigt. Zwar 
herrscht scheinbarer Wohlstand. Aber 
die hungrigen Proletariermassen, deren 
Instinkte die sozialistische Propaganda 
entfesselt hat, warten nur darauf, sich 
auf die Beute zu stürzen. Der Ausbruch 
der großen sozialen Revolution wird 
nicht mehr lange ausbleiben. Äußer¬ 
lich entfaltet Frankreich — gerade wie 
am Ende des 2. Kaiserreichs — reichen 
Glanz des Luxus, es sieht die Souveräne 
Europas bei sich und schließt pomp¬ 
hafte Bündnisse. Aber im Innern nagt 
der Wurm: die rasende Gier nach Geld 
und Genuß, das Aussterben des Pflicht¬ 
gefühls und des Opfergedankens. Große 
und kleine Streber drängen sich nach 
einträglichen Stellen. Die Republik hat 
den Namen Gottes aus den Schulen und 
den Gerichtssälen getilgt; sie möchte 
ihn auch aus den Seelen tilgen. Solange 
Frankreich Gott die Ehre gab, war es 
das glänzende Gestirn, um das die Völ¬ 
ker kreisten. Heut ist es nur noch der 
Satellit anderer Sterne, die es früher 
überstrahlte, und das Steuer ist seinen 
Händen entglitten. 

Die Anklagen und Wamungsrufe der 
Politiker und Journalisten würden aber 
niemals eine so weite Resonanz ge¬ 
funden haben, wenn nicht das Deka¬ 
denzproblem seit den achtziger Jahren 
aus der Sphäre des Parteikampfes und 
der politischen Moral in die Litera¬ 
tur hinübergetragen worden wäre. Da¬ 
durch, daß die Literatur es aufgriff und 
diskutierte, gewann das Problem die - 
Anschauung und Farbigkeit der künst¬ 


lerischen Darstellung; es wurde mit 
dem geistigen Lebensgefühl der jun¬ 
gen Generation durchtränkt; es wurde 
durch die philosophischen und künst¬ 
lerischen Fragestellungen des Tages be¬ 
fruchtet, ausgeweitet und kompliziert; 
und es wurde in die weiten Schichten 
des literarisch interessierten Publikums, 
auch des Auslandes, hineingetragen. 
Nur so erklärt es sich, daß das fran¬ 
zösische Dekadenzproblem eine inter¬ 
nationale geistige Angelegenheit wer¬ 
den konnte. 

Auf verschiedenen Wegen und in ver¬ 
schiedener Prägung ist das Dekadenz¬ 
problem in die Literatur eingedrungen. 

Emile Zolas Romanzyklus Les Rou- 
gon-Macquart (1871—93), mit dem Un¬ 
tertitel: Histoire naturelle et sociale 
d’une famille sous le second Empire, 
sollte nach der Absicht des Künstlers 
den Beweis erbringen, daß die Ge¬ 
schichte des zweiten Kaiserreichs poli¬ 
tisch und moralisch ein einziger rie¬ 
senhafter Zersetzungsprozeß gewesen 
war, ein Delirium des Goldes und des 
Fleisches, ein Gemisch von behördlich 
organisierter Korruption, von Skandal 
und lärmender Orgie. Zola trat als An¬ 
kläger und Richter einer ganzen Epoche 
auf, der er den goldenen Flitter ab- 
riß, um die eiternden Wunden bloßzu¬ 
legen. Gewiß durfte er sich mit Recht 
dagegen verwahren, ein chercheur de 
saletös (Correspondance 2,86) zu sein. 
Trotzdem wälzte sich aus seinen dicken 
Büchern eine trübe Flut menschlicher 
Gemeinheit in die gierigen Lesermassen, 
und wenn seine Werke das französische 
Ethos beeinflußt haben, ist es sicher 
nicht im Sinne einer Reinigung, einer 
Kraftzufuhr, einer Erhebung gewesen. 
Diese Tatsache aber ist insofern wie¬ 
der mit dem Dekadenzproblem ver¬ 
kettet, als Stand und Energiekurve des 
französischen Ethos selbst als Index 


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151 E. R- Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 152 


für die Vitalität der Nation gelten konn¬ 
ten. 

Indes, wenn Zola den Verfall schil¬ 
derte, so suchte er es doch objektiv zu 
tun. Er verbot sich, sittliche Gegen¬ 
kräfte in seine Schilderung zu mischen, 
aber er hielt sich ebenso fern von jeder 
Beschönigung, von jedem Kokettieren 
mit der Fäulnis. Überzeugter Materia¬ 
list, war er doch auf seine Weise Mora¬ 
list. Er war eine robuste, primitiv or¬ 
ganisierte Natur, unverführbar durch 
ästhetisches Raffinement. 

Aber neben ihm und nach ihm wuch¬ 
sen reine Künstlertemperamente auf, 
denen nichts ferner lag als politische 
und soziale Probleme. Literatur war 
ihnen Chronik ihrer Nervenschwingun- 
gen, nicht Mittel zur Gesellschafts¬ 
reform. Und indem sie sich dem Pro¬ 
blem des Verfalls zuwandten, schoben 
sie es aus dem moralischen in das 
ästhetische Gebiet hinüber. 

Schon Thöophile Gautier hatte in sei¬ 
nem Essay über Baudelaire (1868) die 
seltsame und verführerische Schönheit 
überreif gewordener Kulturen geprie¬ 
sen. Er hatte damit die Richtung gewie¬ 
isen für die Baudelaireauffassung, die in 
den achtziger und neunziger Jahren die 
Stimmungswelt der neuen französischen 
Literatur beherrschte. Der Baudelairis- 
mus war eins der stärksten Fermente 
in der geistigen Bewegung dieser Jahr¬ 
zehnte. Was man damals von Baude¬ 
laire aufnahm, war nicht eine christ¬ 
lich platonische Spiritualität, sondern 
sein Satanismus, seine qualvolle Ver¬ 
strickung in Laster und Lebensekel, das 
Seelengift, von dem er zeitlebens ge¬ 
foltert wurde. Was sich damals ab¬ 
spielte, war ein Prozeß seelischer In¬ 
fektion: die Übertragung eines psychi¬ 
schen Krankheitsstoffes. Der Wille zur 
Selbstvemichtung, der goüt du nfant, 
die pathologische Perversion des In¬ 


stinkts, der das, wovor ihm graut und 
was ihn hinunterzieht, nicht mehr ab- 
wehren kann, sondern sich davon faszi¬ 
nieren läßt und es bejaht; der in der 
Selbstzerstörung eine Selbststeigerung 
findet — das ist das Grundphänomen 
des Baudeiairismus. Er ist die Stim¬ 
mungsgrundlage des Dekadenzgefühls, 
aus der nun die bizarre Treibhausvege¬ 
tation der symbolistischen Literatur von 
1885 aufsprießt. 

Das dekadente Ästhetenideal wurde 
damals von J. K. Huysmans in dem 
Helden seines Romans A rebours (1884), 
dem überzüchteten, physiologisch de¬ 
generierten Herzog Des Esseintes ver¬ 
körpert. Des Esseintes hat von Baude¬ 
laire gelernt (wie es später Oscar Wilde 
lernen wird) die Natur durch „künst¬ 
liche Paradiese“ zu ersetzen. Erschließt 
sich vom Leben hermetisch ab und 
schafft sich in seiner Einsiedelei vor 
den Toren von Paris eine einsame Welt 
raffinierter ästhetischer Reize. Er ge¬ 
winnt solche aus der Kunst eines Gu¬ 
stave Moreau, eines Odilon Redon,eines 
Greco; aus den Literaturdenkmälern 
des untergehenden Roms, „in denen die 
verwesende lateinische Sprache ihren 
Eiter absondert“; aus Baudelaire, Vil- 
liers und Poe. Sein Zimmer schmückt 
er mit inkrustierten Schildkröten — ein 
Motiv, das Huysmans aus der Wirk¬ 
lichkeit übernommen hatte: es wareine 
Eigenheit des Dichters Robert de Mon- 
tesquiou, in dem sich der Lebensstil 
der Dekadenz vorbildlich ausprägte. 

Dekadenzgefühl und Baudeiairismus 
färben auch die symbolistische Dich¬ 
tung. Sie brechen durch in den lyri¬ 
schen Konfessionen eines Verlaine, der 
irr hin und her taumelt zwischen Ma¬ 
rienmystik und faunischem Heidentum. 
Und neben diesem Großen eine Schar 
jüngerer Dichter. Für die einen ist die 
Dekadenzstimmung eine blutige Pas- 


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153 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 154 


ision der modernen Seele, für die an¬ 
deren ein raffinierter Nervenreiz oder 
eine artistische Manier oder endlich 
eine literarische Mode und ein Bluff, 
um den Bürger zu schrecken. 

Und wieder wirkt auf den literari¬ 
schen Dekadentismus, der sich nun in 
Zirkeln und Zeitschriften zur Schule 
organisiert, stilgebend, bestimmend und 
formend das Bild des römischen Ver¬ 
falls. Das zeigt sich in den Neuerun¬ 
gen der künstlerischen Technik ebenso 
wie in der Wahl der Stoffe. Die Par¬ 
allele französischen und antiken Ver¬ 
falls wird wieder veranschaulicht. Das 
Frankreich der dritten Republik hatte 
ja den Einfall der Barbaren erleben 
müssen wie das späte kaiserliche Rom. 
Stoffe aus dem Untergang der Antike 
stehen im Mittelpunkt des Interesses. 
Laurent Tailhade übersetzt Petronius. 
Dichter wie Richepin weben ihre Phan¬ 
tasien um die Gestalt Elagabals. Ro¬ 
manciers wie Paul Adam schildern den 
Untergang des oströmischen Reichs. 
Kritiker wie Römy de Gourmont ent¬ 
decken die Schönheit der sterbenden 
Latinität, die von der altkirchlichen 
Dichtung neu beseelt wird (Le latin 
mystique, 1892). Ein Sonett Samains 
zeichnet das Bild des späten Römer¬ 
kaisers mit den gemalten Augen, der 
sich von einem Epheben einen griechi¬ 
schen Papyrus vorlesen läßt und mit 
erschöpfter Geste den Duft einer Lilie 
einatmet, zu apathisch, um den Un¬ 
heilsbotschaften seiner Heerführer das 
Ohr zu leihen. Verlaine umschreibt das 
niedergehende Lebensge ühl der Epoche 
in dem Vers: Je suis l'Empire ä la fin 
de la decadence?) 

Das wesentlich Neue ist nun dies, 
daß aus der Parallele zwischen Rom 
und Frankreich eine Identitätsbe- 

7) ln dem Sonett 'Langueuf der Samm¬ 
lung ’Jadis et Nagu&re' (1884). 


Ziehung gemacht wird. Man besinnt 
sich darauf, daß Frankreich blutsmäßig 
(zu einem Teil wenigstens) und kul¬ 
turell der Abkomme Roms ist. Daß 
beide nur verschiedene Altersstufen 
und Lebensstadien desselben Indivi¬ 
duums, derselben Rasse (man verwen¬ 
det dies Wort mit großer Unbestimmt¬ 
heit) sind. Das niedergehende Frank¬ 
reich ist seiner Substanz nach iden¬ 
tisch mit dem alten Rom. Und die 
französische Dekadenz ist nur eine 
Wiederholung (damit aber auch eine 
Verschärfung und Verschlimmerung) 
der römischen. Eine neue geschichts¬ 
philosophische Perspektive wird so ge¬ 
wonnen: die Pathologie des La- 
teinertums. Innerhalb der symboli¬ 
stischen Literatur (im weiteren Sinne) 
ist es Pöladan (1859—1918), der diese 
Auffassung in seinen Studien über die 
Dekadenz durchführt. 1884 veröffent¬ 
licht er seine Etudes passionnelles de 
decadence und läßt den ersten Band 
seines großen Romanzyklus La döca- 
dence latme erscheinen. Dem Kritiker 
Jules Huret, der 1891 eine Umfrage 
über die literarischen Strömungen des 
Tages veransialtet, schreibt P61adan: 
Je crois a la fatale et imminente putre- 
faetion d'une latinitö sans Dien et sans 
Symbole. Nur die Rückkehr zur Re¬ 
ligion könnte den französischen Geist 
retten. Für den Lateiner kann es keine 
Religion geben außerhalb des Katholi¬ 
zismus. „Voilä pourquoi je fuge que 
la fin de la France n’est plus qu’une 
question d’annöes:' 

Bisher hatte man als Gründe für 
Frankreichs Niedergang im wesent¬ 
lichen nur die Irrwege der Politik und 
das Sinken der Moralität und das 
Schwinden der religiösen Überzeugung 
angeführt. Das waren Faktoren, die 
durch eine staatliche und geistige Um¬ 
stellung wieder ausgeschaltet werden 


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]55 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 156 


konnten. Mit dem Moment aber, wo 
das Lateinertum, die römische Substanz 
Frankreichs, als Verfallsursache aufge¬ 
deckt wurde, verschob sich das ganze 
Bild. Jetzt mußte alles das, was bis 
dahin als Ursache des Niedergangs 
galt, den Charakter eines bloßen Sym¬ 
ptoms annehmen. Die eigentliche Ur¬ 
sache lag tiefer und hatte etwas Schick¬ 
salhaftes. Es war ein entscheidender 
Wechsel der Problemstellung. 

Es war zugleich eine Erweiterung 
des Problems. Das römische Gift gärte 
ja in allen romanischen Nationen. Der 
Niedergang Frankreichs war nur Teil¬ 
erscheinung des kollektiven Nieder¬ 
gangs aller lateinischen Völker, den 
man feststellen zu können glaubte. La¬ 
teinischer Verfall! Er zeigte sich in 
dem Untergang des spanischen Welt¬ 
reichs, dessen letzte Episode man in 
dem spanisch-amerikanischen Krieg von 
1898 sah. Die Niederlage der Italiener 
in Abessinien 1896 wurde in demselben 
Sinne gedeutet. Sedan, Adua, Santiago 
de Cuba — diese Namen schienen eine 
erschütternde unzweideutige Sprache 
zu reden. 

Die lateinischen Völker hatten sich 
überlebt. Ihr Verfall war physiologi¬ 
scher Altersverfall. Im politischen Da¬ 
seinskampf schienen sie zum Rückzug 
vor den jungen aufstrebenden Nationen 
verurteilt. Die gefährlichsten Wettbe¬ 
werber waren die germanischen Völker. 
Der deutsche und der angelsächsische 
Imperialismus war nur ein neues Sta¬ 
dium in dem tausendjährigen Kampf 
zwischen Rom und den Germanen. 

Die Überlegenheit der germanischen 
Rasse hatte in Frankreich ja schon Go- 
bineau in seinem Essai sur l’inögalitö 
des raccs humaines gelehrt. Aber seine 
Lehre war in Frankreich fast ganz un¬ 
beachtet geblieben, und auch diejenigen 
Franzosen, die sich von ihr befruchten 


ließen, wie Renan und Bourget, haben 
es ängstlich vermieden, Gobineaus Na¬ 
men in der Öffentlichkeit zu nennen. 8 ) 
Auch in der neuen Wendung, die das 
Dekadenzproblem unter dem Gesichts¬ 
punkt des Lateinertums in Frankreich 
am Ende des 19. Jahrh. annahm, wird 
der Rassenfaktor kaum berücksichtigt. 
Zwar wird die Diskussion jetzt wieder 
aus der literarischen Sphäre auf den 
Boden der wissenschaftlichen Unter¬ 
suchung überführt. Es sind Soziolo¬ 
gen wie Demolins oder Geschichtsphilo¬ 
sophen wie Bazalgette, die das Pro¬ 
blem durch objektive Ursachenfor¬ 
schung zu klären suchen. Aber beide 
lassen eine kritische Auseinander¬ 
setzung mit der rassentheoretischen 
Geschichtserklärung vermissen, beide 
scheinen Gobineaus Fragestellung zu 
ignorieren. 

Edmond Demolins (1852—1907), ein 
Schüler des Soziologen Le Play, hatte 
von seinem Lehrer die konservative 
Geschichtsbetrachtung und den Glau¬ 
ben an die Möglichkeit einer sittlichen 
Reform Frankreichs geerbt. 9 ) Er er¬ 
regte großes Aufsehen mit seinem Buch 
A quoi tient la sup&rioriti des Anglo- 
Saxons? (1897). Aus den imperialisti¬ 
schen Erfolgen der Engländer schloß 
er auf ihre Überlegenheit. Und er fand 
den Grund dafür in der englischen Er¬ 
ziehung, die auf Willensbildung aus¬ 
geht und den jungen Engländer be¬ 
fähigt, seine Kraft zur Ausdehnung bri¬ 
tischen Einflusses in der Welt einzu¬ 
setzen. Der französischen Erziehung 
warf Demolins vor, sie teile zu viel 
tote Kenntnisse mit, sie erwecke keinen 
Unternehmungsgeist, sie züchte keine 


8) Vgl. Schemann, Gobineaus Rassen¬ 
werk. 

9) Über Le Play und Demolins vgl. de 
Waha, Die Nationalökonomie in Frank¬ 
reich (1910), S. 212ff. und 287«. 


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157 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich j58 


Pioniere. Sie sei mit daran schuld, daß 
der junge Franzose in der Regel kein 
höheres Ziel kenne als eine Pfründe im 
Staatsdienst. Der „fonctionnarisrne“ 
lähme die französischen Energien. Sein 
pädagogisches Ideal verwirklichte De¬ 
molins in einem Landerziehungshelm, 
des er nach englischen Vorbildern im 
Schloß Les Roches bei Verneuil (Nor¬ 
mandie) einrichtete. Er hat es 1898 in 
dem Buche „L’Education nouvelle: 
l’öcole des Roches“ geschildert. 

Bei Demolins erscheint also die Über¬ 
legenheit der Angelsachsen wesentlich 
als die Folge ihrer besseren Institutio¬ 
nen. Frankreich braucht nur bei Eng¬ 
land in die Schule zu gehen, um den 
Weg zu neuem Aufstieg zu finden. 

An Demolins anknüpfend warf nun 
Leon Bazalgette die Frage auf: A quoi 
tient l'infdrioritö franQoise 1 (1900). Ba¬ 
zalgette ist ein Bewunderer germani¬ 
schen Geistes. Von 1895 bis 1898 hatte 
er das Magasin International herausge¬ 
geben, in dem er u. a. Dehmel, Lilien- 
cron, Hamsun den literarischen Krei¬ 
sen Frankreichs nahezubringen ver¬ 
suchte. Seinem Ziel, Kenntnis germa¬ 
nischer Kunst und Dichtung zu ver¬ 
mitteln, diente auch seine französische 
Ausgabe von Leslies Erinnerungen an 
Constable (1905), seine Übersetzung der 
Leaves of gross und seine Whitman- 
biographie (1908). 

Seine Theorie über die Ursachen des 
französischen Niedergangs und seine 
Vorschläge für eine Reform hat Ba¬ 
zalgette 1903 in Le probldme de Vai'enir 
latin entwickelt. Schon der Titel zeigt, 
daß das französische Problem auch hier 
als ein Teil des umfassenderen lateini¬ 
schen Problems betrachtet wird. Dem 
Wesen und der schädlichen Wirkung 
der Latinisierung Frankreichs sucht Ba¬ 
zalgette durch geschichtliche Betrach¬ 
tung beizukommen. Die Lebenskraft der 


französischen Nation ist nach ihm schon 
in der Wurzel vergiftet worden durch 
die Romanisierung Galliens. Die Gal¬ 
lier, ursprünglich ein robustes Bar¬ 
barenvolk, das den Schrecken seiner 
Beutezüge über die ganze antike Kul¬ 
turwelt getragen hatte, büßen ihre krie¬ 
gerische Energie und ihre nationale Ei¬ 
genart unter der Einwirkung der über¬ 
alterten raffinierten römischen Zivilisa¬ 
tion ein. Der plötzliche Übergang von 
naivem Barbarentum zu einer ästheti- 
sierenden, intellektualistischen Rheto¬ 
renkultur, wie sie die Römer in dem 
unterworfenen Gallien einpflanzten, hat 
die Substanz des französischen Volks¬ 
tums schwer und dauernd geschädigt. 
Hatte schon diese erste Romanisierung 
die ethnische Energie Frankreichs ange¬ 
fressen, so wurde dieser Prozeß ver¬ 
schlimmert durch die zweite Romani¬ 
sierung in Gestalt des Katholizismus. 
Zweimal im Lauf seiner Geschichte hat 
Frankreich versucht, den Weg zu sich 
selbst zurückzufinden und das römische 
Joch abzuschütteln. Aber beide Be¬ 
freiungsversuche — Reformation und 
Revolution — scheiterten, weil die 
Rasse „verbraucht“, „denaturalisiert“, 
„entmannt“ war. Bazalgette kann sich 
für diese Konstruktionen auf Quinets Ge¬ 
schichtsphilosophie berufen, der gesagt 
hatte: La crainte de Rome est rest&e la 
religion du Gaulois. 

Eine Schwächung der nationalen Le¬ 
bensenergie — das ist, nach Bazalgette, 
die Wirkung der doppelten Romanisie¬ 
rung gewesen. Die Romanen sind Rhe¬ 
toren und Künstler, sie können nicht 
handeln. Ihre größere Intelligenz ist 
nur ein Zeichen ihrer verringerten Vi¬ 
talität. Den Zustand Frankreichs be¬ 
trachtet Bazalgette mit großem Pessi¬ 
mismus. Eis handelt sich ja um ein 
seit anderthalb Jahrtausenden wirksa¬ 
mes Gift, gegen das der Selbstschutz 


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159 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 160 


des Organismus versagt hat. Wenn jetzt 
nicht eingegriffen wird, ist der exitus 
letalis nur noch eine Frage der Zeit. 
Die unerbittliche Alternative lautet: II 
faut nous dölatiniser ou mourir! Nur 
eine Radikalkur, wie sie bisher noch 
nie versucht worden ist, kann helfen. 
Eine dreifache Reform physischer, gei¬ 
stiger, sittlicher Art schlägt Bazalgette 
vor. Sport, Wasserheilverfahren, Höher¬ 
züchtung der Rasse durch staatliche 
Kontrolle der Fortpflanzung, neue Er¬ 
ziehung (Sachen, nicht Begriffe), strik¬ 
tes Verbot des katholischen Kultus — 
das sind einige der Mittel, die Bazal¬ 
gette für unerläßlich hält. Frankreich 
soll zwar nicht protestantisch werden, 
aber eine der Reformation analoge Um¬ 
stellung der Religiosität vollziehen. Ge¬ 
meindehäuser, die durch Bilder, Bücher, 
Konzerte und Ausstellungen reizvoll 
gemacht werden müßten, sollen die Kir¬ 
chen ersetzen. Zur Durchführung dieser 
Maßregeln ist eine Diktatur erforder¬ 
lich — gewiß ein Übel, aber ein kleine¬ 
res als der definitive Untergang. 

Dieser Pathologe des Lateinertums 
erwähnt nur ganz beiläufig die „ger¬ 
manistischen“ Rassetheorien Gobineau- 
scher Herkunft, die in Frankreich von 
dem Anthropologen Vacher de Lapouge 
vertreten wurden. Bazalgette neigt zu 
der Anschauung, daß die historischen 
Faktoren der Romanisierung stärker ge¬ 
wirkt haben als die „zoologischen“, ob¬ 
wohl er die — „von einigen geleug¬ 
nete“ — Ungleichheit der Menschen¬ 
rassen unbedingt anerkennt. Die me¬ 
thodischen Voraussetzungen seiner 
These sind eben nicht hinreichend ge¬ 
klärt. 

In Deutschland unternahm es Lud¬ 
wig Woltmann, den Niedergang Frank¬ 
reichs vom Gobineauschen Stand¬ 
punkte aus zu erklären. Freilich ist die 
Methode seines Buches „Die Germanen 


in Frankreich“ (1907) so dilettantisch, 
daß seine Ergebnisse nicht ernst ge¬ 
nommen werden können. Er hat 250 
berühmte Franzosen untersucht und bei 
ihnen ein starkes Überwiegen nordi¬ 
scher Rassenmerkmale gefunden. Das 
gelang ihm allerdings nur, weil er die 
Beweiskraft schriftlicher und ikonogra- 
phischer Quellen über Haarfarbe, Teint 
und Schädelform der Franzosen aus 
vergangenen Jahrhunderten stark über¬ 
schätzte, und weil er mittels unhalt¬ 
barer Etymologien französische Namen 
auf deutsche zurückführte, z. B. Poque- 
lin (Moliere) auf Böcklin, Berlioz auf 
Berilo u. ä. Außerdem sind unter den 
250 Berühmtheiten solche dritten und 
vierten Ranges, und manche ganz unbe¬ 
kannte, die schlechterdings nicht als 
Kulturträger in Anspruch genommen 
werden können. Woltmanns Schlußur¬ 
teil, die französische Nation sei biolo¬ 
gisch und anthropologisch im Nieder¬ 
gang, weil die Angehörigen der blon¬ 
den germanischen Rasse durch Kriege 
und Auswanderung verbraucht seien, 
läßt sich wissenschaftlich nicht auf- 
rechterhaiten, weil seine Beweisführung 
mißlungen ist. 

Bazalgettes düsterer Unheilsruf war 
1903 erschollen. Die französische Repu¬ 
blik hatte damals eine Reihe schwer¬ 
ster Krisen hinter sich, die den Pessi¬ 
misten reichlichen Stoff zu schwarz¬ 
gefärbten Betrachtungen geben konn¬ 
ten: Panamaskandal, Boulangerkrise, 
Dreyfusaffäre. Aber daß diese Krisen 
überwunden wurden, und daß auch die 
Trennung von Staat und Kirche 1900 
glatt durchgeführt werden konnte, ohne 
die Volkserhebung, mit der die Rechts¬ 
parteien und die Kurie rechneten, das 
bewies doch die solide Grundlage des 
Staates und setzte die Pessimisten ins 
Unrecht. Die sittlichen Kräfte, die bei 
einer Elite der Nation durch die Drey- 


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T 


]61 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 162 


fuskrise entbunden wurden, leiteten 
eine Epoche neuer ethischer Spannkraft 
ein, die sich an der geistigen Bewe¬ 
gung der Zeit deutlich ablesen läßt, 
und der nun neue Kräfte zuwuchsen 
durch die Belebung vaterländischer 
und kriegerischer Gesinnung seit der 
Marokkokrise. Die technischen Erfolge 
der französischen Aviatik, die Sport¬ 
pflege, der Nationalismus (den Barres 
mit glanzvoller Sprache predigte) — 
alles das trug dazu bei, das französi¬ 
sche Selbstgefühl zu stärken. Ein neues 
Lebens- und Kraftgefühl begann durch¬ 
zubrechen und durchdrang vor allem 
die akademische Jugend. Sie wandte 
sich ab von dem skeptischen Ästhe¬ 
tentum der älteren Generation, sie ver¬ 
langte nach festen Normen auf poli¬ 
tischem und religiösem, auf ethischem 
und ästhetischem Gebiet. „Depuis le 
röueil national, on n’est plus sceptique 
en France “, spottete Anatole France 
1914, einige Monate vor Kriegsaus¬ 
bruch. 10 ) 

Diese ganze Entwicklung führte dazu, 
daß das Dekadenzgefühl seinen Reiz 
verlor. Es war nicht mehr modern, nicht 
mehr aktuell. Zugleich wurde die Theo¬ 
rie von dem unabwendbaren Fatum der 
lateinischen Rassen durch die Zeitereig¬ 
nisse widerlegt. Italiens Erfolge in Tri¬ 
polis bewiesen, daß die romanischen 
Nationen lebenskräftig genug waren, 
um Eroberungen zu machen. 

Freilich konnte man die so oft be¬ 
klagten und analysierten Schäden des 
nationalen Lebens nicht mit einem Male 
als fiktiv erklären. Aber man sah sie 
nun in anderem Lichte, man nahm sie 
nicht mehr so tragisch. Das zeigt sich 
in einer Änderung des Sprachge¬ 
brauchs. In den letzten Jahren vor dem 


10) La Rdvolte des Anges. 

Internationale Monatsschrift 


Kriege hat man sich daran gewöhnt, 
den Begriff der Dekadenz durch den 
Begriff der Krise zu ersetzen. Frank¬ 
reich befindet sich nicht in einer Nie¬ 
dergangs-, sondern in einer Übergangs¬ 
periode. Die unzweifelhaft bestehenden 
Krankheitssymptome dürfen nicht als 
Verfallserscheinungen, sondern als Be¬ 
gleitumstände einer nationalen Krise 
gedeutet werden — einer Krise, die alle 
Möglichkeiten zu neuem Aufstieg offen 
läßt. 

Schon 1907 hatte der Nationalöko¬ 
nom Paul Bureau den Krisenbegriff 
eingeführt in seinem durch gediegene 
Methode und reiches Tatsachenmaterial 
gleich bedeutenden Buche La crise mo¬ 
rale des temps nouueaux. 11 ) Dieses 
Buch ist, soviel ich sehe, die weitaus 
sorgfältigste und sachlichsteBehandlung, 
die das Problem der französischen De¬ 
kadenz bisher gefunden hat. 

Bureau untersucht mit Emst und Sach¬ 
lichkeit die sittlichen Schäden am fran¬ 
zösischen Volkskörper, stellt aber auch 
die Anzeichen einer moralischen und 
religiösen Erneuerung fest, aus denen 
er gute Hoffnung für die nationale Ge¬ 
sundung schöpft. 

Mit voller Entschiedenheit bäumte 
sich dann der neue Lebensglaube der 
geistigen Jugend Frankreichs gegen das 
Dekadenzurteil auf. „Crise ou d&ca- 
dence?", so überschrieb Gaston Riou 
ein Kapitel seines 1913 erschienenen 
Buches „Aux öcoutes de la France qui 
vient". Er trat als Sprecher einer klei¬ 
nen Elite auf, die sich in der Stille 
heranbildete, verbunden in heroischer 
Freundschaft, zusammengeschlossen 
durch den leidenschaftlichen Willen zur 
Erneuerung des Vaterlandes, beflügelt 
von religiösem Idealismus. Auch außer- 


11) Vgl. diese Zeitschrift, 14. Jahrgang, 
Heft 6. 


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I 


163 E. R. Cu rti us, Entstehung u. Wandlungen d Dekadenzproblems in Frankreich 164 


halb dieses Kreises der Jeune-France 
(so nannte ihn Riou) war der Gedanke 
lebendig, daß das vitale und sittliche 
Höhenniveau der Nation nicht nach 
der Masse und der breiten Öffentlich¬ 
keit, sondern nach den Eliteminoritä¬ 
ten bestimmt werden müsse. Die kollek¬ 
tivistische Geschichtsauffassung mit 
ihrem deterministischen Fatalismus, die 
das Dekadenzproblem so hoffnungslos 
erscheinen ließ, wurde von führenden 
Köpfen preisgegeben. Romain Rolland 
hatte seinen Jean-Christophe aus einer 
Phase sozialrevolutionärer Begeisterung 
hervorgehen lassen mit der Erkennt¬ 
nis, daß von der organisierten Arbeiter¬ 
bewegung kein Menschheitsfortschritt 
zu erhoffen sei, daß vielmehr nur die 
kleinen Gruppen unabhängiger Geister 
— l'ölite de toutes les classes et de 
tous [es partis — die „Träger des hei¬ 
ligen Feuers“ seien. Auch die Theore¬ 
tiker der royalistischen Action Fran^aise 
stellten die Forderung, man müsse eine 
kühne, energische Elite, eine „eiserne 
Brigade“, sammeln. Die Masse folge 
immer den energischen Minoritäten. 
„Die Minoritäten machen die Ge¬ 
schichte.“ 12 ) Dieselbe Auffassung vom 
geschichtlichen Werden, bei völlig an¬ 
deren Zielen, lebte auch im französi¬ 
schen Syndikalismus. 

Die Verbreitung dieser Anschauung 
von der bestimmenden Macht der Elite¬ 
minoritäten kann selbst als Beweis für 
die Tatsache gelten, die Andr6 Suarös, 
einer der geistigen Führer des jungen 
Frankreich, mit dem Wort formulierte: 
„Die Dekadenz ist eine Tradition, die 
ihre Zeit abgedient hat.“ 

Diesem Optimismus des jungen 
Frankreich trat unmittelbar vor dem 
Kriege noch ein schwarzsehender Kri- 


12) Riou 139. 


tiker entgegen. Es war Alphonse S&che 
mit seinem Buch „Le d&sarroi de la 
conscidnce jranooise" (1914). Seinem 
Blick zeigte sich auf allen Gebieten 
des öffentlichen Lebens nichts als Ver¬ 
wirrung, Unordnung, Anarchie. Schwere 
innere Schäden zehren am Staatswesen, 
an der Familie, der Kirche, dem sitt¬ 
lichen und dem geistigen Leben. In¬ 
dessen scheute sich S6ch6 bei allem 
Pessimismus doch, von Verfall zu 
sprechen. Er sah in allem nur die be¬ 
drohlichen Symptome einer Obergangs¬ 
epoche. „Ich stelle fest, sagte er zu¬ 
sammenfassend, daß zwischen dem Ab¬ 
bruch von gestern und dem Neubau 
von morgen — mag er möglich sein 
oder nicht — eine gefährliche Periode 
der Leerheit klafft, und daß wir durch 
sie hindurchgehen_ Meine Rolle be¬ 

steht darin, darauf aufmerksam zu ma¬ 
chen, daß ein Augenblick des Über¬ 
gangs, der sich hinzieht, in moralischer 
wie in politischer Beziehung an die 
Anarchie grenzt.“ Doch schloß Seche 
seine umfangreiche Anklageschrift mit 
dem Wort Romain Rollands, die An¬ 
archie der Meinungen sei die Art, wie 
die Franzosen sich zur Arbeit ansporn¬ 
ten. 

Das Frankreich, das 1914 in den Krieg 
zog, hatte den Alpdruck des Deka¬ 
denzgefühls überwunden. Der Histori¬ 
ker, der sich Zukunftsprognosen ver¬ 
bietet, wird in der Geschichte des Deka¬ 
denzproblems den Ausdruck der inner¬ 
politischen Kämpfe und des Wechsels 
der geistigen Strömungen im Frank¬ 
reich der letzten sechzig Jahre sehen. 
Er wird allen Dekadenzdiagnosen sehr 
skeptisch gegenüberstehen, da die ge¬ 
schichtliche Betrachtung lehrt, in wie 
weitgehendem Maße sie von falschen 
geschichtlichen Parallelen einerseits und 
von der subjektiven Stellungnahme des 
Betrachters, von seinen Willenszielen, 


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165 E. R. Curtius, Entstehung u. Wandlungen d. Dekadenzproblems in Frankreich 166 


seinen Leidenschaften, seiner Denk¬ 
weise andererseits abhängig sind. Un- 
gemein bezeichnend für die Relativi¬ 
tät aller solcher Urteile ist die Tat¬ 
sache, daß für die Behauptung, Frank¬ 
reich sei dekadent, gleichzeitig zwei 
völlig entgegenstehende Begründungen 
geboten werden konnten. Die einen sag¬ 
ten: Frankreich ist dekadent, weil es 
nicht mehr katholisch ist, die anderen: 
weil es zu katholisch ist. 

Eine der ernsthaftesten Seiten des 
Problems der französischen Zukunft ist 
jedenfalls das Bevölkerungsproblem. 
Aber auch hier ist zu sagen, daß der 
unleugbare Rückgang der Bevölkerung 
sehr verschieden gewertet werden kann 
und gewertet worden ist — Prezzoiini 
(La Francia e i Francesi nel secolo XX, 
Mailand 1913) sah darin einen Vorzug; 
und dann, daß es sich hier um ein 
europäisches, nicht mehr um ein fran¬ 
zösisches Problem handelt. 

Diese Erweiterung des Problems muß 
in dem Moment vorgenommen wer¬ 
den, wo die rassenbiologische Betrach¬ 
tung einsetzt. Die heutige Rassenbio¬ 
logie lehrt uns, daß das Leben aller 
modernen Kulturvölker Degenerations¬ 
erscheinungen aufweist, die mit den 
„Fortschritten“ der Zivilisation, mit dem 
Humanitarismus, mit der Technik, mit 
dem Industrialismus untrennbar ver¬ 
bunden sind. Diese Betrachtungsweise 


hat es ein für allemal unmöglich ge¬ 
macht, das Problem der französischen 
Dekadenz als isoliertes zu stellen. Die 
Rassenbiologie selbst aber kann das 
Problem der Degeneration nicht prin¬ 
zipiell lösen. Sie gibt es weiter an die 
Philosophie, die es behandelt als das 
Problem der Kultur. Und wenn die 
neuere Kulturphilosophie mit Burck- 
hardt und Nietzsche, mit Simmel, Sche- 
ler und Toennies übereinstimmend zu 
dem Ergebnis zu gelangen scheint, daß 
die Entfaltung der Kultur wesensmäßig 
ein tragischer Prozeß ist, so kann dieser 
Aufweis nur dann zu einem Nihilismus 
der Werte führen, wenn — wie es das 
biologistische Denken der Gegenwart 
liebt — das „Leben“ als abschließender 
Begriff der Erkenntnis und der Wert¬ 
skala genommen wird. In dem Maße, 
wie dieses Denken überwunden wird 
von einer tieferen Philosophie, die on¬ 
tologisch und nicht mehr biologisch 
fundiert ist und die die Lebenswerte 
von den geistigen Werten und diese 
von den Werten des Heiligen über¬ 
ragt zeigt — in demselben Maße wird 
der europäische Geist sich von der Ver¬ 
götterung des Lebens und der Über¬ 
schätzung der Geschichte und damit 
von dem Fatalismus des Verfalls und 
des Untergangs freimachen, um das 
Verhältnis des Zeitlichen zum Ewigen 
wieder klar und tief zu erschauen. 


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168 


167 Ernst Kornemann, Aus den Anfängen der deutschen Geschichte 


Aus den Anfängen der deutschen Geschichte. 

Von Ernst Kornemann. 


Die große Heimsuchung hat erst über ! 
unser armes Volk kommen müssen, bis 
ein Buch über die Anfänge unserer va¬ 
terländischen Geschichte uns geschenkt 
worden ist, das die mit den Forschungen 
von Jakob Grimm und Kaspar Zeuß an¬ 
hebende neue Disziplin der deutschen 
Volks- und Altertumskunde auf eine ganz 
neue Grundlage zu stellen berufen sein 
wird. Ich meine Eduard Nordens so¬ 
eben bei Teubner erschienenes Werk 
über germanische Frühgeschichte. 

Wie der Titel zeigt, nimmt der Ver¬ 
fasser seinen Ausgang von jenem Werke 
der lateinischen Literatur, „das eine güti¬ 
ge Fee unserem Volke als Patengeschenk 
in die Wiege gelegt und das auf jede 
Generation seine Anziehungskraft mit 
unverminderter Stärke ausgeübt hat“, von 
den Tagen des deutschen Humanismus 
an, dessen Vertreter einst mit naiver 
Freude in patriotischem Hochgefühl das 
Schriftchen zur Hand genommen und 
ausgebeutet haben, wie jener Elsässer 
Jakob Wimpfeling, der — wie schmerzlich 
berührt uns das heute — von hier aus 
in seiner Germania ad rem publicam Ar- 
gentinensem (Straßb. 1501) mit begei¬ 
sterten Worten für das Deutschtum des 
Elsaß eintrat. Keine lateinische Prosa¬ 
schrift ist in Deutschland seitdem öfter 
zum Gegenstand eingehender Betrach¬ 
tung gemacht worden. Aber welch ein 
Unterschied besteht zwischen jener ersten 
naiven, im Entdeckerrausch kritiklos er¬ 
folgten Benutzung des Werkchens vor 
400 Jahren und derjenigen durch die 

1) Eduard Norden, Die germanische 
Urgeschichte in Tacitus' Germania. 8°. X 
und 505 S. mit einer Karte. Leipzig und 
Berlin 1920, B. G. Teubner. 


deutsche Wissenschaft unserer Tage! 
Heute ist die Erkenntnis zum Durchbruch 
gekommen, daß auf diesem Gebiete die 
verschiedensten Wissenschaften Zusam¬ 
menwirken müssen, um wirkliche Resul¬ 
tate zu erzielen, heute ist, ich möchte sa¬ 
gen, eine Universitas im Kleinen im 
Dienste der großen Aufgabe am Werke, 
so vielseitig und so bienenfleißig, wie 
kaum auf einem anderen Gebiete der 
Forschung: die klassische Philologie und 
ihre jüngere Schwester, die germanische 
Philologie, in ihr vor allem die „deutsche 
Altertumskunde“, wie sie Karl Müllenhoff 
begründet hat, weiter die römisch-germa¬ 
nische Bodenforschung, wie sie vom Stu¬ 
dium des Limes ausgehend Theodor 
Mommsens Forschergenie und Organisa¬ 
tionstalent geschaffen hatte (ein Werk, 
für das wir heute in unserer furchtbaren 
Finanznot alle an unseres Volkes Frühge¬ 
schichte interessierten Kreise zur tätigen 
Mithilfe aufrufen müssen), endlich die 
deutsche Rechts- und Wirtschaftsgeschich¬ 
te, die germanische Religionsgeschichte, 
die Geographie und Ethnographie Mit¬ 
teleuropas. Für alles dies hat der histo¬ 
risch trefflich geschulte Philologe, der das 
vorliegende Buch geschrieben hat, seinen 
Blick geschärft. Aber ihm, dem klassi¬ 
schen Philologen, steht der Entwicklung 
seines Spezialfaches entsprechend vor 
allem das große Problem im Mittelpunkt 
der Betrachtung, welcher Literaturgattung 
Tacitus' Germania angehört, was in ihr 
eben dieser Gattung verdankt wird und 
was aus wirklich neuer Beobachtung des 
Germanenvolkes hervorgegangen ist. 
Kein Kunstwerk des Altertums kann heute 
noch losgelöst von der Gattung, der es 
angehört, betrachtet werden. Die Ger- 


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169 


Ernst Kornemann, Aus den Anfängen der deutschen Geschichte 


170 


mania gehört hinein in die große Gruppe 
der ethnographischen und chorographi- 
schen Literatur des Altertums, deren 
Keime eingebettet liegen im ältesten hel¬ 
lenischen Erdreich (Homer; vgl. die Le¬ 
gende von dem Ulixesaltar in Ascibur- 
gium, Germania c. 3, dazu die interes¬ 
santen Ausführungen Nordens S. 182 ff.). 
Es ist eine seltsame Ironie des Schicksals, 
daß der letzte und zugleich einzige große 
Historiker, den Rom hervorgebracht hat, 
ein Kind der letzten Epoche echten alten 
Römerstolzes unter Traian, ohne daß er 
sich dessen bewußt ist, einen ausgespro¬ 
chen griechischen Literaturtypus in rein¬ 
ster Ausprägung in lateinischer Sprache 
wiedergegeben hat. Von allen Ethno¬ 
graphien des Altertums liegen diejenigen 
der Nordvölker am nächsten, und unter 
diesen wieder ist das greifbarste Vorbild 
für die Germania Herodots Archäologie 
der Skythen. Ein Vergleich beider gibt 
höchst interessante Resultate für die Ty¬ 
pologie der nordeuropäischen Ethnogra¬ 
phie. „Das von einem Beobachter über 
ein bestimmtes Volk Ausgesagte wurde 
von einem anderen auf ein anderes Volk 
übertragen.“ So seltsam uns dies heute 
anmutet, es ist doch so. Es gibt sich 
darin ein frühzeitiges Ermatten des wahr¬ 
haft wissenschaftlichen Geistes im Alter¬ 
tum kund, daneben ein Überwuchern des 
formalen Interesses über das stoffliche. 
Die eigene Beobachtung, das Material¬ 
sammeln wird ersetzt durch das Ab¬ 
schreiben und die Ausfüllung bestimmter 
Rubriken, in die dann jedes neue Volk 
hineingezwängt wird. Dazwischen tre¬ 
ten dann immer wieder Leute auf, die 
die Wißbegierde, die Mutter aller Wissen¬ 
schaft, hinaustreibt zu den darzustellenden 
Völkern, bzw. die der Beruf unter diesen 
Völkern zu leben zwingt, die großen Rei¬ 
senden und Entdecker, bzw. die Offiziere 
und Beamten, die neuen Stoff herbei¬ 
schaffen. So haben wir zwei Gruppen 


von ethnographischen Darstellern und 
unterscheiden zwei Arten von Nachrich¬ 
ten: altes, überkommenes, von Autor zu 
Autor weitergegebenes Gut und aus 
neuer Beobachtung für das betreffende 
Volk gewonnenes, das eine, wenn auch 
nicht wertlos, so doch nur der Rahmen, 
das andere wertvoll und der eigentliche 
Inhalt, den wir suchen, da uns Menschen 
von heute das Singuläre mehr interes¬ 
siert als das Typische. 

Durch diese Betrachtungsweise gelingt 
es Norden manches liebgewordene Kind 
der Germanisten aus der Welt zu schaf¬ 
fen, einfach weil es sich als ein Sproß 
der überkommenen Ethnographien er¬ 
weist, oder wenigstens eine neue Unter¬ 
suchung auf breiterer Grundlage zu ver¬ 
langen, wie z. B. über das germanische 
Gefolgschaftswesen, die Erzählungen von 
Beratung beim Gelage, von der Gast¬ 
freundschaft, wobei in höchst interessan- 
• ter Weise ethnographische Wandermotive 
aufgezeigt werden, deren Wurzeln in der 
peripatetischen Homerexegese zu suchen 
sind. 

Wenn wir uns nun zu den ethnogra¬ 
phischen Darstellern selber wenden, so 
ergibt sich aus allem Gesägten, daß Ta- 
citus zu der Gruppe der Studierstuben¬ 
arbeiter gehört, die in der künstlerischen 
Verarbeitung des dargebotenen Stoffes 
ihr Hauptverdienst suchen. „Die Besee¬ 
lung des Stoffes, man möchte sagen, 
seine Durchstrahlung, ist von Tacitus 
durch die ihm eigene Tiefe des Ethos 
zu einem Grade derVollendung gebracht 
worden, an den selbst die Höhenskala 
der griechischen Vorgänger nicht entfernt 
heranreicht. Dafür ist freilich das bild¬ 
hafte Anschauungsvermögen, das den 
hellenischen Ethnographen als Erbteil 
ihres Volkes eignete, bei dem römischen 
arg verkümmert.“ Damit ist die Bedeu¬ 
tung von Tacitus’ Schrift nach der for¬ 
malen Seite hin umrissen, und Nordens 


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171 


Ernst Kornemann, Aus den Anfängen der deutschen Geschichte 172 


Interesse wendet sich mit demjenigen 
der modernen Geschichtswissenschaft den 
großen Entdeckern und Pfadfindern der 
germanischen Ethnographie zu. Unter 
ihnen ragen zwei Männer ganz beson¬ 
ders hervor, ein Grieche und ein Römer, 
Poseidonios und Plinius. Sie zusam¬ 
men bedeuten für die Ethnographie des 
Nordens, speziell Germaniens, dasselbe, 
was einst Herodot für den Orient und 
Ägypten gewesen war. Beiden Männern 
hat daher der Verfasser große Teile sei¬ 
nes Buches gewidmet, um einen Einblick 
in das Entstehen und Wachsen des Über¬ 
lieferungsstromes zu gewähren, der 
schließlich in die taciteische Schrift mün¬ 
dete. 

Was Poseidonios betrifft, so ersteht 
vor unserem geistigen Auge ein scharf 
umrissenes Bild des großen hellenisier- 
ten Syrers, der, Naturforscher, Philosoph 
und Historiker in einer Person, selbst 
aus einem ethnisch zusammengewürfelt 
ten Lande stammend, frühzeitig ein tie¬ 
fes Interesse und einen scharfen Blick für 
die Eigenart fremder Völker gewonnen, 
daneben als Philosoph von der Stoa her¬ 
kommend die großen Probleme des Zu¬ 
sammenhangs zwischen Land- und Volks¬ 
charakter, zwischen der Natur und der 
Geschichte der Länder und Völker zu 
lösen versucht hat, ein antiker Vorgänger 
Karl Ritters mit Recht im Vorübergehen 
genannt, der als Zeitgenosse der Kim¬ 
bernzüge auf die neue Völkerwelt nörd¬ 
lich der Alpen zum erstenmal aufmerk¬ 
sam wurde. Seinen Schilderungen lagen 
Erkundungen zugrunde, die er teils in 
Rom, teils vor allem in Massalia, seinem 
wissenschaftlichenOperationszentrum.bei 
einem gebildeten Gastfreund eingezogen 
hatte. Soviel er auch im einzelnen von 
den wilden Sitten des neuen Volkes, das 
„wie eine Wolke“ auf Gallien und Italien 
gefallen war, zu erzählen weiß, das Wich¬ 
tigste, daß sie nämlich ein Teil der Ger¬ 


manen waren, ist ihm bei der Abfassung 
seines großen Geschichtswerks noch nicht 
zum Bewußtsein gekommen. Es ist für 
ihn ein ganz neues, absonderliches Volk 
von solcher Fremdartigkeit, daß er es 
mit den homerischen Kimmeriern in Ver¬ 
bindung bringen möchte. Wohl kennt 
Poseidonios schon den Namen Germani, 
aber bei ihm ist dieser Name beschränkt 
auf die Rheingermanen, die Nachbarn 
der seiner Ansicht nach mit ihnen ver¬ 
wandten Kelten, von denen der Name 
erst allmählich, wie wir noch sehen wer¬ 
den, zum Namen des Gesamtvolkes ge¬ 
worden ist. Erst Cäsar, der durch seine 
Eroberungszüge jenseits der Alpen eine 
neue Welt zu der seither bekannten alten 
hinzugefügt hatte, ist es gewesen, der 
sowohl die Zusammengehörigkeit von 
Kimbern und Germanen erkannt als auch 
im Gegensatz zu Poseidonios die Unter¬ 
schiede keltischer und germanischer Le¬ 
bensart ausdrücklich und aufs schärfste 
betont hat. Seitdem wußte man, daß 
Poseidonios’ lebendige, von Sachkennt¬ 
nis getragene Schilderung der Kimbern 
ein Stück germanischer Urgeschichte 
war, und hat sie in diesem Sinne ver¬ 
wendet, so die beiden großen Studier¬ 
stubenethnographen der augusteischen 
Zeit, Timagenes, der leider von Norden 
auf Kosten des Asinius Pollio stark über¬ 
schätzt wird, und Livius. 

Mehr aber als alle seither genannten 
bedeutet Plinius, der zweite große Ge¬ 
lände- und Völkerforscher, für die germa¬ 
nische Ethnographie und damit für Taci- 
tus. War es bei Poseidonios noch strittig, 
ob er jemals Germanien gesehen hatte, 
so haben wir jetzt einen Mann vor uns, 
der jahrelang unter Kaiser Claudius als 
Offizier und Beamter in Germanien ge¬ 
standen hat, und zwar am Ober- wie am 
Niederrhein, der selbst einen Cäsar noch 
an eigener Kenntnis von Land und Leuten 
übertraf. Kein Wunder, daß Norden alles 


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Ernst Kornemann, Aus den Anfängen der deutschen Geschichte 


174 


daran gesetzt hat, von dem verlorenen 
großen Werk dieses Autors über die 
deutschen Kriege (in 20 Büchern) im An¬ 
schluß an Friedrich Münzer so viel zu 
retten, wie nur irgend möglich. Das 
4. Kapitel, überschrieben „Auf den Spuren 
der bella Germaniae des Plinius“, steht im 
Mittelpunkt des ganzen Werkes und ge¬ 
hört zu seinen Glanzstellen. Hier werden 
alte Probleme der Germanenforschung in 
hellere Beleuchtung gerückt, neue Fragen 
gestellt und ihre Beantwortung versucht. 
Es sind Untersuchungen, für die der Hi¬ 
storiker, der so reich belehrt wird, das 
Obergreifen des Philologen in sein ur¬ 
eigenstes Arbeitsgebiet nur mit größter 
Freude und tiefstem Dank begrüßen kann. 
Das Verhältnis der Germanen zu den 
kulturell viel höherstehenden Kelten in 
den letzten Jahrhunderten vor der christ¬ 
lichen Zeitrechnung, die allmähliche Ver¬ 
drängung der Kelten aus West- und Süd¬ 
deutschland, das Nachrücken der Germa¬ 
nen in diese Gebiete werden auf Grund 
einer vertieften Quellenanalyse mit ganz 
neuen Resultaten behandelt, besonders 
eingehend wird die zeitliche Festlegung 
der Auswanderung der Helvetier aus Süd¬ 
deutschland nach der Nordschweiz vor 
den Kimbernzügen besprochen, weiter 
die Lokalisierung des Rheinüberganges 
der Kimbern wahrscheinlich in der Ge¬ 
gend des heutigen Zurzach ( Tenedo ), end¬ 
lich der Durchzug der Kimbern durch das 
Land der Sequaner, die damals zum Teil 
noch in der Westschweiz zwischen Genf 
und Bern saßen. Vom äußersten Süd¬ 
westen werden wir dann nach Nord westen 
ans Meer versetzt. Für diese Gegenden 
werden an der Hand von Stellen der Na¬ 
turgeschichte des Plinius einige höchst 
interessante Nachrichten seines Germa¬ 
nenwerkes über das Land der Friesen 
und Chauken an der heutigen holländi¬ 
schen und deutschen Nordseeküste wie¬ 
dergewonnen und erklärt. Mit ganz be¬ 


sonderer Liebe stellt der Verfasser, der 
selbst ein Sohn dieses Küstenlandes ist, 
fest, daß Plinius allein es uns ermöglicht, 
die durch die Jahrtausende fast nicht an¬ 
getastete Gleichheit von Land und Leuten 
zu beobachten. Dann werden Plinius’ 
Naturbeobachtungen durch moderne Be¬ 
richte als sachgemäß und wahrheitsgetreu 
erwiesen, sowohl die Nachrichten über 
die kümmerlichen Lebensverhältnisse der 
Küsten-Chauken, die ihr Dasein durch 
eine primitive Art des Fischfangs im 
Wattenmeer fristen, als auch das Phäno¬ 
men riesiger schwimmender Eichbäume, 
die von Fluten unterwühlt oder durch 
Stürme losgerissen ganze Stücke des 
Moorbodens, worin sich ihre Wurzeln ver¬ 
flochten haben, wie Inseln mit sich fort¬ 
tragen, vornehmlich in der Nähe der 
„beiden Seen“, der ältesten Bestandteile 
der heutigen Zuidersee. Das größte Wun¬ 
der des Inneren dagegen, den hercyni- 
schen Wald, der mit seinen riesenhaften 
alten Eichbäumen in urwaldartiger Unbe¬ 
rührtheit geschildert wird, hat offenbar 
Plinius selber nicht geschaut, sondern 
seine Schilderung ist der Niederschlag 
der Erfahrungen des großen Drusus-Feld- 
zuges vom Jahre 9 v. Chr. durch dieses 
Urwaldgebiet hindurch, wie sie Livius 
nach den Erzählungen der Feldzugsteil¬ 
nehmer dargeboten hatte. Wenn wir dies 
alles an unserem Geiste haben vorüber¬ 
ziehen sehen, verstehen wir, wenn Norden 
von Plinius schließlich sagt: „Er las eben 
nicht bloß in den staubbedeckten Büchern 
der Alten, sondern neben diesen blieb 
die Natur Gottes ein Buch, aus dem ihn 
ein Hauch des Ewigen anwehte.“ Zum 
Beweis macht er mit Recht aufmerksam 
auf den stellenweise hymnologisch stili¬ 
sierten Lobpreis Gottes, mit dem Plinius 
sein naturwissenschaftliches Werk eröff¬ 
net, jenes „Gloria in excelsis“, das zu 
den merkwürdigsten Stücken dieser Art 
aus dem Altertum gehört, und weiter auf 


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Ernst Kornemann, Aus den Anfängen der deutschen Geschichte 


176 


die Tatsache, daß der starke Forscher¬ 
drang schließlich diesen Mann jenen 
ehrenvollen Tod auf dem Felde der 
Wissenschaft beim Ausbruch des Vesuvs 
am 24. August 79 hat finden lassen. 

Nachdem so die weite Reise durch die 
Ethnographien der Nordvölker beendet 
ist, kehrt Norden im 5. Kapitel zu Taci- 
tus zurück, um nun den berühmten Saß 
über die Entstehung des Germanen-Na- 
mens im 2. Kapitel der Germania zu deu¬ 
ten, dessentwegen im Grunde das ganze 
Buch geschrieben ist, ein wahres Kabi¬ 
nettstück philologischer Interpretations¬ 
kunst. Der Satz lautet in direkter Rede: 
„Der Name Germania ist jung und un¬ 
längst hinzugefügt, da diejenigen, die zu¬ 
erst den Rhein überschritten und die 
Gallier vertrieben haben, die jetzigen 
Tungri, damals Germani genannt worden 
sind. Dann hat der Name des Stammes 
allmählich derart weite Geltung erlangt, 
daß man zunächst nach ihm, dem Sieger, 
aus Furcht das Gesamtvolk Germanen 
nannte, und dieses schließlich mit dem 
Namen, den es bekommen hatte, auch von 
sich selbst aus bezeichnet wurde.“ Eine 
gelehrte Untersuchung zeigt uns, daß 
auch dieser wichtigste Satz des ganzen 
Werkes nur verständlich ist durch die 
Tatsache, daß edle ethnographische Ter¬ 
minologie ursprünglich griechisch war, 
wie die verschiedene Verwendung der 
lateinischen Präposition a in dem Satze 
im Grunde nur deutlich gemacht werden 
kann durch Rückübersetzung ins Grie¬ 
chische. Auch an diesem kleineren Ob¬ 
jekt wird dann weiter wie durch das ganze 
Buch uns ad oculos demonstriert, daß 
moderne Philologie nicht nur Wortinter¬ 
pretation ist. Denn es werden nun im 
6. Kapitel die ethnologischen und ge¬ 
schichtlichen Folgerungen aus dem Satze 
gezogen. Die Untersuchung gliedert sich 
hier entsprechend den Entwicklungssta¬ 
dien, die der Germanenname durchlau¬ 


fen haben soll, in drei Teile: 1. Germani 
als Stammesname der später Tungri ge¬ 
nannten linksrheinischen Stämme, 2. als 
Volksname in Feindesmund, 3. als Volks¬ 
name zur Selbstbezeichnung. Sie greift 
stark auf Cäsar zurück, der uns das 
wichtigste Material zum Verständnis der 
taciteischen Kürze liefert, und weitet 
sich zu einer Geschichte der Berührungen 
zwischen Kelten und Germanen aus, die 
der zusammengepreßte Satz wiederum 
nur angedeutet hatte. 

Eine Schlußbetrachtung wirft noch einen 
kurzen Seitenblick auf den zweiten Teil 
der Germania, indem hier nach einer Zu¬ 
sammenfassung der ergebnisreichen Er¬ 
örterung aller literarischen Quellenpro¬ 
bleme der vielen Namenlosen gedacht 
wird, seien es Offiziere, Beamte oder 
Kaufleute, die das unliterarische oder halb¬ 
literarische Material für die Ethnographie 
geliefert haben. Ein hervorragendes Bei¬ 
spiel ist die Reise jenes römischen Kauf¬ 
manns der neronischen Zeit von Carnun¬ 
tum (Petronell an der Donau gegenüber 
der Marchmündung) zu den Faktoreien 
an der Weichselmündung zum Zweck des 
Bernsteinkaufs, über die Plinius in der 
Naturgeschichte (37,45) berichtet. Daraus 
sind kaufmännische Reisetagebücher ent¬ 
standen, wie wir heute noch eines aus 
einer ganz anderen Gegend des Altertums 
in Gestalt jenes praktischen Reisehand¬ 
buchs eines ägyptischen Kaufmanns über 
die Häfen des Roten Meeres und des In¬ 
dischen Ozeans besitzen. Solche Itinerare 
sind vielfach als Quellen für die Beschrei¬ 
bung Ostgermaniens anzunehmen, wofür 
die Aufzählung der Stämme an bestimm¬ 
ten Routen entlang von Süden nach Nor¬ 
den zu sprechen scheint. 

Das Köstlichste für den Mitforscher sind 
aber — darauf sei zum Schluß noch hin¬ 
gewiesen — nicht die Ergebnisse dieses 
glänzenden Germanenbuchs, sondern der 
Weg, auf dem die Ergebnisse gewonnen 


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Max J. Wolff, Zu Gundolfs „Goethe“ 


178 


werden. Das ist etwas für den wissen¬ 
schaftlichen Feinschmecker. Diesen Ge¬ 
nuß kann sich nur der verschaffen, der 
das Buch wirklich liest oder besser noch 
durcharbeitet, was nicht nur alle diejeni¬ 
gen tun sollten, die ex professo zu Leh¬ 
rern unserer heranwachsenden Jugend 
bestellt sind, sondern auch alle diejenigen 
unter uns Deutschen, die durch das furcht¬ 
bare Schicksal, das über uns gekommen 
ist, tief im innersten Herzen verwundet, 
von dem großen Forscher sich willig zu 
den Quellen führen lassen, um das Volk 
in seinen ersten Anfängen wirklich ken¬ 
nen zu lernen, das heute den ganzen Erd¬ 
ball durch seine Taten so sehr in Staunen 
und Schrecken versetzt hat, daß den im 


letzten Augenblick nur durch fremde Hilfe 
siegreich gewordenen Besiegten wieder 
wie einst bei der ersten Namengebung 
des Volkes aus Furcht {ob metum) ihr 
schmähliches Handeln diktiert wird. 

Nur ein Mann, der die philologische 
und historische Forschungsmethode 
gleich meisterhaft handhabt, dabei eine 
so phänomenale Belesenheit besitzt, wie 
sie hier vor unseren Augen ausgebreitet 
wird, konnte dieses Buch schreiben, eine 
würdige Ehrengabe zum 50 jährigen Dok¬ 
torjubiläum der großen Berliner Dios- 
kuren der Philologie, der praeceptores 
Germaniae weit über das Gebiet der 
klassischen Altertumswissenschaft hinaus. 


Zu Gundolfs „Goethe“. 

Von Max J. Wolff. 


1 . 

Gundolfs Goethebuch ist schon vor 
einer Reihe von Jahren erschienen und 
hat schon mehrere starke und wohl¬ 
verdiente Auflagen erlebt. Trotzdem ist 
es noch immer heiß umstritten; es fin¬ 
det höchste Bewunderung und erfährt 
scharfe Ablehnung. Das ist gewiß ein 
gutes Zeichen, es beweist, daß das 
Buch lebt, daß es etwas Eigenartiges 
enthält, das sich nicht so leicht in die 
hergebrachten Rubriken einordnen läßt 
und daß es schwer ist, die Arbeit mit 
einem zusammenfassenden Urteil ab¬ 
zutun. Trotzdem überrascht die weite 
Verbreitung im Publikum. Zwar die 
Klage, daß das Werk schwer verständ¬ 
lich geschrieben sei, halte ich nicht für 
berechtigt. Der Verfasser verwendet 
wohl manchen kuriosen Ausdruck, des¬ 
sen Sinn man erraten muß, er hat auch 
eine Vorliebe für großartige Worte, die 


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besser durch einfache zu ersetzen wä¬ 
ren, und er benutzt diese Darstellung 
Goethes, um einen Kampf gegen die be¬ 
stehende Interpunktion zu eröffnen, 
aber das sind nur Äußerlichkeiten, mit 
denen man sich nach den ersten paar 
Seiten leicht abfindet. Im Gegenteil, 
Gundolf schreibt, wenn man von diesen 
Eigentümlichkeiten absieht, einen äu¬ 
ßerst klaren Stil. Er wirft die schwie¬ 
rigsten literarhistorischen Probleme auf, 
und er weiß sie meistens in überaus 
faßlicher Weise mit einer souveränen 
Beherrschung der Sprache und der Ma¬ 
terie, manchmal sogar mit spielender 
Leichtigkeit zu beantworten. Dunkel 
wird er nur, wo er Dinge erklären will, 
die sich der verstandesmäßigen Be¬ 
trachtung entziehen. Da greift er zu den 
entlegensten Ausdrücken, „ballt" neue 
Wortformen, die zu Wortungetümen 
werden, und häuft Bilder und beschrei¬ 
bende Zusätze in einem geradezu ver- 


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Max J. Wolff, Zu Gundolfs „Goethe“ 


wirrenden Maße. Man hat in solchen 
Fällen den Eindruck der Phrasenhaf- 
tigkeit, und dieser Vorwurf ist ja auch 
eihoben worden, aber wie mir scheint, 
unberechtigterweise. Es sind verzwei¬ 
felte Versuche, der Sprache mehr abzu¬ 
ringen, als sie geben kann, und Dinge, 
die sich nur gefühlsmäßig übermitteln 
lassen, verstandesmäßig zu erklären. 
Wenn beispielsweise das Wesen der 
Goetheschen Lyrik darin gefunden wird, 
daß sie sich der Einzelsymbole derart 
bemächtige, „daß sie nur Wellen eines 
sprachlichen Flutens, nur Funken eines 
Glitzerns, nur Farbenpunkte eines 
Dunstkreises werden — eben der Flut, 
des Glitzerns, des Dunstkreises, der 
grenzenlosen und gegenstandslosen 
Weltbewegung, in die der Dichter ge¬ 
raten ist“, so entbehren diese Worte 
jeder zwingenden Bestimmtheit. Der 
Leser mag sich dabei etwas denken, 
vielleicht sogar dasselbe wie der Ver¬ 
fasser, oder sie bleiben ihm ein leerer 
Schall, der ihm gar nichts sagt. Das 
hängt lediglich von der Begabung des 
Aufnehmenden ab, Gundolf selbst hat 
vergebens versucht, das Irrationale zu 
rationalisieren. 

Aber nicht darin bestehen die eigent¬ 
lichen Schwierigkeiten des Buches, son¬ 
dern in den hohen Ansprüchen, die es 
an den Leser stellt. Es ist bezeichnend, 
daß auf den 800 Seiten, abgesehen von 
dem Geburtsjahr des Dichters, nur eine 
Jahreszahl vorkommt. Sein äußeres Le¬ 
ben bis in die geringsten Einzelheiten 
wird als bekannt vorausgesetzt und 
ebenso eine Vertrautheit mit allen sei¬ 
nen Werken gefordert, wie sie der Laie 
kaum, der Literarhistoriker nur aus¬ 
nahmsweise und eigentlich nur der viel¬ 
geschmähte Goethephilologe besitzen 
kann. Gundolf tut nichts, um die Lek¬ 
türe zu erleichtern, er verschmäht es, 
Inhaltsangaben zu geben, und selbst die 


’ I 

180 


Zitate, die er bringt, beschränken sich 
auf das äußerste Mindestmaß. Er will 
ja nicht zu der großen Masse der Ge¬ 
bildeten sprechen, sondern zu einem 
kleinen Kreis von Auserwählten. Der 
„Bürger“ wird gleich auf der ersten 
Seite mit einem energischen Ruck ab¬ 
geschüttelt und zwischen ihm und dem 
Künstler wird ein Gegensatz kon¬ 
struiert, der diesen zur Gottheit erhöht, 
jenen auf die tiefste Stufe des Banau¬ 
sentums hinabschleudert. Der Verfas¬ 
ser will nur die Schar der Esoterischen 
in die heiligen Hallen des Tempels 
führen, nur ihren geweihten Augen will 
er den Vorhang lüften, hinter dem sich, 
geschützt vor jedem profanen Blick, 
die Gottheit verbirgt, marmorschön, 
aber auch marmorfem und marmorkalt, 
der Dichter, der Künstler, Goethe! In 
unerreichbarer Höhe thronend, jenseits 
des Begriffsvermögens der bürger¬ 
lichen Welt wird er uns vorgeführt: 
vor seiner menschenfernen Erhabenheit 
kann man sich auf die Knie werfen, 
man darf ihn anbeten und verehren, 
aber in der gemessenen Entfernung, 
die den Laien von dem Altar trennt. 
Es ist eisig kalt in diesem Heiligtum. 
Das Buch ist ohne jede Wärme ge¬ 
schrieben. Gundolf hegt sicher die 
höchste Begeisterung für Goethe, aber 
er unterdrückt sie absichtlich, offen¬ 
bar aus Besorgnis, daß jede lebhafte 
Regung die Würde der Sache beein¬ 
trächtigen und die Menge zu einer 
plump vertraulichen Annäherung an 
den Künstler ermutigen könne. Aber 
diese distanziert kühle Behandlung, die¬ 
ses gesuchte Ausschalten aller allge¬ 
mein menschlichen Beziehungen wirkt 
auf die Dauer akademisch. Der Mar¬ 
mortempel wird zur Akademie, der 
Priester des Künstlertumes entpuppt 
sich als Akademiker, der an seinem 
Gegenstand nur ein wissenschaftliches 


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Max J. Wolff, Zu Gundolfs „Goethe“ 


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Interesse nimmt und ihn als Unterlage 
der Belehrung betrachtet. Von Gundolf 
gilt, was er selbst von Goethe anlä߬ 
lich der Wanderjahre sagt: „Wer ein¬ 
dringlich wirken will, ohne das Ge¬ 
genüber bis an die eigene Seele heran¬ 
zulassen, .... der muß durch feier¬ 
liche und bedeutsame Haltung, durch 
Autorität und Zeremoniell die Geister 
beeindrucken, die er nicht erwärmen 
oder umwerben mag.“ Les extremes se 
touchent. Dieses Buch, das eine Offen¬ 
barung des Künstlertums sein soll, 
steht der geschmähten Goethephilologie 
näher, als der Verfasser ahnt. Nicht nur 
weil er diese bis in ihre letzten Aus¬ 
läufer beherrscht, nicht nur weil die 
Kärrner erst das Material zu seinem 
stolzen Bau herbeigeschleppt haben, 
sondern auch in der Auffassung, die in 
den Regungen einer Künstlerseele einen 
erklärbaren Wissensstoff erblickt. 

2 . 

Bei einem so persönlichen Buch muß 
man sich wohl zunächst mit der Per¬ 
son des Autors befassen. Seine Be¬ 
gabung ist in erster Linie akademisch, 
d. h. lehrhaft, aber lehrhaft in bestem 
Sinne. Er ist ein glänzender Literar¬ 
historiker, sicher einer der ersten unter 
den Lebenden, bei dem der lehrhafte 
Zug weit davon entfernt ist, den Geist 
zu ertöten, im Gegenteil, man hat das 
Gefühl, daß er, indem er lehrt, sich 
selbst anregt und sich neue Ausblicke 
eröffnet. Die Deutung der einzelnen 
Goetheschen Werke ist vorzüglich, be¬ 
sonders, wiees dem Wesen von Gundolfs 
Begabungentspricht, die der Alterswerke, 
die er dem Verständnis in einer bisher 
auch nicht annähernd erreichten Weise 
erschließt. Die Bedeutung der Wan¬ 
derjahre ist mir erst durch dies Buch 
klar geworden, wie ich überhaupt mit 


Vergnügen anerkenne, daß ich trotz 
häufig abweichender Anschauung sehr 
viel daraus gelernt habe. Das Kapitel 
Weltliteratur ist prachtvoll. Der ge¬ 
borene Literarhistoriker, der in Gundolf 
steckt, zeigt sich in der Art, wie er 
schwierige Probleme scheinbar mit spie¬ 
lender Leichtigkeit löst. Über das Ver¬ 
hältnis von Dichtung und Geschichte 
beispielsweise ist viel geschrieben wor¬ 
den, aber lange Abhandlungen haben 
zur Lösung der Frage nicht so viel 
beigetragen wie die eine Seite, die 
unser Verfasser darauf verwendet. 

Aber ein Dichter, und noch dazu 
einer, der noch keiner abgeschlossenen 
Vergangenheit angehört, läßt sich nicht 
ausschließlich literarhistorisch betrach¬ 
ten. Dieser Erkenntnis hat sich Gundolf 
nicht verschlossen, und er ist der letzte, 
der in Goethe nur eine literarhistorische 
Erscheinung sieht. Dem Leser fällt es 
auf, daß der Verfasser auch nicht einen 
seiner zahlreichen Vorläufer erwähnt. 
Ob dies Schweigen berechtigt ist, kann 
dahingestellt bleiben, sein Grund ist, 
daß Gundolf mit den früheren Goethe¬ 
biographen nicht zu rivalisieren beab¬ 
sichtigt, sondern etwas prinzipiell an¬ 
deres schaffen will. Die meisten von 
ihnen haben den Unterschied übersehen, 
der zwischen einem Dichter der Ver¬ 
gangenheit und der Gegenwart besteht 
und Goethe so behandelt, wie man So¬ 
phokles oder Dante behandeln würde. 
Im Gegensatz dazu betrachtet das neue 
Buch den Dichter als einen Lebenden, 
was er gewiß noch ist, und faßt in 
erster Linie das „Dichter sein“ ins Auge. 
Das ist aber eine Aufgabe, die über 
die Tätigkeit des Literarhistorikers hin¬ 
ausgeht und damit zwar nicht über 
Gundolfs Begabung, aber leider doch 
über den besten Teil dieser Begabung. 
Er ist mehr Literarhistoriker als Bio¬ 
graph, Ästhetiker oder Kunstpsycho- 


. 4t . ninitiraa by 


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Max J. Wolff, Zu Gundolfs „Goethe“ 


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löge. Das literarhistorische Denken, 
das ihn in so seltenem Maße auszeich¬ 
net, hat ihn gewöhnt, mit festen Ge¬ 
setzen, mit zwangsläufigen Entwicklun¬ 
gen und Notwendigkeiten zu rechnen 
und in diese Form sucht er auch die 
Person des Dichters zu bannen. Die 
Geschichte kennt keinen Zufall; was 
geschehen ist, beruht auf Notwendig¬ 
keit, aber ob es geschieht und wie es 
geschieht, das hängt von dem freien 
Entschluß des Schaffenden ab, und 
nicht nur von diesem, sondern auch 
von zahllosen äußeren Zufälligkeiten. 
Der Goethe, den Gundolf uns vorführt, 
ist zwar nicht mechanisiert in der Art 
Taines, aber sein Künstlertum er¬ 
scheint doch als eine sein Menschen¬ 
tum beherrschende Macht, die ihn 
zwingt, ob er will oder nicht, nach be¬ 
stimmten Gesetzen und in bestimmten 
Formen zu dichten. Dadurch erhält die 
Gestalt etwas Unfreies und Starres, das 
der schönen und freien Menschlichkeit 
des Dichters nicht gerecht wird. Es ist 
gewiß richtig, daß der Künstler kein 
Doppelleben führt, ein äußeres wie je¬ 
der andere Sterbliche und ein zweites 
als Schöpfer seiner Werke, aber wenn 
Gundolf die Einheit in dem Künstlertum 
findet, so entmenschlicht er damit den 
Dichter und erschwert sich selbst Dinge, 
die unsagbar einfach liegen, auf das 
äußerste. Der Ansicht, die er an den 
Anfang seines Buches stellt, daß das 
Erleben des Künstlers völlig anders ge¬ 
artet sei als das des Bürgers und die¬ 
sem daher stets unfaßbar bleiben müsse, 
möchte ich die Behauptung entgegen¬ 
stellen, daß es das Allgemeinste, das 
Natürlichste und Selbstverständlichste 
ist. Die Allgemeinwirkung des Künst¬ 
lers beruht ja gerade darauf, daß sein 
Erleben nur die höchste Steigerung von 
dem ist, was jeder einzelne erlebt, er¬ 
leben könnte und erleben möchte. Wenn 


der gewöhnliche Mensch, weil er ein 
Berufswesen ist, daran verhindert bleibt, 
(so fallen diese und ähnliche Hemmun¬ 
gen für den Künstler weg, denn er 
hat eben nur den einen Beruf, sich 
selbst, d.h. einen Menschen zu erleben 
und das Erlebte darzustellen. Indem 
Gundolf das verkennt, stellt er in den 
Mittelpunkt seines Werkes an Stelle 
des Menschen Goethe einen Dichter¬ 
begriff, den er mit staunenswerter 
Energie und Vielseitigkeit durchführt, 
der aber im letzten Ende eine Kon¬ 
struktion bleibt. Gerade Goethes Le¬ 
ben verläuft so regelmäßig und selbst¬ 
verständlich, es ist das Einfachste des 
Einfachen, daß er scheinbar über den 
Typus nicht hinausgeht. Aus der 
Schrankenlosigkeit der Jugend ent¬ 
wickelt sich die Einsicht des Mannes, 
aus ihr wieder der Verzicht des Grei¬ 
ses; gegen die Welt, mit der Welt, über 
der Welt, antisozial, sozial, übersozial, 
das sind die drei Stufen, die Goethe 
und im 18. und 19. Jahrh. jeder hin¬ 
aufsteigt, dem es vergönnt ist, sich 
durch äußerliche und innerliche Gewal¬ 
ten ungehindert zu entfalten. Das Be¬ 
sondere an dem Dichter ist nur, daß er 
die Vergünstigung genoß, in seiner 
Persönlichkeit zu durchleben, „was der 
ganzen Menschheit zugeteilt ist". Das 
Typische und das Individuelle hören in 
ihrer höchsten Steigerung auf, Gegen¬ 
sätze zu sein, die Einseitigkeit des In¬ 
dividuums verliert sich in der Allheit 
des Typus, und darin liegt wohl letzten 
Endes das Geheimnis des künstleri¬ 
schen Schaffens, daß das höchste Maß 
des Ansich- oder Insichseins zum 
Außersichsein, d. h. zur Preisgabe der 
eigenen Persönlichkeit an die Allge¬ 
meinheit drängt. 

Das Große an Goethe ist, daß alles 
in ihm ausreift, was rudimentär oder 
verkümmert in jedem seiner Zeitgenos- 


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Max J. Wolff, Zu Gundolfs „Goethe“ 


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sen vorhanden ist, und gerade dadurch 
ist selbst der „Bürger“ in der Lage, 
diesen natürlichsten Menschen zu be¬ 
greifen. Gerade zur Vermittlung seines 
Erlebens bedarf es am wenigsten eines 
Kommentars. Goethe selbst war sich 
darüber völlig klar und er hat sich in 
Dichtung und Wahrheit nicht als Aus¬ 
nahme, sondern als Norm dargestellt, 
und auch Gundolf erkennt es und be¬ 
merkt gelegentlich (S. 584), daß das 
Wesen des Dichters deutsches Gesamt¬ 
wesen und seine Lebenskrisen die der 
ganzen Generation seien. Aber dieser 
Gedanke steht im Widerspruch zu sei¬ 
ner sonstigen Auffassung, die in Goethe 
ein Ausnahmewesen, die Personifika¬ 
tion des Künstlerbegriffes, sieht. Dieser 
mag sich aus Einzelbegriffen zusam¬ 
mensetzen, aus Titanismus, Ganymedis¬ 
mus, Erotismus und Solipsismus, aus 
Anagke, Tyche und Daimon, die natür¬ 
lich etwas ganz anderes besagen sollen 
als die deutsche Übersetzung der grie¬ 
chischen Wörter. Mit solchen Kon¬ 
struktionen hält es natürlich unsagbar 
schwer, den gewöhnlichsten und selbst¬ 
verständlichsten Regungen eines Men¬ 
schen gerecht zu werden. Es ist be¬ 
kannt, daß Goethe Friederike wie Lotte 
schnell vergessen hat. Die Heftigkeit 
der Leidenschaft steht bei dem gesun¬ 
den jungen Menschen im umgekehr¬ 
ten Verhältnis zu ihrer Dauer. Muß 
man darum dem Dichter die Fähigkeit 
zuschreiben „die Kräfte des Mikrokos¬ 
mus und Makrokosmus aus seinem Ex¬ 
pansionstrieb zu bannen, indem er sich 
von außen an den Erscheinungen des 
Mikrokosmus und Makrokosmus fest¬ 
hielt“? Mit Staunen sieht man die Um¬ 
wege, die Gundolf machen muß, um das 
Verhältnis zu Christiane zu erklären, die 
selbstverständliche Tatsache, daß ein 
Vierzigjähriger anders als ein Zwan¬ 
zigjähriger liebt, ganz gleichgültig, ob 


dieser ein Dichter oder ein gewöhn¬ 
licher Sterblicher sei. Goethe hat auch 
einige priapeische Gedichte geschrie¬ 
ben. Das Behagen an der Erotik in 
ihrer niedrigsten Form ist allgemein 
menschlich. Eine verfeinerte Kultur 
pflegt es zurückzudrängen, aber gerade 
in den größten Geistern tritt es häufig 
stark hervor, offenbar weil sie der Na¬ 
tur näher stehen, so bei Lope de Vega, 
und das Beispiel dieses gläubigen Chri¬ 
sten beweist wohl, daß es sich hier um 
einen Zug handelt, der nicht durch „die 
unschuldige Seligsprechung alles Leib¬ 
lichen“ erklärt werden kann, nicht ein¬ 
mal bei den antiken Vorbildern Goe¬ 
thes. Mit solchen Konstruktionen 
kommt man dem Dichter nicht näher, 
im Gegenteil, man verschleiert sein 
wahres Wesen. 

3. 

Gundolf kommt zu dieser Konstruk¬ 
tion, weil er nach einem Goethe sucht, 
aus dessen Persönlichkeit er das ge¬ 
samte Schaffen in möglichst gerader 
Linie ableiten kann, nach einer organi¬ 
schen Kraft, die poetische Werke mit 
Notwendigkeit produziert, wie der 
Baum seine Jahresringe ansetzt. Wenn 
mich die Erinnerung nicht trügt, kommt 
dieser Vergleich bei Gundolf selber vor; 
er ist aber doch falsch. Der Dichter ist 
kein dichtender Organismus, sondern 
ein Mensch; gewiß dichtet er immer, 
insofern ihm der künstlerische Trieb 
eingeboren ist und nicht erst kommt, 
wenn er sich an den Schreibtisch nie¬ 
derläßt, um Verse zu schreiben. Aber 
ob er neue Jahresringe ansetzt, das 
hängt von allen möglichen Faktoren 
ab und ist nicht das zwanghafte Er¬ 
gebnis einer immanenten Notwendig¬ 
keit. Aber selbst wenn man sich auf 
den Standpunkt des Verfassers stellt, 


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Max J. Wollt, Zu Gundolfs „Goethe“ 


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so vermag er das Verhältnis von Per¬ 
son und Schaffen in jedem einzelnen 
Fall nur bedingterweise festzustellen. 
Die Werke müssen klassifiziert werden 
nach dem Grade, in dem sie „goethisch" 
sind oder nicht. Es ist dabei selbstver¬ 
ständlich, daß die hervorragendsten 
Dichtungen oder diejenigen, die den 
Biographen am meisten ansprechen, 
der ersten Klasse zugezählt werden, die 
anderen der zweiten, einige werden so¬ 
gar kurzweg als angewandte Litera¬ 
turgeschichte oder als Hofgeschäfte ab¬ 
getan. Ich habe eine ähnliche Scheidung 
in meiner Moliörebiographie vorgenom¬ 
men, aber nachträglich sind mir schwere 
Bedenken gekommen. Ist es zulässig, 
die Hofstücke als Abfall zu betrachten, 
den der Dichter der Meute hinwarf, da¬ 
mit sie ihm Zeit und Ruhe zu seinen 
unsterblichen Schöpfungen ließe? Der 
Auffassung Moliöres entspricht es si¬ 
cher nicht, ebensowenig der Goethes. 
Und darauf kommt es doch an; denn 
wenn man das Verhältnis des Dich¬ 
ters zu seinem Werke ins Auge faßt, 
darf man unmöglich das historische Ur¬ 
teil vorwegnehmen, das die Hofstücke 
als Nichtigkeiten verwirft, sondern man 
muß sich die Frage vorlegen: Wieso 
haben Moliöre wie Goethe diese Nich¬ 
tigkeiten sehr ernst genommen? 

Es muß allerdings anerkannt werden, 
daß Gundolf bemüht ist, eine willkür¬ 
liche Scheidung der Goetheschen Werke 
zu vermeiden und daß er versucht, sie 
aus der Seele des Dichters selber zu 
rechtfertigen. Seine Auffassung des 
künstlerischen Schaffens geht von dem 
Erlebnis aus. Dieser Gedanke Diltheys 
ist gewiß äußerst wertvoll, aber es zeigt 
sich, daß er das Problem nur bis zu 
einem gewissen Grade und in vielen 
Fällen überhaupt nicht löst. Der Dich¬ 
ter spricht wohl sein eigenes Erlebnis 
aus, aber er kleidet es in eine Form 


und sagt nur so viel davon, als er für 
das Verständnis seines Publikums für 
nötig hält, mag er dabei nun an ein 
gefülltes Schauspielhaus, an einen 
kleinen Kreis gleichgesinnter Freunde 
oder nur an eine einzige Geliebte den¬ 
ken. Die Formgebung erfolgt also we¬ 
niger nach dem eigenen Bedürfnis des 
Schaffenden als ex mente des Zuhörers. 
Dichtung ist Mitteilung an andere. 
Gundolf erklärt Goethes Schweigen vor 
der italienischen Reise sehr treffend 
aus dem Fehlen eines verständnisvol¬ 
len Publikums, aber er zieht daraus 
keine weiteren Folgerungen, wenn er 
auch gegen die Mängel der Dilthey- 
schen Theorie nicht blind ist. Er sieht, 
daß man mit dem Erlebnis in dem üb¬ 
lichen Sinne nicht auskommt und teilt 
es deshalb in ein Bildungserlebnis und 
ein Urerlebnis. Der erste Ausdruck ist 
treffend, er umfaßt alle äußeren kul¬ 
turellen und literarischen Einwirkun¬ 
gen, die für den Dichter die Bedeutung 
eines Erlebnisses gewannen; mit dein 
Urerlebnis dagegen soll sein eigenstes 
Erleben bezeichnet werden, also das, 
was er ganz aus sich selbst, frei von 
jeder äußeren Bedingtheit, erlebte. Dem 
Kulturwesen wird ein Urwesen gegen¬ 
übergestellt. Aber gibt es ein solches 
und kann es ein solches geben? Ist es 
nicht nur ein Fabelgebilde wie die allen 
Kultureinflüssen entrückten unschulds¬ 
vollen Menschen, die ältere Romane 
auf irgendeine einsame Insel zu ver¬ 
setzen pflegten? Mit dem Urwesen ver¬ 
liert sich Gundolf wieder in die Kon¬ 
struktion. Alles menschliche Erleben, 
abgesehen von den rein animalischen 
Regungen, vollzieht sich innerhalb der 
Kultur und ist nur ein Produkt der 
jeweiligen Kulturlage. Die angeblichen 
Urerlebnisse Goethes, sein Titanismus, 
sein Drang zur Natur, sein Verhältnis 
zur Welt, sein Bildungsstreben, ja so- 


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Max J. Wolff, Zu Gundolfs „Goethe“ 


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gar die Bedeutung seines eigenen Ich 
für ihn selbst wie für seine Dichtung 
sind durch die damaligen Zeitum¬ 
stände gegeben, also im letzten Ende 
gerade nicht persönlich, sondern zeit¬ 
lich. Sie sind hervorgerufen durch die 
große Bewegung, deren Exponent,nicht 
Schöpfer, Rousseau war. In ihr liegt 
der Keim zu der gesamten Ent¬ 
wicklung Goethes, das Streben nach 
Natur und die Feindschaft gegen die 
Gesellschaft, aber auch der Umschlag 
zum Klassizismus und die Aussöhnung 
mit der Welt, insofern in den Augen 
des achtzehnten Jahrhunderts Griechen¬ 
land nur eine Lokation des idealen Na¬ 
turzustandes bedeutet und die Mensch¬ 
heit nach dem Vorbild der Antike durch 
die Erziehung und durch die Kunst 
zum Ideal erhoben werden kann. Wenn 
Goethe sich von allen älteren Dichtern 
durch die zentrale Stellung unterschei¬ 
det, die dasich innerhalb seiner Werke 
einnimmt, so verdankt er auch das 
Rousseau, der die Rechte des Indivi¬ 
duums gegen die Gesellschaft durch- 
gefochten hatte. Wir stehen heute noch 
innerhalb dieser großen Bewegung und 
gerade deshalb vermögen wir Goethe 
noch als einen der unseren, als einen 
Dichter der Gegenwart zu empfinden, 
aber das darf nicht zur Verkennung 
der historischen Einflüsse führen, die 
ihn dazu gemacht haben. Gundolf hätte 
sich diesen Mißgriff erspart, wenn er 
seiner Arbeit das übliche einführende 
Kapitel, sei es selbst unter der phili¬ 
strösen Überschrift „Land und Volk“, 
vorangestellt hätte. Dabei wäre ihm 
das Urerlebnis unter den Händen zer¬ 
flossen und nichts davon übrig geblie¬ 
ben als die unleugbare Tatsache, daß 
Goethe mit der Begabung eines Dich¬ 
ters auf die Welt gekommen ist. Hier, 
wo es darauf ankam, die literarhistori¬ 
sche Grundlage des Werkes zu legen, 


versagt der Literarhistoriker Gundolf, 
weil er dem Ästhetiker mit der falschen 
Konstruktion des Künstlertums be¬ 
dauerlicherweise die Führung überläßt. 

4. 

Die Scheidung in Urerlebnis und Bil¬ 
dungserlebnis wird als Unterlage der 
Gruppierung der Goetheschen Werke 
benutzt, und zwar haben diejenigen, 
die aus einem Urerlebnis erwachsen 
sind, den Vorrang vor den anderen. 
Sie enthalten den reinen Goethe, wäh¬ 
rend die anderen mit fremden Zuta¬ 
ten versetzt sind. Wir sind ja über 
Goethes Leben ausgezeichnet unterrich¬ 
tet, besser als über das irgendeines 
anderen großen Künstlers, und so fällt 
es nicht schwer, zwischen seinem Le¬ 
ben und den einzelnen Werken eine 
Verbindung herzustellen und diese auf 
ein sog. Urerlebnis zurückzuführen. In 
anderen Fällen versagt das Kotnbina- 
tionstalent des Verfassers, und dann 
müssen sich die Dichtungen mit einem 
Bildungserlebnis begnügen. So Reineke 
Fuchs, der infolgedessen mit einer hal¬ 
ben Seite abgespeist wird, und was 
noch überraschender wirkt, auch Her¬ 
mann und Dorothea. Goethe hat ge¬ 
rade dieses Epos in seinem Alter be¬ 
sonders geliebt, und darin liegt wohl 
der beste Beweis, daß es für ihn eine 
persönliche Bedeutung in hervorragen¬ 
dem Maße besaß. Gundolf hat vermut¬ 
lich niemals längere Zeit im Ausland 
gelebt, sonst wäre es ihm nicht schwer 
gefallen, auch hier ein Urerlebnis zu 
ermitteln. Es liegt, wenn ich mich auf 
seinen Standpunkt stelle, in dem Hei¬ 
matgefühl des Zurückkehrenden, indem 
beglückenden Besitz einer Welt, die 
man sein eigen nennen darf, mag sie 
auch an Glanz und Weite der Fremde 
nachstehen. Daran läßt das Schlußwort 


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Max J. Wolff, Zu Gundolfs „Goethe“ 


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des Epos keinen Zweifel. Das Urerlebnis eine ausgesprochene Tendenz verfolgt, 
des Egmont soll das fatalistische Glücks- Seit der Bekanntschaft mit Herderdich- 
gefühl des Dichters sein; ich würde es tet er bei aller Unmittelbarkeit der 

eher in der Feindschaft gegen die Empfindung im Bewußtsein, wie man 

monogame Ehe finden, die allen da- dichten soll und noch viel mehr unter 

maligen Genies ein Dorn im Auge war. Ablehnung derälteren Poesie in Eewußt- 

Egmont soll ein Freiheitsheld sein, aber sein, wie man nicht dichten soll. Schon 

er ist es doch nur insoweit, als er die Jugenddichtungen sind von einer 

durch seine Verbindung mit Klärchen Idee getragen, und es ist nur eine na- 

der geltenden Moral ins Gesicht schlägt, turgemäße, der Zeit entsprechende Ent- 

Den Wahlverwandtschaften in ihrer Ge- Wicklung, wenn die Idee allmählich 

samtheit liegt kein Urerlebnis zugrunde, das Übergewicht erlangt, so daß die 

wohl aber der Gestalt der Ottilie. Diese Darstellung nur noch ihre allegorische 

Anregung hat mich veranlaßt, den Ro- Einkleidungabgibt. Gundolf betont, daß 

man aufs neue zu lesen, aber mein Ein- die italienische Reise keinen Bruch im 

druck hat sich nicht geändert, daß Schaffen des Dichters bedeutet, sondern 

wenn eine dieser Frauengestalten aus einen Übergang, aber er selbst zieht 

einer persönlichen Beziehung des Dich- daraus nicht die letzten Konsequenzen, 

ters erwachsen ist, es nur die reife die eine Scheidung in Ur- und Bil- 

Charlotte sein kann, nicht das junge dungserlebnis unmöglich gemacht hät- 

Mädchen, das die Altersweisheit eines ten. Sie bildet die Grundlage des gan- 

langen Lebens in ihrem Tagebuch zu- zen Werkes und durch sie soll das Ge- 

sammenträgt. heimnis des poetischen Schaffens in 

Diese Beispiele beweisen, daß das einem über Dilthey hinausgehenden 

Urerlebnis eine Konstruktion ist, die je Maße erschlossen werden. Das ist das 

nach dem Geschmack und der Kennt- hohe Ziel, das sich Gundolf gesteckt 

nis von Goethes Leben, verschieden hat, er will uns das Wesen des Dich¬ 
ausfällt, die als subjektive Annahme ters, überhaupt des Künstlers an 

unter Umständen das Richtige trifft, Goethe offenbaren. Die großartige Ge- 

aber keine Gewähr in sich trägt, daß dankenarbeit, die er geleistet hat, soll 

sie es tut. Gundolf selbst gibt in einem nicht verkannt werden, aber dieses sein 

Fall (S. 691) zu, daß er nicht wisse, letztes Ziel hat er nicht erreicht, ja 

ob ein Ur- oder Bildungserlebnis vor- er ist ihm nach meinem Empfinden 

liege. Beide sind eben nicht zu tren- nicht einmal näher gekommen. Ob das 

nen. Der Verfasser nimmt einen dop- Erlebnis überhaupt der Schlüssel zu 

pelten Goethe an, einen, dessen Erle- dem Mysterium des Dichters ist, mag 

ben sich unmittelbar in Poesie um- man bezweifeln, wenn das aber der 

setzt, und einen zweiten, der mehr als Fall ist, so wissen wir von ihm noch 

je ein Dichter der Theorie unterwor- nicht den richtigen Gebrauch zu ma- 

fen ist. Für jeden sucht er nach einer chen. Das zeigt sich deutlich bei Gun- 

besonderen Kraftquelle. Aber diese Auf- dolf; ihm gelingt die Deutung der Al- 

fassung übertreibt die Bedingtheit des terswerke besonders gut, weil er sie 

alten, die Unbedingtheit des jungen nicht aus einem einmaligen Erlebnis, 

Goethe. Man muß im Auge behalten, sondern aus allgemeinen Stimmungen 

daß schon dieser Kritiken schreibt und erklärt. Mag sein, daß wir von der 

daß er selbst in den ersten Werken fortschreitenden Psychologie auch eine 


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193 M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 194 


Klärung des künstlerischen Erlebnis zu 
erhoffen haben, einstweilen kann ich 
darin nur eine Idee sehen, die den einen 
fördert, den anderen nicht, und je nach¬ 
dem wird nach dem verständnisvollen 


Wort Goethes dieser sie für richtig, 
jener für falsch halten. Daß Gundolf 
persönlich durch sie gefördert ist, be¬ 
weist das vorliegende bedeutende Buch. 


Die Romantik im lateinischen Amerika. 

Von M. L. Wagner. 


Die Einführung der Romantik in La¬ 
teinisch-Amerika erfolgte auf verschie¬ 
denen Wegen. Direkt aus Frankreich 
verpflanzt wurde sie durch zwei her¬ 
vorragende Amerikaner, die längere 
Zeit dort gelebt hatten, durch den Ar¬ 
gentinier Estöban Echeverrla(1805 
bis 1851), der mit 20 Jahren nach Eu¬ 
ropa gezogen war, fünf Jahre in Paris 
gelebt hatte, dann, 1829, aus Interesse 
an Byron, einen Abstecher nach Eng¬ 
land machte und neben Shakespeare 
und Byron auch Schiller und Goethe 
las, und durch den Brasilianer Domin¬ 
gos Jose Gongalves de Magalhäes (1811 
bis 1882), der 1836 zur Zeit der grö߬ 
ten Blüte der Romantik als Gesandt- 
schaftsattach6 nach Paris kam. Der 
erstere veröffentlichte 1832 nach seiner 
Rückkehr aus Europa ein Gedicht „El¬ 
vira ö la Novia del Plata“, im selben 
Jahre also, in dem zu Paris das erste 
bedeutende Werk der spanischen Ro¬ 
mantik, der „Moro Expösito“ des Du- 
que de Rivas erschien. Echeverrias Ge¬ 
dicht ist eine phantastische Erzählung, 
die ganz unter dem Einflüsse der fran¬ 
zösischen Romantik und der Balladen 
Bürgers steht, keineswegs, wie es der 
Titel vermuten lassen möchte, nationale 
Eigenart aufweist, geringen poetischen 
Wert hat und nur durch das Datum 
ihrer Veröffentlichung Beachtung ver¬ 
dient. Bedeutender sind sein nächstfol¬ 
gender Gedichtband „Consuelos“ (1834), 
der den Weltschmerz und Subjektivis- 

Intematlonale Monatsschrift 


mus Byrons und Lamartines atmet, und 
vor allem die „Rimas“ (1837), die sein 
bekanntestes Gedicht „La Cautiva“ ent¬ 
halten. In der Vorrede zu den „Con¬ 
suelos“ äußert Echeverria seine An¬ 
sichten über die Aufgabe der Dicht¬ 
kunst in Amerika: „Die Dichtkunst hat 
bei uns noch nicht den Einfluß und 
den moralischen Vorrang erlangt, den 
sie im Altertum hatte und den sie heute 
bei den gebildeten europäischen Völ¬ 
kern hat. Wenn sie ihn erlangen will, 
muß sie einen eigenen und originellen 
Charakter bekommen, und muß da¬ 
durch, daß sie die Farben der uns 
umgebenden physischen Natur wider¬ 
spiegelt, zugleich ein lebhaftes Bild 
unserer Sitten und der höchste Aus¬ 
druck unserer vorherrschenden Ideen 
sein, sowie der Gefühle und Leiden¬ 
schaften, die aus dem Widerstreit un¬ 
serer sozialen Interessen entstehen und 
in deren Sphäre sich unsere geistige 
Kultur bewegt. Nur so, wenn sie sich 
von den Fesseln jeden fremden Ein¬ 
flusses befreit, wird unsere Dichtung 
erhaben dastehen wie die Anden, 
fremdartig, schön und abwechslungs¬ 
reich wie die fruchtbare Erde, die sie 
hervorbringt.“ 

Diesem Programm versuchte Eche¬ 
verria in seiner „Cautiva“ zu entspre¬ 
chen. Das Gedicht besteht aus neun 
Teilen und einem Epilog und ist in 
dem volkstümlichen Achtsilber geschrie¬ 
ben, übrigens nach romantischem Brauch 
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M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 


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mit Einschiebseln in anderen Rhythmen. 
Die Hauptfiguren der Dichtung sind 
Brian und seine Frau Maria. Brian ist 
bei einer Überrumpelung eines Dorfes 
durch die Indianer mit anderen Wei¬ 
ßen gefangen worden. Gefesselt liegt 
er, der alte Gegner der Indianer, im 
Lager und sieht dem sicheren Marter¬ 
tode entgegen, während die Indianer, 
von dem Erfolge des Tages und dem 
reichlich genossenen Alkohol berauscht, 
im Schlafe liegen. Seine Frau Maria ist 
dagegen nicht gefesselt worden, da der 
Indianerhäuptling ein Auge auf sie 
geworfen hat und sie lüstern umwirbt. 
Begünstigt von der Dunkelheit und der 
Schlaftrunkenheit der Indianer und von 
unendlicher Liebe zu ihrem Manne er¬ 
mutigt, stößt sie dem schlafenden Häupt¬ 
ling einen Dolch in die Brust, bahnt sich 
auf diese Weise einen Weg zu ihrem 
Mann, entfesselt ihn und macht sich mit 
ihm auf die Flucht. Aber Brian ist durch 
die Schwere seiner Wunden so erschöpft, 
daß er sich nur mit Mühe durch die 
weite öde Pampa vorwärtsschleppt. 
Während sie eben ruhen, sehen sie 
aus der Pampa Rauch aufsteigen, der 
immer dichter wird und näher kommt. 
Die ausgedörrte Pampa ist in Brand 
geraten und die Feuersglut rückt immer 
näher; brüllend und stöhnend fliehen 
die Tiere. Brian bittet sein Weib, ihn 
seinem Schicksal zu überlassen und 
sich selbst zu retten. Doch die helden¬ 
hafte Frau nimmt ihn kurz entschlossen 
auf den Rücken, überschwimmt mit ihm 
den nahen Fluß und bringt so sich und 
Brian in Sicherheit. Doch schon am 
nächsten Tage stirbt Britin an seinen 
Wunden. Maria setzt ihren Weg durch 
die Pampa allein fort und begegnet 
einer Abteilung Soldaten, welche die 
Indianer bald nach der Flucht des Ehe¬ 
paars überfallen und getötet hatten 
und, da sie unter den befreiten Ge¬ 


fangenen Brian nicht vorgefunden ha¬ 
ben, auf der Suche nach diesem ausge¬ 
zogen sind. Von ihnen erfährt Maria, 
daß ihr Sohn von den Indianern getötet 
worden ist, und fällt bei dieser Trauer¬ 
kunde tot zu Boden. 

Leider ist in diesem Gedichte die 
Charakterzeichnung schwächlich und 
allzu sentimental, so daß man beim 
Lesen nie recht warm werden will. Die 
vage Melancholie Chateaubriands ist 
über die Cautiva ausgegossen. Aber 
dafür ist auch hier wieder der be¬ 
schreibende Teil das Beste. Die Größe 
und Weite der Pampa mit ihrer maje¬ 
stätischen Einsamkeit, ihren Tierstim¬ 
men und ihren Sonnenuntergängen ist 
vom Dichter lebendig gefühlt und wie¬ 
dergegeben worden. 

Wie die „Consuelos“ Echeverrias im 
spanischen Südamerika, so haben die 
„Suspiros poeticos e saudades“ von 
Gongalves de Magalhaes, die 
1836 zuerst in Paris erschienen, in der 
brasilianischen Literatur Epoche ge¬ 
macht. Der Dichter wendet sich von 
seinen bisherigen Mustern, den alten 
portugiesischen Dichtem, ab und gibt 
sich nun schwermütigen philosophi¬ 
schen Stimmungen hin, die von La- 
martines Möditations ausgehen. Dem 
Nativismo huldigte er in dem Werke, 
durch das er am berühmtesten gewor¬ 
den ist, dem Epos „A Confedera^äo dos 
Tamoyos“ (Rio de Janeiro 1854). Die 
Helden dieser Dichtung sind die freien 
Indianer in ihrem Kampf gegen die 
Portugiesen, womit zugleich die 
Kämpfe der Brasilianer um ihre Unab¬ 
hängigkeit versinnbildlicht sein sollten. 
Obwohl das Metrum, ungereimte Elf- 
silbcr, auf die Dauer etwas ermüdend 
\virkt und auch nahezu die Prosa streift, 
enthält das Gedicht viele fesselnde 
Schilderungen und ist von amerikani¬ 
schem Geiste erfüllt. 


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M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 


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Das größte Talent des romantischen 
Indianismo in Brasilien ist aber An¬ 
tonio Gongalves Dias (1823—64). 
Auch seine Note ist melancholisch, aber 
wenn bei Magalhäes mehr der philo¬ 
sophische Denker spricht, so ist Dias 
der Dichter des Gefühls, ein großer 
Lyriker, der über die einschmeichelnd¬ 
sten Rhythmen verfügt. Er verkörpert 
wie kein zweiter die nationale Eigen¬ 
art der Brasilianer. „Gongalves Dias“ 
— sagt ein einheimischer Literaturhi¬ 
storiker 1 ) von ihm — „war der Sohn 
eines Portugiesen und einer Mameluca, 
was bedeutet, daß er das Blut der drei 
Rassen in sich hatte, die die Bevölke¬ 
rung Brasiliens bildeten, und er ver¬ 
trat ihre hauptsächlichsten Eigentüm¬ 
lichkeiten. Dem Afrikaner verdankte er 
jene Expansivität, die ihn auszeichnete, 
und jenen fröhlichen Einschlag, der ihn 
niemals verließ und der sich beson¬ 
ders in seinen Briefen offenbart; den 
Indianern seine plötzlichen Anwand¬ 
lungen von Schwermut, die Ergebenheit 
und Passivität, mit der er die Tat¬ 
sachen und Ereignisse auf sich nahm 
und sich ihnen überließ; den Portu¬ 
giesen den gesunden Verstand, die 
Klarheit und Anmut der Ideen, den 
energischen Willen, die phantasievolle 
Auffassung, einen gewissen undefinier¬ 
baren und schwer zu greifenden Idea¬ 
lismus. Man füge zu alle dem die star¬ 
ken Eindrücke von Licht und Farbe, 
Leben und Bewegung, die die tropische 
Natur ihm bot, dazu noch die Ein¬ 
drücke von der See bei Gelegenheit 
seiner ersten Reise nach Portugal; man 
vergesse nicht die Bilder von der Land¬ 
schaft und dem Provinzleben in dem 
alten Königreiche und ebensowenig das 
unbeschreibliche Panorama von Rio de 

1) Sylvio Romero e Joäo Ribeiro, 
Compendio da historia da literatura Brasi- 
leira. 2. Auf]. Rio de Janeiro 1909. S. 202. 


Janeiro und Umgebung, man rechne zu 
diesen verschiedenen Tatsachen und 
Umständen noch die Lektüre der alten 
und neuen Dichter, das Studium der 
Chroniken aus der Kolonialzeit, und 
wenn man alles das zusammennimmt, 
so hat man die Elemente, aus denen 
das künstlerische Talent dieses tüch¬ 
tigen und einschmeichelnden Lyrikers 
sich zusammensetzte und bildete.“ 

Von Argentinien aus verbreitete sich 
die Romantik in Bolivien, Chile und 
Uruguay durch die zahlreichen Flücht¬ 
linge, welche die Tyrannei des Präsi¬ 
denten Rosas aus Buenos Aires vertrieb. 
Insbesondere wurde Montevideo das 
Zentrum der literarischen Tätigkeit. Die 
verbannten Argentinier richteten ihre 
Feder gegen Rosas, und so gibt es eine 
ganze umfangreiche Literatur, die sich 
um die Gestalt dieses der Größe nicht 
ermangelnden, aber skrupellosen und 
grausamen Gewaltmenschen bewegt. In 
Montevideo schrieb Juan Maria Gu- 
tiörrez (1809—78), der drei Monate 
in Rosas Kerkern geschmachtet hatte, 
bevor er in die Verbannung ging, einer 
der hervorragendsten und geschmack¬ 
vollsten Literaten der älteren Zeit in 
Südamerika, der Herausgeber der vor¬ 
züglichen Anthologie „America Poetica“ 
(Valparaiso 1846) und Verfasser des 
Gedichtes „Los Amores del Payador“, 
das Echeverrias „Cautiva“ kaum nach¬ 
steht und denselben Zweck verfolgt, 
einen echt amerikanischen Stoff zu be¬ 
handeln. Später verbrachte Gutiörrez 
einen Teil seiner Verbannungszeit in 
Chile und Peru, arbeitete auch dort 
an zahlreichen Zeitschriften mit und 
trug auch in diesen Ländern zur Ver¬ 
breitung der romantischen Mode bei. 
Als Probe seiner zarten, von der 
Schwermut des Verbannten erfüllten 
Lyrik folge eine Übertragung seines 
schönen Gedichtes „Recuerdo“ mit dem 

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M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 


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wirkungsvollen Schluß, der Anspielung 
auf Rosas. 

Über dem Abgrund des wilden Orkanes 
Düstere Flügel ich hineilen seh, 

Legen gleich schaurigen Kränzen des Todes 
Schneeweißen Schaum auf die pechschwarze 

See. 

Und gedenk’ ich der traulichen Stunden 
Sorgloser Tage, da wird mir’s gar weh, 
Und mit der Sorge des heutigen Tages 
Mischt sich der Schaum und die tosende See. 

Daß ich der ersten, unschuldigen Liebe 
Köstlichen Becher zurückstieß, o weh! 
Leuchtendes Bild, in der traurigen Öde 
Bist mir der Schaum, der erhellet die See. 

Düfte der heimischen Erde zu atmen 
Wähne ich, Veilchen und Rosen und Klee, 
Und jene rätselhaft schneeweiße Blüte, 
Welche da gleichet dem Schaume der See. 

Längs des gewaltigen Stroms im Galoppe 
Eilen den feurigen Braunen ich seh, 

Und seine Brust glänzt in silbernem Schaume, 
Glänzt gleich dem Schaume der wallenden 

See. 

Mutter und Schwestern, die ihr klagt um 

den Fernen, 

Vor eurer Tür ich bald wiederum steh’, 
Denn unseres Vaterlands schnöder Tyranne 
Gleichet dem Schaum, den verschlinget die 

See. 

Im Golf von Biscaya, November 1843. 

Ein anderes Opfer von Rosas war 
Jos6 Märmol (1818—81), der schon 
mit zwanzig Jahren als Verschwörer 
im Gefängnis saß. Als Dichter folgt 
er mehr den spanischen Romantikern 
als den französischen, ahmt vor allem 
Zorrilla nach, und hat in seinem lan¬ 
gen. aber nicht vollendeten Gedicht „El 
Peregrino“ den Versuch gemacht, einen 
südamerikanischen Childe Harold zu 
dichten. Das Gedicht enthält prächtige 
Schilderungen tropischer Sonnenunter¬ 
gänge und Landschaftsbilder. Von einer 
ganz anderen Seite zeigt er sich in sei¬ 
nen politischen Schmähgedichten auf 
Rosas, welche so hinreißend sind und 
von so flammendem Haß erfüllt, daß 


man Menendez y Pelayo zustimmen 
muß, wenn er sagt: „Ich glaube nicht, 
daß je grimmigere Gedichte gegen 
irgendeine Person geschrieben worden 
sind, es wären denn jene antiken Jam¬ 
ben des Archilochos und Hipponax, bei 
deren Lektüre die Leute, auf die ange¬ 
spielt wurde, sich erhängten.“ Rosas 
hatte befohlen, daß seine Gegner, die 
„Unitarios“, sogar in den amtlichen 
Kundgebungen als „Salvajes“ („Wilde“) 
bezeichnet würden; Märmol wendet den 
Spieß gegen Rosas selbst und apostro¬ 
phiert ihn als 

Salvaje de la Pampa, que vomitö el infierno 
Para vengar acaso su maldiciön con 61. 

Es sind Verse von hinreißendem 
Schwung, von männlichem Zorn und 
patriotischer Entrüstung und doch frei 
von kleinlichem persönlichen Rachege¬ 
fühl, Verse, die man nie mehr vergißt, 
wenn man sie einmal gelesen hat: 

Si, Rosas, te maldigo. Jamäs dentro mis 
venas 

La hiel de la venganza mis horas agitö: 
Como hombre, te perdono mi cärcel y cadena; 
Pero como argentino, las de mi patria, no. 

Ja, Rosas, dich verfluch’ ich; nie sollt’ in 
meinem Leben 

Das gall’ge Gift der Rache in meinen Adern 

sein, 

Als Mensch kann ich den Kerker, die Ketten 

dir vergeben; 

Des Vaterlandes Knechtschaft, als Argenti¬ 
nier, — nein! 

Oder: 

Si, Rosas, vilipendia con tu mirar siniestro 
El sol de la victoria que iluminando estä; 
Disfruta del presente, que el porvenir es 

nuestro, 

Y entonces ni tus huesos la America tendrä. 

Du blickst mit scheelen Augen, o Rosas: 

dich verdrießen 

Des Sieges sonn’ge Strahlen, die leuchten 

unserm Land; 

Die Zukunft, die ist unser; du magst das 

Heut genießen, 

Bis einst selbst deine Knochen Amerika ver¬ 
bannt. 


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M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 


202 


Märmol ist außerdem Verfasser eines 
langen an unvergeßlichen Bildern rei¬ 
chen Romanes „Amalia", der sich eben¬ 
falls um Rosas als Hauptfigur dreht 
und seine Gewaltherrschaft bis in die 
kleinsten Züge verfolgt. 

Mit Marmol schließt die erste Periode 
der Romantik in Südamerika ab; die 
Dichter der folgenden Zeit gehören 
zwar auch noch der romantischen Rich¬ 
tung an, aber sie unterstehen oft auch 
noch anderen Einflüssen, zunächst denen 
der späteren französischen Romantik, 
besonders Victor Hugos, sodann italie¬ 
nischen und klassischen. 

So war der kürzlich verstorbene Ne¬ 
stor der argentinischen Dichter Carlos 
Guido y Spano (1829—1918) ein 
Klassizist, übersetzte zuerst griechische 
Dichter und verleugnet auch in seinen 
„Blättern im Winde“ (Hojas al Viento) 
die klassische Beeinflussung nicht, 
wenn auch andererseits in dem starken 
Subjektivismus die moderne romanti¬ 
sche Note mitschwingt. Selbst ein Frei¬ 
heitskämpfer, der auf den Barrikaden 
mitgefochten hat, tritt er auch als Dich¬ 
ter für Freiheit und Gerechtigkeit ein, 
auch wo sein eigenes Land diese Grund¬ 
sätze verletzte, wie damals, als Argen¬ 
tinien sich mit Brasilien verband, um 
das kleine Paraguay zu unterdrücken 
(1865—70). Da dichtete er seine „Nenia“, 
das Klagelied eines paraguayischen 
Mädchens, das Eltern, Brüder und Bräu¬ 
tigam durch den mörderischen Krieg 
verloren hat. Das Lied ruft in der An¬ 
fangs- und in der Schlußstrophe den 
Urutaü, einen einheimischen Vogel, der 
eine melancholisch klagende Stimme 
hat, an, wobei sich Guido y Spano, wie 
es scheint, von einer Stelle in dem 
Epos „A Confedera^äo dos Tamoyos“ 
von Gongalves de Magalhäes beein¬ 
flussen ließ; denn im vierten Gesänge 
dieses Gedichtes wird das Indianer¬ 


mädchen Iguassü, deren Geliebter mit 
seinem Stamm gegen die Portugiesen 
kämpft, durch den klagenden Sang des 
Sabiä, der brasilianischen Nachtigall, zu 
einem Trauerliede angeregt, dessen 
Schlußreim das Echo des Waldes wie¬ 
dergibt. 2 ) Doch handelt es sich nur 
um eine äußere Anregung; in der Form 
und im Inhalt ist Guido y Spanos Ge¬ 
dicht durchaus selbständig und origi¬ 
nell. Der Dichter macht geschickt und 
wirkungsvoll Gebrauch von indiani¬ 
schen Wörtern, wodurch dem Lied, ver¬ 
bunden mit der schwermütigen Weise, 
ein eigenartiger exotischer Reiz anhaf¬ 
tet. Es fand denn auch einen so großen 
Anklang, daß es damals von einem 
Ende Lateinisch-Amerikas zum ande¬ 
ren widerklang. 

Der Dichter, den die Argentinier für 
ihren größten Genius halten, ist Ole- 
gario Victor Andrade (1838—83). 
Er ist ein glühender Verehrer und Nach¬ 
ahmer Victor Hugos, an den er eine 
begeisterte Ode gerichtet hat, er be¬ 
sitzt dessen hochtrabende und wort¬ 
reiche Rhetorik, die tönende Phrase 
und die berauschende Hyperbel; zu¬ 
gleich ist er der Wortträger des ameri¬ 
kanischen Lateinertums, eines Latinis- 
mo, dessen Übertreibungen selbst Ro¬ 
manen wie Menfcndez y Pelayo 3 ) und 
Valera rückhaltlos zugeben müssen. 
Aber niemand wird beim Lesen von 
Andrades besten Gedichten leugnen 
können, daß hier wirklich ein Sänger 
die Harfe schlägt, der vom Gott be¬ 
seelt war, ein Hierophant, wie der spa¬ 
nische Kritiker ihn nennt. Die ganze 
Nation gab ihm zum Grabe das Ge- 


2) Volkmar Hölzer, Argentinische Volks¬ 
dichtung. Beilage zum Jahresbericht 1911/12 
des Gymnasiums und Realgymnasiums zu 
Bielefeld. S. 27. 

3) Über Menöndez y Pelayo siehe Fari- 
nelli Jahrg. 8, Sp. 821 ff. u. 977ff. 

Anm. d. Red. 


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203 


M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 


204 


leite mit Julio Roca, dem Präsidenten 
der Republik, an der Spitze; und dessen 
Worte am Grabe kennzeichnen den 
Dichter so gut, daß ich sie hier anfüh¬ 
ren will: „Alle kennen den Titanen, 
die schöpferische Macht seines Genius, 
die Erhabenheit seiner Konzeptionen, 
den souveränen Pomp seines Stiles. Da 
bleiben seine Verse unsterblich, die er 
än der Mulde der Anden, des Amazonas 
und des Plata ausgoß; aber nicht alle 
kennen den aufrichtigen Patrioten, den 
zärtlichen Vater, den treuen Freund, 
den reinen und schuldlosen Menschen, 
der den gewöhnlichen Lebensbräuchen 
wie ein Fremdling gegenüberstand ... 
Wer hat nicht, wenn er ihn einen 
Augenblick betrachtete, wie er immer 
in Gedanken vertieft war, mit dieser 
Miene unermeßlicher Kontraktion und 
mit diesem Gange eines Nachtwand¬ 
lers, das nämliche gedacht?“ 1 ) 

Das Gedicht „Atläntide“, mit dem An- 
drade 1881 den ersten Preis bei den 
Blumenspielen errang, ist der höchste 
Ausdruck der Begeisterung des Dich¬ 
ters für das Lateinertum. Er entwickelt 
die geschichtliche Rolle der Lateiner; 
Rom, Spanien, Frankreich lösten nach¬ 
einander in der Führung ab und sind 
alle dem Verfall entgegengegangen; nun 
soll die Führerschaft an die jungen 
und unverbrauchten lateinisch-amerika¬ 
nischen Republiken übergehen. So 
schließt sein großes Gedicht: 

Atlantis, Zauberland, 

Das Plato ahnte! Der Menschheit Zukunft 


4) Richard Ludloff, Argentinische Dich¬ 
tungen. Dresden und Leipzig 1910; Bd. I, 
S. 9. Das drei Abteilungen (Bände) um¬ 
fassende Buch von Ludloff enthält metrische 
Übertragungen der bedeutendsten Dichtun¬ 
gen von Andrade mit einer literarischen Ein¬ 
leitung. Die Übersetzung tut aber leider un¬ 
serer Sprache zu sehr Gewalt an, als daß 
sie wirken könnte, und gibt von Andrades 
wuchtigem Formtalent keinen richtigen Be¬ 
griff. 


Umschließt du als ein goldnes Unterpfand! 
Der söhnereichen Rasse, in deren Schoße 

waren 

Erzeugt für die Geschichte 

Des Geistes und des Schwerts Zäsaren, 

Bist du Vorbehalten. Was die alte Welt 
Nicht schaffen konnte auf Europas ödem 

Trümmerfeld, 

Die allerschönste der Visionen: 

Beim Riesenlied, das aus der Steppe gellt. 
Das ew’ge Bündnis der Nationen! 

Neben der Kunstdichtung nach spa¬ 
nischen Mustern blühte in Argentinien 
die mehr volkstümliche Gaucho-Dich¬ 
tung. Sie ist zwar auch keine eigent¬ 
liche Volksdichtung, denn die Verfas¬ 
ser der Gauchodichtungen sind litera¬ 
risch gebildete Männer gewesen, nicht 
etwa Gauchos selbst; aber sie sind in¬ 
mitten des Gauchovolkes aufgewach¬ 
sen und haben dessen Leiden geteilt 
und sind deshalb imstande, den Gaucho 
in ihren Dichtungen mit seinen eige¬ 
nen Worten und Gefühlen sprechen 
und seine naive Seele ausschütten zu 
lassen, in viel höherem Grade, als es 
etwa in den Vereinigten Staaten den 
„Nigger“dichtem Joel Chandler 
Harris und Thomas Nelson Page 
gelang, ihre „coloured gemmen" leben¬ 
dig zu machen. Diese Gattung in ihrem 
Dialektgewande ist eine Besonderheit 
der argentinischen Literatur. Leider las¬ 
sen sich die Dichtungen nicht über¬ 
setzen, da ihr Reiz eben zum größten 
Teil in der sprachlichen Einkleidung 
liegt, die der Übersetzer opfern müßte. 
Zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges 
schrieb Bartolomö Hidalgo seine 
Gauchodialoge, die zu seinen Lebzei¬ 
ten schon in aller Munde waren, aber 
erst nach seinem Tode veröffentlicht 
wurden. In einfacher Form, aber mit 
volkstümlich drastischen Ausdrücken 
besprechen zwei Gauchos, ein älterer, 
Chano, und ein jüngerer, Contreras, die 
politische Lage, und machen ihrem Un- 


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205 M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 206 


Estanislao del Campo (1835 geb.) 


willen über die herrschende Ungerech¬ 
tigkeit Luft. Wenn ein armer Gaucho 
ein paar Sporen stiehlt oder einen 
Landsmann um ein paar Groschen er¬ 
leichtert, kommt er hinter Schloß und 
Riegel. 

Dagegen hat Chano nichts einzu¬ 
wenden; so will es das Gesetz, und es 
ist so ganz in der Ordnung: 

Aqui la ley cumpliö, es cierto, 

Y de esto me alegro yo, 

Quien tal hizo que tal pague. 

Wenn dagegen ein „senorön“ staat¬ 
liches Geld veruntreut, so ist das etwas 
anderes: 

Un descuido que a cualquiera 

Le sucede, si senor. 

Er rechtfertigt sich damit, daß er ein 
„hombre de honor“ ist; und wohin ist 
dann das Geld gekommen? 

i y la mosca? No se sabe, 

El Estado la perdiö. 

Und damit wird der Schuldige freige¬ 
lassen und die ganze Geschichte hat 
ihr Bewenden: 

El preso sale a la calle, 

Y se acaba la junciön. 

Und deshalb sagt Chano: 

i y esto se llama igualdä? 
und er schließt mit dem derben Fluch: 

La perra que me pariö .. . 

In einem anderen Zwiegespräch be¬ 
schreibt Contreras seinem Freunde 
Chano das Nationalfest in der Haupt¬ 
stadt, dem dieser nicht hatte beiwohnen 
können, da er bei einer Rauferei einen 
Messerstich ins Bein bekommen hatte. 
Wiederum besteht hier der Reiz in der 
naiven Ausdrucksweise, mit der der 
Gaucho all die Herrlichkeiten der Stadt 
schildert, den Festzug, den Vortrag der 
Schulkinder, das Feuerwerk, die Thea¬ 
tervorstellung usw. 

Den größten Ruf als Gauchodichter 
erwarben sich jedoch in der Folgezeit 


durch seinen 1866 zuerst erschienenen 
„Fausto“, und Jos6 Hernandez (1834 
bis 1886) durch seinen „Martin Fierro“ 
(1872). Im „Fausto“ begegnen wir zu¬ 
erst, auf einem rötlichen Schecken 
durch die Pampa reitend, dem Gaucho 
Laguna, einem geborenen Reiter. 

An einem Fluß angelangt, steigt er 
vom Pferde, um ihm den Sattel abzu¬ 
nehmen; das Pferd beginnt die Ohren 
zu spitzen und zu schnauben, denn es 
sieht einen Hut und einen Mantel in 
der Feme. Und als es wiehert, kehrt 
sich Laguna um und sieht aus dem 
Flusse einen anderen Gaucho auf einem 
Braunen herausreiten. Er erkennt seinen 
Freund Polio, der sogleich absteigt. 

Beide lassen sich zusammen im Grase 
nieder, rauchen, scherzen und plaudern 
nach Gauchoart. Laguna erzählt, wie 
er nach der Stadt geritten sei, um das 
Geld für abgelieferte Wolle einzuzie¬ 
hen, wie man ihn aber mit Ausflüch¬ 
ten abgefertigt habe. Dies gibt den bei¬ 
den Anlaß, über die schlechten Zeiten 
zu klagen; der letzte Krieg hat die Gel¬ 
der flüchtig gemacht, wie einen Gau¬ 
cho, der etwas auf dem Gewissen hat. 
Doch Laguna könne nicht klagen, meint 
Polio, mit all dem reichen Silberbe¬ 
schlag, den er an seinem Pferde zur 
Schau trage. „Das habe ich alles einem 
Spieler abgenommen“, antwortet La¬ 
guna; „und wißt Ihr, was er sagte, als 
er sich vom Pech verfolgt sah? Der, 
welcher mich so gerupft hat, muß hexen 
können.“ 

„Man möchte meinen, der Teufel und 
ich ...“ „Um Gottes Willen", unter¬ 
bricht ihn Polio, „schweigt, wißt ihr 
denn nicht, daß ich neulich nachts den 
Teufel selbst gesehen habe?“ Laguna 
bekreuzt sich, denn das sind keine 
Dinge, über die man scherzt. Nach 
einem tüchtigen Schluck aus der 


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M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 


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Flasche beginnt Polio sein Abenteuer 
zu erzählen. 

Es war vor vier oder fünf Tagen, 
da sah er vor dem Teatro Colon eine 
Reihe von Wagen und ein großes Ge¬ 
dränge; er kauft sich auch eine Ein¬ 
trittskarte und gelangt durch die Menge 
nicht ohne Fährlichkeiten über eine 
Treppe ohne Ende, endlich nach seinem 
Galerieplatz. Schon geht der Vorhang 
auf und man sieht einen Doktor auf- 
treten namens Fausto. — „Was sagt 
ihr, einen Doktor?“ — unterbricht La- 
guna—ein Oberst ist er, vom jensei¬ 
tigen Ufer des Plata; ich kenne ihn, 
diesen Mordskerl, habe ich doch unter 
ihm gedient.“ 

„Ja, ich kannte ihn auch", antwortet 
Polio, „aber der ist ja schon gestorben; 
lassen wir den, der im Himmel ist. 
Der, von dem ich rede, ist ein anderer 
Fausto, denn es kann gar wohl zwei 
Esel von derselben Farbe geben.“ Und 
nun beginnt Polio, den Inhalt des Gou- 
nodschen Faust zu erzählen, so wie er 
sich ihn zurechtgelegt hat. 

Der Doktor Faust sagte, daß ihm die 
Wissenschaft, die er studiert hat, nichts 
nutzt, denn er liebe eine Blonde, und 
diese Blonde erwidere seine Liebe nicht. 
Und da er all der Qual überdrüssig 
war, wollte er sich vergiften, denn das 
war kein Leben mehr; er fluchte und 
warf die Mütze zur Erde und rief 
schließlich den Teufel zu Hilfe. Hätte 
er ihn doch nie gerufen! Welch ein 
Schrecken, bei Christus! Da erschien 
schon, nach Pech und Schwefel rie¬ 
chend, der Gottseibeiuns. Und wie er 
aussah, der Teufel! Mit Katzenkrallen, 
hager, mit einem langen Degen, einer 
Mütze mit einer Feder, einem Mantel 
und einem Ziegenbart, mit bis zu den 
„Weichen“ heraufreichenden Strümpfen. 
Der Teufel ist Faust zu Willen; er zau¬ 
bert ihm auf Befehl sein Gretchen her. 


„Ach, Don Laguna, hättet ihr sie sehen 
können, wie schön blond sie war! 
Glaubt mir: es schien mir, als ob ich 
ein Madonnenbild aus Wachs sähe. Mit 
blauem Kleide und kurzem Rocke, so 
erschien das Mädchen, mit einem gol¬ 
digen Haar, das der Faser des frisch 
geschnittenen Maiskolbens glich. Weiß 
war sie wie Buttermilch, und himmel¬ 
blau war ihr Rock; Don Laguna, war 
das nicht, wie wenn man die unbe¬ 
fleckte Mutter Gottes sah?“ 

Faust schließt seinen Pakt mit dem 
Teufel. Und in derselben Weise erzählt 
nun Polio Szene auf Szene. Der Reiz 
der Erzählung besteht in der zugleich 
anschaulichen und naiven Auffassung 
des Gaucho, den aus dem Pampaleben 
hergeholten Vergleichen, den urwüchsi¬ 
gen Bekräftigungen und staunenden 
Ausrufen, mit dem die beiden die Er¬ 
zählung begleiten, die sie von Zeit zu 
Zeit unterbrechen, um nach den Pfer¬ 
den zu schauen oder sich durch einen 
Schluck zu stärken. 

Kann man den „Faust“ trotz seiner an¬ 
spruchslosen Form eine vorzügliche 
psychologische Studie der Gauchoseele 
nennen, so gilt dies nicht weniger von 
dem „Martin Fierro“ von Josö Her- 
ndndez; aber während der „Faust“ 
del Campos mehr die kindliche und 
phantastische Seite dieses Seelenlebens 
aufdeckt und durchaus heiter ge¬ 
stimmt ist und heiter stimmt, ist im 
„Martin Fierro“ die wilde, unbändige 
Natur des Gauchos, sein ungestümer 
Freiheitsdrang, sein Haß gegen die im¬ 
mer mehr vordringende, die Pampa er¬ 
obernde Zivilisation und das städti¬ 
sche Leben geschildert, und diese 
Schilderung hat zum Hintergründe die 
weite melancholische Pampa, die auf 
das Gemüt der Bewohner abfärbt. Mar¬ 
tin Fierro ist ein „matrero“, d. h. einer, 
der sich selbst aus der Gesellschaft 
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M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 


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ausschloß, ein Outlaw. Früher fried¬ 
lich mit Weib und Kind auf seinem 
Rancho lebend, war er plötzlich zum 
Militärdienst gegen die Indianer ge¬ 
preßt worden. Seine Familie bleibt im 
Elend zurück; er selbst wird mißhan¬ 
delt und muß Hunger leiden, so daß 
er schließlich desertiert, in die Wild¬ 
nis zieht und als matrero von Raub 
und Diebstahl lebt. Aber nachts flieht, 
ihn unter dem sternbesäten Himmel 
der Schlaf, und seine Gedanken kehren 
immer wieder zu dem Heim und sei¬ 
nen Lieben zurück. Endlich, nach drei 
Jahren wagt er es, die alte Heimstätte 
wieder aufzusuchen. Er findet nur einen 
Trümmerhaufen. Nur eine alte Katze, 
die in einem Viscachaloch haust, 
scheint ihn erkannt zu haben. Seine 
Frau ist verschwunden, sie soll mit 
irgendeinem Individuum weggezogen 
sein; Martin Fierro verzeiht ihr; sie hat 
eben aus Not so handeln müssen, um 
sich und die Kinder zu ernähren, und 
sie und die Kleinen segnend, schließt 
er seine trübsinnigen Betrachtungen. 

Wie sehr es del Campo und Her- 
nandez verstanden hatten, den volks¬ 
tümlichen Ton zu treffen, und wie sehr 
die Argentinier sich in den Hauptge¬ 
stalten der Dichtungen mit ihren Nei¬ 
gungen, Ansichten und Leidenschaften 
wiedererkannten, wie volkstümlich und 
beliebt mit einem Worte der „Fausto“ 
und „Martin Fierro“ waren, beweisen 
am besten die Auflagenziffern, die für 
die damaligen amerikanischen Verhält¬ 
nisse unerhört waren. Von der ersten 
Auflage des „Fausto“ wurden allein 
zwanzigtausend Exemplare verkauft, 
und vom „Martin Fierro“ erschienen 
von 1872 bis 1905 vierzehn Auflagen, 
die etwa achtzigtausend Exemplare um¬ 
fassen. Immer noch werden die beiden 
Gedichte aufgelegt und zahlreiche Nach¬ 
ahmungen sind erschienen. Auch auf 


die Bühne wurde der Gaucho gebracht 
und im Romane wurde er verherrlicht. 5 ) 
Aber del Campos und Hernändez’ Ge¬ 
dichte wurden nicht übertroffen. 

In die übrigen Länder Spanisch- 
Amerikas drang die Romantik zunächst 
in spanischem Gewände. Espronceda, 
Zorrilla, Arolas, Fernando Velarde wa¬ 
ren die Vorbilder. Daneben las man 
dann aber auch die Franzosen, vor 
allem Alfred de Müsset. Auch Byron 
hatte seine Anhänger, wie den Kolum¬ 
bianer Josö Eusebio Caro (1817 bis 
1853), der auch einen „Lara“ geschrie¬ 
ben hat. Caro versuchte sich auch in 
klassischen philosophisch angehauch¬ 
ten Oden nach der Art Quintanas und 
Olmedos und sang in fast religiös an¬ 
mutenden Liedern die Freuden des 
eigenen Herdes. 

In Mexiko sind Fernando Cal- 
derön (1809—45) und Ignacio Ro- 
driguez Galvan (1816—42) die 
Hauptvertreter der älteren Romantik; 
ersterer übersetzte Lamartines Mödita- 
tions und ahmte diesen und Espron¬ 
ceda nach; letzterer schrieb unter an¬ 
derem das Gedicht „La Profecia de 
Guatimoc“, das als das Meisterwerk 
der mexikanischen Romantik gilt. Der 
Dichter ergeht sich in dem Park von 
Chapultepec, und diese Szenerie erin¬ 
nert ihn an Guatemoc, den letzten Kai¬ 
ser der Azteken, den Cort6s, um das 
Versteck der Goldschätze zu erfahren, 
grausam folterte, indem er seine Fu߬ 
sohlen dem Feuer aussetzte. In diese 
Betrachtungen versunken, ruft er aus: 


5) S. über die ältere Gauchodichtung die 
Schrift von Volkmar Hölzer, Argentini¬ 
sche Volksdichtung. Bielefeld 1912 (Beilage 
zum Jahresbericht des Gymnasiums und 
Realgymnasiums zu Bielefeld 1911/12), und 
über die späteren Nachahmungen Alfred 
Coester, The Literary History of Spanish 
America. New York 1916. S. 145ff. 


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M. L. Wagner, Die Romantik im lateinischen Amerika 


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O unsterblicher Mann, o mächtiger König, 

Guatimoc, tapfrer, unglücklicher Recke, 

Ist’s dir gegeben, die Tore des Grabes 
Zu erbrechen, so komm und hör’ meine 

Worte, 

Denn ich will schaun deine kriegerische Stirne 
Und hören deine Stimme ... 

Kaum hat er diese Worte gesprochen, 
als die Erde erzittert und sein Blick 
umnebelt scheint. Eine Leichenhand 
greift nach ihm. Es ist Guatimoc, der 
ihm die Brandnarben an seinen Füßen 
zeigt und in Schmähungen gegen die 
grausamen Eroberer ausbricht. Dann 
prophezeit er die künftigen Schicksale 
Mexikos. 

Der ganze phantastische Apparat der 
Vision, der ähnlich in einem anderen 
Gedichte Rodriguez Galväns wie¬ 
derkehrt, „La Vision de Moctezuma“, 
gehört zum Rüstzeug der Romantik und 
läßt uns heute kalt; aber die Natur¬ 
schilderungen am Eingang des Gedich¬ 
tes können den Vergleich mit Heredias 
„Teocalli von Cholula“ aushalten. 

Ein Landschaftsschilderer ist auch 
Jos6 Joaquin de Pesado (1801 bis 
1861) in seinen besten Gedichten, die 
liebliche, aber wenig Lokalfarbe tra¬ 
gende Bilder aus der subtropischen Ge¬ 
gend von Orizaba und Cördoba ent¬ 
werfen. Sein größtes Werk „Las Azte- 
cas“ gibt sich als eine Übersetzung der 
berühmten Gedichte des aztekischen 
Königs Netzahualcoyotl; es ist aber er¬ 
wiesen, daß Pesado kein Wort Azte- 
kisch kannte und nur nach einigen von 
einem indianischen Freund in Prosa 
wiedergegebenen Bruchstücken arbei¬ 
tete. Dies tut zwar dem poetischen 
Werte der Dichtung keinen Abbruch; 
nur darf man darin keinen aztekischen 
Geist suchen, sondern vielmehr Remi¬ 


niszenzen aus den biblischen Büchern 
und Horaz. 6 ) 

Als Vertreter des Amerikanismus darf 
von den zahlreichen romantischen Dich¬ 
tern Mexikos vor allem Manuel Ma¬ 
ria Flores (1840—85) einen Platz hier 
beanspruchen. Er steht unter dem 
Banne von Müsset und übertrifft noch 
dessen Sinnlichkeit, die bei ihm ins 
.Tropische getaucht ist. Niemand hat 
wie er die wollüstige erschlaffende Tro¬ 
pennatur zu zeichnen gewußt; es liegt 
über seinen Gedichten, denen er den 
zutreffenden Titel „Pasionarias“ gege¬ 
ben hat, etwas von dem schwülen Gift¬ 
hauch der tropischen Pflanzen. 

Auch heute noch gibt es da und dort 
in Amerika Dichter, die mehr oder min¬ 
der im Banne der Romantik stehen, 
Nachzügler und Nachempfindler. 

Aber die neuen aus Europa einge¬ 
führten Strömungen brachten andere 
Moden zur Vorherrschaft. Der Natura¬ 
lismus zwar hatte in Lateinisch-Ame¬ 
rika wenig Anhänger, um so mehr da¬ 
für die Parnassiens und vor allem die 
Symbolisten und Dekadenten. Dann sah 
man aber endlich ein, daß aus Nach¬ 
ahmung allein eine bodenständige 
Kunst nicht entstehen kann. Man ver¬ 
langte nach einer Befreiung von den 
ausländischen Vorbildern und Stoffen, 
nach einer „amerikanischen" Kunst, 
einem literarischen „Amerika den 
Amerikanern“. Die besten Köpfe des 
zeitgenössischen Amerika huldigendem 
„Criollismo" und versuchen, in ihren 
Dichtungen und Romanen die amerika¬ 
nische Psyche zum Ausdruck zu bringen. 

Diese Strömungen sollen in einem 
späteren Aufsatze gewürdigt werden 

6) Menöndez y Pelayo, Antol. Bd. 1, 
S. CXXX1V. 


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213 


Nachrichten und Mitteilungen 


Nachrichten und Mitteilungen. 


Bücherschau. 

Zur Geschichte des Weltkriegs. 

Die Flut der Kriegsliteratur steigt in 
Deutschland immer höher, so daß es kaum 
noch möglich ist, auch nur einen Überblick 
über sie zu gewinnen. Außer dem Staats¬ 
sekretär v. Kühlmann haben fast alle leiten¬ 
den deutschen Politiker zur Feder gegriffen, 
und dem Beispiel Ludendorffs, Falkenhayns 
und Hindenburgs folgen jetzt die deutschen 
Heerführer und Militärs. Der Wert dieser 
Memoiren ist natürlich sehr verschieden. 
Als historische Quellen müssen sie sämt¬ 
lich mit Kritik aufgenommen werden, da sie 
nicht die Ereignisse selbst, sondern bloß den 
Widerschein der Ereignisse in subjektiver 
Färbung geben; manche von ihnen sind 
nichts anderes als Verteidigungsschriften. 
Zudem muß eins immer wieder hervorge¬ 
hoben werden: eine völlige Aufhellung der 
Vorkriegs-und Kriegsgeschichte wird erst 
dann möglich sein, wenn sich auch die 
Gegenseite zu Wort gemeldet hat. Und 
dazu scheint es noch gute Weile zu haben. 

Aus der großen Zahl der einschlägigen 
Veröffentlichungen können hier nur die¬ 
jenigen besprochen werden, die der Schrift¬ 
leitung zur Anzeige eingesandt sind. Hinden¬ 
burgs Autobiographie hat bereits im letzten 
Oktoberheft eine besondere Würdigung er¬ 
fahren. 

Zu den bedeutendsten Erscheinungen ge¬ 
hören unzweifelhaft die Erinnerungen 
von Alfred v. Tirpitz. 1 ) Sie sind so reich¬ 
haltig, schon so bekannt und so umstritten, 
daß eine erschöpfende Behandlung im Raume 
eines Sammelreferates nicht möglich ist und 
hier nur einzelne Punkte herausgegriffen 
werden können. Man merkt es ihnen, ähnlich 
wie Ludendorffs Werk, an, daß sie schnell 
niedergeschrieben sind, der Verfasser selbst 
betont, daß nur die verzweifelte Lage Deutsch¬ 
lands ihn gegen seine persönliche Neigung 
bei Lebzeiten zu der Veröffentlichung ge¬ 
zwungen habe. Was er damit bezweckt, 
spricht er in dem kurzen Vorwort aus: er 
will den Nachweis erbringen, „daß unser 
altes Staatswesen nicht morsch und veraltet 
war, sondern für jede Fortbildung die Fähig- 


1) XII u. 526 S. Leipzig 1919, K. F. Köhler, 
soeben in 2. Aufl. erschienen. 


keit besaß; daß ferner die politische Legende, 
eine rücksichtslose Autokratie und eine 
kriegslüsterne Militärkaste hätten diesen 
Krieg entfesselt, der Wahrheit ins Gesicht 
schlägt.“ Das Leitmotiv seiner Darlegungen 
bildet der Satz: „Unser Unglück ist nicht 
aus der Schaffung von Madit entsprungen, 
sondern aus der Schwäche, die sich auf den 
Gebrauch der Macht nicht verstand, weder 
zur Friedensbewahrung noch zum Frieden¬ 
schließen, sowie aus der Täuschung über 
unsere Gegner, über die Natur ihrer Kriegs¬ 
ziele und Kriegführung und über das Wesen 
des Wirtschaftskriegs.“ Damit ist das Buch 
charakterisiert: es ist zugleich eine Recht- 
fertigungs- und eine Anklageschrift. Tirpitz 
schreibt nicht nur als Marineoffizier, sondern 
fast noch mehr als Politiker. Und in dem 
Werke spiegeln sich die Persönlichkeit, der 
politische Standpunkt und die letzten Ziele 
des Großadmirals wider. 

Tirpitz’ Erinnerungen sind die einzigen 
deutschen Memoiren, die weit in die Vor¬ 
zeit des Krieges zurückgreifen. Über die 
politische Geschichte seit 1896, vor allem 
über die Beziehungen zu England geben 
sie viele wertvolle Aufschlüsse. Im Vor¬ 
dergrund steht natürlich der Flottenbau. 
Er war für den Admiral keineswegs Selbst¬ 
zweck, sondern wie jede Rüstung ein Mittel 
zur Stärkung der wirtschaftlichen und poli¬ 
tischen Stellung Deutschlands. Immer wie¬ 
der weist er darauf hin, daß wir erst durch 
die Schaffung einer leistungsfähigen Schlacht- 
flotte selbst zu einer Weltmacht und für die 
Weltmächte bündnisfähig werden konnten. 
„Eine bündnisfähige Flotte zu schaffen, war 
das Erste; eine entsprechende Bündnispolitik 
sowie Vermeidung aller weltpolitischen An¬ 
stöße vor Erreichung dieses Zieles war das 
Zweite, wonach wir unter den erschwerten 
politischen Umständen des Zeitalters zu stre¬ 
ben hatten.“ Darum trat er seit der Über¬ 
nahme des Reichsmarineamts grundsätzlich 
für die Erhaltung des Friedens ein, bei dem 
wir jährlich gewannen, während ein Krieg 
alles aufs Spiel setzte. Er teilte also die 
Richtlinien der Bülowschen Politik und war 
wie der Kanzler der Ansicht, daß wir bei 
ruhiger, vorsichtiger Haltung die „Gefahren¬ 
zone“ überwinden würden. 1914 sah er sie 
im wesentlichen als durchlaufen an. Der 


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215 Nachrichten und Mitteilungen 


Flottenbau hatte England nicht zu einem 
Präventivkrieg herausgelordert, im Gegen¬ 
teil, gerade die Verstärkung unserer mari¬ 
timen Rüstung hatte die Briten von einem 
Angriff abgehalten. In diesem Zusammen¬ 
hangwird auch der Berliner Besuch Haldanes 
von 1912 eingehend erörtert, wobei der schon 
damals unüberbrückbare Gegensatzzwischen 
Tirpitz und Bethmann-Hollweg unverhüllt 
zum Ausdruck kommt. Selbstverständlich ist 
die Darstellung einseitig, aber ein höchst 
wertvoller Beitrag zur Klärung dieser viel¬ 
umstrittenen, folgenschweren Mission. 

Den Kriegsausbruch hat der Großadmiral 
1914 nicht gewollt, sondern aufs tiefste be¬ 
dauert. Ja, man gewinnt den Eindruck, daß 
er ihn für vermeidbar hielt. „Wäre es ge¬ 
lungen, die Krisis zu beschwören, und hätten 
wir nur noch zwei Jahre zum Wachstum der 
Flotte behalten, so wäre die Friedensliebe 
Englands wohl bis auf den entscheidenden 
Punkt gestiegen.“ Aufs schärfste geißelt er 
die Politik Bethmanns, wogegen er den Ver¬ 
mittlungsversuchen des sonst nicht geschon¬ 
ten Kaisers vollauf gerecht wird. Die Er¬ 
zählung, daß der Kanzler auf eine vor dem 
Krieg gelegentlich gefallene Äußerung Tir¬ 
pitz’, man müsse der Nation Ziele weisen, 
erstaunt gefragt habe: „Was denn für ein 
Ziel?“ kennzeichnet allerdings wie ein 
Schlaglicht das ganze Bethmannsche System. 
Den Kardinalfehler unserer Politik erblickt 
der Admiral in dem Krieg mit Rußland. Ob 
er freilich in den letzten Julitagen durch 
die Entsendung eines Vertrauensmanns an 
den Zaren noch abzuwenden war, erscheint 
doch sehr fraglich. Dagegen ist seine Be¬ 
hauptung, daß der Friede mit dem Zaren 
1916 zu erreichen war, aber durch die Polen¬ 
proklamation vereitelt wurde, durch andere 
Veröffentlichungen gestützt worden. Noch 
ist ja die politische Geschichte des Krieges 
nicht so geklärt, daß über den Gegensatz 
Bethmann-Tirpitzdas letzte Wort gesprochen 
werden kann, aber soweit wir bis jetzt 
sehen können, wird wohl das scharfe Ver¬ 
dikt über die Schwächlichkeit und Unfähig¬ 
keit der Reichsleitung von der Geschichte 
bestätigt werden. 

Von den Problemen des Krieges selbst 
nehmen derUnterseebootkrieg und dieHoch- 
seeflotte den breitesten Raum ein. Auch 
hierzu ist Tirpitz’ Standpunkt ja allgemein 
bekannt. Ein abschließendes Urteil muß dem 
Fachmann überlassen bleiben, vor allem über 
die Frage, ob eine Seeschlacht herbeizu¬ 


216 


führen war und für uns entscheidend wir¬ 
ken konnte. Die Vorgänge und Verhältnisse 
im Großen Hauptquartier bis Ende August 
1915 beleuchten die im Anhang abgedruck¬ 
ten Kriegsbriefe des Admirals. Sie enthüllen 
auch die Tragik in dem persönlichen Ge¬ 
schick des genialen Mannes, der allmählich 
jedes Einflusses auch auf sein eigenes Res¬ 
sort beraubt, seine Schöpfung, die deutsche 
Flotte, zur Untätigkeit und damit zum Ver¬ 
fall verurteilt sah. — 

Ober den U-Bootkrieg und den damit 
zusammenhängenden Eintritt Amerikas in 
den Weltkrieg hat sich inzwischen Beth¬ 
mann-Hollweg vor dem Untersuchungs¬ 
ausschuß geäußert, und seine Ausführungen 
sind als besondere Schrift unter dem Titel 
Friedensangebot und U-Boot-Krieg 
erschienen.*) Scharf durchdacht und klar, 
wie alle Reden des früheren Reichskanzlers, 
decken sie seine Beweggründe zu dem 
Friedensschritt der Mittelmächte vom De¬ 
zember 1916 und zu seiner Einwilligung in 
den U-Bootkrieg auf. Das Verhältnis unseres 
Angebotes zu der von uns gewünschten 
Aktion des Präsidenten Wilson wird so lange 
nicht klargestellt werden können, bis auch 
von amerikanischer Seite alles Material vor¬ 
liegt. Die Verantwortung für den U-Boot¬ 
krieg weist Bethmann der Obersten Heeres¬ 
leitung und der ihr vertrauensvoll folgenden 
Mehrheit des Reichstages — Konservative, 
Nationalliberale und Zentrum — und des 
deutschen Volkes zu. Ob, wie er meint, eine 
parlamentarische Regierung vielleicht stär¬ 
ker als die seinige gewesen wäre, ist eine 
kaum zu beantwortende Frage. Seiner Auf¬ 
fassung, daß der verhängnisvolle Dualismus 
zwischen Regierung und O. H. L. lediglich 
auf die Diktaturansprüche der von weiten 
Volkskreisen getragenen militärischen Stel¬ 
len zurückzuführen sei, wird ein ruhiger 
Beurteiler nicht zustimmen können. Dazu 
ist unterdessen zuviel über die Verhältnisse 
in der Wilhelmstraße bekannt geworden. 
Ebensowenig überzeugen seine Argumente, 
mit denen er sein Verbleiben im Amt nach 
dem 9. Januar 1917 rechtfertigt. — 

Erinnerungen an die Kanzlerschaft des 
Grafen Hertling veröffentlicht dessen Sohn 
Karl Graf von Hertling in dem Buche 
Ein Jahr in der Reichskanzlei. 5 ) Der 
Verfasser war dem Kanzler als persönlicher 


2) 31 S. Berlin 1919, R. Hobbing. 

3) VII u. 192 S. Freiburg i. Br. 1919, Herder. 


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217 


Nachrichten und Mitteilungen 


218 


Adjutant zugeordnet und hat dessen Amts¬ 
führung an nächster Stelle miterlebt. Er will 
mit seinen Zeilen seiner Familie und seinen 
Freunden eine Erinnerung an seinen Vater 
übermitteln, und schon deshalb ist die Schrift 
anders zu beurteilen und zu bewerten als 
die übrigen Memoiren. Die Pietät hat dem 
Grafen die Feder geführt. Aber auch diese 
Apologie vermag die Tatsache nicht zu ver¬ 
schleiern, daß der greise Kanzler den un¬ 
geheuren Schwierigkeiten seines Amtes trotz 
des besten Willens nicht mehr gewachsen 
war. Überraschende Enthüllungen findet der 
Leser hier nicht. Einzelheiten, wie z. B. ein 
dänischer Friedensfühler im Januar 1918, der 
Kronrat vom 13. Februar über die Lage im 
Osten und die Entlassung Kühlmanns, erfah¬ 
ren eine neue Beleuchtung. Wiederholt pole¬ 
misiert Hertling gegen Ludendorffs Erinne¬ 
rungen, wie überhaupt eine scharfe Ani¬ 
mosität gegen den General und auch gegen 
den Fürsten Bülow das ganze Buch durch¬ 
zieht. — 

Neben den innerdeutschen Gegensätzen 
ist jetzt ein mindestens ebenso wunder 
Punkt der deutschen Kriegführung ans Ta¬ 
geslicht gebracht worden, das unerquickliche 
Verhältnis zwischen uns und unseren Ver¬ 
bündeten, zumal Österreich-Ungarn. Dem 
viel nachgesprochenen Wort von der .Ni¬ 
belungentreue“ ist ja schon während des 
Krieges die Ernüchterung bald gefolgt, noch 
vor den Sixtusbriefen Kaiser Karls. Die letz¬ 
ten österreichischen Veröffentlichungen über 
die Entstehung des Weltkrieges sowie das 
Buch des Grafen Czemin haben selbst dem 
Gutgläubigsten die Augen geöffnet, wie 
es von vornherein mit der „Treue“ der 
Wiener Staatslenker gegen den deutschen 
Alliierten bestellt war. Daß es auch zwi¬ 
schen den beiderseitigen Heeresleitungen 
an Reibungen nicht fehlte, war bereits im 
Kriege nicht verborgen geblieben. Indes, 
wie groß sie waren, wie weit man von 
einem wirklichen Zusammenarbeiten ent¬ 
fernt war, das ist erst neuerdings aufge¬ 
deckt worden. Beschämt müssen wir ge¬ 
stehen, daß uns auch in dieser Beziehung 
die Entente seit mindestens 1918 überlegen 
war. Und zweifellos hat auch dieser Um¬ 
stand zu unserem Zusammenbruch beige¬ 
tragen. 

DenAnfangmitdiesenEnthüllungen machte 
ein Österreicher, Karl Friedrich Nowack, 
in seinem aufsehenerregenden, romanhaften 


Buch: Der Weg zur Katastrophe. 4 ) Es 
muß als durchaus unerfreulich bezeichnet 
werden. Nach dem Vorwort steht ihm der 
frühere Chef des österreichisch-ungarischen 
Generalstabes, der Feldmarschall Conrad 
von Hötzendorf, nicht fern. In seinem Arbeits¬ 
zimmer hat sich der Verfasser „dem Stu¬ 
dium der Welttragödie gewidmet,“ er hat 
das Manuskript gelesen. In einem beige¬ 
gebenen Briefe erklärt der Marschall freilich, 
er könne „manchen Deduktionen nicht bei¬ 
pflichten, ebenso auch nicht der stellen¬ 
weisen Schärfe der Kritik, sowie der abfäl¬ 
ligen Beurteilung einzelner Persönlichkei¬ 
ten.“ Eine restlose Klarstellung des Verhält¬ 
nisses Conrads zu diesem Buche wäre drin¬ 
gend erwünscht, nicht zuletzt auch im Inter¬ 
esse des Marschalls. 

Denn es strotzt geradezu von Ausfällen 
und Anklagen gegen die deutsche Heeres¬ 
leitung, zumal d£n General Falkenhayn, 
und singt auf den Feldherrn und Politiker 
Conrad einen förmlichen Hymnus, der auch 
dessen Verehrer nicht anders als unsym¬ 
pathisch berühren kann. Die großen Ver¬ 
dienste Conrads nicht nur um die öster¬ 
reichisch-ungarische Armee, sondern auch 
um die gemeinsame Kriegführung der Mittel¬ 
mächte wird kein Einsichtiger bestreiten 
wollen und können. Zweifellos hat er in 
manchen Punkten, zumal betreffs der Be¬ 
deutung einer großen Offensive gegen Ita¬ 
lien und der Ausdehnung des serbischen 
Feldzuges bis nach Saloniki klarer und rich¬ 
tiger gesehen als die deutsche O. H. L. Si¬ 
cherlich hat diese und besonders Falkenkayn 
im Zusammenarbeiten mit dem K. u. K. 
Armeeoberkommando und in der gesamten 
Behandlung der Österreicher unheilvolle 
Fehler begangen. Aber alle Schuld hier 
suchen und alle Erfolge Conrad zuschreiben, 
heißt die Tatsachen nicht allein verdunkeln, 
sondern einfach entstellen. Ebenso willkür¬ 
lich und unhaltbar ist die Verherrlichung 
des Staatsmanns Conrad, dessen Leistungen 
geradezu als Synthese von Bismarck und 
Moltke bezeichnet werden. Wie Fr. Wiesner 
in der Österreichischen Rundschau bereits 
im Juli 1919 nachgewiesen hat, lief des 
Marschalls ganze Staatskunst auf den 
Krieg hinaus. Bei Ausbruch des Weltkrieges 
rechnete er mit der Bundeshilfe Italiens, 
desselben Italiens, gegen das er 1907 den 
Präventivkrieg bei Kaiser Franz Josef be- 


4) XIV u. 299 S. Berlin 1919, Erich Reiß. 


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219 


Nachrichten und Mitteilungen 


220 


antragt hatte. Es bedarf wohl keiner wei¬ 
teren Belege dafür, daß Nowaks Schrift 
nicht als ernst zu nehmende historische Dar¬ 
stellung anzusprechen ist. 

Angesichts dieses Zerrbildes ist es sehr 
zu begrüßen, daß der Generalleutnant a. D. 
v. Cramon in dem Werk Unser öster¬ 
reichisch-ungarischer Bundesge¬ 
nosse im Weltkrieg 5 ) die Erinnerungen 
aus seiner vierjährigen Tätigkeit als bevoll¬ 
mächtigter deutscher General beim K. u. K. 
A. O. K. veröffentlicht hat. Denn wenn einer 
berufen ist, die militärisch-politischen Be¬ 
ziehungen zwischen den beiden Verbündeten 
zu schildern, so ist er es. Auf Grund seiner 
Vertrauensstellung bei beiden Heereslei¬ 
tungen und den führenden Persönlichkeiten 
war er ein unmittelbarer Zeuge aller wich¬ 
tigen Vorgänge. Aus jeder Zeile spricht der 
preußische Generalstabsoffizier. Aber er strebt 
möglichste Unparteilichkeit an, verschließt 
vor den Fehlern im eigenen Lager die Au¬ 
gen nicht und wird dem Bundesgenossen, 
sowohl in seinen Schwierigkeiten wie in sei¬ 
nen Leistungen, vollauf gerecht. Seine Auf¬ 
zeichnungen bilden eine wahre Fundgrube 
für die militärische und politische Geschichte 
des Krieges. 

Die Reibungen zwischen den Heeres¬ 
leitungen werden hier auf ihre wahren Ur¬ 
sachen zurückgeführt, die verschiedene Aus¬ 
bildung der Heere, das Fehlen eines ge¬ 
meinsamen festen Operationsplanes, das 
geringe Verständnis der Deutschen für die 
österreichisch-ungarische Eigenart, die Eifer¬ 
sucht in Wien und Teschen auf den über¬ 
legenen Verbündeten, das Mißverhältnis 
zwischen den Kräften und Ansprüchen der 
Doppelmonarchie und den persönlichen Ge¬ 
gensatz zwischen Falkenhayn und Conrad. 
Ihren Höhepunkt erreichten sie 1916, als 
Falkenhayn nach Verdun,Conrad nach Asiago 
ging und beide bei Luzk sich trafen. Erst 
nach dieser Erfahrung, also erst im dritten 
Kriegsjahr, wurde der einheitliche Oberbe¬ 
fehl des Deutschen Kaisers geschaffen, wo¬ 
gegen Conrad sich bisher aufs hartnäckigste 
gesträubt hatte. Welchen „Eiertanzes“ es 
bedurfte, seinen Widerstand zu brechen, 
kann man nur mit Trauer lesen. 

Mit der Thronbesteigung Kaiser Karls 
wurde der einheitliche Oberbefehl faktisch 
wieder beseitigt. Von dem letzten Habs- 


5) VII u. 205 S. Berlin 1920. E. S. Mittler 
& Sohn. 


burg-Lothringer zeichnet v. Cramon, bei aller 
Freimütigkeit stets vornehm bleibend, ein 
überaus ungünstiges Bild, wenn er auch für 
vieles die Erziehung und Umgebung des 
Kaisers sowie den unheilvollen Einfluß sei¬ 
ner Gemahlin verantwortlich macht. Gegen¬ 
über dem Deutschen Reich war .seine Bun- 
destreue keine unumstößliche Tatsache, son¬ 
dern eine Bindung auf Zeit und Zweck¬ 
mäßigkeit“. Über den Grad der Deutsch¬ 
freundlichkeit und Verläßlichkeit des Grafen 
Czernin will v. Cramon kein abschließendes 
Urteil fällen, er glaubt aber aus „gewich¬ 
tigen Gründen“ an seine Mitschuld, daß der 
Herrscher dem Frieden auf dunklen Wegen 
nachging. Czernin hatte nach v. Cramons 
Auffassung wohl das Zeug zu einem wirk¬ 
lichen Staatsmann, aber ihm fehlten Tatkraft, 
Zielbewußtsein und die Nerven. All die 
unseligen Ereignisse von 1917 und 1918, den 
Amnestieerlaß, die Gegensätze in der pol¬ 
nischen Frage, sowie bei den Verhandlungen 
von Brest-Litowsk und Bukarest, die habs¬ 
burgischen Friedensbemühungen und die 
Sixtusbriefe hat v. Cramon aus nächster 
Nähe miterlebt und in seinen Memoiren 
schlicht und wahrheitsgemäß verzeichnet. 
Er spricht es nicht offen aus, aber deutet 
es an, daß der Kaiser in dem Entwurf zu dem 
ominösen Schreiben, den er dem deutschen 
General nach den Enthüllungen C16menccaus 
zu lesen gab, den Satz über Elsaß-Lothringen 
nachträglich abgeändert, also gefälscht hat. 
Zum erstenmal erfahren wir hier Authen¬ 
tisches über die „Canossafahrt“ Karls nach 
Spa im Mai 1918. Daß Czernin den Sixtus¬ 
brief gekannt hat, nimmt v. Cramon nicht an. 

In allem Wesentlichen bestätigt werden 
seine Erinnerungen durch das Buch des 
österreichischen Generals Alfred Krauß 
Die Ursachen unserer Niederlage. 6 ) 
Es verwebt persönliche Eindrücke und Er¬ 
lebnisse mit den allgemeinen Erfahrungen 
und Lehren des Weltkrieges zu einer ein¬ 
heitlichen, gehaltvollen und fesselnden, wenn 
auch etwas einseitigen Darstellung. Krauß’ 
Grundthese ist, „daß wir in diesem Kampf 
nur durch unsere eigene Schuld unterlegen 
sind und nicht durch die Macht und Kraft 
unserer Feinde. . . . Die Ursachen der Nie¬ 
derlage sind in der Politik und in der mili¬ 
tärischen Führung sowohl vor dem Kriege 
als auch in der Kriegszeit zu suchen.“ Rück¬ 
haltlos deckt er die Mängel in der Politik, 


6) 326 S. München 1920, J. F. Lehmann. 


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Nachrichten und Mitteilungen 


222 


in den inneren Verhältnissen, den Kriegs¬ 
vorbereitungen und den Operationsplänen 
der Zentralmächte auf. ln der ungenügenden 
Vorbereitung auf den Entscheidungskampf 
und dem Versäumen des richtigen Zeit¬ 
punktes erblickt er den größten politischen 
Fehler, in der Außerachtlassung der Grund¬ 
regel, den Angriff in die Blößen und Schwä¬ 
chen des Feindes zu führen, den entschei¬ 
denden militärischen Fehler. Am schärfsten 
fällt sein Verdikt über die eigene Regierung 
und Heeresleitung aus, jedoch unterwirft 
er, der in der österreichischen Armee als 
„Teutomane“ und „Preuße“ verschrien war, 
auch die deutschen Verhältnisse einer nur 
zu berechtigten Kritik. Von besonderem 
Interesse ist — gegenüber Nowak — sein 
Urteil über Conrad. Er nennt ihn einen ganz 
einseitigen Taktiker, der zwar auch das 
Operative beherrschte, aber keine Neigung 
dafür hatte und darum keine Zeit, sich in 
die Einzelheiten zu vertiefen. Dazu besaß 
er keine Menschenkenntnis und ließ im 
Generalstab die Zügel schleifen. Die Cha¬ 
rakterisierung Kaiser Karls stimmt mit der 
von v. Cramon gegebenen überein. Für die 
Vermutung, daß „Erzherzog Franz Ferdi¬ 
nand wohl Pläne und Absichten hegen 
mochte, die eine unzureichende Erziehung 
des nächsten thronberechtigten Prinzen wün¬ 
schenswert erscheinen ließen“, wird leider 
kein Beleg erbracht. 

Krauß hat den serbischen Feldzug von 
1914 mitgemacht, wurde dann Generalstabs¬ 
chef des Erzherzogs Eugen, führte 1917 ein 
Korps in der Bukowina, beim Durchbruch 
von Flitsch eine Gruppe und erhielt im 
Frühjahr 1918 das Oberkommando über die 
K. u. K. Truppen in der Ukraine. So vermag 
er viel zu erzählen, Erfreuliches, aber wohl 
noch mehr Unerfreuliches. Den Glanzpunkt 
bildet seine Schilderung des Durchbruchs 
der italienischen Front im Herbst 1917, und 
hier erfahren wir manches, was weiteren 
Kreisen bisher völlig unbekannt war. Die 
Offensive war mit dem gesteckten Ziel des 
Tagliamento „unglaublich eng begrenzt,“ es 
fehlte von vornherein an Schwung und auf 
österreichisch-ungarischer Seite an der nöti- 
genVorbereitung. Durch ein rechtzeitiges Ein¬ 
schwenken des linken Angriffsflügels hätte 
die dritte italienische Armee samt dem Ar¬ 
meeoberkommando und dem König von 
Italien gefangen genommen werden können. 
Durch den General Boroevic ist es verhin¬ 
dert worden. Welch kolossalen, vielleicht 


kriegsentscheidenden Erfolg sich die Mittel¬ 
mächte dadurch haben entgehen lassen, 
braucht nicht ausgeführt zu werden. 

Die deutsche Arbeit und Kriegführung 
in der Türkei behandelt General Liman 
von Sanders, Fünf Jahre Türkei. 7 ) Er 
ist im Dezember 1913 als Chef der deut¬ 
schen Militärmission in die türkische Armee 
eingetreten und hat ihr bis zum Waffenstill¬ 
stand im Spätherbst 1918 angehört. Das 
Buch trägt einen durchaus militärischen 
Charakter und kann im einzelnen darum 
nur von einem Fachmann gebührend ge¬ 
würdigt werden. Gut geschrieben ist es 
nicht, sondern großenteils eine Aneinan¬ 
derreihung militärischer Berichte, so daß 
es dem Laien nicht viel bietet. Aber 
zweierlei tritt doch klar hervor. Einmal die 
unerhörten, beispiellosen deutsdien Leistun¬ 
gen an den Dardanellen, wo nur- wenige 
deutsche Truppen mit den Türken die eng¬ 
lisch-französische Übermacht geschlagen ha¬ 
ben, und an der Palästinafront und sodann 
die unendlichen Schwierigkeiten und Wider¬ 
stände, mit denen die deutsche Mission in 
Konstantinopel zu kämpfen hatte. Auch von 
deutscher Seite,von den Militärs der deutschen 
Botschaft, sind Ränke gegen sie gesponnen 
worden, die Liman wiederholt mit Erbitterung 
andeutet, aber sein Hauptwidersacher war 
der türkische Vizegeneralissimus Enver Pa¬ 
scha. Der Krieg an der Front findet sein 
Seitenstück in dem Zweikampf der beiden 
Generale. Unzweifelhaft hat der Türke dem 
Deutschen fortgesetzt Knüppel zwischen die 
Beine geworfen, so daß dieser einmal aus¬ 
ruft: „Niemand kann auf die Dauer nach 
vorn gegen den Feind kämpfen und zu¬ 
gleich Angriffe gegen seinen Rücken ab- 
wehren.“ Aber Liman war auch kein be¬ 
quemer Mitarbeiter und stellt das Persön¬ 
liche allzusehr in den Vordergrund. Sein 
Urteil über Enver ist äußerst hart, wohl zu 
hart. Vor allem vergißt er in ihm den Orien¬ 
talen. Daraus und nicht nur aus dem Ehr¬ 
geiz erklären sich des Paschas abenteuer¬ 
lich-phantastische Pläne auf einen Feldzug 
über den Kaukasus und Persien nach Indien, 
die fraglos die gesamte Kriegführung im 
Orient schwer geschädigt haben. Erwägt 
man die Konflikte zwischen der deutschen, 
österreichisch-ungarischen und bulgarischen 
Heeresleitung, so ist der Gegensatz zwi¬ 
schen preußisch-deutschem und osmanischem 


7) 408 S. Berlin 1920, A. Scherl. 


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Nachrichten und Mitteilungen 


224 


Denken und Wollen nicht einmal so ver¬ 
wunderlich, wenn auch für die gemeinsame 
Sache tief beklagenswert. — 

Das politische Ergebnis des Weltkrieges 
zieht der Schwede Rudolf Kjellön in sei¬ 
nem neuesten Werk Die Großmächte und 
die Weltkrise/) Der erste Teil, „Dasaite 
Großmachtsystem“, beruht mit Kürzungen 
und wenigen Änderungen auf dem rühm- 
lichst bekannten älteren Buch „Die Gro߬ 
mächte der Gegenwart“, der zweite kleinere 
Teil, „Die Weltkrise und das neue System“, 
bringt im Umriß die Fortsetzung von 1913 
bis zur Gegenwart und weist dieselben Vor¬ 
züge wie jenes auf. 

In wohltuendem Gegensatz zu der bei der 
Entente und sonderbarer Weise auch bei uns 
beliebten falschen Auffassung, als sei der 
Krieg nur aus den Vorgängen der letzten 
„schwarzen Woche“ abzuleiten, führt Kjell6n 
ihn auf die drei Hauptstreitigkeiten im 
alten Staatensystem — Frankreich gegen 
Deutschland, Rußland gegen Österreich 
und England gegen Deutschland — und 
auf das unauslöschliche gegenseitige Mi߬ 
trauen zurück, ln einer solchen Lage 
konnte der Funke von Sarajewo die Ent¬ 
zündung hervorrufen. Die Verantwortung 
trifft nach Kjell£n nicht einen einzelnen 
Staat. Sie ist „mehr gemeinschaftlich als 
persönlich, das Ganze weniger Schuld als 
Schicksal.“ Die Hauptphasen des Krieges 
werden knapp und prägnant geschildert. 
Der scharf pointierte Satz, der Anschluß 
Amerikas „an England im entscheidenden 
Wendepunkt des Weltkrieges scheint das 
größte Beispiel in der Weltgeschichte für 
das Übergewicht der Gefühle über die Inter¬ 
essen in der Politik zu sein“ ist freilich sehr 
bestreitbar und erfährt auch an einer spä¬ 
teren Stelle eine Einschränkung. Der Aus¬ 
gang des Krieges bestätigt die Richtigkeit 
von Bernhardis Diagnose: Deutschland hatte 
nur die Wahl zwischen „Weltmacht und 
Untergang“. Deutschland verlor den Krieg 
„durch das Zusammenwirken der feindlichen 
Übermacht, der Schwäche der Verbündeten 
und der eigenen politischen Verblendung“. 


8) IV u. 249 S. Leipzig u. Berlin 1921, 
B. G. Teubner. 


Den Machtfrieden von Versailles und St.Ger- 
main unterzieht Kjellön einer eindringenden 
Kritik, das Endurteil lautet: „er schafft mehr 
Böses, als er bessert.“ 

In dem Abschnitt über das neue System 
werden zunächst die „gefallenen" Gro߬ 
mächte behandelt. Das Verschwinden des 
Habsburgerreiches erscheint ihm als eine 
logische Folgerung von Rußlands Fall, seine 
geschichtliche Aufgabe als Grenzwacht Eu¬ 
ropas im Osten war damit erledigt. Aber 
bei seinem Untergang hat es zugleich 
Europa mit sich gezogen: die bisher euro¬ 
päisch fundierte Weltpolitik wird fortan at¬ 
lantisch. Was aus Deutschland werden wird, 
ist noch dunkel, indes „das größte und ver¬ 
hängnisvollste Rätsel des neuen Staaten¬ 
systems“ ist Rußland. Diebeiden romanisdien 
Großstaaten Frankreich und Italien sind 
keine Mächte ersten Ranges, sie stehen im 
Schatten der angelsächsischen Reiche, Eng¬ 
lands und der Vereinigten Staaten. Auch 
Japans Hoffnungen auf die Schutzherrschaft 
über China sind durch sie bedroht. Den 
eigentlichen Siegersieht Kjell6n in Amerika, 
das die Briten gerade auf den drei Gebie¬ 
ten, die ihren Imperialismus ausmachten, 
in Handel, Schiffahrt und Seemacht, über¬ 
holt hat; er möchte England fast den „Land¬ 
soldaten“ Amerikas nennen. „Theoretisch 
gibt es für das Inselreich nur zwei Auswege: 
die alte Bündnispolitik, nun gegen die Ver¬ 
einigten Staaten gewandt, oder den frei¬ 
willigen Verzicht.“ Im letzten Falle würde 
als Zukunftsbild ein angelsächsisches Welt¬ 
reich auf pananglischer Grundlage erstehen. 
Ob und wieweit diese Perspektiven und 
die Erwartungen, die er zwar nicht an den 
Völkerbund von Versailles, aber an den Ge¬ 
danken des Völkerbundes knüpft, in Er¬ 
füllung gehen werden, wagt Kjellön nicht 
zu sagen. 

Der deutsche Leser hat allen Grund, dem 
Schweden für sein neues Buch dankbar zu 
sein. Auch wer ihm nicht in allem beipflich- 
ten kann, wird reiche Anregung daraus 
schöpfen. Und in einem Punkt stimmen wir 
ihm alle zu: Der Weltkrieg und sein Ende 
hat noch nicht die letzte Entscheidung über 
unsere und Europas Zukunft gebracht. 

Bonn, Oktober 1920. W. Platzhoff. 


Für die Schriftleitung verantwortlich: Professor Dr. Max Cornicelius, Berlin W 30, Luitpoldstrafte 4 

Druck von B. Q. Teubner in Leipzig. 


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227 K. Kerkhof, Die intern, naturw. Organisationen vor und nach dem Weltkriege 228 


Die dritte Gruppe der Arbeitsgemein¬ 
schaften liegt mehr auf literarischem Ge¬ 
biete; sie beschäftigt sich mit der fort¬ 
laufenden, einheitlichen Zusammenstel¬ 
lung und Verbreitung wissenschaftlicher 
Veröffentlichungen und Beobachtungen, 
wie z.B. die Organisationen, denen wir 
den internationalen Katalog der Natur¬ 
wissenschaften, die Jahrestabellen che¬ 
mischer, physikalischer und technologi¬ 
scher Konstanten sowie die Herausgabe 
der graphischen Karten, unter andern 
der Mond- und der Seekarten, verdan¬ 
ken. Hierher gehört auch das interna¬ 
tionale bibliographiche Institut in 
Brüssel. 

Eine vierte Gruppe von solchen Or¬ 
ganisationen ließe sich unter dem Ge¬ 
sichtspunkte zusammenfassen, daß ihre 
Arbeiten unmittelbar den Zwecken des 
Verkehrs, des Handels und der Indu¬ 
strie dienen; dieses gilt von dem inter¬ 
nationalen Zeitdienst, der für die Sicher¬ 
heit der Seeschiffahrt notwendig gewor¬ 
den ist, von der internationalen Meeres¬ 
forschung, deren Bureau sich in Kiel be¬ 
findet, und die für die Seefischerei Be¬ 
deutung gewonnen hat, von der inter¬ 
nationalen elektrotechnischen Kommis¬ 
sion, von der radiotelegraphischen 
Union, die dem internationalen Bureau 
für das Telegraphen wesen in Bern an¬ 
gegliedert ist, sowie von der internatio¬ 
nalen Kälteassoziation. 

Von allen diesen Arbeitsgemeinschaf¬ 
ten sind im allgemeinen diejenigen zu¬ 
erst gegründet worden, deren Probleme 
ihrer Natur nach die internationale Ver¬ 
einigung der Fachgelehrten notwendig 
machten; erst später sind solche Or¬ 
ganisationen hinzugetreten, bei denen 
in höherem Grade mehr Zweckmä¬ 
ßigkeitsgründe, wie Vermeidung von 
Doppelarbeiten, Ersparnisse an Zeit 
und Geld, maßgebend gewesen sind. 
In gewissem Gegensätze zu diesen 


Organisationen, die sich mit bestimmten 
Problemen befassen, könnte man 
schließlich noch als fünfte Gruppe die 
Gesamtheit der internationalen Kon¬ 
gresse anführen, die dem Bedürfnisseent¬ 
sprungen sind, die Fachgelehrten der 
verschiedenen Länder zum mündlichen 
Austausch ihrer Ansichten zusammen¬ 
zuführen, um besonders durch die da¬ 
mit verbundene Anknüpfung persön¬ 
licher Beziehungen die wissenschaft¬ 
lichen Arbeiten zu fördern. Von den 
mehr allgemeineren Kongressen, der 
Mathematiker, der Chemiker usw., haben 
sich wieder besondere Kongresse für 
die einzelnen Spezialwissenschaften.wie 
der Kältekongreß oder der Kongreß für 
Radiologie, abgezweigt; auch die Zahl 
der von den einzelnen Kongressen ein¬ 
gesetzten Kommissionen, wie z. B. die 
mathematische Unterrichtskommission, 
hat sich immer weiter vermehrt, so daß 
um zwischen allen diesen internationa¬ 
len Arbeitsgemeinschaften zu vermitteln, 
ein besonderer Zweckverband, die inter¬ 
nationale Vereinigung der Akademien 
der Wissenschaften, ins Leben gerufen 
werden mußte. 

Der innere Aufbau der Arbeitsgemein¬ 
schaften ist der denkbar verschiedenste, 
weil er im allgemeinen den verschiede¬ 
nen Zwecken und Bedingungen jeder 
einzelnen möglichst angepaßt worden 
ist; besonders ist stets Bedacht darauf 
gelegt worden, die Elastizität zu wahren 
und der wissenschaftlichen Betätigung 
der einzelnen Gelehrten keinen unnöti¬ 
gen Zwang anzutun; auch hat man sich 
jeweils auf die zweckmäßigste Art der 
Mitwirkung der wissenschaftlichen Kör¬ 
perschaften und der staatlichen Behör¬ 
den versichert. So haben wir bei den in¬ 
ternationalen Organisationen solche, die 
mehr den Charakter privater Vereinigun¬ 
gen besitzen, wie die Atomgewichtskom¬ 
mission; handelt es sich um ein umfang- 


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229 K.Kerkhof, Die intern, naturw. Organisationen vor und nach dem Weltkriege 230 


reicheres Arbeitsgebiet, so haben sich 
die Fachgelehrten auch wohl unter Mit¬ 
wirkung wissenschaftlicher Körper¬ 
schaften zusammengeschlossen, wie bei 
der internationalen Union der Sonnen¬ 
forschungen ; in wieder anderen Fällen 
ergab sich die Notwendigkeit, eine um¬ 
fangreiche, bureaukratisch verwaltete 
Organisation zu schaffen, die in allen 
Kulturländern ständige Institute unter 
staatlicher Verwaltung errichtet hat, wie 
z. B. für den von der Royal Society in 
London herausgegebenen internationa¬ 
len Katalog der Naturwissenschaften, an 
dem 34 Regionalbureaus, von welchen 
jedes selbst wieder für die 17 Fachabtei¬ 
lungen eine mehr oder minder große 
Anzahl von Spezialgelehrten hat, mit- 
arbeiten. 

2 . 

In diese Verhältnisse hat nun der 
Krieg eängegriffen, und zwar hat er nicht 
nur während seiner Dauer die Tätigkeit 
der internationalen Arbeitsgemeinschaf¬ 
ten gestört oder gelähmt, sondern auch 
Wünsche und Bestrebungen gezeitigt, 
die den reinen Gedanken der Internatio¬ 
nalität gefährden und den Bestand der 
alten Organisationen bedrohen. Ihren 
vornehmsten Ausdruck haben diese Be¬ 
strebungen in den durch die von den 
Ententeländern in Paris und London ge¬ 
gründeten Unionen gefunden, Vereini¬ 
gungen, welche die früheren internatio¬ 
nalen Organisationen ersetzen und die 
gleichen Ziele verfolgen wollen — aber 
unter Ausschluß der Zentral¬ 
mächte. DieStatuten dieser Organisa¬ 
tionen sind im Juli 1919 in Brüssel, dem 
Sitz des allgemeinen internationalen 
Forschungsrates (research council) end¬ 
gültig beschlossen und hierbei ist, als 
„billiges und notwendigesGrundprinzip“, 
wie es heißt, festgelegt worden, diese 
„Friedensorganisation“ lediglich unter 


den alliierten und assoziierten Nationen 
unter späterer Hinzuziehung der neutra¬ 
len Länder einzurichten. Dem interna¬ 
tionalen Forschungsrate, dem mehr oder 
weniger selbständige internationale For¬ 
schungsräte für die Einzelwissenschaf¬ 
ten angegliedert sind, unterstehen die 
entsprechenden allgemeinen und beson¬ 
deren Forschungsräte der einzelnen Län¬ 
der, denen es unbenommen ist, für die 
Bewältigung der Spezialaufgaben wei¬ 
tere Kommissionen einzusetzen, die 
dann auch in großer Zahl ins Leben ge¬ 
treten sind; so besteht beispielsweise 
schon die astronomische Union aus 32 
Hauptkommissionen, und in Amerika 
allein übersteigt die Gesamtzahl der ge¬ 
wählten Kommissionen jetzt bereits 150. 
Dieser breitangelegten, reglementarisch 
straff durchgeführten Organisation, in 
die die allgemeinen Forschungsräte bis 
zu den Spezialkommissionen der einzel¬ 
nen Länder sorgsam eingegliedert sind, 
steht ein entsprechend großes Bureau- 
und Beamtenpersonal zur Seite. 

Die Nachteile, die sich gegenüber den 
früheren Organisationen aus dieser Re¬ 
glementierung für die wissenschaftliche 
Forschung ergeben — von den Kosten 
des Verwaltungsapparates ganz abge¬ 
sehen —, sind offensichtlich. Aber selbst 
die einheitliche Bearbeitung eines be¬ 
stimmten wissenschaftlichen Problems, 
welche vorzugsweise durch diese Orga¬ 
nisationerreichtwerden soll, wird gerade 
durch die reglementarische Behandlung 
in Frage gestellt. Denn diese setzt immer 
einen hohen Grad von Disziplin voraus, 
wie er im internationalen Verkehr, be¬ 
sonders bei den wissenschaftlichen For¬ 
schungen, nicht durchzuführen ist, wo¬ 
für ja die Organisation des internationa¬ 
len Katalogs der Naturwissenschaften 
ein gutes Schulbeispiel gibt. Aber frei¬ 
lich lag auch das Gründungsmotiv der 
Unionen ausgesprochenermaßen mehr 

8 * 


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231 K. Kerkhof, Die intern, naturw. Organisationen vor und nach dem Weltkriege 232 


auf politischem als auf wissenschaft¬ 
lichem Gebiet: Die straffe, reglementari¬ 
sche Organisation war notwendig, um 
die wissenschaftliche Blockade 
Deutschlands wirksam durchführen 
zu können. 

Als Grund für die Ausschließung 
Deutschlands von allen wissenschaft¬ 
lichen Arbeitsgemeinschaften ist nun 
hauptsächlich von französischer Seite 
angegeben worden, daß die bisherigen 
internationalen Organisationen nur als 
Sprungbrett für den Germanismus ge¬ 
dient hätten; es sei deshalb notwendig, 
„sich gegen die steigende Flut der un¬ 
verhüllten Ambitionen der intellektuel¬ 
len Oligarchie der Zentralmächte zu ver¬ 
bünden“. Was für Auswüchse das Be¬ 
dürfnis, die Bestrebungen der angeb¬ 
lichen „pangermanistischen“ Herr¬ 
schaftsgelüste zu belegen, gezeitigt hat, 
dafür möge die Untersuchung des fran¬ 
zösischen Historikers Pariset — die 
allerdings schon 1916, also noch mitten 
im Krieg, verfaßt wurde — ein Beispiel 
abgeben: Nach Pariset hat der Pan- 
germanismus selbst auf das metrische 
System seine Hand gelegt, was er darin 
zu erkennen glaubt, daß die Prototype 
des Kilogrammes und des Meters die 
gotischen Buchstaben fi und #il als 
Bezeichnung tragen. Der Umstand, daß 
den Franzosen ihr Recht, das metrische 
System als ihr geistiges Eigentum anzu¬ 
sehen, in keiner Weise abgestritten wird, 
die Tatsache, daß gerade von deutscher 
Seite die Verdienste der Franzosen um 
die Verbreitung des metrischen Systems 
besonders anerkannt worden sind, spielt 
für Pariset keine Rolle. 1 ) 

1) Gegenüber dem chauvinistischen Ver¬ 
halten von einigen französischen Gelehrten¬ 
kreisen ist es jetzt von besonderem Inter¬ 
esse, daß Bismarck, wie Wilhelm Ost¬ 
wald in der Chemiker-Zeitung 43, Nr. 137 
mitteilt, nach dem Kriege 1870 71 bestrebt 
war, die wissenschaftlichen Beziehungen 


Auf alle diese Auslassungen — hier¬ 
her gehören auch die Behauptungen 
über die angebliche moralische Verwor¬ 
fenheit der Deutschen — erübrigt sich 
wohl, einzugehen. Zweifellos haben aber 
auch bei dem Ziel, durch gemeinsame 
Einrichtungen die deutsche Wissen¬ 
schaft auszuschalten, sehr nüchterne 
wirtschaftliche Interessen erheblicher 
Art mitgesprochen. Dafür spricht der 
Umstand, daß zuerst die chemischen Ge¬ 
sellschaften sich gefunden und im „In¬ 
teresse der Freiheit, des Rechtes und der 
Gerechtigkeit“ geglaubt haben, sich ge¬ 
gen Deutschland zusammenschließen zu 
müssen. Auch der Beschluß auf der 
letzten, dritten Tagung der chemischen 
Union im Juli 1920 in Rom, ein inter¬ 
nationales Patentamt — natürlich unter 
Ausschluß Deutschlands — einzurich¬ 
ten, dürfte schwerlich nur als eine Ma߬ 
regel gegen die „bedrohte Freiheit der 
Wissenschaft“ aufzufassen sein. 

Die feindselige Tätigkeit der Unio¬ 
nen gegen das wissenschaftliche 
Deutschland hat zunächst damit begon¬ 
nen, die deutschen Gelehrten als Mit¬ 
glieder und vollends als Präsidenten, 
ohne Rücksicht auf die Person, aus den 
internationalen Kommissionen zu strei¬ 
chen und ihre Teilnahme an den Kon¬ 
gressen unter den verschiedenartigsten 
Vorwänden zu verhindern. Die in 
Deutschland liegenden internationalen 
Zentralbureaus, von denen einige schon 
über 50 Jahre bestehen, konnten natür¬ 
lich im Rahmen der Unionen keinen 
Plalz mehr finden; für diese haben Neu¬ 
gründungen stattgefunden. Man hat sich 


zu Frankreich wiederherzustellen, indem er 
die durch den Krieg unterbrochene Bildung 
des internationalen Bureaus für Maß und 
Gewichte tatkräftig förderte und dafür Sorge 
trug, daß es nach Paris verlegt wurde. 
Siehe hierüber auch Wilhelm Foerster, 
Lebenserinnerungen und Lebenshoffnungen, 
Berlin 1911, G. Reimer. 


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233 K. Kerkhof, Die intern, naturw. Organisationen vor und nach dem Weltkriege 234 


nicht einmal gescheut, solche gegen 
deutsches Recht gerichtete Maßnahmen 
auch auf neutralem Boden durchzufüh¬ 
ren; so ist das Vermögen nebst dem Kon¬ 
greßhaus der internationalen statistischen 
Kommission im Haag, der auch die deut¬ 
schen statistischen Ämter angehören, 
von der durch die Union neu begründe¬ 
ten internationalen statistischen Kom¬ 
mission, ohne Rücksicht auf die deut¬ 
schen Eigentumsrechte, mit Beschlag be¬ 
legt worden. Wo sich die internationalen 
Arbeitsgemeinschaften ohne Deutsch¬ 
land nicht durchführen ließen, hat 
man vorgezogen, sie ganz aufzulösen, 
wie z. B. den internationalen Zeitdienst, 
an dessen Stelle die einzelnen Landes¬ 
organisationen getreten sind. 

Besonders aber gilt der Kampf 
den in Deutschland erscheinenden 
naturwissenschaftlichen Zeitschriften, 
die, wie es heißt, „allmählich die 
ganze wissenschaftliche Produktion 
der Welt durch Heranziehung und 
Mitarbeit aller Länder monopoli¬ 
siert haben“ und deshalb nach Möglich¬ 
keit durch neue ersetzt werden sollen. 
Selbst die „Astronomischen Nachrich¬ 
ten“, die bisher den Internationalismus 
der Wissenschaft auch äußerlich da¬ 
durch kundgaben, daß sie die Original¬ 
abhandlungen in der Sprache der be¬ 
treffenden Verfasser aufnahmen, stehen 
auf der schwarzen Liste. Um die deut¬ 
schen naturwissenschaftlichen Refera- 
tenorgane, welche eine internationale Be¬ 
deutung gewonnen haben, zu unter¬ 
drücken, bedurfte es einer besonderen 
„Union de Bibliographie“, welche jetzt 
mit sehr erheblichen Mitteln — allein 
Amerika hat hierfür 14 Millionen Dollar 
aufgebracht — neue Referatenorgane in 
englischer und französischer Sprache 
ins Leben ruft. 

Es hat nicht an Kundgebungen so¬ 
wohl ganzer Körperschaften als auch 


einzelner Gelehrten des Auslandes ge¬ 
fehlt, die gegen den Ausschluß Deutsch¬ 
lands von den internationalen Arbeits¬ 
gemeinschaften Einspruch erhoben ha¬ 
ben; unter anderem sei hier an den Auf¬ 
ruf der 110 spanischen Gelehrten erin¬ 
nert, die bald nach der Begründung der 
Unionen die sofortige Wiederherstel¬ 
lung der wissenschaftlichen Beziehun¬ 
gen zu Deutschland, das so glänzend 
zum Fortschritt der Wissenschaft beige¬ 
tragen habe, forderten und die Erwar¬ 
tung ausgesprochen haben, daß „alle 
Männer der Wissenschaft über den von 
der Politik geschaffenen Haß den inter¬ 
nationalen Geist der Wissenschaft 
setzen möchten“. Es haben dann noch 
später Gelehrte aller neutralen Länder 
in einem gemeinsamen Aufruf an die 
Gelehrten der Ententeländer und der 
Vereinigten Staaten von Nordamerika 
Einspruch gegen die Begründung von 
internationalen Organisationen, von de¬ 
nen Deutschland ausgeschlossen bleiben 
soll, erhoben. Besonders dankbar muß 
aber anerkannt werden, daß eine große 
Anzahl einzelner Gelehrten des gesam¬ 
ten Auslandes den Mut fand, auch 
durch die Tat für die Interessen der 
deutschen Wissenschaft einzutreten. 

Aber alle diese Proteste sind wir¬ 
kungslos geblieben. Die Unionen, deren 
Einfluß und Machtstellung sich weit 
über die Grenzen der eigenen Länder 
erstrecken, haben es erreicht, daß der 
Ring der Blockade, wenigstens äußer¬ 
lich betrachtet, sich um das wissen¬ 
schaftliche Deutschland geschlossen hat. 
Auch die neutralen Körperschaften 
sind den Unionen beigetreten, freilich die 
meisten nicht ohne Einspruch zu erhe¬ 
ben gegen das Reglement, welches ihnen 
den wissenschaftlichen Verkehr mit 
Deutschland untersagt. Sie sind jedoch 
zur Ohnmacht verurteilt; das gilt auch 
für diejenigen Körperschaften, welche 


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235 K. Kerkhof, Die intern, naturw. Organisationen vor und nach dem Weltkriege 236 


sich in die Unionen haben aufnehmen 
lassen, um so besser für die Interessen 
der deutschen Wissenschaft eintreten zu 
können. Dafür sorgt die auffallende Be¬ 
stimmung, daß die Zahl der Delegier¬ 
ten in den Unionen sich nach der Ein¬ 
wohnerzahl des Landes richtet, alsoz.B. 
der Einfluß einer englischen Kolonie 
immer größer sein muß als der irgend¬ 
eines europäischen neutralen Staates, 
obwohl dessen größere Bedeutung für 
die Wissenschaft wohl ohne allen Zwei¬ 
fel ist. > i 

3. 

Aber trotzdem wird dank der Haltung 
vieler Gelehrten, besonders der neutra¬ 
len Lander, die geplante Blockade nicht 
effektiv werden, am wenigsten für sol¬ 
che wissenschaftliche Gebiete, auf de¬ 
nen wirtschaftliche Fragen ausscheiden, 
und wo die internationale Gemein¬ 
schaftsarbeit die notwendige Voraus¬ 
setzung für die vollständige Erfassung 
der Aufgaben bildet; dies gilt ganz be¬ 
sonders auf den Gebieten der ersten 
Gruppe, wie z. B. der astronomischen 
und geophysikalischen Wissenschaften, 
was hier an einigen Beispielen noch nä¬ 
her geschildert werden soll. Schon wäh¬ 
rend des Krieges ist es dem Direktor 
der Kopenhagener Sternwarte, Professor 
Strömgreen, der sich um die Förde¬ 
rung der internationalen Gemeinschafts¬ 
arbeiten außerordentliche Verdiensteer¬ 
worben hat, gelungen, durch chiffrierte 
Telegramme, welche durch alle kriegfüh¬ 
renden Mächte befördert wurden, den 
astronomischen Nachrichtendienst, des¬ 
sen Zentralbureau sich in Kiel befindet, 
ohne Unterbrechung durchzuführen, und 
dieser Dienst wird jetzt trotz des ent¬ 
gegenstehenden Reglements (§ 6 der 
Astronomischen Union) von den der 
Union angehörenden neutralen Staa¬ 
ten fortgesetzt. Ähnlich liegen die Ver¬ 


hältnisse auf dem geodätischen Gebiet; 
auch hier vermochten bisher die Unio¬ 
nen nicht ganz die alte Friedensorgani¬ 
sation zu unterdrücken, so daß jetzt 2 
Organisationen gleicher Art nebeneinan¬ 
der bestehen: die neugegründete Union 
G6od6sique et G6ophysique und die As¬ 
sociation geodösique röduite entre Etats 
neutres, der Dänemark, Holland, Nor¬ 
wegen, Schweden, Schweiz und Spanien 
angehören. Diese letztere Assoziation, 
deren Präsident der auch in anderen in¬ 
ternationalen Organisationen besonders 
verdiente Direktor der Genfer Stern¬ 
warte, Professor Gautier ist, ist die 
provisorische Nachfolgerin der über 50 
Jahre alten, internationalen geodätischen 
Assoziation, deren Vertrag mit dem 
31. Dezember 1916 abgelaufen war und 
infolge des Krieges nur von den neu¬ 
tralen Staaten wieder erneuert werden 
konnte. Auch die Beobachtungen dieser 
neutralen Assoziation, der sich noch die 
japanische Station Mizusawa ange¬ 
schlossen hat, sind seit 1916 mit Zu¬ 
stimmung des preußischen Kultusmini¬ 
steriums von dem geodätischen Institut 
in Potsdam weiter bearbeitet und bis auf 
den heutigen Tag durchgeführt worden. 
In diesem Zusammenhänge sei noch er¬ 
wähnt, daß aus dem früheren feindli¬ 
chen Auslande besonders amerikanische, 
englische und italienische Astronomen 
für die Fortsetzung der Arbeiten durch 
die in Deutschland liegenden Zentral¬ 
bureaus sich eingesetzt haben. 

Die Schwierigkeiten und Unzuträg¬ 
lichkeiten, die sich durch die Ausschlie¬ 
ßung deutscher Gelehrten aus den inter¬ 
nationalen Arbeitsgemeinschaften erge¬ 
ben, machen sich auch auf den Gebieten, 
die den anderen oben bezeichneten 
Gruppen angehören, bemerkbar, und das 
kann nicht überraschen, wenn man be¬ 
denkt, wie sehr gerade Deutschland auf 
dem Gebiete der Naturwissenschaften 


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237 K. Kerkhof, Die intern, naturw. Organisationen vor und nach dem Weltkriege 238 


hervorgetreten ist, sowohl nach der Be¬ 
deutung der Einzelleistungen wie nach 
der Größe der Gesamtproduktion. Es sei 
hier hingewiesen auf die verhältnismä¬ 
ßig große Zahl der deutschen Nobel¬ 
preisträger, die auf einzelnen Gebieten 
über 50 % ausmacht, und auf den An¬ 
teil, den die deutsche Literatur an dem 
internationalen Katalog der Naturwis¬ 
senschaften gehabt hat. 2 ) Von den 
1854514 Zetteln, die dem Zentralbureau 
des internationalen Katalogs in dem 
Zeitraum 1901—1911 zugegangen sind, 
waren allein 829054 deutsche, wobei frei¬ 
lich zu berücksichtigen ist, daß gerade 
auf naturwissenschaftlichem Gebiete die 
Gelehrten des Auslandes mit Vorliebe in 
deutschen Zeitschriften veröffentlicht 
haben. Es scheint nun, daß man bei den 
jetzt aufgenommenen Kommissionsar¬ 
beiten der Unionen nicht nur die wissen¬ 
schaftlichen Ergebnisse, sondern auch 
die Mitarbeit der deutschen Gelehrten 
nicht ganz entbehren kann; das bewei¬ 
sen die Bemühungen, durch Vermittlung 
neutraler Gelehrten deutsche Mitarbei¬ 
ter zu gewinnen — selbst solche, welche 
man erst vor Jahresfrist aus der Mit¬ 
gliederliste der betreffenden internatio¬ 
nalen Kommissionen gestrichen hatte. 
Auch der internationale Katalog der Na¬ 
turwissenschaften befindet sich jetzt in 
einer so außerordentlich kritischen Lage, 
daß man seine Weiterführung ohne 
Deutschlands Beteiligung wohl als frag¬ 
lich ansehen darf. Demgegenüber mag 
als Beispiel unentwegter Deutschfeind¬ 
lichkeit das Verhalten der belgischen 
geologischen Gesellschaft hier Erwäh- 


2) Nach Ducrot, Revue scientifique be¬ 
trug die wissenschaftliche Bücherproduktion: 



1917 

1918 

in Frankreich. 

5054 

4487 

„ England. 

8131 

7716 

„ Italien. 

8349 

5902 

„ Vereinigte Staaten . 

10080 

9237 

„ Deutschland . . . . 

14917 

14713 


nung finden, die in ihren Publikationen 
alle deutschen Arbeiten ignoriert wis¬ 
sen will. 

Im übrigen aber regt sich selbst in 
den den Unionen zugehörigen Kreisen 
mehr und mehr der Wunsch, Deutsch¬ 
land wieder zur internationalen Gemein¬ 
schaftsarbeit heranzuziehen. So geht 
schon aus der Oktober 1919 erschiene¬ 
nen Antwort auf den oben erwähnten 
Aufruf der Neutralen, welche gegen die 
Ausschließung Deutschlands protestier¬ 
ten, deutlich hervor, daß die grund¬ 
sätzliche Ablehnung, mit Deutschen zu¬ 
sammenzuarbeiten, seitens der gegne¬ 
rischen Gelehrtenkreise nicht mehr auf¬ 
rechterhalten wird; in dieser Antwort 
hieß es unter anderem: „In der Haupt¬ 
sache ist die Sache für uns entschie¬ 
den durch den Artikel 282 des Friedens¬ 
vertrages, welchen Deutschland ratifi¬ 
ziert hat... Daß dieser Artikel in der 
Absicht diktiert ist, Verträge wissen¬ 
schaftlicher Art zu schützen, ersieht man 
aus der Liste, welche die .Meterkonven- 
tion* und das .landwirtschaftliche Insti¬ 
tut in Rom* enthält“. Hiermit machen 
sich also die den Unionen angehörenden 
gelehrten Körperschaften die Bestim¬ 
mung des Versailler Vertrages, wonach 
die beiden genannten internationalen Or¬ 
ganisationen bestehen bleiben sollen, 
ausdrücklich zu eigen, und das hat 
eine um so größere Bedeutung, als diese 
von den Diplomaten 3 ) durchgesetzte Be¬ 
stimmung in den französischen Gelehr¬ 
tenkreisen, und wohl auch darüber hin¬ 
aus, vorher die entschiedenste Mißbil¬ 
ligung erfahren hatte. Dazu kommt nun 
und ist in diesem Zusammenhänge von 
besonderem Interesse, daß in den ameri¬ 
kanischen „research oouncils“ eine Er- 

3) Auf der Völkerbundstagung in Genf 
sollte das Maß- und Gewichtssystem (Punkt 14 
der Tagesordnung) zur Verhandlung kom¬ 
men, ist aber nachträglich von der Tages¬ 
ordnung abgesetzt worden. 



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s-TJ 


239 K. Kerkhof, Die intern, naturw. Organisationen vor und nach dem Weltkriege 240 


Weiterung des Arbeitsgebietes der Me- 
terkonvention auf andere physikalische 
Einheiten und Größenbestimmungen be¬ 
antragt worden ist; ein Antrag, mit 
dessen Verwirklichung ein Zusammen¬ 
arbeiten mit deutschen Gelehrten auf 
viel breiterer Grundlage gewährleistet 
wäre, als es durch die Meterkonvention 
bis jetzt vorgesehen ist. 

In vereinzelten Fällen haben sich end¬ 
lich offizielle Stellen des früher feind¬ 
lichen Auslandes bemüht, deutsche Ge¬ 
lehrte zu den internationalen Kongres¬ 
sen heranzuziehen; doch sind derartige 
Bemühungen bisher an dem Widerstand 
der französischen und belgischen Ge¬ 
lehrten gescheitert, die sich jetzt auf 
den Standpunkt zurückgezogen haben, 
daß die Aufnahme der deutschen wis¬ 
senschaftlichen Körperschaften in die 
Unionen erst in Betracht käme, wenn 
Deutschland dem Völkerbund, dem auch 
diese Organisationen unterstellt sind, an¬ 
gehöre. Daß die neutralen Länder auf die¬ 
sem Gebiete ebenfalls dem Völkerbunde 
eine große Bedeutung beilegen, sehen 
wir an dem Verhalten der schweizeri¬ 
schen wissenschaftlichen Körperschaf¬ 
ten; diese haben ihre Stellungnahme 
zu den Unionen davon abhängig ge¬ 
macht, ob die Entscheidung des schwei¬ 
zerischen Volkes für oder gegen den 
Völkerbund ausfallen würde. 

4. 

Das wäre, kurz geschildert, die Lage, 
der sich die deutsche Wissenschaft ge¬ 
genüber befindet. Die deutschen wissen¬ 
schaftlichen Körperschaften haben ur¬ 
sprünglich zu den Plänen der Feinde 
geschwiegen. Sie wollten keinen Wis¬ 
senschaftskrieg; sie konnten ohne Unge¬ 
duld eine solche Zurückhaltung üben, 
weil sie im Bewußtsein des Wertes der 
deutschen Wissenschaft damit rechnen 
durften, daß sich in den anderen 


Ländern von selbst das Bedürfnis gel¬ 
tend machen würde, die wissenschaft¬ 
lichen Beziehungen zu Deutschland wie¬ 
der aufzunehmen. Und in der Tat 
scheint sich diese Annahme überall da, 
wo sich die Arbeitsgemeinschaft aller 
Kulturstaaten als eine zwingende Not¬ 
wendigkeit ergibt, erfüllen zu wollen. 
Immerhin ist es wichtig, soweit es die 
Würde des Einzelnen und des Deutsch¬ 
tums zuläßt, auf das gewünschte Ziel 
hinzuarbeiten und die dahin gerichteten 
Bestrebungen ausländischer Gelehrten 
und Körperschaften nach Kräften zu för¬ 
dern. Dabei ist es an sich gleichgültig, 
ob diese Bestrebungen mehr auf Schwie¬ 
rigkeiten zurückzuführen sind, die für 
die Arbeiten der Unionen durch den 
Ausschluß der deutschen Wissenschaft 
und ihrer Vertreter entstanden sind,oder 
ob es sich mehr um die Anregungen von 
unabhängigen Männern handelt, die im 
Interesse des Ganzen dem bestehenden 
unhaltbaren Zustande — einem Neben¬ 
einander von pseudointernationaler und 
deutscher Wissenschaft — ein Ende be¬ 
reiten wollen. Auch sonstige Fragen, wie 
z.B. die nach der Zweckmäßigkeit des 
Aufbaues dieser oder jener Organisation, 
würden zurückgestellt werden können. 
Nur eins wäre unbedingt zu fordern: 
das Zusammenwirken mit ausländischen 
Gelehrten müßte im Geiste und mit 
dem Ziele der völligen Gleichberechti¬ 
gung 1 ) der deutschen Wissenschaft er¬ 
folgen, wie sie in unzweideutiger Weise 
für die „Meterkonvention“ und „das 
landwirtschaftliche Institut in Rom“ 
durch den Friedensvertrag gesichert ist. 
Sollte der Völkerbund einmal das Mit¬ 
tel werden, die deutsche Wissenschaft 
wieder in den großen Verband wahrhaft 

4) In den jetzt neu erlassenen Richtlinien 
für die Zulassung von Ausländern zu den 
deutschen Universitäten wird als Vorbe¬ 
dingung gefordert, daß der Heimatstaat des 
Ausländers Gegenseitigkeit gewährt 


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1 K. Kerkhof, Die intern, naturw. Organisationen vor und nach dem Weltkriege 242 


internationaler Arbeitsgemeinschaft ein¬ 
zubeziehen, so wäre auch hier die Vor¬ 
aussetzung: völlige Gleichberechtigung 
aller Beteiligten. 

Nun aber läßt sich nicht verkennen, 
daß dieser Grundsatz mit der die Mittel¬ 
mächte ausschließenden Tendenz der 
Unionen unvereinbar ist, einer Tendenz, 
die leider nicht nur ausgesprochen, son¬ 
dern bereits in den geschaffenen Ein¬ 
richtungen verankert ist. In dieser Be¬ 
ziehung also wird man eine durchgrei¬ 
fende Änderung kaum erwarten können, 
denn die Tendenz preiszugeben, würde 
für die Unionen bedeuten, das Funda¬ 
ment und damit einen wesentlichen Teil 
des mit großen Mitteln errichteten Ge¬ 
bäudes zum Einsturz zu bringen. Außer¬ 
dem liegen die Verhältnisse für Deutsch¬ 
land noch besonders bedenklich auf den 
Gebieten, wo der durch die Politik er¬ 
zeugte Haß seine Stütze in wirtschaft¬ 
lichen Interessen findet, nämlich im Be¬ 
reich der angewand ten Naturwissen¬ 
schaften. Der feste Wille, hier die deut¬ 
sche Wissenschaft und damit die auf 
ihr gegründete Industrie auszuschalten, 
der auch aus amerikanischen Krei¬ 
sen genährt wird, bekundet sich darin, 
daß immer mehr Institutionen ge¬ 
schaffen und in Aussicht genommen 
werden, welche der deutschen Wissen¬ 
schaft bei mangelhafter Verteidigung 
verhängnisvoll werden müssen. 

Deshalb genügt die soeben gekenn¬ 
zeichnete Haltung Deutschlands jetzt 
nicht mehr allein. Es gilt, der von außen 
drohenden Gefahr in die Augen zu se¬ 
hen und ihr nachdrücklich zu begeg¬ 
nen; vor allem wird sich die — zu¬ 
nächst nur aus der inneren wirtschaft¬ 
lichen Bedrängnis geborene — Notge- 
meinschaft der deutschen Wis¬ 
senschaft nun auch dieser Abwehr 
widmen müssen. Eine der ersten Auf¬ 
gaben scheint mir hier zu sein, die 


feindliche Maßregel, welche die deut¬ 
schen Forscher von allen internationa¬ 
len wissenschaftlichen Zusammenkünf¬ 
ten ausschalten soll, unwirksam zu ma¬ 
chen, indem dafür gesorgt wird, daß die 
wissenschaftlich Arbeitenden über die 
Fortschritte der Wissenschaft im Aus¬ 
lande ausgiebig unterrichtet werden, 
und da vornehmlich auf den in erster 
Linie bedrohten Gebieten. So wären z.B. 
die deutschen naturwissenschaftlichen 
Referatenorgane 5 ), die durch die Kon¬ 
kurrenzorgane der „Union de Bibliogra¬ 
phie“ aus dem Felde geschlagen wer¬ 
den sollen, mit allen Mitteln in den 
Stand zu setzen, über die ausländische 
Fachliteratur schnell, ausführlich und 
vollständig Bericht erstatten zu können. 

Zum Schlüsse noch eine allgemeine 
Bemerkung. Selbstverständlich muß, 
wenn die Pläne der Gegner unwirksam 
gemacht werden sollen, die deutsche 
Gelehrtenwelt einmütig zusammenstehen 
und nach außen hin eine geschlossene 
Front bilden. Das Ansehen der deut¬ 
schen Wissenschaft, die beste Waffe in 
ihrem schweren Daseinskampf, wird ge¬ 
genwärtig durch nichts so geschädigt, 
wie durch starkes Hervortreten innerer 
politischer Gegensätze. Diese mögen an 
und für sich ihre Berechtigung und ihren 
Wert haben, sie machen doch stets im 
Auslande einen sehr schlechten Ein¬ 
druck, wie der Verfasser erst kürzlich 
aus Äußerungen von Gelehrten des neu¬ 
tralen Auslandes hat ersehen können. 
Möchte zur Überwindung auch solcher 
Schwierigkeiten die Gründung der alle 
deutschen gelehrten Körperschaften um¬ 
fassenden Notgemeinschaft der deut¬ 
schen Wissenschaft einen guten An¬ 
fang bedeuten. 

5) Diese Organe haben sich neuerdings 
unter Anlehnung an die Reichszentrale 
für naturwissenschaftliche Bericht¬ 
erstattung zu einer Arbeitsgemeinschaft 
zusammengeschlossen. 


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245 


Enno Littmann, Die altsinaitischen Inschriften 


246 


tischen Konsonantenzeichen mechanisch 
auf seine Sprache übertragen, sondern 
durch diese angeregt, Bildzeichen wohl 
zum größten Teile aus dem ägyptischen 
Hieroglyphenbestand ausgewählt, ihnen 
ihre semitischen Namen gegeben und 
den jeweilig ersten Konsonanten dieser 
Namen als Lautwert des betreffenden 
Zeichens eingesetzt. So klaffte immer¬ 
hin noch eine Lücke zwischen beiden, 
die nur durch neue Funde ausgefüllt wer¬ 
den konnte. 

Diese Funde waren aber bereits ge¬ 
macht, als Sethe seine Untersuchungen 
herausgab, nur hatten sie ihm wegen der 
Kriegsläufte noch nicht bekannt werden 
können. Der englische Ägyptolog Alan 
A. Gardiner hatte anfangs 1916 im 
Journal of Egyptian Archaeology einen 
Aufsatz „The Egyptian Origin of the Se¬ 
mitic Alphabet“ veröffentlicht und darin 
die sog. „altsinaitischen“ Inschriften ver¬ 
werten können, die zwar bereits 1905 
von einer englischen Expedition nach 
dem Sinai entdeckt waren, von denen 
aber bis dahin nur eine einzige Probe 
veröffentlicht war. Diese Inschriften schie¬ 
nen zunächst eine „Mischung von an¬ 
scheinend sinnlos zusammengereihten 
ägyptischen Hieroglyphen und fremdar¬ 
tigen Zeichen darzustellen“ (Sethe). Jene 
erste Probe war bereits vor Gardiner 
von anderen altkanaanäisch oder phöni- 
zisch gedeutet worden; aber diese Ver¬ 
suche konnten nicht zum Ziele führen, 
ehe das ganze Material vorlag. Gardi¬ 
ner erkannte, daß die Inschriften in der 
Tat in einem aus den Hieroglyphen ab¬ 
geleiteten Alphabet geschrieben und aller 
Wahrscheinlichkeit nach in einer altsemi¬ 
tischen Sprache abgefaßt seien, da er ein 
mehrfach in ihnen wiederkehrendes Wort 
b'It entzifferte,d. i. ba'alat „die Herrin“, 
Femininum zu dem alttestamentlichen 
Baal. Diese Entdeckung ist für die wei¬ 
tere Forschung grundlegend gewesen. 


Es war selbstverständlich, daß Sethe 
sich mit diesen wichtigen Problemen be¬ 
schäftigte, sobald ihm die Arbeit von 
Gardiner bekannt geworden war. So 
erschien denn auch bereits im Jahre 1917 
in den „Nachrichten von der K. Gesell¬ 
schaft der Wissenschaften zu Göttingen, 
Philologisch-historische Klasse“ eine Ab¬ 
handlung „Die neuentdeckte Sinai-Schrift 
und die Entstehung der semitischen Schrift 
von Kurt Sethe“. Darin berichtete er 
zunächst über die altsinaitischen Inschrif¬ 
ten, ihre Fundorte und die Denkmäler, 
auf die sie eingemeißelt oder eingeritzt 
sind, ferner über die bis dahin gefunde¬ 
nen Resultate und stellte nun seinerseits 
in vorsichtiger und mustergültiger Weise 
die Zeichen des Altsinai-Alphabets mit 
denen des phönizischen Alphabets zu¬ 
sammen, wobei er im einzelnen mehrere 
schöne Entdeckungen machte. Es war 
nicht zuviel gesagt, wenn er vermeinte, 
in diesem Alphabet das „missing link“, 
das noch fehlende Glied in der Entwick¬ 
lungsreihe, gefunden zu haben. Schon 
in seiner Arbeit über den Ursprung des 
Alphabets hatte er den Schluß gezogen, 
daß das „phönizische“ Alphabet zur Zeit 
der Hyksos, jener semitischen Hirten¬ 
könige, die um 1700 Ägypten von Osten 
her eroberten und dort länger als ein 
Jahrhundert herrschten, entstanden sei, 
und zwar entweder in Ägypten selbst 
oder in dessen Grenzgebieten. Nun er¬ 
hielt er die Bestätigung für seine An¬ 
nahme, da die altsinaitischen „Denkmäler“ 
in der Zeit zwischen 1850 und 1500 ent¬ 
standen sein müssen, also in der Zeit, 
innerhalb derer auch der Hyksoseinfall 
stattfand. 

2 . 

Nun waren zwar durch Gardiner und 
hauptsächlich durch Sethe die meisten 
Zeichen des altsemitischen Alphabets in 
der altsinaitischen Schrift nachgewiesen. 
Die einzelnen Zeichen hatten ihre Laut- 


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Enno Littmann, Die altsinaitischen Inschriften 


248 


werte erhalten, wenngleich hie und da 
auch noch Zweifel bestehen blieben 
und Möglichkeiten für neue Erklärun¬ 
gen eröffneten. Aber über den eigent¬ 
lichen Sinn der Inschriften konnte noch 
nicht viel gesagt werden; Erklärungen 
und Übersetzungen konnten — mit Aus¬ 
nahme der Lesung baalat — nur in 
bescheidenstem Maße gegeben werden. 
Das hatte seine allgemeinen und seine 
besonderen Gründe. Die allgemeinen be¬ 
stehen darin, daß altsemitische Inschriften 
überhaupt sehr schwierig zu verstehen 
sind, wenn man keine näheren Anhalts¬ 
punkte hat; die besonderen liegen hier 
darin, daß die altsinaitischen Inschriften 
nur aus wenigen Zeilen oder Worten be¬ 
stehen, zum Teil undeutlich eingeritzt 
und nur bruchstückweise erhalten sind. 
Aber es muß doch jeden Erforscher des 
Altertums reizen, über das erreichte Re¬ 
sultat nach Möglichkeit hinauszukommen 
und den wirklichen Sinn dieser einzig¬ 
artigen Schriftdenkmäler zu ergründen. 
Das wurde dann auch bald von zwei 
Seiten versucht. Der Hallenser Orienta¬ 
list HansBauer veröffentlichte 1918 eine 
Broschüre: „Zur Entzifferung der neuent¬ 
deckten Sinaischrift und zur Entstehung 
des semitischen Alphabets, Halle a. d. S., 
Verlag von Max Niemeyer“, und 1919 
erschien: „Die kenitischen Weihinschriften 
der Hyksoszeit im Bergbaugebiet der 
Sinaihalbinsel und einige andere uner¬ 
kannte Alphabetdenkmäler aus der Zeit 
der XII. bis XVIII. Dynastie. Eine schrift- 
und kulturgeschichtliche Untersuchung 
von Robert Eisler, Freiburg im Breis¬ 
gau, Herdersche Verlagsbuchhandlung“. 

Bauer machte zunächst auf allerlei 
Schwierigkeiten aufmerksam, die sich den 
Erklärungen Gardiners und Sethes 
entgegenstellen. Seine Einwände sind 
zum Teil berechtigt, aber sie wiegen 
m. E. doch nicht so schwer, daß wir uns 
durch sie veranlaßt fühlen sollten, das 


ganze System Sethes, das zwar in sich 
geschlossen und folgerichtig und daher 
vielleicht ganz vereinzelt zwangsmäßig, 
aber doch vorsichtig und methodisch auf¬ 
gebaut ist, über Bord zu werfen, und den 
ersten m. E. sicheren Ausgangspunkt, die 
Lesung ba alat, zu verlassen. Das aber 
hat Bauer getan, um, wie er sagt, die 
Inschriften „aus sich heraus“ zu verstehen, 
unter der Voraussetzung, daß „wir es 
wirklich mit einer reinen Buchstaben¬ 
schrift in semitischer Sprache zu tun ha¬ 
ben“. So gerechtfertigt ein solcher Ver¬ 
such ist, wenn alle anderen Hilfsmittel 
versagen, scheint er mir hier doch nicht 
angebracht, eben weil die Grundlagen 
bei Sethe hinreichend gesichert sind. 
Bauer hatte den an sich richtigen Ge¬ 
danken, in den Inschriften Eigennamen 
suchen zu müssen; aber ein anderer 
würde unter Anwendung des Bauer- 
schen Prinzips möglicherweise ganz an¬ 
dere Formen gewinnen. Sein Erklärungs¬ 
versuch, den er selbst in bescheidener 
Weise nur als einen solchen bezeichnet 
und dessen Resultate er auch durchaus 
nicht als endgültige ansieht, behält aber 
darin seinen Wert, daß er auf Schwierig¬ 
keiten hinweist, die zum Teil noch erst 
gelöst werden müssen. 

Eisler sucht das ganze Problem nach 
allen Seiten zu erfassen, die schriftge¬ 
schichtlichen Fragen, die Bedeutung und 
Erklärung der Inschriften, die Herkunft 
ihrer Schreiber, das Verhältnis der alt¬ 
sinaitischen Denkmäler zu der sie um¬ 
gebenden ägyptischen Kulturwelt und 
vieles andere mehr. Dabei wird ein ge¬ 
radezu erstaunlicher wissenschaftlicher 
Apparat von erdrückender Fülle in Bewe¬ 
gunggesetzt, kühnen und oft überraschen¬ 
den Kombinationen wird freier Spiel¬ 
raum gelassen, die möglichen Einwände 
gegen diese Kombinationen werden 
manchmal scharfsinnig erkannt und mit 
gewandter Dialektik zu widerlegen ver- 


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Enno Litt mann, Die altsinaitischen Inschriften 


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sucht. Eisler gibt Übersetzungen von 
fast allen Inschriften, sucht ihren kultur¬ 
geschichtlichen und religionsgeschicht¬ 
lichen Zusammenhang zu ergründen, führt 
Parallelen an aus allen möglichen Län¬ 
dern, Zeiten, Völkern, Schriften, Spra¬ 
chen, Religionen und errichtet so ein 
Gebäude, das, wenn seine Bausteine recht 
und sein Gefüge fest wären, einen sehr 
wichtigen Platz in der semitisch-ägypti¬ 
schen Altertumskunde einnehmen würde. 
Die Fülle des Gebotenen verwirrt den 
Leser; der Stil ist oft recht schwerfällig, 
die Sätze sind zuweilen in-, über- und 
untereinander geschachtelt, so daß man 
nur bei mehrmaligem Lesen den Sinn in 
sich aufnehmen kann. Ein einziger Satz 
geht von S. 71 bis S. 76, der Rest dieser 
Seiten ist mit Anmerkungen ausgefüllt. 
Trotz dieser erschwerenden Umstände 
habe ich das Buch zweimal gelesen, und 
ich will nun, nach sorgsamer Prüfung, 
über dies Buch berichten. 

3. 

Von vornherein muß ich mich über 
Dinge, die den Ägyptologen, Alttesta- 
mentler und Assyriologen angehen, des 
Urteils enthalten. Ägyptologische Fragen 
sind in dem Buche auf Schritt und Tritt 
behandelt, alttestamentliche und assyrio- 
logische werden gelegentlich gestreift. 
Es wäre gut, wenn die Fachleute sich 
auch über diese Seiten des Buches äußern 
würden. Hier sei nur erwähnt, daß mir 
von ägyptologischer Seite große Vorsicht 
in der Verwendung der Behauptungen 
und Ergebnisse Eislers angeraten ist. 
Ich beschäftige mich also mit den paläo- 
graphischen, sprachlichen, allgemein se¬ 
mitischen und sachlichen Teilen des Bu¬ 
ches, soweit ich ein Urteil darüber habe 
und soweit es im Rahmen dieses Auf¬ 
satzes möglich ist. In Äußerlichkeiten 
läßt das Buch mancherlei zu wünschen 
übrig. Neben den auf S. VIII bereits an¬ 


geführten Druckfehlern finden sich noch 
mancherlei andere, namentlich bei hebrä¬ 
ischen und arabischen Wörtern; der Name 
unseres größten und bekanntesten Orien¬ 
talisten Th. Nöldeke, wird wieder einmal 
mehrfach mit ck gedruckt. Vor allem 
aber fallen die vielen Ungenauigkeiten 
und Inkonsequenzen in den Umschrei¬ 
bungen semitischer Wörter auf; ferner 
sind die in sprachgeschichtlichen Werken 
üblichen Zeichen > (— „geworden zu“) 
< (= „geworden aus“), wie es scheint, 
miteinander verwechselt. In den vielen 
weitabführenden Exkursen, die in den 
Anmerkungen enthalten sind, kann ich 
dem Verf. häufig nicht folgen; es würde 
auch viel zu weit führen, auf alles ein¬ 
zugehen. Hier seien nur zwei Einzel¬ 
heiten erwähnt, die uns doch bei der 
Beurteilung alles anderen recht bedenk¬ 
lich stimmen. S. 36, Anm. 3 wird bei ge¬ 
wissen arabischen geographischen Na¬ 
men, die mit zibb „Phallus“ zusammen- 
mengesetzt sind 1 ), behauptet, „Phallus“ 
bedeute hier „Grabstele“; und die sehr 
verständige Bemerkung Dalmans, „aus 
der grobsinnlichen Phantasie der Bedu¬ 
inen dürfen keine religionsgeschichtlichen 
Schlüsse gezogen werden“, wird abge¬ 
lehnt. Wenn dem Verf. bekannt gewesen 
wäre, wie häufig Körperteile in den geo¬ 
graphischen Benennungen bei Arabern 
und Abessiniern Vorkommen, so hätte er 
seine apod iktische Behauptung wohl kaum 
aufgestellt. Es sei nur erwähnt, daß „Brust“ 
und „Brüste“ in arabischen und abessi- 
nischen Geländenamen mehrfach belegt 
sind, daß „Vulva“ mir in Abessinien so 
begegnet ist und daß Ars(ch) in germani¬ 
schen Sprachen bei Gelände- und Flur¬ 
namen vorkommt. S. 76, erste Zeilen 


1) Solche Namen sind ferner noch Zibb 
el- Adwänije in Nordmesopotamien, Zubb el- 
Bin in Nordsyrien; vgl. auch el-Gharämil 
„Phalli“, das als Geländebezeichnung in 
Nordarabien mehrfach vorkommt. 


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Enno Littmann, Die altsinaitischen Inschriften 


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der Anmerkung, werden die Namen des 
Weins aus verschiedenen Sprachen zu¬ 
sammengestellt. Dabei steht hinter ar¬ 
menisch gin die Parenthese (im engl. 
= Branntwein). Daraus muß man schlie¬ 
ßen, daß Eisler armen, gini 2 ) und engl. 
gin für dasselbe Wort hält. Allein das 
armen, gini, das zwar lautgesetzlich den 
anderen indogerman. Wörtern für „Wein“ 
— im Engl, also ivine — entspricht, aber 
doch wohl eher unmittelbar aus dersel¬ 
ben fremden Quelle stammt wie jene, 
hat mit dem engl, gin nichts zu tun. Letz¬ 
teres ist eine Abkürzung von geneva 
(= französ. genidvre) und bezeichnet da¬ 
her zunächst nur den Genever, d. i. Wa¬ 
cholderbranntwein; auch ist mir in Eng¬ 
land und Amerika gin alleinstehend nur 
in dieser Bedeutung bekannt geworden. 
Es ist jedoch möglich, daß es hie und 
da in der allgemeineren Bedeutung 
„Branntwein“ gebraucht wird, wie in 
dem zusammengesetzten Ausdrucke gin- 
blossoms „Schnapsnase“ u. ä. — Diese 
Beispiele ließen sich vermehren. 

Die paläographische Deutung der In¬ 
schriften bei Eisler erscheint, rein äußer¬ 
lich betrachtet, im allgemeinen einwand¬ 
frei. Die große Mühe, die er auf sie ver¬ 
wandt sat, sei hier hervorgehoben. Er 
liest die meisten Zeichen auf Grund der 
von Sethe festgestellten Lautwerte, weist 
einigen Zeichen aber auch andere Werte 
zu, die durchaus möglich sind und sich 
vielleicht auch in Zukunft als richtig her- 
ausstellen werden. Die zeichnerischen 
Wiedergaben der Inschriften sind leider 
in einem so mikroskopisch kleinen Ma߬ 
stabe gehalten, daß sie oft sehr schwer 
zu erkennen sind; nur durch Vergleich 
mit den von Gardiner, Sethe und 
Bauer veröffentlichten Zeichnungen kann 
man sich in ihnen zurechtfinden. An ver- 
schiedenen Stellen weichen jedoch die 

2) Armenisch heißt gini „Wein“, gin aber 
„Preis“. 


Eisler sehen Zeichnungen von den frühe¬ 
ren ab. Diese Abweichungen scheinen 
durch die — freilich überzeichneten — 
Photographien bestätigt zu werden. In 
zweifelhaften Fällen werden wohl nur 
die Originale entscheiden können. 

4. 

Es sind im ganzen elf kurze Texte, 
die von Gardiner mit den Ordnungs¬ 
nummern 345—355 bezeichnet wurden. 
Diese Nummern sollen hier beibehalten 
werden, obgleich mehrere Texte vielleichr 
in Teile zu zerlegen sind, die ursprüng¬ 
lich nicht zusammengehören.’ Eisler 
übersetzt sie folgendermaßen: 

345. „Von dem von Ba'alat Geliebten ein 
Denkmal für Ba'alat.“ 

346. „Dies zur Schutzwehr bzw. Umzäu¬ 
nung der Weide (seil, gegen wilde 
Tiere)“ oder „Dies für die Vermeh¬ 
rung der Herde“. — „Nach dem Be¬ 
lieben eines Orakels für die Ba'alat.“ 
— „Nach dem Belieben des Aufsehers 
der Aufseher.“ 

347 (menschliche Büste mit drei Zeichen 
auf der Vorderseite). „Tanit“, d. i. der 
Name einer phönizisch-punischen 
Göttin, der zwar erst aus späterer 
Zeit belegt ist, den Eisler aber auch 
hier annimmt. 

348. „Gegeben hat die Herrin.“ 

349. „Ich 7zs(?) Vorsteher der Steine — 
Mäßchen (ergänze: soundso viel an 
Grünstein habe ich in dieser Zeit 
gefördert).“ 

350. „Diese (seil. Zeichen oder dgl.) hat 
N. N., der Ausgesonderte = Gewähl¬ 
te“ oder aktiv „der Ausscheider 
(= Metallscheidemeister)“ oder „Tür¬ 
kissortierer“ aufgestellt (= geweiht), 
eingedenk (seines Gelübdes oder 
dgl.).“ 

351. „Dies hat Ben Schemesch aufgestellt 

weihräujchemd dem.als Süjhn- 

opfer.“ 


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Enno Littmann, Die altsinaitischen Inschriften 


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352. „Ich, N. N., heimste ein zur Läute¬ 
rung“ oder „Siebung“ (soundso viel, 
sei es Kupfererz, das durch Schmel¬ 
zen „geläutert“, oder Türkise, die 
durch „Sieben“ und Ausklauben aus 
dem zerklopften Muttergestein ge¬ 
wonnen werden). 

353. „Dies auf Befehl der Schinah, der 

Ba'alat (Herrin) der Schätze (Kost¬ 
barkeiten)“ _-.. btl (Würdentitel 

oderBerufsbezeichnung)derKainiter. 

354. „(Schinajh, die Herrin.“ 

[355. „Mit Nr. 355 ist nichts zu wollen.“ 
So S. 49.] 

Man sieht, es ist meist ein sachlich 
einleuchtender Sinn gewonnen: denn die 
Inschriften sind bei einem Heiligtum der 
ägyptischen Göttin Hathor, die semitisch 
gut durch Ba'alat wiedergegeben wird, 
gefunden; ihre Schreiber können durch¬ 
aus Leute gewesen sein, die bei den aus 
den ägyptischen Inschriften und durch 
Befund an Ort und Stelle bekannten 
Sinaibergwerken beschäftigt waren; die 
Inschriften können sich teilweise auf das 
Leben und Tun dieser Leute, teilweise 
auf Weihungen an die Göttin beziehen. 

Wie steht es nun aber mit der sprach¬ 
lichen Möglichkeit dieser Übersetzungen? 
Um jede unsichere Einzelheit der Deu¬ 
tungen Eislers zu widerlegen oder we¬ 
nigstens als sehr unwahrscheinlich nach¬ 
zuweisen, bedürfte es einer Auseinander¬ 
setzung, die fast so ausführlich wäre wie 
das Buch selbst. Dazu ist hier auch nicht 
der Ort. Es muß daher hier im allgemei¬ 
nen gesagt werden, daß die Übersetzun¬ 
gen Eislers zum größeren Teile auf An¬ 
nahmen beruhen, die grammatisch und 
sprachgeschichtlich sehr unwahrschein¬ 
lich oder unmöglich sind und die dem 
Stil und Wortlaut der uns bekannten 
semitischen Inschriften fast durchweg wi¬ 
dersprechen. Darüber kann uns auch 
Eislers sehr geschickte Dialektik nicht 
hinwegtäuschen. Ich will durchaus nicht 


in Abrede stellen, daß wir bei bisher 
unbekannten Inschriften auch mit neuen 
Formen, neuen Bedeutungen und Wen¬ 
dungen rechnen müssen; wenn aber die 
Widersprüche gegen das uns bisher Be¬ 
kannte sich so sehr häufen und wenn 
man sich fast immerzu nur auf Ausnah¬ 
men berufen kann, wie Eisler hier tun 
muß, so wird das Ganze nicht sehr wahr¬ 
scheinlich. 

Nehmen wir z. B. die erste Inschrift, 
Nr. 345. Sie besteht aus zwei Teilen, 
die zu beiden Seiten einer Sphinx auf 
der Grundplatte eingemeißelt sind. Der 
eine Teil enthält die Buchstaben m'hb 
'lt, der andere (nach Eisler) jwdlb'lt. 
Darin will Eisler erkennen me-ahub- 
baalatjdd l.-ba alat „von dem von Ba'a¬ 
lat Geliebten ein Denkmal für Ba'alat“. 
Er sieht darin eine Übersetzung der ägyp¬ 
tischen Inschrift, die zwischen den Klauen 
und auf der Schulter der Sphinx steht; 
diese enthält nach Sethe einen unleser¬ 
lichen Königsnamen („Horusnamen“) und 
das dazu gehörige Prädikat „geliebt von 
Hathor, der Herrin des Malachits“ und 
hat die Bedeutung einer Dedikation: 
„König X. weihte dies der Hathor, Her¬ 
rin des Malachits“. Nun ist die Lesung 
jwd m. E. nicht so sicher, wie Eisler 
annimmt; Sethe liest das erste Zeichen 
als k. Die grammatische Form jwd ist, 
im Hinblick auf den Buchstabennamen 
Jod, nicht unmöglich, aber doch sehr un¬ 
gewöhnlich; man müßte eine Nebenform 
*jaud „Hand“ annehmen, die aber sonst 
in keiner semitischen Sprache vorkommt, 
und was Eisler auf S. 37 zur Erklärung 
dieser Form sagt, ist recht unklar. Die 
allgemeine Bedeutung „Denkmal“ ist 
doch fraglich und aus den angeführten 
alttestamentlichen Stellen nicht so ohne 
weiteres zu folgern, namentlich nicht für 
eine Sphinx. Die Hauptsache aber ist, 
daß der Wortlaut einer Inschrift „Von 
N. N. ein Denkmal für (die Gottheit) N. N.“ 


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Enno Littmann, Die altsinaitischen Inschriften 


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durchaus unsemitisch ist. In den vielen 
Jahrhunderten, aus denen uns semitische 
Inschriften bekannt sind, kommt eine 
solche Ausdrucksweise nicht vor. Da 
heißt es meist „Dies ist, was gelobt (ge¬ 
weiht, gemacht, dargebracht) hat N. N. 
für (die Gottheit) N. N.“, oder „[Dies ist] 
das Denkmal (oder ähnlich), das geweiht 
(usw.) hat N. N. für N. N.“ oder auch 
„Für die (die Gottheit) N. N. ist dies, 
was gelobt (usw.) hat N. N.“ Nun ist 
es natürlich möglich, daß semitische In¬ 
schriften in ihrem Stil durch fremde Vor¬ 
bilder beeinflußt worden sind. So ist z. B. 
die berühmte phönizische Kranzinschrift 
aus dem Piräus bei Athen durchaus im 
Stile der griechischen Kranzinschriften 
gehalten; auch die palmyrenischen In¬ 
schriften, deren erste Wörter „Bule und 
Demos“ (Ratsversammlung und Volks¬ 
vertretung) sind, werden dem griechi¬ 
schen Wortlaut nachgeahmt sein. So 
müßte man für diese altsinaitische In¬ 
schrift nach einem ägyptischen Vorbilde 
suchen. Im Ägyptischen gibt es, wie mir 
K. Sethe freundlichst mitteilte, derglei¬ 
chen nicht; auch dort haben die Weih¬ 
inschriften andere Formen. Wenn nun 
wirklich die ägyptische und die sinaiti¬ 
sche Inschrift der Sphinx gleichzeitig 
sind und die eine die Übersetzung der 
anderen ist, so kann m. E. nur die Le¬ 
sung in Frage kommen „N. N. (Eigen¬ 
name, der in j(k)u>dlb'lt enthalten 
wäre), geliebt von Ba'alat“; und dann 
müßte man in m'hb ein passives Partizip 
sehen, was vielleicht auf einen näheren 
Zusammenhang des Altsinaitischen mit 
dem Arabischen deuten würde. Es ist 
aber m. E. nicht völlig sicher, daß die 
beiden Inschriften zusammengehören. 
Die altsinaitische kann später hinzuge¬ 
setzt sein, und dann wäre sie keine Weih¬ 
inschrift, sondern eine Art „Graffito“. 
Tausende von semitischen Graffiti aus 
verschiedensten Jahrhunderten sind uns 


bekannt. Sie enthalten in den allermei¬ 
sten Fällen den Namen des Schreibers 
oder des Mannes, der das Graffito für 
sich durch einen Schriftkundigen hat 
schreiben lassen. Dazu kommen aber 
auch sehr häufig Anrufe an die Gottheit, 
deren Name genannt wird und die, ent¬ 
weder durch einen Imperativ oder durch 
ein absolut gebrauchtes, im Akkusativ 
gedachtes Substantiv, um Hilfe oder Ver¬ 
zeihung oder Barmherzigkeit usw. ge¬ 
beten wird. Solche Graffiti gleichen dann 
manchmal christlichen „Stoßgebeten“ oder 
„Schußgebeten“ wie „Mein Jesus, Barm¬ 
herzigkeit!“ u. a. m. Diese Stoßgebete 
haben auch ihre islamischen Parallelen 
wie „O 'Ali, Hilfe!“ die nicht nur oft 
mündlich ausgesprochen, sondern auch 
an Felsen, Ruinen, Hauswände usw. ge¬ 
schrieben werden. Zuweilen werden auch 
bloße Anrufe der Gottheit — entsprechend 
dem Stoßgebete „Jesus! Maria!“ — in 
arabischer Sprache ausgerufen oder ein¬ 
gegraben. Es sind mir aber auch alt¬ 
arabische Graffiti begegnet, in denen die 
Gottheit gebeten wird, dem Schreiber zu 
verzeihen, einem anderen jedoch (wohl 
dem Feinde des Schreibers) nicht zu ver¬ 
zeihen. Die späteren sinaitischen In¬ 
schriften aus den ersten nachchristlichen 
Jahrhunderten enthalten meist eine Gru߬ 
formel und den Wunsch, daß des Schrei¬ 
bers gedacht werde, eventuell „vor einer 
Gottheit“. Diese Dinge sind jedenfalls 
im Auge zu behalten, wenn die altsina¬ 
itischen Inschriften als semitische „Graf¬ 
fiti“ anzusehen sind. Auch die mit einem 
Rahmen in Form einer Stele umgebenen 
Felsinschriften mit altsinaitischen Buch¬ 
staben können zu den „Graffiti“ gerechnet 
werden; denn unter den Safä-Inschriften, 
den typischen heidnisch-arabischen Wü¬ 
stengraffiti, fand ich z. B. eine umrän¬ 
derte Inschrift folgenden Wortlautes (noch 
unveröffentlicht): „Von Burd, dem Sohne 
des Aslah, des Sohnes des Abgar. Und 


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Enno Littmann, Die altsinaitischen Inschriften 


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er überwinterte an dieser Stätte und 
opferte. Und o Allät, [gib] Heil!“ — 
Doch ich vermag auch auf Grund dieser 
Erwägungen noch keine sichere Deutung 
der Sphinx-Inschrift zu geben, ebenso¬ 
wenig wie durch Vergleich mit dem Wort¬ 
laute ägyptischer „Graffiti“ und Prosky- 
nemata. 

Ähnliche stil- und formgeschichtliche 
Bedenken habe ich bei den meisten der 
anderen Lesungen Eislers; und dazu 
kommen immer wieder die ganz außer¬ 
gewöhnlichen Wortformen und Aus¬ 
drucksweisen, zu deren Annahme Eisler 
gezwungen ist. So will es mir z. B. durch¬ 
aus nicht in den Sinn, daß rabbän ’abä- 
ntm (in Nr. 349) „prospector of minerals“ 
bedeuten könne, es sei denn, daß hier 
eine ganz ungeschickte mechanische Wie¬ 
dergabe eines ägyptischen Titels vorläge, 
so etwa wie während des Krieges „Ober¬ 
ster Kriegsherr“ von den englischen Zei¬ 
tungen durch Supreme War Lord statt 
durch Commander in chief übersetzt 
wurde, oder wie jetzt im besetzten Ge¬ 
biete vom „Hohen Kommissar“ (high 
commissioner) statt von „Oberkommissar" 
die Rede ist. Aber das ist hier nach Mit¬ 
teilung von K. Sethe nicht der Fall. Auf 
jeden Fall wäre auch die Wahl des Wor¬ 
tes rabbän sehr auffällig, da es erst im 
späteren Aramäisch und im Neuhebrä¬ 
ischen vorkommt und dort „Lehrer“ be¬ 
deutet. Daher ist auch die Lesung rab¬ 
bän rabbäntm (in Nr. 346) „Aufseher der 
Aufseher“ (= Oberaufseher) sehr unwahr¬ 
scheinlich. 

Besondere Erwähnung verdient die 
kurze Inschrift 347; sie enthält wohl mit 
Sicherheit die drei Buchstaben tnt, die 
auf der Vorderseite einer menschlichen 
Büste eingegraben sind. Eisler will, 
wie oben gesagt, darin den Namen der 
GöttinTanit erkennen. Aber auch wer zu¬ 
geben will, daß Eislers Beweisführung 
für die Möglichkeit eines so frühen Vor- 

Intemationale Monatsschrift 


kommens dieses Namens geglückt sei, 
wird doch folgendes nicht außer acht 
lassen dürfen: es ist bisher noch kein 
einziger Weihgegenstand, der in semiti¬ 
scher Schrift nur den Namen einer Gott¬ 
heit enthielte, mit Sicherheit nachgewie¬ 
sen. Man wird also wohl einen Personen¬ 
namen darin erkennen müssen; doch auch 
das hat seine Schwierigkeiten. Die Le¬ 
sungen Ta-nüt oder Ta-neit „Die der Nüt 
(bzw. Neit) [Angehörige]“ sind nach 
Sethes Mitteilung ausgeschlossen, da 
1. Nüt nie in Personennamen vorkommt 
und 2. die Bildungen mit Pa- und Ta- 
im Ägyptischen erst sehr jung sind. Sethe 
schlug mir seinerseits etwa* Tenet „Gabe“ 
vor, also Kurzform eines Namens wie 
„Gabe der Gottheit". Aber die Form tenet 
(= hebr. tit „geben“) ist noch nicht belegt, 
und „Gabe“ heißt in den phönizischen theo- 
phoren Namen stets maitan (oder mit an¬ 
deren Vokalen). Immerhin ist diese Mög¬ 
lichkeit nicht ausgeschlossen, da im spä¬ 
teren Arabisch Namen wie Hiba für Hi- 
bat-alläh und ' Attja (für ' Attjat-alläh) = 
„Gottesgabe“ Vorkommen. Es fragt sich 
dann weiter, ob dieser Personenname der 
Name des Stifters sein soll oder ob er 
nur als „Graffito“ später auf die Büste 
eingeritzt ist. Weihgegenstände, auf denen 
nur der Name des Stifters (bzw. der Stif¬ 
terin oder mehrerer Stifter) genannt ist, 
kommen bei den semitischen Völkern vor, 
sind aber nicht sehr häufig. In diesem 
Zusammenhänge möchte ich auf den na- 
batäischen Altar aus dem Haurän, den 
ich zuletzt in meinen Semitic Inscriptions 
S. 94 besprochen habe, hinweisen. Des¬ 
sen Inschrift lautet „Badr (Budar?) und 
Sa'ad-61, die Söhne des Witr, die Freunde 
(oder: Geliebte?) von Gad (d. i. Glücks¬ 
gottheit). Heil! Qasi, der Sohn desHann- 
el, der Bildhauer. Heil!“ Der Wortlaut er¬ 
innert an die obengenannte Art von 
ägyptischen Weihinschriften und ist auch 
wohl durch sie beeinflußt, da er von den 

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Enno Littmann, Die altsinaitischen Inschriften 


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übrigen nabatäischen Inschriften stark ab¬ 
weicht; ägyptische Eigennamen sind auch 
gelegentlich von den Nabatäern über¬ 
nommen worden. 

Sehr wichtig wäre es, wenn Eislers 
Lesungen snh — Schinah, Mondgöttin 
= Sinai und blkjn — Keniter (Nr. 353, 
354) sicher wären. Doch stehen auch die¬ 
sen wieder so viele Bedenken entgegen, 
daß man sie vorläufig nur als Hypothesen 
vorsichtig nennen darf. Es ist durchaus 
möglich, daß die Leute, von denen die 
altsinaitischen Inschriften stammen, zu 
den Kenitern gehörten, aber die Inschrift 
353 kann nicht als einwandfreier Beleg 
dafür angeführt werden. 

Den Resultaten Eislers gegenüber, so 
verlockend sie teilweise sind, muß ich 
mich doch im allgemeinen ablehnend und 
ab wartend verhalten. Als sicher kann man 
sie in der Wissenschaft auf keinen Fall 
verwenden. Neue Deutungen wage ich 
jedoch nicht zu geben, solange die Ori¬ 
ginale oder solche Abbildungen, die die 
Originale entbehrlich machen, mir nicht 
zugänglich sind. Als letztes Auskunfts¬ 
mittel wäre, wenn alle anderen Deutungen 
versagen, auch die Möglichkeit ins Auge 
zu fassen, daß die altsinaitischen Inschrif¬ 
ten zwar bereits in altsemitischer Schrift, 
aber noch in der herrschenden ägypti¬ 
schen Landessprache abgefaßt wären. 
Dann ergäbe sich für 345 m’hb'lt und 
348 stmhb'lt vielleicht ein brauchbarer 
Sinn, nämlich „sieh, o Ba'alatT.und „höre, 
o Bä alatl“, also „Stoßgebete“ in Form von 
Graffiti; man erwartet zwar die Namen 
derer, die erhört oder gnädig angeschaut 
werden sollen; aber die sind nicht unbe¬ 
dingt nötig, wie vorislamische und isla¬ 
mische arabische „Stoßgebet-Graffiti“ zei¬ 
gen. Doch ist mir auch diese Lösung 
recht unwahrscheinlich; jedenfalls wäre 
sie, wenn sie auf den richtigen Weg füh¬ 
ren sollte, eine Aufgabe der Ägyptologen. 

Die imTitel von Eislers Buch genannten 


anderen unerkannten Alphabetdenkmäler 
aus der Zeit der XII.—XVIII. Dynastie 
bestehen aus einigen wenigen Zeichen; 
eine Gruppe von vier Zeichen befindet 
sich auf einem Holzklötzchen, das Eisler 
als Töpferwerkzeug deutet, drei Gruppen 
von je zwei Zeichen stehen auf Scherben 
von schwarzen Tongefäßen, eine zwei- 
buchstabige Gruppe auf einem Topf. Die 
ersten vier Gegenstände stammen aus 
Kahun (io der Gegend des Faijüm), der 
letztgenannte Topf stammt aus Abydos. 
Die vier Zeichen des Holzklötzchens liest 
E i s I e r als den Eigennamen Achitob; diese 
Lesung ist sehr hübsch kombiniert, sie 
ist nicht unmöglich, aber auch nicht sicher. 
Als Lesungen der Zweizeichengruppen 
gibt Eisler bt =„Bath“ (ein hebräisches 
Hohlmaß), ’b = „dicht“, bh = „leer“, ml 
»-„voll“; sie erscheinen mir sehr zweifel¬ 
haft, wenn nicht ganz unmöglich. Denn 
'b (eigentlich „Dichtigkeit“) und bh 
(„Leere, Verwüstung“) sind m. E. als 
Krugaufschriften kaum denkbar; auch 
dürfte bei bhw das w und bei mV das ’ 
nicht fehlen. Diese Zeichen werden daher 
nichts anderes sein als die anderen Töp¬ 
fermarken, Steinmetzzeichen u. ä. Wenn 
aber „Achitob“ richtig gelesen ist und 
wenn das Gerät samt dieser Inschrift aus 
der 12. Dynastie, also der Zeit vor dem 
Hyksoseinfall, stammt, so würden daraus 
sehr wichtige Schlüsse auf die Geschichte 
des phönizischen Alphabets zu ziehen sein. 
Eisler zieht sie mit großer Sicherheit. 
Er sieht in den altsinaitischen Inschriften 
nicht wie Sethe die direkte Vorstufe 
der altsemitischen Schrift, sondern eine 
„zeitlich und örtlich umgrenzbare Seiten¬ 
entwicklung“. Es ist mir nicht unwahr¬ 
scheinlich, besonders in Hinblick auf die 
unzweifelhaften Beziehungen der Alt¬ 
sinai-Schrift zu den südsemitischen Al¬ 
phabeten, daß in dem Alphabet unserer 
Inschriften noch nicht das abgeschlossene 
System des „phönizischen“ Alphabets 


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F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


262 


vorliegt, sondern daß noch andere Zwi¬ 
schenstufen und Seitenentwickelungen 
anzunehmen sind, wie sie uns aus der 
Geschichte der griechischen und italischen 
Alphabete bekannt sind. Wenn aber Eis¬ 
ler hofft, „den bündigen Nachweis zu er¬ 
bringen, daß die Alphabetzeichen nach 
allen Regeln babylonischer Schriftgelehr¬ 
samkeit benannt und aus einem babylo¬ 
nischen Syllabar ausgewählt sind“, so 
wird man zunächst seinen Nachweis ab- 
warten müssen. Ich persönlich kann mir 
leider bei der recht schrankenlosen und 
apodiktischen Kombinationsart des Verf. 
nicht viel davon versprechen, will mich 
aber gern, wenn der Nachweis gelingt, 
eines Besseren belehren lassen. — 
Druck und Ausstattung des Eisler- 
srfien Buches sind vortrefflich; und es ist 
hoch anzuerkennen, daß in der jetzigen 
Zeit ein solches Buch veröffentlicht wer¬ 


den konnte. Auch dem Verfasser sei für 
seine mühevolle Arbeit an dem so wich¬ 
tigen Probleme unsere Anerkennung nicht 
versagt. Die Wissenschaft muß zu seinem 
Werke Stellung nehmen und wird ihm 
auch für seinen rastlosen Fleiß — seines 
Fleißes darf sich bekanntlich jeder rüh¬ 
men — Dank wissen. Hoffentlich gelingt 
es, durch weitere Funde noch sicherere 
Resultate zu gewinnen I 


Nachschrift: Herr Dr. Eisler teilt 
mir mit, daß die Originale teils wieder 
eingegraben, teils an verschiedene Mu¬ 
seen gegeben worden sind, darunter eins 
an das Museum in Toronto. Es wäre 
sehr wünschenswert, daß Abgüsse des 
letzteren an europäische Museen ge¬ 
schickt und daß die vergrabenen Stücke 
durch eine Expedition für die Wissen¬ 
schaft gerettet würden. 


J. D. Michaelis und die Berliner Akademie. 

Von F. Frensdorff. 


Die Universität Göttingen, die den 
Namen des Landesherrn trägt, war 
eine Schöpfung des hohen Eeamten- 
tumes. Nicht weniger denkwürdig als 
ihre Gründung (1734—37) war ihr 
rascher Aufstieg. Nach kaum fünfzig 
Jahren war sie die erste Universität 
Deutschlands. Und dieser Erfolg war 
erreicht trotz der schweren Hindernisse, 
die sich ihr in ihren Anfängen in den 
Weg stellten. Keines schwerer als die 
mehrjährige Okkupation der Stadt 
durch die Franzosen während des Sie¬ 
benjährigen Krieges, so daß es nach 
dem Frieden, wie G. A. v. Münchhau¬ 
sen, ihr geistiger Vater, urteilte, so gut 
wie einer Neukreation der Universi¬ 
tät bedurfte. Unter den Lehrern leistete 
der Regierung bei ihrer Arbeit die wirk¬ 
samste Hilfe Johann David Michae¬ 
lis. Von Halle als magister legens 


nach Göttingen übergesiedelt, seit 1746 
als Professor angestellt, beteiligte er 
sich mit Rat und Tat an dem Wieder¬ 
aufbau der Universität. Gleichwohl ent¬ 
stand bald nach dem Friedensschluß 
die Gefahr, ihn an Berlin zu verlieren. 
Der Vorgang ist lehrreich nach beiden 
Seiten hin und bisher unzureichend be¬ 
kannt geworden. Er soll hier nach den 
Zeugnissen erzählt werden, die sich in 
dem Michaelisschen Briefwechsel der 
Göttinger Universitätsbibliothek erhal¬ 
ten haben. Wilhelm Meyers großes 
Werk: Verzeichnis der Göttinger Hand¬ 
schriften gibt Bd. III (1894) S. 224 ff. 
über dessen elf Bände (nachher als Cod. 
Mich., C. M. zitiert) die vollständigste 
Auskunft. Nur ein kleiner Teil liegt 
gedruckt in dem von Buhle herausge¬ 
gebenen Litterar. Briefwechsel von 
Michaelis (3 Tie., 1794 ff.) vor. 

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F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


264 


I. 

Michaelis gehörte bald nach der Mitte 
des Jahrhunderts zu den bekanntesten 
deutschen Gelehrten. Wenn der junge 
Goethe sich im Vaterhause seine Zu¬ 
kunft ausmalte, sah er sich in Göttin¬ 
gen zu den Füßen von Männern wie 
Heyne und Michaelis sitzen (Dichtung 
und Wahrheit 27, 42 Weim.). Schon 
diese Zusammenstellung zeigt, daß man 
ihn nicht, wie oft geschieht, für einen 
Theologen halten darf. Gödeke hat ge¬ 
meint, er sei nur der Professur nach 
kein Theologe gewesen (Lessings Werke 
[Cotta] I XXV). Er hatte mit ihnen 
bloß das Arbeitsfeld gemein: die Bibel. 
Sie mit Philologie und mit Philosophie 
zu durchdringen, machte er sich zur 
Aufgabe, und es gelang ihm, der bibli¬ 
schen Philologie eine ebenbürtige Stel¬ 
lung neben der klassischen zu ver¬ 
schaffen. Er legte Wert darauf, Pro¬ 
fessor der Philosophie zu sein und zu 
heißen, selbst gegen den Professor lin- 
guarum orientalium wehrte er sich. Die 
Sprachwissenschaft im ganzen bildete 
sein Arbeitsgebiet. Ihr gehörte auch 
die Schrift an, mit der er den von der 
Berliner Akademie für 1759 ausge¬ 
schriebenen Preis gewann: sur l’in- 
fluence des opinions sur le langage, et 
du langage sur les opinions. 

Die Aufgabe, die sich Friedrich d. G. 
nach dem Kriege setzte: „Künste und 
Wissenschaften in seinen Landen blü¬ 
hend zu machen", erhielt eine ihrer 
frühesten Ausführungen in einem 
Briefe, den Quintus Idlius, der gelehrte 
Offizier, der dem Könige seinen Na¬ 
men verdankte und häufiger von ihm 
zu Verhandlungen mit Ge'ehrten ver¬ 
wandte wurde, im Sommer 1763 an 
Michaelis richtete, um ihn im Aufträge 
des Königs zu fragen, ob und unter 
welchen Bedingungen er bereit sei, eine 


Stelle in den preußischen Landen zu 
übernehmen. Die freie Wahl, die man 
ihm in bezug auf Amt und Gehalt ließ, 
drückte das Vertrauen aus, das man 
in ihn setzte, und zugleich die Hoff¬ 
nung auf sichere Annahme des An¬ 
trags. Wenn der Brief Schreiber mit dem 
Wunsche schloß, in eine persönliche 
Verbindung mit einem Manne zu kom¬ 
men, dessen seltene Gelehrsamkeit er 
schätze, so war das nicht bloße Höf¬ 
lichkeitsphrase, sondern der Erinnerung 
entsprungen, daß er selbst in jungen 
Jahren Theologie und orientalische 
Sprachen studiert und von den wissen¬ 
schaftlichen Verdiensten des Göttinger 
Gelehrten gehört hatte. Doch war er 
nicht der Vater des Gedankens, Michae¬ 
lis zu berufen, sondern der Franzose 
d’Alembert, den der König im Früh¬ 
jahr 1763 von seiner Inspektionsreise 
nach Cleve mitgebracht und einige Mo¬ 
nate am Hofe zu verweilen bewogen 
hatte. Er hatte Michaelis’ eben ausge¬ 
gebene Preisschrift kennen gelernt und 
sich nicht sowohl an ihrem Inhalt als 
vielmehr an ihrem schönen Französisch 
erfreut, ein Lob, das bei dem Könige 
schwer wog. Der Verfasser war sich 
bewußt, an dieser Anerkennung seines 
Werkes sehr unschuldig zu sein. Das 
Französisch, das er und seine Kolle¬ 
gen durch den Umgang mit Offizieren 
während der Okkupation Göttingens 
gelernt hatten, hatte nicht lange über 
die Kriegszeit vorgehalten. Er entschul¬ 
digt sich einmal einem Ausländer ge¬ 
genüber, er habe seinen alten Sprach- 
meister nicht mehr: „Monsieur deVaux. 
maröchal de France, qul nous enseig- 
noit ä Gcttingue la langue de sa patrie, 
aux bourgeois d'une moniere un peu 
rüde et aux professeurs ä sa fable “ (an 
Fleetwood 1783, Cod. Mich. 322 Bl. 
204). Wo er mit Franzosen zu korre¬ 
spondieren hatte, entwarf er den Brief 


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F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


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deutsch oder lateinisch, und der Uni¬ 
versitätslektor, Isaak von Colom du 
Clos, der von der französischen Kolo¬ 
nie zu Müncheberg stammte, besorgte 
die Übersetzung. Für die der Preis¬ 
schrift war eine höhere Autorität er¬ 
forderlich. Die Abhandlung war der 
Akademie vom Verfasser deutsch vor¬ 
gelegt und auch 1759, eine vereinzelte 
Ausnahme, deutsch ausgegeben. Merian 
hatte im Recueil einen französischen 
Auszug veröffentlicht, eine vollständige 
französische, mit Zusätzen des Verfas¬ 
sers bereicherte, Ausgabe war Vorbe¬ 
halten. Diese war es, die d’Alembert 
kennen lernte. Ihr Erscheinen hatte sich 
durch die mühseligen, infolge des Krie¬ 
ges erschwerten, Verhandlungen zwi¬ 
schen Berlin und Göttingen verzögert. 
Was der französische Kritiker an ihr 
schätzte, war das Verdienst zweier Ber¬ 
liner Akademiker. Ihnen dankte auch 
der Autor, daß sie, ohne dem Räsonne¬ 
ment Abbruch zu tun, seine Arbeit in 
eine pi&ce d’öloquence umgewandelt 
hätten (C. M. 326 Bl. 53). Die beiden, 
Premontval und Merian, waren nicht 
gleichberechtigt zum Empfang dieses 
Dankes. 

Mit Premontval stand Michaelis schon 
von früher her in Verbindung. Er hatte 
dessen Schrift über die Monogamie 
(1751) in einer Göttinger Zeitschrift: 
Relationes de libris novls (1753) re¬ 
zensiert und dadurch eine Korrespon¬ 
denz veranlaßt, die sich bis zum Tode 
Premontvals fortsetzte und zum großen 
Teil bei Buhle (IS.72ff.) abgedruckt 
ist. Neben wissenschaftlichen Erörte¬ 
rungen bringt sie einzelne Mitteilungen 
über die Akademie, das literarische Le¬ 
ben Berlins, die Bekanntschaft mit Les¬ 
sing, der durch den Franzosen erfuhr, 
daß Michaelis der Rezensent seiner 
Schriften in den Göttinger gelehrten 
Anzeigen sei und sich daraufhin mit 


ihm in Verbindung setzte. 1 ) Premontval 
glaubte sich über Lessings Zurückhal¬ 
tung beklagen zu dürfen und meinte 
den Grund in ihrer verschiedenen Stel¬ 
lung zur Akademie zu finden: Lessing 
strebe nach der Akademie, während er 
zu Formey, ihrem Vorsitzenden Sekre¬ 
tär, in so schlechtem Verhältnis stehe, 
daß Bekanntschaft mit ihm eine nach¬ 
teilige Empfehlung sei (Buhle IS. 113). 
Unter den mancherlei Gründen die¬ 
ser Gegnerschaft spielte auch die fran¬ 
zösische Sprache eine Rolle. Premont¬ 
val fühlte sich zum Wächter über dören 
rechten Gebrauch berufen und eiferte 
namentlich gegen das Französisch der 
schriftstellemden Refugiös. „II n'entend 
point raillerie sur la grammaire Fran- 
Qoise, et je crois qu’il ne m&nageroit 
pas son propre p&re, s'il l'attrappoit 
en flagrant solöcisme“, urteilte sein aka¬ 
demischer Kollege (Merian an Michae¬ 
lis 1763, März 12, Cod. Mich. 326 Bl. 
93). So erfreulich diese Korrektheit für 
eine Seite der ihm übertragenen Auf¬ 
gabe sein mochte, um so hinderlicher 
war auf der anderen Seite, daß Pre¬ 
montval von der deutschen Vorlage 
nichts verstand. Er rühmte sich zwar, 
Albrecht von Haller mit Vergnügen ge¬ 
lesen zu haben (Gött. gel. Anz. 1762 
S. 510), gestand aber im übrigen von 
seiner deutschen Lektüre: „je me tire 
bien d’une page ou deux, le dictionnalre 
ä la main, mais d&s que c’est quelque 
chose de longue haieine, il ne m’est 
pas possible de l’entreprendre “ (Buhle I 
S. 93). Es war deshalb ein Glück für 
Michaelis, daß der zweite Mitarbeiter, 

1) Die beiden Lessingbriefe des Micfaa- 
elisschen Briefwechsel vom J. 1754 (C. M. 325 
Bl. 272) sind zum erstenmal nach dem Ori¬ 
ginal in Munckers Lessing-Ausgabe Bd 22 
(1910) gedruckt, während alle früheren Edi¬ 
toren, auch Lachmann und Redlich, selbst 
noch Muncker im Bd 17 (1904) seiner Aus¬ 
gabe, den inkorrekten Abdruck Buhles I S.90 
u. 106 wiederholt haben. 


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F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


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den er fand, der Aufgabe nach jeder 
Seite hin gewachsen war. Der Schwei¬ 
zer Merian, mit dem Michaelis von hier 
ab in eine fleißige Korrespondenz 
kam 2 ), die Buhle unberücksichtigt ge¬ 
lassen hat, sprach und schrieb zwar 
auch Französisch, verstand aber das Deut¬ 
sche völlig, wenn er auch das „Alle- 
mand fort corrompu “ seiner Heimat, seit 
er sie verlassen, aufgegeben hatte (Bl. 
45). Merian konnte die Arbeit, als 
Michaelis sie ihm antrug, nicht sofort 
beginnen, da er zunächst Frau v. Mau- 
pertuis zu ihrem im Hause Bemouillis 
in Basel erkrankten und bald hernach 
am 27. Juli 1759 versterbenden Gatten 
zu begleiten hatte. Die Reise führte 
Merian über Göttingen, war aber so 
eilig, daß er Michaelis aufzusuchen au¬ 
ßerstande war. Er sah von Göttingen 
nur so viel, daß er es für „un söjour 
charmant et fait expr&s pour les muses“ 
erklären und einen Brief an Michaelis 
schreiben konnte (Bl. 44). Ein merkwür¬ 
diger Zufall führte es herbei, daß er 
den Brief auf der Post einer Dame 
übergab, die in dem nächsten Monat 
Michaelis' zweite Frau wurde (Bl. 46). 
Luise Schröder, die Tochter des Ober¬ 
postkommissars Schröder, den Lesern 
der Briefe Carolinens nicht unbekannt. 
Alsbald nach seiner Rückkehr im De¬ 
zember nahm Merian die Übersetzung 
in Angriff. Ihm fiel die Hauptarbeit zu, 
Premontval sorgte für die Feinheit des 
Stils. Merians Tätigkeit befriedigte Mi¬ 
chaelis dermaßen, daß er mit ihm noch 
während des Druckes der Preisschrift 
eine zweite Arbeit gleicher Art verab¬ 
redete. Sie betraf die „Fragen", das 
Programm für die von der dänischen 
Regierung auf Anregung von Michaelis 
ausgerüstete Expedition zur Erkundung 
Arabiens, die er unter dem Beirat von 


2) C. M. 326 Bl. 41 ff., 29 Briefe 1759-74. 


Göttinger Kollegen zusammenstellte 
und 1762 veröffentlichte. Im Jahr dar¬ 
auf erschien die französische Ausgabe, 
von Merian allein besorgt, da Premont¬ 
val beschäftigt war und die Sache Eile 
hatte. 

Je mehr der Krieg sich seinem Ende 
näherte, desto häufiger flössen in den 
geschäftlichen Briefwechsel zwischen 
Berlin und Göttingen Bemerkungen 
über die Zeitereignisse ein. Im Novem¬ 
ber 1762 gratulierte Merian zu dem 
für Hannover durch den Vertrag Eng¬ 
lands mit Frankreich vom 2. Novem¬ 
ber erlangten Frieden; sein Brief vom 
folgenden Neujahrstage schloß mit den 
Worten: ,nos affaires prennent de jour 
en jour un meilleur aspect et nous 
permettent un auenir encore plus heu- 
reux. Nil desperandum Teucro duce et 
auspioe Teucro “ (C. M. 326 Bl. 86). Sie 
trafen auf eine günstige Gegenstim¬ 
mung in Göttingen. Am 16. August 1762 
hatten die letzten Franzosen die Stadt 
verlassen. Bei der auf den 11. Oktober 
verlegten akademischen Jahresfeier, die 
wieder in der bisher als Mehlmagazin 
benutzten Universitätskirche gehalten 
werden konnte, sprach Michaelis „de 
magnitudine ejus quod nunc geritur 
belli“ und legte dar, wie dieser Krieg 
mit keinem andern der Geschichte zu 
vergleichen sei, wie Friedrich einer 
Welt von Feinden widerstanden und 
keinen Fußbreit Landes verloren habe. 
Seinen Mut habe kein Unfall zu er¬ 
schüttern vermocht: quis non post 
praelium Cunersdorfiense, denique Col- 
berga capta de rerum Borussicarum 
summa desperavit praeter atrocem ani- 
mum Friderid? Bei Übersendung der 
Rede nach Berlin war Michaelis nicht 
ohne Bedenken über die Verwendung 
der Horazstelle, bis ihn Merian be¬ 
ruhigte, sie könne nur als Lob verstan¬ 
den werden. 


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II. 

Der fortgesetzte literarische Verkehr 
machte Michaelis den Mut, im Anfang 
des Jahres 1763 Anfragen persönlich¬ 
ster Art an Merian zu richten. Wir 
kennen sie nur aus dessen Rückantwor¬ 
ten. Die erste, ein Brief vom 15. Fe¬ 
bruar von mannigfachem Inhalt (C. M. 
326 Bl. 87), dankt zunächst für die 
Übersendung der neuen, 1759 erschie¬ 
nenen Ausgabe des Claudian von dem 
Göttinger Joh. Matth. Gesner, einer der 
letzten Arbeiten des großen Gelehrten. 
Das Buch, dessen Merian zu einer in der 
Akademie zu haltenden Vorlesung be¬ 
durfte, hatte ihm nicht nur durch In¬ 
halt und Noten genützt, er hatte sich 
auch an der Erzählung in den Prolego- 
menis ergötzt, wie die „duces Gallici 
in quorum potestate tum eramus“, der 
Graf von Orlick und der Chevalier de 
Muy, Kommandanten in Göttingen im 
Sommer und Herbst 1757, den Verfas¬ 
ser mitunter des Abends, wenn er bei 
der Lampe arbeitete, überrascht, nicht 
geduldet, daß er das Hauskleid mit der 
vestis forensis vertauscht und in wis¬ 
senschaftliche, dem Krieg ganz fremde 
Unterhaltungen, verwickelt hätten. Ges¬ 
ner ahnte nicht, als er das schrieb, wie 
bald er diesem Kriege zum Opfer fal¬ 
len werde. Die Hauptsache für unseren 
Zusammenhang ist, was Merians Brief 
über die Verhältnisse der Berliner Aka¬ 
demie berichtet. Nicht daß er etwas 
bisher Unbekanntes enthielte, aber er 
führt auf die Fragen hin, die Michaelis 
gestellt, und den Zweck, zu welchem 
er sie gestellt hatte. 

„Vous demandös Monsieur, quelle est 
ma pension ä Berlin et je ne fais 
aucune difficultö de Vous dire que tout 
compris eile va enuiron ä sept eens 
öcus oUyov t£ <pllov x f. Nous avons sans 
doute un peu souffert du malheur des 


tems par rapport aux especes, cepem 
dant j’ai encore liea d'ötre assez con- 
tent, et d’ailleurs tout va se remettre 
sur landen pied. Ce n’est pas, Mr, que 
tout indigne que je suis, je n’aye eu 
des vocations trds avantageuses. Mais 
je suis attachö ä cette ville: la libertö, 
les agrömens et sur-tout le loisir litt6- 
raire, dont je jouis dans ma place, 
sont pour moi des objets trös-consi- 
dörables. Je suis un peu Epicurien sur 
ces articles-lä. Votre idöe de me sup- 
planter m'a bien fait rire. Je souhai- 
terois fort que Vous eussiös ce desir-lä. 
II en arriveroit que Vous seriös trans- 
plantö sans que je fusse supplantö; car 
nous avons icy de la place pour tous 
les habiles gens et sur-tout pour les 
personnes de votre mörite. Nos Acadö- 
midens pensionnaires ne sont pas at- 
tachös a un certain nombre, et il n’y a 
point de succession de place. Le nombre 
et la pension döpendent uniquement du 
bon plalsir de Sa Majestö ou de la 
disposition du President, lorsqu'il y en 
a un. Au reste nous ne sommes 
astreints ä aucun travail regle: toutc 
gßne est bannie, et nous ne travaillons 
que lorsque lesprit nous le dicte. Vous 
m’avouerös au moins, Monsieur, que 
pour un komme de lettres cela est ex- 
trßmement gradeux.“ 

Michaelis hatte offenbar Merian eine 
Art Tausch angeboten, er wollte nach 
Berlin gehen, Merian sollte nach Göt¬ 
tingen kommen. Der Tod Gesners 
(3. Aug. 1761) hatte in Göttingen eine 
Lücke hinterlassen, die schwer auszu¬ 
füllen war. Interimistisch verwaltete 
Michaelis die Gesamtheit seiner Ämter 
und war im Aufträge des Kurators auf 
der Suche nach einem Ersatz. Seit dem 
Herbst 1762 war man in Hannover un¬ 
abhängig von ihm durch Ruhnken in 
Leyden auf Heyne, der als Bibliothekar 
verborgen in Dresden lebte, aufmerk- 


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F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


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sam gemacht, eine Berufung, die Mi¬ 
chaelis nichts Gutes für seine eigene 
Stellung ahnen ließ und zur Zeit un¬ 
seres Briefes noch in der Schwebe war. 
Der Gedanke des Tausches kam Merian 
so lächerlich vor, daß er, besorgt, sein 
Korrespondent könne seine Antwort 
übel aufgenommen haben, am 12. März 
auf die Sache zurückkam und sich aus¬ 
führlich über seine Lage aussprach (Bl. 
93). 

Jl n’y a plus le moindre doute sur 
la palx nous avons däjä pro clam 6, 
chantö le Te Deum et tiri le canon. 
Le Roi fera son entrö le 2 ou le 3 lerne 
du mols prochain. On falt des pr6- 
paratifs immenses pour sa rdception, 
et la ville illuminee ßt decorie d'un 
bout ä l'autre ressemblera ä un palais 
magique .... Je me tiens, Monsieur, 
fort honor6 de la bonne opinion que 
Vous voules bien avoir de moi; et je 
suis extr&mement sensible aux marques 
d'amitii que Vous me donnez. II n'y a 
que les raisons les plus fortes qui 
puissent m'emp&cher de profiter de vos 
offres; et ce ne sont point des raisons 
d’intörßt, ou du moins ces dernieres ne 
sont qu’ accessoires. J’ai les plus gran- 
des obligations au Roi de Prusse. De- 
puis que je suis dans ce pals-ci, Sa 
Majestö n’a cessd de me donner des 
marques de sa bienveuillance et de me 
faire jouir de tous les agr&mens qui 
convenoient ä ma Situation, et cela de 
son propre mouvement et sans que je 
lui aye jamais rien demandö. Il y'a 
deux ans, que le Roi pr6venant nies 
desirs me fit dire que le mariage que 
j’avois alors en vüe avec la fille du 
feu conseiller prlvö Jordan lui feroit 
beaucoupdeplaisir, et pendant son der- 
nier s&jour ä Leipzig il s’est encore ex- 
plique sur mon sujet dans les termes 
les plus graoieux et m'a fait enuisager 
une trds agr&ible perspective. Vous 


voyez donc, Monsieur, que toutes sor- 
tes de liens me retiennent dans une 
ville, oü ma propre inclination me rete- 
noit d6jä depuis dix ans. Je n'en sens 
pas moins pour cela tout l'avantage 
qu’il y auroit pour moi de vivre avec 
Vous et avec tant d'habäes gens, qui 
font l'ornement de votre universitö et 
de votre acad&mie et tout le prix des 
bontis que Vous avez pour moi. Vos 
reflöxions me paroissent toutes trös 
justes. Si vos pensions sont honn&tes, 
eiles ne sont rien moins qu’ exorbi¬ 
tantes: la votre sur-tout me paroit 
bien au-dessous de ce que Vous möri- 
tis. Les gens du monde s'imaginent 
pour l’ordinaire que les savans doivent 
vivre d'air et se repaitre de fumie; et 
ce sont souvent les savans eux-memes 
qui se d6prisent ä ce point-lä en se 
donnant ä trop bon marcM. Je oonpois 
bien, Monsieur, que Von ne voudroit pas 
perdre ä Goettingue un komme comme 
Vous et que d’un autre cöt6 Vous ne 
voudriis peut-ötre pas quitter un en- 
droit, oü tant de raisons Vous atta- 
chent: mais je suis persuadä et toute 
l’Europe savante l est avec moi, qu'il 
n’y a point d'acadömie ni d’universitö, 
qui ne souhaität de faire votre acqui- 
sition. 3 ) 

La paix va rendre, je Vespere du 
moins un nouveau lustre ä notre aoa- 
d&mle. Le Roi nous a fait assurer qu’ ä 
ison retour il prendra de nous un soin 


3) Zur Erläuterung des Vorstehenden be¬ 
darf es nur zweier Bemerkungen. DerFreund 
des Königs Charles Etienne Jordan (+1745) 
hatte aus der Ehe mit Susanne Perröault 
(verstorben 1732 in Prenzlau) zwei Töchter 
hinterlassen. Eine von ihnen wurde Merians 
Gattin. — Nach dem am 15. Febr. 1763 ge¬ 
schlossenen Hubertusburger Frieden traf der 
König am 30. März abends in Berlin ein und 
wußte sich den zu seinem Empfang bestimm¬ 
ten Festlichkeiten zu entziehen. Koser, 
Friedrich d. Gr. II675. Nicolai, Anekdoten 
aus dem Leben Friedrich d. Gr. IV 84, V 122. 


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tont partiaulier et nous pouuonsattendre 
les plus belles choses de son amour 
pour les lettres.“ 

III. 

In seiner in den letzten Lebensjahren 
niedergeschriebenen Selbstbiographie er¬ 
zählt Michaelis: „In diesem Jahre 1763 
erhielte ich ganz unerwartet einen Brief 
aus Potsdam von Guichard“ (Quintus 
Icilius). Der Brief (oben Sp. 263) vom 18. 
Juli datiert, war „wegen des nach Göt¬ 
tingen nicht vortheilhaft eingerichteten 
Postenoourses“ erst am 23. in die Hände 
des Adressaten gelangt. Schon tags dar¬ 
auf antwortete er, und zwar ableh¬ 
nend, ohne Vorbehalt, obschon er die 
Bedingungen, die Berlin bieten würde, 
noch gar nicht kannte. Die Verhandlun¬ 
gen mit Merian zeigen, daß der Antrag, 
nach Berlin zu kommen, Michaelis nicht 
so überraschend getroffen haben kann, 
und die schnelle und entschiedene Ab¬ 
lehnung, daß er, gründlich über alle 
Aussichten, die ihm eröffnet werden 
konnten, unterrichtet, zur Erteilung sei¬ 
ner Antwort gerüstet war. Sie berück¬ 
sichtigt einerseits Hannover, anderer¬ 
seits Berlin. 

Seine Bewunderung des Königs, sein 
Stolz, in dessen Landen geboren zu 
sein, mußten ihm einen Antrag, der 
von einem solchen Kenner der Ver¬ 
dienste kam, „entzückend“ machen. 
Gleichwohl lehnt er ab, der Aufforde¬ 
rung entsprechend auch nur seine Be¬ 
dingungen zu stellen. Er hat in Hanno¬ 
ver viel Gnade erfahren. „Ein ohne 
allen Charakter ins Land kommender 
Ausländer“, ist er in Belohnungen und 
Zutrauen allen seinen Kollegen vorge¬ 
zogen und kann jetzt nicht, will er sich 
nicht dem Vorwurf der Undankbarkeit 
aussetzen, fremde Dienste suchen. Ohne 
eine Verbesserung seiner Einnahmen 
könnte er das Land nicht verlassen. 


und die Bedingungen, die er dann stel¬ 
len müßte, würden übertrieben schei¬ 
nen. Er steht sich auf 440 alte Louis¬ 
dor, die Hälfte als Gehalt, die andere 
als Einnahme aus Kollegien. Eine Er¬ 
höhung dieser Summe würde das über¬ 
schreiten, was er dem preußischen 
Lande wieder einbringen könnte. Mi¬ 
chaelis hofft, der König werde solch 
offener Darlegung seiner Gründe Ge¬ 
rechtigkeit widerfahren lassen und ihm 
die Gnade des großen Monarchen er¬ 
halten, dem sein Herz untertan zu sein 
nie aufhören werde. Er hatte sich kerne 
Bedenkzeit genommen und war mit nie¬ 
mandem als mit sich zu Rate gegan¬ 
gen, als er seinen Entschluß faßte und 
nach Berlin meldete. Oberst Quintus 
trug die Angelegenheit dem Könige im 
Beisein d’AIemberts vor. Sein Brief vom 
11. August, in dem er darüber an Mi¬ 
chaelis berichtete, ist charakteristisch. 
Er dankt für zwei ihm übersandte 
Schriften, die arabischen Fragen und 
die Übersetzung des Predigers Salomo, 
und spricht seine Anerkennung in war¬ 
men Worten aus. Erst in dem letzten 
kurzen Absatz kommt er auf die Ableh¬ 
nung des Antrags: der König lasse 
seiner Denkungsart Gerechtigkeit wi¬ 
derfahren und werde ihn auch fortan 
unter die Zahl derer setzen, die ihrem 
Vaterlande Ehre machen. „Vielleicht er¬ 
eignet sich Gelegenheit, Ew. Hochedel- 
gebom dero Verdiensten und Umstän¬ 
den gemäße Vorschläge zu thun.“ 1 ) 
Des Königs Antwort ist leicht erklär¬ 
lich. Er war nicht gemeint, auf die 
Gewinnung von Gelehrten für die Aka¬ 
demie viel Geld zu verwenden. In einem 


4) Die drei in Betracht kommenden Briefe 
(C. M. 324 Bl. 360ff.) vom 18., 27. Juli und 
11. Aug. 1763 sind bei Buhle II Nr. 59-61, 
S.429ff. gedruckt; der Michaelissche mit will¬ 
kürlichen Änderungen; der oben im Text 
mitgeteilte Schlußsatz des Schreibens von 
Quintus ist gänzlich unterschlagen. 


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275 


F. Frensdorf!, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


276 


Zeitalter, das sich so gern als das philo¬ 
sophische bezeichnete, müßten auch die 
Einzelnen Philosophen, das heißt in des 
Königs Sprache genügsam, sein. Seinen 
Vater nannte er einen Philosophen auf 
dem Thron, weil er „röduisit sa propre 
döpense ä une somme modique “ (Mem. 
Brand., CEuvres t. 1, 128). Als ein Ge¬ 
lehrter für 500 Taler von Brüssel nach 
Berlin zu kommen sich weigerte, schrieb 
der König an seinen Vorleser de Catt: 
les gens de lettres deviennent ä la 
!honte du sl&cle aussi avides d’intdröt 
que les financiers; ce sidcle philosophi- 
que est tres-peu philosophe (1764 CEuv¬ 
res 24 S. 19). Was Merian in einem 
seiner Briefe von den gens du monde 
und ihrer Behandlung der savans sagt 
(oben Sp. 272), gilt in erster Linie von 
dem König. Ein guter Rechner wie Mi¬ 
chaelis war am wenigsten geneigt, sich 
dem auszusetzen. 6 ) Sein Enthusiasmus 
für den König war nicht groß genug, 
um sich darüber zu vergessen. Wer so 
oft wie er den Eigennutz für die 
stärkste Triebfeder des menschlichen 
Lebens erklärt hat, machte für sich 
keine Ausnahme von dem, was alle be¬ 
wegte. Merian hatte zur Zeit eine Ein¬ 
nahme von 700 Talern, die in den 
nächsten Jahren auf 900 stieg (Hamack, 
Gesch. der Berliner Akademie I 491). 
Michaelis konnte die seine nahezu auf 
das DreL r ache schätzen. Schlosser er¬ 
klärt deshalb Michaelis’ Ablehnung 
ganz richtig mit den Worten: Göttin- 


5) Auf die Nachricht, A. v. Haller werde 
in preußische Dienste treten, schrieb Micha¬ 
elis an ihn, der bei der großen Entfernung 
den jetzigen Geldzustand von Deutschland 
nicht völlig kennen werde, daß 2000 Taler 
hannoverisch Geld ungefähr so gut seien 
als 4000 Taler preußisches, und riet ihm, 
die Vorsicht zu gebrauchen, sich das Sala- 
rium in einer auswärtigen Münzsorte, z. E. 
in holländischen Dukaten auszubedingen 

S 762 Juni 19, Bern, Hallersche Korrespondenz 
d. 21 N. 76). 


gen paßte für seine ökonomischen 
Zwecke besser als das Land des kargen 
Königs (Gesch. des 18. Jahrh. II. 539). 

Die günstigste Aufnahme seiner Ab¬ 
lehnung hätte man von Hannover 
erwarten sollen. Michaelis hatte sie ge¬ 
meldet und um deren Mitteilung an 
den König gebeten. Das war geschehen, 
aber nicht, wie er gewünscht hätte, 
schriftlich, sondern mündlich durch den 
zur Zeit beim König in London weilen¬ 
den Geh. Rat von Behr. Der König 
habe die Ablehnung wohl aufgenom¬ 
men, wurde ihm geantwortet, und das 
blieb die einzige Antwort, die ihm zu¬ 
teil wurde. Aber noch mehr. Er hatte 
bisher in der Gunst und im Vertrauen 
der Regierung gestanden; sie hatte sei¬ 
nen Rat in den verschiedensten Uni¬ 
versitätsangelegenheiten gesucht und, 
wie er selbst sagt, ihn in Belohnungen 
und Zutrauen allen vorgezogen. 6 ) Mi¬ 
chaelis bemerkte sehr bald, daß dies 
sich änderte, und gab seiner Enttäu¬ 
schung selbst nach außenhin Ausdruck; 
so in einem Briefe an den Marquis von 
Lostanges, einen Offizier der französi¬ 
schen Besatzung, der sich die allge¬ 
meine Sympathie in Göttingen erwor¬ 
ben, so daß ihn die Sozietät zum Ehren- 
mitgliede gemacht und die juristische 
Fakultät als ,JUi aula et in sago Illuster“ 
zum Doktor kreiert hatte (1764 Janr. 6, 
C. M. 325, Bl. 375c). Er schreibt hier, 
nachdem er von dem königlichen An¬ 
erbieten und seiner Ablehnung berich¬ 
tet: 11 semble pourtant, que je n’ai 
pas bien fait en n’acceptant les offres 
genereuses du Roy de Prusse, oar on 
m'a fait fait (!) depuis ce tems quel¬ 
ques chagrins ä Goettinguen, qui chan- 
gent ma ntaniere de penser et que je 
ne devois pas me promettre. 

Um dieselbe Zeit muß Michaelis in 

6) Im Konzept: Belohnungen und Confi- 
dence. Von Buhle willkürliä geändert. 


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F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


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gleichem Sinne dem Oberst Quintus 
Icilius geschrieben haben, denn dieser 
schließt einen Brief an ihn mit den 
Worten: „Es betrübt mich übrigens, 
daß die Aufmerksamkeit Sr. Majestät 
auf Ew. Wohlgeb. Denenselben einige 
Vermindrung der Ihnen schuldigen 
Achtung und Zutrauens zugezogen hat. 
Ich hätte mich sollen einbilden, dero 
großmüthige Entschuldigung solche 
vielmehr hätte vermehren müßen. Allein 
man denkt fast aller orten auf einerley 
Weise“ (1764 Febr. 4, C. M. 324, Bl. 
376). Auch in die Korrespondenz mit 
A. v. Haller, der auch nach der Rück¬ 
kehr in seine Heimat Präsident der 
königlichen Sozietät der Wissenschaf¬ 
ten geblieben war, fließt die gleiche 
Klage ein: „In Hannover ist man mir 
jetzt sehr ungnädig, doch ist schwer 
die Ursache zu errathen" (1764 Mai 29, 
Bibi. Bern, Einzelbrief). Worin die Un¬ 
gunst der Regierung bestehe, sagt er 
nirgends, ebensowenig, was er als ihren 
Grund vermute. Die Andeutung eines 
etwas späteren Briefes an Haller: „Die 
Ursachen (seiner Zurückhaltung gegen 
Hannover) werden Ew. Hochwohlgeb. 
gewiß billigen, wenn ich sie dereinst 
mündlich erzähle: die eine gehet so 
weit, daß ich, wenn ich einmahl in an¬ 
dere Dienste treten sollte, sie als eine 
Rechtssache vor dem Ober-Appella- 
tions-Collegio treiben würde“ (1764 Okt. 
28, Bern Hallersche Korresp. Bd. 23 
Nr. 157), ist zu mysteriös, um eine 
Aufklärung zu bringen. In seiner Selbst¬ 
biographie (S. 100) läßt er den Um¬ 
stand, daß er um diese Zeit ein für ihn 
„sehr bequemes, aber dabey kostbares 
Haus“ erwarb, eine Rolle in demVerhalten 
der Regierung spielen. Die Ansässig- 
machung habe ihn so an Göttingen ge¬ 
bunden, daß die Regierung, in dem 
Glauben, seiner sicher zu sein, es nicht 
für nötig gehalten habe, etwas Weiteres 


für ihn zu tun. Die Gedanken der Re¬ 
gierung können das nicht gewesen sein. 
Nach der Gunst, die er bisher genos¬ 
sen, der Stellung, die er eingenommen 
hatte, und dem hohen Wert, den das 
Kuratorium fortdauernd seiner Lehrtä¬ 
tigkeit für die Universität beilegen 
mußte, ist das Verhalten der Regie¬ 
rung gegenüber dem Schritt, der Göt¬ 
tingen vor dem Verlust einer solchen 
Kraft bewahrte, und den Motiven, aus 
denen er ihn getan hatte, nicht ohne 
weiteres erklärlich. Michaelis hatte den 
Berliner Antrag abgelehnt, um nicht 
gegen Hannover undankbar zu sein. 
Jetzt fällt der Schein der Undankbar¬ 
keit auf Hannover. Anstatt ihn zu be¬ 
lohnen, entzieht man ihm das Ver¬ 
trauen, dessen er bisher gewürdigt wor¬ 
den war. Die Wendung war unverkenn¬ 
bar. Über ihre Aufnahme im Publikum 
ließ sich eine Göttinger Stimme als¬ 
bald bei Haller vernehmen: „Der Cre¬ 
dit des Herrn M., der seit vielen Jahren 
bei Ihro Excellenz dem Herrn Cammer¬ 
präsidenten so vieles vermocht hat, 
scheinet seit einiger Zeit sehr gefallen 
zu seyn. Das allgemeine Schicksal der 
Lieblinge! Es ist hier bey vielen ein 
großes Frohlocken darüber.“ Als Haller 
das M. nicht verstanden hatte oder 
nicht verstehen wollte, erläuterte es 
Murray, der Sekretär der 'Sozietät, und 
ergänzte es durch den Zusatz: „Herr 
Hofrath Pütter hat die Gnade des 
Ministers gewonnen, und auch andere 
rechtschaffene Leute participiren 
daran.“ 7 ) Weniger einig war man sich 
über den Grund der Veränderung. Der 
Geograph Büsching, ein fleißiger Korre¬ 
spondent Michaelis’, vermutete, auf 
alte Göttinger Erfahrung gestützt, „der 
große Konsistorialrat, der die Vormund¬ 
schaft für die theologische Fakultät zu 

7) 1764 Jan. 17; Juni 21; 1765 Jan. 30 
(Bern, Bd.23 Nr. 16 u.86; 24 Nr. 15). 


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F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


280 


Göttingen von Hannover aus verwaltet“ 
— gemeint ist Götten —, habe ihn bei 
dem Herrn Premier Ministre ange- 
schwärzet, glaubte aber, Michaelis habe 
mit seiner Ablehnung des Berliner An¬ 
trages „nicht übel gethan“, denn „das 
dasige Regiment habe viel unerträg¬ 
liches“ und seine Einnahme in Göttin¬ 
gen werde „nicht weniger oder doch 
nicht viel weniger betragen, als er in 
Berlin zu erwarten hatte“ (1766 April 6, 
C. M. 321, Bl. 195). Andere, nament¬ 
lich in Göttingen, machten Michaelis’ 
widerwilliges Verhalten zu den Neu¬ 
ordnungen, welche nach dem Tode Ges- 
ners und dem Eintritt Heynes nötig 
wurden 8 ), verantwortlich. Der wahre 
Grund kann alles das nicht gewe¬ 
sen sein. Das zeitliche Zusammen¬ 
treffen des Wandels mit den Berliner 
Verhandlungen ist kein Zufall. In 
ihnen ist der Wendepunkt zu suchen. 
In Hannover hat man vermutlich er¬ 
fahren, daß der Ruf nicht improvisiert 
gekommen, sondern von langer Hand 
vorbereitet war. Das Suchen fremder 
Dienste ist von den Regierungen immer 
Übel aufgenommen worden, um wieviel 
mehr hier, wo es sich um einen Beam¬ 
ten handelte, der seit Jahren in der 
hohen Gunst seiner Vorgesetzten ge¬ 
standen hatte. Jedenfalls hat Michaelis 
seine Ablehnung nachmals gründlich 
bereut. Er nennt sie in seiner Selbst¬ 
biographie (S. 99) eine seiner ärgsten 
Übereilungen, und in einer Eingabe an 
die Geheimen Räte aus seinen letzten 
Lebensjahren erklärt er sein damaliges 
Verhalten als eine Art von Exzeß der 
Dankbarkeit, die „Ew. Hochwohlge- 
bome Excellenzen ein wenig an Ein¬ 
falt gränzend finden werden“ (Gött. 
Kuratorial-Archiv, Akte Michaelis). Da 

8) Siehe meinen Aufsatz: Eine Krisis in 
der Gesellschaft der Wissenschaften (Götting. 
Nachrichten 1892 Nr. 3). 


er aber zuvor den damals noch seltenen 
Hof ratstitel (1761) und ungesucht eine 
Gehaltserhöhung erlangt hatte, so habe 
er den preußischen Antrag nicht als 
Hebel neuer Gunstbezeigungen be¬ 
nutzen mögen. Als sie sich aber weder 
damals noch nachher von selbst ein¬ 
stellten, so fühlte er, der edel gehan¬ 
delt zu haben meinte, sich tief verletzt. 
Der kluge Rechner hatte sich doch ver¬ 
rechnet. Sein Exzeß der Dankbarkeit, 
wie er ihn nennt, schützte ihn zwar 
vor materiellem Verlust, aber nicht vor 
Einbuße an einem geistigen Gute, das 
er nicht weniger hoch schätzte, an Ein¬ 
fluß. Seine Natur war nicht danach, 
solchen Verlust ruhig hinzunehmen. 

IV. 

Michaelis, der sich selbst der Leiden¬ 
schaftlichkeit zeiht, ließ es nicht bei 
bloßen Klagen bewenden, sondern ver¬ 
suchte bald, ob sich nicht das früher 
Versäumte nachträglich erreichen lasse, 
zumal Quintus’ Äußerungen eine Hoff¬ 
nung auf die Zukunft eröffnet hatten 
(oben Sp. 274). Eine Zeitlang trug er 
sich mit der Absicht, nach Berlin zu 
reisen und sich womöglich dem Kö¬ 
nige vorzustellen. Schon zu Anfang des 
Jahres 1765 schrieb er an Lostanges: 
J'ötö pro Chain j’irai faire un tour ä 
Potsdam et ä Berlin, oü j’aurai peut- 
ßtre l’occasion de voir ce grand komme, 
qul nous a entretenu si souuent par 
lies exploits“, worauf der Franzose er¬ 
widerte: „öcriuöz moy quand uous 
serös ä Potsdam et que uous aues vu 
le grand Roy et le grand komme de 
guerre, dont uous etes nö le sujet “ (C. 
M. 325, Bl. 381 und 383). Die Reise 
kam nicht zustande, ebensowenig die 
des nächsten Jahres. Weshalb, erklärt 
ein Brief an Haller: „Ich hatte vor im 
Augusto nach Berlin zu reisen, allein 
weil gerade um die Zeit der König in 


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Schlesien war und doch eine Hauptab¬ 
sicht war, diesen großen Herrn zu 
sehen, so mußte die Reise unterbleiben“ 
(1766 Juni 11 Bern, Bd. 25 Nr. 106). 
Auch Briefe von Freunden und Kol¬ 
legen aus dieser Zeit, z. B. Büsching, 
sprechen von der Hoffnung, ihn in Ber¬ 
lin zu begrüßen (C. M. 321, Bl. 212). 
Aber auch der Gedanke der Übersiede¬ 
lung tritt wieder auf und wiederholt 
sich in denselben Formen wie früher. 
Allerdings erst nach 1770 und einem 
für Göttingen so einschneidenden Er¬ 
eignis wie dem Tode des großen Kura¬ 
tors Münchhausen. War Michaelis’Aus¬ 
tritt aus der Sozietät geeignet gewe¬ 
sen, einen Mann, der vor allem auf die 
„Wahrung des utile“ seiner Stellung 
bedacht war, dem Herzen des Mini¬ 
sters zu entfremden, so war er jetzt 
selbst sich bewußt, daß unter der neuen 
Leitung der Universitätsangelegenhei¬ 
ten durch Georg Brandes in Hannover 
und durch Heyne in Göttingen seine 
ehemalige Rolle völlig ausgespielt war. 
Er knüpfte deshalb aufs neue in Ber¬ 
lin an. Im Mai 1773 erhielt er folgen¬ 
den Brief: 9 ) 

Wolgeborner, Hochgelerter Herr! 
Höchstzuverehrender Herr Hoff-Rathl 

E. Wi. bin für geneigte Antwort auf 
meine Anfrage wegen Übersetzung 
eines Persischen Briefes sehr verbun¬ 
den. Ein Gelehrter in Amsterdam hat 
die Übersetzung gelifert und dafür eine 
große goldene Medaille erhalten. Aus 
E. W. Schreiben merkte ich eine beson¬ 
dere Neigung für Dero Vaterland, und 
wie glücklich wollte ich mich schätzen, 
wen ich Gelegenheit seyn könte, daß 
ein so großer Gelehrter, auf den 

9) Cod.Mich.324 Bl. 121. Datum und Unter¬ 
schrift des Briefes sehr undeutlich; daher die 
Zweifel bei W. Meyer, Verzeichnis III 231. 
Die Ermittlung des Verf. verdanke ich Herrn 
Oberbibliothekar Dr. Joachim. Adreßkalen¬ 
der der Kgl. Preuß. Lande f. 1775 S. 6. 


Deutschland mit Recht stoltz seyn kan, 
seinem und meinem Vaterlande wider 
gegeben seyn würde. Ich habe etwas 
gethan, davon ich nicht sicher bin, daß 
es E. W. approbiren werden, ich hoffe 
es aber. Da ich vor einiger Zeit mit 
den Herrn Oberst v. Quintus Hochwol- 
geb. zu sprechen Gelegenheit hatte, 
machte ich disem gelehrten Herrn sol¬ 
ches bekannt, Sie erboten sich dazu die 
Hand zu biten und trugen mir auf 
E. W. zu fragen: 1) Wie hoch dieselben 
jetzo an Salario stünden und wie vil 
Dieselben bey einer Veränderung ver¬ 
langten? 2) Mit welchem Character Die¬ 
selben bekleidet zu werden wünsch¬ 
ten? 3) Ob Dieselben bey der Universi¬ 
tät oder sonst wo wolten placirt seyn? 
Ich verlange E. W. Entschlißung dieser 
Puncte wegen nicht zu wißen, bitte mir 
aber ein Schreiben an des Herrn Oberst 
v. Quintus Hochwohlgeb. aus, damit 
solches an disen Herrn geben kan. Ich 
habe die Ehre mit größter Hochach¬ 
tung mich zu nennen 

E. W. 

gehorsamst ergebenster Diener 
Hirte. 

Potsdam 

den 22. Maji 1773. 

Die eingangs erwähnten Tatsachen 
hingen damit zusammen, daß der Kö¬ 
nig im November 1772 einen Brief und 
Geschenke Hyder Alis erhalten, der 
sich zum Herrscher Malabars gemacht 
und nach einem Krieg mit den Eng¬ 
ländern eine mächtige Stellung in In¬ 
dien errungen hatte. Der Brief, in per¬ 
sischer Sprache abgefaßt, von einem 
Juden Isaak Goldschmidt überbracht, 
war dazu bestimmt, Preußen zur Be¬ 
gründung einer Handelsniederlassung 
an der indischen Küste zu bewegen. 
„Le defaut d'une marine, il est vrai, ne 
me permettra point d’en profiter 


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F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


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schrieb der König an den Minister von 
Finkenstein, erinnerte sich an das vom 
Großen Kurfürsten 16S3 angelegte Fort 
Groß-Friedrichsburg, das vierzig Jahre 
später an die Holländer verkauft wor¬ 
den war, und verlangte zunächst eine 
getreue Übersetzung des überbrachten 
Briefes. Die Minister bemühten sich 
vergebens in Berlin, in Halle und Leip¬ 
zig einen des Persischen kundigen Ge¬ 
lehrten aufzutreiben und hatten den 
Brief schließlich an Thulemeyer, den 
preußischen Gesandten im Haag, ge¬ 
schickt. 10 ) Ob der die geeignete Per¬ 
sönlichkeit selbständig ausfindig 
machte oder ob, wie nach dem Ein¬ 
gang unseres Briefes zu vermuten, Mi¬ 
chaelis’ Rat dabei mitgewirkt hat, läßt 
sich nicht mehr ermitteln. Die Hilfe 
kam von Leyden. Sein berühmter Orien¬ 
talist, Schultens, übersetzte den Brief 
ins Lateinische, woraus dann für den 
König eine Übertragung ins Französi¬ 
sche hergestellt wurde. Der König ließ 
ihm dafür eine goldene Medaille im 
Wert von 25 Dukaten zugehen; da die 
anfangs dazu bestimmte, auf die Hul¬ 
digung Westpreußens geprägte, nicht 
zu haben war, so trat die der Schlacht 
bei Sorr von 1745 gewidmete an die 
Stelle. 

Der Schreiber des obigen Briefes, Joh. 
Gottlob Hirte, Pastor bei der Heiligen¬ 
geistkirche in Potsdam, ist sonst nicht 
in der Michaelisschen Korrespondenz 
vertreten. Aber Michaelis hatte seiner 
Unzufriedenheit kein Hehl und machte 
seinem Herzen auch gegen Personen 
Luft, die er wenig kannte oder zum 
ersten Male sprach. Hirtes Vorschlag 
mochte ihn zu sehr an die Vorgänge 

10) Politische Korrespondenz Friedrichs 
d. Gr. Bd. 33 : 28. Mai 1772 Nr. 21548 ; 8. Jan. 
1773 S. 91; vgl. das. Nr. 21556, 21875, 21893 
u. S. 371. Herrn Dr. Klinkenborg vom Kgl. 
Geh. Staatsarchiv danke ich den Hinweis 
auf diese Stellen. 


vor zehn Jahren erinnern. Er schlug 
einen anderen Weg ein und setzte sich 
mit französischen Gelehrten in Verbin¬ 
dung. Da er wissen wollte, d’Alembert 
habe die Ablehnung des von ihm an¬ 
geregten Rufes übel genommen, so be¬ 
nutzte er die Gelegenheit, daß Schlözer 
im Winter 1773 nach Paris reiste, um 
durch ihn d’Alembert einen Brief über¬ 
reichen zu lassen, den dieser am 7. Ja¬ 
nuar 1774 erwiderte (C. M. 320, Bl. 16): 
11 y a longtemps, monsieur, que uotre 
grande et juste reputation m’est connue; 
et c'est en consequence de la haute 
estime que uous m’auez inspiröe, que 
me trouvant en 1763 ä la cour du Roi 
de Prusse je lul parlai de uous auec 
tous les 6loges que uous rneriiez et 
que je l’exhortcd ä uous aitirerdans scs 
Mats. On rn’a dit qu'il l’auoit fait et 
que uous n'auiez pas acceptö ses offres. 
Si uous etiez actuellement, monsieur, 
dans la disposition d’y consentir, je ne 
doute pas que ce Prince ne s'empressüt 
de faire l'acquisition d'un homme tel 
que uous. Vous n’auez besoin sur cela 
d’aucune recommendation que de uotre 
i nom et de uos ouurages. Cependant, si 
mon foible suffrage pouuoit uous etre 
en cette occasion de quelque utilit6, 
ordonnez, monsieur, et uous me trou- 
uerez fräs empressi ä faire tout ce qui 
pourra uous plaire et uous obliger. Je 
pourrois n\6me assurer le Roi dePrusse 
qu’ä tous uos autres merites uous en- 
joignez un, qui n’est pas ä beaucoup 
prös le plus grand, mais qui aura beau¬ 
coup de poids auprös de lui. Vous 
sauez combien il aime et cultlue la 
langue francoise. Je pourrai lul dire 
que je connois peu d' etrangers qui la 
parlent aussi purement et aussi 616- 
gamment que uous. Je n' auroi pas 
besoin d'autre preuue que la lettre 
m6me que uous m’auez fait l'honneur 
de m’6crire. 


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F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


286 


Dem jungen Gräzisten Villoison in 
Paris, der ihm sein Lexicon Homericurn 
übersandt hatte, trug Michaelis in sei¬ 
nem Dankschreiben Grüße an d’Alem- 
bert au! und bat ihn zu versichern: 
certus esse potest me Berolinum itu- 
rurn, si a Rege Borussiae bonis con- 
ditionibus illuc evocer. Der vorsichtige 
Hausvater ersuchte ihn aber zugleich 
um Verschwiegenheit nach Göttingen 
hin, mit dem der französische Gelehrte 
seit Schlözers Besuch in Verbindung zu 
kommen suchte, „habeo enim domum 
hortos agros“, deren Veräußerung es 
erschweren würde, wenn man den 
Grund des Verkaufs erführe (1774 April 
10, C. M. 329, Bl. 441). Von da ab 
erhielt sich eine Korrespondenz zwi¬ 
schen Michaelis und d’Alembert. Neben 
den Schriften, die er ihm sandte, suchte 
Michaelis dem Verhältnis auch eine 
persönliche Färbung zu geben. Seinem 
ältesten Sohn Friedrich, der 1776 in 
Straßburg als Dr. med. promoviert 
hatte, im Jahre darauf auf einer ge¬ 
lehrten Reise Paris besuchte, gab er 
eine Empfehlung an d’Alembert mit, der 
ihn freundlich aufnahm. Als der Sohn 
drei Jahre später mit den hessischen 
Truppen nach Nordamerika ins Feld 
zog, glaubte ihn der Vater bei seinem 
gelehrten Freunde entschuldigen zu 
müssen: er gehe nur als Arzt mit, töte 
niemanden, weder Franzosen noch 
Amerikaner, und beschäftige sich nur 
damit, Wunden zu heilen (1780 Juni 17, 
C. M. 320, Bl. 20). d’Alembert vergaß 
seine Zusage nicht und in den Verhand¬ 
lungen über die Wiederbesetzung von 
Stellen der Akademie erinnerte er an 
Michaelis. 

Ein Brief vom 15. Dez. 1775, ,/anni- 
uersaire de la batcdlle de Kesselsdorf“, 
wie d’Alembert dem Datum beifügt, 
trägt dem König nach andern Personal¬ 
fragen vor: „On m’a dit aussi, que Mr. 


Michaelis de Goettingue, auec lequel 
je riai d’ailleurs aucune relation, mais 
qut est un savant trös-disfingud et que 
V. M. desirait il y a douze ans d'attirer 
ä Berlin, serait aujourd’hui plus ä cette 
transplantation par quelques dögoüts 
qul diminuent son attachement pour le 
pays de Hanoure: C’est encore un auis 
que mon zöle seul me dicte et dont 
V. M. fern l’usage qu’elle jugera ä 
propos suiuant sa sagesse et ses lu- 
miö res" (CEuvres 1. c. Nr. 165, S. 33). 
Das war nicht bloß eine sehr „unma߬ 
gebliche“, sondern auch eine, vergli¬ 
chen mit den großen Komplimenten 
seines Briefes, sehr gemäßigte Emp¬ 
fehlung. Da aber d’Alembert von Mi¬ 
chaelis’ deutschen Arbeiten keine eigene 
Kenntnis hatte, enthielt er sich jedes 
sachlichen Urteils. Persönlich sich für 
Michaelis zu verwenden, wie er in Aus¬ 
sicht gestellt hatte, wurde ihm bald 
unmöglich. Schon im Mai 1777 schrieb 
er, seine Gesundheit verbiete ihm die 
lange und anstrengende Reise nach 
Deutschland: „et un sejour humide et 
relächant tel que celui de Potsdam.“ 
Wenn er aber auch verhindert sei, dem 
Könige auszusprechen „tout cela que 
je pense de vous et l’auentage qu’il 
trouveroit ä s’assurer d'un savant 
aussi celebre“, so werde er in seinen 
Briefen keine Gelegenheit versäumen, 
seinen Verdiensten Gerechtigkeit wider¬ 
fahren zu lassen (1777 Mai 9, C. M. 
320, Bl. 18). Der Aufenthalt vom Som¬ 
mer 1763 blieb d’AIemberts erster und 
einziger in Berlin (Koser II 346). Ob 
er noch brieflich die alte Empfehlung 
erneuert hat oder nicht, der König fand 
sich nicht weiter veranlaßt, in die 
Sache einzugehen. 

Noch bevor sich Michaelis nach 
Frankreich wandte, hatte er seine 
Freunde in England für seine Be¬ 
schwerden zu interessieren gesucht. Un- 







287 


F. Frensdorff, J. D. Michaelis und die Berliner Akademie 


288 


ter seinen dortigen Korrespondenten 
war keiner regsamer als John Pringle, 
der Leibarzt der Königin, der im Som¬ 
mer 1765 gleichzeitig mit Benjamin 
Franklin Göttingen besucht hatte. Ein 
Mann ganz nach dem Herzen Michaelis’. 
Er hatte die Schlachten bei Dettingen 
(1743) und bei Culloden (1743) mitge¬ 
macht, sich große Verdienste um das 
militärische Sanitätswesen erworben 
und war „ein sorgfältiger Untersucher 
der Religion“. Der Briefwechsel (C. M. 
327) hat dreißig Briefe von ihm auf¬ 
zuweisen, fast alle bei Buhle gedruckt. 
Über die Streitigkeiten mit den Kolle¬ 
gen, die Michaelis zum Austritt aus der 
Sozietät bewegen, tröstet ihn Pringle 
mit dem Ausspruch des englischen 
Weisen: detroction is a tax whlch a 
man must pay to the public for betng 
eminent (1770, Buhle II 269). Wenn Mi¬ 
chaelis aber seine Unzufriedenheit mit 
der Regierung durch die Vermittlung 
Pringles bei dem Könige anzubringen 
suchte, so mußte er sich durch den ge¬ 
wissenhaften Mann, der alles meddling 
in business ablehnte, daran erinnern 
lassen, daß solche Dinge dem Könige 
allein durch seine hannoverschen Mini¬ 
ster vorgetragen werden könnten, as 
what concerns this country can only 
be touched by his English minist ers 
(1771, S. 272). 

Vermochten alle diese indirekten 
Wege nicht das ersehnte Ziel der Ge¬ 
nugtuung für das, was ihm unverdient 
nach seiner Meinung widerfahren war, 
zu erreichen, so blieb noch immer der 
alte Gedanke an Berlin bestehen. Noch 
im Frühjahr 1780 schrieb Caroline an ihre 
Freundin in Gotha: „mon pöre avoit 
dessein de faire pendant cet 6t6 le 
voyage de Berlin“. 11 ) Gesundheitsrück- 


11) 1780 Mai 5. Erich Schmidt, Caroline I 
S. 25. 


sichten zwangen ihn statt dessen Pyr¬ 
mont aufzusuchen. Krankheiten der 
nachfolgenden Zeit verhinderten das 
bloß Aufgeschobene nachzuholen. 

Die ganze Reihenfolge von Handlun¬ 
gen tätiger Reue hatte einen merkwür¬ 
digen negativen Erfolg. Nicht nur daß 
Michaelis’ sehnlicher Wunsch, den Kö¬ 
nig zu sehen und zu sprechen, unerfüllt 
blieb, ja er gelangte auch nicht einmal 
dazu, Berlin kennen zu lernen. Es ist 
ein Irrtum, wenn Hamack in der Ge¬ 
schichte der Akademie (11,410) berich¬ 
tet, der König habe Michaelis nach Ber¬ 
lin kommen lassen und sich mit ihm 
über die besten Mittel Deutschland auf- 
zuklären, unterhalten, aber vergeblich 
versucht, ihn für die Akademie zu ge¬ 
winnen. Hätte Michaelis eine Unter¬ 
redung mit dem Könige gehabt, er 
würde nicht verfehlt haben, ihrer in 
seiner Selbstbiographie zu gedenken. 
Statt dessen berichtet er in seinen Brie¬ 
fen (oben Sp. 230) von der Vereitelung 
der projektierten' Reisen nach Berlin, 
und da ein Vorhaben jüngerer Jahre. 
Berlin aufzusuchen, um bei dem Hof¬ 
prediger Scholtz Koptisch zu lernen, 
dadurch unausführbar geworden war, 
daß Münchhausen den schon erteilten 
Urlaub mit Rücksicht auf den eben 
ausgebrochenen Krieg zurückgenommen 
hatte, konnte er am Ende seines Le¬ 
bens schreiben, er habe Berlin nie ge¬ 
sehen (Selbstbiographie S. 57). 

Es fällt auf, daß bei dem zweiten 
Versuch nach Berlin zu kommen der 
Name Merlans gar nicht genannt wird. 
Er war 1771 an Stelle des im selben 
Jahre verstorbenen d’Argens Direktor 
der Klasse des Beiles Lettres geworden, 
war das regsamste Mitglied der Aka¬ 
demie und eines der wenigen, die der 
König öfters sprach. Die alte Korre¬ 
spondenz zwischen ihm und Michaelis 
hatte fortbestanden. Als Merian einen 


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289 


Victor Klemperer, Die Entwicklung der Neuphilologie 


290 


französischen Auszug aus Michaelis’ 
großem Werke über das Mosaische 
Recht (1770 ff.) zu übernehmen aus 
Mangel an Zeit ablehnte, da der König 
ihm durch die Inspektion des Joachims- 

Die Entwicklung 

Von Victor 

Am 5. Oktober in Halle, auf dem ersten 
allgemeinen Neuphilologentag nach dem 
Kriege, wo man die Stellungnahme zur 
kommenden Schulreform beriet und da¬ 
mit also Dinge, die wahrhaftig mehr als 
ein enges Fachinteresse beanspruchen, 
gab es einen kleinen tragikomischen 
Zwischenfall. Scheinbar war es nur ein 
kurzer und grimmiger Hiebwechsel zwi¬ 
schen zwei Fachgelehrten, Gelehrtenzwist, 
wie er seit Humanistentagen immer wie¬ 
der vorkommt und von Außen- und 
Darüberstehenden belächelt wird. Aber 
in Wirklichkeit steckte dahinter genau 
soviel wie hinter dem berühmten „Streit 
der Alten und der Neuen“, durch den 
sich in der französischen Literatur das 
Jahrhundert der Aufklärung der klassi¬ 
schen Zeit gegenüber rebellisch anzeigt: 
zwei Anschauungen vom Wesen der 
Wissenschaft rangen hier miteinander 
(wie damals die Anschauungen vom We¬ 
sen der Kunst), und was mehr, ich meine: 
von unmittelbarer Bedeutung ist: sie ran¬ 
gen um den Einfluß auf die Ausbildung 
unserer Lehrerschaft, und somit buchstäb¬ 
lich des kommenden Geschlechtes. 

Ein Altmeister unserer jungen Roma¬ 
nistik, Stengel, hatte humorvoll „Erinne¬ 
rungen“ zum besten gegeben: wie es 
ihm in den sechziger Jahren an deut¬ 
schen Universitäten noch ganz an Leh¬ 
rern und Bildungsmöglichkeiten gefehlt 
habe, und mit wie geringen Kenntnissen, 
wie tastend er seine Handschriftenfor¬ 
schungen beginnen mußte. Uns Jünge¬ 
ren, die wir bei unseren neuphilologi- 

Internationale Monatsschritt 


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thalschen Gymnasiums neue Geschälte 
auferlegt habe (1774 März 1, C. M. 326, 
Bl. 103), hörte die Korrespondenz auf, 
obschon die beiden Männer noch sieb- 

I zehn Jahre nebeneinander lebten. 

der Neuphilologie. 

Klemperer. 

sehen Studien die besten Lehrer, die ge¬ 
diegensten Werke, die reich ausgestatte¬ 
ten Seminare als etwas Selbstverständ¬ 
liches hingenommen haben, uns über¬ 
raschte an diesen Erinnerungen am mei¬ 
sten ihr Datum. 1860 hatte es noch so 
um die Neuphilologie gestanden? Was 
da erzählt wurde, klang ja nach finste¬ 
rem Mittelalter. Unser zweiter Gedanke 
galt der Bewunderung und Dankbarkeit 
für die Männer, die in so kurzer Zeit 
unsere Wissenschaft zu voller und weit¬ 
hin anerkannter und berühmter Entfal¬ 
tung gebracht haben. Und nun ließ der 
Jenenser Romanist Schultz-Gora, der sel¬ 
ber schon zu den Älteren zählt und 
hohes und berechtigtes Ansehen genießt, 
die Großtaten deutscher Romanisten der 
vorigen Generation, Adolf Toblers vor 
allem, Groebers, Appels, Foersters, an 
uns vorüberziehen. Aber nicht das war 
sein eigentliches Thema. Er sprach über 
„Die deutsche Romanistik in den letzten 
zwei Jahrzehnten“, und die freudige An¬ 
erkennung der vorigen Generation bil¬ 
dete nur den Auftakt zum bitteren Ta¬ 
del der gegenwärtigen. Wie sich im De- 
camerone freudig das heitere Leben von 
dem dunklen Gemälde der Pest abhebt, so 
bildete hier umgekehrt der gegenwärtige 
Zustand romanistischer Verderbnis den 
düstersten Gegensatz zu Toblers Zeiten. 
Es sei schwer nicht die Geduld zu ver¬ 
lieren, wenn man Karl Voßlers Behaup¬ 
tungen lese, sagte Schultz-Gora, und 
während er mit diesem genialen Sprach- 
philosophen wenigstens noch rang, lehnte 

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291 


Victor Klemperer, Die Entwicklung der Neuphilologie 


292 


er Literarhistoriker, die die neueste Dich¬ 
tung in den Kreis ihrer Betrachtungen 
ziehen, vollkommen als durchaus unwis¬ 
senschaftlich ab. Das erbitterte nun den 
temperamentvollen Berliner Vertreter der 
Romanistik, Eduard Wechssler, um so 
mehr, als er sich mit schönem Erfolg do¬ 
zierend und schreibend gerade um die 
jüngste Literatur bemüht, und so preßte 
erseinen Zorn in einen einzigen, aber fürch¬ 
terlichen Satz zusammen: auch Schultz- 
Goras Zeiten nannte er längstverflossen, 
auch dieser Professor habe nur „Erinne¬ 
rungen“ vorgetragen. 

Es wird in Halle manchem so wie mir 
ergangen sein, der die Grundlagen sei¬ 
ner Wissenschaft noch von Tobler und 
Schultz-Gora, die eigentliche Begeiste¬ 
rung für sein Studium und sein dauern¬ 
des Gepräge aber von Voßler empfangen 
hat: er wird von diesem Zusammenprall 
peinlich berührt worden sein, zugleich 
es aber als Wohltat und Notwendigkeit 
empfunden haben, daß sich hier eine be¬ 
deutende Klärung anbahnt. An ihr wol¬ 
len die folgenden Ausführungen mitar- 
beiten. Sie gehen durchaus auf das All¬ 
gemeine im Wesen der Geisteswissen¬ 
schaft, wenn auch Stoff und Beispiel dem 
Sondergebiet der romanischen Philologie 
entnommen sind. 

1 . 

Die romanische Philologie hat es un- 
gemein schwer gehabt, sich den älteren 
Schwestern, der klassischen und der ger¬ 
manischen Philologie, gegenüber volle 
Anerkennung als Wissenschaft zu errin¬ 
gen. Mußte sie doch, das zeigten ja 
Stengels Erinnerungen, im 19. Jahrhun¬ 
dert fast so tastend beginnen, wie es die 
Altphilologie im Zeitalter des Humanis¬ 
mus getan hatte. Damit hing es nun 
offenbar zusammen, daß sie ganz und in 
jeder Hinsicht ausschließlich „wissen¬ 
schaftlich“, ganz auf die Erkenntnis des 


positiv und objektiv Feststellbaren ge¬ 
richtet sein wollte, daß sie sich in man¬ 
cher Hinsicht sozusagen päpstlicher als 
der Papst, enger als ihre autoritativen 
alten Schwestern gebärdete. Um dies 
an einem Beispiel zu zeigen, so beginnt 
Gustav Groebers „Französische Literatur“ 
in seinem uns unentbehrlichen „Grund¬ 
riß der romanischen Philologie“ mit die¬ 
ser prinzipiellen Erklärung: „Welche Art 
der Darstellung an dieser Stelle für die 
Geschichte der französischen Literatur, 
des Schrifttums von künstlerischer Form 
in französischer Sprache, zu wählen sei, 
kann nicht zweifelhaft sein. Es ist hier 
nicht statthaft, die französische Dichtung 
und Prosa nach Gegenwartswerten, vom 
künstlerischen, sittlichen oder religiösen 
Standpunkt aus abzuschätzen, oder nach 
persönlicher Überzeugung und Weltan¬ 
schauung über Entwicklung und Art der 
französischen Literatur zu urteilen, oder 
die psychologische Analysierung der lite¬ 
rarischen Erzeugnisse in französischer 
Sprache in Angriff zu nehmen, oder aus 
den Richtungen und Wandlungen des 
literarischen Geistes in Frankreich und 
aus seinen Wirkungen Folgerungen auf 
geistige Zustände in der französischen 
Nation und bei den Nachbarvölkern zu 
ziehen, oder die sog. vergleichende Me¬ 
thode anzuwenden, oder zu versuchen, 
den unmündigen Leser durch die abrun¬ 
dende oder geistreiche Manier für den 
Stoff zu gewinnen.“ Und es sei auch 
knapp gezeigt, mit welch unbeirrbarer 
und leidenschaftlicher Treue der gelehrte 
Philologe dieses negative Prinzip anwen- 
det. Er stellt den anmutigen Liebesroman, 
den der alte Dichterkomponist Machault 
um 1364 schrieb, in dieser unwiderleglich 
richtigen Weise dar: Machault „erzählt 
sein Liebesabenteuer in 8 Silbnern, unter¬ 
bricht die Erzählung mit 30 Rondeaux 
zu 2—3 Reimen, 20 Balladen, 10 Chan¬ 
sons baladees, 2 Complaintes, einem Lai 


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293 


294 


Victor Klemperer, Die Entwicklung der Neuphilologie 


nach den komplizierten Regeln gebaut, 
die Eust. Deschamps aufstellte, und mit 
2 weiteren Refraingedichten (i. g. 9037 V.), 
sowie durch Prosabriefe, die mit ihm 
wie jene Lieder eine 17 jährige Dame 
wechselt, die sich in den alten gichtischen 
Mann wegen seiner Gedichte und seines 
Dichterruhmes verliebt halte, ihm in 
einem Rondeau ihre Liebe gestand, fort¬ 
fuhr in ihm durch Beteuerungen in Ver¬ 
sen und Prosa Hoffnungen zu erwecken, 
und die selbst ihn zur Veröffentlichung 
dieses eigentümlichen Liebesromanes mit 
allem Beiwerk veranlaßt haben soll.“ 
Unmöglich, sich noch freier zu halten 
von allem Ästhetischen, Psychologischen, 
Philosophischen, von allem Geistigen 
eben und also im letzten Grunde von 
allem Lebendigen überhaupt. Sobald 
ein Leser mit seiner Lektüre andere 
Zwecke verfolgt als das Aufspeichern 
nackten Tatsachenmaterials, muß ihm 
eine Literaturgeschichte wie diese aus 
der Hand fallen, „come corpo morto ca- 
de“. Aber darauf eben ganz allein kam 
es der in der Bildung begriffenen neuen 
Wissenschaft an: nacktes und unanfecht¬ 
bares Tatsachenmaterial herbeizuschaffen. 

Was sie dabei beirren, was sie also 
vor allem angstvoll wie Krankheitskeime 
meiden mußte, waren im wesentlichen 
diese Dinge: 

Einmal die Berührung mit aller Philo¬ 
sophie. Denn wie will man über ein philo¬ 
sophisches System auch nur berichten, 
ohne durch die Form der Wiedergabe sel¬ 
ber Stellung zu nehmen und somit ein sub¬ 
jektives, ein „unwissenschaftliches“ Mo¬ 
ment in sein eigenes Werk zu tragen? 
Und wie will man gar eine philosophi¬ 
sche Fragestellung auf eine Erscheinung 
der Sprachwissenschaft anwenden, ohne 
ins Spekulative zu geraten und also wie¬ 
der den festen Boden unter den Füßen 
zu verlieren? In dieser Abkehr vom Phi¬ 
losophischen ist die Neuphilologie viel 


strenger und enger verfahren als die 
klassische und germanische, die nicht die 
Angst des Parvenüs kennt. (Ein Par¬ 
venü ist immer zu ängstlich, wenn er 
nicht für unbescheiden gelten will.) 

Sodann war die Berührung mit der 
Gegenwart zu scheuen, vor allem mit 
gegenwärtiger Literatur und Kultur, in¬ 
direkt auch mit gegenwärtiger Sprache, 
die ja den lebendigen Körper des leben¬ 
digen Geistes bildet. Denn hier lagen 
Gefahren subjektiver Abirrung, die den 
glücklichen Altphilologen in ihrem Fache 
ganz fremd waren. Da ist es wieder 
charakteristisch, daß die Geschichte der 
französischen Literatur in Groebers Grund¬ 
riß lange nicht über das Mittelalter hin¬ 
aus geführt wurde, erst in diesem Jahr¬ 
hundert Morfs ausgezeichnete Fortsetzung 
bis zur Schwelle der Klassik erhielt und 
darüber hinaus überhaupt noch nicht ge¬ 
diehen ist. Und bezeichnend war es auch, 
daß bis in die allerjüngste Zeit hinein 
(wo dann freilich ein paarmal gründlich 
entgegengesetzt verfahren wurde) nie¬ 
mand auf einen ordentlichen Lehrstuhl 
gelangte, der in seinen Forschungen einen 
moderneren Zeitraum als allenfalls die 
Renaissance aufgesucht hätte. Den eigent¬ 
lichen Nachweis seiner Gelehrtheit hatte 
man am Mittelalter zu erbringen, besser 
auf sprachlichem als auf literarischem 
Gebiete — und mußte es schon ein lite¬ 
rarisches Thema sein, so war es eben 
„streng philologisch“ zu behandeln, am 
besten sprachlich zu kommentieren oder 
doch literarhistorisch so darzustellen, wie 
Groeber seinen Machault dargestellt hat 

Und aus der Verpflichtung zur Ab¬ 
kehr von der Philosophie und der Mo¬ 
derne ergab sich mit Notwendigkeit ein 
drittes Verbot: Synthesen waren verpönt. 
Wie hätte eine Synthese bieten können, 
wer sein Ich ganz aus dem Spiel zu las¬ 
sen hat, wer den Boden der Gegenwart 
nicht betreten darf, wer die Berührung 

10 * 


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295 


Victor Klemperer, Die Entwicklung der Neuphilologie 


2 ' 


mit der Philosophie um seiner Berufs¬ 
ehre willen scheuen muß? Auch ist ja, 
wer Synthese anstrebt, ständig in Ge¬ 
fahr, die Exaktheit des Einzelfaktums hier 
und dort außer acht zu lassen. 

2 . 

Nun wäre es eben so ungerecht wie 
undankbar, zu verkennen, was jene ältere 
Neuphilologie in ihrer freiwilligen Ein¬ 
schränkung geleistet hat. Ein gediegen¬ 
stes Fundament hat sie erbaut. Die Fran¬ 
zosen haben eigentlich erst bei'uns ihre 
alte Sprache buchstabieren gelernt, un¬ 
sere Forscher haben die versunkenen 
Schätze des französischen mittelalterlichen 
Schrifttums ans Licht gehoben und ge¬ 
reinigt. Wofür wir während des Krie¬ 
ges diese französische Quittung erhalten 
haben, daß es deutscher Begabung ent¬ 
spreche, in wohlorganisierter und gedul¬ 
diger Arbeit mechanische und gewisser¬ 
maßen körperliche Leistungen zu voll¬ 
bringen, an denen sich dann die schöpfe¬ 
rische Genialität Frankreichs belebend 
und vergeistigend betätigen könnte. Da¬ 
bei haben die Franzosen nur eines über¬ 
sehen: daß nämlich auch in Deutschland 
diese Vergeistigung des Stofflichen be¬ 
reits begonnen hatte. Hier wirkte mein 
Münchener Lehrer, Karl Voßler, bahn¬ 
brechend. Sein Buch vom Jahre 1913 
„Frankreichs Kultur im Spiegel seiner 
Sprachentwicklung", gegen das sich 
Schultz-Goras erbitterte Angriffe richte¬ 
ten, hat die romanische Philologie aus 
der Enge der Einzelbetrachtung, des nur 
Positivistischen, des Körperlich-Mechani¬ 
schen mit einem Schlage herausgeführt 
ins Freie und Weite des Philosophischen 
und Synthetischen, er hat — das ist ge¬ 
wiß keine Übertreibung — durch dieses 
eine Buch, in dem er viele Studien zusam¬ 
menfaßte, die romanische Philologie aus 
einem vorbereitenden Handwerk zu einer 
wahren Geisteswissenschaft gemacht. 


Freilich auch, und das wird ihm so schwer 
verziehen: zu einer Kunst. Denn da er 
alles Sprachliche geistig zu erklären, da 
er auch so mechanischen Vorgängen wie 
dem Lautwandel geistig befriedigende 
Deutungen zu geben suchte, so überließ 
er sich mehrfach seiner Intuition, so ge¬ 
riet er hier und dort gewiß ins Subjek¬ 
tive und Unerwiesene. Vielen ist solch 
ein Ringen um Vergeistigung selbst da 
höchster Genuß und höchste Bereiche¬ 
rung, wo es im einzelnen erfolglos bleibt; 
viele auch klammern sich gerade an diese 
einzelnen Erfolglosigkeiten und verurtei¬ 
len das Ganze als unwissenschaftlich. 
Auf den Inhalt dieses Begriffes kommt 
alles an: ist wissenschaftlich nur das, 
was exakte unbestreitbare Einzelheiten 
bietet, oder auch das, was aus diesen 
Einzelheiten und über sie hinaus baut und 
so dann freilich letzten Endes ins Künst¬ 
lerische, ins Intuitive, ins eigentlich Gei¬ 
stige und Lebendige übergeht? Deutsch¬ 
land ist durch lange Jahrzehnte gegan¬ 
gen, in denen nur jenes Exakte Geltung 
hatte, in denen eine Geisteswissenschaft, 
wenn sie als Wissenschaft gelten wollte, 
wie eine Naturwissenschaft betrieben 
werden mußte. Dem hat sich auf unserm 
Gebiete Voßler widersetzt und hat uns, 
vielleicht hier und da im einzelnen irrend, 
ebendorthin geführt, wo die Philologie 
als die Lehre vom sprachlichen Ausdruck 
des Geistigen hingehört. 

War nun aber das Recht auf philoso¬ 
phisches und synthetisches Betrachten ge¬ 
wonnen, so durfte auch die Beschäftigung 
mit dem gegenwärtigen Leben, mit der 
jüngsten Literatur nicht mehr verpönt 
werden. Gewiß, die Beurteilung zeitge¬ 
nössischer Kunstwerke wird der Subjek¬ 
tivität immer großen Spielraum nicht nur 
lassen, sondern geradezu aufzwingen. Es 
ist viel leichter, dem alten Machault un¬ 
befangen gegenüberzustehen als etwa 
dem nationalistischen Mystiker Claudel. 


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297 

So war es schon vor dem Kriege, so ist 
es in der Neuphilologie heute erst recht. 
Es ist überaus schwer, dem Feinde von 
gestern und heute gegenüber unbefangen 
zu sein, und gelingt mir auch solche Un¬ 
befangenheit für meine Person, so bin 
ich doch wieder befangen, weil ich mich 
ja einem zu äußerst erregten Publikum 
gegenüber weiß. Sobald ich mir bewußt 
bin, daß ich die Klippen der Versöhnlich¬ 
keit und der Unversöhnlichkeit zu um¬ 
steuern habe, so fahre ich eben nicht 
mehr geradezu, sondern mit Vorsicht und 
in allerhand Windungen. Und dennoch 
kann und darf daraus nicht der Schultz- 
Gorasche Schluß gezogen werden, daß 
die Beschäftigung mit der modernen Li¬ 
teratur auf unsern Hochschulkathedern 
zu vermeiden sei. Wir müssen zwischen 
Scylla und Charybdis hindurch auf sie 
zu, aus äußeren und inneren, aus prak¬ 
tischen und theoretischen Gründen. Das 
Bedürfnis den Gegner kennen zu lernen, 
den viele bei uns falsch eingeschätzt hat¬ 
ten, ist heute lebhafter als je zuvor: sol¬ 
len wir, die unser Studium zu einem 
menschenmöglichen Höchstmaß von Ob¬ 
jektivität erzieht, dieses Vermitteln der 
fremden Eigenart dem Journalisten und 
Feuilletonisten allein überlassen, der wie¬ 
derum durch seinen Beruf der Objektivi¬ 
tät ebenso entfremdet werden muß, wie 
wir geradezu auf sie gedrillt werden? 
Und können wir zu wirklich lebendigen 
und völligen Synthesen gelangen, wenn 
wir angstvoll an der Schwelle des gegen¬ 
wärtigen Lebens stehen bleiben? So tun 
die Männer, die die jüngste Literatur in 
den Kreis ihrer wissenschaftlichen For¬ 
schung ziehen, praktisch und theoretisch 
Notwendiges. Und kämpfen Schulter an 
Schulter mit den philosophisch Gerichte¬ 
ten den Kampf der Neuen gegen die 
Alten. Ich denke besonders an Eduard 
Wechssler, der in Berlin für die neueste 
französische Literatur tätig ist; ihn trennt 


298 


manche Fehde von Karl Voßler, und 
dennoch sind sie Bundesgenossen in je¬ 
nem Kampf. 

3. 

Aber muß dieser Krieg sein, oder ist 
er auch nur wirklich, sofern man die 
Dinge unter höherem Gesichtspunkt be¬ 
trachtet? 

Die Frage klingt seltsam genug, wo 
sich die Neuen so machtvoll gegen so 
harten Widerstand der Alten durchzu¬ 
setzen streben. Und wo es, wie ja ein¬ 
gangs betont, gerade um die künftige 
Schulgestaltung, also um unendlich mehr 
als um Meinungsverschiedenheiten der 
Gelehrten geht. Wie stark man sich der 
Tragweite der Bestrebung bewußt ist, 
und wie man von verschiedenen Seiten 
mit ganz verschiedenen Worten das 
Gleiche anstrebt, dafür setze ich zwei 
Beispiele her, die beide den romanisti¬ 
schen Fachrahmen dieser Zeilen verlas¬ 
sen. In der „Hilfe“ vom 5. Oktober 1920 
schreibt der Marburger Anglist Max 
Deutschbein unter dem Titel „Wissen¬ 
schaft und Leben“ über die zwei Strö¬ 
mungen in den Geisteswissenschaften, 
„den positivistisch gerichteten Historizis¬ 
mus und die Phänomenologie“. Der 
Shakespearephilologe, als der historisch¬ 
positivistisch gerichtete, frage nicht nach 
der künstlerischen Idee und dem „Ewig¬ 
keitswert“ des „Hamlet“, sondern nach sei¬ 
nen Quellen, denen er weithin über 
Raum und Zeit bis zu den Wikingern 
und in den Orient nachforsche. Wolle 
man nun in unsern höheren Schulen den 
historisch gerichteten Gelehrten vorbe¬ 
reiten, so entferne man sich meilenweit 
vom Leben; wolle man aber die Wissen¬ 
schaft phänomenologisch betreiben, sie 
also sich „nach dem Wesentlichen, Leben¬ 
digen, Dauernden, Ewigen der geistigen 
Gebilde“ orientieren lassen, so werde 
auch keine Kluft zu entstehen brauchen 
zwischen Gelehrtenschule und „schöpfe- 


Victor Klemperer, Die Entwicklung der Neuphilologie 


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2Q9 


Victor Klemperer, Die Entwicklung der Neuphilologie 


300 


rischer Lebensschule“ . . . Und bei der 

Eröffnung des diesjährigen Ferienkurses 
fürNeuphilologen an der Dresdener Hoch¬ 
schule, deren allgemeine Abteilungauf die¬ 
sem Gebiet mit immer verstärkten Kräften 
und steigendem Erfolg um Gleichberechti¬ 
gung neben den Universitäten ringt, führte 
Oskar Walzel aus, daß uns hier in Dres¬ 
den, gerade weil wir den künftigen Lehrer 
nur erst teilweise zum Staatsexamen vor¬ 
bereiteten, eine schöne Sonderaufgabe 
gestellt sei: während der Kandidat an 
den Universitäten den Einzelfragen nach¬ 
gehen müsse und sich zu spezialisieren 
habe, könnten ihm bei uns noch um¬ 
fassende Synthesen geboten werden .., 
Mir scheint, als trete Walzel genau wie 
Deutschbein für die Betonung des Phä¬ 
nomenologischen ein; und beide stehen 
sie an der Seite der „Neuen“, und beide 
bekunden sie, daß es sich hier nicht um 
Fach-, sondern um Lebensfragen handelt. 

Und dennoch glaube ich: es ist kein 
eigentlicher Kampf vorhanden. Ich greife 
auf das zurück, was ich von der Not¬ 
wendigkeit schrieb, die moderne Litera¬ 
tur vom Katheder herab mitzupflegen. 
Das falle uns zu, meinte ich, weil wir 
von Berufs wegen die Objektiven seien. 
Nun und wodurch das? Doch nur durch 
unser historisches Erfassen der Dinge, 
weil wir eben gelernt haben, sie in ihrer 
Verknüpftheit zu begreifen und nichts 
als etwas Wurzelloses hinzunehmen. Der 
Gegensatz zwischen phänomenologischer 
und historischer Wissenschaft, zwischen 
Spezialforschung und Synthese ist im 
letzten nicht vorhanden: es kann nur 
vollkommene Wissenschaft geben, die 
auf historischer Basis die Frage nach 
dem Lebendigen und Geistigen erörtert, 
die über sorgliches Einzelstudium zur 
Synthese vorschreitet, — oder unvoll¬ 
kommene Wissenschaft. In unserer Neu¬ 
philologie hat die vorige Generation die 
notwendig etwaslichtlosen, aber massiven 


und prachtvoll gediegenen Fundamente 
gebaut; wie könnten wir weiterbauen, 
wenn wir uns nicht sehr genau (und mit 
dankbarer Bewunderung) über das Wesen 
dieses Grundbaues klar wären? Aber 
sind wir die Gegner dieser Generation? 
Verachten wir, was sie getan, oder schä¬ 
digen wir ihren Bau? Es will mir schei¬ 
nen, als wenn Voßler aufs schönste fort¬ 
führt, was die Tobler und Groeber be¬ 
gonnen haben, als wenn sie ihm zu 
ebenso vielem Danke, mindestens zu 
ebenso vielem, verpflichtet seien, als er 
es ihnen ist; denn er führt über ihren 
Fundamenten ein Haus auf, in das sehr 
viel Licht einströmt. Wenn hier Kampf 
herrscht, so nur aus Versehen: kein Ge¬ 
gensatz besteht, nur Entwicklung voll¬ 
zieht sich. 

Freilich, so friedlich kann es nur in den 
schönen Bezirken der eigentlichen und 
ganzen Wissenschaft aussehen. Es ist 
nur wenigen gegeben, sich ihr Leben lang 
der reinen Wissenschaft widmen und 
sich nun gleichmäßig historisch und phä¬ 
nomenologisch durchbilden zu können. 
Für die höhere Schule und für die Leh¬ 
rerausbildung ist es von höchster Wich¬ 
tigkeit, daß eine Entscheidung getroffen 
werde, worauf denn nun in einer not¬ 
wendigerweise nur annähernd vollkom¬ 
menen Ausbildung der Nachdruck zu 
legen sei: auf den Weg von den Wur¬ 
zeln zum Leben oder auf das Leben sel¬ 
ber. Und hier allerdings, in der prakti¬ 
schen Region, wird der Kampf zwischen 
Neuen und Alten durchgefochten werden 
müssen. 

4. 

Es sei mir endlich erlaubt, auf einen, 
wenn nicht auf den Entscheidungspunkt 
schlechthin in diesem Kampfe hinzuwei¬ 
sen, wie ich schon in Halle getan habe. 
Da werden die schönsten Beschlüsse ge¬ 
faßt über all das Lebendige und Geistige, 
das den Schülern beizubringen ist. Es 


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301 


Zeitschriftenschau 


302 


wird auch auf den Universitäten an vie- des höheren Lehramts gezwungen, die 
len Orten schon das Geistige und Le- meiste Zeit an die historische Gramma¬ 
bende gelehrt: Sprachphilosophie, Kul- tik, an die „Lautschieberei“ zu setzen, 
tur und Psychologie in bezug auf die Wie oft habe ich Studenten klagen hören: 
exakte Philologie, neueste Literatur wir möchten herzlich gern in dies oder 

-was aber hilft das alles, wenn der jenes anregende Kolleg gehen, aber das 

Student, wenn der künftige Lehrer an wäre Luxus. Die nötigen Literaturkennt- 
einer höheren Schule durch ein Examen nisse eigne ich mir im letzten Augenblick 
beengt ist, in dem das — ich möchte aus einem Abriß an, die Tücken des 
sagen: nichtphänomenologische Wissen parasitischen i wollen lange studiert und 
noch die Hauptrolle spielt? Wenn er ge- auswendig gelernt sein! Man sage nicht, 
zwungen ist, sich lange Semester mit daß unsere Prüfungsordnungen der Lite- 
Examensstoff zu belasten, den er nach- raturgeschichte, dem Geistigen bereits 
her baldmöglich vergessen wird, und der Raum genug ließen. Es ist noch nicht 
ihm wenig für sein eigentliches Lehramt Raum genug, zum mindesten wird in den 
gibt? Gerade in seinen besten Jugend- tatsächlichen Prüfungen noch ein Über¬ 
jahren, wo der künftige Lehrer des Eng- gewicht auf das parasitische i und seines- 
lischen und Französischen sich einen gleichen gelegt. Hier zuerst und hier 
möglichsten Vorrat an Kenntnis der eng- vor allem wird Abhilfe zu schaffen sein, 
lischen und französischen Literatur und hier wird das Historische in den Dienst 
Kultur, der geistigen Eigenart dieser Völ- des Lebendigen treten müssen, statt es 
ker überhaupt aufspeichern sollte, gerade zu tyrannisieren. Das bedeutet keines- 
da ist er behindert. An Gelegenheit fehlt wegs die Forderung, die Gründlichkeit 
es ihm wahrhaftig nicht, von vielen Ka- des neuphilologischen Studiums zu be- 
thedern wird ihm bereits die Hülle und seitigen, sein solides Fundament anzu- 
Fülle geboten. (Welch umfassendes Wis- tasten. Man lasse nur den Studenten 
sen um die Struktur Englands und des nicht ein Übermaß seiner kostbaren Zeit 
englischen Wesens ging z. B. aus dem allein in den Kellergewölben sitzen, man 
mit Empfänglichkeit, ja mit Jubel aufge- zeige ihm, daß die Fundamente um des 
nommenen Vortrag hervor, den in Halle Gebäudes willen da sind, und mache ihn 
der Bonner Anglist Dibelius über die in den lichten Räumen dieses Hauses 
englischen Kolonien hielt! Wir armen heimisch. Dann wird ihn sein Studium 
Romanisten waren übel daran, da unsere nicht dem Leben entfremden und wird 
„Neuen“ eigentlich nur von unseren „Al- dennoch und erst recht ein wissenschaft- 
ten“ genannt wurden, wobei sie denn liches sein, und dann wird auch Leben 
eben schlecht'genug abschnitten ...) Und in unsere höheren Schulen dringen, ohne 
gerade in diesen unwiederbringlichen Bil- das gelehrte Wissen daraus zu vertreiben, 
dungsjahren ist der künftige Kandidat 

Zeitschriftenschau. 

Pädagogik. rerbildung“ mit der Mahnung ein: „Es 

Die Erörterung pädagogischer Fragen hat wäre an der Zeit, eine Abhandlung zu 
im Laufe des zu Ende gegangenen Jahres schreiben über f die Grenzen der Politik in 
eine Leidenschaftlichkeit angenommen, die der Schulpolitik’.“ Daß gegenwärtig die 
für deren Lösung wenig förderlich erscheint. Schulfragen dem Streite der Parteien über- 
Im Hinblick darauf leitete Eduard Spran- antwortet sind, wo sich vor einer breiten 
ger seine Schrift: „Gedanken über Leh- Öffentlichkeit die Wirkung feinerer Unter- 


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Zeitschriftenschau 


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Scheidungen verflüchtigt, gereicht dem Bil¬ 
dungsproblem ebensowenig zum Vorteil wie 
die Eile, mit der die schwierigsten, die viel¬ 
fältigsten Wenn und Aber in sich schließen¬ 
den Fragen einer schnellen Lösung zuge¬ 
trieben werden. Schon reden wir von einem 


herausgegeben von der Pädagogischen Stif¬ 
tung Cassianeum in Donauwörth, bringt in 
Heft 3/4 dieses Jahrganges einen beach¬ 
tenswerten Aufsatz von Prof. W. Grote, 
Frankfurt a. M., über „Die Volkshoch¬ 
schule“. Der Verfasser sucht das Wesen 


Kampfe um die Schule, in dem die Gegen¬ 
sätze der politischen und der religiösen 
Grundstellung, also Weltanschauungsgegen¬ 
sätze, sich auswirken. Wie schwer es sein 
wird, hier die rechte Lösung zu finden, hat 
die Reichsschulkonferenz gezeigt, die vom 
11. bis zum 19. Juni 1920 in Berlin tagte 
und auf der sich über 600 Fachvertreter der 
verschiedensten Richtungen vergeblich um 
die Gewinnung einer gemeinsamen Formel 
bemühten. Obwohl das am heftigsten um¬ 
strittene Problem, die Ausgestaltung der 
allgemeinen Volksschule, gar nicht zur Be¬ 
ratung stand und nur über die Fragen der 
Schulorganisation, der Arbeitsschule und der 
Lehrerbildung verhandelt wurde, hat sich 
die Reichsschulkonferenz angesichts der Un¬ 
vereinbarkeit der erhobenen Forderungen 
einer bindenden Entscheidung entzogen, 
dadurch, daß sie auf das Recht der Beschlu߬ 
fassung über die behandelten Gegenstände 
verzichtete. So blieb sie »in theoretischen 
Erörterungen stecken und ward ein erstes, 
weithin sichtbares Zeichen dafür, wie schwer 
sich in dem Streite um die Neuorganisation 
unseres Bildungswesens die mittlere Linie 
wird finden lassen. Dieses Problem be¬ 
herrscht jetzt fast ausschließlich auch die 
Auseinandersetzungen der Schul- und Leh¬ 
rerzeitungen. Ihnen gegenüber finden die 
eigentlichen pädagogischen Fachzeitschrif¬ 
ten viel eher die ruhige Sammlung, die zur 
Behandlung grundsätzlicher pädagogischer 
Fragen und innerer Bildungsangelegenheiten 
gehört, wenn auch daneben die organisa¬ 
torischen Probleme ihre Würdigung erfah¬ 
ren. Aus dem reichen Schatze dieser fast 
ausnahmslos im Tone ruhiger Sachlichkeit 
geschriebenen Zeitschriftenaufsätze kann die 
vorliegende Jahresschau nur einige wenige 
Erörterungen auswählen. 

Die katholische Monatsschrift „Pharu s“ 1 ), 


1) Inhalt: 1./2. Heft 1920: Joseph Heigen- 
mooser, Schulforderungen der Gegenwart. 
— G. Lurp, Die höhere deutsche Schule. — 
Franz Weigl, Die künftige Berufsbildung der 
Volksschullehrer. — August Volkmer, Der 
Sinn des jugendtümlichen Unterrichts. — 
Hugo Löbmann, Über schulische Mißerfolge. 

3./4. Heft: Fanny Imle, Franziskus von 


und die Aufgabe dieser neuen Bildungs- 
Veranstaltung aus ihrer Entstehungsge¬ 
schichte zu verdeutlichen. Er zeigt, wie 
dem großen dänischen Volksfreund und 
DichterGrundtvig (1783—1872) in derZeit 
des durch England verschuldeten Unglücks 
seines Volkes zu Anfang des 19. Jahrhun¬ 
derts, teilweise angeregt durch Fichte, die 


Assisi als Volkserzieher. — Heinrich Kautz, 
Der soziale Lebenstyp. — W. Grote, Die 
Volkshochschule. — Hermann Rolle, Zur 
Reform der Lehrerbildung. — Joseph Mayer, 
Zur Lehrerbildung. 

5.'6. Heft: Friedrich Wilhelm Foerster, 
Christentum und Pädagogik. — Fr. X. Kiefl, 
Erklärung. — Joseph Weigert, Volksbildung 
und Volksbildungsaufgaben auf dem Lande. 

— August Volkmer, Ertüchtigung des Volks¬ 
schullehrers zur Pflege des deutschen Volks¬ 
tums in der Schule. — Bernhard Airam, 
Kann die Ordensfrau im neuen Volksstaat 
noch Bildnerin von Volksschullehrerinnen 
sein? 

7. Heft: Georg Lurp, Zur Einheitsschul¬ 
bewegung. — J. Hoffmann, Elternräte an 
den höheren Lehranstalten. — M. L. Knabl, 
Die Gabe der pädagogischen Beobachtung. 

— August Volkmer, Persönlicher Unter¬ 
richt. — E. Leitl, Modernes Schulelend. 

8. /9. Heft: Heinrich Kautz, Die Pflege des 
Volkstums in der Industrie. — Hugo Löb- 
mann, Berufsethos des Lehrers. — J. Hoff¬ 
mann, Typen von Lehrern an humanisti¬ 
schen Gymnasien. — M. Charitas Sthiml, 
Die sechsklassige Mittelschule für Mädchen. 

10. Heft: Rudolf Prantl, Beeinflussung und 
Erziehung. — Bruno Clemenz, Die Heimat¬ 
schule. — Paul Ludwig Schweiger, Entwurf 
zu einem Aufbau und Ausbau unseres Schul¬ 
wesens. — Bernhard Seiller, Der Kampf um 
unsere klösterlichen höheren Mädchenschu¬ 
len. — Heinrich Kautz, Volkstumspflege und 
Indust! ieseelsorge. — S. Widmann, Zu Ernst 
M. Roloffs Lebenserinnerungen. 

11. /12. Heft: Matthias Lechner, Wesen 
und Eigenart der katholischen Erziehung. — 
Joseph Schröteler, Neu-Deutschland, Ver¬ 
band katholischer Schüler höherer Lehr¬ 
anstalten. — Jos. Adrian, Arbeitsschule. — 
Hugo Löbmann, Der Arbeitsschulgedanke 
im Religionsunterricht. — Joseph Weigert, 
Das volkstümliche Lehrgut im ländlichen 
Religionsunterricht. — J. Pfletschinger, Neu¬ 
bau des Rechenunterrichts. 


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Zeitschriftenschau 


306 


Idee aufging, durch Pflege der Volkseigen¬ 
art das nationale Empfinden und das Hei- 
matgefühl zu beleben, um so das gesunkene 
Vertrauen des Volkes zu seiner eigenen 
Kraft, das nationale Selbstbewußtsein wie¬ 
der zu heben. Nachdem dieser Gedanke 
im Jahre 1857 mit der Gründung der ersten 
Volkshochschule in Ryslinge auf Fünen seine 
endliche Verwirklichung gefunden, hat die 
große Verbreitung dieser Einrichtung (heute 
gibt es über 70) den dänischen Bauernstand 
allmählich zu einer hochentwickelten Eigen¬ 
kultur geführt, die ebensowohl das Funda¬ 
ment seiner wirtschaftlichen Leistungsfähig¬ 
keit wie seiner politischen Tüchtigkeit ge¬ 
worden ist. Als private, vom Staate völlig 
unabhängige Unternehmung, in der Form 
eines Unterricht und Erziehung verbinden¬ 
den Internats für die ländliche Bevölkerung 
eingerichtet, stellt diese Veranstaltung nicht 
sowohl eine Lern- als eine Lebensschule 
dar mit dem Ziele, das Persönlichkeits¬ 
leben, das geistige Interesse, die seelische 
Veranlagung zu wecken, für das Schöne 
und Edle zu begeistern, eine höhere Lebens¬ 
auffassung und Weltanschauung zu geben, 
darüber hinaus aber die nationale Eigenart 
zu pflegen, Volkskultur zu treiben und so 
die Jugend für den Staat zu erziehen. In 
dieser Form der Heimschule ist die Volks¬ 
hochschule seit 1905 nach Deutschland über¬ 
tragen worden, zuerst nach Schleswig- 
Holstein, wo Friedrich Paulsen ihr für 
seine engere Heimat die Aufgabe zuwies, 
„den Söhnen und Töchtern bäuerlicher Ver¬ 
hältnisse und verwandter Familien auf dem 
Lande eine Erziehungsstätte zu bieten, die 
in freierer Weise und mit voller Benutzung 
der Kräfte der Selbst- und der Gemein¬ 
schaftserziehung, aber mit festen, das Ganze 
des Lebens umhegenden Ordnungen die 
Erziehung und Ausbildung zur freien und 
selbständigen Persönlichkeit vollendet, die 
im Elternhaus begonnen hat, und ihre Zög¬ 
linge geschickt zu machen, alle die Auf¬ 
gaben zu lösen, welche die ländliche Le¬ 
benssphäre stellt.“ Aber nur vereinzelt hat 
das schleswig-holsteinische Beispiel vor dem 
Kriege in Hessen, Bayern und Württem¬ 
berg Nachahmung gefunden. 

Nach dem Kriege gilt es nun, nicht nur 
die unterbrochene Entwicklung wieder auf¬ 
zunehmen, sondern das Unternehmen ganz 
wesentlich in den Dienst des Wiederauf¬ 
baus und der Volkserneuerung auf geisti¬ 
gem und nationalem Gebiete zu stellen. So 


deutet der Verfasser in Anlehnung an das 
dänische Vorbild die Aufgabe der neuen 
deutschen Volkshochschule dahin, sie habe 
die der Schule Entwachsenen in einem Al¬ 
ter, in dem die großen Fragen des Lebens 
an sie herantreten, geistig weiterzubilden, 
aber nicht durch einseitige Pflege des Ver¬ 
standes, sondern indem sie den ganzen 
Menschen erfaßt, alle schlummernden Kräfte 
weckt und zuletzt Persönlichkeiten, Charak¬ 
tere mit selbständigem Urteile und weitem 
Blick zu schaffen sucht. Eine Volksbil¬ 
dungsarbeit, die wesentlich bloß auf Er¬ 
weiterung des Wissens, sei es zum Zwecke 
geistigen Genusses oder aus Nützlichkeits¬ 
gründen, abzielt, bleibe daher durchaus an 
der Oberfläche. Will man aber den gan¬ 
zen Menschen bilden, dann müsse man 
vor allem die tieferen Lebensquellen er¬ 
schließen, die in den Schätzen des Volks¬ 
tums beschlossen liegen und in denen 
zugleich die Bildungswirkung schlummert, 
daß sie soziales Denken und Fühlen er¬ 
wecken und den einzelnen zu einem 
tätigen Gliede des gesellschaftlichen Orga¬ 
nismus machen. Der Verfasser ist sich 
sehr wohl darüber klar, daß die dänische 
Form der Heimschule mit ihrer Lebens¬ 
und Arbeitsgemeinschaft sich in Deutsch¬ 
land nur in ländlichen Bezirken wird ein¬ 
richten lassen, und daß für die Städte nur 
die internatslose Form in Frage kommt. 
Er verzichtet jedoch auf Vorschläge zu ihrer 
inneren Ausgestaltung. Die seit dem letz¬ 
ten Winter an vielen Orten unternommenen 
Versuche haben uns indes hierfür schon man¬ 
cherlei Erfahrungen gebracht. Die schmerz¬ 
lichste ist wohl die, daß die üblidie Vor¬ 
stellung von dem allgemeinen Bildungs¬ 
hunger des Volkes durch das Offenbarwer¬ 
den einer erschreckenden Gleichgültigkeit 
und Interesselosigkeit gegenüber den dar¬ 
gebotenen Bildungsmöglichkeiten als schlim¬ 
me Täuschung erkannt worden ist. Aber 
gerade diese Tatsache, die nur die andere 
Seite des blinden, materiell gerichteten Ge¬ 
nußverlangens der breiten Volksschichten 
darstellt, ist die überzeugendste Rechtfer¬ 
tigung für die Notwendigkeit, nach neuen 
Mitteln und Wegen zu suchen, das Volk 
aus dem bejammernswerten Zustande blin¬ 
der Genußgier und geistiger Leere zu wür¬ 
digeren Formen des Menschseins empor¬ 
zuheben. Wie dringend diese Aufgabe 
namentlich für die Industriemenschheit ist 
und welche Wege zu ihrer Lösung sich 


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Zeitschriftenschau 


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dort empfehlen, hat in geradezu erschüttern¬ 
der Enthüllung des ganzen furchtbaren Ern¬ 
stes dieses Problems Heinrich Kautz ge¬ 
zeigt in den in den Heften 8/9 und 10 des 
vorliegenden Pharusjahrganges enthaltenen 
Aufsätzen: „Die Pflege des Volkstums 
in der Industrie" und „Volkstums¬ 
pflege und Industrieseelsorge“, die 
beide eine wertvolle Ergänzung zu des 
Verfassers sehr beachtenswertem Buche: 
„Um die Seele des Industriekindes“ 1 ) 
darstellen. 

Wie der soziale Gedanke schon auf der 
Elementarstufe des Bildungswesens, in der 
Volksschule, zur Geltung gebracht werden 
könne, zeigt in Heft8 und 9 der „Deutsehen 
Schule“, der Monatsschrift des Deutschen 
Lehrervereins 3 ), ein Aufsatz von Ottomar 


2) Pädagog. Stiftung Cassianeum. Donau¬ 
wörth, Ludwig Auer. 

3) Inhalt: 1. Heft 1920: Otto Löhr, Wis¬ 
senschaft und Unterricht. — Ludwig Green, 
Wie ist unsere Rechtschreibung neu zu ge¬ 
stalten? — Erich Witte, Staatsbürgerkunde 
und Parteipolitik. — A. Rebhuhn, Zwei 
Briefe von Heinrich Stephani. 

2. Heft: Otto Löhr, Schluß d. ob. Aufs. 

— Ludwig Green, Schluß d. ob. Aufs. — 
Friedrich Poske, Die deutsche Oberschule. 

— Richard Gottschalk, Erziehung zur Tüch¬ 
tigkeit. 

3. Heft: Friedrich Schaal, Das Schöne und 
das Wahre. — Georg Büttner, Ein neuer 
Wahrheitsbegriff. — Heinrich Mohs, Erfah¬ 
rungen mit einer Oberleitungsklasse. — 
Otto Schreiter, Der Streit um das Lesebuch. 

4. Heft: C. L. A. Pretzel, Was wird aus 
unserer Schule? — Karl Schäfer, Besondere 
Bedürfnisse der Landschulen. — Immanuel 
Lewy, Eine neugeplante Mustereinheits¬ 
schule. — Kurt Kesseler, Grundwissenschaft, 
Kritizismus und Lebensphilosophie. 

5. Heft: C. L. A. Pretzel, Vor der Reichs¬ 
schulkonferenz. — Paul Oestreich, Vom Bund 
entschiedener Schulreformer. — Severin Rütt¬ 
lers, Vom Geschichtsunterricht in der deut¬ 
schen Schule. — Heinrich Wetterling, Zur 
Umgestaltung des Geschichtsunterrichts. 

6. Heft: Albin Günther, Johannes Tews 
zum 60. Geburtstage. — C. L A. Pretzel, 
Die Universitäten und die Lehrerbildung. 

— Karl Schmidt, Die typischen Unterschiede 
im Vorstellungsleben der Schüler und ihre 
Berücksichtigung im Unterrichte. — K. F. 
Sturm, Zwei neue Systeme der Erziehungs¬ 
wissenschaft. 

7. Heft: C. L. A. Pretzel, Reichsschulkon¬ 
ferenz. — Karl Schmidt, Schluß d. ob. Aufs. 

— Walter Penzold, Der Moralunterricht in 


Fröhlich, Lehrer in Chemnitz: „Zum 
Ausbau der Schule im Sinne der So¬ 
zialpädagogik“. Der Verfasser nimmt 
das Problem in der ganzen Schärfe, die es 
durch die gegenwärtige Situation empfängt: 
Aus dem blinden Profitstreben und dem 
rücksichtslosen Eigennutz, die das heutige 
Geschlecht durchseuchen, gilt es die Jugend, 
bei der die Zukunft unseres Volkes liegt, 
zum willigen Dienste für die nationale Ge¬ 
meinschaft zu erziehen. Dazu bedarf es 
der Erziehung zu einer völlig neuen Le¬ 
bens- und Arbeitsauffassung, der einerseits 
die Zurückstellung der Eigeninteressen hin¬ 
ter die höheren Interessen der Gesamtheit 
und andererseits die sittliche Verantwortung 
des einzelnen gegenüber der Menschheit 
als Ganzem und damit die innere Verpflich¬ 
tung, im Dienste ihrer Entwicklung zu wir¬ 
ken und zu schaffen, als die heiligsten 
Pflichten erscheinen. Nur kurzsichtiger päd¬ 
agogischer Optimismus kann für die Er¬ 
ziehung zu solchem Geiste schon von der 
Institution der allgemeinen Volksschule 
wesentliche Hilfe erwarten; bloße Neuorga¬ 
nisation wird wenig und nichts vermögen, 
wenn sie sich nicht zugleich mit einem 
innerlich erneuerten Schulgeiste erfüllt 
Theoretisch ist auch diese Notwendigkeit 
längst schon anerkannt. Die wirkliche Er¬ 
ziehungsarbeit aber hat für die Weckung 
dieses sozialen Geistes in der Jugend noch 


der Volksschule. — Otto Schreiter, „Der Fall“ 
Otto Braun in erziehungswissenschaftlicher 
Beleuchtung. 

8 Heft: Ottomar Fröhlich, Zum Ausbau 
der Schule im Sinne der Sozialpädagogik. 
—Jos. Mack, Erziehung und Unterricht bei 
den Naturvölkern. — Walter Penzold, Schluß 
d ob. Aufs. — Julius Walinski, Erziehungs¬ 
wert? 

9. Heft: Ottomar Fröhlich, Schluß d. ob. 
Aufs. — Jos. Mack, Schluß d. ob. Aufs. — 
Ernst Linde, Vorfragen des Geschichtsun¬ 
terrichts. — R. Lehmann, Folgerichtigkeit. 

10. Heft: Paul Reiniger, Vom obersten 
Prinzip einer allgemeinen Schulreform. — 
B. Hausding, Die neuere Pädagogik in bio¬ 
logischer Beleuchtung. — Otto Tumlirz, 
Die Hauptpunkte der österreichischen Schul¬ 
reform. — C. L. A. Pretzel, Hundert Jahre 
Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. 

11. Heft: Hans Schlemmer, Die Bedeu¬ 
tung der großen Revolutionen für die Ent¬ 
wicklung der Pädagogik. — B. Hausding, 
Schluß d. ob. Aufs. — Ernst Schöning, Zur 
Neugestaltung der körperlichen Erziehung 
in der Schule. 


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Zeitschriftenschau 


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sehr wenig getan. Eine zweifache Mög¬ 
lichkeit zu planvoller sozialer Erziehung 
bietet sich der Schule dar: sie muß einmal 
die erziehlichen Kräfte des Gemeinschafts¬ 
lebens zur Entfaltung bringen, sodann auch 
das geistige Gesamteigentum der Gesell¬ 
schaft nach Maßgabe der Aufnahmefähig¬ 
keit der jeweiligen Entwicklungsstufe an 
die Jugend übermitteln. Während die heu¬ 
tige Schule mit ihrem einseitigen Kultus 
des Wissens und Könnens geradezu den 
Egoismus großzieht in dem beständigen 
Ringen um die beste Einzelleistung, kommt 
es gerade auf die Pflege des rechten Ge¬ 
meinschaftsgeistes und kameradschaftlicher 
Gesinnung an. Das soziale Verhalten kann 
die Jugend in verschiedenen Formen er¬ 
leben: als Spielgemeinschaft, als feiernde 
Gemeinschaft, als Verkehrsgemeinschaft, als 
Erlebens- und Schicksalsgemeinschaft, als 
Besitzgemeinschaft und endlich am bewu߬ 
testen in der Gestalt der Arbeitsgemein¬ 
schaft. Das sind natürliche Lebensformen 
der Schule, deren verständnisvolle Pflege 
eine Fülle vereinheitlichender Kraft er¬ 
wecken und wahres soziales Verhalten be¬ 
fördern kann. Hierin haben seit langem 
Pädagogen wie Hugo Gaudig und Georg 
Kerschensteiner die soziale Versöhnungs¬ 
wirkung der Schule gesehen, letzterer am 
wirksamsten auf dem Wege, daß er durch 
Zusammenarbeiten und gegenseitiges Hel¬ 
fen in besonderen Arbeitsgruppen in dem 
einzelnen das Bewußtsein zu erwecken 
hofft, daß von seinem Verhalten das Ge¬ 
deihen des Ganzen abhängig ist und daß 
er sich mit seinem Tun nnd Lassen der 
Gemeinschaft verpflichtet fühlt. 

Aber das Hineinleben in die Abhängigkei¬ 
ten der Gemeinschaft muß seine Ergänzung 
finden in der klarbewußten Einsicht in die 
sozialen Notwendigkeiten. Wer wissend 
leben und arbeiten will, wer innerhalb der 
Gemeinschaft zielsicher handeln und das 
Ganze mit Bewußtsein fördern will, der 
muß die Zusammenhänge des sozialen Le¬ 
bens kennen und durch diese Einsicht sich 
in seinem Wirken bestimmen lassen. Dar¬ 
um muß das Bildungsgut, das die Schule 
bietet, im Sinne wahrer Sozialpädagogik 
dahin umgestaltet werden, daß es der Ju¬ 
gend die Einsicht in die Solidarität der 
menschlichen Interessen vermittelt. Dafür 
bietet sich neben religiösen und ethischen 
Belehrungen, wie Rissmann, Natorp und 
Bergemann übereinstimmend gezeigt ha¬ 


ben, die Betrachtung der wirtschaftlichen 
und gesellschaftlichen Grundlagen des Le¬ 
bens, also eine elementare Wirtschafts- und 
Staatslehre an. Freilich werden bei dieser 
Vermittlung der soziologischen Grundbe¬ 
griffe der Volksschule durch den Grad der 
jugendlichen Aufnahmefähigkeit immer ver¬ 
hältnismäßig enge Grenzen gezogen sein, 
und was sie hierfür nicht zu leisten vermag, 
werden Fortbildungsschule und höhere 
Schule bieten müssen. Ebenso muß man 
sich darüber klar sein, daß alle soziologi¬ 
schen Einsichten, wie sie aus wirtschafts- 
und staatsbürgerkundlichen Belehrungen ge¬ 
wonnen werden, immer nur eine rationale 
Grundlage für das rechte soziale Handeln 
schaffen können, nicht aber schon die Mo¬ 
tive und Nötigungen zum entsprechenden 
sittlichen Tun selbst in sichtragen. Tugend, 
auch die staatsbürgerliche, ist nicht eigent¬ 
lich lehrbar, sondern nur anerziehbar; denn 
die Wurzeln alles Handelns liegen im Ge¬ 
fühls- und Willensleben, darum muß alle 
Belehrung, die die Bildung zum Staatsbür¬ 
ger im Auge hat, statt der Wirkung bloßer 
unterrichtlicher Aufklärungsarbeit zu ver¬ 
trauen, sich mit der praktischen Übung und 
Gewöhnung zu rechtem sozialen Verhalten 
verbinden, wie diese in den geschilderten 
Formen des jugendlichen Gemeinschafts¬ 
lebens in der Schule sich entfalten können. 

Außer dieser Ergänzung durch die eigent¬ 
liche Erziehung zum Gemeinschaftsleben 
bedarf die staatsbürgerliche Belehrung in 
der Volksschule auch einer besonderen ele¬ 
mentaren anschaulichen Form, die aus der 
eigenen Systematik des Faches .heraustritt, 
damit aber zugleich auch in die sich ab¬ 
schließende Selbstgenügsamkeit anderer Fä¬ 
cher entscheidend eingreift. So könnte ge¬ 
rade die Betrachtung der wirtschaftlichen 
und gesellschaftlichen Lebensvorgänge der 
zentrale Stoff des für die Volksschule auch 
aus anderen, wesentlich methodischen Grün¬ 
den geforderten »Gesamtunterrichts“ 
werden, der die übliche Fächerung der 
Realstoffe überwindet. Eine solche „Ar¬ 
beitskunde“, „Kulturkunde* oder „Lebens¬ 
kunde“ hätte das sich in der Heimat ab¬ 
spielende Kulturarbeitsleben allmählich in 
die Breite (Volk, Menschheit) und in die 
Tiefe der Vergangenheit zurück zu erwei¬ 
tern und würde so in der Kulturgeographie 
und in der Kulturgeschichte ebenso eine 
Ergänzung wie eine wirkungsvolle Veran¬ 
schaulichung für ihre Lehren finden. 


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Zeitschriftenschau 


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Alle diese Vorschläge für eine Neuorien¬ 
tierung der Schule im sozialen Geiste ge¬ 
winnen vor allem dadurch an Wert, daß 
sie nicht unerreichbar ferne Ziele und Ideale 
aufstellen, sondern für eine Neueinstellung 
der Schularbeit und des Schullebens wer¬ 
ben, die ohne grundstürzende organisato¬ 
rische Änderungen sich schon jetzt verwirk¬ 
lichen läßt. Nur wird man sich auch hier 
vor falschem Optimismus hüten müssen. 
Die Macht der Schule, besonders der Volks¬ 
schule, in der Richtung dieser sozialen Bil- 
dungs- und Erziehungswirkung bleibt be¬ 
schränkt. Sie wird zuletzt nicht mehr als 
eine Art Naturuntergrund für die mögliche 
Entfaltung wahrer sozialer Gesinnung be¬ 
reiten können, deren sicherer Besitz doch 
immer erst die Frucht reiferer Entwicklung 
und tieferen Kulturverständnisses sein kann. 
Aber selbst diese erste Grundlegung für die 
Entwicklung sozialer Einsicht und sozialen 
Verhaltens wäre schon ein wichtiger Schritt 
vorwärts auf »dem hindernisreichen Wege 
der Milderung und Ausgleichung der Ge¬ 
gensätze, die unser Volk heute tiefer denn 
je zerklüften. 4 ) 

4) Auf die besondere Situation der Hoch¬ 
schule wendet den Gedanken des sozialen 
Ausgleichs an die soeben erschieneneSchrift 
des preußischen Ministers für Wissenschaft, 
Kunst und Volksbildung, Konrad Hae- 
nisch: ,Staat und Hochschule.* t Verlag 
für Politik und Wirtschaft, Berlin W 35, 
1920.) Hier setzt sich ein warmes soziales 
Empfinden ein für die Anbahnung einer 
Verständigung des deutschen akademischen 
Nachwuchses mit den Schichten des arbei¬ 
tenden Volkes. Wenngleich als „ein Bei¬ 
trag zur nationalen Erziehungsfrage“ be¬ 
zeichnet, ist es doch mehr eine allgemein 
politische Schrift, der nur hier und da bil¬ 
dungspolitische Auseinandersetzungen i. e. 
S. eingegliedert sind. So tritt sie dem Ge¬ 
danken eines Abbaues der Universitäten 
wesentlich um ihrer wirtschaftlichen Be¬ 
deutung willen entgegen und weist den 
Plan ihrer Auflösung in Fachhochschulen 
ebenso mit der idealistischen Humboldt- 
schen Begründung ab, daß über der Ver¬ 
mittlung reinen Fachwissens die Tendenz 
zur universitas lilterarum, das Streben zur 
Einheit in der Vielheit erhalten bleiben 
müsse als das Mittel der Erziehung zum 
wahren Vollmenschen. Für die Rettung 
der Universität aus der schweren Bedrohung 
durch die wirtschaftliche Situation der Ge¬ 
genwart hofft der Verfasser im besonderen 
auch auf die Mitwirkung der .Notgemein¬ 
schaft der deutschen Wissenschaft“. 


Einen tiefen Blick in das eigentliche 
Zentralproblem des Bildungswesens ge¬ 
währt die im 10. Heft der .Deutschen Schule“ 
enthaltene Arbeit von Paul Reiniger, 
Lehrer in Sommerfelde: „Vom obersten 
Prinzip einer allgemeinen Schulre¬ 
form.“ Sie wendet sich gegen jene Ver¬ 
äußerlichung der Auffassung von Bildung 
und Bildungsideal, die Otto Willmann 
als didaktischen Materialismus charakteri¬ 
siert hat: Die Wertung des Menschen nach 
der von ihm bewältigten Menge des Wis¬ 
sens ist irrig und, sittlich geurteilt, unge¬ 
recht. Bildung bedeutet nicht Wissenha¬ 
ben, sondern den Besitz lebendiger geisti¬ 
ger Kräfte, die das Wissen schaffen. Es ist 
der Grundirrtum unserer geistigen Wertung, 
daß wir dem Wissensstoff an sich einen 
bestimmten Bildungswert beilegen und dar¬ 
um glauben, alle alles lehren zu müssen, 
um sie zu gebildeten Menschen zu machen. 
Diesem Irrtum danken wir die oberfläch¬ 
liche Vielwisserei und Halbheit unserer „Ge¬ 
bildeten“. Der Bildungswert haftet jedoch 
nicht an den Wissensstoffen an sich, son¬ 
dern wird diesen erst von dem einzelnen 
gegeben. Wodurch der Mensch zur Bil¬ 
dung kommt, das entscheidet seine meta¬ 
physische Wesenheit, die sich triebhaft zu 
bestimmten Wissensstoffen, zu bestimmten 
Erkenntnis- und Wissensformen hinwendet. 
Bildung bezeichnet so eine innere Wesens¬ 
beziehung, ein persönliches, individuell 
verschiedenes Verhältnis zu den Geistes¬ 
gütern, kurz: eine persönliche Wertung des 
Wissens. Wert aber hat für den einzelnen 
ein bestimmtes Wissen nur insofern, als er 
aus seiner metaphysischen Wurzel heraus 
fühlt, daß es ihm Mittel und Weg sein 
kann, seiner Seinserkenntnis und seinem 
Seinsziel näherzukommen. „Je tiefer wir 
unsere Wesenseigenart und Interessenrich¬ 
tung ertasten, desto geistiger wird all un¬ 
sere Wertung sein, desto tiefer unsere Bil¬ 
dung und um so reiner unsere Menschlich¬ 
keit. Diesem Ziele haben unsere Schulen 
zu dienen als ihrem vornehmsten und er¬ 
sten, keinem andern sonst in dem Maße.“ 
Was in solcher Analyse der Verfasser 
als den Begriff der Bildung enthüllt, dem 
hat Goethe einmal die schlichte Formulie¬ 
rung gegeben: „Man lernt nur das, was 
man liebt.“ Historisch betrachtet aber be¬ 
deutet diese Entwicklung den erneuten Ver¬ 
such, das alte enzyklopädische Bildungs¬ 
ideal eines Comenius und Basedow, das 


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Zeitschriftenschau 


314 


313 


noch zu einem sehr großen Teile die Praxis 
des Bildungswesens beherrscht, zu über¬ 
winden durch das organisch-genetische Ideal 
der Entwicklung der persönlichen Kräfte, 
wie es zuerst Pestalozzi verkündet hat. 
Und so mündet diese Darstellung zuletzt 
selbst in die geschichtliche Betrachtungs¬ 
weise, wenn sie die Bildungsreform Wil¬ 
helm von Humboldts als den Versuch wür¬ 
digt, das Schulwesen im Sinne des Pesta- 
lozzischen Ideals der formalen Bildung aus 
der Einheit der Bildungsidee heraus neu¬ 
zugestalten. Gegenüber der landläufigen 
Auffassung, daß die gegenwärtige Schul¬ 
reform ihre Aufgabe in einer Neuorganisa¬ 
tion der äußeren Bildungseinrichtungen zu 
erblicken habe, d-ingt diese Darlegung 
wirklich in den innersten Kern des Problems 
ein, wenn sie in der Erneuerung des Bil¬ 
dungsbegriffes und der Wissenswertung 
das oberste Prinzip aller Schulreform auf¬ 
deckt. Es ist der Geist des Pesralozzianers 
Kersdiensteiner 6 ) und des Humboldtbio¬ 
graphen Spranger 8 ), der aus solchen For¬ 
derungen spricht. 

Die Frage der Organisation der allge¬ 
meinen Volksschule behandelt im 2. Hefte 
der .Vierteljahrsschrift für philoso- 
ph ische Pädagogik“ 1 ), herausgegeben 


5) Vgl. Georg Kersdiensteiner, Das Grund¬ 
axiom des Bildungsprozesses und seine 
Folgerungen für die Schulorganisation. Ber¬ 
lin, Unionverlag. 

6) Vgl. Eduard Spranger, Wilhelm von 
Humboldt und die Humanitätsidee. Der¬ 
selbe, Wilhelm von Humboldt und die Re¬ 
form des Bildungswesens. Berlin, Reuther 
& Reichard. 

7) Inhalt: 1. Heft (Oktober 1919): Geb¬ 
hardt, Die pädagogische Ausbildung der 
Handelslehrer. — Schwarzenberger, Zur 
Lehre vom Staat. — Paul Oldendorf!, Ge¬ 
schichte und Leben. — W Vogelsang, Of¬ 
fener Brief an Herrn Johannes Tews in 
Sachen der Einheitsschule. — W. Rein, Zur 
Schulreform in Deutschland und Österreich. 
— W. Vogelsang, Bericht über die 64. Haupt¬ 
versammlung des „Westdeutschen Vereins 
für wissenschaftliche Pädagogik“. —W. Rein, 
Leitsätze zur Volkshochschule. — Derselbe, 
Leitsätze zur Frage der Einheitsschule. — 
G. Weiß, Geschichtliches zur Frage der 
Übungsschule an der Universität Jena. — 
Ernst Hopf, Leitgedanken zu einer Philo¬ 
sophie des Unterrichts. 

2. Heft (Januar 1920); Paul Menge, Über 
den Wert der humanistischen Bildung und 
den Beruf des Gymnasiums. — Ernst He- 


von Wilhelm Rein, Jena, ein Aufsatz von 
Stadtschulrat Dr. Sickinger in Mannheim, 
„Die Einheitsschule und die Auftei¬ 
lung der Kinder nach der Begabung.“ 
Die Arbeit ist eine Begründung der von 
ihrem Verfasser in Mannheim durchgeführ¬ 
ten Organisation der Volksschule auf diffe¬ 
rentiell-psychologischer Grundlage und tritt 
für eine allgemeinere Einführung dieser 
Organisationsweise ein. nachdem dieReichs- 
verfassung eine für alle Kinder gemein¬ 
same Volksschule zur Grundform des na¬ 
tionalen Bildungswesens gemacht hat. Sie 
gelangt auf Grund der damit gegebenen 
psychologischen Voraussetzungen zu folgen¬ 
den Forderungen: Die in der allgemeinen 


ring, Sozialismus und Individualismus in 
der Erziehung. — Elise Deipser, Rousseaus 
Einfluß auf Goethe in pädagogischer Be¬ 
ziehung. — Willibald Klatt, Die Tagung 
entschiedener Schulreformer in Berlin. — 
Fr. Förster, Die Öffnung der Universitäten 
für die preußischen Volksschullehrer. — 
Sickinger, Die Einheitsschule und die Auf¬ 
teilung der Kinder nach der Begabung. — 
G. Hamdorff, Schülerurteile über gemein¬ 
samen Unterricht von Knaben und Mäd¬ 
chen. — W. Rein, Leitsätze zur Religions¬ 
kunde. 

3. Heft (April 1920): John, Die Ausbildung 
der Landwirtschaftslehrer. — Ernst Hering, 
Schluß d. ob. Aufs. — Ed. König, Zum 
Kampf um den Intellektualismus. — Marie¬ 
luise Fritze, Was kann der Geschichtsun- 
richt in unseren Schulen zur Weckung und 
Pflege philosophischen Denkens beitragen? 
— W. Vogelsang, Herbarts Ethik und die 
soziale Frage. — Hans Schmidkunz, Philo¬ 
sophie, Pädagogik und Weltberuf des Deut¬ 
schen. — Die neue Prüfungsordnung für 
das höhere Lehramt in Preußen. — Über 
gute Popularisierung. — Th. Fritzsch, Zwei 
ungedruckte Herbartbriefe. — W. Rein, 
Volksbildungsarbeit in Hessen. 

4 Het (Juli 1920): Ernst Schultze, Viel¬ 
seitigkeit. — K. Just, Grundzüge zu den für 
Ostern 1920 aufzustellenden Religions- und 
Geschichtslehrplänen. — Johannsen, Er¬ 
ziehungswissenschaft und Erziehungsphilo¬ 
sophie. — Adalbert Reinwald, Leitsätze der 
Siedlergemeinschaft Haus Asel. — Friedrich 
Falbrecht, Sallust, bellum Jugurthinum, 
1.—4 Kapitel, als Probe einer methodischen 
Einheit. — Arthur Zobel, Hamann, der 
Magus im Norden, über Erziehung und Un¬ 
terricht. — W. Vogelsang, Moral- oder Re¬ 
ligionsunterricht. — Theodor Franke, Her¬ 
barts Allgemeine Pädagogik im Lichte der 
Gefühlsmoral. — Erich Schramm, Leitsätze 
für den Religionsunterricht. 


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315 


Zeitschriftenschau 


Pflichtvolksschule vorhandene Mischung von 
Kindern aus allen Volksschichten vergrößert 
die Spannung der Begabungsdifferenzen; 
denn es besteht eine durchgehende intel¬ 
lektuelle Abhängigkeit des Kindes von der 
sozialen Lage der Eltern. Die Schüler der 
gleichen Altersstufe stellen hinsichtlich der 
Quantität der Begabung eine gleitende 
Skala dar vom hochbefähigten bis herab 
zum abnorm schwachbefähigten Kinde. 
Nach den Ergebnissen der Zensuren- und 
Entlassungsstatistiken sowie der experimen¬ 
tellen Intelligenzprüfungen lassen sich inner¬ 
halb dieser Spannung vier Hauptgruppen 
der quantitativen Begabung unterscheiden: 
die sog. Durchschnittsschüler (50—60 % eines 
Jahrgangs), die über den Durchschnitt sich 
erhebenden Schüler (20 - 25°' o , davon 
1—2 u /o Hochbefähigte), die unter dem Durch¬ 
schnitt befähigten, aber immer noch in die 
sog. normale Breite fallenden Schüler (20 
—23%)i die sog. geistig zurückgebliebe¬ 
nen oder krankhaft schwach befähigten Kin¬ 
der (1—2 %). Wird der Lehrplan der Volks¬ 
schule der Leistungsfähigkeit einer dieser 
Hauptgruppen angepaßt, so werden damit in 
jedem Falle die anderen Schülergruppen in 
einer ihrer Beanlagung widersprechenden 
Weise herangezogen, so daß Über- oder Un¬ 
terforderungen eintreten. Es steht aber allen 
Kindern das gleiche Recht auf die bestmög¬ 
liche Ausbildung ihrer individuellen durch 
die Natur und die Lebensverhältnisse be¬ 
dingten Kräfte zu. Dieses Recht kann ihnen 
werden, wenn auch in der Volksschule das 
allen Kulturfortschritt bedingende Gesetz 
der Arbeitsteilung durchgeführt wird, indem 
für die verschiedenen Bedürfnisse auch ver¬ 
schiedene der Leistungsfähigkeit der Haupt¬ 
begabungsgruppen angepaßte Arbeitspro¬ 
gramme aufgestellt werden. Dieser Not¬ 
wendigkeit kann die Volksschule gerecht 
werden durch eine weitgehende Breiten¬ 
gliederung in mehrere parallele Klassen¬ 
züge. In Mannheim hat Sickinger daher, 
entsprechend den vier Begabungsgruppen, 
die Volksschule in vier nebeneinander her¬ 
laufende Klassenfolgen gegliedert: das acht¬ 
stufige Hauptklassensystern für die normal 
leistungsfähigen, die Vorbereitungsklassen 
zu den höheren Schulen und die fremd¬ 
sprachlichen Klassen für die über das Durch¬ 
schnittsmaß hinausragenden Schüler, das 
sieben- bzw. sechsstufige Förderklassen¬ 
system für die normal schwachen und das 
vierstufige Hilfsklassensystem für die ab¬ 


316 


norm schwachen Schüler. So wird hier die 
alte durch die Einheitsschule überwundene 
standesmäßige Schichtung der Jugend durch 
eine reine Begabungsgliederung ersetzt. 

Indes ist die in den letzten Jahren auch 
von einzelnen anderen Städten (Frankfurt 
a. M., Köln, Charlottenburg) nachgeahmte 
Breitengliederung der Volksschule, so be¬ 
rechtigt sie vom rein psychologischen Stand¬ 
punkte erscheinen mag, in pädagogischen 
Kreisen auch sehr entschiedenem Wider¬ 
spruch begegnet. Dieser gründet sich ein¬ 
mal darauf, daß jene Organisationsform nur 
für solche Orte durchführbar ist, wo meh¬ 
rere vollausgebaute Schulsysteme durch 
Vereinigung ihrer Hilfsbedürftigen und be¬ 
sonders Begabten den ganzen Parallelis¬ 
mus der verschiedenen Klassenzüge zu ent¬ 
wickeln gestatten. Ein anderes Bedenken 
entdeckt in dem neuen Organisationsver¬ 
suche einen eigentümlichen pädagogischen 
Circulus vitiosus, insofern nämlich bei der 
durch die moderne Begabungsforschung er¬ 
wiesenen Entsprechung von intellektueller 
Leistungsfähigkeit und sozialem Milieu die 
Gefahr droht, daß unter der Bezeichnung 
der Begabungsdifferenzierung die alte Stan¬ 
desschule wieder auflebt, die eben die Ein¬ 
heitsschulorganisation zu beseitigen sich 
berufen fühlt. Vor allem aber sind die 
psychologischen Voraussetzungen (es gibt 
noch keine Prüfungsmethode zur unbedingt 
zuverlässigen Sichtung der Begabungen) 
und die pädagogischen Konsequenzen die¬ 
ser neuen Organisationsweise (die reine 
Begabungsgliederung erweist sich als un¬ 
vereinbar mit den Forderungen der Er¬ 
ziehungsschule und der Arbeitsschule) noch 
nicht allenthalben so weit durchdacht und 
einwandfrei begründet, daß sich allgemein 
verbindliche Forderungen erheben ließen. 
Eines aber bleibt von den Sickingerschen 
Organisationsvorschlägen zu Recht be¬ 
stehen: eine besondere Fürsorge für die 
eigentlichen Sorgenkinder der Volksschule, 
die Schwachbefähigten, durch Errichtung 
besonderer Hilfskiassen ist dringende Not¬ 
wendigkeit. 

Die „Pädagogischen Blätter“, Zeit¬ 
schrift für Lehrerbildung und Schulaufsicht, 
herausgegeben von Karl Muthesius"), 

8) Inhalt: 10. Heft 1919: Bericht überden 
ersten Vertretertag des Deutschen Seminar¬ 
lehrervereins am 9. und 10. August 1919 zu 
Erfurt. 

11./12. Heft 1919: Karl Muthesius, Die 


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Zeitschriftenschau 


318 


317 


haben im Verlaufe dieses Jahres die Ge¬ 
nugtuung erlebt, daß das bildungspolitische 
Ziel, dem sie seit langem nachgestrebt ha¬ 
ben, durch die Reichsverfassung (Artikel 143, 
Abs. 2) in seiner Erreichung gesichert er¬ 
scheint: die Neuordnung der Lehrerbildung 
„nach den Grundsätzen, die für die höhere 
Bildung allgemein gelten“. Wenn diese 
für ihren allgemeinwissenschaftlichen Teil 
in der geplanten „Deutschen Oberschule“ 
eine Stätte finden soll, so tritt damit die 
Frage nach der Möglichkeit einer höheren 
Bildung wesentlich deutschen Charakters 
als Problem auf. Diese auch für allgemei¬ 
nere Reformabsichten im höheren Schul¬ 
wesen bedeutsame Frage findet in einem 
im 4. Hefte dieses Jahrganges enthal¬ 
tenen Aufsatze über „Fremdsprachen¬ 
kenntnis und wahre Bildung“ durch 
Martin Havenstein, Studienrat in Ber- 


öffnung der Universität für die Volksschul¬ 
lehrer. — Hermann Johannsen, Welche An¬ 
forderungen sind an einen modernen Logik¬ 
unterricht im Lehrerseminar zu stellen? 

1. Heft 1920: Friedrich Niebergall, Frei¬ 
heit und Autorität. — Hermann Itschner, 
Gedanken über Lehrerbildung. 

2. Heft: Eduard Clausnitzer, Die Über¬ 
windung der ästhetischen Lehren des Klas¬ 
sizismus im Deutschunterricht der Lelirer- 
und Lehrerinnenseminare. — Max Kästner, 
Das Antlitz der allgemeinbildenden höhe¬ 
ren Schule, gezeigt am Stundenplan der 
Deutschen Oberschule. 

3. Heft: Christian Tränkner, Endziele der 
gegenwärtigen pädagogischen Bewegung. 
— Paul Machule, Die Oberschule. 

4. Heft: Martin Havenstein, Fremdspra¬ 
chenkenntnis und wahre Bildung. 

5. Heft: Karl Muthesius, Lehrerbildung, 
Bericht für die Reichsschulkonferenz. 

6. Heft: W. Dieck, Mathematische Forde¬ 
rungen und Förderungen für den Rechen¬ 
unterricht der Volksschule. 

7. Heft: Otto Kohlmeyer, Richtlinien für 
die Ausgestaltung des pädagogischen An¬ 
schauungskreises unserer angehenden Leh¬ 
rer durch den Kreisschulinspektor. 

8. Heit: Fritz Solleder, Erziehliche Ar¬ 
beitsgemeinschaft im Seminarleben. — Paul 
Brohmer, Anregungen für den Biologie¬ 
lehrplan der Deutschen Oberschule. — Lud¬ 
wig Merth, Österreichischer Reichsverein 
zur Förderung des Hochschulstudiums der 
Lehrerschaft. 

9. Heft: Karl Muthesius, Die seelische 
Veranlagung zum Erzieher- und Lehrerbe¬ 
ruf. — Karl Glöckner, Seminar und Lehrer¬ 
bildung. 


lin-Schmargendorf, ihre Behandlung. Der 
Verfasser ist bereits mit zwei vielbeachte¬ 
ten Schriften: „Die alten Sprachen und 
die deutsche Bildung“ und „Vor¬ 
nehmheit und Tüchtigkeit. Demdeut- 
schen Volke zur Einkehr" 8 ) als Vor¬ 
kämpfer für eine wesentlich deutsch-volks¬ 
tümlich gerichtete höhere Bildung hervor¬ 
getreten, erklärlicherweise mit der Wir¬ 
kung, daß er aus den Kreisen der Philo¬ 
logen lebhaften Widerspruch erfahren hat. 
So bekämpft er auch hier die das gesamte 
Bildungsleben beherrschende Ansicht, daß 
ohne Kenntnis fremder Sprachen keine 
höhere Bildung möglich sei, und fordert 
die Umwandlung des pflichtmäßigen fremd¬ 
sprachlichen Studiums auf der höheren 
Schule in ein wahlfreies. Der Anschauung, 
daß sich auf der ausschließlichen Beschäf¬ 
tigung mit dem eigenen Volkstum keine 
höhere Bildung aufbauen lasse, wie sie zu¬ 
letzt die bekannte Erklärung des Senats 
der Leipziger Universität formuliert hatte, 
setzt er die eigene Auffassung entgegen: 
„Bildung, echte Bildung ist nicht zuerst und 
vor allem Kenntnis fremden, sondern Ge¬ 
staltung des eigenen Seins.“ Kein Volk 
ist auf der Welt, um ein fremdes Volkstum 
zu studieren, sondern um sein eigenes Le¬ 
ben zu leben und sein Wesen in eigenen 
Leistungen und Schöpfungen zu entfalten 
und zum Ausdruck zu bringen. Gesteht 
man zu, daß es die wesentliche Aufgabe 
unserer Schulen sei, den Schüler vor das 
wirkliche Leben zu stellen, dann kann man 
dieses Ziel nicht durch Eiforschung und 
Betrachtung der Vergangenheit und Fremde 
zu erreichen hoffen, sondern vorab dadurch, 
daß man die Jugend zur Gestaltung des 
eigenen gegenwärtigen Seins erzieht. Da¬ 
mit werden die fremden Sprachen nicht 
überhaupt ausgeschaltet, sondern nur aus 
der beherrschenden Stellung, die sie heute 
haben, in die ihnen zukommende dienende 
verwiesen und, anstatt allen als pflicht- 
mäßige Leistung auferlegt zu werden, zu 
einem Neigungsstudium der besonders da¬ 
für Begabten gemacht. Die Erforschung 
der Vergangenheit, wie sie Philologen und 
Historiker leisten, ist nidit Selbstzweck, 
sondern steht im Dienste der Kultur, der 
Gestaltung des eigenen Seins. Die Jugend 
darf nicht bloß abseits vom Leben Betrach- 


9) Beide im Verlag E. S. Mittler & Sohn. 
Berlin 1919. 


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Nachrichten und Mitteilungen 


320 


319 


ter der Vergangenheit sein, sondern muß 
Bildner, Bauer, Täter am Werke der Zu¬ 
kunft werden. „Daß heute in unserm Schul¬ 
wesen höhere Bildung hauptsächlich als 
Fremdsprachenkenntnis erscheint, und daß 
wir alle besseren Köpfe zu Philologen und 
Historikern erziehen, das ist eine Sünde 
wider den Geist des Lebens und der Kul¬ 
tur, deren wir uns nicht länger schuldig 
machen dürfen.“ Das Bild der neuen höhe¬ 
ren Schule skizziert der Verfasser nur kurz, 
leitet es aber folgerichtig aus seiner Idee 
einer gegenwartsnahen, lebendigen, nicht- 
„alexandrinischen“ Bildung ab und findet 
deren Mittelpunkt in einem deutschen Un¬ 
terrichte, der auch die wirklichen Werte 
der fremden Literaturen und die lebendi¬ 
gen Kulturschätze der Alten zur Geltung 


bringt. Man würde dem Verfasser unrecht 
tun, wollte man ihn für einen Gegner der 
Philologie ansehen. Seine Forderungen, 
die ihi einzelnen durch treffliche psycho¬ 
logische und pädagogische Gründe gestützt 
sind, erwachsen vielmehr aus der, wir 
möchten sagen: kulturphilosophischen und 
-pädagogischen Anschauung, daß in einer 
gesunden Kultur die Wissenschaft nicht 
selbstherrlich, sondern dem Leben dienst¬ 
bar und ihm verantwortlich ist. In dein 
Augenblicke, wo der neugeplanten höhe¬ 
ren deutschen Schule bereits die Gefahr 
droht, ihre beste Kraft wieder an die Pflege 
der fremden Sprachen hingeben zu müssen, 
kann man solchen Erwägungen nur ernste 
Beachtung wünschen. H. Rolle. 


Nachrichten und Mitteilungen. 


Die Religion in ihrem Werden und Wesen. 

Von B. v. Kern. VII + 432 S. Berlin, 

Hirschwald. 24 M. 

Je mehr die Wissenschaft in Spezialisten¬ 
tum zerfällt, um so erfreulicher sind alle 
Zeichen eines die Fachgrenzen überschrei¬ 
tenden Interesses. Der Verfasser dieses 
umfänglichen Buchs ist Mediziner. Aller¬ 
dings hat Generalarzt v. K. schon längst 
nicht nur mc dizinische, sondern auch philo¬ 
sophische Werke geschrieben. Das vor¬ 
liegende vermag ich nicht in allen Stücken 
als Fachmann zu beurteilen; auch in der 
Religionswissenschaft überblickt heute kein 
einzelner mehr das ganze Gebiet. Den 
Eindruck gründlicher Belesenheit machen 
aber die historischen Partien des Buchs, wie 
die prinzipiellen den ruhiger Erwägung. 
Inhaltlich gehen freilich seine und meine 
Ansicht weit auseinander. Er leitet die Re¬ 
ligion aus dem uns innewohnenden Trieb 
zur Einheit her; sie sei .die einheitliche 
Ordnung des inneren und äußeren Lebens 
nach Maßgabe eines idealen Werts, der 
dem Leben erkenntnisgemäß zugrunde ge¬ 
legt wird.“ Gewiß will Religion einheit¬ 
liche Weltdeutung und Lebensführung, aber 


eine Deutung vom Höchsten her, und die¬ 
ses Aufwärtsstreben steht zu jener von Kern 
umsichtig geschilderten Einheitstendenz so 
sehr in Spannung, daß alle Religion viel¬ 
mehr als solche dualistisch und aller Mo¬ 
nismus, sofern monistisch, nicht religiös ist. 
Was Kern als Ergebnis der Entwicklung 
feststellt oder erwartet, ist eine .weltliche“, 
eine sehr rationale .Religion“ ohne Gottes-, 
Unsterblichkeits- und Freiheitsglaube, eine 
Andacht zur Weltidee und ein redliches 
Mühen um sinnvolle Lebensführung. Die 
religiöse Idee sei vergleichbar dem Begriff 
der mathematischen Funktion oder des 
Schönen; es dürfe ihr weder .Wirklichkeits¬ 
dasein“ zugeschrieben, noch dürfe sie zur 
Fiktion verflüchtigt werden. Für den Wert 
dieser .Geistesmacht“ findet Kern warme 
Worte. Kein Mensch lebe ohne (diese) Re¬ 
ligion, könne ohne sie leben; in ihrem 
Sinn sollen weiterhin Priester, Seelsorger 
arbeiten. Eine der stoischen verwandte 
ernste Lebensanschauung ist es, die hier 
als der richtige Ertrag derReligionsgeschichte 
hingestellt wird; aber soll man sie noch 
Religion nennen? H. Mulert. 


Für die Sch rif Heilung verantwortlich: Professor Dr. Max Cornicelius, Berlin W 30, Lultpoldstrahe 4. 

Druck von B. G. Teubner in Leipzig. 


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INTERNATIONALE MONATSSCHRIFT 

FÜR WISSENSCHAFT KUNST UND TECHNIK 


15. JAHRGANG _ HEFT 4 _ MÄRZ 1921 

Satzungen der Notgemeinschaft 
der Deutschen Wissenschaft. E. V. 1 ) 


§ i- 

Zweck des Vereins. 

Die deutschen Akademien der Wis¬ 
senschaften, der Verband der Deutschen 
Hochschulen, die Kaiser-Wilhelm-Gesell- 
schaft zur Förderung der Wissenschaf¬ 
ten und der Deutsche Verband der Tech¬ 
nisch-Wissenschaftlichen Vereine haben 
sich zur Notgemeinschaft der Deutschen 
Wissenschaft mit dem Zwecke zusam¬ 
mengeschlossen, die der deutschen wis¬ 
senschaftlichen Forschung durch die ge¬ 
genwärtige wirtschaftliche Notlage er¬ 
wachsene Gefahr völligen Zusammen¬ 
bruchs abzuwenden. Die Notgemein¬ 
schaft will die ihr von öffentlicher und 
privater Seite zufließenden Mittel in der 
dem gesamten Interesse der deutschen 
Forschung förderlichsten Weise verwen¬ 
den und durch die in ihrem Kreise ver¬ 
tretene Fachkunde und Erfahrung zur 
Erhaltung der lebensnotwendigen 
Grundlagen der deutschen Wissenschaft 
wirken. Ihre Fürsorge ist hiernach nicht 
auf die Mitglieder beschränkt, wie an¬ 
dererseits die Zugehörigkeit als Mitglied 
keinerlei Vorzugsrechte gewährt. 

§ 2 . 

Name und Sitz des Vereins. 

Der Verein führt den Namen „Notge¬ 
meinschaft der Deutschen Wissenschaft“ 

1) Auf die der „Notgemeinschaft der Deut¬ 
schen Wissenschaft“ gewidmeten oder nach¬ 
drücklich auf sie hinweisenden Artikel in 
den ersten drei Heften des laufenden Jahr¬ 
gangs lassen wir jetzt an derselben Stelle den 
Abdruck ihrer Satzungen folgen. Die Red. 

lutemftttooalc Monatsschrift 


und hat seinen Sitz zunächst in Berlin. 
Er soll in das Vereinsregister eingetra¬ 
gen werden. Mit der Eintragung erhält 
sein Name den Zusatz „eingetragener 
Verein“. 

Das Geschäftsjahr des Vereins läuft 
vom 1. April bis 31. März. 

§3. 

Mitgliedschaft. 

Mitglieder des Vereins sind: 

1. die Akademien der Wissenschaften 
in Berlin, Göttingen, Heidelberg. 
Leipzig und München, 

2. die in dem Verbände der deutschen 
Hochschulen vertretenen Universi¬ 
täten und Hochschulen des Deut¬ 
schen Reichs, zur Zeit die Univer¬ 
sitäten in Berlin, Bonn, Breslau, Er¬ 
langen, Frankfurt a. M., Freiburg i. 
Br., Gießen, Göttingen, Greifswald, 
Halle, Hamburg, Heidelberg, Jena, 
Kiel, Köln, Königsberg, Leipzig, 
Marburg, München, Münster, Ro¬ 
stock,Tübingen, Würzburg, die Aka¬ 
demie in Braunsberg,dietechnischen 
Hochschulen in Aachen, Berlin-Char¬ 
lottenburg, Braunschweig, Breslau, 
Danzig, Darmstadt, Dresden, Han¬ 
nover, Karlsruhe, München, Stutt¬ 
gart, die landwirtschaftlichen Hoch¬ 
schulen in Berlin, Bonn-Poppels¬ 
dorf, Hohenheim und die tierärzt¬ 
lichen Hochschulen in Berlin, Dres¬ 
den, Hannover. 

3. die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaftzur 
Förderung der Wissenschaften, 

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323 


324 


Satzungen der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 


4. der Deutsche Verband der Tech¬ 
nisch-Wissenschaftlichen Vereine, 

5. die Gesellschaft deutscher Natur¬ 
forscher und Ärzte. 

Ausnahmsweise können noch einzelne 
große wissenschaftliche Körperschaften 
durch Beschluß des Hauptausschusses 
als Mitglieder aufgenommen werden. 
Der Beschluß bedarf der Genehmigung 
der Mitgliederversammlung. 

Beiträge sind von den Mitgliedern 
nicht zu entrichten. 

Der Austritt aus dem Verein kann nur 
zum Schlüsse des Geschäftsjahres er¬ 
folgen. Die Kündigung muß mindestens 
sechs Wochen vorher dem Präsidium zu¬ 
gegangen sein. 

Personen, die sich um die Notgemein¬ 
schaft hervorragende Verdienste erwor¬ 
ben haben, können durch Verleihung der 
Bezeichnung als Ehrenmitglieder ausge¬ 
zeichnet werden. Es bedarf dazu eines 
übereinstimmenden Beschlusses von Prä¬ 
sidium und Hauptausschuß. 

§4. 

Präsidium. 

Das Präsidium besteht aus dem Präsi¬ 
denten, seinem ersten und zweiten Stell¬ 
vertreter sowie dem Vorsitzenden des 
Hauptausschusses. 

Der Präsident ist im Sinne des § 26 
des Bürgerlichen Gesetzbuches der Vor¬ 
stand des Vereins und besitzt alle Be¬ 
fugnisse, die nicht durch zwingende 
Rechtsvorschrift oder durch die Satzung 
anderen Organen zugewiesen sind. 

Im Behinderungsfalle vertritt den Prä¬ 
sidenten der erste und, wenn dieser ver¬ 
hindert ist, der zweite Stellvertreter des 
Präsidenten. 

Die Amtszeit des Präsidenten und sei¬ 
ner Stellvertreter beträgt drei Jahre. 
Wiederwahl ist zulässig. Die Bestellung 
kann nur bei Vorliegen eines wichtigen 
Grundes widerrufen werden. Scheidet 


t 

der Präsident oder einer seiner Stellver¬ 
treter vor Ablauf seiner Amtszeit aus, 
so wird das Präsidium durch Zuwahl 
ergänzt. Die Wahl erfolgt durch die üb¬ 
rigen Mitglieder des Präsidiums und die 
Mitglieder des Hauptausschusses. Der 
so Gewählte tritt hinsichtlich der Dauer 
seines Amtes an die Stelle des Ausge¬ 
schiedenen für die noch laufende Zeit 
seiner Amtsperiode. 

§ 5 . 

Hauptausschuß. . . 

Dem Präsidium steht der Hauptaus¬ 
schuß zur Seite. Seine Aufgabe ist es 
vor allem, die Ansprüche der verschie¬ 
denen Wissenschaftszweige gegeneinan¬ 
der auszugleichen und über die Wah¬ 
rung voller Unparteilichkeit in der Ver¬ 
teilung der Mittel zu wachen, wie auch 
auf möglichste Kostenersparung und 
auf zweckmäßigste Verwendung der 
vorhandenen Mittel durch Vereinheit¬ 
lichung und Zusammenfassung der auf 
den verschiedenen Teilgebieten erfor¬ 
derlichen Maßnahmen hinzuwirken. 

Der Hauptausschuß besteht aus 11 
Mitgliedern und ebensoviel Stellvertre¬ 
tern. Er wählt aus seiner Mitte den Vor¬ 
sitzenden und einen Stellvertreter des 
Vorsitzenden, der den Vorsitzenden im 
Behinderungsfalle auch im Präsidium zu 
vertreten hat. Im Falle des Ausschei¬ 
dens des Vorsitzenden findet Neuwahl 
statt. 

Die Amtsdauer der Mitglieder des 
Hauptausschusses beträgt drei Jahre. 
Die Bestellung kann nur bei Vorliegen 
eines wichtigen Grundes widerrufen 
werden. Scheidet ein Mitglied des 
Hauptausschusses vor Ablauf seiner 
Amtszeit aus, so tritt sein Stellvertreter 
bis zum Ablauf seiner Amtsperiode für 
ihn ein. Für den Stellvertreter prfolgt 
die Ersatzwahl in gleicher Weise und 
durch dieselben Organe wie bei Aus- 




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325 


Satzungen der Notgeineinschaft der Deutschen Wissenschaft 


326 


scheiden des Präsidenten oder seiner 
Stellvertreter. 

§ 6 . 

Das Präsidium beschließt über die 
Verwendung der verfügbaren Mittel 
nach Anhörung des Hauptausschusses. 
Bei der Verteilung sind der Wille der 
Stifter und der Vereinszweck maßge¬ 
bend ; die von den Fachausschüssen ge¬ 
machten Vorschläge sind tunlichst zu 
berücksichtigen. 

Die Geschäfte des Präsidiums führt der 
Präsident. Seine Stimme gibt bei Stim¬ 
mengleichheit den Ausschlag. 

Präsidium und Hauptausschuß können 
vom Präsidenten unter Mitteilung der 
Tagesordnung zu gemeinsamer Sitzung 
berufen werden. 

§?• 

Nach Ablauf eines jeden Geschäfts¬ 
jahres erstattet das Präsidium dem 
Hauptausschuß Bericht über seine Ge¬ 
schäftsführung und legt ihm die Jahres¬ 
rechnung vor. Jahresbericht und Jahres¬ 
rechnung sind mit dem Gutachten des 
Hauptausschusses an die Mitgliederver¬ 
sammlung weiterzugeben. 

§ 8 . 

Besondere Vertreter. 

Der Präsident ist befugt, für die Ge¬ 
schäftsführung des Vereins die erfor¬ 
derliche Zahl besoldeter und unbesolde¬ 
ter Hilfskräfte zu berufen, die seinen An¬ 
weisungen Folge zu leisten haben, und 
deren Geschäftskreise er im einzelnen 
bestimmt. Er kann ferner zu seiner Un¬ 
terstützung im Verkehr mit den Fach¬ 
ausschüssen Referenten ernennen. 

§9- 

Fachausschüsse. 

Durch gemeinsamen Beschluß von 
Präsidium und Hauptausschuß sind für 
die in Betracht kommenden wissen¬ 
schaftlichen Gebiete Fachausschüsse von 


3 bis 9 wissenschaftlichen Mitgliedernzu 
bilden. Der Beschluß bedarf der Geneh¬ 
migung der Mitgliederversammlung. 

Bei <j^r Zusammensetzung der Fach¬ 
ausschüsse ist dafür Sorge zu tragen, 
daß die Gesamtheit der wissenschaft¬ 
lichen Interessen des Fachgebietes un¬ 
ter strenger Wahrung der Sachlichkeit 
vertreten ist. Die Mitglieder der Fach¬ 
ausschüsse werden auf zwei Jahre be¬ 
stellt. Ihre Wiederbestellung ist zuläs¬ 
sig. Scheidet ein Mitglied vor Ablauf 
seiner Amtszeit ausi, so ernennt das Prä¬ 
sidium im Einvernehmen mit dem 
Hauptausschuß den Nachfolger. 

Die erstmalige Zusammenberufung er¬ 
folgt auf die Dauer eines Jahres und 
bleibt dem Präsidium und Hauptaus¬ 
schuß Vorbehalten. 

Für die Zukunft werden Präsidium 
und Hauptausschuß das zweckmäßigste 
Wahlverfahren prüfen und ihren Be¬ 
schluß der Mitgliederversammlung zur 
Genehmigung vorlegen. 

Die Fachausschüsse haben die Richt¬ 
linien für die zweckmäßigste Verwen¬ 
dung der Mittel zu entwerfen und un¬ 
ter Berücksichtigung der vorliegenden 
Anträge den Verteilungsplan aufzu¬ 
stellen. 

§ 10 . 

Neben den Fachausschüssen werden 
Ausschüsse für besondere Zwecke nach 
Bedürfnis gebildet, bei denen namentlich 
auch außerhalb der Wissenschaft stehen¬ 
de Sachkundige beteiligt werden sollen. 

§ 11 - 

Mitgliederver Sammlung. 

Die Mitgliederversammlung tritt jähr¬ 
lich einmal an einem geeigneten Ort des 
Reichsgebietes zusammen. Ihre Einbe¬ 
rufung hat mindestens drei Wochen vor 
der Tagung unter Angabe des Ortes und 
der Zeit der Tagung und der Tagesord¬ 
nung den Mitgliedern zuzugehen. Die 

11 * 


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Alfred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


328 


Mitgliederversammlung ist außerdem 
noch dann einzuberufen, wenn es von 
einer der im § 3 Abs. 1 aufgeführten 
Mitgliedergruppen verlangt wir^. 

Die Mitgliederversammlung nimmt 
den Jahresbericht entgegen und entlastet 
das Präsidium hinsichtlich der Jahres¬ 
rechnung nach Prüfung durch drei von 
ihr bestimmte Revisoren. Zugleich be¬ 
schließt sie über Angelegenheiten, die 
ihr seitens des Präsidiums zur Beschlu߬ 
fassung vorgelegt werden, und hat das 
Recht, Anträge zu stellen, die sich auf 
den Betrieb der Notgemeinschaft be¬ 
ziehen. 

Die Mitgliederversammlung wählt die 
Mitglieder des Präsidiums und des 
Hauptausschusses, soweit sich diese Or¬ 
gane nicht durch Zuwahl selbst ergän¬ 
zen, und bestätigt die Fachausschüsse. 

Die Mitgliederversammlung wird von 
dem Präsidenten geleitet. Für jede Ta¬ 
gung der Mitgliederversammlung wird 
ein Schriftführer gewählt, der das Proto¬ 
koll führt. Das Protokoll, in das die Be¬ 


schlüsse der Mitgliederversammlung im 
Wortlaut aufzunehmen sind, ist vom 
Versammlungsleiter und vom Schrift¬ 
führer zu unterzeichnen. 

§ 12 . 

Auflösung des Vereins. 

Der Verein ist aufzulösen, wenn die 
Mitgliederversammlung mit dreiviertel 
Mehrheit es beschließt. Die Mitglieder¬ 
versammlung ist zur Beschlußfassung 
hierüber nur befugt, wenn mindestens 
dreiviertel der Mitglieder in ihr vertre¬ 
ten sind. Ist die erforderliche Anzahl der 
Mitglieder nicht vertreten, so ist eine er¬ 
neute Mitgliederversammlung einzube¬ 
rufen, die ohne Rücksicht auf die Zahl 
der Erschienenen auch hierüber be¬ 
schlußfähig ist 

Das etwa vorhandene Vermögen fällt 
zu gleichen Teilen an die fünf deut¬ 
schen Akademien (§3 Ziffer 1), die dar¬ 
über im Sinne der Notgemeinschaft ver¬ 
fügen. 

Berlin, den 30. Oktober 1920. 


Der Inhalt der eleusinischen Mysterien. 

Von Alfred Körte. 


Keine religiöse Institution der Hel¬ 
lenen hat in den weiteren Kreisen der 
Gebildeten von jeher soviel Interesse 
erregt wie die eleusinischen Mysterien. 
Gerade der dichte, scheinbar undurch¬ 
dringliche Schleier des Geheimnisses, 
der sie umhüllte, lockte unwidersteh¬ 
lich die Phantasie der Gelehrten und 
Altertumsfreunde, sich das hinter diesen 
Schleiern verborgene Bild in den glän¬ 
zendsten, leuchtendsten Farben auszu¬ 
malen; und es ist nur natürlich, daß 
man in die Mysterien hineinlegte, was 
der eigenen Zeit besonders wichtig und 
wertvoll erschien. Das 18. Jahrhundert, 
die Zeit der Aufklärung und der Ge¬ 
heimbünde, der Freimaurer, Rosenkreu¬ 


zer und Illuminaten, sah in den eleu¬ 
sinischen Mysterien gleichsam ein an¬ 
tikes Vorbild für die eigenen auf die 
Erziehung des Menschengeschlechts zu 
edler Menschlichkeit und hoher Gesit¬ 
tung gerichteten Bestrebungen, und 
ihren bekanntesten, bis heute nachwir¬ 
kenden Ausdruck hat diese Auffas¬ 
sung in Schillers Eleusischem Fest ge¬ 
funden : 

Windet zum Kranze die goldenen Ähren, 
Flechtet auch blaue Cyanen hinein! 

Freude soll jedes Auge verklären, 

Denn die Königin ziehet ein, 

Die Bezähmerin wilder Sitten, 

Die den Menschen zum Menschen gesellt 
Und in friedliche, feste Hütten 
Wandelte das bewegliche Zelt. 


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Alfred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


330 


Die Göttin, die auf der Suche nach 
ihrer verlorenen Tochter die Erde durch¬ 
streift, faßt inniges Mitleid mit dem ar¬ 
men Menschengeschlecht, das sie über¬ 
all in tiefster Roheit vorfindet: 

Fühlt kein Gott mit ihm Erbarmen? 
Keiner aus der Sel'gen Chor 
Hebet ihn mit Wunderarmen 
Aus der tiefen Sdimach empor? 

In des Himmels sel’gen Höhen 
Rühret sie nicht fremder Schmerz; 

Doch der Menscheit Angst und Wehen 
Fühlet mein gequältes Herz. 

Daß der Mensch zum Menschen werde, 
Stift’ er einen ew’gen Bund 
Gläubig mit der frommen Erde, 

Seinem mütterlichen Grund, 

Ehre das Gesetz der Zeiten 
Und der Monde heil'gen Gang, 

Welche still gemessen schreiten 
Im melodischen Gesang. 

Die blutgefüllte Schale, welche ihr 
die Wilden darbieten, weist sie schau¬ 
dernd zurück und lehrt das rohe Volk 
den Ackerbau. Mit dem Ackerbau sind 
die Vorbedingungen für eine höhere Ge¬ 
sittung gegeben. Alle Götter kommen 
der Schwester zu Hilfe, Themis setzt 
die Grenzsteine, Hephaistos lehrt die 
Metallbehandlung und die Töpferei, Mi¬ 
nerva gründet, von andern Göttern un¬ 
terstützt, die Mauern der Städte. 

Und die neuen Bürger ziehen. 

Von der Götter sel'gem Chor 
Eingeführt, mit Harmonieen 
In das gastlich offne Tor. 

Am Altar verkündet dann die eleusini- 
sche Göttin selbst den Inbegriff der 
neuen Sittlichkeit: 

Freiheit liebt das Tier der Wüste, 

Frei im Äther herrscht der Gott, 

Ihrer Brust gewalt'ge Lüste 
Zähmet das Naturgebot; 

Doch der Mensch in ihrer Mitte 
Soll sich an den Menschen reihn. 

Und allein durch seine Sitte 
Kann er frei und mächtig sein. 

Da ist die Erziehung zur höheren Sitt¬ 
lichkeit das einzige Ziel des eleusi- 
schen Festes, und das Geheimnis, das 


Mysterium, tritt ganz zurück. Wäre 
nicht von dem ewigen Bund die Rede, 
den der Mensch gläubig mit der from¬ 
men Erde stiften soll, so könnte man 
fast zweifeln, ob Schiller überhaupt an 
die Mysterien gedacht habe. 

Gerade das Mysterium, das Geheim¬ 
nisvolle, reizte dann wieder die Spe¬ 
kulation der nächsten Generation, der 
Romantiker. Der Mythologe der Ro¬ 
mantik in Deutschland, FriedrichCreu- 
zer, der über 50 Jahre in Heidelberg die 
Professur für klassische Philologie inne¬ 
hatte, stellte die eleusinischen Myste¬ 
rien so recht in den Mittelpunkt seiner 
phantastischen griechischen Religions¬ 
lehre. In seinem Hauptwerke, der 1810 
in erster, 1836 in dritter Auflage er¬ 
schienenen „Symbolik und Mythologie 
der alten Völker", füllen die Untersu¬ 
chungen über die eleusinischen Myste¬ 
rien den ganzen, über 600 Seiten star¬ 
ken vierten Band. Der Kern seines Sy¬ 
stems ist die Annahme einer im fernen 
Orient entstandenen monotheistischen 
Uriehre, die aus ihrer Heimat zu den 
Griechen gelangte und hier von den 
Priestern dem Volke in Symbolen ver¬ 
hüllt dargeboten, in den Mysterien aber 
rein gewahrt wurde. Die Aufgabe aller 
Religionsforschung ist ihm die Rück¬ 
führung der verschiedensten Formen 
des Polytheismus auf ihre monotheisti¬ 
sche Urform, und so weiß er denn auch, 
daß in den Mysterien von Eleusis die 
„Wahrheiten vom einen und ewigen 
Gotte, von der Welt und von des Men¬ 
schen Bestimmung den Epopten ans 
Herz gelegt wurden“. Mit einer nacht¬ 
wandlerischen Sicherheit, von keiner 
Kritik angekränkelt trägt er seine Er¬ 
kenntnisse vor, und selbst das Jahr der 
Stiftung der Mysterien ist ihm nicht un¬ 
bekannt, „mit Wahrscheinlichkeit" sind 
die Jahre 1399 oder 1397 oder 1403 v. 
Chr. anzunehmen. 


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Alfred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


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Dies ganze luftige Gebäude seiner 
himmelanstrebenden Phantastik stürzte 
wie ein Kartenhaus zusammen, als 
Christian August Lobeck das grobe Ge¬ 
schütz seiner nüchternen unerbittlichen 
Kritik dagegen richtete. Im Jahre 1829 
erschien Lobecks epochemachendes Werk 
Aglaophamos (benannt nach einem an¬ 
geblichen orphischen Lehrer des Pytha¬ 
goras), und in ihm nahm die Behand¬ 
lung der eleusinischen Mysterien das 
erste Büch, 228 Seiten, ein. Mit einer 
nie versagenden Gelehrsamkeit und 
einer beißenden kritischen Schärfe zer¬ 
stört Lobeck alle die bunten Phantaste¬ 
reien Creuzers, seiner Vorgänger und 
Anhänger. Daß es in den Mysterien 
keine geheime Weisheitslehre gab, daß 
die Götter des Volksglaubens in ihnen 
nicht als Symbole uralter Naturreligion 
oder gar im Sinne der neuplatonischen 
Philosophie ausgelegt wurden, das hat 
Lobeck zwingend erwiesen, und dieser 
Teil seiner Darlegungen ist noch heute 
ganz frisch und unveraltet. Aber ob¬ 
gleich der Aglaophamos eine befreiende 
Tat war, hat er doch auf zwei Men¬ 
schenalter hinaus die Religionsfor¬ 
schung in gewissem Sinne gelähmt. Der 
nüchterne Rationalist hatte nämlich im 
Grunde gar kein Verhältnis zur Reli¬ 
gion, am allerwenigsten zu den ein¬ 
fachen Grundgedanken der Volksreli¬ 
gion, und so bleibt denn nach seiner 
Darstellung in den Mysterien schlie߬ 
lich überhaupt kein religiöser Kern üb¬ 
rig. „Wenn man alle Schlupfwinkel der 
Geheimnisse durchstöbert (so sagt er 
S. 146), so findet man nichts als Kult¬ 
handlungen (actus sacrificales) und er¬ 
dichtete Legenden und dazu mannig¬ 
fache, unbestimmte Vermutungen phan¬ 
tasievoller Leute“. Die Frage, welcher 
Art denn diese „actus sacrificales“ ge¬ 
wesen seien, ob man von ihnen aus 
nicht zum Verständnis der religiösen 


Grundidee der Mysterien Vordringen 
könne, liegt ihm ganz fern, „man kann 
kaum zweifeln,“ sagt er einmal (S.56f.), 
„daß auch in den eleusinischen Myste¬ 
rien Götterbilder von alter Heiligkeit 
oder vor alter Zeit gestiftete Weihge¬ 
schenke oder gewisse heilige Geräte 
(divina utensilia) zur Verehrung darge¬ 
boten wurden“. Die ethische Wirkung 
der Mysterien, die dem Zeitalter der 
Aufklärung die selbstverständliche 
Hauptsache erschien, berührt Lobeck 
überhaupt nicht. Das unleugbar gewal¬ 
tige Ansehen, das die eleusinischen My¬ 
sterien im ganzen Altertum, auch bei 
gebildeten Römern wie Cicero, genos¬ 
sen, beruht nach Lobeck im Grunde auf 
geschickter Priestermache und auf dem 
Lokalpatriotismus attischer Schriftstel¬ 
ler wie Isokrates, die die heimischen 
Mysterien als etwas Besonderes preisen. 
Wenn man seine gelehrten scharfsinni¬ 
gen Ausführungen ganz durchgearbeitet 
hat, so ist der ernüchternde Gesamtein¬ 
druck — um es einmal stark zu sagen: 
„Die ganze Geschichte ist Schwindel.“ 
— Dieser Eindruck lag jahrzehntelang 
wie ein heimlicher Bann auf der Wis¬ 
senschaft und erzeugte eine Stimmung, 
die, wie Albert Dieterich einmal hübsch 
gesagt hat (Kl. Schriften 428), „jeglichen 
Mysterien und jeder Betonung des 
Einflusses von Mysterien kreuzeschla¬ 
gend aus dem Wege ging“. Es ist sehr 
merkwürdig, daß auch Erwin Rohde, 
der für religiöse Triebkräfte ein soviel 
tieferes Verständnis besaß als Lobeck. 
sich diesem Bann nicht hat entziehen 
können, das Kapitel über die eleusini¬ 
schen Mysterien ist das am wenigsten 
befriedigende seines herrlichen Buches 
Psyche. Freilich hat er einen Haupt¬ 
punkt ganz anders in den Vordergrund 
gestellt als Lobeck, die Frage: Was er¬ 
warten die Mysten selbst als Wirkung 
ihrer Einwirkung, was bieten die Mv- 


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Alfred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


sterien? Die Antwort darauf wird von 
einer ganzen Reihe von Zeugen aus den 
verschiedensten Jahrhunderten mit 
voller Bestimmtheit gegeben: Die My¬ 
sterien verbürgen den Geweihten ein 
besseres Los im Jenseits. Schon unser 
ältester Zeuge, der homerische Demeter¬ 
hymnus, fügt der Erzählung, wie Deme¬ 
ter den eleusinischen Landeskönigen die 
Begehung der heiligen Handlung ge¬ 
zeigt habe, die klare Verheißung hinzu 
(V. 480ff.): 

Selig, wer diese Weihen geschaut, von den 
irdischen Menschen, 

Wer aber ungeweiht und nicht mit ihnen 
begnadet, 

Der hat als Toter ein anderes Los im 
modrigen Dunkel. 

Dieser selbe Gedanke kehrt immer 
wieder. Pindar singt (Fr. 137a Sehr.): 
Selig, wer diese Weihen gesehen, wenn er 
eingeht unter die Erde, 
Er kennt des Lebens Ziel, 

Er kennt den gottgegebenen Anfang. 

Und noch deutlicher spricht Sopho¬ 
kles Fr. 753: 

O dreimal selig sind die Sterblichen, 

Die diese Weihen schauten, ehe sie 
Zum Hades wandern, denn für sie allein 
Gibt’s dort ein Leben, für die andern ist 
Dort alles schlimm. 

Und um neben den Dichtern auch 
einen Prosaiker anzuführen, Platon läßt 
es seinen Sokrates im Phaidon (69C.) 
als Verheißung der Mysteriengründer 
aussprechen, „daß wer ungeweiht in 
den Hades kommt, dort im Schlamm 
liegen, wer aber gereinigt und geweiht 
dorthin gelangt, mit den Göttern woh¬ 
nen wird“ und noch einmal (81 A): 
„von den Geweihten sagt man, daß sie 
in Wahrheit das künftige Leben mit 
den Göttern verbringen". Unumwunden 
erkennt Rohde an, diese Zeugnisse seien 
viel zu bestimmt und übereinstimmend, 
„als daß wir glauben könnten, hier die 
Ergebnisse irgendwelcher Ausdeutung 
vieldeutiger Vorgänge, etwa die umdeu¬ 


tende Übertragung einer aus Anschau¬ 
ung der Erlebnisse der Gottheit ge¬ 
wonnenen Ahnung auf ein ganz ande¬ 
res Gebiet, das des menschlichen Seelen¬ 
lebens, vor uns zu haben. Es muß ganz 
unumwunden, ganz handgreif¬ 
lich das, was jene Zeugen schlicht und 
ohne sonderliches „Mysterium“ mittei- 
len: die Aussicht auf jenseitiges Glück, 
den Teilnehmern an den Mysterien dar¬ 
geboten worden'sein.“ Von diesen Sät¬ 
zen Rohdes kann man jedes Wort un¬ 
terschreiben, aber er wagt es nicht 
recht, mit seinen Forderungen Ernst zu 
machen, weil er das Symbol scheut, und 
so sind denn die Mittel der handgreif¬ 
lichen Darbietung, die er schließlich vor¬ 
schlägt, unzulänglich: „Die Standbilder 
der Göttinnen wurden in strahlendem 
Lichte sichtbar; der Gläubige ahnte 
(also doch die vorher abgelehnte Ah¬ 
nung!) an diesem Gnadenfeste der Er¬ 
innerung an ihre Leiden, ihr Glück und 
ihre Wohltaten, ihre unsichtbare Ge¬ 
genwart.“ 

Erst Albrecht Dieterich hat den Bann 
des Aglaophamos gebrochen. Bei 
Hermann Usener hatte er gelernt, die 
Wichtigkeit des Ritus, der heiligen 
Handlung, zu würdigen, deren leisere 
Stimme den eigentlichen Sinn einer re¬ 
ligiösen Institution oft so viel treuer 
kündet als der Mythus, die heilige Ge¬ 
schichte, die eben als Geschichte viel 
stärkeren Umwandlungen zu unterlie¬ 
gen pflegt. Deshalb stellt Dieterich die 
Lobeck so gleichgültigen „actus sacri- 
ficales“ und die dazugehörigen sakra¬ 
mentalen Formeln in den Mittelpunkt 
seiner Untersuchungen über die eleu¬ 
sinischen Mysterien, die sich in seinen 
beiden schönen Büchern „Mithraslitur- 
gie“ und „Mutter Erde“ verstreut fin¬ 
den. Eine zusammenhängende Behand¬ 
lung gerade der eleusinischen Mysterien 
hat D. leider nie gegeben. Auf demsel- 


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Alfred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


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ben Wege, aber mehr von den Denk¬ 
mälern ausgehend, ist auch ein Archäo¬ 
loge, Heinz Gerhard Pringsheim'), un¬ 
abhängig von Dieterich zu einem wich¬ 
tigen Ergebnis für die Mysterien ge¬ 
langt. Er wies nach, daß man die 
Myesis, die Aufnahme, streng scheiden 
muß von der Telete, der Begehung des 
sakramentalen Akts. Beide stehen zu¬ 
einander etwa wie in der christlichen 
Religion die Taufe zun; Abendmahl. Die 
Taufe ist ein ejnmal zu vollziehender 
Aufnahmeakt, die Vorbedingung zum 
Genuß des Sakraments, an dem dann 
der einzelne so oft teilnimmt, als sein 
religiöses Bedürfnis ihn treibt. Wie die 
Taufe ist auch die Myesis ein Reini¬ 
gungsakt, die Ähnlichkeit geht sogar sehr 
weit, denn auf einem schönen von Prings¬ 
heim veröffentlichten eleusinischen Re¬ 
lief aus der zweiten Hälfte des 5. Jahr¬ 
hunderts gießt Kore über den Kopf des 
klein gebildeten Mysten eine Schale aus, 
eine Tätigkeit, die bei der wirklichen 
Myesis ein besonderer, Hydranos „der 
Bewässerer“ genannter Priester vollzo¬ 
gen haben wird. Die Myesis, die nicht 
auf diesen Wasserguß beschränkt war, 
sondern verschiedene kathartische 
Handlungen umfaßte, scheint in ver¬ 
schiedenen andern Mysterien, z. B. den 
bakchischen, ziemlich ähnlich gewesen 
zu sein, nicht sie enthält das eigent¬ 
liche Geheimnis der eleusinischen My¬ 
sterien, sondern die Telete. Die Myesis 
kann, wie wir aus Inschriften ersehen, 
zu jeder Zeit im Heiligtum vorgenom¬ 
men werden, die Telete ist an das große 
Mysterienfest im Monat Boedromion 
(Oktober-November) gebunden. Was 
geht nun bei den großen Mysterien vor, 
worin besteht die „Vollziehung“, die 
Demeter nach dem homerischen Hym¬ 
nus die eleusinischen Landeskönige 

1) Archäologische Beiträge zur Geschichte 
des eleusinischen Kults. München 1905. 


lehrte? Das ist die Hauptfrage, die sich 
Dieterich mit Recht stellte. Er hatte er¬ 
kannt, daß ein jedes Mysterium die Ver¬ 
bindung des Menschen mit der Gottheit 
durch einen sakramentalen Akt be¬ 
zweckt. Demeter, die Mutter Erde, ist 
die Mutter alles Lebens, sie allein kann 
auch bei den Unterirdischen neues Le¬ 
ben geben. „Aus dem Glauben an die 
Muttergottheit“, sagt Dieterich, „geht 
das Bedürfnis des einzelnen hervor, sich 
das Mysterion der Kindschaft zu si¬ 
chern, d. h. durch sakramentalen Akt 
Kind dieser Mutter zu werden für ein 
zweites Leben.“ Nur auf einen sakra¬ 
mentalen Akt kann sich die feste Zu¬ 
versicht der Geweihten auf ein besse¬ 
res Los im Jenseits gründen. Daß in 
diesem Akt die oft erwähnten, aber nie 
beschriebenen „Heiligtümer“ von Eleu- 
sis eine Rolle spielen, ist zweifellos, 
denn sie stehen im Mittelpunkte aller 
äußeren Veranstaltungen der großen 
Mysterien. Die Heiligtümer werden auf¬ 
bewahrt in der vielberühmten Cista my- 
stica, von deren Aussehen und Größe 
uns Denkmäler und Inschriften eine 
klare Vorstellung gewähren. Nach 
Pringsheims überzeugenden Darlegun¬ 
gen ist sie eine mäßig große runde 
Schachtel, anscheinend aus festem 
Flechtwerk. Als ihre Besitzerin wird 
auf Reliefs und Votivgemälden Demeter 
gern dadurch charakterisiert, daß sie 
eben auf ihr sitzt. Die Cista mystica 
samt den in ihr enthaltenen Heiligtü¬ 
mern kann nicht sehr schwer gewesen 
sein, denn wir wissen durch eine atti¬ 
sche Inschrift des Jahres 421 v.Chr., 
daß die Priesterinnen sie bei der gro¬ 
ßen Mysterienprozession zu Fuß die 
22 Kilometer von Athen nach Eleusis 
trugen. Es ist also gar keine Rede da¬ 
von, daß die Heiligtümer etwa Kult¬ 
statuen der Göttinnen gewesen sind, das 
würden auch schon die Abmessungen 


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Alfred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


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ihres Behälters verbieten. Nur verhält¬ 
nismäßig kleine und leichte Gegen¬ 
stände können den Inhalt der mysti¬ 
schen Kiste gebildet haben. Die Über¬ 
führung der Heiligtümer von ihrem 
ständigen Aufenthalt, dem Mysterien¬ 
heiligtum in Eleusis, nach Athen am 
14. Boedromion bildet den Auftakt der 
großen Mysterien. In der Stadt ver¬ 
gehen mehrere Tage mit reich ausgebil¬ 
deten Zeremonien. Der Hierophant er¬ 
läßt in der Stoa Poikile die feierliche 
Verkündigung, welche alle von dem 
Feste ausschließt, „deren Hände nicht 
rein und deren Sprache nicht verständ¬ 
lich ist“, die Mysten nehmen ein rei¬ 
nigendes Bad im Meer, es werden 
große Opfer dargebracht, und erst am 
19. findet die feierliche Rückführung 
der Heiligtümer in großer Prozession 
auf der noch heute teilweise kenntli¬ 
chen heiligen Straße statt. Auch diese 
Prozession ist wieder durch zahlreiche 
religiöse Begehungen an einzelnen Sta¬ 
tionen belebt und muß sehr anstren¬ 
gend gewesen sein. Stark erschöpft und 
noch stärker erregt durch Fasten, Sin¬ 
gen, Tanzen und die ständig gesteigerte 
Erwartung kommen die Mysten gegen 
Abend in Eleusis an, und dort bringt die 
heilige Nacht endlich die eigentlichen 
Weihen. Daß auch hier mit starken 
Mitteln auf das Sinnen- und Empfin¬ 
dungsleben gewirkt wurde, mit Dunkel¬ 
heit und plötzlichem Licht, liturgischen 
Gesängen, anscheinend auch dramati¬ 
schen Vorführungen, für die freilich das 
eleusinische Telesterion ein sehr un¬ 
geeigneter Raum war, das läßt sich 
nach unsern Zeugnissen nicht bezwei¬ 
feln, aber das alles bildet doch nur den 
stimmungsvollen Rahmen für den 
eigentlichen sakramentalen Akt, so gut 
wie Orgelspiel, Gesang, Weihrauchduft 
und Kerzenglanz nur den Rahmen für 
das Meßopfer in der katholischen Kirche 


abgeben. Diese heilige Handlung wird 
nie ausdrücklich beschrieben, aber der 
christliche Apologet Clemens Alex- 
andrinus hat uns die sakramentale For¬ 
mel, das Losungswort der eleusinischen 
Mysten, erhalten: „Ich fastete, ich trank 
den heiligen Gerstentrank (Kykeon ge¬ 
heißen), ich nahm aus der Kiste, ich 
vollzog die Handlung, ich legte wieder 
in den Korb und aus dem Korb in die 
Kiste.“ Hier scheint nur der neben der 
Kiste ganz überflüssige Korb (Kalathos) 
aus der alexandrinisehen Filiale des 
eleusinischen Heiligtums, wo er nach¬ 
weislich eine Rolle spielte, einge¬ 
schwärzt zu sein, sonst liegt kein Grund 
vor, an der Zuverlässigkeit der Anga¬ 
ben Clemens’ zu zweifeln. Der Myste 
nahm also etwas aus der Kiste, voll¬ 
führte mit diesem Gegenstand eine 
Handlung und legte ihn dann in die 
Kiste zurück; das klingt noch immer 
dunkel und rätselhaft, gestattet aber 
doch weitere Schlüsse. Sicher ist zu¬ 
nächst, daß die vorgenommene Hand¬ 
lung etwas Anstößiges gewesen sein 
muß, denn Clemens schließt die ent¬ 
rüsteten Worte an: „Das ist ein schö¬ 
nes Schauspiel und passend für eine 
Göttin. Würdig der Nacht sind diese 
Weihen und des Feuers und des hoch¬ 
herzigen, oder vielmehr hohlköpfigen 
Erechteidenvolks und der andern Hel¬ 
lenen, die im Tode erwartet, was sie 
nicht zu denken wagen.“ Dieterich 
meinte nun, der aus der Kiste genom¬ 
mene Gegenstand sei ein Phallos, ein 
männliches Glied, gewesen, mit dem der 
Myste den eignen Leib berührt und da¬ 
durch eine sakramentale Ehe mit der 
Gottheit vollzogen habe. Etwas ganz 
Ähnliches kommt tatsächlich in den 
Sabaziosmysterien vor, dort wird eine 
Schlange durch den Schoß des Mysten 
gezogen und hiermit eine mystische 
Ehegemeinschaft des Gottes mit dem 


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Alfred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


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Mysten begründet. Aber ganz mit Recht 

hat Pringsheim Dieterich eingewendet, 
daß doch die Muttergottheit Demeter 
nun und nimmer in einem Phallos ver¬ 
körpert werden konnte, mag auch sonst 
der Mensch dem Gotte gegenüber un¬ 
beschadet seines Geschlechts als der 
weibliche Teil empfunden werden. Aber 
man kann weitergehen: Die Ehegemein¬ 
schaft ist freilich eine der gar nicht 
zahlreichen, in den verschiedensten Zei¬ 
ten immer wiederkehrenden Formen, in 
welche religiöses Denken die ersehnte 
Vereinigung mit der Gottheit kleidet, 
aber hier paßt sie durchaus nicht. Der 
Mensch will doch gar nicht Gemahl oder 
gar Gemahlin der Erdenmutter werden, 
sondern ihr Kind, nicht um eine sa¬ 
kramentale Ehe, sondern um eine sa¬ 
kramentale Adoption muß es sich han¬ 
deln. Man braucht bloß Dieterichs Ge¬ 
danken, die kurz vor dem Ziel gleich¬ 
sam aus der Bahn ausgebrochen sind, 
konsequent zu Ende zu denken, um zu 
■einem andern, befriedigenden Ergebnis 
zu kommen. Wir wissen aus Diodor 
(V 39), daß die Adoption des Herakles 
durch Hera in der Weise vorgenommen 
gedacht wurde, daß Hera sich auf eine 
Kline legte und den Adoptivsohn durch 
ihr Gewand zur Erde gleiten ließ, und 
ausdrücklich fügt Diodor hinzu, dieser 
Adoptionsritus sei bei den Barbaren 
noch in seiner Zeit üblich. Berührung 
mit dem Mutterschoß der Frau, als de¬ 
ren Kind der Adoptierte gelten soll, 
sichert ihm symbolisch die Kindschaft, 
■also nahm der Myste aus der Kiste kei¬ 
nen Phallos, sondern eine Vulva, eine 
Nachbildung des weiblichen Ge¬ 
schlechtsteils und ließ diese über sei¬ 
nen Leib gleiten, dadurch wurde er 
zum rechten Kinde der Erdenmutter. 
Diese Hypothese, zu der ich, ohne Be¬ 
lege zu haben, gelangt war, wird nun 
entscheidend bestätigt durch verschie¬ 


dene bisher weniger beachtete Zeug¬ 
nisse christlicher Schriftsteller. Theo- 
doret sagt nach Aufzählung einer gan¬ 
zen Anzahl von heidnischen Götter¬ 
festen: „Bei diesen Festen wurde jede Art 
von Sittenlosigkeit dreist gewagt. Denn 
die Weihen und Orgien enthielten rät¬ 
selhafte Anspielungen hierauf, Eleusis 
den weiblichen Geschlechtsteil, die 
Phallagogie den männlichen.“ Und Cle¬ 
mens Alexandrinus nennt unter den ge¬ 
heimen Symbolen der Ge Themis, womit 
er hier nach Ausweis des Folgenden die 
eleusinische Demeter meint, „die weib¬ 
liche Muschel, das ist fromm und my¬ 
stisch gesprochen der weibliche Ge¬ 
schlechtsteil“. Wenn so zwei voneinan¬ 
der unabhängige, gut unterrichtete Zeu¬ 
gen den weiblichen Geschlechtsteil als 
das eigentliche Rätsel von Eleusis be¬ 
zeichnen, so kann es kaum einem Zwei¬ 
fel unterliegen, daß er zu den Heilig¬ 
tümern der Cista mystica gehörte und 
bei dem sakramentalen Akt eben , die 
Rolle spielte, die wir auf anderm Wege 
hypothetisch erschlossen hatten. 

Vortrefflich fügt sich diesem Ergeb¬ 
nis eine weitere Nachricht, die .wir 
einem andern christlichen Schriftsteller. 
Hippolytos, verdanken. „Der Hiero¬ 
phant“, so erzählt er unter ausdrück¬ 
licher Berufung auf geweihte Mysten, 
„ruft, wenn er in Eleusis nachts unter 
vielem Feuerschein die großen gehei¬ 
men Mysterien vollzieht, mit lauter 
Stimme: Einen Heiligen gebar die 
Hehre, einen Starken die Starke.“ Das 
Alter dieser Formel wird schon durch 
die ganz unverständlichen Wörter für 
den Schluß „Brimo Brimon“ gewähr¬ 
leistet. Die Hehre, Starke ist natürlich 
die eleusinische Göttin, aber vergebens 
hat man sich bemüht, aus dem Mythos 
ein Kind der Demeter nachzuweisen, 
dessen Geburt im Mittelpunkte der My¬ 
sterien stehen konnte. Nicht ein mythi- 


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Altred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


scher, sondern ein mystischer Sohn ist 
gemeint, eben der durch Berührung 
ihres Mutterschoßes von der Göttin wie¬ 
dergeborene Myste. Noch ein letztes 
Symbol teilt uns derselbe Hippolytos 
am gleichen Orte mit, „den Epopten 
wurde dort schweigend das große, wun¬ 
derbare, vollendete Geheimnis gezeigt, 
eine abgeemtete Kornähre“. Dieses 
sprechendste Zeugnis für die nimmer 
ruhende lebenspendende Kraft der Er¬ 
denmutter, die alles Leben und alle Saat 
in sich aufnimmt und neues Leben her¬ 
vorsprießen läßt, ist die letzte Besieg¬ 
lung für die Zuversicht des Mysten, daß 
die Mutter, deren Kind er durch die hei¬ 
lige Handlung geworden, auch ihm ein 
neues Leben im Jenseits zu gewähren 
vermag. 

leh glaube, daß wir hiermit die ein¬ 
fachen, aus uraltem, naivem Volksglau¬ 
ben hervorgewachsenen religiösen Ge¬ 
danken der eleusinischen Mysterien und 
ihre sakramentale Ausgestaltung erfaßt 
haben. 

Als ich vor 5 Jahren diese im Archiv 
für Religionswissenschaft (Bd. XV11I, 
1915, 116 ff.) veröffentlichte Erklärung 
des sakramentalen Kerns der eleusini¬ 
schen Mysterien dem geistvollen Histo¬ 
riker Alfred Dove, meinem alten Bonner 
Lehrer, dann Freiburger Kollegen, vor¬ 
legte, schrieb er mir umgehend: „Sie 
werden schon recht haben, aber ich 
sage: Pfui Deibel! — ich habe sofort 
das eleusische Fest wiedergelesen.“ 
Daß der sakramentale Akt in seiner 
sinnlichen Handgreiflichkeit auf moder¬ 
nes ästhetisches Empfinden abstoßend 
wirkt, gebe ich ohne weiteres zu, aber 
auch andere sakramentale Handlungen, 
in denen die Vereinigung mit dem Gott 
symbolisch vollzogen wird, darf man 
nicht ästhetisch betrachten — ist viel¬ 
leicht das Verspeisen des Gottes, das 
in vielen Religionen wiederkehrt, ästhe¬ 


tisch befriedigender? Inhaltlich aber 
drückt die eleusinische heilige Hand¬ 
lung ziemlich genau das aus, was 
Schiller ahnend seine Göttin fordern 
ließ: 

Daß der Mensch zum Menschen werde, 

Stift’ er einen ew’gen Bund 

Gläubig mit der frommen Erde, 

Seinem mütterlichen Grund, 

Bei der Bewertung eines Mysteriums 
kommt es nicht auf die Form der Got¬ 
tesvereinigung an, sondern auf die Wir¬ 
kung, die der Genuß des Sakraments 
auf das Seelenleben der Gläubigen aus¬ 
übt. 

Haben nun die eleusinischen Myste¬ 
rien irgendwelchen Einfluß ethischer 
Art ausgeübt und ausüben wollen? Für 
Schiller so gut wie für Creuzer war 
ein solcher Einfluß einfach selbstver¬ 
ständlich, aber seit Lobeck wird er meist 
durchaus in Abrede gestellt. Lobeck 
selbst wirft die Frage überhaupt nicht 
auf, Rohde und Paul Foucart, dessen 
großes Werk Les Myst£res d’Eleusis 
(Paris 1914) viel Beachtenswertes ent¬ 
hält, wenn es auch die eigentlichen Rät¬ 
sel der Mysterien nicht löst, leugnen 
ausdrücklich jede ethische Wirkung der 
Mysterien. Man wird da scheiden 
müssen: In den ältesten Zeiten, als die 
eleusinischen Mysterien nichts waren 
als ein privater Besitz gewisser eleu- 
sinischer Geschlechter, wird man an 
eine Beeinflussung des ganzen Men¬ 
schen durch die Teilnahme an den Wei¬ 
hen kaum gedacht haben. Damals ge¬ 
nügte die Bürgschaft eines besseren Lo¬ 
ses im Jenseits, die durch das Kindes¬ 
verhältnis zur Erdenmutter gewonnen 
war. ln einer bestimmten Richtung frei¬ 
lich muß auch damals ein starker ethi¬ 
scher Einfluß anerkannt werden. DieGe- 
wißheit eines seligen Lebens im Jenseits 
befreit die gläubigen Mysten von der 
Furcht vor dem Tode, und die Bekämp- 


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Alfred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


344 


fung der Todesfurcht ist ein Ziel, das 
Religion und Philosophie sich immer 
wieder gesteckt haben, um dadurch die 
menschliche Moral zu heben. Wenn der 
Tod seine Schrecken für ihn verloren 
hatte, war der gläubige Myste unmittel¬ 
bar ein innerlich freierer Mensch als 
seine ungeweihten Mitmenschen, mag 
diese innere Sicherheit gegenüber dem 
Tode in der älteren Zeit auch noch 
nicht zu der schwärmerischen Exalta¬ 
tion gesteigert gewesen sein, die uns 
in der Inschrift eines Hierophanten aus 
dem 3. Jahrhundert n. Chr. entgegen¬ 
tritt: 

Wahrlich ein schönes Geheimnis, ein gött¬ 
liches ist’s für die Menschen, 
Daß kein Obel der Tod künftighin, sondern 
ein Glück. 

Diese Saite des menschlichen Gefühls¬ 
lebens gab ohne Zweifel den Grundton 
ab, solange die Mysterien bestanden. Aber 
daneben lehren ganz unzweideutige 
Zeugnisse, daß in der klassischen Zeit, 
als die edelsten Geister der Hellenen, 
später auch der Römer sich weihen lie¬ 
ßen, eine sittliche Beeinflussung des 
ganzen Menschen erwartet und voraus¬ 
gesetzt wurde. Ich nenne zuerst Cicero, 
den gewiß niemand religiöser Schwär¬ 
merei oder kritikloser Verherrlichung 
hellenischer Einrichtungen zeihen wird. 
Im zweiten Buch seiner Gesetze sagt 
er selbst zu dem Freunde Attious, der 
gleich ihm in Eleusis geweiht war: „Vie¬ 
les Hervorragende und Göttliche scheint 
mir dein Athen erzeugt und in das 
menschliche Leben eingeführt zu ha¬ 
ben, nichts Besseres aber als jene My¬ 
sterien, durch die wir aus einem bäu¬ 
rischen, rohen Leben zur Menschlichkeit 
herangebildet und besänftigt worden 
sind; und wie sie Einweihung (initia) 
heißen, so haben wir in Wahrheit die 
Grundlagen des Lebens erkannt, und 
nicht nur eine Lehre freudigen Lebens, 


sondern auch hoffnungsvolleren Ster¬ 
bens gewonnen.“ 

Also die Wirkung, die Cicero an sich 
selbst empfunden haben will, geht weit 
hinaus über die Jenseitshoffnungen, das 
ganze Leben ist von ihr durchdrungen. 
Seine Worte berühren sich teilweise mit 
denen des ältesten Gewährsmannes, den 
wir für den inneren Wert der Myste¬ 
rien besitzen, mit Pindars schon ange¬ 
führten Versen, der Geweihte „kennt 
des Lebens Ziel, er kennt den gottgege¬ 
benen Anfang“. 

Das Bewußtsein, die im Mysterium 
gewonnene Kindschaft der Erdenmutter 
verpflichte zu einem sittlichen Leben, 
klingt deutlich durch in dem schönen 
Gebet, das Aristophanes in den Frö¬ 
schen seinen Aischylos vor Beginn des 
Wettkampfes mit Euripides sprechen 
läßt: 

Demeter, die du auferzogen meinen Geist, 
Gib, daß ich würdig deiner heiligen Weihen 

sei. 

Und in demselben Stück singt der Chor 
der Mysten (454) 2 ) in der Unterwelt: 

Denn uns allein ist Sonnenschein 
Und frohe Tageshelle, 

Die einst wir die Weih’n empfahn, 

Gut waren mit jedermann, 

Dem Fremdlinge wohlgetan 
Und dem eigenen Landsmann. 

Da ist das sittliche Verhalten gegen 
die Mitmenschen selbstverständliche 
Voraussetzung für die Mysten. 

Und geradezu als eine Forderung der 
Mysterien kann der Redner Andokides 
die Gerechtigkeit gegen jedermann aus¬ 
sprechen. Er verteidigt sich wegen My¬ 
sterienentweihung vor einem aus lauter 
Mysten zusammengesetzten Gerichtshof 
und fügt einer Mahnung an die Hei¬ 
ligkeit des geschworenen Richtereides 
noch die weitere Mahnung hinzu: „Fer¬ 
ner aber seid ihr in die Mysterien ein- 

2) Nach Droysens Übersetzung. 


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Alfred Körte, Der Inhalt der eleusinischen Mysterien 


346 


geweiht und habt die Heiligtümer der 
Göttinnen geschaut, auf daß ihr die 
Gottlosen straft, die Unschuldigen aber 
rettet.“ 

Unmöglich konnte Andokides vor 
dem Gerichtshof von Geweihten solche 
Worte gebrauchen, wenn nicht nach all¬ 
gemeiner Auffassung sittliches Handeln 
von den Mysten gefordert wurde. 

So wird man als die im Altertum 
vorherrschende Auffassung unbedenk¬ 
lich auch für die eleusinischen Myste¬ 
rien in Anspruch nehmen dürfen, was 
Diodor von den samothrakischen be¬ 
richtet: „Man sagt, daß die Teilnehmer 
der Mysterien auch frömmer, gerechter 
und besser als vorher würden.“ 

Gegen die Annahme, daß von den 
eleusinischen Mysterien überhaupt sitt¬ 
liche Wirkungen erstrebt und erzielt 
werden, pflegt eine Anekdote des Dio¬ 
genes ausgespielt zu werden, die mehr¬ 
fach, z. B. bei Plutarch, überliefert ist: 
Als jemand das glückliche Los der My¬ 
sten im Sinne der Sophokles-Verse 
pries, sagte er: „Was sprichst du da? 
Soll der Dieb Pataikion im Tode ein 
besseres Los habe t n, weil er geweiht 
ist, als Epameinondas?" 

Damit ist ja wirklich ein wunder 
Punkt getroffen, die eleusinischen My¬ 
sterien verbürgen ein besseres Los im 
Jenseits nur denen, die das Sakrament 
der Kindschaft empfangen haben. Wer 
nicht geweiht ist, genießt das Glück im 
Jenseits nicht, mag er auch tausendmal 
tugendhafter sein als mancher Myste. 
Aber diese engherzige Ausschließlich¬ 
keit ist notwendigerweise allen Reli¬ 
gionen eigen, die Jenseitshoffnungen an 
den Genuß ihrer Sakramente knüpfen. 


Wieviel Schmerzen und Kopfzerbrechen 
hat es nicht den christlichen Theologen 
alter und auch neuerer Zeit gemacht, 
daß die großen tugendhaften Heiden 
nicht in den christlichen Himmel ein- 
gehen können, weil sie nicht die Sa¬ 
kramente empfangen haben! Wenn ein 
Kind im Alter von 3 Tagen, ehe von 
einer sittlichen Haltung bei ihm die 
Rede sein kann, stirbt, dann ist sein 
Los im Jenseits nach Überzeugung vie¬ 
ler Millionen frommer Christen wesent¬ 
lich verschieden, je nachdem, ob es das 
Sakrament der Taufe empfangen hat 
oder nicht — wird es aber deshalb je¬ 
mand wagen, dem Christentum die sitt¬ 
liche Wirkung und den sittlichen Willen 
abzustreiten V 

Auch die Tatsache, daß der Dieb Pa¬ 
taikion unter den Geweihten war, kann 
unmöglich gegen die ethischen Ziele 
und Wirkungen der Mysterien ange¬ 
führt werden. Es ist leider das Schick¬ 
sal aller Religionen, daß sie ihre sitt¬ 
lichen Ziele immer nur bei einem Bruch¬ 
teil ihrer Bekenner zu erreichen ver¬ 
mögen. Für die Geschichte der grie¬ 
chischen Religion aber ist es von höch¬ 
ster Wichtigkeit, daß überhaupt eine 
sittliche Wirkung von der Teilnahme 
an den eleusinischen Mysterien erwar¬ 
tet wurde. 

Die christlichen Apologeten haben 
wohl gewußt, warum sie die Mysterien 
mit so besonderem Haß verfolgten: 
nicht nur in ihren Verheißungen, auch 
in ihren Wirkungen waren die Myste¬ 
rien dem Christentum verwandter als 
andere heidnische Kulte und darum ge¬ 
fährlicher. 


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347 Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 348 


Der Realismus in der französischen Literatur 
des 19. Jahrhunderts. 

Von Hanns Heiss. 1 ) 


Wie sonst in Europa verläuft auch in 
Frankreich die Literatur des 19. Jahrhun¬ 
derts in drei großen Bewegungen: Ro¬ 
mantik, Realismus und die an der Jahr¬ 
hundertwende mit Symbolismus und 
Neuromantik einsetzende Bewegung, die 
heute noch im Fließen ist. Der Realis¬ 
mus umspannt etwa ein Drittel des Jahr¬ 
hunderts, da er vom Anfänge der 50er 
Jahre bis gegen 1890 herrschte. Das 
Drama von Augier und Dumas fils bis 
Henri Becque wird ihm zugerechnet, 
ebenso die Versdichtung der Parnassier 
mit Leconte de Lisle an der Spitze, und 
der Roman und die Novelle vonFIaubert 
bis zu den Brüdern Goncourt, bis Zola 
und Maupassant. Es genügt, diese paar 
Schriftsteller zu nennen, um sich klar zu 
werden, daß nicht von einer Schule die 
Rede sein kann, nicht einmal von einer 
sehr einheitlichen Gruppe. Außer der 
zeitlichen Entwicklung in drei Jahrzehn¬ 
ten hat der Realismus verschiedene Prä¬ 
gung erhalten je nach den einzelnen 
Gattungen und mehr noch je nach den 
einzelnen Persönlichkeiten, die sich zu 
ihm bekannten. Für zwei Spielarten ha¬ 
ben sich ja auch eigene Bezeichnungen 
eingebürgert: man spricht von natu¬ 
ralistischem und von impressionisti¬ 
schem Realismus. Das Wort Realismus 
ist dehnbar und vielsagend wie die mei¬ 
sten unserer literarhistorischen Begriffe. 
Seinen Inhalt näher zu bestimmen, in¬ 
dem wir die wichtigsten Wandlungen 
realistischer Literatur verfolgen — das 
soll die Aufgabe meines Vortrages sein. 


1) Antrittsrede, gehalten an der Univer¬ 
sität Freiburg i. Br. 


1 . 

Die Entwicklung zum Realismus bahnt 
sich schon in der Romantik an. DasRin- 
I gen um treue Wiedergabe det Wirk¬ 
lichkeit, das Treffenwollen (attrapper. 
wie Edmond de Goncourt in der Vor¬ 
rede zu Les Fröres Zemgano sagt) wird 
eine der richtunggebenden Absichten 
des 19. Jahrhunderts. Man bemüht sich, 
die Wirklichkeit immer lückenloser zu 
erobern, alle Vorurteile und Zaghaf- 
! tigkeiten, die etwa im Wege stehen, mo¬ 
ralische wie ästhetische, zu unter¬ 
drücken. Man bemüht sich, die 
Wirklichkeit mit immer feineren 
Werkzeugen zu erfassen; die Sinne, 
vor allem das Auge, schulen sich, wer¬ 
den für die Farben und Formen der 
Außenwelt empfänglicher, wobei die Li- 
i teratur auch die Entdeckungen der zeit¬ 
genössischen Malerei verwertet. Zu- 
I gleich bemüht man sich, die sprach¬ 
lichen Ausdrucksmittel zu bereichern, 
um alles, was die Sinne einfangen, noch 
j in den flüchtigsten Abschattungen, bu¬ 
chen zu können. Bis dann am Ende des 
I Jahrhunderts, nachdem ein Gipfel er¬ 
reicht worden war, über den hinaus sich 
kaum mehr eine Steigerung denken ließ, 
j ein scharfes Umkippen eintritt, aufWie- 
dergabe der Wirklichkeit und Treffen 
überhaupt verzichtet wird und ganz 
neue Absichten auftauchen. 

Der schwerste Vorwurf, den die Ro¬ 
mantiker gegen den Klassizismus auf 
dem Herzen haben, ist: daß ihm die 
Wahrheit, das Leben fehle. Sie wollen 
I eine Kunst mit mehr Wirklichkeitsgehalt 
bieten. Und zwar quantitativ mehr, d.h. 


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349 Ha nns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 35y 


nicht zugestutzte Natur und einen engen 
Ausschnitt, sondern das Leben in sei¬ 
ner breiten, bunten Fülle mit dem Hä߬ 
lichen neben dem Schönen, dem Gemei¬ 
nen neben dem Erhabenen. Und quali¬ 
tativ mehr, d. h. genauere Nachzeich¬ 
nung, namentlich durch Herausarbeitung 
des Individuell-charakteristischen, das 
der Klassizismus vernachlässigt oder 
ausgemerzt hatte, da er die Wahrheit im 
Allgemeinen, Typischen, Ewigen suchte. 
Wenn es trotz solcher Vorsätze, die be¬ 
reits im Manifest der romantischen Re¬ 
volution, in V. Hugos Cromwell-Vorrede, 
eindeutig verkündet sind, damals noch 
nicht zu einem Realismus in dem Sinn 
gekommen ist, den wir mit dem Wort 
verbinden, so liegt das an vielerlei Um¬ 
ständen. 

Der Hang zum Ungewöhnlichen, Mär¬ 
chenhaften läßt die Romantiker den All¬ 
tag, die Durchschnittswirklichkeit als 
ästhetisch reizlos und schal verschmä¬ 
hen. Sie flüchten lieber in entfernte Län¬ 
der und Zeiten (daher die Mode der 
exotischen und historischen Romane und 
Dramen) oder müssen sich die bürger¬ 
liche Gegenwart erst genießbar machen, 
indem sie sie mit den Ausgeburten ihrer 
fiebernden Einbildungskraft bevölkern. 
Vor allem empfinden sie zu egozentrisch, 
um sich die Sachlichkeit und selbstver¬ 
leugnende Hingabe an den Gegenstand 
abzuringen, die der Realismus voraus¬ 
setzt. Die französische Romantik war 
ihrem Ursprung nach eine gewaltige Ex¬ 
plosion des im vorhergehenden rationa¬ 
listisch-klassizistischen Zeitalter gekne¬ 
belten Subjektivismus, ein Aufbäumen 
des Individuums, das als sein Recht be¬ 
anspruchte, sich zu behaupten und zu 
offenbaren. Da die Romantiker künst¬ 
lerisch nichts so sehr interessiert wie ihr 
eigenes Ich, da sie in Roman und Drama 
nur einen Rahmen für lyrische Beichten 
und Ergießungen erblicken, werden auch 


ihre Geschöpfe nur verzerrte Spiegelun¬ 
gen ihrer selbst und (wieder unter dem 
Druck ihrer Sehnsucht nach dem Ab¬ 
sonderlichen) Gestalten von unnatür¬ 
lichem Wuchs, die ein stürmisches 
Schicksal in atemraubender Hetzjagd 
von Abenteuer zu Abenteuer peitscht. 

So bringt es die Romantik nur zu 
einem Oberflächenrealismus, der besten¬ 
falls treu das Äußere von Dingen und 
Menschen abpinselt, der aber auch da¬ 
bei weniger auf Echtheit als auf das 
malerisch oder emotiv Effektvolle ach¬ 
tet, auf das Grelle oder Schauerliche, 
dem es weniger um Ehrlichkeit zu tun 
ist als darum, zu blenden — einem Ober¬ 
flächenrealismus, der zwar seine An¬ 
strengung für die Zukunft nicht nutzlos 
vergeudet, da er die Beschreibungstech¬ 
nik zu einer bis dahin unbekannten Voll¬ 
endung entwickelt, der aber leer bleibt, 
da ihn kein innerer Realismus in Hand¬ 
lung und Handelnden ergänzt. 

Nur für einen gilt diese Einschrän¬ 
kung nicht, für Stendhal, der überhaupt 
im schroffsten Widerspruch zu seiner 
Generation steht. Sonst ist keiner aus¬ 
zunehmen, auch Balzac nicht durchaus, 
obwohl die Realisten, ein Zola z. B., sich 
auf ihn als auf ihren Ahnen und Lehr¬ 
meister berufen durften. Im Gegenteil, 
gerade Balzac veranschaulicht die Hem¬ 
mungen, die die Ausbildung realistischer 
Kunst verzögerten. Er erzählt zwar vom 
zeitgenössischen Frankreich, und seine 
Betrachtungsweise des Menschen streift 
schon dicht an die spätere heran: dem 
Physiologischen im Menschen mißt er 
hohe Wichtigkeit bei und unterstreicht 
seine Abhängigkeit vom sozialen Milieu. 
Dieses Milieu schildert er bereits, auf 
sorgfältige Studien gestützt, mit einer 
peinlichen Ausführlichkeit im einzelnen,, 
die selbst die Gonoourt oder Zola kaum 
mehr überbieten. Und da er zudem die 
Gabe besitzt, seinen Geschöpfen Leben. 


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351 Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 352 


einzuhauchen, so fügt sich bei ihm zum 
äußeren auch seelischer, psychologischer 
Realismus. Aber sein Romantikertem¬ 
perament, das er nirgends zügeln kann, 
verführt ihn zu maßlosen Übertreibun¬ 
gen und Vergrößerungen und erfüllt sein 
Werk mit einer beklemmend schwülen 
Luft, in der es unaufhörlich von stärk¬ 
sten Spannungen und Entladungen ge¬ 
wittert. Man kann sagen, die beobach¬ 
tete Wirklichkeit bedeutet für ihn we¬ 
niger einen Gegenstand, den er abschrei¬ 
ben will, als vielmehr einen Brennstoff, 
mit dem er seine Phantasie heizt, um 
Rauschgesichte und Halluzinationen zu 
erzeugen, und die sind es dann, die er 
festhält. 

2 . 

Der Weg zum Realismus führt durch 
die Niederungen des Feuilletonromans, 
über Schriftsteller, die wie Sue krasse 
Elendschilderungen in sentimentale Af¬ 
terromantik hineinverweben. Die Eti¬ 
kette Realismus kommt um 1850 in 
Mode. Das meiste trug dazu ein Ma¬ 
ler bei, und der Lärm, den er mit sei¬ 
nen Bildern und aggressiv vorgetrage¬ 
nen Theorien machte: Courbet. 1852 
fand die Uraufführung der Kamelien¬ 
dame des jüngeren Dumas statt. Im sel¬ 
ben Jahr erschienen, mit einer program¬ 
matischen Vorrede, die Poömes Antiques 
von Leconte de Lisle. Fünf Jahre später 
folgte der erste Roman, in dem die Aus¬ 
scheidung romantischer Elemente kon¬ 
sequent vollzogen ist: Flauberts Ma¬ 
dame Bovary. Das sind die Werke, in 
denen sich die zweite große Welle des 
19. Jahrhunderts ankündigt. 

Gemeinsam ist ihnen als entscheiden¬ 
der Grundzug das Ideal einer objektiven 
Kunst, die nicht mehr in der inneren 
Welt im Dichter selbst, in dem, was er 
fühlt und leidet, ihren vornehmsten Ge¬ 
genstand sieht, sondern in der Welt 


außerhalb seines Ich. Die die mensch¬ 
liche Persönlichkeit des Dichters als 
Thema aus seinem Werk verbannen will. 
Und nicht bloß als Thema, sondern so¬ 
gar im Reflex seiner Anteilnahme am 
Stoff. Die (im Interesse einer unver¬ 
fälschten Wiedergabe der Wirklichkeit) 
vom Dichter fordert, daß er leiden¬ 
schaftslos gestalte, seine Erregung 
dämpfe, daß er (wie die von Leoonte de 
Lisle geprägten Schlagworte lauten) auf 
Unpersönlichkeit, auf Neutralität und 
auf impassibilitd, d.h. Unerschütterlich- 
keit bedacht sei. 

Am fühlbarsten mußte sich diese Um¬ 
stellung in der Lyrik auswirken. Nicht 
nur, daß Lyrik jetzt überhaupt zurück¬ 
tritt, nicht mehr wie während der Ro¬ 
mantik die repräsentative Gattung dar¬ 
stellt, in der alle Kunstleistung gipfelt. 
Sondern der Begriff Lyrik verliert sei¬ 
nen ursprünglichen Sinn. Die romanti¬ 
sche Ichlyrik brandmarkt Leconte de 
Lisle als würdelose Prostitution. Was er 
und auf seinen Spuren die kleineren 
Dichter des Parnaß bringen, ist nur sel¬ 
ten Bekenntnis, und wo sich eines ent¬ 
ringt, wird es hinter Symbolen und Mas¬ 
ken verschleiert, wird objektiviert, epi- 
siert. Die Versdichtung drängt dazu, eine 
Zwittergattung zwischen Lyrik und Epik 
zu werden. Oder sie drängt geradezu zum 
Epos hin, bzw. zum Gemälde, zum Re¬ 
lief, zur Statue. Leconte de Lisles Ge¬ 
dichte enthalten in der Mehrzahl neben 
Gedanklichem Landschaftsschilderun¬ 
gen und Ausschnitte aus der Geschichte. 
Es sind knappe Epen, also beschrei¬ 
bende, erzählende Kunst wie in den Ro¬ 
manen Flauberts. 

Flaubert predigt, womöglich noch un¬ 
duldsamer, dasselbe Ideal und verwirk¬ 
licht es mit einer Selbstzucht, die um 
so heldenhafter ist, als auch ihm unaus¬ 
rottbar der Romantiker im Blut 
saß und sich unbändig auszutoben ver- 


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353 Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 354 


langte, wie er sich in seinen Jugend¬ 
versuchen ausgetobt hatte. „L'auteur 
dans son ceuure doit ßtre comme Dieu 
da ns l’univers, präsent partout et visible 
nulle part.“ D.h. überall soll der Schöp¬ 
fer im Werk zu spüren sein an der Art, 
wie der Stoff gemeistert ist. Aber sicht¬ 
bar darf er nie werden. Denn der 
Mensch im Schaffenden ist gleichgültig. 
Fesseln kann nur, was er schafft. Und 
die Illusion des Lebens wird er nur er¬ 
zielen, wenn es ihm gelingt, aus seinem 
Ich zu schlüpfen, um in anderen aufzu¬ 
gehen. Es wäre unmöglich, aus Flau- 
berts Werk ein Bild seiner Persönlich¬ 
keit zu gewinnen. Es wäre schwer zu 
ahnen, wie stark er z. B. in Emma Bo- 
vary gelebt hat. Noch schwerer zu 
ahnen, mit welchem Ekel an dem klein¬ 
bürgerlichen Provinzdasein er sich in 
jahrelanger Fron diesen Roman abge¬ 
trotzt hat. So energisch hat er auf 
Selbstbespiegelung, auf Äußerung von 
Sympathien und Antipathien verzichtet. 
So losgelöst, so neutral wollte er über 
seinen Geschöpfen schweben: (wie er 
«inmal sagt) gleich dem lieben Gott, der 
von oben herab zuschaut. 2 ) 

Der schroffe Bruch mit dem Subjekti¬ 
vismus der Romantik erklärt sich nicht 
bloß aus der Ausleierung der Ichpoesie 
und der Übersättigung mit ihr. Er ist 
auch undenkbar ohne die Wandlung, die 
sich um 1850 allgemein unter dem wach¬ 
senden Einfluß der Wissenschaften, be¬ 
sonders der Naturwissenschaften, an¬ 
bahnte und die sich literarisch im Re¬ 
alismus ausdrückte, wie außerhalb der 
Literatur im Erkalten der religiösen und 
metaphysischen Bedürfnisse, im Erstar¬ 
ken diesseitsbewußter, positivistischer 
und materialistischer Weltanschauungs¬ 
richtungen. Literatur und moderne Wis¬ 
senschaft treten in enge Berührung. Die 


2) Correspondance II 155 u. 142 (1852). 

Internationale Monatsschrift 


Literatur will sich mit ihrem Geist durch¬ 
tränken, sich ihre Methoden und Einzel¬ 
erkenntnisse aneignen. Die Ausschal¬ 
tung des Persönlichen, Subjektiven ist 
nicht weniger ein wissenschaftliches 
Ideal als die Verwerfung irgendwelcher 
Hintergedanken, als der moralische In¬ 
differentismus und die unbedingte Zu¬ 
verlässigkeit der Dokumentierung, zu 
denen der Dichter verpflichtet werden 
soll. 

Flauberts Auffassung vom Menschen 
ist streng deterministisch. Während er 
Emma Bovary formt, sieht er als Auf¬ 
gabe vor sich, ihr Schicksal als notwen¬ 
diges Ergebnis verwickelter psychologi¬ 
scher, physiologischer und außerhalb der 
Heldin liegender Ursachen zu begreifen, 
zu deren Erhellung er seine medizini¬ 
schen Kenntnisse wieder auffrischt, um 
sich nach den Bedingungen ihrer Kon¬ 
stitution, Vererbungsvorgängen, Krank¬ 
heiten usw. zu fragen. In den vielen 
Jahren, wo er seinen Karthagerroman 
Salammbö ausbrütet, sitzt er tage- und 
wochenlang in Bibliotheken, liest sich 
durch Hunderte und aber Hunderte von 
Schmökern, moderne Forschung und 
alte Quellenwerke, Inschrifteneditionen, 
Polybius usw., häuft die Exzerpte zu 
Bergen — kurz, er arbeitet, wie ein Hi¬ 
storiker arbeiten würde. Wenn ihm 
nachher Sainte-Beuve oder ein Orien¬ 
talist von Fach Irrtümer vorwerfen, 
kann er sie mit einer Flut von Belegen 
überschwemmen. Und die Gelehrsam¬ 
keit genügt ihm noch nicht. Br reist 
selber nach Afrika, um sich mit der 
Landschaft, der Atmosphäre vollzusau¬ 
gen. Leconte de Lisle verfährt nicht 
anders. Die tropischen Landschaften, 
die er schildert, sind ihm aus seiner 
Heimat und von Reisen her vertraut. 
Für seine Fresken aus der Vergangen¬ 
heit benützt er das Material, das ihm 
die Geschichtsforschung, die Anthropo- 

12 


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355 Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 35(5 


logie, die Archäologie, die Philologie, 
die vergleichende Religionswissenschaft 
liefern. Studium aller erreichbaren In¬ 
formationsquellen und, wo es möglich 
ist, unmittelbare Beobachtung werden 
die Grundlage der künstlerischen Ar¬ 
beit, wie sie die Grundlage der wissen¬ 
schaftlichen sind. 

„Kunst und Wissenschaft, die so lange 
durch die auseinanderstrebenden An¬ 
strengungen der menschlichen Vernunft 
gespalten waren, müssen danach trach¬ 
ten, sich eng zu verbinden, wenn nicht 
zu verschmelzen“, heißt es im Vorwort 
zu den Poemes Antiques. Dieselbe Er¬ 
wartung drückte Flaubert in einem Brief 
desselben Jahres 1852 und noch öfter 
aus. 3 ) Ihr Wunsch hat sich insofern er¬ 
füllt, als noch zu ihren Lebzeiten der 
Naturalismus ein ziemliches Stück in 
dieser Richtung weiterschritt. 

3. 

Die Naturalisten trennt trotz des 
neuen Namens, den sie für sich einbür¬ 
gerten, nichts Entscheidendes vom Re¬ 
alismus. Keinen von ihnen, weder Dau¬ 
det noch Maupassant, noch Zola, der 
ihre massigste Persönlichkeit war, der 
kampflustigste Führer, der redseligste 
Theoretiker, noch die Brüder Gonoourt, 
die mit ihren vor Zolas Anfängen er¬ 
schienenen Romanen Soeur Philomöne 
(1861) und Germinie Laoerteux (1864) 
als die eigentlichen Pfadfinder gelten 
dürfen. Der Naturalismus bringt im we¬ 
sentlichen die Verschärfung und Über¬ 
treibung gewisser Züge, die bereits im 
Realismus vorhanden waren. Er bringt 
keinen Bruch, sondern nur Abbiegun¬ 
gen. Allerdings ein paar Abbiegungen 
so folgenschwer, daß Flaubert nur mit 
sehr gemischten Gefühlen die Entwick¬ 
lung derer verfolgte, die Publikum und 
Kritik als seine Schule etikettierten,und 

3) Correspondance II 92 u. 200 (1853). 


sich mehr als einmal polternd gegen 
die Zuschiebung der Vaterschaft wehrte. 

Eine solche Abbiegung ist bedingt 
durch das Verhältnis zur Gegenwart als 
Stoff. Darin beharren Flaubert und Le- 
conte de Lisle in der reinen Überliefe¬ 
rung der Romantik. Ihre Zeit widert sie 
an, ethisch wie ästhetisch. Flaubert 
behandelt zwar auch moderne Stoffe. 
Aber er muß sich dazu zwingen, stöh¬ 
nend, voll Heimweh nach der glühen¬ 
den Pracht exotischer und heroischer 
Visionen, in denen er schwelgen 
möchte, von vornherein entschlossen, 
alles um sich herum rachitisch, erbärm¬ 
lich, trostlos zu finden, mit einem Haß, 
in dem seine politischen Meinungen, 
sein Pessimismus und sein Paganismus 
zusammenfließen. Es war wohl schon 
vorher versucht worden, die Moderne 
für die Literatur zu erobern, in Nach¬ 
ahmung Balzacs und unter dem Ein¬ 
fluß der Begeisterung für die Industrie, 
die der Sozialismus saintsimonistischer 
Richtung verbreitete. Aber der mächtige 
Antrieb, der nötig war, kam erst mit den 
Naturalisten, besonders mit Zola. Erst 
ihm half (trotz mancher innerer Wider¬ 
stände) der sozialistische Glaube und 
die Ehrfurcht vor menschlichem Sich- 
mühen, die dichterischen Werte der 
Gegenwart auszugraben und in seinen 
Epen vom Warenhaus, vom Bergwerk, 
von der Eisenbahn, von den Markthallen 
einer Großstadt, vom Proletariat, vom 
Lohnkampf die Werkstätten und Werk¬ 
zeuge modern-europäischer Arbeit zu ge¬ 
stalten, das moderne Leben überhaupt, 
und zwar gerade in seinen eigentüm¬ 
lichen Erscheinungsformen und Konflik¬ 
ten, die einen Flaubert am unangenehm¬ 
sten abstießen. 

Die Erweiterung, die das Stoffgebiet 
so erfuhr, wurde dadurch noch be¬ 
trächtlicher, daß sich die Aufmerksam¬ 
keit mehr und mehr dem Sinn lieh-Wahr- 


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357 Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 358 


nehmbaren zuwandte. Die malerische 
Technik der Romantik wird ausgebaut. 
Wie zur Wissenschaft stellen sich rege 
Beziehungen zur Malerei ein, außer zu 
Courbet zu Manet. Zolas Malerroman 
L'CEuvre und die Manette Salomon der 
Goncourt spiegeln den eifrigen Aus¬ 
tausch, die Kampfgenossenschaft zwi¬ 
schen Atelier und Schreibzimmer um 
1860. Eine bezeichnende Tatsache ist 
das Eindringen der Stillebenmode. Bis 
dahin hatte die Literatur hauptsächlich 
das Portrait gekannt, daneben das In¬ 
terieur, das Straßenbild, das Architek¬ 
turbild und (ja von alters her) die Land¬ 
schaft. Gleich einer der frühesten Ro¬ 
mane Zolas, Le Ventre de Paris von 
1873, enthält eine Menge Stilleben, zu 
denen der Schauplatz der Handlungund 
die Figur des jungen Malers Claude 
Veranlassung gaben. Besonders zwei 
sind hervorzuheben, ein großes Obst¬ 
stilleben und ein großes Käsestilleben 
— beides schlagende Beispiele der 
Übertragung betont koloristischer Ab¬ 
sichten ins Literarische, die als Malerei 
und als detaillierteste, mit den schärf¬ 
sten Ausdrucksmitteln bewältigte Wie¬ 
dergabe eines nur die Sinne, den Ge¬ 
ruch und vor allem das Gesicht inter¬ 
essierenden Stückchens Außenwelt alles 
übertrumpfen, was die französische 
Dichtung bis dahin auf diesem Gebiet 
geleistet hatte. 

Zu solchem Erhabensein über den 
Stoff, das nur die Mache (in gutem Sinn) 
gelten läßt und auf jede Wertstaffe¬ 
lung der Gegenstände verzichtet, hatten 
sich weder Flaubert noch Leconte de 
Lisle emporgeschwungen. Der Grund¬ 
satz war zwar schon in der Romantik 
ausgesprochen worden, deutlich von V. 
Hugo, der 1829 in der Vorrede der 
Orientales schrieb: „Alles ist Gegenstand, 
alles gehört in die Kunst... Wir wollen 
nur prüfen, wie einer gearbeitet hat, 


nicht worüber und warum.“ Aber in 
seinem Mund ist das nur eine revolu¬ 
tionäre Phrase. Erst der Naturalismus 
wagt die Konsequenzen zu ziehen und 
er geht bis ans äußerste Ende, indem 
er überall die Scheidewände umwirft, 
nicht bloß die zwischen poetisch und 
unpoetisch, literaturfähig und nicht lite¬ 
raturfähig, sondern auch die zwischen 
schicklich und unschicklich, sittlich und 
unsittlich. 

Ihr Wahrheitsideal verbietet den Na¬ 
turalisten, aus der Natur auszuwählen. 
Und wenn Auswahl unvermeidlich ist, 
wollen sie lieber wählen, was vorher 
aus Scham und Zartgefühl nicht ge¬ 
wählt wurde. Jetzt wird Courbets her¬ 
ausfordernde Losung verwirklicht: il 
faut encanailler l'artl Und es handelt 
sich nicht bloß um Kühnheit in eroti¬ 
schen Dingen, sondern darum, Anstö¬ 
ßiges, Unerfreuliches jeder Art auszu¬ 
breiten, Krankenhausekelhaftigkeiten 
z. B. in einem Roman ebensowenig zu 
unterschlagen wie den Gestank der 
schmutzigen Wäsche in Gervaisens Bü¬ 
gelladen. Und es handelt sich auch nicht 
bloß um verstreute Brutalitäten an der 
Oberfläche. Sondern aus Angst, in die 
süßliche Verlegenheit hergebrachter 
Schönfärberei zu verfallen, auch aus 
Trotz und um den Bürger zu ärgern, 
versteift der Naturalismus sich darauf, 
grau in grau Bilder von körperlichem, 
moralischem, sozialem Elend und nur 
Elendsbilder aneinanderzureihen, nur 
die Bestie im Menschen aufzuzeigen, 
das traurige gequälte Tier oder das bös¬ 
artige quälende Tier, das Tier in seiner 
Abhängigkeit von Magen, Darm und 
Geschlechtstrieb. 

4. 

Eins liegt den Naturalisten am fern¬ 
sten: schmeicheln zu wollen. Gleich¬ 
viel, ob man an die Bücher der Gon- 

12 * 


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35Q Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrb. 360 


courts denkt mit ihrem Chirurgenernst 
oder an die Maupassants mit ihrer eisi¬ 
gen Menschenverachtung oder an die 
Zolas mit ihrem Unterton galliger Em¬ 
pörung — es ist überall derselbe An¬ 
blick, ringsum Gesindel und Krapüle, 
und das Krapülehafte gerade da über¬ 
wuchernd, wo es sich nach außenhin 
am sorgsamsten unter der Tünche der 
Ehrbarkeit verbirgt. 

Es ist lehrreich, sich zu vergegenwär¬ 
tigen, wie die einzelnen Gesellschafts¬ 
schichten in der modernen Literatur ver¬ 
treten sind. Balzac schildert Adel und 
Bürgertum, aber daneben schon außer 
Bohömegestalten und anrüchigen Spe¬ 
kulanten den Auswurf der Großstadt. 
Was Flaubert schildert, ist die Mittel¬ 
schicht bis ins Kleinbürgertum hinein. 
Wo er ein Dienstmädchen zur Heldin 
macht (Un Coeur Simple), streift er 
kaum und nur nebenbei, daß sie einer 
geknechteten Klasse angehört. Den Bür¬ 
ger verschönert er nicht. Er haßt ihn 
aufs Blut wie Zola. Aber nicht aus anti¬ 
kapitalistischen Stimmungen, sondern 
als Geistesaristokrat mit dem Roman¬ 
tikerhaß gegen den amusischen, un¬ 
geistigen Spießer. Die Feindseligkeit 
des Naturalismus gegen die Bourgeosie 
wurzelt tiefer. Gewiß kommen bei Zola 
Bauern und Arbeiter nicht besser weg. 
Seine Schau der Menschheit von heute 
duldet nirgends Lichter. Aber wo er 
Volk schildert, klingt doch Mitleid an, 
nicht bloß Ingrimm. 

Mit dem Kolportage- und Kriminal¬ 
roman, mit Sue und Gaboriau hatte 
schon vor Flaubert das Proletariat die 
Literatur überflutet. Und nicht nur das 
arbeitende, sondern die Horde der Gau¬ 
ner, Zuchthäusler, Dirnen, Zuhälter, de¬ 
nen die romantische Vorliebe für den 
Outlaw die Bahn geöffnet hatte. Von 
Germinie Lacerteux an wird das Prole¬ 
tariat beinahe ähnlich vorherrschend 


wie im 17. Jahrhundert der Adel und 
der Hof. In der klassischen Tragödie 
war nur Platz für Fürstlichkeiten und 
ihr Gefolge. Die Plebs, auch das Bür¬ 
gertum, durfte sich nur in der komi¬ 
schen Literatur bewegen, um durch Töl¬ 
pelhaftigkeiten zum Lachen zu reizen. 
Im naturalistischen Roman des 19. 
Jahrhunderts ist für den Adel und das 
besitzende Bürgertum, für die im Staat 
immer noch mächtigsten Klassen, kaum 
anders Platz als am Pranger, wo sie 
dem Spott und der Entrüstung preis- 
gegeben werden. 

Die Goncourts mit ihrer feinen Wit¬ 
terung in Kunstdingen haben früh be¬ 
griffen, daß diese Erweiterung der Li¬ 
teratur, der sie selbst mit dem Beispiel 
vorangegangen waren, zugleich eine 
Verengung bedeutete und die Gefahr 
der Verarmung, der Verpöbelung. Ed- 
mond de Goncourt, der sich allein und 
mit seinem Bruder in mehreren Roma¬ 
nen zu Ausflügen in die elegante Welt 
aufraffte, setzte 1879 in der Vorrede 
zu Les Fröres Zemgano seine Bedenken 
auseinander. Die wahre Entscheidungs¬ 
schlacht, die dem Naturalismus zum 
Sieg verhelfen soll, kann nicht mit Pro¬ 
letarierromanen wie Germinie Lacer¬ 
teux und L’Assommoir geschlagen wer¬ 
den, meint er. Sondern erst, wenn die¬ 
selbe unerbittliche Analyse auch auf 
raffinierte und distinguierte Menschen 
in reichen Milieus angewendet wird. Er 
persönlich zaudert vor den langen Vor¬ 
studien, die nötig sind. Aber die Hin¬ 
dernisse, die ein naturalistischer Roman 
der Eleganz zu überwinden hat, lauern 
nicht bloß da, wo Gonoourt sie vermu¬ 
tete. Viel ernster waren die Schwierig¬ 
keiten, die aus dem Wesen des Natu¬ 
ralismus selbst erwuchsen, aus seinem 
sozialen und sozialistischen Ethos und 
mehr noch aus seiner einseitigen Über¬ 
schätzung des Physiologischen, die ihn 


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&J 





361 Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 362 


verwickelteren psychologischen Aufga¬ 
ben, vor denen seine Methoden ver¬ 
sagt hätten, instinktiv ausweichen ließ. 

Flaubert bemühte sich noch ernst, in 
die geistige Atmosphäre vorzudringen, 
peindre le dessus et le dessous' 1 ), lebte 
sich z.B. für die Education Sentimentale 
durch ausgedehnteste Lektüren in alle 
Strömungen der 40er Jahre, auch in die 
religiösen und philosophischen ein. Die 
Naturalisten machen es sich leichter. 
Goncourt legt, ohne es zu ahnen, den 
Finger auf die Blöße der naturalisti¬ 
schen Dokumentierung, wenn er erklärt, 
ein vornehmer Salon sei weniger ein¬ 
fach aufzunehmen als die arme Stube 
eines Arbeiters, bei der schon ein ein¬ 
ziger Besuch genüge, um sie zu erfor¬ 
schen. Hier wird eine zweite Gefahr 
sichtbar, die drohte, neben der Verpöbe- 
lung die Veräußerlichung. 

Und noch eine Gefahr drohte. In be¬ 
wußter Abkehr von der Romantik woll¬ 
ten die Naturalisten nur schlichtes All¬ 
tagsdasein darstellen, mit Durch¬ 
schnittsmenschen als Handelnden, die 
keinerlei Nimbus umflimmert, ohne 
blendende Exotik, ohne haarsträubende 
Abenteuer. Aber je entschlossener sie 
den Schlamm der untersten Mensch¬ 
heitstiefen aufwühlten, desto mehr ent¬ 
gleisten sie aus ihrem Vorsatz. Die Mi¬ 
lieus, die Zustände und Geschehnisse, 
die sie am liebsten anpacken: Schlupf¬ 
winkel schmutzigster Armut, lichtscheue 
Laster, Verbrechen, Unflätigkeiten, ste¬ 
chen von der normalen Wirklichkeit, in 
der der bürgerliche Leser und Dichter 
atmen, ähnlich ab, sind mit ihr vergli¬ 
chen ähnlich märchenhaft wie die mär¬ 
chenhaftesten Fabeln Hugoscher Dra¬ 
men, ähnlich exotisch wie der Orient 
oder die grauenhafte Höhle, wo Hugos 
Han d’Islande das Blut seiner Opfer aus 


4) Correspondance II 200. 


einer Hirnschale schlürft. Wenn sich 
darin gar die Sprache durch Einstreu¬ 
ung von Argot sprenkelt, wird die anti¬ 
bürgerliche Fremdartigkeit noch unter¬ 
strichen. Es entsteht, wie schon Edmond 
de Goncourt als helläugiger Selbstzer¬ 
gliederer durchschaute 5 ), ein Surrogat 
für den in Verruf geratenen Exotismus. 
So führt die erstrebte Gleichgültigkeit 
gegen das Stoffliche zu unerwarteten 
Folgen. Spannung, Wunderbares strömt 
von neuem herein, und der Widerspruch 
ist um so auffallender, je geflissent¬ 
licher die Naturalisten versichern, daß 
sie nichts bieten wollen als einen Fetzen 
Menschenleben, der nur durch seine 
Echtheit wirken soll. 

5. 

Da die Naturalisten moderne Stoffe 
wählen, wird die unmittelbare Beobach¬ 
tung an Ort und Stelle das wichtigste 
Hilfsmittel. Wie pedantisch gewissen¬ 
haft Zola verfuhr, davon gibt das Ma¬ 
terial zu L’Assommoir, das aus seinem 
Nachlaß veröffentlicht wurde 6 ), einen 
Begriff. Es enthält außer ausführlichen 
Exzerpten über den Alkoholismus und 
die verschiedenen Stadien des Säufer¬ 
wahnsinns Aufzeichnungen über das 
Arbeiterviertel, in dem sich die Hand¬ 
lung hauptsächlich abspielt, mit Plan¬ 
skizzen der Straßen und der weiten 
Mietskaserne, in die er seine Handeln¬ 
den pfercht, mit genauen Einzelheiten 
über die Läden, die Kneipen, die Zahl 
der Fenster an einer Hausfront usw. Mit 
Einzelheiten über die Einrichtung eines 
Waschhauses, die Preise für heißes 
Wasser, Laugenwasser usw. Über den 
Tagelohn einer Wäscherin, einer Plät¬ 
terin. Uber die verschiedenen Bügel- 

5) Journal des Goncourt IV 365. 

6 ) H. Massis, Comment Zola composait 
ses romans. D’apr£s ses notes personnel- 
les et in6dites. Paris 1906, S. 91 ff. 


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303 Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 364 


eisen (mit den Fachnamen). Über die 
Art, ein Häubchen zu bügeln oder ein 
Männerhemd mit Falten usw. Man kann 
sich danach ausrechnen, wieviel gedul¬ 
dige Forschungsreisen mit dem Notiz¬ 
buch in der Hand Zola (von den Lek¬ 
türen abgesehen) unternommen haben 
muß, um soviel Kenntnisse zusammen¬ 
zutragen. 

Bei den Goncourts steigert sich die 
Jagd auf das, was sie document humain 
nennen, zur Leidenschaft und manch¬ 
mal beinahe zum Martyrium, da sie sich 
dazu zwingen, auch wo ihre sensitiven 
Nerven sich empören wie bei Studien 
im Krankenhaus und Operationssaal. 
Sie kamen zum Roman auf dem Umweg 
über historische Arbeiten und waren ge¬ 
wöhnt, ihre Bilder aus dem 18. Jahrhun¬ 
dert mosaikartig aus kleinen Zügen zu- 
sammenzusetzen, die sie in allen mög¬ 
lichen Quellen, Akten, Briefen, Me¬ 
moiren, auch Gemälden, Kupfern usw. 
aufstöberten. Ebenso wollen sie auch in 
der Literatur keinen Schritt tun, ohne 
festen Boden unter sich zu spüren. Als 
Edmond de Goncourt die Monographie 
eines jungen Mädchens plante, wandte 
er sich ein paar Jahre, ehe er begann, 
im Vorwort zu einem anderen Roman 
(La Faustin) an seine Leserinnen mit 
der Bitte, ihn durch anonyme Beichten 
über ihre Jugend in die geheimsten Un¬ 
tergründe weiblichen Lebens einzuwei¬ 
hen. Mit welcher Wißbegierde sie die 
Erkrankung ihrer alten Dienerin ver¬ 
folgten und Edmond das Hinsiechen sei¬ 
nes jüngeren Bruders, obwohl er an ihm 
mit inniger Liebe hing, ist aus ihrem 
Tagebuch bekannt. 7 ) Was daran herzlos 
und unmenschlich anmutet, ist in glei¬ 
chem Maß bezeichnend für ihren Wahr¬ 
heitsfanatismus wie für den Fanatis¬ 
mus, mit dem sie sich der Kunst opfer¬ 
ten. Sie sind so durch und durch Künst- 

7) Journal II 37ff. u. III 325ff. 


ler, daß sie das ganze Dasein nur mehr 
als Rohstoff für ein Kunstwerk empfin¬ 
den. Und um ihr Ideal einer ganz aus 
dem Studium der Natur gespeisten 
Wirklichkeitskunst zu erreichen, züch¬ 
ten sie den Willen zum Beobachten so 
hypertrophisch in sich, daß auch in den 
schmerzlichsten Stunden das Mensch¬ 
liche in ihnen nicht mehr imstande ist, 
den Beobachter zurückzudrängen. 

Mehr als die anderen trachten die 
Goncourts auch danach, den Momentauf¬ 
nahmen, die sie gesammelt haben, so¬ 
viel als möglich von der ursprünglichen 
Frische zu erhalten. Dabei wird ihnen 
eine Not zur Tugend: ihre Kurzatmig¬ 
keit, ihre nervöse Unfähigkeit, sich auf 
die Dauer zu konzentrieren. Sie schrei¬ 
ben sprunghaft und reihen, nur wenig 
retouchiert, ihre Pleinairstudien (wie 
man sagen könnte) aneinander, wäh¬ 
rend Zola die seinen zu durchkompo¬ 
nierten Fresken ausmalt. Auch ihre 
mühselige stilistische Arbeit zielt in die¬ 
selbe Richtung. Ihre Sprache ist außer¬ 
ordentlich gefeilt, aber niemals geglät¬ 
tet. Im Gegenteil! Ihr bunter, von Neu¬ 
bildungen wimmelnder Wortschatz, ihr 
ausgerenkter Satzbau will durchaus un¬ 
akademisch sein, um den Eindruck nicht 
abzustumpfen, um (wie es in der Vor¬ 
rede zum Tagebuch heißt) in einer Art 
glühender Stenographie die fließende 
Menschheit in ihrer Augenblickswahr¬ 
heit zu gestalten, l'ondoyante humanite 
dans sa viriti. momentan^. 

Damit ist zugleich eine andere Nei¬ 
gung des Naturalismus angedeutet, die 
im Goncourtschen Roman besonders 
ausgeprägt erscheint. Die Romantik 
wollte im Gegensatz zum typisierenden 
Klassizismus das Individuelle, Einma¬ 
lige am Objekt erfassen. Die Realisten 
und Naturalisten suchen beides zu ver¬ 
binden. Sie heben gerne hervor, daß 
ihren Romanen typische Wahrheit inne- 


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365 Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 366 


wohnt. Wie sehr ihnen aber daran lag, 
über dem Universellen, Ewigen ja nicht 
das Individuelle, Wechselnde zu ver¬ 
gessen, beweist am besten die Art, wie 
Flaubert den jungen Maupassant förm¬ 
lich dressierte, an jedem Ding und Men¬ 
schen, an einem Hausmeister, der seine 
Pfeife raucht, einem Baum oder Drosch¬ 
kengaul zu erkennen, was ihnen allein 
eigen ist. Im Geringsten steckt Uner¬ 
forschtes, Unbekanntes, und das gilt es 
zu finden, schärfte er seinem Schüler 
ein. 8 ) 

Unerforschtes, Unbekanntes, d.h. das 
Einmalige. Das Einmalige sowohl als 
Individuell-charakteristisches wie als 
Momentan-charakteristisches, das was 
ein Objekt, einen Baum z. B. in einem 
bestimmten Augenblick, einer bestimm¬ 
ten Beleuchtung von allen anderen der¬ 
selben Kategorie und von sich selber 
in allen anderen Zuständen unterschei¬ 
det. Das Einmalige, das sich am Objekt 
nur entdecken lassen wird, wenn das 
Subjekt, der Beschauer, frühere Erfah¬ 
rungen und überliefertes Wissen um 
den Gegenstand abstreift, statt aus ihnen 
heraus den Augenblickseindruck zu kor¬ 
rigieren und zu ergänzen, wenn wir sel¬ 
ber individuell und schöpferisch, gleich¬ 
sam mit neugeborenen Augen schauen. 

Man nennt die Goncourts geläufig die 
Begründer des Impressionismus in der 
Literatur. Es ist mir sehr zweifelhaft, 
ob das Problem des literarischen Im¬ 
pressionismus und seines Verhältnis¬ 
ses zum malerischen trotz mancher 
wertvoller Untersuchungen schon gelöst 
ist 9 ), ob man die Entsprechung zum ma¬ 


8) Vorrede zu Maupassants Pierre et Jean. 

9) Ich hebe nur hervor: M. Spronck, Les 
artistes Iitt6raires (1889, bes. 158 ff.); R. Ha¬ 
mann, Der Impressionismus in Leben und 
Kunst (Köln 1907); K. Lamprecht, Zur jüng¬ 
sten deutschen Vergangenheit (I 1902, bes. 
S. 214ff. und 464ff.); B. Fehr, Studien zu 
O. Wildse Gedichten (1918, S. 175f.) und 


lerischen Impressionismus nicht erst 
später, in der auf die Goncourts und den 
sogenannten impressionistischen Natu¬ 
ralismus folgenden Dichtung zu suchen 
hat. Aber jedenfalls sind die Goncourts 
(Daudet könnte man etwa noch neben 
sie stellen) von ihrer Generation am 
konsequentesten zu impressionistischem 
Schildern vorgestoßen — vielleicht weil 
ihre Sinne besonders fein organisiert 
waren und ihr Auge erzogen durch 
die Vertrautheit mit der bildenden 
Kunst, mit den Japanern insbesondere, 
sicher deshalb, weil ihr Wille zu einer 
neuen Optik und zu neuem Ausdruck 
ungewöhnlich kühn und hemmungslos 
war. 

Mit den Goncourts erreicht der Re¬ 
alismus, mindestens im Deskriptiven, 
ein Maximum des Treffens, ein Maxi¬ 
mum in der Vortäuschung unmittel¬ 
barer, bewegter, unversteinerter Leben¬ 
digkeit. Aber damit langt die franzö¬ 
sische Literatur auch bei einem Subjek¬ 
tivismus an, der zwar von dem in ly¬ 
rische Selbstentblößung mündenden 
Subjektivismus der Romantik entfernt 
ist, der sich aber nicht ohne Wider¬ 
spruch mit dem realistischen Ideal wis¬ 
senschaftlicher Unpersönlichkeit und 
strenger Unterordnung unter den Ge¬ 
genstand verträgt. Und zugleich bei 
einem Relativismus, der sich bewußt 
wird, daß wir von der Wirklichkeit 
nichts gewahren als trügerische Er¬ 
scheinungen und auch die nur in ihrer 
Spiegelung im betrachtenden Indivi¬ 
duum, so daß jeder sie anders gewahrt 
und auch ein und derselbe verschieden 
je nach dem Augenblick. Die Welt als 
Eindruck und Erlebnis des Dichters — 

O. Walzel, Die deutsche Dichtung seit 
Goethes Tod (1919, S. 170ff.), der die bis¬ 
her gründlichste Auseinandersetzung bietet, 
vor allem schärfer als jemand vor ihm die 
Zusammenhänge mit der Entwicklung in 
Weltanschauung und Philosophie prüft. 


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367 Hanns Heiss, Der Realismus in der 


hier setzt die wichtigste der Brücken 
ein, die zur nachnaturalistischen Dich¬ 
tung laufen. 

6 . 

Die Naturalisten wollen nichts bie- 
ten als einen Fetzen Menschenleben, 
sagte ich oben. „Faire mouuoir des per- 
sonnages röels dans un milieu r6el, dün¬ 
ner au lecteur un lambeau de vie hu- 
maine.tout le roman naturaliste est lä.“ i0 ) 
Diese Formel Zolas, die er und die Gon¬ 
courts oft variierten, ist sehr ernst ge¬ 
meint. Sie möchten jede Aufmerksam¬ 
keit ausschalten, die nicht dem Treffen 
gilt. Nur keine Schürzungen und Ver¬ 
wicklungen, keine künstliche Abrun¬ 
dung. Edmond de Goncourt bedauert 
im Alter, daß seine Bücher häufig mit 
dem Tod schließen; wenn er von vorn 
beginnen könnte, würde er ihn als ein 
verächtlich theatralisches Mittel verban¬ 
nen. So weit geht die Abneigung, daß 
ihm wie Zola der Name Roman mi߬ 
fällt, weil man davor unwillkürlich an 
die Bücher früheren Schlages denkt, die 
keinen höheren Ehrgeiz hatten als zum 
Zeitvertreib drauflos zu fabulieren.") 

Der naturalistische Roman ist aber 
seinem Wesen nach nicht erfundene 
Dichtung, sondern Analyse und Proto¬ 
koll, Bruchstück einer enqu&te gbnbräle 
sur la nature et sur l’homme. 12 ) Ende 
der 60er Jahre, während er sich den 
Kopf mit allerhand angelesenen natur¬ 
wissenschaftlichen Theorien vollpfropft, 
reift in Zola der Plan zu seinem Le¬ 
benswerk, dem Rougon-Macquart-Zy- 
klus, in dem er die soziale und phy¬ 
siologische Geschichte einer verzweig¬ 
ten Familie unter dem zweiten Kaiser¬ 
reich schreiben will, um (wie er 1871 
im Vorwort zum einleitenden Roman er- 

10) Le roman experimental S. 208. 

11) Goncourt, Vorrede zu Ch6rie und Jour¬ 
nal VI 250; Zola, Le roman exp. S. 224. 

12) Le roman exp. S. 37. 


französischen Literatur des 19. Jahrh. 368 


klärt) die Gesetze der Vererbung zu I 
erforschen und das doppelte Problem 
der Temperamente und des Milieus zu 
lösen. Es soll nicht mehr die Wissen¬ 
schaft der Kunst dienstbar gemacht I 
werden. Sondern die Kunst selbst soll 
Wissenschaft werden, wissenschaftliche 
Arbeit leisten und deren Ergebnisse zur 
Verfügung stellen. Darin biegt der Na¬ 
turalismus am entschiedensten vom Re¬ 
alismus ab. Er ändert die Auffassung 
von den letzten Aufgaben der Kunst. 

Flaubert und der Parnaß sind exklu¬ 
siv Nurkünstler, die bloß Kunst um der 
Kunst willen gelten lassen und jede 
außerästhetische Absicht als Entwei¬ 
hung verwerfen. Die Naturalisten muß 
das l’art pour l’art-Ideal in manchem 
locken; aber seine Konsequenzen sind 
für sie unannehmbar. Schon in der 
Formfrage gabelt sich der Weg. Thto- 
phile Gautier hatte den Begriff der 
impeccabilitö, des untadeligen Kunst¬ 
werkes ohne Schlacken, zu Ehren ge¬ 
bracht. Orthographie, Grammatik, Me¬ 
trik sind für Baudelaire und Leconte 
de Lisle ebenso Fetische wie für Flau¬ 
bert, dem jede Seite, jede Zeile die müh¬ 
seligsten Geburtswehen kostete, bei dem 
die Suche nach rhythmischen und me¬ 
lodischen Wirkungen und die Stil¬ 
kasteiung zur Manie ausartete, bis er 
(nach dem schönen Bild Zolas, das auch 
für den Parnaß paßt) langsam von den 
Beinen zum Rumpf und dann bis zum 
Kopf zu Marmor erstarrte. 13 ) 

Die Naturalisten sind keine Veräch¬ 
ter der Form, die Goncourts mit ihrer 
gepflegten öcriture artiste schon gar 
nicht. Auch Zola richtet das Stück Wirk¬ 
lichkeit her, das er vorsetzt. Er ach¬ 
tet zum mindesten sehr auf die Kom¬ 
position. Aber ungleich wichtiger als 
die Form, die er gern als bloße Ange- 

13) Les romanciers naturalistes S. 215, 


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36Q Hanns Heiss, Der Realismus in der französischen Literatur des 19. Jahrh. 37Q 


legenheit der Rhetorik abtut, scheint 
ihm der Inhalt. Für den Naturalismus 
ist die Form nur Hilfsmittel zum Tref¬ 
fen. Selbst die Stilkunststücke der Gon¬ 
courts sind nicht einfach Ästhetenraf¬ 
finement, sondern ein Ringen um den 
genauesten, suggestivsten Ausdruck. 
Kein Ideal der Vollendung an sich be¬ 
herrscht mehr den Formwillen. Er ord¬ 
net sich dem Wahrheitswillen unter. 

Aber auch die Wahrheit, das Treffen 
bedeutet nur das nächste, nicht das 
oberste Ziel. Dahinter erhebt sich noch 
ein höheres. Mit der l'art pour l’art- 
Auffassung sind sich die Naturalisten 
einig im Amoralismus, in der betonten 
Gleichgültigkeit gegen sittliche Wert¬ 
urteile und Erwägungen, in dem noch 
betonteren Abscheu vor moralisieren¬ 
den Nutzanwendungen. Auch Zola 
möchte um keinen Preis unmittelbar 
belehren und erziehen. Aber er ver¬ 
neint praktische Zwecke nicht unbedingt. 
Schon im ersten Entwurf zu den Rou- 
gon-Marquart merkt ersieh an, daß er nur 
konstatieren will, ohne zu predigen, fügt 
jedoch sofort hinzu: „Dann steht es den 
Sittenlehrern und Gesetzgebern frei, 
mein Werk zu nehmen, die Folgerun¬ 
gen daraus zu ziehen und auf die Hei¬ 
lung der Wunden zu sinnen, die ich 
aufzeige.“ u ) Auch die Goncöurts spie¬ 
len sich als Reformatoren auf, die aus 
mitleidiger Liebe schreiben, um die 
Sache der Elendesten vor dem Gesetz¬ 
geber zu plaidieren. 1 *) Realismus und 
Naturalismus wollen beide die seiende 
Wirklichkeit nachzeichnen. Aber der 
Naturalismus zeichnet sie nach mit dem 
Wunsch, ihre Änderung, Verbesserung, 
die Weltkorrektur vorzubereiten. 

Gekrönt wurde dieses Bestreben 
durch Zolas Erfindung des Experimen- 

14) Massis 1. c. S. 18 und Goncourt, Vor¬ 
reden zu Germinie Lacerteux und La fille 
Elisa. 


talromans, die seiner Meinung nach eine 
Erneuerung der Kunst verursachen 
sollte, einschneidender als je eine war. 
Wie der Botaniker z. B. mit einer 
Pflanze, so experimentiert der natura¬ 
listische Dichter mit Menschen, indem 
er ein Individuum von bestimmter Ver¬ 
anlagung auf bestimmte Einflüsse, be¬ 
stimmte Ereignisse reagieren läßt, um 
den menschlichen Mechanismus, den 
individuellen wie den sozialen, aufzu¬ 
decken. Wieviel naive Mißverständnisse 
dabei unterlaufen, besonders dadurch, 
daß Zola fertige Formeln aus Claude 
Bernards Introduction ä l’ötude de la 
mödecine experimentale herübernimmt, 
das steht auf einem Blatt für sich. 
Ebenso die Begriffsverwirrung, in der 
er befangen ist, da ihm nie die Ahnung 
aufdämmert, daß dem, was er Experi¬ 
ment nennt, gerade die wesentlichen 
Merkmale eines Experiments fehlen, daß 
der Versuch sich ganz in der Phanta¬ 
sie des Dichters abwickelt und nichts 
ist, als was Dichter von jeher taten. 
Charakteristisch bleibt, daß eine solche 
Absicht überhaupt auftaucht. 

In dem Geschlecht, das die zweite 
Hälfte des 19. Jahrhunderts einleitet,, 
lebt die Überzeugung von der Zauber¬ 
kraft und den unbegrenzten Möglichkei¬ 
ten der Wissenschaft, von ihrer omni- 
comp&tence. Es war die Zeit, woComtes 
Philosophie Wurzeln schlug und die 
himmelstürmende Hoffnung des Discours 
sur l’esprit positif (1844): savoir pour 
prövoir, d. h. wissen um vorauszu¬ 
wissen, um vorherzusehen, in den klüg¬ 
sten und kühlsten Köpfen einen neuen, 
oft schwärmerischen Glauben entfachte. 
Die Zeit, wo Renan in seinem 1848 ent¬ 
standenen L’Avenir de la Science von 
der Wissenschaft die Umbildung der 
Menschheit erträumte. Wo Taine die 
Kunst- und Literaturbetrachtung in den 
Bau einer allgemeinen Menschheits- 


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Phil. Aronstein, Matthew Arnold 


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schäften der Gegenwart, der besonderen 
englischen Freiheit, die er hochhält, dem 
Reichtum und Wohlstände des Landes, 
dem großen Weltreiche, das England ge¬ 
gründet hat. 

Eine andere Eigentümlichkeit des eng¬ 
lischen Nationalbewußtseins liegt in sei¬ 
nem umfassenden Charakter. Ausschlie¬ 
ßend bis zur Intoleranz gegenüber jeder 
anderen Nation — der englische Schul¬ 
junge dankt schon Gott in einem bekann¬ 
ten Gassenhauer, daß er nicht a Prussian, 
an Italian, or a Russian ist, sondern ein 
Engländer —, ist es einschließend, um¬ 
fassend gegenüber allen, die den Willen 
haben, Engländer zu sein. Schon Defoe 
hatte 1709 in seiner Satire The true- 
born Englishman, „Der echte Eng¬ 
länder“, in Zurückweisung der Angriffe 
auf die Fremden, in diesem Falle die mit 
Wilhelm III. herübergekommenen Hol¬ 
länder, darauf hingewiesen, daß die Eng¬ 
länder und besonders ihr Adel ein Misch¬ 
volk, ein Sammelsurium von Normannen, 
Sachsen, Schotten, Iren und noch ande¬ 
ren Rassen seien, und seinen Landsleu¬ 
ten geraten, Toleranz gegeneinander zu 
üben. Und diesen Rat haben sie befolgt. 
Die Sprache — man spricht in England gern 
zusammenfassend von englischsprechen¬ 
den Völkern — und der politische Wille 
sind dem Engländer genügende Kriterien 
der nationalen Gemeinschaft; eine Ver¬ 
ketzerung der eigenen Volksgenossen aus 
Gründen der Abstammung ist ihm unbe¬ 
kannt. Als im Jahre 1850 Lord Palmerston, 
der „Feuerlord“, Griechenland blockierte 
und griechische Schiffe wegnahm, weil 
einem englischen Bürger,dessen Haus vom 
Pöbel zerstört worden war, nicht die gefor¬ 
derte Genugtuung zuteil wurde, wobei 
er im Parlament jene berühmte Rede 
hielt, in der er das Civis Romanus sum 
auch für jeden britischen Untertan in An¬ 
spruch nahm, da handelte es sich um 
einen portugiesischen Juden Don Paci- 


fico, der als Eingeborener von Gibraltar 
das englische Bürgerrecht besaß. 

Als dritte Eigentümlichkeit des eng¬ 
lischen Nationalgefühls können wir wohl 
die Tatsache bezeichnen, daß es mehr als 
irgendein anderes Kritik verträgt, ja ver¬ 
langt Ein gefestigtes Selbstbewußtsein 
— das gilt von Völkern wie vom einzel¬ 
nen — ist weniger empfindlich gegen und 
empfänglicher für Tadel und Spott, ist 
geneigter, sowohl die Kritik anderer zu 
ertragen und zu nützen als besonders 
auch sich selbst kritisch zu betrachten, 
die eigenen Fehler und Beschränkungen 
zu erkennen. So ist die Selbstkritik in 
England lebendiger und wirksamer als 
bei irgendeinem anderen Volke, eine 
Selbstkritik, die sich gründet auf eine der 
hervorragendsten Eigenschaften des eng¬ 
lischen Charakters, den starken Indivi¬ 
dualismus, die Pflege und Anerkennung 
der Persönlichkeit, wie sie die Erziehung 
in Schule und Haus, das private und öf¬ 
fentliche Leben beherrscht. Diese Selbst¬ 
kritik wirkt nützlich als ein Korrektiv des 
hochgespannten Nationalbewußtseins, als 
ein Element des Fortschrittes, bewahrt das 
Engländertum vor Erstarrung und Isolie¬ 
rung und befruchtet es immer wieder von 
neuem, indem es Gewässer vom Strom 
der europäischen Zivilisation auf seine 
Gefilde lenkt. 


Unter den Männern, die in diesem Sinne 
gewirkt, an dem Engländertum eine 
scharfe Kritik geübt haben und mit Er¬ 
folg bestrebt gewesen sind, es mit dem 
kontinentalen Gedankenkreise, besonders 
mit dem Deutschlands und Frankreichs, 
zu verknüpfen, steht in erster Linie der 
Dichter und Kritiker Matthew Arnold 
(1822—1888). Matthew Arnold ist einer 
Familie von Gelehrten, Geistlichen und 
höheren Beamten entsprossen, einer Kul¬ 
turfamilie von eigener geistiger Tradition. 


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378 


Phil. Aronstein, Matthew Arnold 


Er hat sich immer als Fortsetzer des Wir¬ 
kens seines Vaters gefühlt, und seine 
eigene Tätigkeit lebt in ihrer charakte¬ 
ristischen Besonderheit weiter in den Ro¬ 
manen seinerNichte Mrs. Humphry Ward, 
deren berühmtestes Werk Robert Els- 
mere gerade in seinem Todesjahre er¬ 
schien. 

Dr. Thomas Arnold (1795—1842), 
dessen ältester Sohn Matthew Arnold war, 
ist schriftstellerisch heute nur noch be¬ 
kannt durch das Fragment einer römischen 
Geschichte, die sich an Niebuhr anschließt, 
aber er hat einen bleibenden Einfluß aus¬ 
geübt einesteils durch seine Tätigkeit als 
Rektor der großen öffentlichen Schule zu 
Rugby, andererseits al$ charaktervoller 
Vorkämpfer der sog. „breitkirchlichen“ — 
wir würden sagen freisinnigen oder libe¬ 
ralen — Richtung des Anglikanismus, die 
sowohl im Gegensatz steht zu der ro- 
mantisch-romanisierenden sog. Oxforder 
Bewegung mit ihrer Hinneigung zum 
Katholizismus als zu der pietistischen 
Richtung der sog. Low Church. Er war 
eine starke, in gewissem Sinne heroische 
Persönlichkeit, sowohl in Sachen der Er¬ 
ziehung als in Kirche und Staat ein echt 
englischer konservativer Reformer, der 
nicht von abstrakten Ideen, sondern von 
dem Bestehenden ausging und auf die¬ 
sem weiterzubauen versuchte. Auch Mat¬ 
thew Arnolds Mutter, die im Jahre 1873 
als 82 jährige Greisin starb, war eine her¬ 
vorragende Frau; sie nahm, wie ihre 
Korrespondenz mit ihrem Sohne bezeugt, 
an allen geistigen und künstlerischen Be¬ 
strebungen der Zeit lebhaften und ver¬ 
ständnisvollen Anteil. 

Das äußere Leben Matthew Arnolds 
verlief sehr glücklich, wenn auch keines¬ 
wegs im gewöhnlichen weltlichen Sinne 
glänzend oder erfolgreich. Nach den Uni¬ 
versitätsstudien in Oxford war er kurze 
Zeit Lehrer in Rugby, dann mehrere Jahre 
Privatsekretär des Präsidenten des Ge¬ 


heimen Rats Lord Lansdowne und wurde 
im Jahre 1851 zum Schulinspektor er¬ 
nannt, ein Amt, das er 35 Jahre lang aus¬ 
übte. Es war mäßig besoldet und keine 
Sinekure. Er hatte Prüfungen an Ele¬ 
mentarschulen vorzunehmen, nach deren 
Ausfall diesen — so war das damalige 
System in England — ein größerer oder 
geringerer Staatszuschuß gewährt wurde, 
Probelektionen der angehenden jungen 
Lehrer, der sog. pupil teachers, zu be¬ 
urteilen, die Lehrerbildungsanstalten zu 
inspizieren und eine Unmasse von Prü¬ 
fungsarbeiten zu korrigieren. Der Beruf 
war mit anstrengenden und aufreibenden 
Reisen verknüpft, die aber für ihn den 
Vorteil hatten, ihn mit verschiedenen 
Klassen der Bevölkerung in Berührung 
zu bringen. Sein humanes und freund¬ 
liches Wesen und seine große Gewissen¬ 
haftigkeit in der Ausübung eines Amtes, 
dessen vielfach kleinliche Pflichten sein 
versatiler hochstrebender Geist oft drük- 
kend empfand, erwarben ihm die Liebe 
der Kinder und das Zutrauen der Lehrer 
und Schulunternehmer, sowie auch die 
Anerkennung der Unterrichtsbehörde. Al¬ 
lerdings blieben mehrere Versuche, auf 
der amtlichen Leiter zu steigen und einen 
weniger beschwerlichen und einträgliche¬ 
ren Posten im Staatsdienste zu erhalten, 
erfolglos. Der Grund lag wohl darin, daß 
er kein politischer Parteimann war und 
daher in einem von Parteien regierten 
Lande die offiziellen Gewalten nicht hin¬ 
ter sich hatte. Dagegen erlangte er bald 
den Ruf einer Autorität auf dem Gebiete 
des Schulwesens. Und als etwa um die 
60er Jahre sich in England immer stär¬ 
ker die Erkenntnis Bahn brach, daß eine 
gründliche Reform des Schulwesens eine 
dringende Notwendigkeit sei, wurde M. 
Arnold mehrmals als Regierungskommis¬ 
sar auf den Kontinent geschickt, um das 
Schulwesen dort zu studieren. Seine 
erste Amtsreise, die die Elementarschulen 


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Phil. Aronstein, Matthew Arnold 


betraf, führte ihn im Jahre 1859 nach 
Frankreich, Holland, Belgien und Pie¬ 
mont; eine zweite, die auch Deutschland 
umfaßte und den höheren Schulen und 
Universitäten gewidmet war, fand im 
Jahre 1865 statt, und eine dritte, die wie¬ 
der das Elementarschulwesen in Deutsch¬ 
land, Frankreich und der Schweiz zum 
Gegenstand hatte, im Winter 1885/86. 
Seine Berichte, die namentlich die deut- 
schenMethoden sehr lobend hervorheben, 
sind für die Entwicklung des damals noch 
sehr mangelhaften Schulwesens in Eng¬ 
land von großer Bedeutung gewesen. 
Namentlich war er mit Erfolg bestrebt, 
das alte englische Mißtrauen gegen Staats¬ 
intervention zu bekämpfen. Und sicher¬ 
lich ist auch sein geistiger Anteil an dem 
Elementarschulgesetz von 1870, durch 
welches sein Schwager William Förster 
als Unterrichtsminister den Schulzwang 
in England einführte, kein geringer ge¬ 
wesen. 

Besondere Bedeutung hatten aber für 
Matthew Arnold diese Reisen auch da¬ 
durch, daß sie den ihm schon von seinem 
Vater überlieferten Trieb stärkten, über 
sein Volk hinauszuwachsen, die Ideen 
und das Wesen fremder Völker zu er¬ 
kennen und geistig zu erleben. Er wurde 
Weltbürger, nicht in dem abstrakten, das 
Nationale leugnenden Sinne des 18. Jahr¬ 
hunderts, sondern als ein Mann, der in 
der allgemeinen europäischen Kultur lebt, 
„ein guter Europäer“, wie Leslie Stephen 
es ausdrückte, und er betrachtete von 
diesem Standpunkte aus sein Vaterland. 
Die fremde Geisteswelt, namentlich die 
deutsche und die französische Literatur, 
war ihm vertraut. Goethe verehrte er als 
sein großes Vorbild, namentlich als Kri¬ 
tiker und Denker; er nennt ihn „den klar¬ 
sten, umfassendsten, hilfreichsten unter 
den Denkern der Neuzeit“. Von Heine 
empfing er wichtige und wertvolle An¬ 
regungen. Mit einigen der literarischen 


Größen Frankreichs, Prosper Mferimfee, 
Villemain, Guizot, Edmond Scherer und 
besonders mit Sainte-Beuve unterhielt er 
persönliche Beziehungen. Mit dem letz¬ 
teren war er befreundet und strebte ihm 
nach; er wollte der englische Sainte-Beuve 
werden. Auch sonst reiste er viel auf dem 
Kontinent, vor allem in Frankreich, Bel¬ 
gien, der Schweiz und Italien. Die Größe 
der Alpenwelt und die italienische Kunst 
waren ihm eine Quelle des höchsten Ge¬ 
nusses. Im Jahre 1883, als sein Ruhm 
als feinsinniger Dichter und origineller 
Denker begründet war, folgte er einer 
Einladung, in den Vereinigten Staaten 
Vorlesungen zu halten, wie das Dickens 
und Thackeray mit so großem Erfolge 
getan hatten. Er fand eine freundliche 
Aufnahme, wenn auch nicht vor so großen 
Kreisen wie jene, da seine Darlegungen, 
die die Frage der Demokratie, der allge¬ 
meinen Bildung und den amerikanischen 
Weisen Emerson behandelten, sich haupt¬ 
sächlich an die Denkenden und Gebilde¬ 
ten wandten. 

Matthew Arnolds Persönlichkeit, wie 
sie in den zwei Bänden seiner Briefe 
klar vor uns liegt, bietet das Bild einer 
harmonischen, heiteren und ernst stre¬ 
benden Natur. Musterhaft als Sohn, Bru¬ 
der, Gatte und Vater, patriotisch ohne 
Chauvinismus, ein gewissenhafter Beam¬ 
ter ohne Pedanterie, als Schriftsteller un¬ 
abhängig und einzig von idealen Beweg¬ 
gründen geleitet, lebte er ein reiches, 
glückliches Leben, das ihn langsam, aber 
stetig zu den Höhen allgemeiner Aner¬ 
kennung und eines über die Grenzen 
seines Vaterlandes weit hinausreichenden 
Ruhms brachte. Äußerlich war sein Er¬ 
folg gering. Noch im Jahre 1870 schätzte 
er sein Einkommen aus literarischen Quel¬ 
len auf £ 200 und nannte sich einen 
„nichtpopulären Schriftsteller“. Aber an 
Anerkennung fehlte es ihm doch nicht 
Im Jahre 1857 wurde er zum Professor 


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Phil. Aronstein, Matthew Arnold 


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der Poesie in Oxford ernannt, eine 10 Jahre 
lang dauernde Stellung, die nur £ 100 
jährlich einbrachte, für die er aber auch 
nur drei Vorlesungen im Jahre zu halten 
hatte. Im Jahre 1869 übertrug ihm der 
König von Italien die Erziehung seines 
Sohnes, des Herzogs von Genua, der ein 
Jahr lang zu beiderseitiger Zufriedenheit 
in seinem Hause weilte. Eine Anerken¬ 
nung, die er höher schätzte als diese 
Ehre und den Orden, den sie ihm ein¬ 
brachte, war die Ernennung zum Ehren¬ 
doktor seiner Universität Oxford im Jahre 
1870. Im Jahre 1883 endlich bot ihm der 
Premierminister Gladstone „als öffent¬ 
liche Anerkennung der Dienste, die er der 
Poesie und Literatur geleistet hatte“, eine 
Pension von £ 250 an, die er nach eini¬ 
gem Zögern auch annahm. Das Bild sei¬ 
ner Persönlichkeit wäre unvollständig, 
wenn wir nicht seine Liebe zur Natur 
erwähnten. Er trieb mit Eifer Botanik und 
hegte eine innige Liebe zu den Tieren; 
seine letzten Gedichte sind dem Gedächt¬ 
nis dreier seiner Hausgenossen, zweier 
Hunde und eines Kanarienvogels, gewid¬ 
met. Er war ein eifriger Bergsteiger und 
suchte seine Erholung auf der Jagd und 
besonders im Fischfang. Voll Liebe für 
die englische Landschaft — er lebte im¬ 
mer auf dem Lande —, hing er mit be¬ 
sonderer Zärtlichkeit an dem Seendistrikt, 
wo sein Vater an der Rotha bei Grasmere 
das Haus Fox How als Ferienaufenthalt der 
Familie erworben hatte, in dem seine 
Mutter und Schwester lebten. Das beson¬ 
ders durch das Andenken an Words- 
worth geweihte Land der englischen Ro¬ 
mantik, das er jedes Jahr besuchte, blieb 
bis zuletzt die Heimat seiner Seele, und 
das Andenken an den großen Dichter, 
mit dem ihn freundschaftliche persönliche 
Beziehungen verbanden, war eins der 
bestimmenden Elemente seines Lebens. 
„Nicht umsonst“, schreibt er in einem Es¬ 
say über Wordsworth, „ist man in der 


Verehrung eines Mannes erzogen wor¬ 
den, der so wahrhaft Ehrfurcht verdiente, 
nicht umsonst hat man ihn gesehen und 
gehört, in seiner Nähe gelebt und seine 
Heimat gekannt.“ Mit Wordsworth ver¬ 
bindet ihn nicht nur die Grundrichtung 
seiner Poesie, sondern auch die tiefe In¬ 
nerlichkeit seines Wesens, das allem 
Streite und aller Heftigkeit abhold war 
und sich in stillem Schaffen, „sein Leben 
verbergend“, zu verwirklichen suchte. 


Matthew Arnolds poetische Produktion 
gehört größtenteils der ersten Hälfte sei¬ 
nes Lebens an. Seine Gedichte sind in 
verschiedenen Sammlungen von 1849 bis 
1867, zuerst anonym, dann unter seinem 
Namen erschienen. Dann schließt sein 
Dichten im wesentlichen ab. Der Umfang 
seiner poetischen Leistungen ist nicht 
groß, und der Erfolg derselben kam sehr 
langsam und blieb auch dann auf den 
engen Kreis der Gebildeten und Denken¬ 
den beschränkt. Arnold definiert in einem 
oft zitierten Satze die Poesie als „Kritik 
des Lebens unter den Bedingungen, die 
einer solchen Kritik durch die Gesetze 
der dichterischen Wahrheit und der dich¬ 
terischen Schönheit gestellt sind.“ Wie 
in dieser Definition von charakteristischer 
Einseitigkeit und Enge — „was ist da 
viel zu definieren,“ sagt Goethe, „das 
lebendige Gefühl der Zustände und die 
Fähigkeit, es auszudrücken, macht den 
Dichter“ — so überwiegt auch in seiner 
Dichtung das intellektuelle Moment, der 
Gedanke. Tiefes Gefühl, Glanz der Phan¬ 
tasie, gewaltige Leidenschaft, das Hoch¬ 
gefühl der Liebe, alles Unmittelbare und 
Triebhafte suchen wir in seiner Poesie 
vergebens, aber sie hat doch ihren eige¬ 
nen Reiz und ihre eigene Musik, Klar¬ 
heit und Fülle des Gedankens mit Schön¬ 
heit der Form vereinigend, wo das Ge¬ 
dankliche sich nicht zu sehr vordrängt. 


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Phil. Aronstein, Matthew Arnold 


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Die Kritik des Lebens, die er übt, ist im 
allgemeinen eine Kritik der Ideen, der 
philosophischen und religiösen Kämpfe 
seiner Zeit. Der Wert und der Unwert 
des Lebens, das Sehnen nach innerem 
Frieden und Vollkommenheit, die Eitel¬ 
keit menschlichen Hastens und Strebens 
und die Tugend der Selbstbesinnung, der 
Besitz der eigenen Seele im Getümmel 
des Tages — das sind die Gegenstände, 
die er behandelt. Auch die Natur behan¬ 
delt er mit Zartheit und Tiefe der Emp¬ 
findung; seine Naturbilder atmen Ruhe 
und Frieden und Befreiung von den Lei¬ 
denschaften. Als echter Engländer liebt 
er besonders das Meer und die nicht er¬ 
habene und großartige, aber anmutige 
und reizvolle englische Landschaft. Am 
reinsten und vollsten entfaltet sich seine 
Kunst in seinen gewöhnlich dem Anden¬ 
ken eines Verstorbenen gewidmeten Ele¬ 
gien. Eine sanfte Trauer weht darin, 
eine Trauer, die nicht kalt und unfrucht¬ 
bar ist, sondern ernst und verheißend, die 
siegende Melancholie des Sommers in 
seiner vollen Pracht, die schon an den 
Herbst gemahnt, und ausgewachsener 
Seelen. Auch in der epischen Dichtung 
hat er sich versucht. Seine Epen, Tri- 
stran und Isolde, Sohrab und Rü¬ 
stern und Baldurs Tod, zeigen diesel¬ 
ben Vorzüge wie seine Lyrik und auch 
deren Beschränkung. Sie geben stim¬ 
mungsvolle Naturschilderungen, zeichnen 
sich aus durch eine vollendete Wieder¬ 
gabe des Kolorits, des Tons und der 
Farbe der fernsten Zeiten und Völker, 
und eine hohe Kunst ruhiger Erzählung, 
aber die Darstellung wilder Leidenschaft 
und gewaltiger seelischer Konflikte ist 
ihm versagt. Daher sind auch seine dra¬ 
matischen Versuche — er hat ein klas¬ 
sizistisches Drama über den beliebten 
Stoff der Merope und mehrere drama¬ 
rische Fragmente hinterlassen — ganz 
mißlungen. 


Matthew Arnold war gewiß kein großer 
Dichter. Dazu fehlte ihm die Kraft des 
dichterischen T emperaments, Leidenschaft 
und Tiefe. Aber er hat doch seine eigene 
Note in dem Kreise der englischen Dich¬ 
ter des 19. Jahrhunderts. Seine Poesie ist 
der aufrichtige Ausdruck einer originellen 
Persönlichkeit, die mitten in den Geistes¬ 
kämpfen ihrer Zeit steht und Ruhe und 
Selbstbesinnung in dem Hasten und Trei¬ 
ben des Lebens lehrt — calm ist das 
Lieblingswort, man möchte sagen, das 
Motto seiner Poesie —, und der feine 
poetische Ausdruck dieser Geistesstim¬ 
mung wird für gleichgerichtete Naturen 
immer seinen Reiz und seine Anziehungs¬ 
kraft bewahren. 


Seine eigentliche Bedeutung als Leh¬ 
rer und Erzieher seiner Nation hat Mat¬ 
thew Arnold auf dem Gebiete der Kritik 
erworben. Die englische Kritik, die ira 
17. und 18. Jahrhundert bedeutende Na¬ 
men, wie Ben Jonson, Addison, Diyden 
und Samuel Johnson aufzuweisen hatte, 
blieb im Anfänge des 19. Jahrhunderts 
gegenüber dem Aufschwung der Poesie 
zurück. Die Ursache dieser Erscheinung 
liegt in dem Oberwiegen des politischen 
Geistes. Organisiert in großen und wich¬ 
tigen Zeitschriften, die im allgemeinen 
nach Parteigesichtspunkten geleitet wur¬ 
den, der Edinburgh Review, dem Or¬ 
gane der Whigs, der QuarterlyReview, 
dem der Tories, und einer Reihe von an¬ 
deren Wochen- und Monatszeitschriften, 
war sie nur allzu geneigt, die Dinge des 
Geistes durch die Parteibrille zu sehen 
und die Dichter nach ihrem politischen 
und religiösen Standpunkte zu be- und 
zu verurteilen. Das Leben, Kämpfen und 
Leiden eines Byron, Shelley und Keats 
und so mancher anderer Dichter bieten 
abschreckende und in einigen Fällen tra¬ 
gische Beispiele dieses beschränkten Gei- 


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Phil. Aronstein, Matthew Arnold 


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stes, der manches junge Genie geknickt 
— man denke nur an Keats — andere ver¬ 
bittert hat. Gegen diesen Parteigeist in 
der Kritik kämpft Arnold zunächst. Er 
betrachtet es nicht als seine Aufgabe, der 
Vorschmecker des Publikums zu sein, 
seine Ansicht über aktuelle Neuerschei¬ 
nungen zu geben; Tageskritik hat er nie 
getrieben. Er weist der Kritik eine weit 
höhere Aufgabe zu. In einem Essay über 
die Aufgabe der Kritik in der Ge¬ 
genwart (1865) legte er sein Programm 
dar. „Unser Zeitalter, sagt er, ist im we¬ 
sentlichen ein kritisches. Sein Bestreben 
ist, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich 
sind. Das aber ist gerade die Sache der 
Kritik; sie ist „das Streben, das Beste zu 
wissen, was in der Welt gewußt oder 
gedacht wird ohne Rücksicht auf Praxis, 
Partei, Politik und dergleichen“. Kritik ist 
also für Arnold gleichbedeutend mit Kul¬ 
tur, mit Bildung. In England stehen aber 
einem solchen freien Spiele des Geistes 
namentlich zwei Hindernisse im Wege, 
einmal der vielgerühmte praktische Geist 
der Engländer, der gewohnt ist, alles vom 
Standpunkte der praktischen Anwendung 
zu betrachten, und dann ihre Selbstüber¬ 
schätzung und Selbstüberhebung. Des¬ 
halb empfiehlt er seinen Landsleuten 
einerseits eine uneigennützigere, inter¬ 
esselosere Betrachtung der Dinge, die 
nicht gleich mit jeder Idee oder halben Idee 
auf die Straße läuft, um sie zu verwirk¬ 
lichen, andererseits das Studium fremder 
Gedanken, besonders der deutschen und 
französischen Wissenschaft und Literatur. 
Er will sie jene keine unmittelbaren 
Zwecke verfolgende Freude an den Din¬ 
gen des Geistes lehren, wie sie uns Deut¬ 
schen die große geistige Blüteperiode des 
18. und des Anfangs des 19. Jahrhunderts 
als kostbares Erbe hinterlassen hat, wäh¬ 
rend die Engländer uns Vorbild sein kön¬ 
nen in dem Streben, die geistigen Er¬ 
rungenschaften und Erkenntnisse auch 

Internationale Monatsschrift 


praktisch in der Gestaltung des Lebens, 
der äußeren Kultur, den politischen und 
gesellschaftlichen Formen zu verwirk¬ 
lichen. Und er will seine Landsleute ein¬ 
führen in den europäischen Kulturkom¬ 
plex, den er mit dem alten Goethe, der 
sein Lehrmeister ist, wie er der Carlyles 
gewesen war, als eine Einheit betrachtet. 

Die ersten kritischen Essays Arnolds 
beschäftigen sich daher auschließlich mit 
Personen und Einrichtungen des eng¬ 
lischen Auslands, und zwar nicht bloß mit 
Literatur, sondern auch mit Philosophie, 
Religion und Ethik. Die bedeutendsten 
unter ihnen sind die „über den literari¬ 
schen Einfluß der Akademien“ und über 
„Heinrich Heine“. Eine Geschichte der 
französischen Akademien veranlaßt ihn 
zu fragen, warum England kein solches 
Institut habe, und daran eine Vergleichung 
des französischen und des englischen Gei¬ 
stes zu knüpfen. Die Vorzüge des eng¬ 
lischen Geistes sind nach seiner Ansicht 
Energie und Ehrlichkeit, und darum lei¬ 
stet er das Höchste in der Poesie und in 
der höchsten Wissenschaft, wie die Na¬ 
men Shakespeare und Newton beweisen. 
Was ihm aber im Gegensatz zum franzö¬ 
sischen Geiste fehlt, das sind die Eigen¬ 
schaften der Intelligenz: Offenheit und 
Klarheit des Geistes, rasche Auffassung, 
Formsinn, Methode, Genauigkeit und Sinn 
für geistige Autorität; darum hat England 
auch kein geistiges Zentrum und keine 
geistige Tradition. Die Fehler, an denen 
infolgedessen die englische Literatur lei¬ 
det, Roheit, Exzentrizität, Unklarheit und 
Gewaltsamkeit, faßt er unter dem Namen 
„Provinzialismus“ zusammen und er¬ 
mahnt seine Landsleute, in sich zu gehen 
und sie zu bessern, statt sich einer vulgä¬ 
ren und schädlichen Selbstverherrlichung 
hinzugeben. 

Diese scharfe und unerhörte Kritik des 
eigenen Volkes setzt Arnold fort in dem 
Aufsatze überHeine. Heine ist nach ihm 

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Phil. Aronstein, Matthew Arnold 



„ein glänzender und hervorragender Sol¬ 
dat im Freiheitskriege der Menschheit“. 
Sein Kampf gilt dem Philistertum und 
den Philistern. Ein Philister, in eigent¬ 
lichem Sinne „ein starker, hartnäckiger, 
unaufgeklärter Widersacher des auser¬ 
wählten Volkes, der Kinder des Lichts“, 
ist in übertragenem Sinne ein Feind der 
Veränderung, des geistigen Fortschritts, 
der Ideen, und ein Anhänger des Alten, 
der Überlieferung, der Vorurteile. In Eng¬ 
land hat sich der Fortschritt immer auf 
mechanische Weise durch Abstellung un¬ 
erträglich und unbequem gewordener 
Mißstände vollzogen, und weil diese Me¬ 
thode Erfolg gehabt hat, hat sie die ideen¬ 
feindliche Denkweise verstärkt. Aber die¬ 
ser Mangel an Idealismus kann dem Lande 
schließlich verhängnisvoll werden, und 
deshalb kämpft Arnold gegen diesen Geist, 
den Macaulay in seiner Geschichte Eng¬ 
lands verherrlicht und gegenüber dem 
französischen gepriesen hatte. — Essays 
über Spinoza, Mark Aurel, die französi¬ 
schen Schriftsteller Maurice und Eugenie 
de Guerin und Joubert, eine Betrachtung 
über „heidnisches und mittelalterliches 
religiöses Gefühl“ und über „ein persi¬ 
sches Passionsspiel“ zeigen den weiten 
Horizont seiner geistigen Interessen, sein 
Bestreben, den Gesichtskreis seiner Lands¬ 
leute zu erweitern; die Behandlung ist 
in jedem Falle geistvoll und dringt von 
dem besonderen Falle zum Allgemei¬ 
nen vor. 

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens 
kehrte Arnold noch einmal zur literari¬ 
schen Kritik zurück und behandelte die¬ 
ses Mal fast ausschließlich englische Dich¬ 
ter. Allerdings sind es nicht Zeitgenossen, 
die er bespricht, sondern ältere Dichter, 
Thomas Gray, Keats, Wordsworth, Shel¬ 
ley, Byron, und daneben als einzige Aus¬ 
länder Leo Tolstoi und den Genfer Phi¬ 
losophen Amiel. Voran geht diesen Es¬ 
says ein feinsinniger Aufsatz über „Das 


Studium der Poesie“. Als echter Eng¬ 
länder legt Arnold bei der Poesie den 
Hauptnachdruck auf ihren humanen, ethi¬ 
schen, philosophischen Gehalt, auf den 
Zusammenhang zwischen Kunst und Le¬ 
ben. Er befindet sich im Einklang mit dem 
herrschenden Grundzug der englischen 
Poesie von Chaucer bis zu Tennyson und 
Meredith. Wie Lessing stellt er keine 
Ästhetik auf, sondern mißt die Dichtungen 
an den großen Vorbildern, sucht über die 
historische und persönliche Schätzung 
eines Dichters zu seiner wirklichen zu 
gelangen. Von den einzelnen Essays ist 
der über Byron von besonderem Inter¬ 
esse. Arnold konstruiert das Charakter¬ 
bild Byrons vorzugsweise aus Goethes 
Bemerkungen über ihn in den Gesprächen 
mit Eckermann. Er faßt Byron auf als 
einen leidenschaftlichen und furchtlosen 
Kämpfer gegen das englische Philister¬ 
tum und so gewissermaßen. als seinen 
eigenen Vorgänger. Er ist immer der Be¬ 
trachter, wie Oscar Wilde sagt, den die 
Kunst spiegelt. 


In diesem Kampfe, einem Kampfe 
der Befreiung und Aufklärung, dem 
die übrigen sich mit sozialer, politischer 
und religiöser Kritik beschäftigenden 
Schriften Arnolds gewidmet sind, ruft er 
neben dem heute noch im Lande des 
Cant verlästerten und verketzerten Dich¬ 
ter des Don Juan besonders die deutsche 
Literatur und Wissenschaft als Bundes¬ 
genossen an. Arnold empfand keine 
persönliche Zuneigung zu deutschem We¬ 
sen; seine Häßlichkeit und Gewöhnlich¬ 
keit, wie er sich einmal ausdrückt, stieß 
ihn ab. Aber er gehört zu den wenigen 
bedeutenden Engländern, die, wie Co- 
leridge und Carlyle, die geistigen Gro߬ 
taten unserer Denker und Dichter ge¬ 
kannt und gewürdigt haben. In einem 
Buche über „Das Studium der keltischen 


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389 


Phil. Aronstein, Matthew Arnold 


390 


Literatur“, das die Bedeutung des kelti¬ 
schen Elements in der englischen Dicht¬ 
kunst behandelt, vergleicht er auch die 
Engländer mit den Deutschen. Nennt er 
als charakteristische Eigenschaften des 
englischen Geistes Energie und Ehr¬ 
lichkeit, so schreibt er dem deutschen 
Ehrlichkeit und Beständigkeit (stea- 
diness) zu — in der Tat wird ja schon 
im Mittelalter die steete als Haupttugend 
der Deutschen gepriesen — und leitet 
hieraus als Vorzug der Deutschen ab die 
Wissenschaft, als Mangel das Gemeine, 
das Fehlen von Schönheits- und Form¬ 
sinn, die Schwerfälligkeit der Sprache, 
die allgemeine Häßlichkeit und Einfach¬ 
heit des Lebens. Die deutsche Poesie 
bezeichnet er als die einzige bedeutende 
moderne Poesie, weil sie von einem un¬ 
abhängigen Standpunkte eine sittliche 
Deutung des Menschen und der Welt 
versuche; dagegen fehlt es ihr nach Ar¬ 
nolds Meinung an Zauber, Stil und Macht 
der Persönlichkeit. Jedenfalls hat er aus 
deutschen geistigen Arsenalen einen gro¬ 
ßen Teil der Waffen geholt, mit denen 
er seinen „Kulturkampf“ in England 
kämpft; von der deutschen Literatur, be¬ 
sonders von Goethe, hat er wie Carlyle 
den Weg zur Politik und zum öffentlichen 
Leben gefunden. 

Seine Anschauungen über Staat und 
Gesellschaft sind zusammenfassend nie¬ 
dergelegt in einem Buche mit dem Titel 
„Kultur und Anarchie“ (1869), das 
an der eigenen Nation in einer Weise 
Kritik übt, wie sie vorher noch nicht ge¬ 
sehen worden war. Diese Kritik richtet 
sich in erster Linie gegen den Puritanis¬ 
mus, dessen besondere Träger heute die 
englischen Dissidenten, d. h. die prote¬ 
stantischen, nicht der Staatskirche ange- 
hörigen Sekten sind, der aber seit der 
Revolution des 17. Jahrh. das ganze eng¬ 
lische Leben beherrscht; dem Puritanis¬ 
mus mit seinem einseitigen Streben nach 


moralischer Vollkommenheit, den er mit 
einem Heine entlehnten Ausdruck als 
„Hebraismus“ bezeichnet, stellt er als 
befreiendes, intellektuelles Prinzip den 
„Hellenismus“ gegenüber, das Streben, 
den Menschen durch allseitige Erkennt¬ 
nis und durch harmonische Entwicklung 
aller Tätigkeiten und Kräfte, durch Bil¬ 
dung (culture) zu vervollkommnen. Und 
auch die Art der geistigen Kämpfe soll 
eine andere werden. Ist die Methode 
des Puritanismus der erbitterte Kampf 
der Tagesmeinungen mit seinem Haß, 
seiner Schärfe und Brutalität, so empfiehlt 
Arnold an ihrer Stelle mit einem Swift 
entlehnten Ausdruck, der durch ihn zu 
einem geflügelten Worte geworden ist, 
..Süßigkeit und Licht“, d. h. sanfte Über¬ 
redung und Intelligenz, Aufklärung, und 
er hat diese Methode selbst mit Meister¬ 
schaft geübt. Sein Kampf gegen den 
Puritanismus ist von anderen, namentlich 
von Swinburne, Meredith und Oscar Wil¬ 
de mit verschiedenen Mitteln fortgeführt 
worden. Von Bedeutung ist ferner seine 
Kritik der englischen Freiheit, dieses gro¬ 
ßen Abgotts der Engländer, als dessen 
Bollwerk die englische Verfassung ge¬ 
priesen wird. Da die alten Ideen und 
Gewohnheiten der Unterordnung, wie 
sie im Feudalstaate bestanden, ausgestor¬ 
ben sind, und eine Staatsidee, wie sie 
das Altertum hatte und wie sie auf dem 
Festlande noch besteht, in England fehlt, 
was ist die Freiheit da schließlich anders, 
so meint Arnold, als die Freiheit zu tun, 
was man will, sich zu versammeln, zu 
schreien, zu drohen, zu zertrümmern, wie 
und wo und was man will, ohne zu wis¬ 
sen, was man will, ohne über dem zu¬ 
fälligen Selbst der Leidenschaften und 
Begehrlichkeiten ein „bestes Selbst“, das 
Prinzip der Vernunft anzuerkennen? Im 
Sinne Goethes, dessen Ideen über Frei¬ 
heit (vgl. besonders die Gespräche mit 
Eckermann u. d. 18.1. 1827) auf ihn ein- 

13 * 


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Phil. Aronstein, Matthew Arnold 


gewirkt haben, bekämpft Arnold die 
Überschätzung der äußeren Freiheit, die 
ja mit innerer, wahrer Freiheit durchaus 
nicht verbunden sein muß, und das 
Mißtrauen gegen den Staat, wie es 
namentlich dem damals herrschenden 
manchesterlichen Liberalismus eigen war. 
Ob es allerdings heute eine andere und 
wirksamere Art gibt, das „beste Selbst“ 
zu verkörpern, als den Parlamentaris¬ 
mus mit allen seinen Mängeln, darüber 
bleibt uns Arnold, wie vor ihm Carlyle 
in ähnlichen Betrachtungen, die Antwort 
schuldig. 

Berühmt ist aus dieser Schrift noch 
Arnolds Charakteristik der drei Klassen 
des englischen Volkes, der Aristokratie, 
des Mittelstandes und der Arbeiter als 
Barbaren, Philister und Pöbel. Sie 
ist einseitig und selbst mit den Einschrän¬ 
kungen, die er ihr anfügt, kaum richtiger, 
als solche kurze Schlagwörter zu - sein 
pflegen, aber sie zeigt, was ein ange¬ 
sehener Schriftsteller, der auf den Schlös¬ 
sern der „Barbaren“ ein gern gesehener 
und häufiger Gast war und mit den „Phi¬ 
listern“ in seiner Eigenschaft als Schul¬ 
inspektor in die nächste Berührung kam, 
sich in England gestatten konnte. Schießt 
er hier über das Ziel hinaus, so legt er 
seinen Finger auf eine schwache Stelle 
der Demokratie, wenn er ihr vorwirft, 
daß sie nicht an die Autorität der Ver¬ 
nunft, des besseren Selbst glaube, son¬ 
dern der Ansicht sei, daß aus dem Kon¬ 
flikte der Ideen und Äußerungen unserer 
gewöhnlichen Natur durch eine natürliche 
Tendenz der Dinge oder der Vorsehung 
das Vernünftige von selbst zur Geltung 
komme. Er nennt das die besondere 
britische Form des Atheismus und Quie¬ 
tismus und findet Beweise dafür unter 
anderem auf seinem Spezialgebiete, dem 
der Erziehung, wo man ohne Ende ex¬ 
perimentiere, ohne, wie in Frankreich 
und Preußen, einfach vernünftige Grund¬ 


sätze anzuwenden. In der Tat 
der Parlamentarismus, wo es sich 
um Partei- oder Machtfragen handelt, 
sehr langsam und schwerfällig. 

Diese Schrift, die der Majestät des 
souveränen Volkes so unerschrocken die 
Wahrheit ins Gesicht sagt, ist von diesem 
mit Nichtachtung bestraft worden; sie hat 
bis heute nicht einmal einen Neudruck 
erlebt Sie ist aber heute noch, mehr als 
50 Jahre nach ihrem Erscheinen, inter¬ 
essant und anregend und kann auch uns 
Deutschen mancherlei zu denken geben. 


Der letzte Kampf Arnolds geilt religi¬ 
ösen Problemen. Er hatte sich vom Dog¬ 
menglauben losgelöst und wollte das, 
was ihm als das Wesentliche der Reli¬ 
gion schien, ihren ethischen Gehalt, aus 
dem Zusammenbruch für sich und Gleich¬ 
gesinnte retten. Denn wir brauchen die 
Religion als Grundlage der richtigen 
Lebensführung, die, wie er sagt, drei 
Viertel des menschlichen Lebens 
ausmacht Ein selbständiger wissenschaft¬ 
licher Forscher ist er nicht Er stützt sich 
auf die deutsche Forschung. Aber er 
empfand tiefe Sympathie für den religi¬ 
ösen Gedanken in seinen mannigfaltigen 
Verkörperungen, schätzte die Religionen 
als Formen der Religion. So vereinigt 
er in merkwürdiger Weise vollständige 
Freiheit von religiöser Bindung mit tie¬ 
fer Verehrung für die Bibel und den re¬ 
ligiösen Geist, wie er sich in der Ge¬ 
schichte der Menschheit in wechselnden 
Gestaltungen verkörpert hat. Seine theo¬ 
logischen Schriften, von denen nament¬ 
lich das Buch „Literatur und Dogma“ 
(1873) einen großen Erfolg hatte, sind 
nicht die Erzeugnisse eines Gelehrten, 
sondern eines Dichters und intuitiven 
Denkers. Es sind Aufklärungs- und Be¬ 
kenntnisschriften, die durch das zu wir¬ 
ken suchen, was er als den Charakter der 


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Phil. Aronstein, Matthew Arnold 


394 


Lehren Jesu im Vergleich zu den Prophe¬ 
ten bezeichnet, die epieikeia, die „sanfte 
Vernünftigkeit“, die jede Lehre auf ihre 
Vernunft, ihre innere Berechtigung zu¬ 
rückführt. Matthew Arnold ist einer der 
Hauptvertreter der religiösen Aufklärung 
in England. 

♦ * 

. * 

Die Engländer bezeichnen Arnold wohl 
mit halbspöttischer Anerkennung als einen 
Miniatur-Goethe. In der Tat hat er, wie 
Goethe von sich selbst sagt, darnach ge¬ 
strebt, sein Volk innerlich zu befreien. 
England hat seine äußere Freiheit und 
Blüte nicht umsonst gehabt; es hat sie 
erkauft mit einer inneren Unfreiheit im 
Vergleich zu den anderen Kulturvölkern 
Europas. Eine Periode des inneren Auf¬ 
baues auf allgemein menschlichen Grund¬ 
lagen und der Selbstbesinnung, wie sie 
das deutsche Volk am Ende des 18. und 
Anfang des 19. Jahrh. durchgemacht hat, 
hat dem englischen Volke in seiner Jagd 
nach Macht und Wohlstand gefehlt. Die 
Arbeit unserer großen Dichter und Den¬ 
ker war um die Mitte des 19. Jahrh. in 
England noch zu tun. In dem Kampfe 
um diese geistigen Güter steht Matthew 
Arnold, „der Prophet der Kultur“, wie er 
auch genannt wird, mit Carlyle und Rus- 
kin in erster Linie. Sein Ziel war, sein 
Volk geistig aufzuklären, es von den 
Schranken der Nationalität und der Tra¬ 
dition zu befreien, es aus seiner Isoliert¬ 
heit zu erlösen und in die allgemeine 
europäische Kultur einzuführen. Der Weg 
zu diesem Ziele war das Eindringen in 
die Psyche der anderen Hauptkulturvöl¬ 
ker, der Vergleich ihres Charakters mit 
dem der eigenen Nation, wodurch er 
einen Standpunkt und die Möglichkeit 
der Beurteilung fand. Denn beurteilen 


heißt vergleichen, an anderen messen. 
So erlangte er jene Europäergesinnung, 
die ihn über die Streitigkeiten des Augen¬ 
blicks auf einen höheren Standpunkt 
hinaushob. So wurde er aber auch ein 
geistiger Dolmetscher zwischen seiner 
Nation und der französischen und deut¬ 
schen, namentlich auch der deutschen, an 
deren größtem und weitestem Geiste er 
sich, wie Carlyle, gebildet hat. 


Sein Streben lag in derselben Rich¬ 
tung wie das, was man bei uns als Aus¬ 
landsstudium, Nationenwissenschaft be¬ 
zeichnet. Was wir nach deutscher Weise 
durch Organisation, durch wissenschaft¬ 
lich geordnete Betrachtung zu erreichen 
suchen, geschieht in England durch eine 
bedeutende Persönlichkeit in bewußtem 
Gegensätze zur öffentlichen Meinung. 
Aber das Ziel ist dasselbe, innere Er¬ 
kenntnis des fremden Wesens und da¬ 
durch Erweiterung des eigenen, Gewin¬ 
nung eines wirklichen Maßstabes für die 
Selbsterkenntnis und Selbstbeurteilung 
statt kritikloser und schädlicher Selbst¬ 
verherrlichung, Europäergesinnung und 
Völkerversöhnung statt des nationalen 
Chauvinismus und blinden Hasses. Wie 
er in dieser Beziehung als Vorbild die¬ 
nen kann, so auch in seiner von jeder 
Verketzerung und Herabsetzung der Geg¬ 
ner, jeder Schärfe und Bitterkeit freien 
Behandlung religiöser, politischer und 
sozialer Kontroverse, jener Methode sanf¬ 
ter leidenschaftloser Überredung, die er 
selbst als „sweetness and light“ bezeich¬ 
net hat, und die gerade in unserer Zeit, 
wo die inneren und äußeren politischen 
Kämpfe sich in so gehässigen und ab¬ 
stoßenden Formen vollziehen, um so 
höher zu schätzen ist. 


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Albert Ludwig, Eine neue Shakespeareübersetzung 


396 


Eine neue Shakespeareübersetzung, 

Von Albert Ludwig. 


Es wird immer merkwürdig bleiben, 
wie zahlreich die Übertragungen Shake¬ 
speares ins Deutsche sind und wie zur 
eigentlichen Geltung doch nur eine ge¬ 
kommen ist — die sogenannte Schlegel- 
Tiecksche. Was für glänzende Namen 
gibt es da unter den Übersetzern (Her- 
wegh, Heyse, Freiligrath, Gildemeister, 
Vischer, um nur einige zu nennen); ist 
es doch kaum eine Übertreibung, daß in 
den fünfziger und sechziger Jahren je¬ 
der rechtschaffene deutsche Dichters¬ 
mann den Ehrgeiz des Shakespearedol¬ 
metschers in sich trug: neulich erst ha¬ 
ben wir es noch von Fontane gehört I 
Aber lebendig ist von alledem so gut 
wie nichts geblieben; das Ergebnis der 
Hochflut war für lange Zeit die Allein¬ 
herrschaft Schlegel-Tiecks. Sie hat bis 
ins zwanzigste Jahrhundert gedauert, 
und wenn sie durch die sehr eingrei¬ 
fende Revision Hermann Conrads, dann 
vor allem durch Gundolfs großes Un¬ 
ternehmen angefochten wurde, so ist 
immer noch die Frage, ob sie praktisch 
erschüttert worden ist. 

Dabei ist diese Stellung des Schlegel- 
Tieck eigentlich mehr geschichtlich ge¬ 
geben als in sich begründet. Kein Zwei¬ 
fel zwar, daß Schlegels Arbeiten zu 
den Höchstleistungen deutscher Uber¬ 
setzungskunst gehören, kein Zweifel, 
daß Hamlet und Falstaff, Porzia und Ju¬ 
lia in seinen Worten zu uns reden, aber 
was unter Tiecks Namen geht, die Ver¬ 
deutschungen Baudissins und Dorothea 
Tiecks, kann solchen Rang nicht bean¬ 
spruchen: es ist tüchtige Arbeit, zur 
klassischen Geltung aber erst durch die 
Verkoppelung mit Schlegels Anteil ge¬ 
kommen. Freilich sprachen wiederum 
diese kleineren Geister die Sprache, die sie 
Schlegel gelehrt hatte; eine gewisse Ein¬ 


heitlichkeit des Tones ist also dem ganzen 
Werke nicht abzusprechen, und darauf be¬ 
ruht neben der Eindruckskraft der Formel 
Schlegel-Tieck nicht zuletzt seine Stärke. 

Und selbst Schlegels Leistung kann 
nicht unbedingt als ein Letztes gelten. 
Als er seine Arbeit begann, steckte die 
Shakespearewissenschaft in den Kinder¬ 
schuhen. Nicht nur daß der Text des 
Dichters noch lange nicht mit der phi¬ 
lologischen Sorgfalt hergestellt war, 
deren es bedurfte, nicht nur daß die Er¬ 
forschung der Sprache seiner Zeit auch 
in England noch nicht angefangen hatte 
— in Deutschland mangelte es fast an 
jedem brauchbaren Werkzeug, um die 
Schwierigkeiten einer solchen Aufgabe 
zu überwinden: was Schlegel trotz alle¬ 
dem kraft eines genialen Einfühlungs¬ 
vermögens vollbrachte, verdient um so 
mehr Bewunderung; aber es ist auch 
selbstverständlich, daß die unermüdliche 
Arbeit, die das neunzehnte Jahrhundert 
auf philologischem Gebiete geleistet hat, 
sich darin zeigen muß, daß eine Über¬ 
setzung, deren beste Teile mehr als hun¬ 
dert Jahre alt sind, nicht mehr dem 
Stande unseres Wissens entspricht. 
Wenn nun der Urtext selber sich durch 
Säuberung von falschen Lesarten, durch 
die sprachlich richtige Deutung sound¬ 
so vieler Stellen gegenüber früheren Zei¬ 
ten verändert hat, soll die Übersetzung 
stehen bleiben ? Und wenn auch Schlegels 
Werk durch seine besonderen Vorzüge, 
durch die glückliche Prägung allbekann¬ 
ter Stellen, durch seinen geschichtlichen 
Einfluß auf unser geistiges Leben einen 
Anspruch hat, etwa wie ein Denkmal 
unserer Entwicklung sorgsam erhalten 
zu werden, Dorothea Tieck und Baudis- 
sin haben doch wohl kein Recht, solche 
besondere Rücksicht für sich zu fordern. 


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Albert Ludwig, Eine neue Shakespeareübersetzung 


398 


So ähnlich mögen die Erwägungen 
gewesen sein, aus denen schon vor dem 
Kriege der Plan hervorging, Shake¬ 
speares Werke in Einzelausgaben neu 
zu veröffentlichen — drei Bände liegen 
jetzt vor; geschmackvoll ausgestattet, 
auf Friedenspapier und in gutem Druck, 
bietet sie der Inselverlag dar; der Preis 
ist angemessen, und da jedes Drama für 
sich erscheint, ist jeder in der Lage, sich 
allmählich ein vollständiges Exemplar 
zusammenzustellen oder sich auf seine 
Lieblinge zu beschränken. Anmerkungen 
und ein Nachwort folgen dem Text, bei¬ 
des aufs knappste gefaßt, denn ek han¬ 
delt sich nicht um eine kommentierte 
Ausgabe, sondern um die nötigsten sach¬ 
lichen Auskünfte und um Winke für 
solche Leser, die sich weiter über die 
Dinge unterrichten wollen. Erschienen 
sind bisher „Hamlet“ und „Othello“ (her¬ 
ausgegeben von Max J. Wolff) und 
„Macbeth“ (von dem inzwischen verstor¬ 
benen H. Conrad); fernerhin sind an 
dem Unternehmen Marie Gothein, 
Ludwig Fränkel, Rudolf Imel- 
mann, Max Förster beteiligt. 

Sehen wir, wie die Aufgabe angefaßt 
worden ist. Hamlet erscheint „nach der 
Übersetzung A. W. Schlegels bearbeitet" 
Schon bisher hatte sich kaum ein Her¬ 
ausgeber ängstlich an den Buchstaben 
des großen Übersetzers gehalten, son¬ 
dern hatte in Einzelheiten, wo es sich 
um offenbare Fehler, aufgegebene Les¬ 
arten u.ä. handelte, geändert; hier ist 
ein Schritt weiter gegangen: nicht nur 
das Unerläßliche, sondern was dem 
Herausgeber notwendig erschien, um 
das Ziel einer zeitgemäßen Erneuerung 
von Schlegels Text zu erreichen, ist ge¬ 
tan. Dabei hat Schlegel selbst geholfen, 
indem seine Urhandschrift zum Ver¬ 
gleich herangezogen wurde — einst 
hatte er es seiner Frau überlassen, den 
Druck zu überwachen: Karoline aber hat 


der Versuchung nicht widerstehen kön¬ 
nen, sich auch ein wenig als Übersetze¬ 
rin zu bewähren, was ihr aber nicht ge¬ 
rade in ausgezeichneter Weise gelang. 
Daß die neue Revision sich gelegentlich 
mit der vorangegangenen, ähnliche Ziele 
verfolgenden Conradschen berührt, ist 
ebenso selbstverständlich, wie daß sie 
vollkommen unabhängig davon ist. 

Worauf erstrecken sich nun die Än¬ 
derungen? Zunächst ist zu sagen, daß 
Schlegels Sprache bei allen Vorzügen 
einen gewissen Hauch von einem beson¬ 
deren Übersetzungsdeutsch hat, das sein 
Recht eben nur seiner Leistung verdankt. 
So übernimmt er gewisse Eigentümlich¬ 
keiten der englischen Dramatikerrede 
wie etwa die Art, den König schlecht¬ 
weg durch den Namen seines Landes 
zu bezeichnen (Dänemark = Hamlets Va¬ 
ter oder Oheim), ein Gebrauch, der uns 
fremdartig geblieben ist. Er hat ferner 
für gewisse englische Wörter wörtliche 
Übertragungen verwandt, die sich in den 
deutschen Zusammenhang schwer hin- 
einfügen oder seinem Ton widerspre¬ 
chen (z. B. Rosencrantz und Güldenstem 
sind Hamlets „Laune“ / humour] und Ju¬ 
gend nahegeblieben, Hamlet spricht vom 
„Pfriemen“ / bodkin], mit dem man sei¬ 
nem Leben ein Ende machen könne u.ä.). 
Hierhin gehört auch die Neigung, ar¬ 
tikellose englische Substantive eben¬ 
falls so zu gebrauchen, um der Gedrun¬ 
genheit des Shakespearischen Verses 
nahezukommen; zum selben Zweck be¬ 
dient sich auch Schlegel sehr häufig des 
Apostrophs, um die Wörter zu verkür¬ 
zen: die Folge ist eine gewisse Künst¬ 
lichkeit der dichterischen Rede. Diese 
selbst hat sich ihrerseits seit hundert 
Jahren in manchen Beziehungen (wenn 
schon nicht so stark wie die Prosa) ge¬ 
ändert Schiller und Goethe müssen und 
sollen bleiben, wie sie waren — der 
Landfremde Shakespeare hat ihnen ge- 


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39Q 


Albert Ludwig, Eine neue Shakespeareübersetzung 


genüber, wie man es nehmen will, den 
Vorteil oder den Nachteil, daß sein Kleid 
sich den Anforderungen der Zeit an¬ 
passen kann. 

Es ist klar, daß eine solche Bearbei¬ 
tung, wenn sie folgerichtig durchgeführt 
wird, einen recht beträchtlichen Teil der 
Schlegelschen Verse ändern muß; wer 
die beiden Fassungen vergleicht, wird 
finden, daß wir einen leichter lesbaren, 
selbstverständlicher deutsch klingenden 
Hamlet erhalten haben, der dabei doch 
den vertrauten Charakter der uns lieb¬ 
gewordenen Fassung bewahrt hat. Man 
darf dabei nicht erwarten, daß bei 
jeder Einzelheit jeder einzelne die neue 
Form ohne weiteres als die bessere er¬ 
kennen wird; der Nachprüfende darf 
nicht vergessen, daß eine derartige Re¬ 
vision Stückwerk bleibt, wenn sie nicht 
grundsätzlich eVfolgt; die Änderungen 
müssen also da, wo alte und neue Form 
sich für den persönlichen Geschmack 
die Wage zu halten scheinen, ihre Recht¬ 
fertigung in der Rücksicht auf das Ganze 
finden. Dabei ist nicht zu vergessen, daß 
auch der englische Text sein Wort mit¬ 
zusprechen hat: Schlegel erlaubte es sich 
gelegentlich, wenn er an der knappen 
Art Shakespeares verzweifelte, einen 
Vers zuzulegen; die neue Ausgabe will 
die Übereinstimmung Vers für Vers, 
wenn irgend möglich, durchführen; da¬ 
bei kann gewiß die wortreichere Wie¬ 
dergabe uns einschmeichelnderklingen — 
aber sie ist die weniger shakespearische. 

Am schwierigsten Punkt halten wir 
da, wo Schlegels Prägung zum geflü¬ 
gelten Wort geworden ist und eine Än¬ 
derung doch aus diesem oder jenem 
Grunde erwünscht erscheint. „So macht 
Gewissen Feige aus uns allen“, heißt es 
im berühmten Monolog; das artikellose 
Gewissen ist nicht sehr schön, vor allem 
aber meint Shakespeare gar nicht, was 
wir so nennen; zu seiner Zeit hatte con- 


40C 


Science noch eine andere Bedeutung.und 
diese ist jetzt eingesetzt — wir sollten 
uns daran gewöhnen, mit Wolff (und 
Conrad) zu sagen: „So macht das Den¬ 
ken Feige aus uns allen“. In dem be¬ 
rühmten „Du kommst in so fragwürdi¬ 
ger Gestalt“ hat Schlegel unserer Sprache 
Gewalt angetan; er meint in einer Ge¬ 
stalt, die würdig ist gefragt zu werden, 
was Shakespeares questionable noch 
hieß, unser fragwürdig aber niemals be¬ 
deutet hat; auch hier sollte Wolffs„frag¬ 
heischende Gestalt“ die andere Fassung 
verdrängen. Wird das aber auch bei 
dem Anfang jenes großen Monologs, 
dem „Sein oder Nichtsein, das ist hier 
die Frage“ gelingen? „Hier“ istSchle- 
gelsches Flickwort und ist gefährlich, 
weil es Hamlets Erwägungen, die allge¬ 
mein sein sollen, einengt — die Über¬ 
tragung „Sein oder Nichtsein, ja, das ist 
die Frage“ vermeidet freilich die Cha- 
rybdis, aber ist die Szylla, daß näm¬ 
lich das „ja“ seinen Charakter als Flick¬ 
wort gar zu deutlich zeigt, nicht un¬ 
gefähr ebenso bedenklich? 

Freier konnten sich die Herausgeber 
bei „Othello“ und „Macbeth“ bewegen: 
„auf Grund der Übertragung Ludwig 
Tiecks [d.h. Baudissins] übersetzt“, lau¬ 
tet bei jenem die Formel Wolffs; also 
Baudissins Wortlaut gilt als Material, 
aus dem etwas Neues geformt wird. Es 
lag kein Grund vor, um jeden Preis neu 
zu sein und unmittelbar vom Urtext aus¬ 
gehend eine Übersetzung zu schaffen, 
aber ebensowenig gab es eine Veranlas¬ 
sung, sich auf bloße Säuberung und 
Glättung zu beschränken. Das Verfah¬ 
ren ist das des Baumeisters, der aus 
Steinen und Balken des alten Hauses, 
soweit sie verwendbar sind, ein neues 
aufführt. Dabei ist natürlich auch all 
das geschehen, was bei Schlegel hervor¬ 
gehoben worden ist, darüber hinaus ist 
aber die Gesamtrhythmik der Verse er- 


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403 


Nachrichten und Mitteilungen 


404 


Nachrichten und Mitteilungen. 


Das Osteuropa-Institut in Breslau. 

Karl Krumbacher hat vor 12 Jahren in 
dieser Zeitschrift mit energischen Worten 
auf die Notwendigkeit, die slawische Welt 
mehr als bisher in den Bereich der wissen¬ 
schaftlichen Forschung zu ziehen, hinge¬ 
wiesen: „Wer heute zwar mit germanischen 
und romanischen Sprachen und der in die¬ 
sen ausgedrückten Kultur vertraut ist, sich 
aber der slawischen Welt gegenüber taub 
verhält, hat einen Mangel in der geistigen 
Ausbildung und ist nicht imstande, die ge¬ 
schichtlichen Zusammenhänge, die politi¬ 
schen, religiösen und sozialen Strömungen, 
die literarischen und künstlerischen Be¬ 
wegungen unserer Zeit zu überblicken und 
abzuschätzen.“ Krumbachers Weckruf hatte 
nur den Erfolg, daß an der Universität Mün¬ 
chen ein Lehrstuhl für slawische Philologie 
errichtet wurde. Im übrigen blieb die wis¬ 
senschaftliche Erforschung des slawischen 
Ostens auf die wenigen Fachgelehrten be¬ 
schränkt. 

Die Neubelebung des Auslandsstudiums, 
die insbesondere dem Staatssekretär Pro¬ 
fessor Dr. Becker zu verdanken ist, mußte 
auf den östlichen Kulturkreis Rücksicht neh¬ 
men. Die Anregung Eduard Sprangers, 
nicht Auslandsinstitute, sondern Kultur- 
kreisinstitute in systematisch organisierter 
Weise zur wissenschaftlichen Forschung zu 
errichten, ist auch in Breslau auf frucht¬ 
baren Boden gefallen. Die Erkenntnis, daß 
die wirtschaftliche Erschöpfung Deutschlands 
durch die reidien Bodenschätze und Roh¬ 
stoffquellen des Ostens wieder zur Gesun¬ 
dung gebracht werden könne, daß ferner 
das gegenseitige Verstehenlernen der Völ¬ 
ker auf allen geistigen und kulturellen Ge¬ 
bieten gefördert werden müsse, führte am 
8. April 1918 zur Gründung des Osteuropa¬ 
instituts. Der Anschluß an die Schlesische 
Friedrich-Wilhelm-Universität und die Tech¬ 
nische Hochschule sollten die wissenschaft¬ 
lichen Grundlagen gewährleisten: „Das Ost¬ 
europainstitut hat den Zweck, die Grund¬ 
lagen und Entwicklungsbedingungen des 
geistigen und wirtschaftlichen Lebens in 
Osteuropa und den angrenzenden Gebieten 
zu studieren und die dabei gewonnenen 
Ergebnisse für den akademischen Unterricht, 
die Verwaltung und die wirtschaftliche 
Praxis nutzbar zu machen.“ Zur Ausführung 


dieser Arbeiten sind folgende Forschungs¬ 
abteilungen gebildet worden: „1. Recht (mit 
besonderer Beratungsstelle); 2. Wirtschaft 
(mit besonderer Beratungsstelle); 3. Land- 
und Forstwirtschaft; 4. Bergbau und Hüt¬ 
tenkunde (angegliedert an das Oberberg¬ 
amt zu Breslau); 5. Industrie; 6. Geographie 
und Landeskunde; 7. Religionswissenschaft; 

8. Sprachwissenschaft und Literatur. 

Als allgemeine Aufgabe sämtlicher For¬ 
schungsabteilungen ist in erster Linie die 
Sammlung des Materials für die wissen¬ 
schaftlichen Arbeiten vorzunehmen. Leider 
ist der Bücherbestand an originalen Wer¬ 
ken Uber osteuropäische Länder in den 
deutschen Bibliotheken ein sehr geringer. 

Die Bibliothek des Instituts hat zunächst ] 
einen alphabetisch und einen systematisch 
geordneten Zettelkatalog angelegt, um die 
in den elf großen preußischen Bibliotheken 
seit 1899 angeschaffte osteuropäische Lite¬ 
ratur nachweisen zu können. Weiter wird 
die Anlegung eines alphabetisch und eines 
systematisch geordneten Zettelkatalogs aller 
Zeitschriften, die sich mit den Fragen des 
Ostens befassen, sowie der in deutschen 
und ausländischen Zeitungen und Zeit¬ 
schriften erschienenen Aufsätze über ost¬ 
europäische Fragen für wissenschaftliche 
Arbeiten willkommene Hilfe leisten. Denn 
die Anschaffung russischer Bücher und Zeit¬ 
schriften wird auch nach Anbahnung ge¬ 
regelter Beziehnngen kaum möglich sein, 
weil eine große Zahl russischer Buchhand¬ 
lungen durch die Bolschewiki zerstört und 
auch zahlreiche Privatbibliotheken vernich¬ 
tet worden sind; da die meisten russischen 
Bücher im Selbstverläge erschienen, wird 
für immer eine lückenlose Sammlung russi¬ 
scher Literatur ausgeschlossen sein. Nur 
die unversehrt gebliebenen russischen Uni¬ 
versitätsbibliotheken werden diesen uner¬ 
setzlichen Verlust einigermaßen gutmachen 
können. 

Da wissenschaftliche Arbeit nur auf Grund 
der originalen und primären Quellen zu 
erreichen ist, muß die Kenntnis der ost¬ 
europäischen, besonders der slawischen 
Sprachen, die erste Voraussetzung sein; 
selbst die besten Übersetzungen bleiben 
nur ein Notbehelf. Da indes zunächst nur 
eine kleine Zahl von Gelehrten mit ost¬ 
europäischen Sprachen vertraut ist, wird 


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405 


Nachrichten und Mitteilungen 


406 


durch Übersetzungen die einschlägige Li¬ 
teratur zugänglich gemacht werden müssen. 
So plant die Rechtswissenschaftliche Abtei¬ 
lung die Herausgabe von Gesetzes-Texten 
in guter Übersetzung. 

Das Archiv des Instituts hat sich als 
Hauptaufgabe die Sammlung und Sichtung 
von Zeitungsausschnitten, Akten, Bestands¬ 
aufnahmen, Denkschriften und sonstigen 
Dokumenten gesetzt. Mag auch besonders 
in der Jetztzeit das Zeitungsmaterial als 
zweifelhafte Quelle betrachtet werden, so 
gibt es doch immerhin Material, das natür¬ 
lich sehr sorgfältig und kritisch gesichtet 
und verwertet werden muß. 

Die Aufgaben der einzelnen Forschungs- 
Abteilungen auch nur kurz zu skizzieren 
ist nicht möglich. Die Aufzählung der bis¬ 
her erschienenen und im Erscheinen be¬ 
griffenen Arbeiten gibt bereits ein unge¬ 
fähres Bild der Tätigkeit der einzelnen Ab¬ 
teilungen. ln den „Quellen und Studien“, 
Verlag B. G. Teubner, sind bereits erschie¬ 
nen: Dr. Wlad. W. Kaplun Kogan: Russi¬ 
sches Wirtschaftsleben seit der Herrschaft 
der Bolschewiki. 1. und 2. Auflage 1919. 
Justizrat H. Klibanski: Die Gesetzgebung 
der Bolschewiki 1920. Dr. Konstantin von 
Dietze: Stolypinsche Agrarreform und Feld¬ 
gemeinschaft 1920. Prof. Dr. Goebel: Ent¬ 
wickelungsgang der russischen Industrie¬ 
arbeiter 1920. Dr. Koehler: Die russische 
Industriearbeiterschaft von 1905 bis 1917, 
1920. Dr. Flegel: Die wirtschaftliche Be¬ 
deutung der Montanindustrie Rußlands und 
ihre Wechselbeziehungen zu Deutschland 
1920. Mit einem Vorwort von Berghaupt¬ 
mann Dr. Schmeißer. Prof. Dr. Cloos und 
Dr. Meister: Bau und Bodenschätze Ost¬ 
europas. Dr. Behrend: Kupfer- und Schwefel¬ 
erze von Osteuropa. Dr. v. zur Mühlen: 
Die Baltischen Ölschiefer und die Ölschiefer 
aus den übrigen Gebieten des europäischen 
Rußlands. Dr. Korczok: Die Griechisch- 
Katholische Kirche in Galizien. Mit einem 
Vorwort von Prof. Dr. Haase: Die Aufgaben 
der osteuropäischen Religionswissenschaft. 

Als .Vorträge und Aufsätze“ sollen po¬ 
pulärwissenschaftliche Schriften herausge¬ 
geben werden. Mit der „Gesellschaft zum 
Studium Osteuropas“ und anderen Institu¬ 
ten, die gleiche Ziele verfolgen, schweben 
Verhandlungen wegen einer Zeitschrift. Sie 
soll ein Zentrum der wissenschaftlichen Erfor¬ 
schung Osteuropas werden; sie wird alle 
Fragen des osteuropäischen Lebens behan¬ 


deln, in erster Linie jedoch die allgemein 
wirtschaftlichen und rechtlichen Probleme. 

Für den wissenschaftlichen Betrieb kommt 
ferner der hochschulmäßige Unterricht in 
Form von Semesterkursen, Ferienkursen 
und seminaristischen Übungen in Betracht. 
In den Auslandsvorlesungen des Osteuropa- 
Instituts wurden bisher von allen Abtei¬ 
lungen Vorlesungen gehalten. Um das In¬ 
teresse und das Verständnis für die Vor¬ 
lesungen zu beleben, werden durch das 
Institut besondere Sprachkurse (zunächst 
polnische, russische und tschechische) ab¬ 
gehalten. 

So darf das Osteuropa-Institut, das nun¬ 
mehr auch ein eigenes Haus bezieht und 
dadurch größere Bewegungsfreiheit erhält, 
hoffen, die wissenschaftlichen Grundlagen 
zu geben für die Erforschung und Erschlie¬ 
ßung des Ostens. 

Breslau, Prof. Dr. Felix Haase, 
Generalsekretär 
des Osteuropa-Instituts. 

Jahresbericht des Nordischen Instituts 
der Universität Greifswald. 

Das vergangene Jahr stand auch für unser 
Nordisches Institut noch unter dem Drucke 
des unglücklichen, von den Gegnern ja ein¬ 
seitig fortgesetzten Krieges. Das Wort Frie¬ 
den, das sonst auch für den Unterlegenen 
einen gewissen Zauber birgt, auch ihm Ruhe 
und Segnungen, Gedeihen in aufstrebender 
Arbeit, verheißt, ist von unsern Feinden ja 
jetzt völlig entweiht und zum Gegenteil 
entwürdigt. Noch jetzt, nachdem bereits 
zwei Jahre die Waffen ruhen, geht der Krieg 
grausam und verheerend weiter, nur ist es 
nicht mehr der offene Kampf, sondern ein 
hinterhältiger tückischer Vernichtungskrieg 
gegen den der Waffen beraubten Gegner. 

In den Zeiten äußeren Niederganges 
darben auch die Wissenschaften: inter arma 
silent musae. ln Deutschland aber hat man 
den aufbauenden Wert der geistigen Arbeit 
auch in der Not erkannt und mehrfach ge¬ 
rade in bedrängten Zeiten nach dieser Rich¬ 
tung Großes unternommen. Wir sind unserm 
Kultusministerium und namentlich dem auf 
dem Gebiete der Universitätsverwaltung so 
ganz besonders verdienten Manne, dem 
Staatssekretär C. H. Becker, tiefen Dank 
dafür schuldig, daß trotz aller Schwierig¬ 
keiten der Zeitverhältnisse man nicht da¬ 
vor zurückschreckte, auf dem Gebiete der 
Auslandsforschung ganz neue Bahnen ein- 
zuschlagen. 


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407 


Nachrichten und Mitteilungen 


408 


Das Verständnis für die Bedeutung dieser 
Aufgaben ist noch nicht überall lebendig, 
und nicht selten begegnet man Mißverständ¬ 
nissen. Oft hört man noch jetzt Klagen, 
wir seien zu nachgiebig und unselbständig 
dem Ausländischen gegenüber, zu willfährige 
Nachahmer des Fremden in Sitte und Kul¬ 
tur. Und sicherlich ist vieles richtig an die¬ 
sen selbstkritischen Vorwürfen. Zu einseitig 
und unselbständig haben wir uns in man¬ 
cher Hinsicht dem Fremdartigen zugewandt: 
insofern ist die dem entgegenwirkende Be¬ 
wegung unserer Tage erklärlich und berech¬ 
tigt. Aber ebenso schlimm wäre der ent¬ 
gegengesetzte Fehler: sich abzuschließen 
von dem Großen und Guten der übrigen 
Welt. 

Zu allen Zeiten, in seinen glücklichen 
und unglücklichen Tagen, ging das Denken 
und Trachten unseres Volkes in die Weite. 
Es entspricht dem kosmopolitischen Drange 
des Deutschen, Geist und Gemüt zu berei¬ 
chern durch die Erkundung der Umwelt, 
fremde Länder zu erforschen, die leblose 
und die lebende Natur, namentlich das Den¬ 
ken und Treiben der Menschen: wenn mög¬ 
lich den gesamten Erdball umfassend. 

Auch heute in unserem Unglück müssen 
wir, dieser unserer eigenen Art voll bewußt, 
fortfahren, das Gute zu nehmen, wo wir es 
finden: im Sinne unserer großen Vergangen¬ 
heit auf den verschiedensten Gebieten der 
Wirtschaft und Technik, der Künste und 
Wissenschaften, im Sinne unserer großen 
Dichter und Denker, das bedarf keiner weite¬ 
ren Ausführung: das Auge eines Goethe 
beschränkt durch die staatlichen Grenzen 
ist uns gar nicht vorstellbar. Die von unsern 
Feinden immer neu genährte völkerentweih¬ 
ende niedere Gehässigkeit darf in diese 
Sphäre der Kulturbestrebung nicht eindrin- 
gen. Sie hat uns selbst während der er¬ 
bittertsten äußeren Kämpfe nicht wesentlich 
beeinträchtigt, während sie unsere Gegner 
nur zu sehr erniedrigte. 

Wir Deutsche müssen und dürfen uns 
treu bleiben. Wir haben durch unsere Art 
etwas geleistet für die Menschheit und er¬ 
reicht in der Welt, wenn uns auch augen¬ 
blicklich äußeres Unglück niederdrückt. Nur 
wenn wir das erhalten, was uns groß ge¬ 
macht hat, werden sich uns auch die Pfor¬ 
ten der Zukunft wieder öffnen. 

So drängen uns in dieselbe Richtung das 
kulturelle Vorwärtsstreben und die Erwä¬ 
gungen der politischen Nützlichkeit. Hier 


sind die Lehren der jüngsten Vergangenheit 
so blutig stark, daß ihnen gegenüber Worte 
keine Bedeutung haben, sie kaum noch be¬ 
kräftigen können. Wir wissen, wie sehr es 
unserer Politik geschadet hat, daß unsere 
Diplomaten vielfach wie unwissende Fremd¬ 
linge in die auswärtigen Staaten kamen 
und als solche in ihnen lebten, daß sie nicht 
vertraut waren mit den geistigen, wirtschaft¬ 
lichen und politischen Strömungen, sehr 
wenig eingedrungen in das intimere kultu¬ 
relle Leben der fremden Mächte. So manche 
Überraschungen mußten sie erleben, und 
wir mit Blut und Gut, ja fast mit unserm 
ganzen nationalen Sein für diese Schwächen 
büßen. 

Wenn wir nun unsere Blicke in das Aus¬ 
land richten: müssen uns die Regungen 
unseres Gemütes wie die Interessen unseres 
Geistes am meisten den uns so nahe ver¬ 
wandten Stämmen des skandinavischen 
Nordens zuwenden. 

Die uns an Rasse, Sprache, Sitte und Kul¬ 
tur so nahestehenden skandinavischen Völ¬ 
ker haben ganz selbständig und getrennt 
von uns eine ganz eigene Entwicklung durch¬ 
lebt. Aber eben weil sie unserer Art sind, 
zeigt sich soviel Ähnliches und Verwandtes 
trotz aller Selbständigkeit. Im ganzen läßt 
sich sagen, daß sie die Eigentümlichkeiten 
des germanischen Charakters viel getreuer 
bewahrten und viel ausgeprägter noch jetzt 
sie offenbaren, so daß manches dort in den 
Einrichtungen und Sitten einem noch eige¬ 
ner und heimatlicher anmutet als die Ver¬ 
hältnisse unseres im Zentrum des engen, 
volkreichen Europa lebenden, den Einwir¬ 
kungen und Beimischungen fremder Rassen 
mehr ausgesetzten Volkes. Namentlich gilt 
dieses auf juristischem Gebiete. Das Recht 
der skandinavischen Staaten hat sich aus 
den Urquellen des germanischen Denkens 
und Empfindens heraus rein, ungestört durch 
fremde Einflüsse, entwickelt, ganz im Gegen¬ 
sätze zu unseren heimatlichen Verhältnissen. 
Unser einheimisches deutsches Recht, an 
seelischen und geistigen Gehalten reich, aber 
zu buntscheckig und zersplittert, vermochte 
ja bekannntlich im Mittelalter dem straff lo¬ 
gisch durchgebildeten,geschlossenen Rechts¬ 
system der Römer gegenüber nicht stand- 
zuhalten. Es unterlag und wurde lange Zeit 
völlig unterdrückt und verdrängt durch die 
uns an sich so wesensfremde römische Rechts- 
kultur. Ebenso zeigen sich auf den anderen 
Kulturgebieten die mannigfachsten überein- 


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Nachrichten und Mitteilungen 


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stimmenden oder abweichenden, immer aber 
für uns besonders interessanten und lehr¬ 


reichen Erscheinungen. Daß uns dann ferner¬ 
hin unsere persönlichen Sympathien gerade 
zu den skandinavischen Völkern hinlenken, 
daß bei allem wissenschaftlichen, wirtschaft¬ 
lichen und sonstigen Denken Herz und Ge¬ 
müt uns ganz besonders nach dem Norden 
ziehen, ist naturgemäß nicht zuletzt eine 
wesentliche Förderung unserer Bestrebun¬ 
gen. 

Unser Nordisches Institut hat nun die Auf¬ 
gabe, die sich aus meinen Ausführungen 
eigentlich schon ergibt: uns die Kultur der 
nordischen Völker näherzubringen: zunächst 
durch wissenschaftliche Arbeiten und Ver¬ 
anstaltungen, die dann aber naturgemäß 
auch praktisch: wirtschaftlich und politisch, 
nicht ohne Wert sein können. 

Mit Befriedigung dürfen wir trotz aller 
Not der Zeit auch auf das vergangene Jahr 
zurückblicken. Nur das Wichtigste von sei¬ 
nem Inhalte kann ich hier kurz hervorheben: 

Es wurden Vorlesungen bzw. Übungen 
veranstaltet auf den verschiedensten wissen¬ 
schaftlichen Gebieten: Recht und Wirt¬ 
schaft; über die nordischen Sprachen und 
Literaturen; Geschichte, Geographie, Palä¬ 
ontologie. Sprachkurse wurden abgehalten 
für Deutsche und deutsche Übungen für 
Skandinavier. Außer den Dozenten der Uni¬ 
versität waren wirksam ein schwedischer, 
seit Beginn dieses Semesters auch ein nor¬ 
wegischer Lektor. ‘) 


1) Vorlesungen 

im Wintersemester 1919—1920: 
Die Rolle der skandinavi¬ 
schen Staaten in der eu¬ 
ropäischen Politik: Dr. Glagau 

Einführung in das Recht der 
skandinavischen Staa¬ 


ten: 

Einführung in die schwe¬ 
dische Sprache: 

Schwedische Übungen (für 
Vorgerückte): 

Gustaf Fröding: 

Arbeiten auf dem Gebiete 
der drei nordischen Län¬ 
der im geographischen 
Praktikum: 


Dr. Coenders 

Lekt. Bergman 

Lekt. Bergman 
Lekt. Bergman 

Dr. Braun 


Vorlesungen 

im Sommersemester 1920: 
Einführung in das Recht der 

nordischen Staaten: Dr. Coenders 

Skandinavische 

Wirtschaftsprobleme: Dr. Kähler 


In diesen regelmäßigen Gang des Lehr¬ 
betriebes konnten mehrfach außergewöhn¬ 
liche Veranstaltungen eingeschoben werden: 

Am 24. Oktober 1919 sprach zu uns 
Professor Dr. von Wrangel aus Lund über: 
„Die Anfänge der christlichen Kunst 
Schwedens.“ 

Am 25. Oktober derselbe Gelehrte über: 
„Die kunsthistorischen Beziehungen zwi¬ 
schen Norddeutschland und Schweden im 
Mittelalter und während der Renaissance.“ 
Zwei sehr lehreiche und interessante Licht- 
bildervorträge. 

Am 24. Januar 1920 hielt Professor Dr. 
Pohl-Rostock einen Vortrag über das 
Thema: „Die völkerrechtliche Stellung der 
Alandsinseln.“ 

Am 9. Juni 1920 sprach der Vater un¬ 
seres Lektors, Herr Professor Dr. Joh. Berg¬ 
man aus Dorpat, über: „Das heutige Est¬ 
land und die Universität Dorpat“ 

Am 9. Juli 1920 endlich hielt uns Herr 
Pfarrer Günther von der evangelischen 
Gemeinde in Kristiania einen Vortrag 
über: „Das Deutschtum in Norwegen.“ 
Ein wesentlicher Punkt unseres Pro¬ 
gramms ist ferner die Veranstaltung wissen¬ 
schaftlicher Exkursionen. So wurde Pfingsten 
dieses Jahres von Professor Braun mit schwe¬ 
dischen und deutschen Studenten eine Exkur¬ 
sion durch Hessen und die Rhön veran¬ 
staltet, daran sich anschließend von Professor 
Philipp eine geologische Exkursion durch 
Thüringen. 

Das wichtigste Ereignis aus der letzten 
Zeit ist die Forschungsreise unseres Kolle¬ 
gen Braun nach Finnland, die zur Errich¬ 
tung einer finnischen Abteilung des Insti¬ 
tuts eine wertvolle Grundlage gelegt hat. 


Das Ostseegebiet. Für 
Hörer aller Fakultäten: 

Die erste Besiedlung Nord¬ 
deutschlands und der 
nordischen Länder: 

Altnordische Übungen 
(Bandamannasaga): 

Einführung in die schwe¬ 
dische Sprache: 

Sprechübungen für Anfän¬ 
ger: 

Svenska övningar. — Für 
Vorgerückte: 

Carl Michael Bellman: 

Deutsche Übungen für 
Skandinavier: Wortge¬ 
brauch und Stilistik mit 
schriftlichen Arbeiten: 


Dr. Braun 

Dr. Klinghardt 

Dr. Ehrismann 

Lekt. Bergman 

Lekt. Bergman 

Lekt. Bergman 
Lekt. Bergman 

Dr. Heller 


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Nachrichten und Mitteilungen 


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Ehrengabe deutscher Wissenschaft. Dar- 
geboten von katholischen Gelehrten, her¬ 
ausgegeben von Franz Feßler. XX und 
858 S. mit 34 Bildern. Freiburg, Herder. 

Wie der 1873 verstorbene König Johann 
von Sachsen als Gelehrter und Dante-Über¬ 
setzer (Philalethes) angesehen war, so ha¬ 
ben von seinen Enkeln zwei ein lebhaftes 
wissenschaftliches Interesse bewiesen, Prinz 
Max, der Priester wurde und namentlich 
mit Studien über die morgenländischen 
Kirchen hervorgetreten ist, und sein Bru¬ 
der Johann Georg, dessen Arbeiten der 
christlichen Archäologie gelten. Zum 50. Ge¬ 
burtstag dieses Fürsten haben angesehene 
deutsche Katholiken die vorliegende Fest¬ 
schrift herausgegeben, die zunächst durch 
ihr Äußeres ein ehrenvolles Zeugnis dafür 
ist, daß trotz der Not der Gegenwart um¬ 
fängliche Werke dieser Art in vornehmer 
Ausstattung bei uns erscheinen können. 
Natürlich hat private Opferwilligkeit dazu 
mitgeholfen. Am Inhalt des Buches ist die 
Naturwissenschaft nur durch einen Aufsatz 
des bekannten, dem Jesuitenorden angehö- 
rigen Forschers Wasmann über ideale Na¬ 
turauffassung einst und jetzt beteiligt, der 
angesichts der neueren Umbildungen des 
Darwinismus für das Recht religiöser Na¬ 
turbetrachtung eintritt. Daß Rechts- und 
Staatswissenschaften fehlen, obwohl sie im 
deutschen Katholizismus eifrig betrieben 
werden, ist wohl Zufall. Daß den Haupt¬ 
inhalt des Werkes geschichtliche, theolo¬ 
gische und kunstwissenschaftliche Beiträge 
bilden, entspricht dem Interessenkreis des 
Prinzen. Aus den geschichtlichen seien er¬ 
wähnt der Nachweis von Cardauns, daß 
man in Rom schon sehr bald Hontheim als 
den pseudonymen Febronius ermittelt hat, 
der von Grauert, daß zwei Briefe über 
Luthers angeblichen Stammtischbesuch ge¬ 
fälscht sind, ein Bericht Schnütgens über 
die eigentümliche Stellung eines Kölner 
Nuntius in der Aufklärungszeit — der Kur¬ 
fürst-Erzbischof empfing ihn lange über¬ 
haupt nicht —, endlich einige von Martin 
Spahn mitgeteilte Jugendbriefe Hertlings. 
Halb geschichtlich, halb programmatisch ist 
Rademachers Aufsatz über die Görres-Ge- 
sellschaft. Die theologischen Beiträge, ein¬ 
geleitet durch mehr religiös-praktische eini¬ 
ger Bischöfe, enthalten zwischen gelehrtem 
Material einiges, was dem Nichtkatholiken 
sehr fremd bleiben wird, z. B. Pohles Ver¬ 
such, die Elektronentheorie für die katho¬ 


lische Lehre vom Wunder der Brotver¬ 
wandlung in der Messe zu verwerten. All¬ 
gemeineren Interesses sind dagegen einige 
der kunst- und literaturgeschichtlichen sicher, 
so der von Krebs über Erlebnis und Alle¬ 
gorie bei Dante (gegen allegorische Deu¬ 
tung der Beatrice), von Muth über Goethes 
Stellung zur bildenden Kunst u. a. 

H. Mulert. 

Duhamels „Entretiens dans le tumulte“ 

(Chronique contemporaine 1918—1919). 

Ton und Inhalt dieses neuen Buches sind 
dem früheren: Vie des martyrs gegenüber 
vollkommen gewandelt (vgl die Bespre¬ 
chung Jahrgang 14, Sp. 595ff.). Duhamel 
hat sich Barbusse mehr genähert. War 
früher das Leiden ganz unpolitisch, als 
Ausdruck der Spannkraft und Größe fran¬ 
zösischer Kraft gefaßt und in den Dienst 
eines — allerdings abgedämpften — Patrio¬ 
tismus gestellt, so drängt sich in dem neue¬ 
sten Buche die Frage vor: Wozu haben 
wir Franzosen gelitten? Die »Unter¬ 
haltungen im Getöse“ setzen mitten im 
Kriege ein und enden 1919, lange nach dem 
Waffenstillstand — das Getöse, der Kriegs¬ 
lärm dauert also auch nach dem tatsäch¬ 
lichen Aufhören des Waffenlärms weiter. 
Die 15 gebildeten Menschen, die sich zwang¬ 
los, an einem Nirgendwo-Schauplatz, der 
örtlich nicht abgegrenzt ist, in rhapsodischen 
Monologen oder jäh prasselnden Zwiege- 
fechten unterhalten — es scheinen Offiziere 
zu sein, die den Sinn des Weltgeschehens 
besser zu enträtseln vermöchten als die Mann¬ 
schaften des Spitals und der Feuerlinie —, 
sie sprechen in gleichem Tone während des 
Krieges und nach dem Friedensschlüsse: 
düster, nebelumsponnen, trostlos sind ihre 
Worte, düster und geheimnisschwer lastet 
ihr Schweigen. Was sie ausdrücken, ist — 
der Katzenjammer des Sieges, den 
Frankreich feiert. Wenn man unsere Zei¬ 
tungen liest, so glaubt man entweder an ein 
jubilierendes Frankreich, das nur rhetorische 
Orgien, pomphafte Siegesfestzüge, patrio¬ 
tische Verbrüderungen feiert — oder an ein 
rachsüchtiges, eifersüchtiges, hysterisches 
Frankreich, das für den Osten nur Mißgunst 
übrig hat. Bei Duhamel erleben wir das mora¬ 
lisch unbefriedigte, um seine Ideale betroge¬ 
ne, unter dem Kommerzialismus der „Köni¬ 
ge“ schmachtende, dabei die Wunde seiner 
Heucheleien ohnmächtig selbst zerfleischen¬ 
de bessere Frankreich, das melancholisch und 
ironisch die inneren Erfolge des Krieges im 


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Nachrichten und Mitteilungen 


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Sand zerrinnen sieht und sein Haupttrauernd 
verhallen möchte angesichts der Entweihung 
der erhabenen Gedanken, die rhetorisch 
vorgetragen worden waren. Duhamels letz¬ 
tes Werk ist wie das Märtyrerbuch ganz 
auf Innerlichkeit gestellt, auf Abkehr von 
Phrase, auf Wahrheit. Haarscharf mit schnei¬ 
dend kühlem Skalpell wird das Lügnerische 
der Nachkriegs.kultur“ bloßgelegt, dabei 
aber das Empörende, das Unerträgliche mit 
einer ironischen Ergebenheit, mit einer skep¬ 
tischen Passivität hingenommen, als ob 
es selbstverständlich wäre; und diese ver¬ 
haltene Empörung wirkt noch vulkanischer 
als die ausbrechende. C’est comme pa heißt 
ein Kapitel, das die an das Geheimnisvolle 
streifende Unergründlichkeit der Gründe 
militärbureaukratischer Verfügungen geißelt: 
So ist’s und fertig! Es besteht weiter die 
Tyrannie des guichet: das ist bekanntlich, 
nach der Wörterbücherdefinition, eine klei¬ 
ne Tür in einer großen — für Duhamel ist 
es das Symbol der Beschränkungen, die 
Brotneid und Schlechtigkeit aufrichten, um 
dem Nebenmenschen einen .Zugang“ zu 
erschweren: man defilierte vor Schaltern 
im Krieg, man defiliert vor Schaltern bei 
der Demobilisierung, der Schalter verteilt 
Tod und Leben, nach seinem Gutdünken und 
man denkt nicht daran, ihn einzudrücken. 
Cest comme co ... Der Krieg ist aus, aber 
schon sinnt bourgeoiser Kapitalismus auf 
Kriege in Rußland, die durch Nichtkapita¬ 
listen („ pauvres bougres“) geführt werden. 
C’est comme pa. Die Haudegen (/es reitres ) 
sind im Krieg auf ihre Rechnung gekom¬ 
men: das sind Leute, die kräftige Muskeln 
und eine gute Portion Faulheit besitzen — 
nun, es ist dafür gesorgt, daß sie zu tun 
kriegen: sie werden vielleicht in den Dienst 
eines nach Afrika schielenden Imperialis¬ 
mus gestellt werden. Der Völkerbund — 
er besteht nur auf einem Friedhof der 
Kriegszone, wo die Angehörigen der ver¬ 
schiedensten und auch der kriegführenden 
Völker verscharrt wurden — und selbst da 
gibt es bureaukratische Abteilungen und Ab¬ 
sonderungen nach'Nationalitäten. Der „große 
Patriot“ ist es a posteriori — ob Clömen- 
ceau der Große oder Caillaux der Verwor¬ 
fene heißen soll oder umgekehrt, das ent¬ 
scheidet sich erst nach dem Ausgang der 
Ereignisse. Die Republik leidet an einem 
geheimen Krebsschaden: sie ersehnt den 


König, den gallischen „Hahn“ auf dem Ge¬ 
flügelhof, den Duhamel mit einer an Ro- 
stand gemahnenden Vertierung mensch¬ 
licher Verhältnisse malt. 1 ) „Voici qu’elle 
comble de faveurs un oiseau ägi qui a bien 
des points de commun avec le coq“. Die 
Phantasielosigkeit der politischen Draht¬ 
zieher zeigt sich in der raschen Demobili¬ 
sierung der Illusionen, die sie zur Stütze 
des Durchhaltewillens doch so gründlich 
mobilisiert hatten: m Nul ne vous demande, 
6 maftres du monde, d'Gtre de grands cceurs 
et d’honnites gens. Ayez seulement le courage 
et la pudeur de rester, jusqu’au bout, de spi- 
rituels comddiens.“ In diesem m Nul ne vous 
demande.. .“, das als Selbstverständlichkeit 
— die menschliche Schwäche erklärt, liegt 
der ganze ironische Verzicht einer entzau¬ 
berten, katzenjämmerlichen Epoche. Und 
Duhamel macht in seiner blasphemischen 
Parodie auch vor dem köstlichsten Gut der 
Christenheit, der Bergpredigt, nicht halt: in 
die ewigen Formeln des Erlösers, in denen 
ein D’Annunzio das Nationalbekenntnis 
seines größeren Italien festgelegt, gießt Du¬ 
hamel das Ätzgift seines entgeisterten Spot¬ 
tes, und die gefährlichen Entschlüsse scha¬ 
chernder Diplomaten werden höhnisch ein¬ 
gerahmt von den Seligsprechungen des 
Nazareners: n Heureux ceux qui, sur la ftn de 
leur existence, organisent le monde futur, car 
ils n’auront point ä souffrir personnellement 
de leurs erreurs“ ... „Heureux ceux qui ont 
de petites inftrmitäs, car ils pourront sans in- 
conv&nient estimer nicessaires les interventiom 
en Russie et ailleurs.“ Wir erleben bei Du¬ 
hamel einen furchtbaren Kladderadatsch des 
moralischen Selbstvertrauens Frankreichs, 
wenn wir die ruhige Gefaßtheit und Be¬ 
herrschtheit des krieggewollten Leidens der 
„Märtyrer“ mit dem selbstzerstörenden Wüh¬ 
len in den Niedrigkeiten des Nachkriegs, 
des tumulte, vergleichen: es ist die Ver¬ 
zweiflung an der messianischen Kraft Frank¬ 
reichs, die ihn mit dem „irräductible“, dem 
Unlösbaren, kämpfen heißt, die Waffen¬ 
streckung vor dem, was uns alle bändigt, 
dem Gemeinen. 

Bonn. Leo Spitzer. 


1) Die „Hahnenhaftigkeit“ Frankreichs 
geißelt neuerdings auch Rolland in den 
„Gallipoulets“ seines grotesken Lesedramas 
„Liluli“. 


Für die Schrittleitung verantwortlich: Professor Dr. Max Cornicellus, Berlin W 30, LuitpoldstiaAa 4 

Drude von B. Q. Teubner ln Leipzig. 


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INTERNATIONALE MONATSSCHRIFT 

FÜR WISSENSCHAFT KUNST UND TECHNIK 


15. JAHRGANG HEFT 5 


APRIL 1921 


Präsidium und Ausschüsse der Notgemeinschaft 
der Deutschen Wissenschaft. 


Im Anschluß an unsere früheren Veröffentlichungen über die Notgemeinschaft der Deut¬ 
schen Wissenschaft bringen wir heute eine Zusammenstellung ihres Präsidiums, des 
Hauptausschusses und der Fachausschüsse. Der Hauptausschuß ist von den Mitgliedern 
nach § 11 der Satzungen in der Sitzung am 23. Oktober v. J. gewählt worden. Die Mit¬ 
glieder der Fachausschüsse sind nach § 9 erstmalig auf die Dauer eines Jahres von den 
Akademien und dem Verband der deutschen Hochschulen ernannt. 

Die Geschäftsstelle der Notgemeinschaft befindet sich bis auf weiteres Berlin NW 7, 
Universitätsstr. 8III. 

Präsidium: 

Staatsminister Dr. F. Schmidt-Ott, Exzellenz, Berlin-Steglitz, Vorsitzender. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. F. Haber, Berlin-Dahlem, 1. Stellvertreter. 

Geh. Rat Prof. Dr. W. von Dyck, München, 2. Stellvertreter. 

Wirkl. Geh. Rat Prof. D. Dr. A. von Harnack, Berlin-Grunewald; Mitglied des Präsidiums 
als Vorsitzender des Hauptausschusses (§ 4 der Satzungen). , 

Haupjausschuß: 

Exzellenz Wirkl. Geh. Rat Prof. D. Dr. von Harnack, Berlin-Grunewald, Kuntz-Bunt- 
schuhstraße 2, Vorsitzender. 

Geh. Rat Prof. Dr. Friedrich von Müller, München, Bavariaring 47, 1. Stellvertreter des 
Vorsitzenden. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr.-Ing. Müller-Breslau, Berlin-Grunewald, Kurinärkerstr. 8, 2. Stell¬ 
vertreter des Vorsitzenden. 


Mitglieder: 

Exz. Wirkl. Geh. Rat Prof. D. Dr. von Har¬ 
nack, Berlin-Grunewald, Kuntz-Buntschuh- 
straße 2. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Hergesell, Linden¬ 
berg, Kr. Beeskow. 

Geh. Oberreg.-Rat Prof. Dr. Paul Kehr, Ber¬ 
lin-Dahlem, Archivstr. 3. 

Geh. Rat Prof. Dr. von Müller, München, 
Bavariaring 47. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr.-Ing. Müller-Bres¬ 
lau, Berlin-Grunewald, Kurmärkerstr. 8. 

Prof. Nägel, Dresden-A., Zellesche Str. 29. 

Geh. Hofrat Prof. Dr. E. Sievers, Leipzig, 
Schillerstr. 8. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. M. Planck, Berlin- 
Grunewald, Wangenheimstr. 21. 

Kanzler, Staatsrat Prof. Dr. Max von Rüme- 
lin, Tübingen, Biesingerstr. 9. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. R. Schenck, Münster 
i. W., Körnerstr. 4. 

Geh. Hofrat Prof. Dr. E. Schwartz, München, 
Rambergstr. 4. 


Stellvertreter: 

Prof. Dr. Tillmann, Rektor der Universität, 
Bonn a. Rh., Hohenzollernstr, 3. 

Prof. Thilenius, Rektor der Universität, Ham¬ 
burg, Abteistr. 16. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Brandi, Göttingen, 
Herzberger Landstr. 44. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Ritter von Hertwig, 
München, Schackstr. 2. 

Exz. Staatsrat u. Wirkl. Geh. Rat Prof. Karl 
von 'Bach, Stuttgart, Johannesstr. 53. 

Prof. Dr. Fr. Schwerd, Hannover, Podbielski- 
straße 14. 

Geh. Oberbaurat Prof. Dr.-Ing. e. h. Reh¬ 
bock, Karlsruhe, Weberstr. 4. 

Geh. Rat Prof. Dr. von Kries, Freiburg i. Br., 
Goethestr. 42. 

Prof. Conrad Matschoß, Berlin, Sommerstr.4a. 

Geh. Konsistorialrat Prof. D. Dr. Seeberg, 
Berlin-Halensee, Joachim-Friedrich-Str. 52. 

Geh. Oberreg.-Rat Prof. Dr. Diels, Berlin- 
Dahlem, Am Erlenbusch 6. 

14 


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410 Präsidium und Ausschüsse der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft 420 


Fachausschüsse. 


1. Staatswissenschaften. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Sombart, Berlin, 
Vorsitzender. 

Prof. Dr. Fuchs, Tübingen. 

Prof. Dr. Hesse, Königsberg. 

Prof. Dr. Prion, Cöln. 

2. Alte und orientalische Philologie. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Eduard Meyer, Ber¬ 
lin, Vorsitzender. 

Geh. Hofrat Prof. Dr. Boll, Heidelberg. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Littmann, Bonn. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Lüders, Berlin. 
Prof. Dr. Ranke, Heidelberg. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Wissowa, Halle. 
Geh. Hofrat Prof. Dr. Wolters, München. 

3. Geschichte. 

Prof. Dr. Breßlau, Heidelberg, Vorsitzender. 
Geh. Archivrat Prof. Dr. Bailleu, Berlin. 
Prof. Dr. Cichorius, Bonn. [München. 

Geheimer Rat Prof. Dr. Ritter von Grauert, 
Geheimer Rat Prof. Dr. Mareks, München. 
Geh. Hofrat Prof. Dr. Seeliger, Leipzig. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Wilcken, Berlin. 
Prof. Dr. Hoetzsch, Berlin. 

4. Biologie. 

Geh. Rat Prof. Dr. von Goebel, München, 
Vorsitzender. 

Prof. Dr. L. Diels, Berlin. 

Prof. Dr. Kallius, Breslau. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Korschelt, Marburg. 
Prof. Dr. Mollier, München. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. zur Strassen, Frank¬ 
furt a. M. 

5. Mathematik, Astronomie, Geodäsie. 
Geh. Oberreg.-Rat Prof. Dr. Klein, Göttingen, 

Vorsitzender. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Bauschinger, Leipzig. 
Geh. Hofrat Prof. Dr. Krazer, Karlsruhe. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Krüger, Potsdam. 
Prof. Dr. Schur, Berlin. 

6. Physik, Geophysik, Astrophysik. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Runge, Göttingen, 

Vorsitzender. 

Prof. Dr. Gaede, Karlsruhe. 

Prof. Dr. Hartmann, Göttingen. 

Direktor Prof. Dr Schmauß, München. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Stark, Würzburg. 
Prof. Dr. Westphal, Berlin. 

Geh. Hofrat Prof. Dr. Wiener, Leipzig. 

7a. Mineralogie, Geographie, 
Geologie. 

Geh. Hofrat Prof.Dr. Linck, Jena, Vorsitzender. 
Prof. Dr. Broili, München. 


Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Philippson, Bonn. 
Prof. Dr. Stille, Göttingen. 

7b. Völkerkunde, Prähistorie, 
Anthropologie. 

Prof. Dr. Meinhof, Hamburg, Vorsitzender. 
Prof. Dr. Fischer, Freiburg i. Br. 

Direktor Prof. Dr. Lauffer, Hamburg. 

Prof. Dr. Martin, München. 

Direktor Prof. Dr. Seger, Breslau. 

Direktor Prof. Dr. Weule, Leipzig. 

8. Neuere Philologie. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Schröder, Göttingen. 
Vorsitzender. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Appel, Breslau. 
Prof. Dr. Berneker, München. 

Geh. Hofrat Prof. Dr. Schick, München. 
Prof. Dr. Sommer, Jena. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Thurneysen, Bonn 

9. Philosophie. 

Geh. Hofrat Prof. Dr. Maier. Heidelberg. 
Vorsitzender. 

Prof. Dr. Spranger, Berlin. 

Geh. Rat Prof. Dr. Stumpf, Berlin. 

10. Kunstwissenschaften. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Wiegand, Berlin, 
Vorsitzender. 

Prof. Dr. Abert, Leipzig. 

Prof. Dr. Curtius, Heidelberg. 

Prof. Dr. Dragendorff, Berlin. 

Geh. Rat Prof. Dr. von Duhn, Heidelberg. 
Prof. Dr. Joh. Ficker, Halle a. d. S. 

Prof. Dr. W. Pinder, Leipzig. 

Geh. Hofrat Prof. Dr. Wölfflin, München. 

11. Theologie. 

Geh. Konsistorialrat Prof. D. Dr. A. Deiß- 
mann, Berlin-Wilmersdorf, Vorsitzender. 
Prof. D. Dr. von Dobschütz, Halle a. d. S. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Ehrhardt, Bonn. 
Prof. Dr. Eichmann, München. 

Prof. Dr. Hehn, Würzburg. 

Geh. Rat Prof. Dr. Kittel, Leipzig. 

Geh. Kirchenrat Prof. D. Dr. Lietzmann, Jena. 
Prof. Dr. Sickenberger, Breslau. 

Prof. D. Dr. Schreiber, Münster. 

12. Jurisprudenz. 

Prof. Dr. Partsch, Bonn, Vorsitzender. 

Prof. Dr. von Hede, Tübingen. 

Prof. Dr. Kohlrausch, Berlin. 

Prof. Dr. Neubecker, Heidelberg. 

Prof. Dr. Nußbaum, Berlin. 

Geh. Rat Prof. Dr. Schmidt, Leipzig. 

Prof. Dr. Smend, Bonn. 


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421 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 422 


Geh. Justizrat Prof. Dr. Stammler, Charlot¬ 
tenburg. 

Geh. Justizrat Prof. Dr. Stutz, Berlin. 

Prof. Dr. Radbruch Kiel. 

13. Medizin. 

Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Bumm, Berlin, Vor¬ 
sitzender. 

Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Bier, Berlin. 

Prof. Dr. Garten, Leipzig. 

Geh. Rat Prof. Dr. Ritter von Gruber, Mün¬ 
chen. 

Geh. Rat Prof. Dr. Krehl, Heidelberg. 

Geh. Rat Prof. Dr. Marchand, Leipzig. 

Prof. Dr. Spielmeyer, München. 

14. Chemie. 

Prof. Dr. Stock, Berlin-Dahlem, Vorsitzender. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Anschütz, Bonn. 
Prof. Dr. Foerster, Dresden. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Pschorr, Charlotten¬ 
burg. 

Geheimrat Prof. Dr. Willstätter, München. 
Prof. Dr. Wislicenus, Tübingen. 

Prof. Dr. Woehler, Darmstadt. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Nernst, Berlin. 

Prof. Dr. C. Neuberg, Berlin-Dahlem. 

15. Maschinen — Ingenieurwesen. 
Prof. Dr. Heidebroek, Darmstadt, Vorsitzen¬ 
der. 

Prof. Dr. Oesterlen, Hannover. 

Prof. Dr. Striebeck, Stuttgart. 


16. Bergbau und Hüttenwesen. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Wüst, Düsseldorf, 
Vorsitzender. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Borchers, Aachen. 
Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Fischer, Mülheim. 
Prof. Dr. Goerens, Essen. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Schwemann, Aachen. 

17. Elektrotechnik. 

Geheimer Rat Prof. Dr. Goerges, Dresden, 
Vorsitzender. 

Geheimer Rat Prof. Dr. Ossanna, München. 

18. Bauingenieurwesen. 

Prof. Dr. Spangenberg, München, Vorsitzen¬ 
der. 

Prof. Dr. Ammann, Karlsruhe. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Schulze, Danzig. 

19. Hochbau und Architektur. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Bestelmeyer, Char¬ 
lottenburg, Vorsitzender. 

Prof. Dr. Bonatz, Stuttgart. 

20. Landwirtschaft und Forstwirt¬ 
schaft. 

Prof. Dr. Falke, Leipzig, Vorsitzender. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Aereboe, Hohenheim. 
Prof. Dr. Brinkmann, Bonn. 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Eberlein, Berlin. 
Geheimer Rat Prof. Dr. Endres, München. 
Prof. Dr. Fröhlich, Halle. 

Prof. Dr. Mießner, Hannover. 

Prof. Dr. Moeller, Eberswalde. 

Geheimer Rat Prof. Dr. Vogel, München. 


Unsere Kriegsliteratur in französischer Vorstellung 
und in der deutschen Wirklichkeit. 

Von Eduard Wechssler. 


I. 

La littörature alleman.de pendant la 
guerre: unter diesem Titel erschien im 
vergangenen Jahr von Maurice Mu- 
ret eine kritische Betrachtung über die 
deutsche Kriegsliteratur von 1914—19. 
(Paris, Payot et Cie. 1920.) Abgeschlos¬ 
sen wurde die Schrift, wie das Vorwort 
zeigt, Ende 1919. Der Verfasser hat sich 
vorgenommen, die „hauptsächlichsten 
Werke zu prüfen, die von 1914 bis 1919 
in den deutschen Buchläden ausgelegt 
waren“. Er faßt sein Endurteil dahin zu¬ 
sammen, daß keines dieser Werke, 


künstlerisch betrachtet, etwas bedeute, 
und nur einige wenige im Geistig-Sitt¬ 
lichen und Politischen, worauf es ihm 
bei dieser Betrachtung allein ankomme, 
sich über den kläglichen und trostlosen 
Tiefstand eines Volkes emporheben, das 
sich noch vor einem Jahrhundert das 
Volk der Dichter und Denker genannt 
habe (ü peine quelques rayons lumineux 
dans ces tön&bres morales); so daß er 
sich versucht fühlt, Dantes Warnung am 
Höllentor vorauszuschicken: Lasdate 
ogni speranza uoi ch’entratel Und in¬ 
mitten des Buches, dort, wo er von der 

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425 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 426 


verlag 1917), sondern nur sein Kriegs¬ 
tagebuch. Dieses aber enthält ganz 
persönliche Aufzeichnungen, die zuerst 
nur für seine Frau bestimmt waren, und 
gehört nicht eigentlich zur Literatur. 
Von Lissauers höchst ernsthaftem und 
beachtenswertem Lebenswerk kennt er 
aus neuerer Zeit nur den Haßgesang: 
Dieser aber ist nicht deutsch. 

So reichen denn die besprochenen 
Texte in keiner Weise aus, um auch 
nur einen oberflächlichen und notdürf¬ 
tigen Überblick und Einblick in das 
geistige Deutschland während des Welt¬ 
krieges zu vermitteln. Schlimmer aber 
noch wirkt es, daß gelegentlich die vor¬ 
gefaßte antithetische Meinung des Ver¬ 
fassers den unmittelbaren sprachlichen 
Wortlaut und gedanklichen Sinn ver¬ 
kennt, mißdeutet und entstellt. Das er¬ 
weist sich besonders an der „Luise“ 
Walters von Molo. Der bekannte 
Erzähler läßt (bei Langen in München) 
eine Trilogie historischer Romane er¬ 
scheinen, deren erster „Fridericus“ 
den Charakter des großen Königs mit 
strengster Sachlichkeit schildert und von 
der Zensur während des Krieges am Er¬ 
scheinen verhindert worden ist. Im 
zweiten Teil „Luise“ tritt dem mi߬ 
trauischen und kleinmütigen, Willens¬ 
schwächen und engen Friedrich Wil¬ 
helm III. seine Gattin als wohlmeinende 
und opferwillige Schützerin geistiger 
Freiheit und vaterländisch-deutscher Ge¬ 
sinnung gegenüber, als eine edle Für¬ 
stin, die nach jahrelangem nichtigem 
Tändeln sich aufrafft und einen un¬ 
fähigen Fürsten zur rettenden Tat und 
Befreiung des zugrunde regierten 
Preußens mitzureißen bemüht ist. In 
beiden Werken wird der scharfsich¬ 
tigste Philologe schwerlich ein partei¬ 
isches Wort gegen die Franzosen oder 
Napoleon finden und keine Spur ent¬ 
decken können von Rachegefühl oder 


dem von den Franzosen Revanche ge¬ 
nannten Verlangen, in einem neuen 
Waffengang vom Sieger Genugtuung 
zu fordern. Dergleichen wird ebenso¬ 
wenig zu entdecken sein in dem dritten, 
abschließenden Werk: „Das Volk 
wacht auf“, einer Schilderung aus 
den Befreiungskriegen, die, wie mir der 
Verfasser mitteilt, demnächst nachfol- 
gen soll. Maurice Muret aber bezeich¬ 
net diese von warmem, keineswegs her¬ 
ausforderndem Glauben an unser 
Deutschtum getragene Trilogie als 
triptijque chauvin und überschreibt den 
Abschnitt, worin er die „Luise“ be¬ 
spricht: le rornan de la revanche. Man 
traut seinen Augen nicht, wenn man 
das liest. Aber gerade darum ist diese 
Beurteilung für uns Deutsche wertvoll 
und lehrreich. Es scheint Maurice Mu¬ 
ret schwer genug gefallen zu sein, der¬ 
gleichen wie Chauvinismus und Re¬ 
vanche, für die es im Deutschen keine 
Übersetzung gibt, in einer anderen 
Quelle aufzutreiben. Ich will nicht sa¬ 
gen, daß die ganze deutsche Kriegs¬ 
literatur, die mir nicht Satz für Satz 
bekannt sein kann, von gleichgestimm¬ 
tem Widerhall auf die seit der Ma¬ 
rokkokrise immer vernehmlichere Re¬ 
vancheforderung Frankreichs frei ge¬ 
blieben sei. Aber das wird jeder vor¬ 
urteilslose Leser versichern, daß diese 
Erzählung alles andere eher als ein 
Revancheroman genannt werden kann. 
Hier hat wieder einmal ein Beurteiler 
im Spiegel sein eigenes haßerfülltes An¬ 
gesicht gesehen, nichts weiter. 

Willkürlich zeigt sich des Verfassers 
Auswahl und Urteil gleich zu Anfang, 
wo als Belege für „die Art, wie sie vom 
Elsaß sprechen“, ein Roman von An- 
selma Heine und einer von Max 
Böttcher beigebracht sind. Hier wird 
den eingewanderten Altdeutschen vor¬ 
geworfen, daß sie sich über Eigenhei- 


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429 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 430 


Muret redet uns Deutschen ins Ge¬ 
wissen und erwartet unsere Reue 
(remords). Ich weiß nicht, ob gerade 
dieses Buch, ob Inhalt und Gesinnung 
dieses Buches ihn, den Welsch-Schwei- 
zer, dazu vor andern ermächtigen. So 
viel aber glaube ich zu wissen, daß drü¬ 
ben in Frankreich, wo eben jetzt Ge¬ 
orges Duhamel „das Königreich der 
Seele“ als höchsten menschlichen Be¬ 
sitz verkündet und mit diesen edel¬ 
gesinnten Büchern viele Tausende von 
Lesern findet, nicht alle im Lager des 
Verfassers stehen. Unmittelbar und ge¬ 
radezu weiß ich aber das eine, daß wir 
Deutsche, als Volkstum und als ein¬ 
zelne, Anrecht und Anspruch haben, ge¬ 
hört zu werden. Die Völker draußen, 
feindliche und freundliche, sollen un¬ 
sere Kriegsliteratur, sollen die Zeug¬ 
nisse unseres Seelentums und unserer 
Geistigkeit in diesen schwersten Jahren 
erkennen und prüfen. Unsere Selbst¬ 
achtung verbietet uns, frühzeitig und 
voreilig um Liebe zu werben. Aber an 
die intelligence wenden wir uns, die der 
Franzose immer als sein unveräußer¬ 
liches Erbe betrachtet hat. Unsere 
Kriegsliteratur ist wesentlich anders, als 
Muret sie gesehen hat. Dies festzustel¬ 
len lohnt wohl die Mühe vor Mit- und 
Nachwelt; und nicht zuletzt für die 
eigenen Landsleute, die von jähem 
Wandel und Einsturz betroffen stehen 
und zur Stunde vielleicht selber nicht 
immer das Lebendige vom Toten, das 
Abgestorbene von dem, was wächst und 
künftige Frucht verheißt, zu unterschei¬ 
den wissen. Dazu sei hier ein erster Ver¬ 
such gewagt: denn einmal muß auch 
hier die Wahrheit an den Tag. 

II. 

Der Weltkrieg traf Deutschland in 
einer tiefen geistig-sittlichen Umbil- 
bildung, in einer Zeit, wo Altes sich 


zersetzte und selber zermürbte, indes 
Neues und Junges auf allen Gebieten 
mühsam, aber kraftvoll zum Licht ge¬ 
dieh. Kriegerische Angriffslust be¬ 
herrschte nur wenige, nicht ausschlag¬ 
gebende Kreise; das eine Buch des Ge¬ 
nerals von Bernhardi wird durch zwei 
Dutzend ähnlicher Werke reichlich auf¬ 
gewogen, worin zwischen 1871 und 1914 
hohe französische Offiziere nachdrück¬ 
lich einen Revanchekrieg gefordert ha¬ 
ben. Es war überhaupt nicht die Frage 
nach Krieg oder Frieden, was bei uns in 
den letzten Jahrzehnten die Gemüter er¬ 
füllte und die Geister erregte. Sondern 
das tiefinnerliche Bemühen der edelsten 
Herzen und besten Köpfe ging bei uns 
dahin, Deutschland von innen heraus 
zu erneuern und zu verjüngen. Denn 
die wenigsten, wenn sie ehrlich gegen 
sich selber waren, fühlten sich mit dem 
damaligen offiziellen Deutschland ein¬ 
verstanden, das in so vielem, ohne daß 
seine Lenker es ahnten, den verhängnis¬ 
vollen Weg des zweiten französischen 
Kaiserreichs beschritten hatte. 

Dieses offizielle Deutschland 
war allzusehr geneigt, äußeren Glanz 
und Sicherheit des Auftretens höher zu 
stellen als Einfachheit und Überzeu¬ 
gungstreue, und große Worte und Ge¬ 
bärden für politische Taten anzusehen. 
Das Unglück war, daß dieses offizielle 
Deutschland zur neuen Kunst und Gei¬ 
stigkeit keines oder ein feindliches Ver¬ 
hältnis hatte. 

Dieses offizielle Deutschland be¬ 
stimmte die Schicksale des ganzen Lan¬ 
des mit Hilfe einer Bureaukratie, deren 
Auswahl und Erziehung, zunächst in 
den Spitzen und damit nach unten, es 
selbstherrlich bestimmte. Diese Bu¬ 
reaukratie war nicht auf die Zivilvcr- 
waltung beschränkt, sie hatte allmählich 
auch im Heerwesen um sich gegriffen. 
Und hier wirkte die Unterschätzung und 


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431 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 432 


Unbeliebtheit selbständig männlicher 
Gesinnung und Entschlußfähigkeit und 
alles eigentlich Schöpferischen auf die 
Dauer besonders unheilvoll. Noch war 
von alters her in der älteren Beamten¬ 
schaft und im älteren Offizierstand ein 
reicher Schatz an erprobter Erfahrung 
und wirklichen Fähigkeiten vorhanden. 
Aber dieses kostbare Gut schmälerte 
sich in dem Maße, wie der Nachwuchs 
durch die Wahl zwischen Auszeichnung 
und Zurücksetzung mehr und mehr zur 
Anpassung an die richtunggebenden 
Launen und Einfälle sich hindrängen 
ließ. Und als dann der jahrelange Krieg 
aus den Fähigsten und Unentbehrlich¬ 
sten große Opfer forderte und die Aus¬ 
lese immer nachsichtiger wurde, da er¬ 
wies sich in den Trägern dieser Bureau- 
kratie Seele immer seltener, Geistimmer 
spärlicher. Die ganze ungeheure Ma¬ 
schine mit ihrem Instanzengang wurde 
täglich schwerfälliger und hilfloser und 
stellte sich als eine Welt für sich außer¬ 
halb jeder vernünftigen Wirklichkeit. 
„Wir haben zuletzt den Krieg mit 
Schreibmaschinen geführt“, äußerte sich 
ein Offizier, der Einblick hatte. 

Neben diesem offiziellen Deutsch¬ 
land, das in allen Stilarten ohne Kom¬ 
paß hin- und herirrte, herrschte durch 
Zeitung, Bühne und Buch im öffent¬ 
lichen Leben ein Literatentum, dem 
es an Geist und Witz nicht gebrach, wohl 
aber an Stetigkeit und Treue gegen sich 
selbst. Dieses Literatentum hatte feine 
Witterung für alles Geistige und Künf¬ 
tige; aber es vergaß, oder suchte ver¬ 
gessen zu machen, daß alles, was echt 
ist und groß und die Menschheit zu 
fördern geeignet, sich nur schwer durch¬ 
denken und nur mit Entsagung verwirk¬ 
lichen läßt. Dieses Literatentum ver¬ 
stand aus dem Höchsten, was neuer¬ 
dings in Deutschland oder sonstwo ein 
schöpferischer Mensch aus harter See¬ 


lennot und Gewissensqual geboren, eine 
Sensation für spielerisches Genießen 
und eine Reklame für gute Geschäfte zu 
machen. 

Mit dem offiziellen Deutschland stand 
dieses Literatentum, das ja durchaus 
modern und fortschrittlich sein wollte, 
auf Kriegsfuß, wenn es nicht vorzog, 
seine Dienste zur Verfügung zu stellen. 
Im tiefsten Grunde waren ja diese bei¬ 
den Deutschland, die für sich zusammen 
die Bühne des öffentlichen Lebens nach 
innen und mehr noch draußen be¬ 
herrschten, wesens- und gesinnungsver- 
wandt. Zwar blickte das offizielle 
Deutschland nach rückwärts auf alt¬ 
heilige und längst entseelte Formen, 
und das Literatenhafte nach vorwärts 
auf aussichtsreiche Möglichkeiten. Aber 
hier wie dort schwelgte man gern in 
Superlativen und nahm das Kolossale 
und Massige für das Denkmalmäßige 
und Machtvolle; hier wie dort verwech¬ 
selte man Theaterstil mit Lebensstil. 
Aufmachung mit Wesenheit, seelenlose 
mit seelenhafter Geistigkeit, staatliches 
Prestige mit staatlichem Willen und 
Glauben. Hier wie dort war man, trotz 
aller nationalen Schlagworte, dem wur¬ 
zelhaften Deutschtum als einem heili¬ 
gen Vermächtnis von alters her und 
einer heiligen Aufgabe für die Zukunft 
längst entfremdet, liebäugelte mit aus¬ 
ländischen Göttern, dachte auf Franzö¬ 
sisch, Englisch oder Russisch; und war 
nicht weltbürgerlich im Sinne Goethes, 
sondern international im Sinne derKos- 
mopolis. Sie vertrugen sich am Ende 
nicht allzu schlecht miteinander, die bei¬ 
den öffentlichen Deutschland: die Fan¬ 
farenstöße des einen klangen nicht viel 
anders als das Posaunenschmettern des 
andern. Und, wer deutsches Sprachge¬ 
fühl hat, kann von beiden nicht wohl 
anders denn in Fremdwörtern reden. 

Das Schlimmste aber war dieses, daß 


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433 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 434 


das öffentliche Deutschland mit seinen 
Theaterkulissen dem Staatsbürger wie 
dem Ausländer den Einblick in das 
arbeitende Deutschland nahezu 
wehrte. Auf der Gediegenheit dieses 
eigentlichen und wirklichen Deutsch¬ 
land, das Gelehrte und Beamte, den 
Offizierstand, die Bürger und Bauern, 
Handwerker und Fabrikarbeiter um¬ 
faßte, beruhte das damalige Gedeihen 
und beruht auch künftig noch solche 
Möglichkeit. Aber in diesem arbeiten¬ 
den Deutschland verwandte jeder an 
seiner Stelle Kraft und schöpferischen 
Blick allein auf tüchtige Arbeit in Fach 
und Beruf. Der Fehler war, daß die 
weitaus meisten die Sorge für die not¬ 
wendige Weiterbildung von Bismarcks 
Gebäude, wenn sie regierungstreu wa¬ 
ren, den „verantwortlichen“ Leitern des 
Staates überließen, oder wenn sie deren 
Ziele und Wege mißbilligten, den „ver¬ 
antwortlichen“ Volksvertretern. Ebenso 
selten kümmerte man sich in diesen 
Kreisen um die großen und tiefen An¬ 
gelegenheiten des seelischen und geisti¬ 
gen Bewußtseins, um die eigentlichen 
Grundlagen aller Gemeinschafts- und 
Einzelbildung. Man förderte Fachwis¬ 
sen und Fachkönnen, Technik und Or¬ 
ganisation, leistete — damals noch 
überwiegend — vortreffliche Berufsar¬ 
beit und genoß nach des Tages Mühe 
bürgerliches Behagen. Über die Schä¬ 
den des Staatswesens und auch der 
Häuslichkeit ließ man sich hinwegtäu¬ 
schen durch Fanfarenstöße und Posau¬ 
nenschmettern. Die einen lasen unsere 
Klassiker, andere Gartenlaube und Da¬ 
heim, wieder andere den neuesten Ull¬ 
steinroman, andere gar nichts. Wieder 
einmal machte sich unheilvoll geltend 
die durch eine jahrhundertlange Ge¬ 
schichte begünstigte Neigung des Deut¬ 
schen, über einem still beschaulichen, 
ob auch nachdenklichen Leben die 


große Gemeinschaft und gemeinschaft¬ 
liches Werden durch gemeinsame Hand¬ 
lung und Tat zu versäumen. Hier war 
eingetreten, was Nietzsche schon in 
einer Jugendarbeit vorausgesagt hatte: 
„Je besser der Staat eingerichtet ist, 
desto matter die Menschheit.“ 

Grundfehler und Grundübel im bis¬ 
herigen Deutschland war dieses: mit 
einer guten Verwaltung wähnte die 
preußisch-deutsche Regierung gute 
Staatsgesinnung automatisch zu erzeu¬ 
gen und schöpferischen Geist entbehr¬ 
lich zu machen. Technik und Organi¬ 
sation galten damals, und gelten leider 
noch heute bei den meisten als Anfang 
und Ende aller Weisheit. „Theoretiker“ 
und „Idealisten“ werden als Kinder be¬ 
lächelt oder als Starrköpfe mundtot ge¬ 
macht. 

Noch im Zeitalter der Gründerjahre 
und bis in die Regierung Wilhelms II. 
hinein ragte bei uns geistige und sitt¬ 
liche, wissenschaftliche und künstle¬ 
rische Größe aufrecht vor den Augen 
der Welt. Diese Männer, die das neue 
deutsche Kaiserreich geschaffen und 
vorbereitet hatten, wurzelten ihrerseits 
noch in der echtdeutschen Erziehung 
und Geistesbildung des alten philoso¬ 
phisch-metaphysischen Deutschland, in 
einer Geistigkeit, die den festen Zu¬ 
sammenhang mit dem Zeitalter unserer 
klassischen Dichtung und Idealphiloso¬ 
phie bewahrte und pflegte. So ver¬ 
dankte noch die Zeit Wilhelms II. ihren 
tatsächlichen Reichtum an äußeren und 
ihren scheinbaren Reichtum an inneren 
Gütern vorzugsweise den überlebenden 
Angehörigen einer früheren Altersge¬ 
meinschaft. Ähnlich war es unter Na¬ 
poleon III., ähnlich unter dem vierzehn¬ 
ten Ludwig gewesen, der an den großen 
Männern seiner ersten Regierungszeit 
so unschuldig war wie nur irgendein 
Fürst Aber mit dem Ablauf des Jahr- 


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435 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 436 


hunderts schieden die letzten aus dem 
Leben einer Volkseinheit, in der sie sich 
kaum noch heimisch fühlten, die Bis¬ 
marck und Moltke, Hans von Maries 
und Feuerbach, Leibi und Menzel, 
Mommsen und Treitschke, Richard 
Wagner und Johannes Brahms. Schon 
vor ihrem Weggang geschah in der 
Gesamtheit ein Bruch mit der echtdeut¬ 
schen Vergangenheit, ein ungeheilter, 
unheilbarer Bruch. Damals unterwarf 
sich das neudeutsche Denken, soweit es 
über Facharbeit und Fachwissen hin- 
ausreichte, rückhaltlos den fremden 
Mächten, dem englischen Empirismus 
eines Mill und Spencer, dem französi¬ 
schen Positivismus eines Comte und 
Taine, dem amerikanischen Pragmatis¬ 
mus eines James. Der Opferdienst vor 
diesen neuen Göttern wurde nicht durch 
wurzelhafte Selbstachtung und hellsich¬ 
tige Lebensklugheit gemäßigt. Wie von 
Wahnsinn geblendet, beging das offi¬ 
zielle, das literatenhafte und ein gro¬ 
ßer Teil des arbeitenden Deutschland 
freiwillig einen scharfen Bruch mit un¬ 
serer edelsten Überlieferung. 

Schon seit den Gründerjahren hatte 
es an getreuen Warnern nicht gefehlt. 
Friedrich Nietzsches Unzeitge¬ 
mäße Betrachtungen,Friedrich Theo¬ 
dor Vischers Neue Kritische Gänge 
und Paul de Lagardes Deutsche 
Schriften deckten die beginnende Verar¬ 
mung und Verödung auf. Später, gegen 
Ende des Jahrhunderts, mehrten sich die 
Führer, die geboren waren, um die Sehn¬ 
sucht einer darbenden Jugend zu erfül¬ 
len. Im fachwissenschaftlichen Deutsch¬ 
land versteckte sich die seelische Not 
zunächst noch hinter dem Kampfruf: 
Zurück zu Kant! zu Schelling! zu Hegel! 
Aber was man wollte und vollzog, war 
ein Weiterschreiten auf den Wegen und 
zu den Zielen, die jene Erzieher eines 
geistigen Deutschtums gewiesen hatten. 


Voran ging der Marburg er Kreis 
mit Cohen und Natorp, der Heidel¬ 
berger mit Kuno Fischer, Windelband 
und Rickert, der Berliner mit Dilthey 
und Simmel, der Jenaer mit Liebmann 
und Eucken. Im Reich der Phantasie 
und künstlerischen Lebensgestaltunger¬ 
schienen Stefan George, in der Musik 
Hugo Wolf und Anton Bruckner, 
in der Baukunst Alfred Messel, in 
der Politik Friedrich Naumann. 
Lietz. Wyneken und Gurlitt in der 
Erzichungskunst; zuletzt Franz Marc 
in der Malerei, Lehmbruck und Bar¬ 
lach in der Kunst der Körpergestaltung. 
Auch Städtebau und Buchausstattung 
zeugten von dem neuen Stilgefühl. Alle 
waren sie untereinander verschieden, 
diese Führenden, mancher sah im andern 
den Feind, und alle waren sie einig! Ih¬ 
rer jeder erlebte, erkannte, verkündete 
die schöpferische und wollende 
Seele als die Lebenseinheit, die allein 
ist und wirkt und erhält, ohne die keine 
echte und ehrliche Geistigkeit sich ent¬ 
faltet, ohne die keine menschliche Ge¬ 
meinschaft dauernd besteht. Noch 
glaubte die herrschende Meinung alles 
mit äußerer Organisation bezwingen 
und leisten zu können. Und wurde 
in diesem Glauben, nicht getäuscht 
durch die damals noch altüberlieferte 
Gewissenhaftigkeit der tiefsten Volks¬ 
kreise. Aber immer unerträglicher 
wurde den nachgeborenen Altersgenos¬ 
sen der Druck der gewaltigen Verwal¬ 
tungsmaschinen im Heere und in der 
Beamtenschaft, die sich längst nicht 
mehr als Mittel, sondern als Selbst¬ 
zweck fühlten und in religionsloser Zeit 
in einem auf Religion angelegten Volke 
wie ein Heiliges religiöse Andacht und 
Verehrung genossen oder verlangten. 
Jene Führer und die Jüngeren, die ihnen 
anhingen, setzten immer aufs neue und 
auf allen Gebieten dem Seelenlosen das 


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437 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 438 


Seelenhafte, dem Mechanischen das Or¬ 
ganische, der Verwaltungsbehörde den 
Geist, selbstherrlicher Obrigkeit den 
selbstherrlichen guten Willen des 
freien Staatsbürgers, der Verzweiflung 
an Glaubenswerten eine neue Gläubig- j 
keit entgegen. Echt deutsches Bewußt¬ 
sein richtete gegen fremdes aufgenötig¬ 
tes Gesetz das Eigenrecht des auch im 
Sittlichen schöpferischen Menschen auf; 
gegen das Teil- und Fachmenschentum, 
gegen Teildinge und Fachbegriffe ein 
ersehntes und von fern geschautes 
Geistbildnis des Menschen; gegen tote 
Buchstaben die belebende Tat, gegen 
Risse und Brüche, Zerspaltung und Zer¬ 
splitterung der Seele gewollte Einheit 
und Vereinfachung. Die tiefsten geisti¬ 
gen und sittlichen Grundlagen unserer, 
gesamten Kultur waren erschüttert. Ein 
Wendepunkt war es und ist es, wie noch 
selten in der Geschichte unseres Volks¬ 
tums. 

Waren die Älteren von außen nach 
innen gegangen, vom Stoff zum Geist 
vorgedrungen, so wollten die Jüngeren 
von innen nach außen, vom Geist aus 
den Körper erfassen. Wurde früher 
Grammatik mit Rechtswissenschaft, 
Theologie und Staatswissenschaft in 
Formenlehre aufgelöst und zergliedert, 
so erkannte man jetzt in diesen Formen 
bloße Formeln, im System ein bloßes 
Schema, im Lehrgebäude ein bloßes 
Hilfsgerüst. 

Sie hatten es schwer genug, diese 
Führer der Jugend: denn sie waren bald 
in den Verdacht der Staatsfeindlichkeit 
geraten. Bekennermut und Überzeu¬ 
gungstreue machten sie den Behörden 
und Literaten gleichermaßen unheim¬ 
lich. Auch viele im arbeitenden Deutsch¬ 
land hielten es lieber mit den Mächten, 
die sich früher einmal erprobt hatten 
und denen man zutraute, daß sie sich 
auch künftig erproben würden: gedie¬ 


genes Fachwissen und Facharbeit, so 
glaubte und glaubt man dort, ersetze 
das Ringen um eigene geistige Einheit 
aus der Kraft der Seele. Nur wenigen Ln 
diesem arbeitenden Deutschland ging 
Erkenntnis davon auf, daß es hier nicht 
einfach auf den Gegensatz von Jung 
und Alt und auf eine Umwertung der 
Werte ging, vielmehr auf ein Weiter¬ 
wachsen und Erstarken aus denselben 
sittlich-geistigen Wurzeln, die unsere 
klassische Dichtung und Idealphilo¬ 
sophie emporgetrieben hatten. Nur we¬ 
nige ahnten, daß das, was diese Er- 
wecker und Propheten wollten und 
meinten, nichts anderes war als des 
arbeitenden Deutschlands eigener Kern, 
Wesen und Art, daß dieses junge, see- 
lenhafte Deutschland dem arbeitenden 
gesinnungs- und wesensverwandt war, 
genau so wie das literatenhafte dem 
offiziellen. Trotz aller Mißverständnisse 
und Hemmungen, trotz gefährlicher 
Gleichgültigkeit kämpfte sich das vierte 
Deutschland ans Licht. Mühsam und 
langsam drang es durch. Es drang 
durch in den Herzen der nachgeborenen 
Jugend, in den Gewissen der nächstfol¬ 
genden jungen Altersgemeinschaft. Hier 
wurde Seele nicht gesagt, sondern 
gelebt, hier war Seele nicht klingendes 
Wort, sondern schweigsame Tat. Seele, 
die man nicht suchen und wollen kann, 
Seele, die sich nur finden, wahren und 
bergen läßt: Seele, dein Name ist 
Keuschheit. 

Von diesem Riß, der tiefer als sonst 
eben damals die Angehörigen verschie¬ 
dener Altersgemeinschaften trennte, 
zeugten die zahllosen Romane, die nach 
Art von Goethes Wilhelm Meister den 
Werdegang einer Jugend schilderten: 
Asmus Semper, Peter Kamenzind und 
viele andere. 

Davon zeugten später die gedanken- 
tiefen Schauspiele, worin immer neu der 


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439 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 440 


Gegensatz von Vater und Sohn, Lehrer 
und Schüler abgewandelt wurde: Hein¬ 
rich Schnabel tat es in der „Wieder¬ 
kehr“ (1912), Richard Sorge im „Bett¬ 
ler“ (1912), Georg Kaiser in der „Ko¬ 
ralle“, Hasenclever im „Sohn“ (1914), 
Hanns Johst in „Der junge Mensch“ 
(1916). Davon zeugte schon früher Ri¬ 
chard Dehmels prachtvoll ehrliches Ge¬ 
dicht „An meinen Sohn“. 

Für die Stimmung dieser Zeit war be¬ 
deutsam auch dieses. Seit dem Streit 
um Marokko 1905 kam Europa nicht 
mehr zur Rühe, da drohende Kriegsge¬ 
fahr sich immer aufs neue verschärfte. 
Vielleicht hängt es damit zusammen, 
daß schon vor August 1914 einige 
Dichtungen veröffentlicht wurden, worin 
Seherblick Völkerverirrung voraus¬ 
schaute oder der spätere Kriegszustand 
in Bildern aus der Vergangenheit vor¬ 
ausgenommen erschien. So schrieb 
Fritz von Unruh seine ersten Dra¬ 
men: Offiziere (1912); Louis Ferdinand, 
Prinz von Preußen (1913); so Her¬ 
mann Löns seine Erzählung „Wehr¬ 
wolf“ und Walter Flex „Wallensteins 
Antlitz“; beides Geschichten aus dem 
Dreißigjährigen Krieg. So schrieb in 
Vorahnung des drohenden Krieges 
Ren 6 Schickele seinen Roman „Ben- 
kal der Frauentröster (1913). So wirkt 
auf uns heute als Voraussage kommen¬ 
der Leiden Franz Werfels Übertra¬ 
gung der „Troerinnen“ des Euripides 
(1914) und mehr als eines der Lieder, die 
Stefan George der Warner in den 
„Stern des Bundes“ (1914) aufgenom¬ 
men hat. 

III. 

Als Ende Juli 1914 der Weltkrieg aus¬ 
brach, da war ganz Deutschland einig 
in dem Gefühl, ein ungewolltes und un¬ 
abwendbares Schicksal stürze gleich 
einer Lawine vom Eisgebirge herab. 


Und einig war alles in der Abwehr die¬ 
ser gemeinsamen Not. Alte Gegnerschaft 
verstummte. Viereinhalb Jahre hielt 
diese Abwehr stand gegen eine stetig 
wachsende Übermacht, bis die Hunger¬ 
blockade von außen und die politische 
Uneinigkeit von innen Willen und Kraft 
langsam zermürbten. 

Ahnungslos, ratlos und hilflos waren 
in jenen Tagen die entscheidenden Stel¬ 
len des offiziellen Deutschland, 
drinnen und draußen. Von Anbeginn 
versagte durch ihr Tun und mehr noch 
ihr Unterlassen die unsichere und zag¬ 
hafte staatliche Führung und verhin¬ 
derte lange auch Hindenburgs sichere 
militärische Leitung. Was dieses 
Deutschland irgend an Erklärungen und 
• Festreden, Proklamationen und Mani¬ 
festen versuchte, das gründete nicht in 
der Tiefe des deutschen Gewissens und 
ließ den späteren Zusammenbruch schon 
damals erahnen. 

Ebenso versagte die deutsche Presse. 
Denn dieses Literatentum war im deut¬ 
schen Volkstum zu wenig verwurzelt 
und hatte zu wenig Fühlung mit dem 
vierten Deutschland, um ein gemein¬ 
sames geistiges Kampfziel oder auch 
nur einen Kampfruf zu finden, an dem 
alle Stimmen und Glieder des Reiches 
ihre Gemeinsamkeit erkannt und bekun¬ 
det hätten. Und dieses Literatentum hat 
dann später durch unechte Begeisterung 
oder schwächlichen Kleinmut die Dinge 
verdunkelt und oft schweren Schaden 
getan. 

Das Wunder des langen Widerstan¬ 
des geschah vornehmlich durch das ar¬ 
beitende Deutschland: durch die 
altgewohnte Arbeitstüchtigkeit und Ge¬ 
wissenhaftigkeit der Fach- und Berufs¬ 
menschen. Draußen im Feld, das haben 
alle Zeugen übereinstimmend bekundet, 
haben es die altgedienten Leute ge¬ 
schafft, aktive Mannschaften und Offi- 


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-PRINCETOM UNlVERo 





441 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 442 


ziere, Landwehr und Landsturm. Sie 
waren es gewohnt, Befehle zu emp¬ 
fangen und auszuführen. Allzu vieles 
Nachdenken und Grübeln war nicht ihre 
Sache. 

Tatenfroh bewährte sich das see- 
lenhafte Jungdeutschland. Bis dahin 
im In- und Ausland unbekannt und ver¬ 
borgen, kam es auch bei Ausbruch des 
Krieges auf der Rednerbühne noch nicht 
zur Geltung. Eine kurzsichtige und eng¬ 
herzige Zensur verbot die Verbreitung 
seiner Werke, sogar einem Fritz von Un¬ 
ruh und einem Paul Ernst. 

Furchtlos und treu drängte sich diese 
Jugend zu den Waffen, ohne kriege¬ 
rischen Sinn — denn sie verließ nur 
schweren Herzens ihre liebgewordene 
Arbeit am Schreibtisch und in der Werk¬ 
statt —, aber freudig aus dem Pflicht¬ 
gefühl deutschen Gewissens. Diese 
Kriegsfreiwilligen konnten alte Übung 
und Stählung auch durch ihre Begeiste¬ 
rung nicht ersetzen. Aber wo sie den 
guten Wille ihrer schöpferischen Seele 
in den Dienst straffer Organisation und 
Kommandogewalt stellten, da wurden 
sie unüberwindlich. Ihr Geist blieb sieg¬ 
reich und unsterblich, auch wo den Leib 
ein feindliches Geschoß in Stücke riß. 

Aus den Reihen dieses verborgenen 
vierten Deutschland ist das Beste und 
Bleibende unserer Kriegsliteratur her¬ 
vorgegangen. Die Dinge liegen ja nicht 
so, wie manche wähnen, daß Ereignisse 
an sich groß sind und darum große 
Menschen mit hervorbringen. 1 ) Viel- 

1 ) Dieser Gedanke, ist, wie mir scheint, 
in der an Zahl so geringen Literatur über 
die so zahlreiche Kriegsliteratur nicht scharf 
genug ausgesprochen. Nur über unsere 
Versdichtung gibt es zwei mir bekannt ge¬ 
wordene Bücher: Julius Bab, Die deut¬ 
sche Kriegslyrik 1914—18. Eine kritische 
Bibliographie, Stettin 1920. Ferner Wal¬ 
ther Brecht, Deutsche Kriegslieder sonst 
und jetzt, Berlin 1915. — Dagegen hat Frank¬ 
reich schon länger eine für damals voll¬ 


mehr ist es gerade umgekehrt so, daß 
äußere Ereignisse erst durch große Men¬ 
schen Größe erlangen. Ganz ist freilich 
das ungeheure Erlebnis noch von kei¬ 
nem der zahllosen Dichter verarbeitet 
und ins Kunstwerk geklärt und gedeutet 
worden. Noch lastet und drückt der 
Rohstoff des Erlebten allzu schwer auch 
auf dem kühnsten und eigenwilligsten 
Geist. 

Unter den sechs Millionen gedruckter 
deutscher Kriegsgedichte, die Julius 
Bab berechnet (allein im August 1914 
täglich 50000), ist die Mehrzahl wert¬ 
los, weil hinter dem Schuß von Lite¬ 
raten oder Dilettanten gedichtet. Was 
übrig bleibt, ist wertvoll seltener durch 
selbständigen künstlerischen Ausdruck, 
häufiger durch unmittelbaren seelischen 
Inhalt, als aufrichtige Äußerung ringen¬ 
den Menschentums. Darum taugen ihre 
Feldpostbriefe und Tagebuchblätter oft 
mehr als ihre Verse, worin der Zwang 
herkömmlicher Formensprache das Neue 
und Eigentümliche der Erlebnisse und 
Gedanken verdeckt und behindert. 

In allen derartigen Äußerungen wird 
man selten Angriffslust und kriege¬ 
rischen Kampfesmut finden, häufiger 
die Entschlossenheit zur Pflichterfül¬ 
lung, die Läuterung tieferschütterten 
Menschentums, oder den Widerwillen 
gegen die neueren Kampfmittel, die un¬ 
ter der rohen Wucht tödlicher Massen 
gleich unabwendbarem Schicksal den 
Starken mit dem Schwachen zermalmen. 
Was man Soldatenblut nennt und Rei¬ 
tergeist mit der Freude am Wagnis und 
Abenteuer, so wie Detlev von Liliencron 
es kannte, das flammt bald trotzig, 
bald zartfühlend allein noch auf in des 
österreichischen Junkers Karl von Ei¬ 
senstein „Liedern im Kampf“. 

Unter den deutschen Arbeiterdichtern 

ständige Zusammenstellung: Jean Vic, La 
litttrature deguerre , 2 Bde., Paris 1918, Payot. 


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443 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 444 


steht Heinrich Lersch voran, der 
katholische Kesselschmied aus Mün¬ 
chen-Gladbach, der in der Art des alten 
Volksliedes oder auch mit ganz neu ge¬ 
schauten Bildern und Gleichnissen Gott- 
gefiihl und Naturgefühl, Opferdienst 
und kameradschaftlichen Sinn als die 
vier festen Pfeiler seines Soldatenda¬ 
seins auferbaut. 

Als Vertreter der zahllosen deutschen 
Studenten, die draußen für uns gefallen 
sind, hat vor anderen Walter Flex 
zu gelten, dessen Sammlung „Im Felde 
zwischen Tag und Nacht“ freilich hinter 
seinen Prosaschriften zurückbleibt. Wer 
wird den „Wanderer zwischen 
beiden Welten" ohne tiefe Ergrif¬ 
fenheit aus der Hand legen, worin Flex 
seinen gefallenen Freund, den jungen 
Theologen, als das Urbild eines Deut¬ 
schen geschildert hat, der mit klarem 
Blick und tiefer Freudigkeit der Seele 
hinwandelt zwischen der Hölle des Krie¬ 
ges und dem Himmel seines Gottes? 
Wer wird ohne echte Rührung das liebe 
„Weihnachtsmärchen“ lesen und 
wer den „Wolf Eschenlohr“, die 
unvollendete Lebensgeschichte eines ge¬ 
fallenen Studenten, die der Dichter in 
der Rocktasche trug, als ihn bei der Er¬ 
oberung ösels die tödliche Kugel durch 
diese Handschrift hindurch in die Brust 
getroffen hat? 

Niemand auch wird ohne das Gefühl 
religiöser Ehrfurcht und Weihe von den 
Tagebuchblättern, Feldpostbriefen und 
Jugendgedichten des glänzend begabten 
Otto Braun scheiden können, die Ju¬ 
lie Vogelstein (Berlin, Bruno Cassierer 
1920) zusammengestellt hat. Dieser ein¬ 
zige Sohn des sozialistischen Schrift¬ 
stellers Heinrich Braun und seiner Gat¬ 
tin Lily (Tochter des Generals von 
Kretschmann und Verfasserin der „Me¬ 
moiren einer Sozialistin“) drängte sich, 
noch nicht siebzehnjährig, zum Kriegs¬ 


dienst, setzte seine früh erworbene 
tiefe und feine Menschenbildung und 
seinen früh geklärten Lebenswillen an 
die schicksalsmäßige Aufgabe und fiel 
durch einen Granatenvolltreffer, noch 
nicht 21 Jahre alt. Dazu nehme man die 
Feldpostbriefe und Tagebuchblätter der 
Brüder Gotthold und Heinz von 
Rhoden (Tübingen, Siebeck 1918), die 
in Marburg Theologie studierten, bis 
auch sie mit heller Freudigkeit sich 
zum Waffendienst schulten und auszo¬ 
gen, um nicht mehr heimzukehren. 
Wirkt bei Heinz von Rohden die gründ¬ 
liche philosophische Ausbildung nach, 
die er durch seinen LehrerNatorp emp¬ 
fangen hatte, so packt uns angeborener 
Humor und angeborener Dichterblick 
bei Ludwig Finke, dessen „Stim¬ 
mungsbilder aus Kriegsflandern im 
Winter 1914/15“ sein Vater, der Frei¬ 
burger Universitätsprofessor H. Finke 
als Privatdruck (Freiburg i. Br. 1916) 
herausgegeben hat. Dieser junge Stu¬ 
dent und Kriegsfreiwillige hat Land¬ 
schaft und Menschen, Feuergefecht und 
Schanzarbeit, auch die Beziehungen von 
Vorgesetzten und Untergebenen so 
scharf gesehen und knapp ausgespro¬ 
chen, daß mehr Poesie in diesen an¬ 
spruchslosen Briefen steckt als sonst in 
dicken Sammlungen. Wer dazu noch 
die „Kriegsbriefe deutscher Stu¬ 
denten“ nimmt, die Philipp Witkop 
(Leipzig, Teubner 1918) gesammelt hat, 
dem rundet sich ein Urbild deutscher 
Jünglinge, das gleich weit entfernt ist 
vom sagenhaften Helden der Vorzeit 
wie vom berufsmäßigen Kriegsmann 
der Landsknechts- und Soldatenlieder. 
Es ist der feinnervige deutsche See len - 
mensch des 20. Jahrhunderts, der, 
schwer bepackt und fast überlastet von 
überlieferten Gütern des Wissens und 
Könnens, zu allem hin den Ekel der 
Millionenheere und die Fährlichkeiten 


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445 E. Wechssler, Unsere Kriegslit. in franz. Vorstellung u. in deutsch. Wirklichkeit 446 


des Schützengrabenkrieges und Trom¬ 
melfeuers bereitwillig auf sich nimmt, 
mit allem, auch mit der Unterordnung 
unter fremde Lebensanschauung, sich 
gütlich abfindet; dieses alles allein aus 
der unsterblichen Kraft einer feinfühli¬ 
gen Seele, aus diesem ewigen Nährquell 
still-bescheidener Größe. Nie werden 
diese jungen Dienenden am Vaterland 
ruhmredig für “sich oder Kameraden 
und Heimat. Hier tönt kein Wort wie 
la voie glorieuse (der Titel einer Samm¬ 
lung von Anatole France. Paris, Cham¬ 
pion 1915). Jeder leistet, was sein Ge¬ 
wissen ihm als Pflicht vorschreibt, und 
hat nur die eine Sorge, es körperlich 
nicht aushalten zu können. „Bis jetzt 
haben wir keinen Befehl bekommen, 
der nicht ausgeführt wurde", schreibt 
der eine. „Ich sehe den Tod und rufe 
dem Leben“, schreibt ein anderer, „über 
all den großen Völkerbewegungen steht 
doch als Ewiges und Letztes das ein¬ 
fache einzelne Dasein als Mensch, als 
Vater, als Mutter, Mann oder Sohn“, 
schreibt ein Dritter. 2 ) 

Hinausgezogen und nicht heimge¬ 
kehrt sind auch viele andere, die nicht 
wie diese Kriegsfreiwilligen erst im gro¬ 
ßen Erlebnis draußen über Altgewohn¬ 
tes hinausgewachsen sind, sondern 
schon zuvor als Mitstrebende jüngster 
deutscher Dichtung ihre eigenen Wege 
gegangen waren. Und ihre Art ist 
mannigfaltig genug. Ein neuer Sturm 
und Drang, eine neue Geniezeit war 


2) Über die inneren Zustände und gei¬ 
stigen Bestrebungen der deutschen Studen¬ 
tenschaft in den letzten Jahren unterrichtet 
am besten die Zeitschrift „Hochschule“, 
die seit 15. Januar 1917 im Furcheverlag in 
Berlin erscheint und jetzt im vierten Jahr¬ 
gang steht. Dazu vergleiche man die zu¬ 
sammenfassenden Arbeiten der beiden Her¬ 
ausgeber: Werner Mahrholz, Der Stu¬ 
dent und die Hochschule (ebendort 
1919) und Hans Röseler, Akademische 
Selbstverwaltung (ebendort 1917). 


schon vor dem Krieg über das junge 
geistige Deutschland hingebraust. Darin 
waren sie mit ihren älteren Führern 
und Wegweisern einig, daß aus der see¬ 
lischen Lebenseinheit heraus eine neue 
deutsche Geistigkeit und daraus ein 
neuer mehr geistiger Staat und eine 
neue deutsche Bildung hervorgehen 
müsse. Aber eine gemeinsame neue 
Kunstform war damit noch nicht gege¬ 
ben, und uneins waren sie über diese 
Kunstform. Uraltes deutsches Eigen¬ 
recht des schöpferischen Einzelmen¬ 
schen erneuerte aus uraltem geschicht¬ 
lichen Vorrat bald dieses, bald jenes: 
denhellenischenund den gotischen Men¬ 
schen, Klassizismus und Romantik, alte 
kultische Formen und Naturalismus, 
Märchen und Groteske, apollinische 
Klarheit und dionysischen Rausch. 

Als kostbare Weihgabe reicht uns 
Wolf Przygode das Buch der Toten 
(Rolandverlag, München 1919). Hier 
sind aneinandergereiht mit Proben in 
Vers und rhythmischer Prosa sechs früh 
gefallene Dichter: Peter Baum, Gu¬ 
stav Sack, Alfred Lichtenstein, 
Ernst Wilhelm Lotz, Ernst Stad¬ 
ler der Elsässer, und Georg Trakl 
der Deutschöstreicher. Unter diesen sei 
hier Ernst Stadler genannt, der Freund 
von Charles P6guy und Übersetzer von 
Francis Jammes; seine frei hinströmen¬ 
den Rhythmen glühen und leuchten von 
der Sehnsucht einer Seele, die alle far¬ 
benbunte, klangreiche und duftende 
Welt in sich hineintrinken, die sich an 
Menschen, Tiere und Landschaft hin¬ 
schenken möchte und doch Einkehr und 
Frieden, Ewigkeit und Gott nur in sich 
selber zu schöpfen vermag. Nach je¬ 
nen sechs wären noch andere zu nennen 
wie: Wilhelm Runge und Rein¬ 
hard Sorge, deren Gang zur Reife 
der Weltkrieg jäh abgebrochen hat. Diese 
gehören nicht eigentlich in den Rah- 


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448 


447 Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 


men dieser Betrachtung: denn sie sind, 
soviel ich weiß oder vermute, durch 
das Kriegserlebnis eher gehemmt als 
entfaltet worden. 

Wohl aber hat mit ganzer Seele als 
Freiwilliger am Kriege teilgenommen 
der Königsberger Dichter Walther 
Hey mann, dessen Kriegsgedichte und 
Feldpostbriefe (bei Georg Müller, Mün¬ 
chen) 1915 erschienen sind und zum 
Besten unserer Kriegszeugnisse gehö¬ 
ren. Er hatte in guter Heimatkunst die 
ostpreußische Nehrung und Hügelland¬ 
schaft mit dankbarer Liebe geschildert 
und so das Ästhetentum seiner Jugend 
überwunden. Nun, als das Vaterland 
bedroht war, war es ihm, dem Zweiund- 
dreißigjährigen, ernste Mannespflicht, 
Frau und Kind zu verlassen und als 
Kriegsfreiwilliger nach Frankreich zu 
ziehen. Er fiel bei seinem ersten Sturm¬ 
angriff gegen einen von Zuaven besetz¬ 
ten Graben bei Soissons. Das Einzigar¬ 


tige nicht seiner Kriegslieder, sondern 
seiner Briefe, ist dieses, daß hier ein 
wacher und scharfer Verstand, dem 
nichts entgeht, die ruhige Freudigkeit 
und Bescheidenheit einer gläubigen 
Seele in treuer Kameradschaft begleitet 
und niemals bedroht und bezweifelt. 
Auch ihm hat nicht Haß gegen Frank¬ 
reich, sondern Liebe zu Deutschland die 
Waffen in die Hand gedrückt: das kün¬ 
det mit anderem die Schilderung des 
zweiten Weihnachtstages 1914 mit der 
freundlichen Begegnung deutscher und 
französischer Soldaten. 

Noch zwei andere unserer besten Hei¬ 
matdichter haben sich dahingegeben: 
der Haidedichter Hermann Löns fiel 
gleich im September 1914 vor Reims: 
der plattdeutsche Erzähler Gorch 
Fock, der den Nordseefischer von Fin¬ 
kenwerder bei Hamburg entdeckt hat, 
versank mit der „Wiesbaden“ am Ska¬ 
gerrak. (Schluß folgt) 


Der Kampf um Arabien 

Von Ernst 

Heinrich Friedjung nennt in seinem 
letzten Werk (Imperialismus I, S. 50) 
die Besetzung Ägyptens durch England 
im Jahre 1882 „das weltpolitisch wich¬ 
tigste Ereignis zwischen der Gründung 
des Deutschen Reiches und dem Bau 
der deutschen Flotte“. Sicher ist, daß 
seitdem die englische Politik eine große 
Schwenkung vollzogen hat. Die neue 
Erwerbung, in der Mitte gelegen einer¬ 
seits zwischen dem Mutterland und In¬ 
dien und andererseits zwischen Süd¬ 
afrika und Indien, wurde der Grund- 
und Eckpfeiler des größten Weltreiches, 
welches die Weltgeschichte gesehen 
hat 1 ), gleichzeitig aber der Ausgangs- 

1) Jos. Partsch, Ägyptens Bedeutung für 
die Erdkunde. Leipzig 1905. S. 11. „Durch 


und Indien im Altertum. 

Kornemann. 

punkt für eine neue Epoche des eng¬ 
lischen Länderraubes, um den Indischen 
Ozean zu dem zu machen, \vas einst für 
die Römer das Mittelmeer gewesen war, 
zum „niare nostrum“. Der Suezkanal, 
einst gegen den Willen Englands ge¬ 
baut, ward nun mit allen Mitteln zu 
beherrschen gesucht, und die Türkei, 
für die bis dahin England Schutz und 
Schild gegenüber Rußland gewesen war. 
bekam jetzt Englands Feindschaft zu 
spüren, an der sie schließlich zugrunde 
gegangen ist. Von Kapstadt zum Nil. 
vom Nil zum Tigris, vom Tigris über 
Persien nach Indien: das war der große 

die Schutzherrschaft über Ägypten hat Eng- 
| land den das ganze Gewölbe haltenden 
Schlußstein in den Kembau seiner weit¬ 
verzweigten Macht eingesetzt.“ 


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J 






449 Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 450 


Weg, der zurückgelegt werden mußte. 
Auf dieser Bahn aber standen im 
Wege das deutsche Ostafrika, die tür¬ 
kischen Reichsteile Arabien und Meso¬ 
potamien, endlich ein selbständiges Per¬ 
sien. Wie England allmählich dieses 
Ziel erreicht hat, ist uns allen nur zu 
gut bekannt. Der wichtigste Kampf 
war, seitdem Südpersien im Jahre 1907 
in die englische Interessensphäre ein¬ 
bezogen war, der um Arabien und Me¬ 
sopotamien, das Vorland und Außen¬ 
werk Indiens, im Weltkrieg. 

Auch das Altertum kennt einen ähn¬ 
lichen Kampf um Arabien und den Indi¬ 
schen Ozean, weiterhin um Indien sel¬ 
ber, und zwar beginnt dieser Kampf 
auch jedesmal dann, wenn Ägypten in 
die Hand einer nach höherer Weltgel¬ 
tung strebenden Großmacht gelangt ist. 
Es zeigt sich dann jedesmal das Be¬ 
streben, über Arabien hinweg das Nil¬ 
land und Indien miteinander in Ver¬ 
bindung zu setzen und womöglich durch 
Ägypten hindurch die Mittelmeerländer 
mit den reichen Produkten des Orients 
zu versorgen. 

Die erste Großmacht, die diese Ziele 
verfolgt hat, war das Perserreich un¬ 
mittelbar nach der Eroberung Ägyp¬ 
tens durch Kambyses im Jahre 525. 
Der Mann, in dessen Kopf ein solcher 
Planzumerstenmalentsprungen ist, war 
Dareios I. von Persien, wie wir immer 
mehr erkennen, einer der größten Herr¬ 
scher des gesamten Altertums. Eine der 
ersten Taten dieses Königs, nachdem 
er der inneren Wirren im Anfang seiner 
Regierung Herr geworden war, ist die 
Eroberung Indiens oder genauer gesagt 
der Induslandschaft gewesen, etwa im 
Jahre 517. Nach Herodot (IV 44) ließ 
Dareios hier wie in anderen Fällen sei¬ 
ner Eroberung eine Erkundungsfahrt 
vorausgehen. Führer derselben war 
Skylax von Karyanda, von dem es 

Internationale Monatsschrift 


an der Herodotstelle heißt: „Er fuhr 
den Indus hinab und von der Indus¬ 
mündung fuhr er durch das Meer nach 
Westen und kam im 30. Monat an die 
Stelle, von wo der Pharao Necho die 
Phönizier zur Umschiffung Afrikas aus¬ 
gesandt hatte“, d. h. nach Suez. „Nach¬ 
dem die Fahrt des Skylax gelungen 
war, unterwarf Dareios die Inder und 
nahm das Meer in Benutzung.“ 2 ) Da¬ 
reios hat, wie wir wissen, den indischen 
Feldzug nicht selber ausgeführt, son¬ 
dern seinem Vater überlassen, während 
er selbst um dieselbe Zeit in Ägypten 
weilte, wahrscheinlich um Skylax nach 
dem Gelingen der für damalige Zeiten 
sehr kühnen Seeunternehmung zu emp¬ 
fangen. An der Realität dieser großen 
Entdeckungsfahrt darf heute nicht mehr 
gezweifelt werden. Das Ergebnis war 
ein überaus großes. Arabien wurde um¬ 
fahren, die Verbindung mit dem südarabi¬ 
schen Weihrauchland hergestellt 3 ), vor 
allem aber hängt die Erbauung bzw. 
die Wiederherstellung des antiken Suez¬ 
kanals durch das Wadi Tumilat von 
den Bitterseen westwärts zum Nil, wie 
die erhaltenen Inschriften des Dareios 
an dieser Stelle beweisen, mit der Öff¬ 
nung des Seewegs nach Arabien und 
Indien zusammen. Mit vollem Recht 
sagt Ed. Meyer 4 ): „Nirgends vielleicht 
tritt die Weltstellung des Perserreiches 
unter Dareios so großartig hervor wie 
in diesen Unternehmungen. Der In¬ 
dische Ozean, die Südgrenze des Rei¬ 
ches, sollte eine große Handelsstraße 
werden, Indien, das bisher nur durch 
die Kabulpässe mit dem Reich in Ver¬ 
bindung stand, auch von Süden her 
erschlossen und dem großen Handels- 

2) Ed. Meyer, Gesch. d. Altert. III. S. 99. 

3) Herodot III 97 und darnach Plinius 
N. H. XII 80. Nach diesen Stellen lieferten 
die Araber jährlich 1000 Talente Weihrauch 
als Tribut an den Perserkönig. 

4) Gesch. d. Altert. III S. 101. 

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451 


Ernst Korneniann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 452 


gebiet angegliedert werden, das im Per¬ 
serreich zu einem großen Kulturstaate 
mit einheitlicher Regierung, einheitlicher 
Münze und großen gesicherten Stra¬ 
ßen zusammengefaßt war.“ Daß der 
große Perserkönig und sein Nachfol¬ 
ger noch viel weiter gehende Pläne ge¬ 
habt haben, vor allem auch das Mittel¬ 
meer in das gewaltige Welthandels¬ 
gebiet einschließen wollten, ergibt sich 
aus der Aussendung des an den Perser¬ 
hof gelangten griechischen Arztes De- 
mokedes aus Kroton in sein Heimat¬ 
land Unteritalien. Weiter hat Dareios’ 
Sohn Xerxes den AchämenidenSataspes 
zur Sühne eines Vergehens beauftragt, 
Afrika von Westen her zu umfahren, 
offenbar im Anschluß an die gleich¬ 
artigen Unternehmungen der Kartha¬ 
ger. Gerade aus dem letzteren Unter¬ 
nehmen geht hervor, wie weit west¬ 
wärts im Mittelmeer die Perserkönige 
ihre Ziele gesteckt hatten. Wenn wir 
dies alles kombinieren, sehen wir, daß 
in der größten Zeit des Perserreiches 
das Problem einer Verbindung von In¬ 
dien und Ägypten sowie die Ausfuhr 
der indischen Produkte über Ägypten 
hinaus ins Mittelmeer bereits zu lösen 
versucht worden ist. Den Niederschlag 
dieser großen persischen Reichspläne 
finden wir im Werke des Herodot. Bei 
ihm gehören die Araber zusammen mit 
den Indem und Äthiopen zu den 
äußersten Völkern des bewohnten Erd¬ 
kreises, und seine Darstellung von Ara¬ 
bien und Indien wird von dem Ge¬ 
danken beherrscht, daß die Randländer 
der Welt die kostbarsten Produkte her¬ 
vorbringen, gewissermaßen als Ersatz 
für das ungünstige Klima, unter dem 
sie zu leiden haben. 5 ) Wie Indien seine 


5) Herodot III 106 ff., dazu Jos. Partsch, 
Die Grenzen der Menschheit I. Die antike 
Oikumene, Ber. d. Sächs. Ges. d. Wiss., 
Phil.-hist. Kl. 68. 1916. 2. Heft, S. 3f. 


Goldschätze, hat Arabien seinen Weih¬ 
rauch. Das äußerste Ostland ist In¬ 
dien, den Südrand der Erdscheibe da¬ 
gegen bilden Arabien und Äthiopien. 
Diese Kenntnisse stammen aus den Zei¬ 
ten, da das bewegliche Ioniertum der 
kleinasiatischen Küste noch ein Glied 
des gewaltigen Perserstaates war und 
an der Weltkenntnis des größeren Vol¬ 
kes partizipierte. Hekataios von Milet, 
der erste Geograph und Historiker des 
Abendlandes, ist die Quelle des He¬ 
rodot. 

Diesem prächtigen Bilde aus der 
Glanzzeit des Perserreiches steht das¬ 
jenige gegenüber, das uns die folgende 
Epoche der griechischen Staatenwelt 
entrollt. Das Hellenentum macht sich 
mit seinen Kolonien zum Mittelpunkt 
der Welt des Mittelmeeres, und in die¬ 
ser verengerten Welt ist das Zentrum 
Athen. Alle Außenmeere, wie das 
Schwarze Meer im Norden und das 
Rote Meer im Südosten, sind lediglich 
Annexe, und an den Rändern bröckelt 
natürlich allmählich die Kenntnis des 
Weltbildes ab. „Das geographische Wis¬ 
sen der Alten ist mit dem Verfall des 
Perserreiches stark zurückgegangen.“ c ) 
In unserem Gebiet wird der Südaus¬ 
gang des Roten Meeres gegen den In¬ 
dischen Ozean hin das Ende der Welt. 
Ganz wie „einer älteren Zeit der Grie¬ 
chen an der Straße von Gibraltar die 
Säulen des Herakles als Grenzpfeiler 
sicheren Seeverkehrs an der Schwelle 
des inneren Meeres erschienen waren“, 
so sind jetzt die Inseln der heißen 
Straße von Bab ei Mandeb „die Grenz¬ 
marken der Seefahrt und die Torsäulen 
einer undurchschreitbaren Pforte ge¬ 
worden". 7 ) 

Eine neue Zeit hat wieder Alexander 


6) Ed. Meyer, Gesch. d. Altert. III S. 102. 

7) Ephoros bei Plinius N. H. VI 199 und 
dazu Partsch a. a. O. S. 39. 


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453 Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 454 


heraufgeführt. Der große Mazedonier 
war nicht nur der Überwinder des Per¬ 
serreiches, sondern auch der Erbe der 
weitausgreifenden Pläne des Dareios. 
Alexanders Politik auf diesem Boden 
wird eingeleitet durch zwei Tatsachen, 
einmal durch die Gründung von Alexan- 
dreia im Jahre 332 und zweitens durch 
die Entdeckung des Seeweges von In¬ 
dien zur Euphratmündung durch Near- 
chos im Jahre 325. Vor allem seit dem 
Gelingen der indischen Expedition 
schlägt Alexander ganz neue Bahnen 
ein. 8 ) Er negiert nicht mehr das Meer 
und die Flotte, seines großen Vaters 
Philipp Lieblingsschöpfung, sondern faßt 
den Plan der Umsegelung Arabiens und 
der Herstellung einer direkten Verbin¬ 
dung zwischen den beiden Städten, auf 
denen fortan sein Großreich ruhen 
sollte, Babylon, dem Reichskriegshafen, 
und Alexandreia, dem Reichshandels¬ 
hafen. Der Ausführung dieses großen 
Planes sollte, wie sich aus einer in sei¬ 
nem Nachlaß gefundenen Aufzeichnung 
ergibt, die Unterwerfung Karthagosund 
die Angliederung des karthagischen Ko¬ 
lonialreiches folgen. Man sieht deut¬ 
lich die Ähnlichkeit mit den Gedanken 
des Dareios. Doch bleibt die Frage 
offen, ob Alexander bewußt an diesen 
angeknüpft hat. Das Neue bei ihm be¬ 
steht darin, daß Ägypten, welches wie¬ 
der den Grundpfeiler des ganzen Baues 
bildet, nach griechischer Sitte in einer 
einzelnen Stadt seinen Mittelpunkt er¬ 
hält. Alexandreia wird neben das 
Ägypterland gestellt, und in ihm soll 
der Handel zwischen Ost und West, 
zwischen Indischem Ozean und Mittel¬ 
meer neben der Ausfuhr der ägypti¬ 
schen Landesprodukte seinen Haupt¬ 
hafen erhalten. Der Schlußplan ist 

8) E. Kornemann, Die letzten Ziele der 
Politik Alexanders d. Gr. Klio XVI. 1920. 
S. 222ff. 


nicht zur Ausführung gekommen. Über 
den Vorbereitungen zu der arabischen 
Expedition ist der große König 323 zu 
Babylon gestorben. Welche Opfer er 
aber gerade diesem Unternehmen zu 
bringen gedachte, geht daraus hervor, 
daß er sich selbst, der seither überall 
der Führer in eigener Person gewesen 
war, so weit bezwingen wollte, daß er 
sich für die Seefahrt dem bewährten 
Admiral Nearchos unterordnete. Das 
große Opfer war unnötig. Es ist wahr¬ 
haft ergreifend, in den königlichen Tage¬ 
büchern, die uns gerade für die letzten 
Tage erhalten sind, zu lesen, wie Alex¬ 
ander den Kampf mit der todbringen¬ 
den Krankheit führt, nur um diese seine 
große Idee der Gewinnung der Seeherr¬ 
schaft über den Indischen Ozean noch 
ins Werk zu setzen, wie Nearchos und 
die übrigen Flottenkommandanten im¬ 
mer wieder vorgelassen werden, um 
Bericht über den Stand des Unterneh¬ 
mens zu erstatten, wie aber die Aus¬ 
fahrt von Tag zu Tag hinausgeschoben 
werden muß, bis dann schließlich der 
Allüberwinder Tod auch diesen Großen 
und seinen letzten Riesenplan vernichtet. 

Seine Haupterben wurden wie in 
allen Dingen so auch in diesem Punkte 
die Ptolemäer. Schon bei den großen 
Satrapienverteilungen nach Alexanders 
Tod läßt sich der schlaue Lagide außer 
Ägypten auch Libyen und Arabien zu¬ 
sprechen. 9 ) Als König nimmt er dann 
das große Schlußproblem Alexanders, 
und zwar von der entgegengesetzten 
Seite, von Ägypten aus, in Angriff, da- 

9) Arabien heißt allerdings in damaliger 
Zeit auch das Land zwischen dem Nil und 
dem Roten Meer. Wenn dieses Gebiet ge¬ 
meint ist, so liegt in der Nennung immer¬ 
hin die Anwartschaft auf das Land jenseits 
des Meeres begründet, wie in der Nennung 
Libyens diejenige auf die afrikanischen 
Westländer. Hier steht bereits Ägypten als 
Zentralland eines größeren afrikanisch-asi¬ 
atischen Reiches in der Idee wenigstens fest. 

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455 Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 456 


bei gleichzeitig anknüpfend an die gro¬ 
ßen Pharaonen des mittleren Reiches. 
Einer seiner Admiräle, Philon, dringt 
längs der ägyptischen Küste im Roten 
Meer weit südwärts vor. Des Reichs¬ 
gründers Nachfolger, die Könige Phila¬ 
del phos und Euergetes, schufen längs 
dieser Küste bis zur Straße von Bab 
el Mandeb eine ganze Reihe von Han¬ 
delsfaktoreien sowohl als Schiffsanlege¬ 
plätze wie zur Ausbeutung der Hinter¬ 
länder. An der äthiopischen Küste wa¬ 
ren es vor allem Anlagen zum Ab¬ 
transport des im größten Stil organi¬ 
sierten Elefantenfanges. Denn die Ele¬ 
fanten stellen im hellenistischen Heer 
die Artillerie dar oder sind der mo¬ 
dernen Tankwaffe vergleichbar. Phila- 
delphos ist es dann gewesen, der die 
von Alexander ungelöst hinterlassenc 
Aufgabe, ganz Arabien zu umsegeln 
und den Seeweg nach Indien zu ge¬ 
winnen, wieder aufgenommen hat. We¬ 
nigstens haben wir eine versprengte 
Notiz bei Plinius 10 ), wonach ein ge¬ 
wisser Dionysios als sein Gesandter 
in Indien war. Am meisten aber be¬ 
weist den weiten Blick gerade dieses 
Mannes die Tatsache, daß er den Ka¬ 
nal des Dareios durch das Wadi Tumi- 
lat wiederhergestellt hat, um Alexan- 
dreia zu Wasser wieder direkt mit dem 
Roten Meer in Verbindung zu setzen. 
Sicher ist, daß in der Hauptsache han¬ 
delspolitische Ziele für diese Herrscher 
maßgebend gewesen sind. Die Ptole¬ 
mäer waren selbst Unternehmer im 
größten Stile, die diesen Handel nach 
Südosten von Staats wegen monopoli¬ 
sierten und bedeutenden Gewinn dar¬ 
aus zogen. Aber wie es zu gehen pflegt, 
der Handel hat dann der auswärtigen 
Politik die Wege gewiesen. Der dritte 
Ptolemäer unternahm eine große Expe- 


10) N. H. VI 58. 


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dition gegen das Seleukidenreich bis 
tief nach Babylonien hinein, um auch 
den zweiten Zugang zum Indischen 
Ozean, den Persischen Golf, in ägyp¬ 
tische Hände zu bringen. Denn der 
Austritt aus dem Roten Meer muß ihnen 
trotz aller Anstrengungen versperrt ge¬ 
blieben sein, offenbar weil damals die 
Staaten in Südarabien noch zu mächtig 
waren und den indischen Handel selbst 
in Händen hatten. Wir besitzen eine 
Notiz des Eratosthenes aus der Zeit 
des dritten Ptolemäers, wonach zu sei¬ 
ner Zeit niemand über Südarabien und 
die Insel Sokotra hinausgekommen 
war.") Im Gegensatz zu dem späteren 
Großverkehr, wie ihn Augustus dorthin 
erst einrichtete, betont Strabon an zwei 
Stellen 12 ), daß vorher höchstens etwa 
20 Schiffe im Jahre diesen Handel nach 
Südarabien während der Ptolemäerzeit 
vermittelt hätten. So kommen wir zu 
dem Schluß, daß ausschließlich doch 
nur das Rote Meer ptolemäische Schiff¬ 
fahrtsdomäne war. Hier erhoben die 
Herrscher von Ägypten einen Durch¬ 
gangszoll für alle Waren, das vectigal 
maris Erythraei, der von den römischen 
Kaisern beibehalten worden ist. Das 
beweist der auf uns gekommene Zoll¬ 
tarif 13 ) aus der Kaiserzeit, der in die 
ptolemäische Zeit hinaufreicht. Seine 
Anwendung fand er in zwei Hafen- 


11) Eratosthenes bei Strabon XVII S. 769. 
dazu J. Beloch, Griech. Gesch. III 1, S. 293 
und Joseph Dahlmann, Die Thomaslegende, 
Stimmen aus Maria-Laach, 107. Erg.-Heft 
1912, S. 23. Wie selten noch direkte In¬ 
dienfahrten unter Euergetes II. um 120 vor 
Chr. stattfanden, beweist die zweimalige 
Aussendung des Eudoxos von Kyzikos dort¬ 
hin unter Führung eines nach Ägypten ver¬ 
schlagenen Inders, die Poseidonios bei 
Strabon II, S. 98f. u. 101 beschreibt. 

12) II S. 118 u. XVII S. 798. 

13) U. Wilcken, Chrestomathie d. Papy¬ 
ruskunde Nr. 273, dazu Archiv für Papyrus¬ 
forschung III S. 185ff. und Rostowzew, eben¬ 
da IV S. 310ff. 


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457 


Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 


458 


platzen des Roten Meeres, in Muza 
an der arabischen Küste und in Adulis 
auf der afrikanischen Seite beim heu¬ 
tigen Massaua. Hier mußten alle Schiffe 
zum Zweck der Erhebung des genann¬ 
ten Zolles anlegen. 14 ) Hier war ge¬ 
wissermaßen der Eintritt in das pto- 
lemäische Zoll- und Staatsgebiet, wes¬ 
halb Euergetes in Adulis seinen großen 
Tatenbericht, das monumentum Adut.ta- 
num, zur Aufstellung gebracht hat. 
Ähnlich haben später die Seleukiden 
unter dem fünften Herrscher den Persi¬ 
schen Golf mit Beschlag belegt und an 
der Mündung des Euphrat eine Zoll¬ 
station für ihr Reich errichtet. 15 ) Unter 
dem Druck der beiden Großmächte ha¬ 
ben dann die Araber ihrerseits den 
Handel zu Land nach dem Mittelmeer 
in größerem Umfang als seither aus¬ 
gebildet, die Sabäer an der Küste des 
Roten Meeres nordwärts durch das Ge¬ 
biet der Gebbaniten, welche den vier¬ 
ten Teil der Waren für den Durchgang 
sich zahlen ließen 1C ), und vom Persi¬ 
schen Golf her die Gerrhäer, die ehe¬ 
mals zu Alexanders Zeit auf Schiffen 
zur Euphratmündung Frachten gesandt 
hatten 17 ), quer durch Arabien nach Pal¬ 
myra und Pera, der Hauptstadt der 
Nabatäer, von wo die Waren nach Gaza 
am Mittelmeer gebracht wurden. Da¬ 
durch gewann im sinkenden Seleuki- 
denreich auch das nordarabische Ge¬ 
biet ungeahnt an Bedeutung. 

Diese Situation fanden die Römer 
vor. Ehe sie Ägypten beherrschten, war 
für sie nur hier im Norden bei den 
Nabatäern an den arabischen Handel 


14) Nachweise hierzu und zum Folgen¬ 
den bei E. Kornemann, Die hist. Nachr. des 
Periplus maris Erythraei, Ianus Heft 1, S.55ff. 

15) Sie heißt nach dem Periplus 15 kito- 
toyo v und liegt neben Pasinu-Charax. 

16) Plinius N. H. XII 63 und 68 , dazu 
Wilcken, Archiv III S. 199. 

17) Strabon XVII S. 766. 


heranzukommen. SchonPompeius scheint 
aus diesem Grunde die Verbindung mit 
dem nabatäischen Reich sehr gefördert 
zu haben, um so das Vordringen Roms 
zum Roten Meer zu ermöglichen, und 
Augustus hat sehr bald nach der Er¬ 
oberung Ägyptens vom Nabatäergebiet 
aus jene große Landexpedition nach 
Südarabien bis in das Sabäerland hin¬ 
ein durch Aelius Gallus im Jahre 25 in 
Szene gesetzt. Sie ist in der Haupt¬ 
sache gescheitert, hat aber den neuen 
Herrn von Rom und Ägypten nicht 
gehindert, dem arabischen Problem wei¬ 
terhin seine Aufmerksamkeit zu wid¬ 
men. Sobald sein ältester Enkel und 
Adoptivsohn C. Caesar erwachsen war, 
hat Augustus im Jahre 1 v. Chr. bei 
Gelegenheit von dessen Orientzug ge¬ 
gen Armenien und Parthien eine neue 
weitausschauende Expedition gegen 
Arabien ins Auge gefaßt. 18 ) Hierfür 
hat der gelehrte König Iuba von Maure¬ 
tanien (Marokko), der mit einer Toch¬ 
ter des Antonius und der Kleopatra 
verheiratet war, ein besonderes Werk 
über Arabien verfaßt, das dem jungen 
kaiserlichen Prinzen gewidmet war und 
offenbar für die geplante Expedition 
das wissenschaftliche Rüstzeug bieten 
sollte. 19 ) Bekanntlich ist der junge 
Prinz bei dieser Orientfahrt zugrunde 
gegangen, ehe er an die Bewältigung 
der arabischen Aufgabe gekommen ist. 
Trotzdem ist es Augustus gelungen, 
den von Ägypten ausgehenden Seehan¬ 
del nach dem Orient sehr in Schwung 


18) Das geht aus mehreren Stellen des 
Plinius hervor, vgl. VI 141 u. 160, XII 55f., 
XXXII 10, dazu Mommsen R. G. V oll, 1. 
Er nimmt an, daß die Expedition von der 
Euphratmündung ausgehen sollte. Es bleibt 
aber zu beachten, daß Gaius auch einen 
Abstecher nach Ägypten gemacht und am 
Roten Meer (sinus Ärabicus) geweilt hat, 
Plinius N. H. II 168, vgl. Gardthausen, Au¬ 
gustus I. 3 S. 1136. 

19) Plinius N. H. XII 56 u. XXXII 10. 


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460 


459 Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 


zu bringen. Mit Stolz erzählt uns Stra- 
bon 20 ), daß im Gegensatz zur ptole- 
mäischen Epoche zu seiner Zeit jähr¬ 
lich an 120 Schiffe in Flottillen ver¬ 
einigt nach Südarabien und zum Ost¬ 
horn Afrikas (Sokotra) zu fahren pfleg¬ 
ten, um von dort die indischen Waren 
zu holen. Mit anderen Worten, der 
Arabien- und Indienhandel, in der Aus¬ 
dehnung, wie ihn der ptolemäische Staat 
getrieben hatte, ist unter Augustus zur 
höchsten Blüte gebracht worden, dagegen 
der direkte Handel mit Indien selber, 
wie ihn einst Dareios unterhalten und 
wie ihn Alexander wieder in die Wege 
zu leiten versucht hatte, ist auch von 
Augustus noch nicht eingerichtet wor¬ 
den. Das sagt uns Strabon an einer 
anderen Stelle (XV S. 686) klipp und 
klar, wo es heißt: „Die heute von Ägyp¬ 
ten aus auf dem Nil und dann im Ara¬ 
bischen Golf (d. h. im Roten Meer) 
bis zum Indischen Ozean fahrenden 
Kaufleute sind der Küste folgend nur 
selten bis zum Ganges gekommen, und 
dies sind Privatleute, die nichts zur 
Kenntnis jener Gegenden beigetragen 
haben." 

Wir wissen seit langer Zeit, daß 
dann eines Tages die Entdeckung des 
direkten Seeweges nach Indien, die Aus¬ 
schaltung des südarabischen Händler- 
tums und die Übernahme des Indien¬ 
handels in römische Regie erfolgt ist. 
Aber die Zeit dieses Ereignisses ist 
kontrovers, weshalb wir uns einen 
Augenblick damit beschäftigen müssen. 
Wir haben zur Ermittlung des histori¬ 
schen Tatbestandes zwei Quellen zur 
Verfügung, einmal ein Kursbuch für In¬ 
dienfahrer, das uns Plinius erhalten 
hat und das von ihm als eben erst er¬ 
schienen bezeichnet wird 21 ), und zwei¬ 
tens den sogenannten Periplus maris 

20) II S. 118 und XVII S. 798. 

21) N. H. VI 96 und 101. 


Erythraei- 2 ), das Segelhandbuch des In¬ 
dischen Ozeans 83 ), verfaßt von einem 
alexandrinischen Kaufmann, der eben¬ 
falls bis nach Indien gekommen ist 
und im letzten Jahrzehnt des ersten 
nachchristlichen Jahrhunderts geschrie¬ 
ben hat. Die seitherige Forschung hat 
den großen Fehler begangen, beide 
Quellen zu identifizieren und deshalb 
den Periplus vor Plinius entstanden 
sein zu lassen. An der Pliniusstelle, 
an welcher das erwähnte Kursbuch zi¬ 
tiert wird, werden vier Routen der In¬ 
dienfahrer, die zeitlich aufeinanderfol- 
gen, vorgeführt, die drei früheren nach 
König Iuba, die vierte und kürzeste 
nach dem Kursbuch. Der älteste See¬ 
weg nach Indien war derjenige, den 
Nearchos unter Alexander entdeckt 
hatte, vom Euphrat zur Indusmündung. 
Dieser Klistenfahrt wird eine zweite 
Route gegenübergestellt, die in der hel¬ 
lenistischen Zeit benutzt wurde: vom 
syagrischen Vorgebirge an der Süd¬ 
küste Arabiens nach Patale im Indus¬ 
delta, und zwar mit Hilfe des Mon¬ 
suns, der nach seinem Entdecker bzw. 
Wiederentdecker, einem Seefahrer na¬ 
mens Hippalos, dem Vasco de Gama 
des Altertums, ventus hippalus genannt 
wurde. 21 ) Die eigene Zeit des Iuba. 
also die Zeit des Augustus, kannte 
einen näheren und sicherem Weg, von 

22) Vgl. C. Müller in Geographi graeci 
minores I, S. 257ff., Sonderausgabe von 
B. Fabricius, Der Periplus des erythräischen 
Meeres von einem Unbekannten, mit deut¬ 
scher Übersetzung, Leipzig 1883, neuerdings 
auch eine englische Ausgabe von W. H. 
Schoff 1912. 

23) Die Alten hatten neben der uns ge¬ 
läufigen Bezeichnung der Meere im Um¬ 
kreis von Arabien und Indien eine zweite, 
sehr verbreitete, nämlich mare Erythraeum 
= Indischer Ozean und sinus Arabicus = Ro¬ 
tes Meer. Diese letztere ist im Titel des 
Segelhandbuchs verwendet. 

24) Darnach gehört die Entdeckung in 
die späthellenistische Zeit, vgl. Walter Otto 
bei Pauly-Wissowa R.-E. VIII Sp. 1661. 


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461 


Ernst Kornemann, Der Kampf um Araoien und Indien im Altertum 


462 


demselben Vorgebirge Arabiens npch 
dem indischen Hafen Sigerus unbe¬ 
kannter Lage. Diese beiden zuletzt ge¬ 
nannten Routen sind nun so zu ver¬ 
stehen, daß die Indienfahrer bis zum 
erwähnten Vorgebirge der Küste ent¬ 
lang fuhren und von da ab dem offe¬ 
nen Meer sich anvertrauten. Wie sich 
aber aus Strabon ergeben hat, leisteten 
den Hauptverkehr auf diesen Routen 
die indischen und arabischen Händler. 
Allen seither betrachteten Routen stellt 
nun Plinius diejenige seines Kursbu¬ 
ches entgegen, welches Iuba noch nicht 
kannte, das also der Zeit zwischen Ti- 
berius und Vespasian angehört. Die 
Entdeckung des neuen Seeweges wird 
als die Tat eines Kaufmanns bezeich¬ 
net, der selber im Indienhandel tätig 
war. Das Erscheinen des neuen Kurs¬ 
buches, worin wahrscheinlich derselbe 
Kaufmann diese Route zum erstenmal 
publizierte, muß großes Aufsehen er¬ 
regt haben. Das ergibt sich aus den 
Äußerungen des Plinius und weiter dar¬ 
aus, daß er in engstem Anschluß an 
seine Vorlage die ganze Fahrt von 
Ägypten bis Indien mit Angabe der 
Zwischenstationen und der Dauer der 
Reise auf den einzelnen Teilstrecken 
aufs genaueste beschrieben hat. Es ist 
wohl nicht uninteressant, dieses antike 
Kursbuch für alexandrinische Indien¬ 
fahrer, das wie der Periplus in griechi¬ 
scher Sprache verfaßt war, zu rekon¬ 
struieren: 

Ausgangspunkt: Alexandreiabzw. 
der 2 Meilen entfernte Vorort Iulio- 
polis. Von hier nach: Koptos (auf 

dem Nil) 309 M. 12 Tage, weiter nach 
Berenike (Landweg) 257 M. am 12. Tage. 
Zwischenstationen (Entfernungen 
von Koptos): Hydreuma 32 Meilen. In 
monte 1 T. Hydreuma II 85 M. In 

monte, Ad Hydreuma Apollinis 184 

Meilen. In monte, Ad novum Hy¬ 


dreuma 236 M. Hydreuma vetus mit 
Kastell von 2000 Mann 240 M. Berenike 
257 M. Abfahrt von Berenike vor 
Aufgang des Hundsterns oder bald dar¬ 
nach (zweite Hälfte des Juli) nach Oke- 
lis in Arabien 30 T., von da nach 
Muziris oder Nelkynda 23 ) in Indien mit 
dem Südwestmonsun 40 T., im ganzen 
94 T. Rückfahrt aus Indien Ende 
Dezember oder Anfang Januar mit dem 
Ostmonsun, so daß die Hin- und Her¬ 
reise zwischen Ägypten und Indien nicht 
länger als 3 /i Jahr gedauert hat. 

Die Bezeichnung des Schriftchens als 
Kursbuch 2 “) ist nach dieser Rekonstruk¬ 
tion wohl berechtigt. Es gibt wie un¬ 
sere Kursbücher die Entfernung in Mei¬ 
len oder Tagen an, vermerkt die gün¬ 
stigsten Abfahrtszeiten für die Hin- und 
Rückfahrt und verzeichnet die zu be¬ 
nutzenden Winde, was für die Segel¬ 
schiffahrt unbedingt nötig ist. 

Was den Zeitpunkt des Erscheinens 
dieses Kursbuches genauer betrifft, so 
ist zweierlei zu beachten. Plinius sagt 
(IV 101) von der in der augusteischen 
Zeit befahrenen Route, daß sie lange 
Zeit (diu) benutzt worden sei, und hebt 


25) Eine Stadt, wie wir aus dem Peri¬ 
plus wissen, aber von Plinius infolge flüch¬ 
tiger Benutzung seiner griechischen Vorlage 
zum Volksstamm (gens) gemacht. Dort be¬ 
fand sich, wie das Kursbuch weiter aus¬ 
führt, das Königreich des Pandion mit der 
Hauptstadt Modura, und das wichtigste Aus¬ 
fuhrprodukt war der Pfeffer, der auf eigen¬ 
tümlichen Fahrzeugen aus dem kottonari¬ 
schen Gebiet (regio Cottonara) herausge¬ 
bracht wurde. Die Fahrzeuge (ein Doppel¬ 
einbaum, an dem beide Schwimmbalken 
ausgehöhlt waren) beschreibt näher der 
Verfasser des Periplus (§ 60), der auch den 
einheimischen Namen Sangara = heute „jan- 
gar“ nennt (Abbildung in Schoffs englischer 
Ausgabe des Periplus 1912, S. 243), vgl. 
Partsch, Grenzen der Menschheit S. 29f. 

26) Das Vorhandensein solcher nauti¬ 
scher Tagebücher und Kursbücher im Alter¬ 
tum wird uns auch von dem Geographen 
Ptolemaios in der Darstellung Indiens aus¬ 
drücklich bezeugt, Dahlmann S. 29f. 


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463 Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 464 


dann weiter hervor, daß die neue Route 
wegen der Seeräubergefahr an der indi¬ 
schen Küste nur unter militärischer Be¬ 
deckung befahren wurde. Die erste An¬ 
gabe führt auf eine Regierung, die ziem¬ 
lich weit ab liegt von der augusteischen 
und näher der Abfassungszeit von Pli- 
nius’ Naturalis Historia (77 n. Chr.). Die 
zweite paßt auf eine kriegerische Re¬ 
gierung, die vor allem im Orient offen¬ 
siv gewesen ist. Beide Angaben zu¬ 
sammengenommen ergeben die Re¬ 
gierung des Kaisers Nero als die 
Abfassungszeit des Kursbuches. 

Auf dieselbe Regierung werden wir 
geführt, wenn wir die zweite Quelle 
in Betracht ziehen, das Segelhandbuch 
für den Indischen Ozean. Dieses Büch¬ 
lein, das man auch den eigentlichen 
„Führer durch den Indischen Ozean“ 
genannt hat, enthält höchst interessante 
historische Nachrichten, die chronolo¬ 
gisch noch nicht hinreichend festgelegt 
sind. 27 ) Am Ende von § 19 weiß der 
Verfasser zu erzählen, daß in Leuke 
Korne (= Weißdorf) im äußersten Sü¬ 
den des Nabatäerreiches, von wo eine 
Handelsstraße nordwärts nach Petra 
führte, neben dem Landungsplatz ein 
Kastell sich befand, in welchem ein 
Centurio mit einer Truppenabteilung 
zum Schutze eines Zollamtes stationiert 
war. Es saß hier, wie weiter ausein¬ 
andergesetzt wird, ein Steuereinnehmer, 
der den vierten Teil der importierten 
Waren, also einen ungeheuer hohen 
Eingangszoll, nahm. Daß es sich, wie 
schon der Titel des Offiziers zeigt, nur 
um eine römische Besatzung handeln 
kann, ist wohl sicher, obwohl auch 
das Gegenteil behauptet worden ist. 
Wann der Platz von den Römern be¬ 
setzt wurde, vermögen wir allerdings 
nicht zu sagen. Möglicherweise liegt 

27) Zum Folgenden meine Ausführungen 
Janus Heft 1, S. 60ff. 


hieF der äußerste Punkt des Vorstoßes 
der augusteischen Regierung nach Ara¬ 
bien hinein vor, möglicherweise stammt 
die Anlage des Kastells und der Zoll¬ 
station erst aus späterer Zeit. Auf alle 
Fälle ist die Besetzung erfolgt zugun¬ 
sten Ägyptens, um den größten Teil 
der arabischen zur See kommenden 
Waren durch einen hohen Schutzzoll 
nach den gegenüberliegenden Häfen ab¬ 
zulenken. 23 ) Zwei andere Nachrichten 
des Periplus, die uns in diesem Zusam¬ 
menhang mehr interessieren, betreffen 
die Beziehungen Südarabiens zum Rö¬ 
mischen Reich. In § 23 wird von Chari- 
bael, dem König der Himyariten (Ho- 
meriten) und der Sabäer berichtet, daß 
er durch fortgesetzte Gesandtschaften 
und Geschenke ein Freund der römi¬ 
schen Kaiser war, und am Ende von 
§ 26 heißt es vom heutigen Aden, da¬ 
mals Adane genannt, im Periplus auch 
mit dem Namen des Landes Eudaimon 
Arabia = „das glückliche Arabien" be¬ 
zeichnet, daß ein römischer Kaiser nicht 
lange vor der eignen Zeit des Verfas¬ 
sers es unterworfen habe. Also darnach 
begegnen uns die Römer auch in Süd¬ 
arabien, und zwar das eine Mal als 
Freunde und das andere Mal als Sieger 
und letzteres bei einer Stadt, die zum 
Reiche des „Freundes“ gehörte. Die 
zweite Notiz wird durch die Angabe 
„nicht lange vor unserer Zeit“ chrono¬ 
logisch zu bestimmen gesucht. Wie 
weit wir genauer von der eigenen Zeit 
des Verfassers zurückgehen dürfen, da¬ 
für gibt uns einen Fingerzeig die erste 
Stelle. Deutlich wird hier auf einen 
römischen Freundschaftsvertrag mit dem 
Araberkönig angespielt, der die Regie¬ 
rung mehrerer Kaiser, offenbar der 
schnell aufeinanderfolgenden Herrscher 
der flavischen Dynastie, überdauert 

28) So richtig M. Rostowzew, Archiv für 
Papyrusf. IV, S. 307. 


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465 


Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 


466 


hat. Damit kommen wir mit beiden Er¬ 
eignissen, die zeitlich nicht voneinander 
zu trennen sind, wiederum in die nero- 
nische Regierung. Die Römer haben 
sich ebensogut wie heute die Englän¬ 
der nichts daraus gemacht, Freund¬ 
schaftsverträge mit eingeborenen Für¬ 
sten abzuschließen und gleichzeitig 
wichtige Küstenplätze aus deren Reich 
sich abtreten zu lassen oder solche zu 
besetzen und ihren Zwecken dienstbar 
zu machen. Erinnern wir uns nun 
daran, daß nach Plinius die direkten 
Indienfahrten seiner Zeit unter militäri¬ 
scher Bedeckung unternommen wurden, 
und daß Kenner Arabiens oberhalb des 
heutigen Aden Reste eines Römerka¬ 
stells gefunden haben wollen 23 ), weiter, 
daß der Verfasser des Periplus (§ 30) 
auch am syagrischen Vorgebirge ein 
Kastell, allerdings ohne näheren Hin¬ 
weis auf den römischen Ursprung, er¬ 
wähnt, so folgt daraus für uns die ganz 
überraschende Tatsache, daß es eine rö¬ 
mische Regierung gegeben haben muß, 
die mit Erfolg ihre Hand auch nach 
Südaräbien ausgestreckt hat und in der 
Besetzung Adens die Vorgängerin Eng¬ 
lands war. Da der direkte Seeweg nach 
Indien, den das bei Plinius erhaltene 
Kursbuch schildert, nach unseren obi¬ 
gen Ausführungen nicht früher als in 
der neronischen Zeit erschlossen wor¬ 
den sein kann, gehört nach dem eben 
Gesagten auch alles übrige, was wir 
durch den Verfasser des Periplus wis¬ 
sen, in dieselbe Zeit. 

Dasselbe Resultat ergibt die Betrach¬ 
tung einer anderen Tatsachenreihe. Wir 
wissen, daß auf dem Boden des heu¬ 
tigen Abessinien im Altertum zu An¬ 
fang unserer christlichen Zeitrechnung 
ein äthiopisches Großreich, das Reich 


29) A. Sprenger, Die alte Geographie 
Arabiens S. 80. 


der Axumiten, entstanden ist 30 ), wel¬ 
ches nach dem uns erhaltenen großen 
Tatenbericht des Reichsgründers 31 ) sehr 
bald über das Rote Meer auf die mitt¬ 
lere arabische Gegenküste hinüberge¬ 
griffen hat. Die Grenzen seiner Er¬ 
oberungen dortselbst bezeichnet der 
Axumitenkönig im Norden mit Leuke 
Korne und im Süden mit dem Sabäer¬ 
land, die beide außerhalb der äthiopi¬ 
schen Eroberung bleiben. Ein solches 
afrikanisches Großreich, das sich quer 
über das Rote Meer hinüber erstreckte, 
bedeutete aber, wie man sich leicht den¬ 
ken kann, eine nicht zu unterschätzende 
Gefahr für die Römer, die als Erben 
der Ptolemäer den Anspruch auf die 
Herrschaft über das Rote Meer und den 
dortigen Durchgangszoll erhoben. Nun 
ist uns bei Plinius (VI 181) die Nach¬ 
richt erhalten, daß Nero an einen äthio¬ 
pischen Krieg gedacht habe, für den er 
schon von Ägypten aus nilaufwärts 
Kundschaftertruppen bis nach Meroe, 
das in Abhängigkeit von den Axumiten 
stand, gesandt hatte. Was liegt näher, 
als an denselben Kaiser zu denken als 
denjenigen Mann, der auch auf der 
zweiten Südstraße jener Gegenden, dem 
Roten Meer, den Vorstoß nach Süd¬ 
arabien gemacht, dort einen Freund¬ 
schaftsvertrag abgeschlossen und Aden 
besetzt hat, zumal auch die Öffnung 
des direkten Seewegs nach Indien in 
dieselbe Regierung gehört? Eine all¬ 
gemeine Betrachtung stützt diese ganze 
Beweisführung. Keine Regierung seit 
Augustus ist im Orient so offensiv und 
expansiv gewesen wie die neronische, 
und keine hat für den Handel so gro߬ 
artige Unternehmungen in Szene ge¬ 
setzt wie diese. Man denke nur an den 


30) Darüber zuletzt E. Littmann, Deutsche 
Aksum-Expedition I, 1913, S. 39f. 

31) W. Dittenberger, Orientis graeci in- 
scriptiones sei. I Nr. 199. 


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467 


Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 468 


Versuch einer Durchstechung des Isth- 
mos von Korinth, die wohl auch der 
Verkürzung des Seeweges von Italien 
nach Indien dienen sollte. Endlich: ge¬ 
legentlich des Sturzes des Nero hat 
Sueton die seltsame Nachricht, daß die¬ 
ser daran gedacht habe, in Rom ab¬ 
zudanken und sich nach Ägypten zu¬ 
rückzuziehen. Auch diese Nachricht 
spricht dafür, daß der letzte Kaiser der 
iulisch-claudischen Dynastie ein großes 
Interesse gerade für das Nilland gehabt 
hat. Dieses Interesse war nach allem 
Gesagten aber niemals so stark wie in 
den letzten Jahren des Kaisers. In diese 
Zeit gehört die im Geiste Alexanders 
des Großen arbeitende Orientpolitik sei¬ 
ner Regierung mit ihren ganz neuen 
Zielen 32 ), am ehesten in das Jahr 67, als 
Nero in Griechenland bei den großen 
dortigen Nationalfesten sich produzierte 
und andere Männer die Politik lei¬ 
teten. Natürlich hat auch diesmal 
wie in der Ptolemäerzeit der Handel 
der Politik die Wege gewiesen, d. h. 
ich nehme an, daß die Öffnung des 
direkten Seeweges nach Indien, wie 
ihn zum ersten Male das bei Plinius er¬ 
haltene Kursbuch beschreibt, das pri¬ 
märe Ereignis gewesen ist 33 ), dem dann 
bald, und zwar kurz vor dem Sturz 
Neros, der vom Periplus überlieferte 
Vorstoß der Römer nach Südarabien ge- 

32) Gerade damals war auch eine Reise 
nach Ägypten geplant, Sueton, Nero 19, 1, 
und ganz am Schluß der neronischen Re¬ 
gierung war jene Expedition ad Caspias 

E ortas ins Auge gefaßt, wofür eine neue 
egion aus sechs Fuß langen italischen Re¬ 
kruten ausgehoben wurde, quam Magni 
Alexandri phalanga appellabat. Hier haben 
wir die direkte Bezugnahme auf Alexander. 

33) Dies bestätigt auch die Zusammen¬ 
stellung der in Südindien im Hinterland des 
neuen Haupthafens Muziris gemachten rö¬ 
mischen Münzfunde, die gerade aus der 
claudisch-neronischen Zeit am stärksten ver¬ 
treten sind. Vgl. Rob. Sewell, Roman coins 
found in India, Journal of the R. Asiatic 
Soc. 1904, S. 591 ff., Dahlmann S. 53. 


folgt ist, um einen militärischen Stütz¬ 
punkt zur Beherrschung des neuen See¬ 
weges zu besitzen. 

Welche bedeutsamen Folgen die weit¬ 
blickende Politik der neronischen Re¬ 
gierung aber hatte, das hat niemand 
besser geschildert als der klarblickende 
Kaufmann, der das Segelhandbuch des 
Indischen Ozeans geschrieben hat. Er 
erzählt uns von Aden (§ 25): „Eudai- 
mon“ (das glückliche) „wurde der Platz, 
als er noch eine Stadt war, genannt, 
da er, solange man noch nicht von 
Indien nach Ägypten fuhr, noch auch 
von Ägypten in die draußen (d. h. 
außerhalb des Bab el Mandeb) gelege¬ 
nen Plätze zu segeln wagte, sondern bis 
hierher gelangte, die von beiden Seiten 
kommenden Warenexporte aufnahm, wie 
Alexandrien sowohl die von auswärts 
als auch die aus Ägypten herbeige¬ 
brachten Waren aufnimmt. Jetzt aber 
ist es nur noch ein am Meere gelegener 
Flecken.“ Die alexandrinische Kauf¬ 
mannschaft hatte also endlich über das 
südarabische Händlertum gesiegt, Alex¬ 
andrien hatte die große Konkurrentin 
im fernen Südosten ausgeschaltet und 
sich selbst an die Stelle gesetzt. Die 
indischen Kaufleute erstreckten ihre 
Fahrten und Handelsunternehmungen 
seitdem bis nach Ägypten, wie die in¬ 
dische Kolonie in Alexandreia beweist 
(Dio Chrysostomos oratio XXXII und 
XXXV). Mommsen 34 ) nennt das Er¬ 
eignis, das er noch nicht zu datieren 
vermocht hat, ganz richtig ein Seiten¬ 
stück zu der Zerstörung Korinths und 
Karthagos durch die Republik, weil da¬ 
durch dem römisch-ägyptischen Handel 
die Suprematie im Indischen Meere ge¬ 
sichert wurde. Die klugen Männer der 
neronischen Regierung sind also die 
Vollender der Politik Alexanders, der 


34) Röm. Gesch. V, S. 612. 


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469 


Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 


470 


seine größte Alexanderstadt schon zum 
bedeutendsten Hafen der damaligen 
Welt und an Stelle der arabischen Han¬ 
delsmetropole zur Vermittlerin zwischen 
Abendland und Morgenland erheben 
wollte. 

Allerdings für Rom selbst hatte die 
starke Steigerung des Indienhandels 
auch ihre großen Schattenseiten. Die 
Einfuhr diente zum großen Teil dem 
unerhörten Luxus, den vor allem der 
glänzende Hof Neros in der damaligen 
römischen Aristokratie verbreitete, und 
das brachte eine ungeheure passive Bi¬ 
lanz in diesen Teil des Außenhandels. 
Plinius erzählt uns an zwei Stellen 35 ): 
Nach Indien flössen alljährlich laut 
niedrigster Schätzung 55 Millionen 
Sesterzen, das sind 12 Millionen Mark, 
ab, über die Ostgrenze überhaupt 100 
Millionen Sesterzen = 22 Millionen 
Mark, und derselbe Schriftsteller macht 
an der einen Stelle die bittere Bemer¬ 
kung: tanti nobis deliciae et feminae 
constant, „soviel kosten uns der Luxus 
und unsere Frauen“. Ein neuerer For¬ 
scher (Nissen) bemerkt dazu 36 ): „Nach 
unserer heutigen Bilanz erscheint die 
Summe von 22 Millionen Mark recht 
unerheblich: die jährliche Metallausfuhr 
aus Europa nach Indien und China 
betrug im 19. Jahrhundert das Zehn- 
bis Zwölffache. Allein den Römern ka¬ 
men keine amerikanischen Silberminen, 
keine kalifornischen und australischen 
Goldfelder zugute, ihr Bergbau ver¬ 
mochte den Ausfall nicht zu decken. 
Der Ausfall hatte auch auf Jahrzehnte 
hinaus nichts Erschreckendes; aber 
nachdem er ein paar Jahrhunderte lang 
in steigendem Verhältnis angehalten 
hatte, führte er den Staatsbankerott und 

35) N. H. VI 101 u. XII 84. Vgl. auch Taci- 
tus, annal. III 53. 

36) Bonn. Jahrbb. 95, 1894, S. 19. Vgl. 
auch E. Speck, Handelsgesch. 111, 2, S. 930 
und Dahlmann S. 26f. 


jenen völligen Mangel an Edelmetallen 
herbei, welcher die letzten Perioden 
der römischen Geschichte kennzeich¬ 
net.“ Dies ist meines Erachtens eine 
Übertreibung 37 ) — die passive Bilanz 
des Indienhandels ist nicht die Ur¬ 
sache, sondern eine der vielen Ur¬ 
sachen, die das Geldwesen Roms rui¬ 
niert haben —, vermag aber dem Le¬ 
ser auch die Kehrseite der Medaille 
zu zeigen. 

Auf Nero folgten die flavischen Kai¬ 
ser, die mit dem Neuaufbau des Staa¬ 
tes im Inneren vollauf beschäftigt, im 
Orient nicht so expansiv werden konn¬ 
ten wie der letzte Vertreter der alten 
Dynastie. Erst Traian hat wieder an 
Nero angeknüpft, und sein Kampf ge¬ 
gen die Parther in Mesopotamien zeigt 
wieder deutlich das Bestreben, den An¬ 
schluß an den Persischen Golf zu ge¬ 
winnen, die zweite Pforte nach Indien, 
auf die Augustus schon einmal beim 
Orientzug des C. Caesar es abgesehen 
hatte. Während der Nachfolger diese 
traianische Eroberung wieder aufgab, 
ist dagegen Südarabien aus der römi¬ 
schen Interessensphäre nicht verschwun¬ 
den. Der Kirchenschriftsteller Philostör- 
gios nennt noch um 400 n. Chr. Aden 
einen römischen Handelsplatz (Suzöpiov 
’Paualxov), und Aden war eine der drei 
südarabischen Städte, die unter Kaiser 
Constantius mit Erlaubnis des einhei¬ 
mischen Herrschers christliche Kir¬ 
chen erhielten. 38 ) Gelegentlich eines er¬ 
neuten Ubergreifens der Axumiten über 
das Rote Meer diesmal auch nach Süd¬ 
arabien, wurde nach der Tradition im 
Jahre 525 angeblich die Straße von 
Bab el Mandeb durch eine eiserne Kette 

37) Zurückhaltender auch Friedländer- 
Wissowa, Sittengeschichte II 0 , S. 319ff. 

38) Ed. Glaser, Skizze der Gesch. u. Geogr. 
Arabiens II, S. 171, F. Stuhlmann, Der Kampf 
um Arabien zwischen der Türkei und Eng¬ 
land, Hamburgische Forsch. I, 1916, S. 12. 


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472 


471 Ernst Kornemann, Der Kampf um Arabien und Indien im Altertum 


aus strategischen Rücksichten ge¬ 
sperrt. 39 ) Man wollte das Rote Meer 

und seinen Handel ausschließlich für 
Rom und Abessinien reserviert halten. 
Der große Konkurrent beider war da¬ 
mals das Neuperserreich der Sasaniden, 
das in jeder Hinsicht an die großen 
Ideen der Achämeniden wiecjer an¬ 
knüpfte, jedoch ohne sie ganz verwirk¬ 
lichen zu können. Erst die Araber sel¬ 
ber, die sich unter den Abbasiden mit 
den Geheimnissen der persischen Bu- 
reaukratie erfüllten, konnten als Be¬ 
sitzer Ägyptens den Siegeslauf nach 
Ost und West von neuem beginnen und 
das Mittelmeer mit den Wundern In¬ 
diens wieder in Verbindung setzen. — 
Wir sind am Ende. Zweierlei hat uns 
diese Betrachtung gelehrt. Zum ersten 
zeigt sich nirgends so deutlich wie an 
diesem Problem die große Linie in der 
Entwicklung der Welt des Altertums. 
Die Achämeniden, die wir seither, so¬ 
lange wir die alte Geschichte durch 
die griechische Brille betrachteten, all¬ 
zu lange und allzu stark unterschätzt 
haben, sie stehen hiernach am Anfang 
einer Entwicklung, in der höchstens 
noch die Assyrer vorangegangen sind, 
und unter ihnen erweist sich immer 
mehr als der größte Dareios. Sein 
bedeutendster Nachfolger wurde Alex¬ 
ander. Er hat mehr Respekt vor den 
Persern als vor den Griechen gehabt 
und daher den Gedanken eines ira¬ 
nisch-makedonischen Weltreiches ver¬ 
wirklichen wollen, in welchem neben 
Griechenland und Ägypten auch Kar¬ 
thago, Arabien und Indien einen Platz 
haben sollten. Seine Erben wurden die 
Ptolemäer, die von Ägypten aus im 
kleineren Rahmen Alexanders Pläne 
wieder aufnahmen. Von den Römern 
hat dann Augustus nach der Er¬ 
oberung Ägyptens auch das arabische 

39) Stuhlmann S. 13. 


Problem wieder angefaßt, hinter dem 
immer seitdem als nächstes Ziel Indien 
stand. Nächst ihm ist es Nero ge¬ 
wesen, bzw. die klugen Männer seines 
Hofes, die Arabien, wenn auch in 
loser Form, dem Römerreich wahr¬ 
scheinlich vor dem Untergang der iu- 
lisch-claudischen Dynastie angliederten 
und den direkten Weg nach Indien öff¬ 
neten. Von Indien aus drang man im 
2. Jahrhundert n. Chr. auch zu Wasser 
nach China vor, wohin man bis dahin nur 
zu Lande gelangt war. 40 ) In der klassi¬ 
schen Zeit des Altertums hatten die 
Griechen einst das Mittelmeer und 
seine Nebenmeere mit einem blühen¬ 
den Kranz von Kolonien besetzt. Jetzt 
waren es griechische Seefahrer, Kauf¬ 
leute und Diplomaten, die im Dienste 
der hellenistischen Herrscher, späterder 
römischen Imperatoren durch die Welt¬ 
tore im Westen und Osten vordrangen, 
um die Weltmeere hüben und drüben 
zu befahren und ihre Küsten zu er¬ 
forschen. Von Skylax von Karyanda 
beginnt die Reihe jener glänzenden Ent¬ 
decker des Altertums, die hinunter führt 
bis zu dem frommen, unter Justinian 
lebenden Mönch Kosmas Indikopleustes, 
der, obwohl er als Kaufmann weit ge¬ 
reist war, diesen Beinamen vielleicht 
schon zu Unrecht führt, da er bereits 
nicht mehr bis nach Indien gekommen 
ist. 41 ) Das große Problem hat aber, 
wie man auch an diesen Männern sieht, 

40) Darüber zuletzt A. Herrmann, Die 
alten Verkehrswege zwischen Indien und 
Südchina nach Ptolemäus, Zeitschr. der Ges. 
f. Erdk. zu Berlin 1913, S. 771 ff., wo auch 
die ältere Literatur zu dem Thema verzeich¬ 
net ist. 

41) Über Kosmas die klassische Abhand¬ 
lung von Heinrich Geizer, Kosmas der In¬ 
dienfahrer, Jahrb. f. protest. Theologie IX, 
1883, S. 105—141. Für die Ausdehnung der 
Reisen des Kosmas bis nach Indien tritt 
dagegen neuerdings wieder R. Garbe, In¬ 
dien und das Christentum, Tübingen 1914, 
S. 151, ein. 


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474 


473 Gustav Diercks, Der Regionalismus in Spanien 


die Welt des Altertums beschäftigt von 
Dareios bis Justinian; ihr Erbe wurde 
hier, wie in vielem anderen, das Ara- 
bertum seit den Tagen seiner religiösen 
Erneuerung durch Muhammed. 

Das Zweite, was diese Betrachtung 
uns lehrt, ist die Bestätigung des Sat¬ 
zes, den wir schon im Eingang andeu¬ 
teten. Sobald eine Großmacht oder ein 
Reich, das nach der Hegemonie strebt, 
in den Besitz Ägyptens sich gesetzt hat, 
sucht es von hier westwärts und ost¬ 
wärts bzw. södostwärts auszugreifen. 
Die Lage des Nillandes auf dem Schnitt¬ 
punkt der großen Land- und Seestra¬ 
ßen des Orients, zweier Kontinente und 
zweier Meere ist zu günstig, als daß sie 
nicht immer wieder große Herrscher 
angelockt hat, um von hier aus der 
Welt Asiens, Afrikas und Europas den 
Willen des Siegers aufzuerlegen. J2 ) Die 
größten Männer der alten Geschichte 
haben sich, wie wir eben sahen, an dem 
Problem versucht, und von hier aus be¬ 
trachtet wird es erst ganz verständlich, 
warum im Kopfe des jungen Bonaparte 
der glänzende Gedanke der ägyptischen 
Expedition erwuchs, um von hier aus 
Englands Weltstellung zu brechen. Seit 
dem Bau des Suezkanals ist die Be¬ 
deutung des Landes um ein Tausend¬ 
faches erhöht worden. Als der Kampf 
gegen Englands Weltherrschaftspläne 
wird dereinst auch der furchtbare Krieg, 


der hinter uns liegt, in der Geschichte 
erscheinen, und wie die Italiener in 
Europa, so haben die Araber im Orient 
uns an der vollen Entfaltung unserer 
Kraft gehindert. Die Erben Roms und 
die Landsleute Muhammeds sind die un- 
; getreuen Völker geworden, welche, die 
einen wegen des Gegensatzes zu Öster¬ 
reich, die anderen aus Haß gegen die 
Türkei, das große Werk der Nieder- 
ringung Englands und der Befreiung 
der Meere verhindert haben. Was beide 
durch ihre Untreue begonnen, haben 
dann Amerikas unbegrenzte Möglich¬ 
keiten im Westen, die indischen und au- 
1 stralischen Söldnerscharen Englands im 
Osten vollendet. So sind die Araber 
und Inder auch in diesen letzten Kampf 
um die Weltherrschaft verwickelt wor¬ 
den. Beide orientalische Völker haben 
sich die Ketten selbst geschmiedet, die 
i sie nun zu tragen haben als Glieder 
! des gewaltigen imperlum Britannicum 
um den Indischen Ozean hemm. Der 
deutsche Patriot aber, der heute in tief¬ 
ster Trauer an der Bahre seines Vater¬ 
landes steht, muß zugeben: England 
lebt und regiert die Welt, auf dem In¬ 
dischen Ozean als der Erbe der Perser, 
Alexanders, der Römer und der Ara¬ 
ber, die nacheinander, wenn auch auf 
engerem Raume, schon einmal ein ähn¬ 
liches Problem zu lösen versucht haben. 


Der Regionalismus in Spanien. 

Von Gustav Diercks. 


Der spanische Staat hat sich zwar 
an dem großen Weltkriege nicht betei¬ 
ligt. Die leitenden Staatsmänner haben 

42) Jos. Partsch, Ägyptens Bedeutung für 
die Erdkunde, S. 11 f. : „So bietet Ägypten 
das von der längsten Erfahrung beleuchtete 
Beispiel der wechselvollen, immer neue 
Kräfte weckenden Macht einer bedeutsamen 
Weltlage.“ 


bei seinem Beginn wie dann auch wäh¬ 
rend seiner ganzen Dauer in klu- 
1 ger und geschickter Weise allen den 
unermüdlichen Bestrebungen der En¬ 
tente gegenüber, Spanien zu sich hin- 
überzuziehen und an ihrer Seite in den 
Krieg gegen Deutschland und seine Ver¬ 
bündeten einzutreten, erfolgreichen Wi- 


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475 


Gustav Diercks, Der Regionalisnius in Spanien 


476 


derstand geleistet. Trotzdem hat auch 
Spanien mittelbar schwer unter den all¬ 
gemeinen Wirkungen des Krieges ge¬ 
litten, und der Staat hat in den ver¬ 
flossenen sechs Jahren viele ernste Kri¬ 
sen durchgemacht. Nicht unwesentlich 
hat zu den damit verbunden gewesenen 
großen äußeren Verwicklungen und Un¬ 
ruhen eine Frage der inneren Politik 
beigetragen, deren Grundursachen und 
Anfänge sehr weit zurückliegen und 
die auch schon vor dem Kriege den 
Staatsregierungen große Sorgen bereitet 
hat. Es ist dies die Angelegenheit der 
autonomistischen Bestrebungen, die sich 
im Laufe der Zeit in Spanien Geltung 
verschafft und namentlich in der Pro¬ 
vinz Katalonien und im besonderen 
hauptsächlich in Barcelona manche äu¬ 
ßerst bedenkliche Bewegungen hervor¬ 
gerufen haben, die immer noch die 
Regierung, die Krone, die Politik und 
das öffentliche Leben des ganzen Lan¬ 
des auf das lebhafteste beunruhigen 
und deren Folgen, wie die soeben wie¬ 
der von dorther eingetroffenen Nach¬ 
richten zu erkennen geben, noch nicht 
abzusehen sind. 

1 . 

Um nun ein einigermaßen klares Bild 
der äußerst verwickelten Ursachen und 
Wirkungen dieser schwierigen Tages¬ 
frage, die die öffentliche Meinung des 
ganzen Landes beständig auf das 
stärkste in Anspruch nimmt und sogar 
ernste Gefahren für die monarchische 
Verfassung in sich birgt, zu gewinnen, 
ist es erforderlich, etwas weiter auszu¬ 
holen und wenigstens einen flüchtigen 
Blick auf die geschichtliche Entwick¬ 
lung des spanischen Staatswesens zu 
werfen. Der Herd dieser für seine wei¬ 
tere Ausgestaltung so wichtigen weit¬ 
greifenden Bewegung ist Katalonien und 
ihre Leiter befinden sich in Barcelona. 


Katalanismus, Regionalismus, nationale 
pankatalanistische Autonomie bilden 
fortdauernd seit lange die aufregend¬ 
sten Schlagwörter der spanischen Ta¬ 
gespresse und der politischen Litera¬ 
tur des Landes mit ihren zahllosen, 
die Einzelheiten charakterisierenden Ne¬ 
benbegriffen, und das kann um so we¬ 
niger überraschen, da sie der Gegen¬ 
stand tiefgründigster wissenschaftlicher 
Untersuchungen geworden sind, die 
Sprachforscher, die Anthropologen und 
Ethnographen, die Literatur- und die 
Kulturhistoriker wie die Geschichtsfor¬ 
scher und Politiker Spaniens seit einem 
Jahrhundert in ausgedehntestem Maße 
beschäftigen. Denn die katalanistischen 
Gelehrten behaupten, der Katalanismus 
und der Regionalismus mit allen ihren 
typischen Erscheinungsformen seien so 
alt wie die politische und kulturelle 
Geschichte der Iberischen Halbinsel, 
und die kastilischen Forscher bieten all 
ihr Wissen auf, diese Anschauungen 
zu bekämpfen. Es handelt sich in die¬ 
sem mit größter Erbitterung geführten 
Kriege der beiden feindlichen Brüder, 
durch den der Aktenstaub der ältesten 
Staatsarchive des Landes aufgewirbelt 
wird, im Grund um nichts anderes als 
um die Feststellung des biologischen 
Erstlingsrechts der früheren Geburt und 
um das sich daraus ergebende soziale 
und politische Recht einer Vormacht¬ 
stellung auf dem gemeinsamen heimat¬ 
lichen Boden, dem sie entsprossen sind. 

Der spanische monarchische Einheits¬ 
staat, wie er sich in den letzten Jahr¬ 
hunderten entwickelt hat, ist eine Er¬ 
scheinung jüngeren Datums, denn er 
besteht erst seit der Wende vom 15. 
zum 16. Jahrhundert infolge des Ehe¬ 
bündnisses der Erbin des kastilischen 
Staats Isabella I., der Katholischen, mit 
Ferdinand II. von Aragonien und Kata¬ 
lonien im Jahre 1469, und seit der An- 


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Gustav Diercks, Der Regionalismus in Spanien 


erkennung des Thronfolgerechts ihres 
Sohnes Karl (V.) durch die Cortes von 
Valladolid im Jahre 1503. 

Zu den ältesten politischen Staats¬ 
wesen, die nach der Vernichtung des 
Westgotenreiches durch die Araber 
westgotische Heerführer in den Pyre¬ 
näengebieten Nordspaniens gründeten, 
gehörte die 864 entstandene Grafschaft 
Barcelona. Unterstützt von Karl dem 
Großen und den fränkischen Germanen, 
vermochte sie sich rasch von der Herr¬ 
schaft der Araber zu befreien und 
wurde als „Spanische Mark“, die sich 
über einen beträchtlichen Teil der heu¬ 
tigen Provence erstreckte, in das deut¬ 
sche Kaiserreich eingegliedert. Zu An¬ 
fang des 9. Jahrhunderts jedoch erlangte 
sie bereits völlige staatliche Unabhän¬ 
gigkeit, die sie sich trotz mancher An¬ 
griffe der Araber dauernd zu wahren 
wußte, während Leon, die 933 gegrün¬ 
dete Grafschaft Kastilien und die an¬ 
deren christlichen Kleinstaaten fortge¬ 
setzt jahrhunderlang um ihre Erhaltung 
schwer ringen mußten. 

Unter hochbedeutenden Führern, im 
unumschränkten Besitz eines fruchtba¬ 
ren Hinterlandes und eines vorzüg¬ 
lichen Hafens, von dem aus sie einen 
überaus lebhaften Schiffahrts- und Han¬ 
delsverkehr mit allen Mittelmeerländem 
bis zum Orient betrieb, wo überall ihre 
Konsulate ihre Interessen wahrnahmen, 
erlangte die Grafschaft Barcelona sehr 
bald großen Reichtum und bedeutendes 
Ansehen. Ihr großes Handels- und 
Schiffahrtsgesetzbuch, das „Consulado 
de mar" wurde maßgebend für die ganze 
damalige Welt. Ihre „Usatjes de Cata- 
luna" erlangten als hervorragendes Zi¬ 
vilgesetzbuch vorbildliche Bedeutung. 
Die Einrichtung von Konsulaten, Neue¬ 
rungen im Geldverkehr durch Wechsel 
und zahllose andere Einrichtungen fan¬ 
den überall Nachahmung. Die katala¬ 


nische, der provengalischen auf das 
engste verwandte, von der kastilischen 
völlig verschiedene Sprache, nach der 
Ansicht der Katalanen die älteste Toch¬ 
ter des Lateinischen auf spanischem 
Boden, in der auch die angeblich äl¬ 
testen bis jetzt bekannten literarischen 
Urkunden Spaniens abgefaßt sind, bil¬ 
dete ein bequemes wertvolles Binde¬ 
glied für den Verkehr mit den mittel¬ 
ländischen Großmächten Frankreich und 
Italien, deren in der Entwicklung be¬ 
griffene Volkssprachen von dem kata¬ 
lanischen nur dialektisch verschieden 
waren. Die katalanischen Troubadoure 
wetteiferten erfolgreich mit denen der 
beiden anderen Länder; an ihren Tur¬ 
nieren nahmen die Dichter des Auslan¬ 
des teil. Der Wohlstand des Landes 
ließ eine hohe Kultur entstehen. 

Den Höhepunkt ihrer Macht erreich¬ 
ten die Grafen von Barcelona durch 
das förmliche Bündnis mit dem Königs¬ 
hause von Aragonien, mit dem sie 
durch eheliche Bande seit lange ver¬ 
knüpftwaren. Ihre gemeinsamen Kriegs¬ 
flotten und Heere dehnten ihre Macht 
seit dem 11. Jahrhundert bedeutend aus, 
sie eroberten die Balearen, Unterita¬ 
lien und Sizilien, Griechenland und 
Kleinasien und unterstützten die übri¬ 
gen von Kastilien geführten christli¬ 
chen Kleinstaaten Spaniens im Kampfe 
gegen die Araber und Berber. Die 
schließliche völlige Vereinigung beider 
Länder unter der Krone von Aragonien, 
nach dem Aussterben der Grafen von 
Barcelona, gab dann allerdings dieser 
ein Übergewicht über Katalonien, ohne 
jedoch die staatliche und kulturelle Un¬ 
abhängigkeit des letzteren irgendwie zu 
beeinträchtigen. 

Der Verlust der ausländischen Be¬ 
sitzungen der Könige von Aragonien 
und Katalonien im 13. Jahrhundert be¬ 
schränkte zwar räumlich ihre Macht- 


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Gustav Diercks, Der Regionalismus in Spanien 


fülle, doch war diese immerhin der Ka¬ 
stiliens weit überlegen und steigerte 

die seit jeher dort herrschende Eifer¬ 
sucht und Mißgunst dauernd, besonders 
gegen Katalonien, das sein Ansehen als 
eine der ersten See- und Handelsmächte 
der damaligen Welt durch seine Kriegs¬ 
und Handelsflotten zu wahren verstand 
und durch seine hochentwickelte Indu¬ 
strie, seinen Reichtum und seine Han¬ 
delserfolge alle anderen Staaten Spa¬ 
niens bei weitem überragte. 

Als dann schließlich 1479 die end¬ 
gültige Verbindung zwischen Kastilien 
und Aragonien vollzogen wurde, 1492 
der letzte Stützpunkt der Araber fiel, 
Kolumbus, von Isabella I. mit Geld un¬ 
terstützt, Amerika entdeckte, ein geein¬ 
tes Königreich Spanien in die Erschei¬ 
nung trat, das binnen weniger Jahr¬ 
zehnte mit der Kleinstaaterei ein Ende 
machte, König Karl neben seiner Kö¬ 
nigskrone die Kaiserkrone des Deut¬ 
schen Reiches erhielt, wurde auch Kata¬ 
lonien vom Range eines selbständigen 
Staates zu dem einer Provinz herabge¬ 
drückt. Barcelona, das mit seiner Han¬ 
delsflotte das bisherige Weltmeer, das 
Mittelmeer, beherrscht hatte, verlor 
viel von seiner einstigen Bedeutung, 
nachdem dem Weltverkehr ganz neue 
Wege eröffnet waren und vollends 
nachdem Cadiz das ausschließliche 
Recht des Handelsverkehrs mit Amerika 
übertragen worden war. Kastilien hatte 
endlich über Katalonien gesiegt, und 
es nutzte seinen Vorteil aus, um das 
ihm verhaßte „Krämervolk“ der Kata¬ 
lanen durch Steuern und durch Ent¬ 
ziehung aller seiner alten Rechte und 
Vorrechte rücksichtslos zu demütigen. 
Daß diese Behandlung die Katalanen 
gegen die Zentralregierung Spaniens er¬ 
bittern, ihre Verstimmung gegen die Ka- 
stilier erhöhen mußte, daß sie in der Folge 
.daher jede Gelegenheit wahmahmen, 


sich gegen die Dynastie Habsburg auf¬ 
zulehnen, die Unzufriedenen im Lande 
zu unterstützen und für die Wieder¬ 
erlangung ihrer Selbständigkeit und ih¬ 
rer Rechte einzutreten, ist nach diesen 
kurzen geschichtlichen Darlegungen wohl 
verständlich. Ein Aufstand, den sie 1641 
versuchten, wurde zwar niedergeschla¬ 
gen, konnte aber ihre feindlichen Ge¬ 
sinnungen gegen Kastilien und seine 
Zentralregierung in Madrid, das 1560 
von Philipp II. zur Landeshauptstadt 
erwählt worden war, nicht beseitigen, 
obgleich die Katalanen sich unter die 
Staatsgesetze beugen mußten und all¬ 
mählich in einen Zustand von Apathie 
und Lethargie versanken. Trotz alledem 
blieben Katalonien und Barcelona, dank 
dem Fleiß und der Tatkraft ihrer rüh¬ 
rigen Einwohnerschaft, was sie bisher 
gewesen waren: die unbestrittenen 
Hauptstätten des Handels und der In¬ 
dustrie in dem Königreich Spanien. 

2 . 

Die große Freiheitsbewegung gegen 
die Herrschaft der Franzosen von 1808 
erweckte auch Katalonien wieder zu 
neuem Leben und Streben. Die Kata¬ 
lanen wurden sich ihrer früheren Macht¬ 
stellung wieder bewußt. Sie erinnerten 
sich ihrer alten Rechte; sie behaupteten 
mit Recht, daß ihr einst unabhängiger 
Staat als solcher beträchtlich höheres 
Alter besaß als Kastilien, daß ihre 
Sprache die des internationalen Ver¬ 
kehrs gewesen war, und so begann zu¬ 
nächst eine Bewegung, die darauf ab¬ 
zielte, Katalonien das Recht seiner alten 
Sprache als der amtlichen in ihrer Re¬ 
gion zu erwirken. Rasch entstand eine 
bedeutende Literatur und Presse; die 
alten Blumenspiele des Mittelalters wur¬ 
den wieder ins Leben gerufen. Ein star¬ 
kes nationales Leben entwickelte sich. 

Die Geringschätzung, mit der die Ka- 


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Gustav Diercks, Der Regionalismus in Spanien 


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stilier diese Bestrebungen beurteilten 
und sie vor aller Welt als lächerliche 
romantische Auswüchse brandmarkten, 
ihre Bemühungen, das Katalanische als 
einen unentwickelten vulgären Dialekt 
der Provinzbewohner darzustellen und 
ihm das Recht einer selbständigen eines 
gebildeten Volkes würdigen Literatur- 
und Amtssprache zu versagen, mußten 
das Ehrgefühl und das Nationalbewußt¬ 
sein der Katalanen schwer verletzen 
und sie um so mehr anreizen, ihrer 
Sprache immer weitere Anerkennung zu 
verschaffen. So konnte es nicht aus- 
bleiben, daß dieser Gelehrtenstreit um 
die Bewertung des Katalanischen die 
ohnehin seit einem Jahrtausend be¬ 
stehende Spannung zwischen Katalo¬ 
nien und Kastilien ständig steigerte, um 
die Mitte des Jahrhunderts allmählich 
politischen Charakter annahm und un¬ 
ter der Führung einer großen Zahl sehr 
bedeutender Männer wie P6y Margall, 
Balaguer, Prat de la Riba immer wei¬ 
tere Kreise zog. Es entstanden neben 
den rein linguistischen^ literarischen 
und wissenschaftlichen Gesellschaften 
politische Vereine, Parteiverbände und 
Klubs, die gesamte Bevölkerung Kata¬ 
loniens und des ganzen katalanischen 
Sprachgebiets, die sich auf etwa 4 Mil¬ 
lionen beläuft, wurde in die schnell 
wachsende Bewegung gegen Kastilien 
und die Zentralregierung hineingezogen. 
Auf Grund der eingehenden geschicht¬ 
lichen und ethnographischen Studien er¬ 
hoben die Katalanen den Anspruch, als 
selbständige „Nation“ neben der kasti- 
lisch-spanischen betrachtet und behan¬ 
delt zu werden. Puig i Catafalch grün¬ 
dete die Akademie des Institut d’Estudis 
catalans; regionale und nationale Ver¬ 
bände entstanden in allen größeren 
Städten und traten mit vollster Tatkraft 
für die Rechte und stetig steigenden 
Forderungen der Katalanisten ein. 1892 

Internationale Monatsschrift 


trat in Manresa ein Kongreß zusam¬ 
men, der die „ Bases ", die Grundlagen 
eines umfassenden Programms für die 
Politik der Katalanisten aufstellte, und 
bald wurde bei festlichen Gelegenhei¬ 
ten, so bei der staatlichen Genehmi¬ 
gung der Einführung der „Mancomuni- 
dad“, der Vertretung der verschiedenen 
Verwaltungskörper Kataloniens unter 
der Leitung eines Ausschusses von Pa¬ 
trioten und Vertrauensmännern aller 
Ordnungsparteien und unter dem Vor¬ 
sitz von Puig y Catafalch am 20. Mai 1906 
die nationale katalanische Fahne entfaltet. 

Die engen Beziehungen, in denen Ka¬ 
talonien und die Grafschaft Barcelona 
von jeher mit Südfrankreich gestanden, 
hatten zur Folge, daß sich Franzosen 
dort auch in größerer Zahl als im übri- 
Spanien niederließen und ihrer Kultur 
Eingang zu schaffen suchten. Vor allem 
aber nahmen alle politischen Flücht¬ 
linge und unzufriedenen Elemente Frank¬ 
reichs in Barcelona Zuflucht Die star¬ 
ken sozialen Bewegungen des Nachbar¬ 
landes, die republikanischen, sozialisti¬ 
schen, anarchistischen und sonstigen po¬ 
litischen Strömungen Frankreichs fan¬ 
den in den niedrigen Massen der gro¬ 
ßen Hafen- und Industriestadt den be¬ 
sten Nährboden und verbreiteten sich 
von dort aus auch über das ganze Land. 
Der radikale Katalanismus erzeugte im 
besonderen in Valencia, auf den Ba¬ 
learen, im östlichen Aragonien eben¬ 
falls starke Unruhe und gleichartige 
autonomistische Bestrebungen, wie sie 
ja auch bei den Basken stets bestanden 
hatten; und diese-beiden Beispiele rie¬ 
fen ähnliche politische und regionale 
Bewegungen in Andalusien und Ga¬ 
lizien hervor. 

Sie alle dürfen wir unter dem Na¬ 
men „Regionalismus“, worunter parti- 
kularistische Provinzialbestrebungen zur 
Erlangung politischer Selbständigkeit zu 

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Gustav Diercks, Der Regionalismus in Spanien 


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verstehen ist, zusammenfassen. Sie hiel¬ 
ten fortan die Madrider Regierung be¬ 
ständig in Atem und führten zur Grün¬ 
dung von geheimen Genossenschaften, 
wie der „Schwarzen Hand“ in Anda¬ 
lusien, zur Bildung entsprechender poli¬ 
tischer Gruppen, die in Putschen, Streiks 
und Aufstandsversuchen ihren Zielen 
näherzukommen bemüht waren. Nir¬ 
gends jedoch, selbst nicht in den baski- 
schen Provinzen, wurden diese Bestre¬ 
bungen mit solchem Eifer, so starkem 
Zielbewußtsein und solchem Kraftauf¬ 
wand verfolgt wie in Barcelona und 
Katalonien, wo unermüdlich mächtige 
Parteiorganisationen an der Arbeit wa¬ 
ren, um mindestens regionale Selbst¬ 
verwaltung mit eigener Volksvertretung 
zu erzielen, und wo radikale Gruppen 
mit Hilfe zahlreicher französischer, rus¬ 
sischer und anderer fremdländischer 
politischer Aufwiegler sich beeiferten, 
die Volksmassen aufzuputschen und 
Katalonien zu einem selbständigen 
Staatswesen auszubilden. 

Daß damit nicht gesagt werden soll, 
daß die gesamte Bevölkerung Katalo¬ 
niens an diesen Bewegungen teilgenom¬ 
men, die Umsturzpläne gebilligt und 
unterstützt hätte, versteht sich von 
selbst. Aber die Macht geschickter 
Volksredner über die breiten ungebil¬ 
deten Volksmassen ist doch dabei nicht 
zu unterschätzen und in den letzten 
Jahrzehnten drohte nur zu häufig die 
Gefahr der völligen Anarchie, so häu¬ 
fig, daß die Zentralregierung, wie z. B. 
in der Ferrerangelegenheit, alle Mittel 
aufbieten mußte, um- das Äußerste zu 
verhüten. Verhängung des Belagerungs¬ 
zustandes, Aufhebung der Verfassungs¬ 
rechte, Aufgebot von Truppen mußten 
in solchen Fällen angewandt werden, 
um die immer stärker werdenden repu¬ 
blikanischen, anarchistischen, sezessio- 
nistischen Bewegungen mit Gewalt zu 


ersticken. Mehrere Ministerien sind im 
Laufe der letzten Jahre dem Katalanis- 
mus zum Opfer gefallen, der in den 
Cortes und selbst in den Regierungen 
durch seine tüchtigsten politischen und 
rednerischen Kräfte vertreten war und 
mit unerbittlicher Zähigkeit das autonomi- 
stische Programm der Katalanisten mit al¬ 
len seinen Schlußfolgerungen verteidigte. 

Daß der katalanische Regionalismus 
von vornherein antimonarchisch war, 
bedarf kaum der Erwähnung, da die 
Katalanen zu allen Zeiten demokratisch 
gesinnt waren. Die aus dem alten iberi¬ 
schen Clanwesen, der römischen Ge¬ 
meindeverfassung, dem germanischen 
Individualismus und der Thingverfas¬ 
sung hervorgegangene Staatsverfassung 
der Grafschaft war stets im Grunde 
republikanisch. Die katalanischen Cor¬ 
tesabgeordneten waren daher zum min¬ 
desten stets Liberale, in neuester Zeit 
fast immer Republikaner, und sie gaben 
ihre Grundsätze auch nicht auf, wenn 
sie, wie Ventosa, Rodes und Cambö, 
als Mitglieder einiger der letzten Kabi¬ 
nette an der Regierung teiinahmen. 

Die Madrider Zentralregierung hätte 
mit Leichtigkeit in den ersten Stadien 
der katalanischen regionalen Bewegung 
dieser Einhalt tun und ein Einverneh¬ 
men mit der außerordentlich leistungs¬ 
fähigen und fleißigen Bevölkerung Ka¬ 
taloniens erzielen können, wenn sie sich 
beizeiten den früheren gemäßigten For¬ 
derungen der Katalanen gegenüber zu 
klugen Zugeständnissen hätte bereitfin¬ 
den lassen. Sie hat jedoch bis vor kur¬ 
zem, als es zu spät war, fast immer den 
alten Herrenstandpunkt Kastiliens Ka¬ 
talonien gegenüber eingenommen, viele 
schwerwiegende Fehler begangen, die 
Lehren der Geschichte dieser Provinz 
nicht beachtet, durch Befolgung einer 
im allgemeinen schroffen Machtpolitik 
und die Ausbeutung der arbeitsamen 



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Gustav Diercks, Der Regionalismus in Spanien 


wohlhabenden Bevölkerung Kataloniens 
durch schwersten Sieuerdruck vielmehr 
zu wachsender Unzufriedenheit und zur 
Verschärfung des alten historischen Ge¬ 
gensatzes zwischen Kastilien und Kata¬ 
lonien und zu steter Steigerung der For¬ 
derungen der Katalanen, ohne Rücksicht 
auf deren völkische Eigenart, wesent¬ 
lich beigetragen. 

Katalonien dagegen hat als spanische 
Provinz anfänglich und noch bis in die 
letzten Jahre, bei dem starken Wunsch 
seiner Ordnungsparteien und seiner ge¬ 
mäßigt liberalen Handels- und Arbeiter¬ 
bevölkerung, sich ausschließlich ihrer 
bisher so fruchtbar gewesenen Kultur¬ 
arbeit zu widmen, die Möglichkeit zu 
friedlichen Vereinbarungen mit der Zen¬ 
tralregierung geboten. Als der radikale 
Sozialist Lerroux und die Republikaner 
Melquiades Alvarez und Pablo Iglesias 
schon die Fahnen des Aufruhrs entfal¬ 
teten und die Forderung der völligen 
Abtrennung Kataloniens von Spanien 
stellten, haben die konservativen, mon¬ 
archischen und gemäßigt liberalen Ele¬ 
mente der Provinz noch die Solidaridad 
und die Mancomunidad durchgesetzt, 
die dem Streben entsprachen, einen mo- 
dus vivendi mit Kastilien für eine ge¬ 
mäßigte Autonomie zu schaffen und 
der Provinz damit die kommunale und 
wirtschaftliche Selbstbestimmung und 
Verwaltung zu sichern. Das zögernde 
Verhalten, die Unsicherheit der Regie¬ 
rung, ihre Unklarheit über das, was sie 
in der katalanischen Angelegenheit über¬ 
haupt tun sollte, ihre Abneigung, selbst 
in diese Dezentralisation der Verwal¬ 
tung zu willigen, wirkten aber weiter 
verstimmend, und die radikalen Ele¬ 
mente erlangten darüber die Oberhand; 
sie bewogen die Volksmassen, sich mit 
diesem Erfolge nicht zu begnügen und 
auf der einmal betretenen Bahn zur 
Erlangung der völligen politischen Selb¬ 


ständigkeit der katalanischea Nation 
und ihres Volksstaats fortzuschreiten. 

Der Weltkrieg bot den im trüben fi¬ 
schenden radikalen Parteien und Het¬ 
zern die denkbar günstigste Gelegen¬ 
heit, ihre Pläne und Absichten zu för¬ 
dern. Die Franzosen unterstützten diese 
Verhältnisse und Umstände auf das leb¬ 
hafteste in der Hoffnung und zu dem 
Zwecke, auf diesem Wege vielleicht, 
unterstützt von ihren vielen Agitatoren, 
die das ganze Land bereisten, einen 
starken Druck auf die Regierung aus¬ 
zuüben und sie zu bewegen, ihre Neu¬ 
tralität zugunsten der Entente aufzu¬ 
geben. Die infolge der allgemeinen Ver¬ 
hältnisse eingetretene enorme Teuerung, 
die Knappheit der Lebensmittel, die so¬ 
ziale und Arbeiterfrage mit ihrer Stei¬ 
gerung der Lohnforderungen gaben be¬ 
ständige Gelegenheit zur Erzeugung 
von Unruhen, von Streiks und Auf¬ 
ständen, und es war ein leichtes, die 
Volksmassen Kataloniens zu überzeu¬ 
gen,daß an allem Übel die Zentralregie¬ 
rung schuld war, daß nur die Los¬ 
trennung von ihr, die Befreiung von dem 
schwer lastenden Joch Kasiiliens für Kata¬ 
lonien von Vorteil sein konnte. Nach dem 
Kriege haben sich nun die Syndikalisten 
und russischen Bolschewisten sogar noch 
Barcelona zum Arbeitsgebiet ausersehen. 

So nahm denn die katalanische Be¬ 
wegung ihren Fortgang. Erfüllt von 
ihrem starken nationalen Bewußtsein 
und gestützt auf das von Wilson und 
der Entente aufgestellte Nationalitäts¬ 
prinzip, wonach jede Nation ihre Selb¬ 
ständigkeit verlangen konnte, versuch¬ 
ten sie sich an den Präsidenten der 
Vereinigten Staaten und an Frankreich 
wegen ihrer Anerkennung als „Nation" 
zu wenden, die ihnen von der Madrider 
Regierung nicht zugestanden wurde. Sie 
hatten jedoch auch damit nicht den er¬ 
warteten Erfolg, denn Graf Romanones 

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Gustav Diercks, Der Regionalismus in Spanien 


hatte in Paris diesem Bestreben ent¬ 
gegengearbeitet. 

Die Madrider Regierung entschloß 
sich endlich 1919 durch Vorlegung eines 
eigenen Autonomieprojekts, in dem der 
Grundsatz der Teilung Spaniens in Re¬ 
gionen, denen Selbstverwaltung bewil¬ 
ligt werden sollte, stillschweigend an¬ 
genommen wurde, den Katalanen ent¬ 
gegenzukommen. Aber nun war es zu 
spät. Die Katalanisten verfaßtengleich¬ 
zeitig ein Gegenprojekt in einem „natio¬ 
nalen Statut", in dem sie völlige staat¬ 
liche Unabhängigkeit forderten, demge¬ 
mäß das Verlangen nach eigenen natio¬ 
nalen Cortes stellten und die Souveräni¬ 
tät des Königs von Spanien nicht an¬ 
erkannten. Noch ist der Streit über 
diese beiden Projekte, über die Lösung 
der katalanischen Frage, über die von 
den Regionalisten geforderte Umgestal¬ 
tung des spanischen Einheitsstaates in 
einen föderalen iberischen Staatenbund, 
in den gegebenenfalls auch Portugal 
einbezogen werden könnte, nicht ge¬ 
schlichtet. 

So sehen wir denn, wie sich im Laufe 
von etwa 80 Jahren allmählich aus ge¬ 
ringfügigen Anfängen und Anlässen, aus 
eineran sich harmlosen Forderung in der 
Sprachenfrage und aus einer romanti¬ 
schen literarischen Bewegung eine die 
größten Gefahren für den Fortbestand 
des monarchischen Einheitsstaats Spa¬ 
nien in sich bergende politische Streit¬ 
frage von al'erhöchster Bedeutung ent¬ 
wickelt hat, deren Lösung bis jetzt noch 
nicht abzusehen ist. Aber der Schlacht¬ 
ruf „Katalonien den Katalanen" dürfte 
dieses Mal schwerlich wieder von die¬ 
sen und ihren Führern aufgegeben 
werden. 

Man hat den Regionalismus der Ka¬ 
talanen vielfach mit dem Partikularis¬ 
mus verglichen, der in Deutschland der 
Erzielung eines Einheitsstaats und sei¬ 
ner Erhaltung viele Schwierigkeiten be¬ 


reitet hat. Dieser Vergleich mag wohl 
bis zu einem gewissen Grade für die 
Anfänge der katalanistischen Bewegung 
zutreffen, doch nicht für die Entwick¬ 
lung in jüngster Zeit. Wie wir an der 
Hand der Geschichte der Ausgestaltung 
dieser Konfliktsfrage dargelegt haben, 
handelte es sich zuerst wohl um parti- 
kularistische Bestrebungen, sie haben 
dann aber im Laufe der Zeit doch ge¬ 
radezu separatistischen Charakter an¬ 
genommen und drohen seit etwa zehn 
Jahren mehr oder minder offenkundig 
die Grundverfassung und den Bestand 
des Einheitsstaats zu erschüttern. Trotz 
den Zugeständnissen, die die Zentral¬ 
regierung Madrids schließlich den Wün¬ 
schen der Katalanisten gerade in der 
letzten Zeit gemacht hat, streben die 
demagogischen Elemente Kataloniens 
und im besonderen Barcelonas doch 
nun dahin, seine völlige Unabhängigkeit 
zu erlangen und auf Grund des Nationali¬ 
tätsprinzips Wilsons und der Entente ein 
eigenes nationalrepublikanisches Staats¬ 
wesen zu gründen, das über den föderali¬ 
stischen Bundesstaat hinaus dahin abzielt, 
sich von dem übrigen Spanien loszusagen 
und seine eigenen Wege zu gehen. 

Immerhin darf man hoffen, daß die 
konservativen monarchischen und ge¬ 
mäßigt liberalen Ordnungsparteien 
schließlich doch die Oberhand gewin¬ 
nen werden, und daß der iberische Ein¬ 
heitsgedanke, der eines der Staatsideale 
weiter politischer Kreise des ganzen 
Spaniens bildet und der darauf abzielt, 
falls einzelne Regionen des Landes die 
Selbstverwaltung erlangen sollten, einen 
iberischen Staatenbund mit Einschluß 
von Portugal zu bilden, schließlich aus 
diesem Konflikt, der durch die radi¬ 
kalsten Elemente der katalanischen Se¬ 
paratisten, Anarchisten und Syndika¬ 
listen heraufbeschworen worden ist 
siegreich hervorgehen wird. 

Berlin-Steglitz, Nov. 1920. 


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489 Max Cornicelius, Eine internationale Ehrung Arturo Farinellis 490 

Eine internationale Ehrung Arturo Farinellis. 

Von Max 


l. 

Arturo Farinelli ist den deutschen 
Forschern auf dem Gebiet der romani¬ 
schen Literaturen ein wohlbekannter 
Name. Wie er 1892 in Berlin promo¬ 
viert und dann in Innsbruck 1896—1904 
als Universitätslehrer gewirkt hat, mit 
Vorlesungen, die er nicht nur in ita¬ 
lienischer, sondern auch in deutscher 
und französischer Sprache zu halten 
vermochte, so hat er an der wissen¬ 
schaftlichen Zeitschriftenliteratur, vor 
allem in der „Deutschen Literaturzei¬ 
tung“ und im „Archiv für das Studium 
der neueren Sprachen“, eifrig wie kein 
anderer Italiener, wie überhaupt kein 
Ausländer neben ihm, sich beteiligt. Und 
noch über den Kreis der Fachgenossen 
hinaus richtete er in den „Süddeutschen 
Monatsheften“, in der Münchener All¬ 
gemeinen Zeitung sein Wort an deut¬ 
sche Leser, auch als Schriftsteller un¬ 
sere Sprache wie einer der Unsern be¬ 
herrschend. Die Internationale Monats¬ 
schrift hat 1913 und 1914 zwei längere 
Aufsätze seiner Feder gebracht: den 
einen, über Rousseau, ebenfalls deutsch 
verfaßt, den andern, über Menendez y 
Pelayo, aus dem italienischen Manu¬ 
skript übersetzt. Besonders diese Ar¬ 
beit werden ihm die Leser gedankt 
haben; sie gibt ein lebendiges, mit kon¬ 
genial sympathisierendem Verständnis 
gezeichnetes Bild des universalsten spa¬ 
nischen Literaturhistorikers unserem Tage 
— Menfendez ist 1911 vierundfünfzig- 
jährig gestorben —, der gewiß bei uns 
vielen auch literaturhistorisch Unter¬ 
richteten nur in unsicherer Vorstellung 
vor Augen gestanden hatte. 

Seit 1907 ist Farinelli Professor der 
deutschen Literatur in Turin. Hier hat 
er 1919 die fünfzigste seiner Semester¬ 
oder Jahresvorlesungen seit 1895 als 


Cornicelius. 

Universitätslehrer gehalten, ein will¬ 
kommener Anlaß für einige Freunde 
und Schüler, an ihrer Spitze Benedetto 
Croce und Giovanni Gentile, ihm eine 
besondere literarische Ehrung zu erwei¬ 
sen. Sie haben sich von Farinelli eine 
Auswahl aus seinen Lehrvorträgen er¬ 
beten und öffentlich im In- und Aus¬ 
land zur Subskription auf den sie zu¬ 
sammenfassenden Band aufgefordert.’) 
Trotz der ungünstigsten Zeitverhält¬ 
nisse ist dieser Ruf weithin auch außer¬ 
halb Italiens gehört worden; an 700 Na¬ 
men zählt das dem Buche vorangestellte 
Verzeichnis der Subskribenten auf, dar¬ 
unter aus Deutschland Gelehrte, Sprach 
und Literaturforscher, wie Hugo Schv. 
chardt, Meyer-Lübke, Karl Voßler; aus 
England den Cervantes-Biographen Fitz- 
maurice-Kelly; Henry R. Lang in New 
Haven; den Franzosen Morel Fatio; de¬ 
in Spanien heute führenden Epenfor¬ 
scher Menöndez Pidal; den Dänen Kri- 
stopher Nyrop. 

Zwei Charakteristiken des Universi¬ 
tätslehrers leiten den Band ein. Von 
dem Professor in Innsbruck, dem Leh¬ 
rer vorwiegend natürlich der dort stu¬ 
dierenden österreichischen Italiener („II 
maestro degl’ irredenti“) handelt F. Pa- 
sini. G. A. Alfero — kein Unbekannter 
unseren Lesern, die seine besonnenen, 
gediegenen Literatur- und Kulturberichto 
aus der italienischen Gegenwart in den 
Jahrgängen 1913 und 1914 noch in der 
Erinnerung haben — gibt ein anschau¬ 
lich mit liebevoller Sorgfalt gezeich¬ 
netes Bild seines Turiner Lehrers. Wie 
wohlgetroffen es ist, bestätigen schon 
früher von Farinelli zum Druck ge¬ 


ll Per il cinquantesimo corso di lezioni 
di Arturo Farinelli. L’Opera d’un maestro. 
Quindici lezioni inedite e hibliografia degli 
scritti a stampa. Torino 1920, Fratelli Bocca. 


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Max Cornicelius, Eine internationale Ehrung Arturo Farinellis 


gebene Vorlesungen und lassen ebenso 

die für diesen Jubiläumsband von ihm 
ausgevvählten Stücke erkennen. Ein lei¬ 
denschaftlich rastloser Wissensdrang im 
Bereich der geistigen, vor allem der 
literarisch künstlerischen Kultur der 
Neuzeit, verbunden mit einem ebenso 
leidenschaftlich alle Schranken überflie¬ 
genden humanitären Idealismus, geben 
Farinellis Forschung ihren Grundcha¬ 
rakter und bestimmen sein Wirken auf 
dem Katheder. Denn diese seine idea¬ 
listische Anschauung alles wissenschaft¬ 
lichen wie künstlerischen Schaffens 
durch Beispiel und -Lehre auf seine 
Schüler zu übertragen, ist ihm eine hei¬ 
lige Pflicht. Er weiß wohl, daß nüch¬ 
tern praktische Realisten ihm solche 
Lebens- und Lehrauffassung verargen, 
daß sie ihnen ein ideologischer Traum 
ist — folle sogno nennt sie Farinelli 
selber ironisch in ihrem Sinne —; un¬ 
erschüttert tritt er nur um so lauter, 
entschiedener öffentlich für sie ein. 
Nirgends überschwenglicher und zu¬ 
gleich mit so ganz persönlichem Aus¬ 
druck, in einer herausfordernden, dich¬ 
terisch gehobenen Sprache, wie in der 
1911 veröffentlichten Einleitung zu sei¬ 
nem Vorlesungskursus über die deut¬ 
schen Romantiker. 2 ) Sie vor allem, diese 
„erlesene Familie der ersten deutschen 
Romantiker“, das primo Santo cenacolo , 
das sich um das Athenäum der Schlegel 
zusammenschloß, ruft Farinelli auf als 
Befreier von der Veräußerlichung, Ma¬ 
terialisierung, Mechanisierung unseres 
geistigen Lebens heute, wie anderwärts 
so auch in Italien. Ihm selber haben 
diese „kühnen Eroberer des Ich“ stärkste 
Anregung für seine von ihm vorzüglich 
gepflegten individual - psychologischen 
Studien gegeben; besonders an ein Wort 
Novalis’, des Dichters, „der ins Un¬ 
endliche schaut“, erinnert er wieder- 

2) 11 Romanticismo in Germania. Bari 
1911, Laterza. 


492 


holl als eins, das ihm immerfort ge¬ 
bieterisch im Herzen ertöne: „Nach in¬ 
nen geht der geheimnisvolle Weg; in 
uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit 
ihren Welten, die Vergangenheit und 
Zukunft.“ Aber auch das andere we¬ 
sentliche Ziel seiner Wirksamkeit als 
Lehrer und Schriftsteller: ein übernatio¬ 
nales Streben nach humaner geistiger 
Völkerverbindung fördern zu helfen, so 
wie es sein Schüler Cesare Battisti in 
den Worten ausgesprochen hat: „Für 
das Vaterland der Humanität; für die 
Humanität der Vaterländer“ — auch 
dieses Ideal sucht sein Vorbild vorzüg¬ 
lich bei den deutschen Romantikern. 

In gleicher Auffassung hat er in sei¬ 
ner Turiner Antrittsvorlesung 1C07 sei¬ 
nen Schülern auch Herder vorgestellt, 
an dem er zugleich Drang und Be¬ 
gabung „sich in die Seele der Dichter 
aller Völker hineinzufühlen“ bewun¬ 
dert 3 ); und wenn unter seinen literari¬ 
schen Porträts das von Menfendez y 
Pelayo gegebene 4 ) eines der glücklich¬ 
sten ist, so beruht diese Wirkung zwar 
auch auf anderen beiden Literaturkri¬ 
tikern gemeinsamen Zügen. Denn es 
bezeichnet ja durchaus Farinellis eigene 
Art, wenn er von dem spanischen For¬ 
scher und Darsteller sagt, Begriffsenge 
und methodische Starrheit seien ihm 
unerträglich gewesen; und ferner: ver¬ 
stehen habe für ihn „innerlichst nach¬ 
fühlen“ bedeutet, „sich in das Kunst¬ 
werk, das man prüft und in sich auf¬ 
leben läßt, ganz hinein versenken und 
vergessen“. Aber sicher ist cs vor allem 
wieder der durch keine nationalen 
Schranken eingeengte geistige Weitblick, 
der Menöndez eigen war, wie er Fari¬ 
nelli selber so sichtlich auszeichnet, was 
diesen sympathisch zu seinem spani- 

3) L’Umanitä di Herder e il concetto della 
„razza“ nella storia evolutiva dello spirito. 
Prolusione tenuta all’ Universitä di Torino 
il 13 dicembre 1907. Catania 1908. 

4) Int. Monatsschr. Bd. 8, Sp. 821 ff., 977H. 


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Max Cornicelius, Eine internationale Ehrung Arturo Farinellis 


494 


sehen Mitforscher hinzieht, die gemein¬ 
same Auffassung der Kritik als eine 
„hohe humanisierende Mission, die frei 
und heiter sich im Universalen ergeht". 
Auch die besondere Schätzung Deutsch¬ 
lands, die Farinelli an Menfendez her¬ 
vorhebt, als der Nation, welche „die 
geistige Führung aller übrigen Völker" 
übernommen habe, teilt er ja selber 
ebenfalls. 5 ) 

über Farinellis eigene Universalität, 
den weiten Umkreis seiner literatur¬ 
historischen Lehrtätigkeit, ihre varietä 
clella materia, vastitä degli orizzonti, 
die auch die Urheber dieser Jubiläums¬ 
ehrung hervorheben, unterrichtet das 
eine, das Innsbrucker, der beiden dem 
Bande beigegebenen Verzeichnisse sei¬ 
ner bisherigen Vorlesungen. In Turin 
mußte er nach seinem Lehrauftrage auf 
deutsche Li:eratur allein sich beschrän¬ 
ken; nur Ibsens Dramen hat er noch 
hinzugefügt und — hier aber in Vertre¬ 
tung von Kollegen — die poetische Ge¬ 
schichte des Cid und die spanischen Ro¬ 
manzen. In Innsbruck dagegen, als Pro¬ 
fessor für romanische Literaturen und 
Sprachen, seinem eigensten Triebe völ¬ 
lig freigegeben, sehen wir ihn auch über 
dieses ganze weite Gebiet mit literar- 
psychologischer Erforschung und Er¬ 
läuterung meist von Schriftwerken 
höchsten Ranges beschäftigt. Neben 
den heimischen Großen, von Dante herab 
bis Manzoni und Leopardi erschei¬ 
nen Franzosen von Montaigne bis 
Chateaubriand und Mme de Staöl; Spa¬ 
nier, diese ihm besonders vertraut und 
ebenso wie Deutsche und Franzosen 
auch in ihrqr eigenen Sprache behan¬ 
delt; Camoens’ Lusiaden. 

Die deutsche Literatur erfüllt Fari¬ 
nellis Vorlesungen von Lessing herab 

5) In seiner Prolusione über Herder nennt 
Farinelli die Deutschen eine Nation überreich 
an größten Geistern, die mit klarem und 
tiefem Blicke in die verborgenen Räume un¬ 
seres irdischen Gefildes eingedrungen sind. 


bis zur Gegenwart; ihre Lyrik sogar 
vom Mittelalter bis zu Goethe. Und wie 
unter den denkwürdigen Italienern auch 
Machiavelli mit seinem „Principe" auf- 
tritt, so bei uns Fichte mit den „Reden 
an die deutsche Nation". Von unsem 
Lyrikern findet man in dem vorliegen¬ 
den Bande, neben dem in einem beson¬ 
deren Vorlesungszyklus über seine Ly¬ 
rik behandelten Goethe, Paul Gerhardt, 
Christian Günther und Albrecht von 
Haller; Drama und erzählende Prosa 
vertreten Heinrich von Kleist und Gott¬ 
fried Keller, offenbar zu wohlbedachter 
Kontrastwirkung nebeneinandergestcllt. 

2 . 

Eine ganz eigene Art der Betrachtung 
und Darstellung ist es, der sich Fari¬ 
nelli als literarhistorischer Porträtist 
hingibt, nicht zu sättigen in seinem 
Drang, in immer neue Persönlichkeiten 
einzutauchen, in sie sich einzufühlen, 
einzudenken. „Wer bis in die persön¬ 
liche Seele eines Künstlers hinabgestie¬ 
gen ist" — so sagt er selber in jener 
Turiner Antrittsvorlesung über Herders 
„Humanität“ —, „ihren lebenspenden¬ 
den Hauch geatmet hat, der empfindet 
dann immer unwiderstehlicher das Be¬ 
dürfnis, seine Forschung stetig auf an¬ 
dere Individualitäten auszudehnen, wie 
sie bald hier bald dort die Jahrhun¬ 
derte hindurch auf die Weltbühne her¬ 
abgeschickt worden sind.“ Auf Nova¬ 
lis’ Spuren gehend, ist sich Farinelli 
gewiß, daß geistesmächtige und ganz 
selbständig aus eigner Kraft heraus 
denkende und handelnde Individuen die 
Treiber und Träger menschlichen Fort¬ 
schritts sind: „Die einzigen Lebens¬ 
quellen", sagt er, „entspringen aus den 
Tiefen der individuellen menschlichen 
Seele.“ Eine psychologische Methode 
der Betrachtung literarischen, künstle¬ 
rischen Schaffens wie die Taines lehnt 
er als vorwiegend am Äußeren haftend. 


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495 Max Cornicelius, Eine internationale Ehrung Arturo Farineilis 


mechanisch, materialistisch ebenso ab 
wie Men6ndez und. wie sie schon Sainte- 
Beuve, der unvergleichlich erfahrene 
und geübte Meister der literaturpsycho¬ 
logischen Biographie, abgelehnt hat. 

Den Rassebegriff verwirft Farinelli 
überhaupt und ganz unbedingt, be¬ 
kämpft nicht nur die Überspannungen 
und Verzerrungen, die er vorzüglich 
in Deutschland, in Nachfolge und Über¬ 
treibung Gobineaus, erfahren hat. Des¬ 
sen Theorien nennt er schlechtweg ver¬ 
rückt (pazzesche), trotzdem er weiß, 
daß doch so gründliche Forscher wie 
Pott und Ratzel sie, wenn besonnen 
eingeschränkt, nicht schroff abgelehnt 
haben; ja er scheint nicht einmal die An¬ 
nahme, eines die Jahrhunderte hindurch 
sich erhaltenden Grundcharakters eines 
Volkes — was die Franzosen gönie 
d’un peuple nennen — zulassen zu wol¬ 
len, spricht von der indole pretesa dei 
popoli. Ihm bleibt allein die Erkennt¬ 
nis der jedem Volke, für alle andern 
nutzbar, von der Vorsehung geschenk¬ 
ten schöpferischen Individuen ein wis¬ 
senschaftlich klares und auf dem Ge¬ 
biete literarischer Kunst ihn selber 
vor allem lockendes Forschungsziel. 
Solchen Genien das Geheimnis ihrer 
Persönlichkeit abzugewinnen, sieht ihn 
der Leser gleichsam mit eigenen Augen 
vor sich an der Arbeit. Es ist ein un¬ 
ablässiges Andringen, Zudringeii, nicht 
wie nach einem methodischen Plane, 
sondern in einzelnen immer erneuten, 
auch auf dieselbe Stelle zurückkommen¬ 
den Angriffen. Kenntnis der äußeren 
Biographie und der Werke, des Stof¬ 
fes und der Dokumente solcher psy¬ 
chologischer Arbeit wird mehr voraus¬ 
gesetzt als eigens vermittelt, nur diese 
Arbeit selber dargebo'.en mit dem zu¬ 
versichtlichen Bewußtsein, daß sie zu 
leisten sei. 

Das erste solcher von Farinelli für 
das Jubiläumsbuch ausgewählten The¬ 


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men aus der deutschen Literatur ist 
Gottfried Keller. 

Gottfried Keller ist gewiß den mei¬ 
sten Italienern, auch solchen von aus¬ 
gebreiteter literarischer Bildung, noch 
immer ein etwas mythischer Name der 
deutschen Literatur. Diesen Zug trug 
schon seine Einführung in Italien noch 
zu seinen Lebzeiten, mit lebhaftem Un¬ 
willen in solcher Form von ihm selber 
vernommen. 6 ) Dieser ersten Würdigung 
Kellers, zumal seiner Novelle „Romeo 
und Julie auf dem Dorfe“, folgten „Spie¬ 
gel das Kätzchen“ 1891 und der ge¬ 
kürzte „Grüne Heinrich“ 1905 übersetzt, 
aber unsorgfältig und mißlungen. Die 
erste beachtenswerte literarhistorische 
Schätzung brachte 1895 das Emporium, 
eine in Bergamo erscheinende Zeit¬ 
schrift, aus der Feder Carlo Fa¬ 
solas, der sie dann 1907, im ersten 
Band der von ihm geleiteten „Ri- 
vista di letteratura tedesca“, als noch 
immer rechtzeitig kommend, in Flo¬ 
renz von neuem herausgab und eine 
eigene Übersetzung des „Schlimm¬ 
heiligen Vitalis“ hinzufügte. Zwei Jahre 
darauf erschien im „Fanfulla della do- 
menica“ eine kurze, prägnante, in die 
Kenntnis des Menschen und Dichters 
praktisch und geschickt einführende 
Charakteristik Rodolfo Reniers. 7 ) Ihn 
hatte der Dichter dauernd so angezo¬ 
gen, daß er in seinem Aufsatz einlei¬ 
tend sagen konnte, er vermöchte ein 
ganzes Buch über Gottfried Keller zu 
schreiben, so viel habe er ihn und über 
ihn gelesen und nachgedacht. 

Auf Renier ist dann Farinelli, jahre- 

6) Brief an Adolf Exner vom 16. Mai 
1876 (Ermatinger, G. Kellers Leben, Briefe 
u. Tagebb. Bd. 3, S. 168). Beiläufig, der 
Verfasser der phantastischen biographischen 
Angaben in der Nuova Antologia, „das Rind¬ 
vieh“, nach dessen Namen Keller Exner 
zu forschen bittet, war Emilia Viola-Ferretti. 

7) „Alcunchö di Goffredo Keller". Auf¬ 
genommen in die Sammlung seiner „Svaghi 
critici“, Bari 1910, Laterza, S. 441—463. 


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Max Cornicelius, Eine internationale Ehrung Arturo Farinellis 


498 


lang neben dem allzu früh Geschiede¬ 
nen 8 ) an der Turiner Universität leh¬ 
rend, mit einem Kolleg über Gottfried 
Keller gefolgt, dessen zwei Einfüh¬ 
rungsvorlesungen von ihm in der vor¬ 
liegenden Auswahl zum Druck gegeben 
sind. Für die Vorlesung selber hat er 
zur Charakteristik von Kellers Kunst 
sich nur ein Werk allein zur Behand¬ 
lung gestellt, an äußerem Umfang das 
winzigste von allen: die „Sieben Le¬ 
genden". Schwerlich würde selbst auf 
einem deutschen Katheder ein Dozent 
sie als Stoff eines ganzen Kollegs sich 
wählen, und etwas überrascht fragt sich 
zunächst wohl mancher Leser — denn 
Farinelli selber in seiner Einleitung äu¬ 
ßert sich hierüber nicht näher —, was 
diesen zu solcher Wahl bestimmt haben 
möge. Die Natur des Kellerschen In¬ 
geniums, seine „intuitive Kraft, den un¬ 
erschöpflichen Reichtum seiner Erfin¬ 
dungsgabe“ will Farinelli an ihnen sei¬ 
nen Hörern darlegen. Nun sind aber doch 
sicherlich Kellers vollste und reichste 
Schöpfung „Die Leute von Seldwyla“, 
die vom Märchen bis zum sozialen Zeit¬ 
bild das ganze Gebiet umfassen, das er 
beherrscht, mit der ersten Novelle noch 
an den „Grünen Heinrich" sich knüpfen 
und in der letzten schon auf „Martin 
Salander“ vorausweisen: und so bieten 
sie auch in Sprache und Stil die man¬ 
nigfaltigste Anschauung seiner Kunst. 
Daher bewundert auch Renier vor allem 
diese Novellensammlung. Nur eins der 
anderen Werke erscheint ihm künst¬ 
lerisch gleichwertig: ebenfalls die Sie¬ 
ben Legenden; nirgendwo sonst, sagt 
er, hat Kellers Stil eine gleiche Trans¬ 
parenz erreicht. Das schmale Bändchen 
enthält in der Tat das sprachlich Stil¬ 
vollste, was Keller geschrieben hat, das 
Wort im Sinne Anselm Feuerbachs 9 ) und 
des als Künstler dem Märchen- und Le- 

8) Zu R. Renier s. Alfero in der Int. 
Monatsschr. Bd. 7, Sp. 772ff. 


gendendichter Keller nahverwandten 
Böcklin genommen, wonach Stil Weg¬ 
lassen des Unwesentlichen ist. Diese 
sparsame Ökonomie der Ausdrucksmit¬ 
tel, mit der der Dichter doch volles blü¬ 
hendes Leben zu schaffen vermag, gibt 
den „Sieben Legenden“ Gottfried Kel¬ 
lers ihren dauernden, klassischen Wert. 
Als reines Kunstwerk, wenn man einige 
meist auf der Oberfläche bleibende hu¬ 
moristische Willkürlichkeiten übersieht, 
gehen sie an der Spitze seiner Dich¬ 
tung. Zudem sind sie in Stoff und Ge¬ 
halt, in ihrer Tendenz, den durch Mit¬ 
telalter und Renaissance hindurchge¬ 
gangenen Romanen und Germanen ins¬ 
gesamt gleich verständlich, nicht wie 
„Die Leute von Seldwyla“ mit spezi¬ 
fisch nationalen Elementen durchsetzt; 
die Mehrzahl von ihnen besonders deut¬ 
liche Zeugnisse von Kellers „Naturalis¬ 
mus", seinem optimistischen Glauben 
an das vorwiegend gedeihliche Wal¬ 
ten des unverstiimmelt natürlichen 
Menschenwesens und der ihm sich an¬ 
passenden sozialen Ordnungen. Mit 
Recht hebt Farinelli in seiner Charakte¬ 
ristik stark hervor, wie dieses Natur¬ 
evangelium Kellers ganzes Schaffen als 
dessen Grundlage bestimmt. 

Auch im übrigen hat bei Keller wie 
bei Heinrich von Kleist die Farinelli be¬ 
sonders eigene Art psychologischer Be¬ 
gründung, dieses „gemeinsame Hinab¬ 
steigen in den Kern des Eigenbewußt¬ 
seins“, wie er im Hinblick auf Keller 
sagt (discendere con lui nelta sua bella 
coscienza) treffende Bemerkungen ein¬ 
getragen: über Kellers ruhig geniales, 
nie künstlerisch aufgereiztes poeti¬ 
sches Schaf feil; über die Gewissenhaftig¬ 
keit und Sorgfalt seiner künstlerischen 
Arbeit: die aus seiner sicheren Natur¬ 
anschauung auch für seine phantasti¬ 
schen, traumhaften Gebilde erworbene 
Gabe plastischer Gestaltung und man- 

9) „Ein Vermächtnis“. Wien 1882, S. 8' 


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Max Cornicelius, Eine internationale Ehrung Arturo Farinellis 


ches andere noch. Daß jeder mit Gott¬ 
fried Keller vertraut gewordene Leser 
ihm hier überall beistimme, wird Farinelli 
selbst nicht erwarten. Nicht jeder wird 
den Charakter des großen Dichters so 
durchsichtig finden und in so sicheren 
Linien zu zeichnen; in ihm, im Gegen¬ 
satz zu Heinrich von Kleist, die tran- 
quillitä und serenitä, die calrna divina 
als durchgehend herrschende Züge zu 
sehen vermögen; wird sie nicht nur im 
Verfasser des „Martin Salander“ vermis¬ 
sen, sondern auch schon im Schöpfer 
des „Grünen Heinrich“ in der Berliner 
Zeit, den schaffenskräfiigsten Jahren 
des Dichters. Und wenn Farinelli diesen 
als den educatore nato seines Schwei- 
zervolkes hinstellt, und von dieser Er¬ 
ziehungsaufgabe als von einer in Kel¬ 
lers Bewußtsein lebendigen sacra mis- 
sione spricht, so hat hier der Porträ¬ 
tist in seinem schönen Eifer unwillkür¬ 
lich Züge des eigenen Wesens auf sein Mo¬ 
dell übertragen; denn er selber faßt aller¬ 
dings sein erziehendes Wirken als Univer¬ 
sitätslehrer ganz in diesem Pathos auf. 

Der Bildnisskizze Gottfried Kellers 
läßt Farinelli die noch schwierigere Ar¬ 
beit einer Charakteristik Heinrich von 
Kleists folgen: die beiden Einleitungs¬ 
vorlesungen eines Kollegs über die Dra¬ 
men des Dichters. In Form und In¬ 
halt ein rechtes Seiten- und Gegen¬ 
stück zu jener. Aus dem großen Vor¬ 
lesungszyklus über die Lyrik in Deutsch¬ 
land von Walther von der Vogelweide 
bis Klopstock sind mit glücklicher Hand 
neben Albrecht von Haller Paul Ger¬ 
hardt und Christian Günther ausge¬ 
wählt. Ihre Zeichnung erscheint beson¬ 
ders gelungen, Günthers zumal. Denn 
dessen Gedichte entsprechen ganz dem, 
was Farinel'.i von spontaner unverkün- 
stelter Poesie verlangt, reiner fast noch 
als die Goethesche Lyrik, deren Be¬ 
trachtung, in dem längsten Stücke, den 
Band abschließt. 



3. 

Farinellis Ästhetik deckt sich, wenn 
auch nicht ganz, doch größtenteils mit 
der seines Freundes Benedetto Crooe. 
Alle wahrhaft poetische Schöpfung er¬ 
hält Leben und Einheit allein aus dem 
Innern, aus dem Gefühl des Dichters; 
auch von ihr gilt das zitierte Nowalis- 
wort. Bis in die äußerste Konsequenz 
verficht Farinelli diesen Grundsatz. Je 
reiner die Lyrik unbewußt dem inner¬ 
sten Gefühl des Dichters entspringt, 
desto unverfälschtere Poesie ist sie ihm. 
„Lyrik“, sagt er, „ist Instinkt, ist die 
regellose göttliche Phrenesie Günthers 
und Bums’.“ Nun ist aber alle Po¬ 
esie für ihn wie für Croce 10 ) ly¬ 
risch; unsere Kategorien: Episch, Dra¬ 
matisch neben und gegenüber dem Ly¬ 
rischen sind scholastische Erfindungen, 
willkürliche Zerteilung des Unteilbaren, 
darum auch Schranken, die immer wie¬ 
der jede geniale, nur sich selbst ge¬ 
horchende poetische Kraft mißachtet 
und überspringt. Goethes poetisch wert¬ 
vollste Produktion gehört in Farinellis 
wie in Croces Schätzung der vorwei- 
marischen Zeit an, jenen Jahren eines 
allerdings nicht selten besinnungs¬ 
losen, „nachtwandlerischen“ Dichtens, 
wie es der Eingang des „Ewigen 
Juden“ so drastisch schildert und der 
Fortgang des fragmentarischen Gedichts 
selber dann kundtut: ein ganz unwill¬ 
kürliches dichterisches Schaffen, von 
dem Goethe noch in „Dichtung und 
Wahrheit“ sagt, auch er habe für so 
entstandene Poesien eine besondere Ehr¬ 
furcht gehabt, „weil ich mich doch un¬ 
gefähr gegen dieselben verhielt wie die 
Henne gegen die Küchlein, die sie aus¬ 
gebrütet um sich her piepsen sieht“. 
Auch sonst hat Goethe bis in sein hohes 
Alter die Macht des Unbewußten in 

10) Croce, II carattere lirico dell’arte in 
Saggi filosoficl Bd. 1 und Breviario di Este- 
tica 44 f. 


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501 


Zeitschriften- und Bücherschau 


502 


allem geistigen Schaffen hervorgeho¬ 
ben, aber doch auch, etwa zur selben 
Zeit als er jene Stelle in „Dichtung und 
Wahrheit" schrieb, in den Noten zum 
Westöstlichen Divan u ) ernstlich von der 
„Besonnenheit“ gesprochen, die von 
dem Dichter gefordert werde, um die 
Form einer Dichtung ihrem Stoff und 
Gehalt anzupassen. 

Was Parinellis Ästhetik besonders 
eigentümlich von der Croces unter¬ 
scheidet, ist ein mystisch metaphysi¬ 
sches Element, auf das er selber in 
einer ausführlichen Besprechung der 
Esletica hingewiesen hat 12 ), und das 
auch in seinen Vorlesungen wieder und 
wieder hervortritt. Am Schluß des 
Stückes über Gottfried Keller heißt der 
Himmel die Heimat der Kunst, und zu 
Beginn der Vorlesung über Goethes Ly¬ 
rik sagt Farinelli in der einleitenden 


Gesamtcharakteristik, ein lyrisches Ge¬ 
dicht sei un grido della coscienza dell' 
individuo, e un grido della diuinitä 
stessa che 6 entrata in quella coscienza. 
Goethes lebendigstes Schaffen ist ihm 
eben von einer divina frenesia aufgeregt. 

So ist die Erläuterung deutscher 
Poesie Farinelli auch noch Anlaß zur 
Darlegung seiner ästhetischen Grund¬ 
überzeugungen geworden. Außer Car- 
lyle in seinen jungen Jahren hat ge¬ 
wiß kein Ausländer in seinem Lande 
so eifrig hingegeben und warm für die 
Kenntnis und Würdigung deutscher Li¬ 
teratur gewirkt wie Farinelli in Ita¬ 
lien. Wie dem Schotten sind wir 
auch ihm zu ernstlichem Dank ver¬ 
pflichtet; das Vagliami il lungo studio, 
das Dante seinem Virgil zuruft, sollte 
ein deutscher Leser aus diesem Buche 
auch ungesagt zu vernehmen glauben. 


Zeitschriften- und Bücherschau. 


Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft. 

Aus der „Zeitschrift für Ästhetik 
und allgemeine Kunstwissenschaft“ 
hebe ich zunächst den Nachruf, den E. Utitz 
Georg Simmel als Philosophen der Kunst 
widmet, heraus. 1 ) Er läßt den Verstorbenen 
zwar zum guten Teil mit dessen eigenen 
Worten sprechen, doch fügt er das in durch¬ 
aus selbständiger Weise zu eignem Bilde, 
aus dem Simmels Persönlichkeit greifbar 
herausschaut. Erzeigt, wie Simmels ganzes 
Philosophieren aus dem Leben hervorwächst, 
wie es sogar einen spezifisch modernen Tick 
hat. Aus dieser Verwurzelung im Leben 
werden dann einige, für Simmel besonders 
charakteristische Züge, wie seine Vorliebe 
für das Prinzip der Beseeltheit, hergeleitet. 
Besonders an den Büchern über Rembrandt 
und Goethe wird Simmels kunstphilosophi¬ 
sche Eigenart beleuchtet. 

Kurt Theodor*) macht in seinem Auf¬ 
satz über die Darstellung auf der Fläche 
den Versuch, den Beziehungen zwischen 
der Fläche u nd den dargestellten Erschei- 

11) „Eingeschaltetes". 

12) Studien zur vergleich. Literaturgesch. 
Bd. 3, S. 382 f. 

1) Zeitschr. für Ästhetik, Bd. XIV, S. 1—41. 

2) Ebenda Bd. XV, Heft 2, S. 129. 


nungen nachzugehen und ihre ästhetische 
Bedeutung zu erweisen. Er kommt dabei 
am Schlüsse zu einer Festlegung des Be¬ 
griffs des „Malerischen“ als der „Beziehung 
zwischen körperlicher und flächenhafter An¬ 
schauungssynthese, ihres Gegensatzes und 
ihres Ausgleichs"; dagegen bezeichnet der 
Begriff des „Plastischen“ das „Verhältnis 
zwischen Körperform und Seele“. Wil¬ 
helm Wätzo'd 1 ) geht der Begründung 
der deutschen Kunstwissenschaft durch Joh. 
Friedr. Christ und Winckelmann nach. An 
Christ wird außer seiner Lexikographie seine 
philologische Methode gerühmt, es wird 
seine Cranachmonographie besprochen, so¬ 
dann seine Sammlungen gewürdigt. Vor 
allem, daß er ein künstlerisch empfinden¬ 
der Mensch war, hat weitergewirkt, wohl 
nur indirekt auch auf Winckelmann, der erst 
„aus Stoffsammlung Geschichtschreibung 
machte“. Von Winckelmann heißt es, daß er 
dem deutschen Geist ein neues Organ, Kunst 
zu fühlen, gegeben habe; er führte die 
Welt der Kunst in unsere Nationalbildung 
ein. Eine kurze bedeutsame Charakteristik 
und ein Lebensabriß machen den Haupt¬ 
teil der Arbeit aus. 

3) Ebenda S. 165. 


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503 


Zeitschriften- und Bücherschau 


Eine wertvolle Untersuchung über das 
Problem der anschaulichen Gestaltung in 
der Lyrik bietet W. Scherrer 4 5 ) Er nimmt 
eine poetische Anschaulichkeit an, die ein¬ 
deutig bestimmt ist durch die rhythmisch- 
melodische Wirkung, die innerlich gespro¬ 
chenen Versen innewohnt. Ändert sich 
dieser akustisch-motorische Komplex, die 
Schallform, so ändert sich zugleich der 
Eindruck der Anschaulichkeit. Damit wird 
der Begriff der „Anschaulichkeit" allerdings 
vom gewöhnlichen, visuellen Gebrauch ent¬ 
fernt; gibt man das zu, wird man viel In¬ 
teressantes in den folgenden Ausführungen 
finden. — In einer Untersuchung über eine 
sehr merkwürdige Linie in den Arbeiten 
von Kindern setzt G. Fr. Muth 6 ) seine For¬ 
schungen über Kinderzierkunst fort. Er hat 
nämlich bei Durchmusterung kindlicher 
Tellerverzierungen eine gewisse einfache, 
gleichmäßig zwischen äußerem und inne¬ 
rem Tellerrand verlaufende, in sich zurück¬ 
kehrende Linie gefunden, die sich in allen 
Altersstufen erhält. M. Bukofzer") nimmt 
in seiner Abhandlung „Vom Erleben des 
Gesangstons“ vom Standpunkt des Arztes 
Stellung zu einer ästhetischen Frage, und 
will dabei diemannigfache seelische Verwur¬ 
zelung des Singens und des Gesanghörens 
aufdecken. Als besonders wichtig erscheint 
ihm dabei die „endotaktile Gehörsinterpre¬ 
tation“, das heißt die das Erlebnis verstär- 
kendeNachahmungstendenzund realeNach- 
ahmungsbewegung. 

Von den zahlreichen, in Buchform er¬ 
schienenen Werken über Ästhetik und ver¬ 
wandte Gebiete erscheint mir die „Grund¬ 
legung der allgemeinen Kunstwis¬ 
senschaft“ 7 ) von Emil Utitz als die 
wichtigste Leistung. Dieses Werk, dessen 
erster Band bereits 1914 erschienen ist, hat 
mit dem zweiten Bande nunmehr seinen 
Abschluß gefunden. Der neue Band glie¬ 
dert sich in drei Kapitel: 1. Das Kunstwerk, 
2. Der Künstler und 3. Die Kunst. — Im 
ersten Teil wird die Frage nach der „Ge¬ 
genständlichkeit“ des Kunstwerks auf¬ 
gerollt. Für diese werden fünf Prinzipien 
aufgestellt: Material, Kunstverhalten, Dar¬ 

4) Archiv für die ges. Psychologie XI. Bd. 
Heft 3 und 4. 

5) Zeitschr. für angew. Psychol. 1S20. 

6) Passow und Schäfers Beiträge zur 
Anatomie, Physiologie, Pathologie und 
Therapie des Ohres, der Nase und des Hal¬ 
ses XV. 

7) Stuttgart, Verlag F. Enke. 


504 


stellungsweise, Darstellungswert, Seins¬ 
schicht. — Den Hauptteil nehmen die Un¬ 
tersuchungen über das Wesen des Künst¬ 
lers ein. Das künstlerische Schaffen zum 
Fundament der ganzen Kunstwissenschaft 
zu machen, hält Utitz mit Recht für ein un¬ 
angängiges Verfahren. Um das Wesen des 
Künstlers zu ergründen, wirft Utitz die 
Frage auf, welche allgemein menschliche 
Anlage für die „Gestaltung auf Kunster¬ 
leben“ er zeige. Utitz setzt dabei das 
künstlerische Schaffen in Beziehung zu 
Klatsch und Lüge, da auch dies Bewußt¬ 
seinsformen sind, in deren Struktur ein Er¬ 
leben abströmt; der Unterschied liegt in 
der Stellung zum Gegenstände und in der 
Befreiung von ihm. Wie Geschmack und 
Technik hinzutreten, wird in besonderem 
Kapitel behandelt*, die Bedeutung der „In¬ 
spiration“ und der verstandesmäßigen Ar¬ 
beit gegeneinander abgewogen, der Unter¬ 
schied zwischen Talent und Genie bestimmt. 
Im letzten Abschnitt „Die Kunst“ rückt das 
Problem des Wertes in den Gesichtskreis 
des Buches. Es handelt sich dabei wesent¬ 
lich um die theoretische Aufgabe, die Be¬ 
deutung der Kunst und eines Kunstwerks 
zu erkennen und allenfalls um die prakti¬ 
sche, zum „richtigen“ Erleben der Kunst 
und des Kunstwerks anzuleiten. Ober das 
Problem des Wertes der Kunst überhaupt 
kommt Utitz zu dem Problem der Kunst¬ 
erziehung, ferner wird der Ursprung der 
Kunst behandelt, die Frage nach der Kunst¬ 
entwicklung und die damit zusammenhän¬ 
genden Streitfragen. — Ich kann an dieser 
Stelle natürlich nur ganz kurz den reichen 
Inhalt des Werkes skizzieren, das mit star¬ 
ker kritischer Begabung und mit trefflicher 
Kenntnis der Literatur alle Fragen umsich¬ 
tig erörtert. Es bietet durchaus, was es 
verspricht, einen wertvollen Unterbau für 
die Wissenschaft, deren Grundlegung in 
systematischer Form es beabsichtigte. 

Eine wertvolle Untersuchung ist auch 
J. Volkelts Buch über „Das ästhetische 
Bewußtsein“.*) Es ist eine Ergänzung 
zu des Verfassers mehrbändigem System 
der Ästhetik. Es beginnt mit dem Problem 
der ästhetischen Gegenständlichkeit und 
stellt dann in die Mitte eine eingehende 
Erörterung des „Einfühlungsbegriffs", wobei 
gegen mehrere andersdenkende neuere 
Autoren Volkelt seine eigene Meinung aus- 


8) München 1920, C. H. Becksche Ver¬ 
lagsbuchhandlung. 



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505 


Zeitschriften- und Bücherschau 


506 


führlich verteidigt. Es werden beide Sei¬ 
ten des Einfühlungsbegriffs: das Schlicht- 
Gegenständliche wie die Ichbeteiligung 
scharf gegeneinander abgegrenzt, und zwar 
werden zu diesem Zwecke die beiden Be¬ 
griffe der „Gestaltqualität“ und des „Impli- 
cite-Bewußten" eingeführt. So gelangt 
Volkelt auch zu einer neuen Charakterisie¬ 
rung der ästhetischen Gegebenheit, die 
nicht „Illusion“ ist und doch als „Schein“ 
charakterisiert werden darf, zugleich hoch- 
entwickelt und grundnaiv sei. Mit einem 
Abschnitt über die Mitwahrnehmung und die 
Phantasie im ästhetischen Erleben schließt 
die umsichtige und eindringende Arbeit ab. 

Von Spezialuntersuchungen zu einzelnen 
Künsten hebe ich die gründliche und das 
schwierige Problem von allen Seiten, vor 
allem mit Hilfe der modernsten Psycho¬ 
logie in Angriff nehmende Arbeit: „Der 
romantische Charakter“ von Fritz 
Giese 9 ) hervor. Bisher liegt allerdings nur 
der erste Band vor, der das „Androgynen- 
problem“ behandelt. Mit außerordentlicher 
Belesenheit werden zunächst die vorroman¬ 
tischen Theorien über die Psychologie von 
Mann und Weib dargelegt, bis dann die 
spezifisch-romantischen Gedanken und Le¬ 
bensformen entwickelt werden. Da der 
Autor nicht bloß literarhistorisch, sondern 
auch in der neusten Psychopathologie und 
Psychoanalyse wohlbewandert ist, vermag 
er in der Tat ganz neue Streiflichter auf 
die interessanten Fragen zu werfen. 

Aus dem Nachlaß des verstorbenen Schul¬ 
manns Friedrich Lippold 10 ) haben seine 
Schüler .Bausteine zu einer Ästhetik der 
inneren Form“ herausgegeben. Es handelt 
sich dabei vorläufig um die programmati¬ 
sche Grundlegung einer Kunstlehre, die 
weniger theoretischen als pädagogisch-prak¬ 
tischen Charakters ist. Indem Lippold den 
Goethischen Begriff der „inneren Form“ in 
den Mittelpunkt des Kunsterlebens stellt, 
will er ein Verfahren gewinnen, um das 
Kunsterleben zu höchster Vertiefung und 
Steigerung zu bringen. Dies Verfahren be¬ 
steht in der Anfertigung von „Stimmungs¬ 
berichten“. Leider bringt der bisher vor¬ 
liegende Band ausschließlich theoretisch- 
programmatische Erörterungen, während die 
praktisch ausgeführten Stimmungsberichte 
in einem zweiten Band nachfolgen sollen. 

9) Langensalza 1920, Wendt & Klawells 
Verlag. 

10) München 1920, C. B. Becksche Ver¬ 
lagsbuchhandlung. 



Man wird ein wirkliches Urteil erst dann 
formen können, wenn die Stimmungsbe¬ 
richte selbst vorliegen; denn die Probe auf 
ein Programm ist erst die Ausführung. 

Für die psychologische Erforschung des 
Kunstschaffens ist sehr interessant eine 
Sammlung „psychopathologischer Doku¬ 
mente“, die Karl Birnbaum“) heraus¬ 
gibt und die aus den Tagebüchern, Briefen 
und andern Berichten mannigfaches Mate¬ 
rial für die Kenntnis seltsamer Seelenzu¬ 
stände schöpferischer Menschen Zusammen¬ 
tragen. Das Buch, durch ausführliche Lite- 
raturangaben bereichert, kann ein sehr 
praktisches Nachschlagebuch werden. 

Unter dem Titel „Der Dichter und das 
All“ stellt Julius Kühn“) drei Aufsätze 
zusammen, die, von einzelnen Dichtern, 
Stifter, W. v. Scholz, Werfel, ausgehend, in 
feinsinniger Weise zu allgemeinen Proble¬ 
men hinstreben. Bei Stifter wird das Ver¬ 
hältnis des Dichters zur Zeit, bei Scholz das 
Verhältnis des Dichters zum Raum, bei 
Werfel das Verhältnis des Dichters zu Gott 
behandelt. Alle drei Studien sind geist¬ 
volle Analysen, die zum Teil große Schön¬ 
heiten aufdecken. 

Ein interessantes Problem aus dem Ge¬ 
biet der bildenden Kunst schlägt Hans 
Lorenz Stoltenberg“) in seinem Büch¬ 
lein „Reine Farbkunst in Raum und Zeit 
und ihr Verhältnis zur Tonkunst“ an. Das 
Ziel ist sozusagen die Schaffung einer „ab¬ 
soluten Farbenmusik“, die nicht bloß das 
Nebeneinander der Farben, sondern wo¬ 
möglich auch ihr Nacheinander zu Kunst¬ 
wirkungen zu bringen hätte. Er bejaht 
bedingungslos die Möglichkeit sowohl einer 
Farbraumkunst wie einer Farbzeitkunst und 
behandelt ausführlich das Verhältnis von 
Farbkunst zur Tonkunst. Ein Abschnitt 
über Farbspielzeuge schließt das Büchlein 
ab und läßt erhoffen, daß der Verfasser 
seine Ideen auch praktisch verwerten wird, 
wozu die Entwicklung des Kinomatogra¬ 
phen vielleicht ungeahnte Möglichkeiten er¬ 
öffnet. Das auch sprachlich originelle Buch 
kann lebhaftes Interesse erwecken. 

Wenig gefunden habe ich dagegen in 
einem aus dem Englischen übersetzten 
Buche von Edwin Swift Balch und Eu¬ 
genia Macfarlane Balch, „Kunst und 
Mensch, ve rgleichende Kunststudien 

11) 1920, Julius Springers Verlag. 

12) Gotha 1920, Riemannsche flofbuch- 
handlung. 

13) Leipzig 1920, Verlag Unesma. 


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507 


Nachrichten und Mitteilungen 


508 


(Deutsch von Erwin Volkmann)“.“) Die 
Verfasser scheinen sich zwar ziemlich viel¬ 
seitig mit allerlei Kunsifragen beschäftigt 
und sich besonders in primitiver Kunst um¬ 
gesehen zu haben, aber diese Beschäftigung 
ist doch recht oberflächlich geblieben. Je¬ 
denfalls entspricht es nicht den Anforde¬ 
rungen, die wir in Deutschland an Methode 
und Stoffbeherrschung stellen. Es werden 
zwar eine Menge von Themen angeschla¬ 
gen, aber nirgends dringt die Darstellung, 
trotz des Bemühens, möglichst verschieden¬ 
artige Kunst heranzuziehen, in die Tiefe. 
Wir haben in Deutschland bereits seit vie¬ 
len Jahren Werke, die, wie Grosses „An¬ 
fänge der Kunst“ oder Wundts „Völker¬ 
psychologie“, um nur ein paar der bekann¬ 
testen zu nennen, die Probleme in ganz 


anderen Tiefen packen und doch auch dem 
Laien zugänglich sind. Es soll nicht ge¬ 
leugnet werden, daß der Verfasser allerlei 
Ideen hat, die, gründlicher durchgedacht, 
bereichernd wirken können, aber in der 
Hauptsache war dieses Buch keine Not¬ 
wendigkeit für uns. 

Zum Abschluß sei noch kurz ein Werk 
erwähnt, das zwar nicht der Kunst aus¬ 
schließlich gewidmet ist, das aber in inter¬ 
essanter Weise versteht, die gegenwärtige 
Kunst und Dichtung in große Zusammen¬ 
hänge hineinzustellen. Ich meine das treff¬ 
liche Buch „Das Weltbild der Gegen¬ 
wart““) von T. K. Oesterreich, das auf 
schmalem Raum wirklich einen außerordent¬ 
lich weiten Horizont übersehbar macht. 

Richard Müller-Freienfels. 


Nachrichten und Mitteilungen. 


AltbulgarUche Kunst. 

Bulgariens seit 1912 nur auf kurze Zeit 
unterbrochener Befreiungskampf, der die 
nationale Einigung des Volkes abschließen 
sollte, hat durch den Zusammenbruch der 
bulgarischen Front in Mazedonien im Sep¬ 
tember 1918 einen unglücklichen Ausgang 
genommen. Nun muß sich das Königreich 
mit einem kleineren Territorium begnügen, 
als es vor seinem Eintritt in den Weltkrieg 
besaß, und Tausende von Volksgenossen 
bleiben außerhalb der Grenzen des ver¬ 
krüppelten Nationalstaates. Ihm sind wie 
uns die Wafien aus der Hand geschlagen, 
und es bietet sich keine Aussicht, mit Ge¬ 
walt eine Genesung der Verhältnisse her¬ 
beizuführen. Da ist es anerkennenswert, 
daß Bulgarien sich sofort bemüht, seine 
Lebensrechte auf anderen, friedlichen We¬ 
gen nachzuweisen. Trotz der Ungunst der 
äußeren Verhältnisse ist es einem rührigen 
Komitee von bulgarischen Künstlern und 
Gelehrten gelungen, das Werk des Direk¬ 
tors vom Nationalmuseum in Sofia Bogdan 
D. Filow über „Altbulgarische Kunst“ in 
der Schweiz zur Drucklegung zu bringen. 1 ) 
Es ist in deutscher Sprache geschrieben. 
Um so mehr erscheint es geboten, bei uns 
einem weiteren Publikum von ihm Kennt¬ 
nis zu geben. Es ist auch wünschenswert, 

14) Würzburg 1919, Memminger. 

1) Altbulgarische Kunst. Mit 58 Tafeln 
und 72 Abb. im Text. Bern 1919, Verlag 
von Paul Haupt. Akademische Buchhand¬ 
lung vorm. Max Drechsel. 


daß nach der Erkaltung der politischen Be¬ 
ziehungen zwischen den beiden Ländern 
seit dem bulgarischen Waffenstillstand we¬ 
nigstens die wissenschaftliche Annäherung 
bestehen bleibt. 

Der Verfasser geht stets von einer rein 
sachlichen Problemstellung aus, und wenn 
es ihm nicht gelingt, auf alle Fragen eine 
endgültige Antwort zu geben, so liegt das 
nicht an seinem Mangel an Scharfsinn, son¬ 
dern an der hpute notwendigerweise noch 
unvollständigen Kenntnis und Untersuchung 
der Denkmäler. Filow betont überhaupt, 
daß es ihm viel weniger auf die endgül¬ 
tige Feststellung des Entwicklungsganges 
in der bulgarischen Kunst ankäme, als auf 
eine erste Sammlung der Hauptzeugnisse 
und ihre Mitteilung an die westeuropäische, 
im besonderen deutsche kunstgeschichtliche 
Forschung. Daß dieser alle Mittel einer 
kritischen Stellungnahme an die Hand ge¬ 
geben werden, dafür sorgen die überaus 
reichen Illustrationen des Werkes von her¬ 
vorragender Ausführung. 

Es ist nidit der Zweck dieser Zeilen, das 
Werk in allen seinen Einzelheiten kunst- 
historisch zu würdigen, das überstiege die 
Zuständigkeit ihres Verfassers. Nur einige 
Hauptthesen von allgemeingeschichtlicher 
Bedeutung sollen herausgegriffen werden. 

Die Zeit unserer Interesselosigkeit für 
Herkunft und Entwicklungsgang des bul¬ 
garischen Volkes ist mit dem Weltkrieg 

15) Berlin 1920, E. S. Mittler & Sohn. 






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Nachrichten und Mitteilungen 510 


wohl endgültig vorüber. Nicht nur deut¬ 
sche Forscher wie Dietrich Schäfer, Otto 
Hoetzsch und Ulrich v. Wilamowitz-Moel- 
lendorff haben uns durch Aufsätze belehrt, 
sondern auch Bulgaren haben sich in deut¬ 
scher Sprache an uns gewandt. Ich er¬ 
innere an die Werke von V. Antonoff, 
»Bulgarien vom Beginn seines staatlichen 
Bestandes bis auf unsere Tage (679—1917)“ 
und von W. N. Slatarski, und N. Staneff, 
„Die Geschichte der Bulgaren“, 2 Bde. 

Da erfuhren wir denn, daß die Bulgaren 
ein den Finnen verwandter asiatischer Volks¬ 
stamm mit unbekannter Urheimat sind, daß 
sie aber im 6. nachchristl. Jahrhundert in 
Rußland an der Wolga (Bulgari < Wolgari) 
wohnten, von wo aus sie im folgenden 
Jahrhundert nach Süden aufbrachen, um 
679 unter ihrem König Asparuch die Donau 
zu überschreiten und in der Dobrudscha 
einen Staat zu gründen, der sich später 
immer weiter nach Süden und Westen aus¬ 
dehnte und als erstes bulgarisches Reich 
unter Zar Simeon 888—927 seine höchste 
Blüte erlebte. Die alten Bulgaren sollen 
dabei dem neuen Staatswesen nur den Na¬ 
men und die kriegerischen Eigenschaften 
seiner Einwohner verliehen haben, während 
sie kulturell in sehr kurzer Zeit von für 
uns namenlosen slawischen Völkern assi¬ 
miliert wurden, die unmittelbar vor ihnen 
(und nach den West- und Ostgoten) von 
Rußland her in die Balkanhalbinsel ein¬ 
gewandert waren und mit denen sie sich 
auch bald völkisch verschmolzen. Diese 
Darstellung wird von Filow in einem wich¬ 
tigen Punkte auf Grund der kunsthistori- 
Oberlieferung bestritten. 

Die ältesten Kunstdenkmäler Bulgariens 
aus der Zeit nach 679 finden sich in der 
Nähe des Dorfes Aboba (im nord- öst¬ 
lichen Bulgarien), wo die alte bulgarische 
Hauptstadt Pliska lag; später im 9. Jahr¬ 
hundert wurde sie nach Preslaw (eben¬ 
falls im nord-östlichen Bulgarien) verlegt. 
Unmittelbar ist von den Zarenburgen an 
diesen alten Stätten nichts vorhanden. Je¬ 
doch haben Ausgrabungen ihre riesige Aus¬ 
dehnung gelehrt und weisen auf die Gro߬ 
artigkeit der Anlagen hin. Auch die Bau¬ 
technik ist eine völlig eigentümliche. Wäh¬ 
rend die altchristlichen Basiliken des 4.-7. 
Jahrhunderts, die sich auch auf bulgarischem 
Boden befanden, rein aus Backsteinen auf¬ 
geführt wurden, sind die Paläste in Pliska 
und Preslaw aus mächtigen, geschickt zu- 
sammengefüglen Steinquadern erbaut wor¬ 


den. Die geringen ornamentalen Reste, die 
sich von ihnen und verwandten gleichzei¬ 
tigen Bauten erhalten haben, weisen deut¬ 
lich auf orientalischen Einfluß hin. Am 
schlagendsten ist dieser an dem Ornament 
eines Marmorkapitäls aus Stara Zagora 
(7.-8. Jahrhundert) zu erkennen, das einen 
von einem Greif angegriffenen Elefanten 
darstellt. Der stark deformierte Körper des 
Elefanten, aber die deutliche Ausprägung 
des Rüssels zeigen, daß dem Künstler für 
die alte ornamentale Form die unmittel¬ 
bare Anschauung fehlte. Filow glaubt auf 
Grund dieser stilistischen Eigentümlichkei¬ 
ten ihrer Bauten und deren Ornamentik 
den alten Bulgaren schon bei ihrem ersten 
Auftreten auf dem Balkan einp „selbstän¬ 
dige“ und „hochentwickelte“ Kultur zu¬ 
weisen zu können. Er leugnet ihre kultu¬ 
relle Aufsaugung durch die slawischen, 
früher eingewanderten Bevölkerungsteile; 
„im Gegenteil, wenn die Bulgaren diese 
stark zersplitterte Bevölkerung so leicht in 
einem mächtigen Staate vereinigen konn¬ 
ten, haben sie dies nicht nur ihrer besseren 
staatlichen Organisation, sondern auch ihrer 
höher entwickelten materiellen Kultur, wie 
sie uns in den altbulgarischen Bauten ent¬ 
gegentritt, zu verdanken.“ (S. 4.) Wie es 
schon Filow selbst ablehnt, die neue Tech¬ 
nik des Quaderbaues als bulgarische Lei¬ 
stung in Anspruch zu nehmen, sondern da¬ 
für weitere Forschungen fordert, so bleibt 
doch bei aller Anerkennung der Selbstän¬ 
digkeit und Eigentümlichkeit der Kunst des 
ersten bulgarischen Reiches die Tatsache 
der slawischen Sprache des Volkes be¬ 
stehen. Würden die alten Bulgaren, wenn 
ihre kulturelle Überlegenheit über die Sla¬ 
wen wirklich so groß gewesen wäre, nicht 
vor allem ihre Sprache bewahrt haben? 

Die kunstgeschichtlichen Dokumente, die 
Filow beigebracht hat, beweisen zwar mit 
voller Deutlichkeit, daß die alten Bulgaren 
vom Orient über Rußland nicht als rein 
kriegerisches Raubvolk, sondern mit be¬ 
stimmten Kulturüberlieferungen gekommen 
sind, die sich noch geraume Zeit erhiel¬ 
ten — das ist die wichtige Korrektur, die 
die bisherigen Anschauungen erfahren —; 
gegen den kulturellen Einschmelzungs¬ 
prozeß durch die Slawen ist damit aber 
noch nichts bewiesen, wenn man sich die¬ 
sen auch nicht mehr als allzu schnell vor¬ 
stellen darf. Übrigens ist diese Frage für 
die bulgarische Kunst von viel minderer 
Bedeutung als für die bulgarische Literatur 


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Nachrichten und Mitteilungen 


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Denn für jene traten in der Folgezeit viel¬ 
mehr die byzantinischen Einflüsse entschei¬ 
dend hervor. 

Für die Begriffsbestimmung der byzanti¬ 
nischen Kunst äußert Filow Gedanken, 
denen vielleicht einmal weiter nachzugehen 
wäre. Er meint, daß man sich die empiri¬ 
sche Auswirkung des byzantinischen Stiles 
nicht etwa so vorstellen dürfe, als seien 
die Meisterwerke griechisch-byzantinischer 
Künstler überall sonst nur roh und unvoll¬ 
kommen nachgeahmt worden, als sei die¬ 
ser Stil eine rein national-byzantinische 
Schöpfung; er s